die hellsten köpfe sagen „fickgesicht“ und nicht „hinterfotziges arschloch“

felix schwenzel,    

nachdem vor ein paar tagen matthias matussek meinte, dass in den USA alles besser sei, vor allem das fernsehen, als in deutschland, hat jetzt jan fleischhauer in das gleiche horn gestossen. matussek deutete an, dass er in der daily show bestimmt nicht beleidigt worden wäre, weil dort „profis“ und „könner“ arbeiteten, statt dumpfbacken wie krömer:

Ich empfehle dringend, sich andere Late-Nights reinzuziehen, Formate wie die Daily Show mit Jon Stewart, die besonders die junge Zielgruppe binden - die sind tatsächlich unterhaltsam und intelligent, ohne „Arschloch“ und Puff-Witze.

Warum? Weil hier von Könnern und Profis an Pointen gearbeitet wird und an Recherchen über die Gäste, statt auf Momente des Fremdschämens zu hoffen. Weil Gespräche geführt werden, mal mehr, mal weniger geistreich, statt den Mob grölen zu lassen.

genauso wie matussek greift jan fleischhauer auf spiegel online die RBB-intendantin dagmar reim an, dass sie jemanden wie krömer ungestraft fernsehen machen lässt und stellt jon stewart als leuchtendes beispiel der intelligenten und professionellen fernsehunterhaltung dar:

In den USA ist die Late-Night-Show eine Gattung, die mit Rücksicht auf die vorgerückte Stunde nur die hellsten Köpfe beschäftigt. Die traurige Wahrheit ist hierzulande, dass jemand wie die RBB-Intendantin Reim Jon Stewart für einen 1993 verstorbenen Schauspieler hält und "Late Night" für eine Erfindung von Hans-Joachim Kulenkampff.

jon stewart nennt donald trump fuckface von clownstick

fuckface von clownstick

statt jemanden „hinterfotziges arschloch“ zu nennen, hat jon stewart kürzlich donald trump „fickgesicht“ („fuckface von clownstick“) genannt. na gut, die „könner“ und „profis“ der daily-show-redaktion hatten „recherchiert“, dass das donald trumps geburtsname sei. was nicht stimmt, aber irre witzig ist. viel witziger als puffwitze.

im märz nannte stewart den amerikanischen kongress, also das amerikanische parlament „verfickt inkompetent“ („fucking incompetent“) und suggerierte, dass dessen angehörige lieber rumwichsen würden als den amerikanern zu helfen („We’re the ones blacking out, while they’re all still jerking off“).

in einem sehr berühmtgewordenen gespräch in der mittlerweile abgesetzten CNN-sendung „crossfire“ (wikipedia dazu), nannte stewart einen der moderatoren „pimmel“, „arsch“ oder „schlappschwanz“, je nachdem wie man das wort dick übersetzen möchte.

offizielles portrait von lindsey graham von 2006

lindsey graham

in einer sendung im august des letzten jahres, nannte er einen idioten völlig zu recht ebenfalls „dick“, und nahm in der einleitung zu dieser gekonnten und professionellen pointe gleich noch einen senator wegen seines aussehens aufs korn; er deutet an, dass der senator lindsey graham, der sich wohl vehement gegen gleichberechtigung für schwule und lesben aussprach, wie eine „mittelalte lesbe“ aussehe und fragte sich ob lindsey nicht ein mädchenname sei.

was ich mit diesen bespielen eigentlich nur sagen will, was aber auch jeder der die daily show auch nur einmal gesehen hat auf anhieb erkennt: jon stewart und seine „Könner und Profis“ agieren gerne und aggressiv unter der gürtellinie. stewarts sendung piept ständig, weil sein lieblingswort „verfickt“ („fuck“, „fucking“, „fucker“, „fuckface“) nicht ungepiept über den sender gehen darf.

jon stewart als flätigen und gesitteten gegenpol zu kurt krömer darzustellen ist leider ein ausweis von völliger ahnungslosigkeit. sicherlich ist jon stewart furchtbar schlau, professionell und witzig und kann grandios interview führen (hier eine sendung in der es vornehmlich um fürze geht). aber er beleidigt menschen auch furchtbar gerne. meistens zu recht, wobei das ja auch ne geschmacksfrage ist, wer zu recht und wer zu unrecht beleidigt wird.

aber apropos professionalität; die beiden großkopferten vom spiegel bekleckern sich bei ihren angriffen auf kurt krömer und dagmar reim nicht gerade mit professionalität: der eine geht, ganz der profi, in eine sendung die er noch nie gesehen hat und von der er nichts weiss. der andere liest bei seinem kollegen, dass jon stewart ein kluger, professioneller saubermann sei und reicht das ungeprüft an die spiegel-online-leser weiter. das wirkt zwar meinungsstark, aber leider auch merkbefreit und peinlich.

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nochmal jan fleischauer:

Nur wer in der Gremienwelt der ARD großgeworden ist, kann es als Ausweis von Humor verstehen, wenn ein Moderator in seiner Sendung möglichst oft das Wort "Arsch" unterbringt, ältere Frauen fragt, warum sie nicht schon tot sind, ihnen dann einen Plastikeimer zwischen die Beine hält, um "alles abtropfen zu lassen", und sich anschließend das Mikro als Penisersatz vor den Hosenlatz klemmt.

ich fands witzig, auch ohne in der gremienwelt der ARD grossgeworden zu sein. und auch die behandlung von mary roos war nicht nur witzig, sondern trotz der kräftigen sprache, durchaus respekt- und sorgenvoll.

ich fand es früher™ auch witzig, dass harald schmidt in schmidteinander nicht nur einen „fotzibär“ hatte, sondern auch einmal norbert blüm rudi carell einlud der sich einen eimer wasser über den kopf schüttete und dann wieder die sendung verliess. oder dass schmidt sich nicht an absprachen mit seinen interviewpartnern hielt und die in der sendung zur weissglut trieb. ich finde auch craig ferguson irre witzig, den manche — völlig zu recht — als klügsten showmenschen im amerikanischen fernsehen bezeichnen. matussek und fleischhauer würden aber die professionalität, witzigkeit und klugheit von craig ferguson niemals bemerken, weil sie die sendung schon in der standup-sektion abschalten würden. ferguson kommt dort niemals ohne mindestens einen penis-, lesben-sitzreihen-witz oder billige sexualle anspielungen und anmerkungen zu seinen angeblich erregten brustwarzen aus. craig ferguson kaspert voll auf kurt-krömer-niveau herum, teilweise minutenlang unter der gürtellinie.

dem niveau der diskussion die matussek und fleischhauer hier anzuschieben versuchen, wäre enorm geholfen, wenn sie einsehen würden, dass es verschiedene arten von humor gibt und geben muss. und dass nicht ihr humor — oder genauer, seine abwesenheit — das mass der dinge ist.

ikea kann nach 7 monaten keine verbrauchsteile mehr liefern

felix schwenzel,    

nyttig fil 558

kurzversion: die ikea aktivkohlefilter nyttig fil 558 für die aus dem sortiment genommene abzugshaube luftig BF325 kann man mit [amazon-werbelink] elektrolux filtern des typ 303 ersetzen.

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im dezember haben wir bei ikea eine neue küche gekauft. eigentlich soll man die aktivkohlefilter der küchenabzugshaube ja alle 4 monate austauschen (immerhin kosten die jeweils 15 euro und unsere „LUFTIG BF325“ braucht zwei davon), aber wir haben einfach gewartet bis der filter so voll war, dass nichts mehr durchging. nach 7 monaten war es soweit.

bei ikea erfuhren wir dann am wochenende, dass ikea unsere „luftig“ abzugshaube, sowie die benötigten aktivkohlefilter „NYTTIG FIL 558“ aus dem sortiment genommen hat. in diesem strang des offiziellen ikea-community-dings lässt eine mitarbeiterin verlauten:

… leider gibt es keine Ersatzfilter für die Dunstabzugshaube. Aktuell gibt es jedoch noch geringe Restbestände des NYTTIG Filters in den Einrichtungshäusern Berlin-Tempelhof, Chemnitz und Regensburg.

Liebe Grüße
Dein hej Team

das ist schon erstaunlich; wie will man bei ikea eigentlich die 5 jahre garantie die auf das gerät gewährt werden einhalten, wenn ein ersatzteil das alle 4 monate ausgetauscht werden soll, nicht mehr lieferbar ist? eigentlich sollte man die scheisse das gerät ausbauen und bei ikea vor die tür kippen den garantiefall anmelden. defakto ist das gerät so bereits nach sieben monaten im arsch unbrauchbar. kaputt. müllreif. von lieblosen grosseinkaufs-anzugträgern weggespart oder sortiments-optimiert. anzugsträger, die sich im marketing-modus per du an einen ranwanzen, aber ansonsten bei ihrer profitmaximierung öffentlich auf die kunschaft scheissen pfeiffen.

ikea und die beifahrerin (und ich) waren mal gute freunde. unser verhältnis ist jetzt aber ernsthaft getrübt. sagt die beifahrerin, die leider sehr nachtragend ist.

in australien wird die alte luftig-abzugshaube BF325 und ihr nuttiger filter 558 erstaunlicherweise noch verkauft.

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mit etwas suchmaschinenbedienung lässt sich übrigens razusfinden, dass die LUFTIG BF325 wohl von elektrolux gebaut wurde und sich dort elektrolux kohlefilter des typ 303 einsetzen lassen. bei amazon kann man die dann für preise von bis zu €134,00 kaufen. aber eben auch für [amazon-werbelink] knapp 14 euro. das ist in etwa der ikea-originalpreis. am samstag habe ich zwei stück davon bestellt und tatsächlich passen die filter problemlos in unsere abzugshaube.

rss-leseranzahl steigt ohne den google reader

felix schwenzel,    

monatliche anzahl besucher vom august 2011 bis zum juli 2013

monatliche anzahl besucher vom august 2011 bis zum juli 2013

monatliche anzahl RSS-leser vom november 2012 bis zum juli 2013

monatliche anzahl RSS-leser vom november 2012 bis zum juli 2013

das sind laut piwik die monatlichen besucherzahlen dieser website bis ende juli 2013 (siehe auch hier). man sieht dass die monatlichen besucherzahlen um die 28tausend herumschwenzeln, was eine recht mikrige zahl von knapp 900 websitebesuchern pro tag macht. per RSS liest nochmal die gleiche anzahl leser mit.

die anzahl der rss-leser (so erfasse ich die) hat im juni erstmal über 30tausend erreicht. die abschaltung des google readers hat also keinesfalls zu einem rückgang der RSS-nutzung geführt. zumindest nicht hier.

bezahlschranken überall

felix schwenzel,    

vor acht tagen gefiel mir ein kostenlos lesbarer artikel auf süddeuschte.de so gut, dass ich dafür etwas bezahlen wollte. eine bezahl- oder spenden-funktion fand ich auf der seite der süddeustchen zeitung nicht. die süddeutsche bietet zwar print- und digitalabos und jede menge apps (ituneslink) an, aber eine möglichkeit einzelne artikel zu bezahlen, oder der redaktion einfach geld zukommen zu lassen habe ich nicht gefunden.

ich habe dann zwar noch eine möglichket gefunden für den artikel zu bezahlen, indem ich das (papier) sz-magazin für exakt zwei euro bestellt habe, in dem der artikel ursprünglich erschien. das finde ich super günstig, zumal in den zwei euro auch das porto für die unnütze papier-lieferung enthalten ist. ausserdem bin ich jetzt „registriert“, wofür ich sogar eine dankes-email erhielt:

Sehr geehrter Herr Schwenzel,
vielen Dank für Ihre Registrierung bei Süddeutsche Zeitung Shop!

kurz darauf bedankte man sich erneut bei mir:

Sehr geehrter Herr Schwenzel,
vielen Dank für Ihre Bestellung im Süddeutsche Zeitung Shop.

bei fragen könne ich mich auch gerne an den kundenservice wenden. da ich eine frage hatte, bedankte ich mich also auch und fragte:

vielen dank für die promte bestätigung.
können sie mir die rechnung auch gleich per email schicken?
ich zahle dann auch gleich.

darauf bekam ich eine handgeschriebene email zurück, in der sich eine sehr freundliche dame auch zuerst bedankte und mir schrieb:

Sehr geehrter Herr Schwenzel,

vielen Dank für Ihre Nachricht.

Gern senden wir Ihnen die Rechnung per Mail, sobald diese erstellt wurde.

Sollten Sie noch Fragen haben, stehen wir Ihnen gern zur Verfügung.

mir brannte die frage warum der magazin-kauf die einzige abo- und app-freie methode für süddeutsche-zeitungs-inhalte zu zahlen sei dann doch zu sehr unter den fingern, also fragte ich:

ja, ich habe noch eine frage. das sz-magazin habe ich gekauft, weil es keine andere möglichkeit gab für die reportage von michael obert etwas zu zahlen. und ich unbedingt etwas für die geschichte zahlen wollte.
http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/40203/

jetzt kommt die frage: gibt es keine andere möglichkeit (freiwillig) für artikel aus der sz oder dem sz-magazin die online zu lesen sind zu bezahlen, als ein heft zu kaufen? vor allem ohne ein abo abzuschliessen? wenn nein, warum nicht?

die handgeschriebene antwort der sehr freundlichen dame dauerte diesmal ungefähr einen tag und fing, natürlich, so an:

Sehr geehrter Herr Schwenzel,

vielen Dank für Ihre Nachricht.

die antwort selbst war etwas unbefriedigend. die sehr freundliche dame erklärte mir, dass die gesamte zeitungsbranche derzeit im wandel sei und dass mein wunsch, nur für die inhalte die ich lesen wollte zu zahlen, sicherlich auch irgendwann einmal möglich sein werde und derzeit in der verlagswelt ausgiebig diskutiert werde. sie wies mich darauf hin, dass die verlagswelt sich derzeit frage, ob man sich bei einem solchen bezahlmodell dann überhaupt noch leisten könne eine zeitung zu produzieren und ob dann vielleicht nur noch artikel die massentauglich seien veröffentlicht würden. das alles müsse bei meiner fragen berücksichtigt werden.

obwohl mich die sehr freundliche dame abschliessend (wieder) darauf hinwies, dass ich ihr gerne noch mehr fragen stellen könnte, liess ich das mal so stehen. ich hatte ja nur 2 euro bezahlt und kein abo abgeschlossen und wollte nicht nerven.

ich wies sie also nicht darauf hin, dass es mir nicht darum gehe nur noch für sachen zu zahlen die mir gefallen (wo kämen wir denn dahin wenn jeder nur noch für sachen die ihm gefallen geld ausgibt?), sondern dass ich überhaupt zahlen können wollte ohne mich gleich an die süddeutsche zeitung zu binden.

ich weiss natürlich, dass eine mitarbeiterin des sz-shops nicht für den verlag der süddeutschen zeitung sprechen kann, aber ich fürchte beinahe, dass das was sie mir schrob doch genau der mentalität der deutschen verlage entspricht.

wenn es nach denen geht, sollen die leser statt der angeblichen kostenloskultur nachzugehen, die die verlage derzeit anbieten, mit jedem einzelnen verlag abonnements abschliessen. da ich regelmässig die zeit, den spiegel, diverse heise-magazine, die brandeins, den guardian, die new york times, die FAZ, die wired und ca. 200 andere verlagserzeugnisse lese wären das pi mal daumen 211 abonnements die ich abschliessen müsste.

man kann die absurdität dieses abo-gedankens in einer digitalen welt, in der ich zugriff auf jedes erdenkliche verlagserzeugnis der welt haben kann, eigentlich kinderleicht erkennen — nur konsequenzen scheint in der verlagswelt niemand zu ziehen. stattdessen werden weiterhin abo-modelle als das nächste grosse ding gepriesen. die welt ist stolz auf 47 tausend (oder so) digital abonnenten, die bild verkauft ihr plus auch nur als abo. bei der FAZ habe ich (neben abos) nur die möglichkeit einzelne artikel zu apothekenpreisen um die zwei euro zu kaufen oder gar nichts bezahlen zu können. wenn ich wollte, könnte ich allerdings „rechte“ erwerben.

ich will das alles nicht. ich will keine abos abschliessen, ich will keine rechte erwerben, ich will nach dem bezahlen kein papier geliefert bekommen. ich will einfach für etwas das ich schätze, das mir empfohlen worden ist oder über dass ich im netz gestolpert bin bezahlen können. das muss auch nicht die einzige methode sein, aber mir erscheint sie im moment logisch und verständlich. warum ist die taz die einzige zeitung die das anbietet? haben die verlage wirklich angst vor der abonnement-kanibalisierung durch microzahlungen für einzelartikel? sind es die technischen schwierigkeiten? ist es furcht vor dem misserfolg? glaubt niemand, ausser jeff bezos, dass man millionen durch die verehrung von lousy pennies scheffeln könne?

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das sz-magazin kam einen tag nach der bestellung per post, die rechnung zwei tage später. und heute, 10 tage nach meiner bestellung habe ich die dritte handgeschrieben email der sehr freundlichen mitarbeiterin des sz-shops erhalten, die mich darauf hinwies, dass ich die rechnung jetzt per email erhalten habe. menschen die mal freundlich behandelt werden möchten, kann ich nur empfehlen im shop der süddeutschen einkaufen zu gehen.

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bild von joschmaltz cc lizensiert by-nc-sa

antworten auf fragen die niemand stellt

felix schwenzel,    

irgendeiner deiner facebookfreunde hat sich gerade irgendwo angemeldet

ich glaube das ist eine der herausragenden qualitäten des internets; dass es fragen beantwortet, die niemand stellt und die oft auch niemanden interessieren. zum beispiel: wer steckt eigentlich hinter peer steinbrück? oder genauer, hinter peersteinbrueck?

eins ist sicher: nicht pete souza, der das flickr-konto des weissen hauses füllt. aber zur beruhigung: das instadings von barack obama ist auch kreuzöde.

ix bin ein pferdemädchen

felix schwenzel,    

ich mochte pferde schon als kind. und pferde zu reiten fand ich, möglicherweise auch wegen des fernsehens, total faszinierend. wahrscheinlich ist das auch so ein kindliches machtdings: auf einer kreatur sitzen und bestimmen wo es langgeht. wie autofahren; hier sitze ich und mache mir die technik oder das pferd untertan.

meine ersten versuche mit diesem machtdings waren nicht besonders erfolgreich. ich muss so um die 6 oder 7 jahre alt gewesen sein, als mich mein vater auf einer nordseeinsel auf meinen ausdrücklichen wunsch auf ein mietpony setzte und das pony mit mir auf dem rücken am strand entlangführte. ich fand das nach einer weile ein bisschen langweilig und war der festen überzeugung das biest unter mir auch ohne seine hand am halfter beherrschen zu können. was sollte auch so schwer sein am reiten? gas gibt man indem man die beine zusammendrückt, wenn man den zügel recht zieht, geht das pony rechts, zug am zügel nach links lenkt nach links und an beiden zügeln ziehen bringt das pony zum stillstand. das wusste ich bereits als kind — wie alle anderen kinder auch.

also bat ich meinen vater inständig, die hand vom ponygeschirr zu nehmen und mir die steuerung zu überlassen. als er losliess schritt das pony folgsam weiter an seiner seite geradeaus. aber auch das wurde mir nach einer weile zu langweilig und ich gab ein bisschen gas. erstaunlicherweise funktionierte das super. aus dem schritt beschleunigte das pony übergangslos in den galopp. mit mir oben drauf. ich war der könig der nordsee. als ich meinen vater von hinten irgendwas rufen hörte, versuchte ich zu bremsen. aber die bremse war offenbar kaputt. das pony galopierte einfach weiter. so ein galopp ist ziemlich rüttelig. ich hopse von hoch und runter auf dem pferderücken und da meine beine, ich war ja noch ein kind, zu kurz waren um richtig guten halt auf dem pony zu finden, wandelte sich meine aufrechte position lansam in eine seitliche position. ich rutschte den sattel langsam zur linken seite herab. als meine stellung etwa 20 vor 12 zum ponyhals entsprach, entschied ich mich mich fallen zu lassen. sobald ich den ponyrücken verlassen hatte, funktionierte die bremse des pony plötzlich. es hielt an, drehte um um galoppierte nach einer kurzen gedenksekunde zurück zum stall. ohne mich.

* * *

als ich 12 jahre alt war zwang mich meine mutter mir einen sport auszusuchen dem ich künftig wöchentlich nachgehen sollte. judo hatte ich nach zwei jahren, dem gelben gürtel und meinem ersten verlorenen wettkampf gerade aufgegeben. das training war anstrengend, die ansprüche des trainers hoch. ich wollte künftig einem etwas weniger anstrengenden und frustrierendem sport nachgehen. einen, wo man sich nicht von stärkeren auf den boden drücken lassen oder anstrengendes konditionstraining durchstehen musste. einen, wo man sich wie ein könig fühlen konnte. also sagte ich meiner mutter, dass ich reiten lernen möchte.

leider war das dann doch ziemlich anstrengend, weil ich jede woche 10 kilometer von zuhause zu einem reiterhof mit dem fahrrad fahren musste. die reitstunden fand ich eher langweilig, machte das aber regelmässig für die nächsten drei oder vier jahre. ich lernte lenken, gas geben und bremsen auf störischen, abgestumpften gäulen, aber auch auf hypersensiblen pferden, die auf die kleinsten hilfen reagierten. ich lernte fliegende galoppwechsel, lernte wie man bei pferden den rückwärtsgang einlegt und später sogar, wie man auf einem pferd über hindernisse springt. nur eines habe ich in all den jahren reitunterricht nie gemacht, ausserhalb der reithalle oder des reitplatzes „auszureiten“.

mit sechzehn jahren schaffte ich es aus dem „du musst aber irgendeinen sport machen“-programm meiner mutter auszusteigen. ich glaube es half, dass meine schulischen leistungen miserabel waren und ich so tat als würde ich dann die schule als sportliche herausforderung annehmen. ich glaube das war die zeit, in der ich zum ersten mal nicht versetzt werden sollte und mich auf meine erste nachprüfung vorbereitete. ich sass dann auch sehr lange nicht mehr auf einem pferd, aber meine schulischen leistungen wurden trotzdem nicht besser. ich blieb noch zweimal sitzen¹ und interessierte mich mehr oder weniger nicht mehr für pferde bis ich 18 jahre alt war.

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strand in washington state, anno 1994

strand in washington state, anno 1994

zwei bilder von stränden in washington state anno 1994

irgendwann im sommer, während ich als austauschschüler in den USA war, war ich auf einem ausflug mit ein paar anderen austauschschülern irgendwo an der küste von washington (dem bundesstaat). dort gibt es wunderschöne urwüchsige strände. und an einem dieser strände konnte man sich pferde stundenweise mieten. wir waren glaube ich zu fünft und liehen uns alle ein pferd. ungefähr 5 minuten lang ritten wir gemeinsam den strand entlang, bis vier der pferde keine lust mehr darauf hatten den strand entlang zu reiten. die pferde hatten sich offenbar entschlossen, dass sie zurück zu ihrem stall am strand wollten. und ihre vier reiter hatten offenbar nicht die fähigkeiten das zu verhindern.

ich fand, dass die mangelnden reiterischen fähigkeiten meiner kollegen mich nicht davon abhalten sollten meine volle mietzeit auszukosten und ritt weiter den strand entlang. das war in der tat genauso toll wie ich mir das beim betrachten von malboro-werbung immer vorgestellt hatte. in amerika! am strand! entlanggaloppieren! mit einer fluppe im mund!

für diese halbe oder ganze stunde am pazifik-strand hatten sich die vielen jahre reituntericht, die stundenlangen anfahrten mit dem fahrrad und später mit dem bus zum reitstall gelohnt. so pathetisch sich das anhört, so genoss ich diese augenblicke. dieser ausritt am gehört zu meinen zwanzig lieblingserinnerungen.

ich vermute — und fürchte — dass die hoffnung auf genausolche augenblicke auch der grund für viele menschen ist, sich schnelle autos, cabrios, motoräder oder motorboote zu kaufen. aber auf einem pferd ist es glaube ich besonders befriedigend, weil es nicht ohne weiteres willig ist, wie ein auto oder ein boot. um ein pferd zu beherrschen braucht man einen tacken mehr know-how. einem computer übrigens nicht ganz unähnlich.

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  • pferde sind übrigens sehr, sehr schwer. ich weiss das, weil mal eins auf meinem fuss gestanden hat
  • wenn pferde sich aufregen, pupsen sie
  • sporen darf man erst nach ein paar jahren erfahrung benutzen, eine kleine peitsche (gerte) von der ersten reitstunde an
  • mit pferden kann man tatsächlich reden, teilweise hören sie sehr aufmerksam zu was man gut an ihren ohren sehen kann — man darf nur keine antworten erwarten
  • ich kann pferde auf 200 meter abstand riechen — wenn der wind nicht zu ungünstig steht

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es gibt zum thema ponyhof eine „blogparade“ von anne schüssler. siehe auch rivva.

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1) insgesamt bin ich dreimal sitzengeblieben, ahbe aber zweimal trotzdem versetzt worden, weil ich die nachprüfung in französisch schaffte. beim dritten mal durfte ich keine nachprüfung machen, weil ich mehrere sechsen auf meinem versetzungszeugnis hatte.