bezahlschranken überall

felix schwenzel,    

vor acht tagen gefiel mir ein kostenlos lesbarer artikel auf süddeuschte.de so gut, dass ich dafür etwas bezahlen wollte. eine bezahl- oder spenden-funktion fand ich auf der seite der süddeustchen zeitung nicht. die süddeutsche bietet zwar print- und digitalabos und jede menge apps (ituneslink) an, aber eine möglichkeit einzelne artikel zu bezahlen, oder der redaktion einfach geld zukommen zu lassen habe ich nicht gefunden.

ich habe dann zwar noch eine möglichket gefunden für den artikel zu bezahlen, indem ich das (papier) sz-magazin für exakt zwei euro bestellt habe, in dem der artikel ursprünglich erschien. das finde ich super günstig, zumal in den zwei euro auch das porto für die unnütze papier-lieferung enthalten ist. ausserdem bin ich jetzt „registriert“, wofür ich sogar eine dankes-email erhielt:

Sehr geehrter Herr Schwenzel,
vielen Dank für Ihre Registrierung bei Süddeutsche Zeitung Shop!

kurz darauf bedankte man sich erneut bei mir:

Sehr geehrter Herr Schwenzel,
vielen Dank für Ihre Bestellung im Süddeutsche Zeitung Shop.

bei fragen könne ich mich auch gerne an den kundenservice wenden. da ich eine frage hatte, bedankte ich mich also auch und fragte:

vielen dank für die promte bestätigung.
können sie mir die rechnung auch gleich per email schicken?
ich zahle dann auch gleich.

darauf bekam ich eine handgeschriebene email zurück, in der sich eine sehr freundliche dame auch zuerst bedankte und mir schrieb:

Sehr geehrter Herr Schwenzel,

vielen Dank für Ihre Nachricht.

Gern senden wir Ihnen die Rechnung per Mail, sobald diese erstellt wurde.

Sollten Sie noch Fragen haben, stehen wir Ihnen gern zur Verfügung.

mir brannte die frage warum der magazin-kauf die einzige abo- und app-freie methode für süddeutsche-zeitungs-inhalte zu zahlen sei dann doch zu sehr unter den fingern, also fragte ich:

ja, ich habe noch eine frage. das sz-magazin habe ich gekauft, weil es keine andere möglichkeit gab für die reportage von michael obert etwas zu zahlen. und ich unbedingt etwas für die geschichte zahlen wollte.
http://sz-magazin.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/40203/

jetzt kommt die frage: gibt es keine andere möglichkeit (freiwillig) für artikel aus der sz oder dem sz-magazin die online zu lesen sind zu bezahlen, als ein heft zu kaufen? vor allem ohne ein abo abzuschliessen? wenn nein, warum nicht?

die handgeschriebene antwort der sehr freundlichen dame dauerte diesmal ungefähr einen tag und fing, natürlich, so an:

Sehr geehrter Herr Schwenzel,

vielen Dank für Ihre Nachricht.

die antwort selbst war etwas unbefriedigend. die sehr freundliche dame erklärte mir, dass die gesamte zeitungsbranche derzeit im wandel sei und dass mein wunsch, nur für die inhalte die ich lesen wollte zu zahlen, sicherlich auch irgendwann einmal möglich sein werde und derzeit in der verlagswelt ausgiebig diskutiert werde. sie wies mich darauf hin, dass die verlagswelt sich derzeit frage, ob man sich bei einem solchen bezahlmodell dann überhaupt noch leisten könne eine zeitung zu produzieren und ob dann vielleicht nur noch artikel die massentauglich seien veröffentlicht würden. das alles müsse bei meiner fragen berücksichtigt werden.

obwohl mich die sehr freundliche dame abschliessend (wieder) darauf hinwies, dass ich ihr gerne noch mehr fragen stellen könnte, liess ich das mal so stehen. ich hatte ja nur 2 euro bezahlt und kein abo abgeschlossen und wollte nicht nerven.

ich wies sie also nicht darauf hin, dass es mir nicht darum gehe nur noch für sachen zu zahlen die mir gefallen (wo kämen wir denn dahin wenn jeder nur noch für sachen die ihm gefallen geld ausgibt?), sondern dass ich überhaupt zahlen können wollte ohne mich gleich an die süddeutsche zeitung zu binden.

ich weiss natürlich, dass eine mitarbeiterin des sz-shops nicht für den verlag der süddeutschen zeitung sprechen kann, aber ich fürchte beinahe, dass das was sie mir schrob doch genau der mentalität der deutschen verlage entspricht.

wenn es nach denen geht, sollen die leser statt der angeblichen kostenloskultur nachzugehen, die die verlage derzeit anbieten, mit jedem einzelnen verlag abonnements abschliessen. da ich regelmässig die zeit, den spiegel, diverse heise-magazine, die brandeins, den guardian, die new york times, die FAZ, die wired und ca. 200 andere verlagserzeugnisse lese wären das pi mal daumen 211 abonnements die ich abschliessen müsste.

man kann die absurdität dieses abo-gedankens in einer digitalen welt, in der ich zugriff auf jedes erdenkliche verlagserzeugnis der welt haben kann, eigentlich kinderleicht erkennen — nur konsequenzen scheint in der verlagswelt niemand zu ziehen. stattdessen werden weiterhin abo-modelle als das nächste grosse ding gepriesen. die welt ist stolz auf 47 tausend (oder so) digital abonnenten, die bild verkauft ihr plus auch nur als abo. bei der FAZ habe ich (neben abos) nur die möglichkeit einzelne artikel zu apothekenpreisen um die zwei euro zu kaufen oder gar nichts bezahlen zu können. wenn ich wollte, könnte ich allerdings „rechte“ erwerben.

ich will das alles nicht. ich will keine abos abschliessen, ich will keine rechte erwerben, ich will nach dem bezahlen kein papier geliefert bekommen. ich will einfach für etwas das ich schätze, das mir empfohlen worden ist oder über dass ich im netz gestolpert bin bezahlen können. das muss auch nicht die einzige methode sein, aber mir erscheint sie im moment logisch und verständlich. warum ist die taz die einzige zeitung die das anbietet? haben die verlage wirklich angst vor der abonnement-kanibalisierung durch microzahlungen für einzelartikel? sind es die technischen schwierigkeiten? ist es furcht vor dem misserfolg? glaubt niemand, ausser jeff bezos, dass man millionen durch die verehrung von lousy pennies scheffeln könne?

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das sz-magazin kam einen tag nach der bestellung per post, die rechnung zwei tage später. und heute, 10 tage nach meiner bestellung habe ich die dritte handgeschrieben email der sehr freundlichen mitarbeiterin des sz-shops erhalten, die mich darauf hinwies, dass ich die rechnung jetzt per email erhalten habe. menschen die mal freundlich behandelt werden möchten, kann ich nur empfehlen im shop der süddeutschen einkaufen zu gehen.

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bild von joschmaltz cc lizensiert by-nc-sa

antworten auf fragen die niemand stellt

felix schwenzel,    

irgendeiner deiner facebookfreunde hat sich gerade irgendwo angemeldet

ich glaube das ist eine der herausragenden qualitäten des internets; dass es fragen beantwortet, die niemand stellt und die oft auch niemanden interessieren. zum beispiel: wer steckt eigentlich hinter peer steinbrück? oder genauer, hinter peersteinbrueck?

eins ist sicher: nicht pete souza, der das flickr-konto des weissen hauses füllt. aber zur beruhigung: das instadings von barack obama ist auch kreuzöde.

ix bin ein pferdemädchen

felix schwenzel,    

ich mochte pferde schon als kind. und pferde zu reiten fand ich, möglicherweise auch wegen des fernsehens, total faszinierend. wahrscheinlich ist das auch so ein kindliches machtdings: auf einer kreatur sitzen und bestimmen wo es langgeht. wie autofahren; hier sitze ich und mache mir die technik oder das pferd untertan.

meine ersten versuche mit diesem machtdings waren nicht besonders erfolgreich. ich muss so um die 6 oder 7 jahre alt gewesen sein, als mich mein vater auf einer nordseeinsel auf meinen ausdrücklichen wunsch auf ein mietpony setzte und das pony mit mir auf dem rücken am strand entlangführte. ich fand das nach einer weile ein bisschen langweilig und war der festen überzeugung das biest unter mir auch ohne seine hand am halfter beherrschen zu können. was sollte auch so schwer sein am reiten? gas gibt man indem man die beine zusammendrückt, wenn man den zügel recht zieht, geht das pony rechts, zug am zügel nach links lenkt nach links und an beiden zügeln ziehen bringt das pony zum stillstand. das wusste ich bereits als kind — wie alle anderen kinder auch.

also bat ich meinen vater inständig, die hand vom ponygeschirr zu nehmen und mir die steuerung zu überlassen. als er losliess schritt das pony folgsam weiter an seiner seite geradeaus. aber auch das wurde mir nach einer weile zu langweilig und ich gab ein bisschen gas. erstaunlicherweise funktionierte das super. aus dem schritt beschleunigte das pony übergangslos in den galopp. mit mir oben drauf. ich war der könig der nordsee. als ich meinen vater von hinten irgendwas rufen hörte, versuchte ich zu bremsen. aber die bremse war offenbar kaputt. das pony galopierte einfach weiter. so ein galopp ist ziemlich rüttelig. ich hopse von hoch und runter auf dem pferderücken und da meine beine, ich war ja noch ein kind, zu kurz waren um richtig guten halt auf dem pony zu finden, wandelte sich meine aufrechte position lansam in eine seitliche position. ich rutschte den sattel langsam zur linken seite herab. als meine stellung etwa 20 vor 12 zum ponyhals entsprach, entschied ich mich mich fallen zu lassen. sobald ich den ponyrücken verlassen hatte, funktionierte die bremse des pony plötzlich. es hielt an, drehte um um galoppierte nach einer kurzen gedenksekunde zurück zum stall. ohne mich.

* * *

als ich 12 jahre alt war zwang mich meine mutter mir einen sport auszusuchen dem ich künftig wöchentlich nachgehen sollte. judo hatte ich nach zwei jahren, dem gelben gürtel und meinem ersten verlorenen wettkampf gerade aufgegeben. das training war anstrengend, die ansprüche des trainers hoch. ich wollte künftig einem etwas weniger anstrengenden und frustrierendem sport nachgehen. einen, wo man sich nicht von stärkeren auf den boden drücken lassen oder anstrengendes konditionstraining durchstehen musste. einen, wo man sich wie ein könig fühlen konnte. also sagte ich meiner mutter, dass ich reiten lernen möchte.

leider war das dann doch ziemlich anstrengend, weil ich jede woche 10 kilometer von zuhause zu einem reiterhof mit dem fahrrad fahren musste. die reitstunden fand ich eher langweilig, machte das aber regelmässig für die nächsten drei oder vier jahre. ich lernte lenken, gas geben und bremsen auf störischen, abgestumpften gäulen, aber auch auf hypersensiblen pferden, die auf die kleinsten hilfen reagierten. ich lernte fliegende galoppwechsel, lernte wie man bei pferden den rückwärtsgang einlegt und später sogar, wie man auf einem pferd über hindernisse springt. nur eines habe ich in all den jahren reitunterricht nie gemacht, ausserhalb der reithalle oder des reitplatzes „auszureiten“.

mit sechzehn jahren schaffte ich es aus dem „du musst aber irgendeinen sport machen“-programm meiner mutter auszusteigen. ich glaube es half, dass meine schulischen leistungen miserabel waren und ich so tat als würde ich dann die schule als sportliche herausforderung annehmen. ich glaube das war die zeit, in der ich zum ersten mal nicht versetzt werden sollte und mich auf meine erste nachprüfung vorbereitete. ich sass dann auch sehr lange nicht mehr auf einem pferd, aber meine schulischen leistungen wurden trotzdem nicht besser. ich blieb noch zweimal sitzen¹ und interessierte mich mehr oder weniger nicht mehr für pferde bis ich 18 jahre alt war.

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strand in washington state, anno 1994

strand in washington state, anno 1994

zwei bilder von stränden in washington state anno 1994

irgendwann im sommer, während ich als austauschschüler in den USA war, war ich auf einem ausflug mit ein paar anderen austauschschülern irgendwo an der küste von washington (dem bundesstaat). dort gibt es wunderschöne urwüchsige strände. und an einem dieser strände konnte man sich pferde stundenweise mieten. wir waren glaube ich zu fünft und liehen uns alle ein pferd. ungefähr 5 minuten lang ritten wir gemeinsam den strand entlang, bis vier der pferde keine lust mehr darauf hatten den strand entlang zu reiten. die pferde hatten sich offenbar entschlossen, dass sie zurück zu ihrem stall am strand wollten. und ihre vier reiter hatten offenbar nicht die fähigkeiten das zu verhindern.

ich fand, dass die mangelnden reiterischen fähigkeiten meiner kollegen mich nicht davon abhalten sollten meine volle mietzeit auszukosten und ritt weiter den strand entlang. das war in der tat genauso toll wie ich mir das beim betrachten von malboro-werbung immer vorgestellt hatte. in amerika! am strand! entlanggaloppieren! mit einer fluppe im mund!

für diese halbe oder ganze stunde am pazifik-strand hatten sich die vielen jahre reituntericht, die stundenlangen anfahrten mit dem fahrrad und später mit dem bus zum reitstall gelohnt. so pathetisch sich das anhört, so genoss ich diese augenblicke. dieser ausritt am gehört zu meinen zwanzig lieblingserinnerungen.

ich vermute — und fürchte — dass die hoffnung auf genausolche augenblicke auch der grund für viele menschen ist, sich schnelle autos, cabrios, motoräder oder motorboote zu kaufen. aber auf einem pferd ist es glaube ich besonders befriedigend, weil es nicht ohne weiteres willig ist, wie ein auto oder ein boot. um ein pferd zu beherrschen braucht man einen tacken mehr know-how. einem computer übrigens nicht ganz unähnlich.

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  • pferde sind übrigens sehr, sehr schwer. ich weiss das, weil mal eins auf meinem fuss gestanden hat
  • wenn pferde sich aufregen, pupsen sie
  • sporen darf man erst nach ein paar jahren erfahrung benutzen, eine kleine peitsche (gerte) von der ersten reitstunde an
  • mit pferden kann man tatsächlich reden, teilweise hören sie sehr aufmerksam zu was man gut an ihren ohren sehen kann — man darf nur keine antworten erwarten
  • ich kann pferde auf 200 meter abstand riechen — wenn der wind nicht zu ungünstig steht

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es gibt zum thema ponyhof eine „blogparade“ von anne schüssler. siehe auch rivva.

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1) insgesamt bin ich dreimal sitzengeblieben, ahbe aber zweimal trotzdem versetzt worden, weil ich die nachprüfung in französisch schaffte. beim dritten mal durfte ich keine nachprüfung machen, weil ich mehrere sechsen auf meinem versetzungszeugnis hatte.

„schnell, unbürokratisch und leistungsstark“ — demnächst vielleicht

felix schwenzel,    

ende juni, also vor knapp einem monat, stolperte ich über diesen artikel des VDZ vom 22. januar 2013: „Verteidige deine Presse!

darin stand unter anderem dieser bemerkenswerte satz:

Das LSR wird schnell, unbürokratisch und leistungsstark von den Verlagen umgesetzt werden und letztendlich zu mehr Konkurrenz und Innovation im Bereich der Suche und Aggregation führen.

einen monat vor dem inkrafttreten interessierte mich was damit wohl gemeint sein könnte und fragte den presskontakt des VDZ mit bezug auf den artikel vom januar folgendes:

anfang august tritt das LSR in kraft. wissen sie welche verlage ihre angebote bereits an das LSR angepasst haben, bzw. welche verlage das LSR bereits „umgesetzt“ haben?

was bedeutet „schnelle, unbürokratische und leistungsstarke“ umsetzung des LSR in der praxis?

falls sich anfang august noch nichts ändert, wann rechnen sie mit sichtbaren, fühlbaren oder innovativen änderungen bei deutschen verlagsangeboten - oder auf der anderen seite, im bereich der suche und der aggregation?

drei tage später versprach mir der presskontakt des VDZ, dass man sich dazu am nächsten tag bei mir melden würde. weitere drei tage später fragte ich nach, wann ich mit einer antwort rechnen könne. der presskontakt des VDZ antwortete einen tag später, dass er nun leider im urlaub sei, meine anfrage aber an einen kollegen weitergeleitet habe.

vorgestern schrieb ich beiden, dem presskontakt und seinem vertreter, dass ich mir jetzt so ungefähr vorstellen könnte, was der VDZ unter einer „schnellen, unbürokratischen und leistungsstarken" umsetzung in der praxis versteht, dass ich mich aber trotzdem über eine antwort auf meine fragen freuen würde.

* * *

morgen tritt das leistungsschutzrecht in kraft, nachdem es der VDZ-präsident hubert burda vor ziemlich genau vier jahren erstmals öffentlich lanciert hat. damals bezeichnete ich die forderung nach einem leistungsschutzrecht als „bigotte pfründenkeilerei“ und wunderte mich über die absurdität der verleger-forderung nach einem leistungsschutzrecht:

wie absurd diese forderung ist, erkennt man wenn man google mit einem kiosk vergleicht. in einem kiosk liegen hunderte zeitungen und zeitschriften aus („unsere teuer erstellten Inhalte“). das kiosk macht diese inhalte zugänglich und verkauft die medienerzeugnisse. die verleger gestehen dem kiosk sogar zu, einen teil des erlöses zu behalten. wenn ein kiosk nun ein besonders lukratives geschäftsmodell gefunden hat, zum beispiel indem neben den verlagserzeugnissen auch lotto-scheine, kaffee, belegte brötchen oder selbstgemachtes pesto verkauft werden, sollten die verleger dann auch an diesen erlösen beteiligt werden? schliesslich sind es doch die „teuer erstellten Inhalte“ die die menschenmassen in das kiosk treiben. oder?

jetzt wundere ich mich aber umso mehr, dass die verlegerverbände und die verleger auch nach vier jahren vorbereitungszeit so unvorbereitet vom leistungsschutzrecht getroffen wurden, dass sie ihre maximalforderungen noch für ein paar monate oder jahre auf eis legen und „vorerst“ auf ansprüche verzichten und sich weiterhin unentgeldlich bei google news auflisten lassen — oder wie hubert burda das damals nannte, sie lassen sich weiter „schleichend enteignen“.

aber ankündigungen beiseite, mich würde wirklich interessieren, wie sich die verleger die umsetzung vorstellen und wie sie glauben, dass diese umsetzung zu mehr konkurenz und innovation im bereich suche und aggregation führen könnte. vielleicht kann da mal jemand fragen, den die presskontakte beim VDZ ernst nehmen.

* * *

rivva hat jetzt seine snippets abgeschnitten. was ich nicht wirklich schlimm finde. snippets werden überbewertet, sowohl von den verlegern, als auch von den leistungsschutzgegnern. rivva funktioniert seit jeher auch ohne snippets: siehe @rivva. und erfreulich scheint mir auch, dass frank westphal ankündigt, dass es ein „neues rivva“ geben wird, das den schnippselverlust, so hofft er, zu kompensieren wisse. so hat das LSR also in gewissem sinne bereits zu innovation geführt.

ich wiederhole es ja schon seit vielen, vielen jahren: ich glaube dass einschränkungen, schranken, vorschriften die phantasie befügeln. allerdings meistens nicht in dem sinne, in dem sich die väter und mütter der vorschriften und schranken das vorstellen. die akademie der künste am pariser platz ist eine glaspalast geworden, obwohl die stadtplaner hunderte vorschriften formuliert hatten, die steinfassaden mit fensteröffnungen erzwingen sollten. günter behnisch sagte damals zu etwas ganz anderem: „das war die kunst: unter grossen zwängen etwas ungezwungenes zu bauen.“ (ix vor vier jahren über das gleiche thema)

die einschränkungen auf 140 zeichen oder 6 sekunden bei twitter oder vine beflügeln die kreativität und kommunikation von millionen menschen in zuvor unvorstellbarem ausmass. bändeweise steuervorschriften halten unternehmen wie apple, amazon oder starbucks nicht davon ab, mikrige bis keine steuersätzchen in den ländern in denen sie aktiv sind zu zahlen.

vorschriften kreativ zu umgehen oder zu umtänzeln ist der menschen liebstes hobby. und das lieblingsziel von CEOs. das mit dem leistungsschutzrecht wird noch für eine menge unhaltung sorgen.

aluhüte und scheinriesen

felix schwenzel,    

als ich eben diesen text in der taz las, in dem sebastian erb beschreibt wie die #StopWatchingUs-proteste von verschwörungstheoretikern und medienhassern mitgesurft wurden fiel mir sascha lobos tweet von mittwoch wieder ein:

Sascha Lobo

@saschalobo

"Google fotografiert bald Fassaden."
Volk: Apokalypse! Mindestens! –
"Ihr steht alle unter Totalüberwachung."
Volk: Oooh, ein Königsbaby.

ich glaube saschas tweet deutet genau auf das zentrale problem dass die netzgemeinde wir im internet haben (ich nenne „uns im internet“ im folgenden mal „wir“). und dieses problem ist nicht, dass die mehrheit der deutschen blöd ist, wie sascha oben andeutet, sondern dass die mehrheit der deutschen uns nicht versteht, uns die selbsternannten internet-versteher. abgesehen davon, dass ich das internet selbst schon länger nicht verstehe (mir wird das gerade alles zu kompliziert), fand ich das was mit grossen teilen von uns in den letzten wochen passiert ist bemerkenswert. ich habe an mir (und vielen anderen beobachtet), wie ich von einem verschwörungstheorien-skeptiker und jemandem der aluhüte paranoid und ansatzweise lächerlich fand, zu jemandem wurde der plötzlich sagt: huch, stimmt ja doch einiges von dem vor was die aluhüte jahrelang gewarnt haben.

das problem könnte aber sein, dass leute die ohne das technischen wissen, den erste-hand-erfahrungen mit blogs oder sozialen medien die wir jahrelang gesammelt haben, die snowden-enthüllungen im guardian, spiegel oder sonstwo ganz anders interpretieren — und eben nicht wie wir mit aluhutverständnis und -empathie reagieren, sondern uns jetzt als bekloppte verschwörungstheoretiker sehen — oder mindestens als aufbauscher und hysteriker.

wir sehen uns als rational, politisch, freiheitlich und liberal denkende warner in der wüste, schreiben uns die finger wund, reden mit unseren freunden, bekannten und verwandten oder laufen zu tausenden bei fast 40° durch die pralle sonne und wundern uns, warum alle vorbeilaufen oder mit den schultern zucken. so ging es den aluhüten jahrelang, jetzt geht es uns so.

* * *

ganz ehrlich, angesichts der monstrosität der vorwürfe die snowden und glenn greenwald vom guardian erhoben haben, aber vor allem angesichts der komplexität der materie, fällt es mir ungeheuer schwer das alles so zu verstehen, wie ich es gerne würde. anders gesagt, ich würde das gerne genauso skeptisch und rational betrachten wollen, wie ich alles andere in der welt skeptisch, mit distanz, ohne aktionismus oder hysterie betrachten und bewerten würde. dass das zur zeit nicht so ohne weiteres möglich ist, treibt mich beinahe zur verzweiflung.

ich habe immer gerne geglaubt, dass geheimdienste vor allem deshalb im geheimen werkeln, um ihre inkompetenz und unfähigkeit zu verbergen. das ist wie mit den scheinriesen. wenn sie weit weg sind (oder geheim) erscheinen sie monströs und furchtbar, je näher man ihnen kommt (oder je mehr man über sie erfährt), desto kleiner und normaler erscheinen sie einem. das was man in den letzten jahren über den deutschen verfassungsschutz der presse entnehmen durfte, scheint diese theorie zu untermauern.

geheimdienste sind vor allem deshalb effektiv, weil sie es — wie ihre gegenspieler — schaffen, angst und schrecken zu verbreiten. sie statuieren exempel um ihre macht zu demonstrieren und ihre bürokratische struktur, ihre strukturellen schwächen und ihre oftmals völlig inkompetenten führungssrukturen und arbeitsweisen zu verschleiern. das funktioniert bei der polizei, bzw. dem strassenverkehr übrigens nicht anders; es gibt autofahrer die fahren aus einsicht und vernunft mit der vorgeschrieben maximalgeschwindigkeit, es gibt autofahrer die sich an das tempolimit halten, weil sie angst haben erwischt zu werden und es gibt autofahrer die wissen, dass die überwachung lückenhaft und ineffektiv ist und das dann eben ausnutzen und durch die gegend rasen.

in wahrheit hinkt der vergleich natürlich, so wie alle vergleiche mit dem strassenverkehr hinken. trotzdem: wenn man überlegt, wie einfach heutzutage bereits eine zuverlässige, flächendeckende überwachung technisch umzusetzen wäre. wenn die strafverfolgungsbehörden beispielsweise auf die daten der mautbrücken auf den autobahnen zugreifen könnten, könnte man wahrscheinlich 90% aller geschwindgkeitsverstösse auf autobahnen ahnden. das will aber keiner, aus einem ganz einfachen grund:

in deutschland ist das auto eine heilige kuh, nicht das internet. autofahrer möchte kein politiker überwachen oder effektiv, zum beispiel mit einem allgemeinen tempolimit, am töten von mitmenschen hindern. solche vorhaben zur einschränkung der freiheit von autofahrern sind für deutsche politiker stets sehr schmerzhaft und werden von politikern gemieden wie weihwasser.

das es in deutschland andere heilige kühe als das internet gibt, ist übrigens auch die antwort auf sascha lobos verzweifelten tweet oben. niemand (ausser ein paar millionen freaks) liebt das internet, niemand versteht es und vor allem weiss niemand, dass er mittlerweile auch im internet ist, wenn er gar nicht im internet ist. das eigene auto, das eigene haus ist wo sich das leben des durchschnittsdeutschen gefühlt abspielt.

ich bin vom thema abgekommen. ich würde gerne weiterhin denken, dass die geheimdienste dieser welt insgesammt irre ineffektiv sind und nur deshalb angst und schrecken verbreiten, weil sie gelegentlich grossen schaden anrichten und exempel statuieren. ganz im sinne von josef joffe:

Versuche nie durch Konspiration zu erklären, was auf Chaos oder Inkompetenz zurückgeführt werden muss.

aber angesichts der technischen und rechtlichen möglichkeiten derer sich die geheimdienste offenbar in den letzten jahren bedienen konnten, fällt mir das in den letzten wochen zunehmend schwer.

vielleicht ist es keine schlechte idee, nochmal ganz grundsätztlich über überwachung nachzudenken. ohne die konzentration aufs internet. maniac hat das, finde ich, ziemlich gut gemacht:

youtube-video

direkt youtube-link

zucchini-haselnuss-salat

felix schwenzel,    

heute auf dem markt haben wir unseren hinterherziehwagen wieder mit gemüse und gedöns vollgemacht. jeden samstag denke ich, das kriegen wir im laufe der woche nie aufgegessen und dann ist am nächsten samstag doch immer der kühlschrank leer.

ich erzähle ja jedem der mich fragt wie uns der wedding so gefällt, wie begeistert ich von den einkaufsmöglichkeiten bin. mein liebstes beispiel ist die petersilie. in hamburg hatten wir, wie ich finde, einen sehr brauchbaren wochenmarkt auf dem man sachen vom grossmarkt, aber auch viele aus eigenem anbau kaufen konnte. die (glatte) petersilie vom bauern war meistens ein bisschen dürre und weich, die vom gemüsestand der offenbar auf dem grossmarkt einkauft, kräftiger und grüner. für einen euro bekam man an beiden ständen eine handvoll petersilie.

im wedding gibts die gleichen wahlmöglichkeiten: offenkundig selbst angebaute, etwas blasse, weiche oder kräftige, durchgedüngte petersilie vom grossmarkt. nur die mengen unterscheiden sich von denen in hamburg signifikant. für einen euro oder weniger bekommt man meistens einen halben petersilienbusch. die petersilientüte im kühlschrank belegt bei uns meistens ein halbes fach.

aber auch die beschaffung von exotischen zutaten ist dank der türkischen und asiatischen einkaufsmöglichkeiten in etwa so einfach wie eine bestellung in einem restaurant. was der vinh-loi nicht hat, hat dann mindestens der bolu. oder umgekehrt.

* * *

was ich aber eigentlich sagen wollte, seit wir im wedding wohnen ist das nachkochen der meisten ottolenghi-rezepte extrem einfach geworden. seitdem mir ein sehr freundlicher mensch tim mälzers greenbox geschenkt hat, stehen mälzer und ottolenghi ständig im wettstreit. derzeit führt ottolenghi. was er in seinen rezepten kombiniert ist zwar meistens wenig komplex, aber immer alles andere als naheliegend. die zubereitung ist meistens idiotensicher und das was rauskommt immer überraschend lecker. das gilt allerdings auch für viele rezepte aus mälzers greenbox.

heute gabs aber ottolenghi: zucchini-haselnuss-salat (mit spagetti-resten von vorgestern):

zuccini-haselnuss-salat (mit spagetti-reste-essen)

die zutatenliste ist übersichtlich:

  • 50 g geschälte haselnüsse oder cobnuts (ich hab ungeschälte benutzt)
  • 7 kleine zucchini (800 g) in 1 cm breite scheiben geschnitten
  • 4 EL olivenöl
  • salz und pfeffer
  • 1 TL balsamico essig (ich hab mehr genommen)
  • 30 g grüne und rote basilikumblätter (ich hab grüne aus dem supermarkt-basilikum-topf genommen)
  • 80 g parmesan
  • 2 TL haselnussöl (WTF?)

ottolenghi meint man solle die haselnüsse im backofen rösten und die zucchini auf einer fast glühenden grillpfanne braten, ich hab einfach unseren teflon beschichteten, wok-artigen topf heiss gemacht, dort erst die haselnüsse erhitzt bis sie (fast) qualmten und danach die zucchini mit etwas öl gebräunt. nach 5 minuten fand ich sie ausreichend röstig und habe sie mit den zerquetschten haselnüssen, öl und (etwas mehr) essig in eine schale zum auskühlen gekippt. nach 15 minuten waren die zucchinis kühl genug, dass ich auch die basilikumblätter untermischen konnte. auf dem teller die zucchini noch mit gehobeltem und zerbröseltem parmesan eindecken (80 g sind fast zuviel), fertig.

obwohl das rezept wirklich einfach ist, merkte die beifahrerin gleich achtmal hintereinander an, wie „hmm“ das schmecken würde. und vermutete, dass es mit haselnussöl vielleicht noch toller schmecken würde.

(siehe auch bulgurpilaw nach ottolenghi oder diese mit tim mälzer verschlagworteten artikel)

martensteins verdauung

felix schwenzel,    

über stefan niggemeiers vg-wort-tirade bin ich mal wieder auf ein martenstein-video gestossen. früher hat martenstein das ja regelmässig auf watch-berlin gemacht. da sass er immer in der küche und erzählte irgendwas. das war manchmal witzig, manchmal nicht, aber ich habe es mir regelmässig angesehen. jetzt sitzt er im treppenhaus:

youtube-video

direkt youtube-link

damals, zu watch-berlin-zeiten, habe ich auch ein buch mit gesammelten kolumnen von ihm gelesen, an das ich mich etwas besser als seine videos erinnere. ich fand das buch irre witzig und toll. ich fand eine von martensteins kolumnen sogar vor etwa einem monat witzig. damals schrieb ich:

wenn martenstein nicht über politik und korrektheit schreibt, sondern aus seinem badezimmer berichtet, ist er richtig witzig.

wenn man ihn über politik reden hört, eben über etwas dem nachdenklichkeit, abstraktionsvermögen und distanz gut täten, dann wirds für martenstein eng. er behauptet zwar in dem wir-geben-8-video, dass er für die arbeit seinen kopf benutze (er sagt, sein „werkzeug“ befinde sich im wesentlichen „hier“ und zeigt auf seinen kopf). wer etwas über die funktionalität von menschen weiss, dass auch automechaniker ohne ihren kopf keine autos reparieren können. martensteins wesentliches werkzeug ist auch für 99,9 prozent aller anderen menschen essenziell.

aber ohne jedes haarespalten merkt man (zum beispiel wenn man sich das video ansieht oder einige seiner jüngsten kolumnen durchliest oder stefan niggemeiers reaktionen darauf, hier oder hier), dass das was martenstein für sich reklamiert, über dinge intensiv nachzudenken, eben nicht seine stärke ist.

ich glaube martensteins stärke ist das verdauen des alltags. seine kolumen und reportagen sind dann (meistens) grossartig, wenn er sich auf das beobachten und leichte verdrehen des gesehenen konzentriert. so betrachtet, hätte er in dem video nicht auf seinen kopf zeigen sollen, sondern auf seinen verdauungstrakt.