9 ½ gründe warum ich nochmal die krautreporter unterstütze

felix schwenzel, , in wirres.net    

  • die kritik an den krautreportern ist meist noch dööfer als das was die krautreporter machen (ich schliesse mich selbst nicht aus)
  • theresa bäuerlein
  • friedemann karig
  • weil tilo jung offenbar nur noch einmal im monat auf krautreporter veröffentlicht
  • weil die krautreporter volltext-RSS haben (im gegenteil zum beispiel zu den prenzlauer-berger-nachrichten) — auch wenn der RSS-feed immer noch keine <author>-auszeichnung hat
  • die morgenpost
  • scheitern als chance
  • ich gucke hin und wieder auch gerne mittelgute fernsehserien
  • weil es den krautreportern egal ist, dass sie in selbstproduzierten erklärvideos und selbstinterviews peinlich wirken
  • softwareentwickler (und journalisten) brauchen auch geld

zentrum für politische schönheit und eitelkeit

felix schwenzel, , in wirres.net    

bei metronaut.de ist john f. nebel sehr begeistert von „einem wunderschönen akt des zivilen ungehorsams“. bei der süddeutschen ist hanna beitzer weniger begeistert von der aktion des zentrums schönheit und findet, dass „die mittel dem zweck schaden“. etwas neutraler berichtet der tagesspiegel von der aktion: „50 Demonstranten beim ‚Marsch der Entschlossenen‘ festgenommen“.

ich bin mit meiner meinung mittendrin. ich finde es grundsätzlich gut, wie das zentrum für politische schönheit versucht ein stachel im gewissen der anderen zu sein und seine zeigefinger benutzt um auf die da oben zu zeigen (ups, da ist ausversehen kritik in das lob geflossen). was mich aber doch sehr nervt, ist die eitelkeit, oder wie hannah beitzer das nennt, „selbstverliebtheit“ der aktivisten. anmut ohne demut ist nur halb so schön.

trotzdem: ich bin und bleibe ein fan vom zentrum für politische schönheit. ich kann auch sachen gut finden, die ich manchmal doof finde.

native advertising oder naïve advertising auf spiegel online?

felix schwenzel, , in wirres.net    

auf spiegel-online ist seit ein paar tagen ein eher bescheuertes video auf der startseite angeteasert: „Waghalsiges Manöver: Im Tiefflug durch den Hangar

screenshot startseite spiegel.de 20.06.2015 ca. 20:30h

die relevanz des themas wird mit 20 worten unter dem video an den haaren herbeigezogen:

Zwei Piloten haben in Nordwales einen Weltrekord aufgestellt. Nebeneinander sind sie durch einen Flugzeughangar geflogen. Einen Meter über dem Boden.

auch wenn die behauptung eines weltrekords etwas ist, was sich spiegel-online offenbar ausgedacht hat (siehe unten), reicht es der redaktion anscheinend, wenn irgendwer irgendwas spektakuläres waghalsiges veranstaltet und das gut dokumentiert, um dem dann tagelang platz auf der startseite einzuräumen.

eigentlich wollte ich mich nur ein bisschen darüber aufregen, dass zwei durchgeknallten angebern, die sich und der welt ihre coolness beweisen wollen, überhaupt platz auf spiegel-online eingeräumt wird.

dann wollte ich mich über mich selbst aufregen, dass ich mir so einen aufwändig produzierten müll überhaupt ansehe.

aber dann war ich fasziniert von der professionalität von red bull, die wirklich hart daran arbeiten, ihre extrem anspruchsvoll produzierten werbematerialien in redaktionelle, vermeintlich seriöse medien zu bringen. dafür gibt es neben eigenen redaktionell bearbeiteten berichten, einen sogenannten „red bull content pool“ aus dem sich journalisten interessantes rausangeln können. so gibt es für das bescheuerte flugmänover eine eigene seite auf der man 3 verschiedene videos, 18 bilder und einen vorgefertigten text runterladen kann. die videos liegen in jeweils 4 verschiedenen formaten vor, die bilder („editorial use only“) in 2 auflösungen.

dass spiegel-online geschenkten gäulern offenbar nicht ins maul schaut und profilierungs- und werbeunterlagen für zwei alternde männer und eine eklig riechende brause auf seiner startseite platz einräumt, wundert mich nicht wirklich, aber dass das so distanzlos gemacht wird, ohne weitere „informationen“ oder mindestens einen link für leute die sich für lebensmüde profilneurotiker interessieren, macht mich sehr traurig. ich hatte mir bisher eingebildet, dass bei spiegel-online journalisten arbeiten, die das mit dem journalismus ernst meinen.

* * *

oben hatte ich die red-bull-eigene „berichterstattung“ schon verlinkt, aber weil sich hinter dem link tatsächlich ganz interessante (technische) details verbergen und man gut nachvollziehen kann, mit welchem (technischen und logistischen) aufwand red bull den quatsch dokumentiert hat, weise ich hiermit nochmal gesondert darauf hin: „Watch: Red Bull Barnstorming

* * *

apropos weltrekord von dem spiegel-online hier spricht. auf sämtlichen red-bull-eigenen seiten ist nichts von einem „rekord“ oder gar „weltrekord“ zu lesen, bis auf diese überschrift:

British pilots record world first as they fly in formation through building

mein sprachgefühl deutet darauf hin, dass hier keinesfalls von einem rekord die rede ist, sondern von einem anspruch oder einem vermelden. eine kurze nachfrage auf twitter scheint das zu bestätigen:

* * *

ich habe die überschrift nach diesem tweet von @vierzueinser angepasst.

* * *

[nachtrag 21.06.2015]

sven christian von spiegel online hat sich in den kommentaren unten gemeldet und sich für den hinweis auf den „übersetzungsfehler“ bedankt. die aktion ist jetzt auf spiegel.de kein „weltrekord“ mehr, sondern „eine mutige aktion“. ausserdem:

Die Verwendung von Bildmaterial von Red Bull Media wird bei uns in der Redaktion auch rege und kontrovers diskutiert. Wir entscheiden es immer Fall zu Fall.

auf der spiegel-online-startseite muss man jetzt neuerdings auch ein bisschen blättern, um das red-bull-werbevideo zu sehen.

BBQ und pelikan tramp

felix schwenzel, , in wirres.net    

gestern waren wir mit einer freundin bei pignut in moabit pulled pork, chicken wings und süsskartoffelpommes essen. ich empfehle den laden gerne weiter, das pulled pork war lecker, die süsskartoffelpommes knusprig und heiss und mayo, ketchup und selbstgemachte sossen in ausreichenden mengen vorhanden. die beifahrerin war sehr unzufrieden mit der sitzsituation, weil wir an einem stehtisch mit barhockern sassen. sie meinte so könne sie nicht essen, was sich, sobald das essen auf dem tisch war, als falsch herausstellte. die kinder der freundin beklagten sich entgegen der erwartung der beifahrerin auch nicht über die sitzsituation.

weshalb ich das aufschreibe ist aber weniger die sitzsituation, als das was die kinder mitbrachten. etwas aus meiner jugend, dessen existenz ich schon lange vergessen hatte: pelikan tramp büchlein.

pelikan tramp cover
pelikan tramp innenseite
arzt-witz

die witze waren (natürlich) weniger zum mitlachen, sondern eher prall gefüllt mit abgestandenen stereotypen (schotten, hausfrauen), aber den einen will ich doch nacherzählen abtippen:

Ein Patient kommt zum Arzt und klagt über Leibschmerzen. Der Doktor untersucht ihn und fragt: »In welcher Gegend haben Sie den Schmerz denn zuerst gespürt?« — Nach kurzer Überlegung lautet die Antwort: »Am Bahnhofsplatz, Herr Doktor.«

Weshalb wirres.net keine Zukunft hat. Leider.

felix schwenzel, , in wirres.net    

ich habe diesen text („Weshalb die Krautreporter keine Zukunft haben. Leider.“) von marcus schuler mal entkrautet und ein paar egoisierende anpassungen vorgenommen.

* * *

Jetzt mal ehrlich: So richtig glaubt keiner an den Erfolg von wirres.net. Dazu ist die Idee zu konfus und mischt gute mit mittelmäßigen und manchmal auch langweiligen Texten. Der Ausstieg von Stefan Niggemeier, der mit Abstand der beste Autor auf wirres.net war, dürfte das langsame Ende der Website bedeuten.

Felix Schwenzel hat es nicht verstanden, sich selbst ein Profil zu geben. Dazu waren die Texte zu unterschiedlich und zu beliebig. Er ist schon jetzt gescheitert, auch wenn er es noch nicht wahrhaben will.

Gerade Autoren wie Stefan Niggemeier wollen verwöhnt und gehätschelt werden. Sie wollen – ob sie es zugeben oder nicht – mit Abstand deutlich sichtbar wahrgenommen werden. Wirres.net war und ist für Leute wie Niggemeier nicht das richtige Distributionsmedium, weil ihnen so ein Blog vermutlich keine nennenswert neuen Leser liefert, die sie mit ihrer eigenen Website nicht ohnehin erreichen.

Wirres.net erstrahlte durch Texte von Niggemeier und nicht umgekehrt. Welchen Nutzen bringt wirres.net also für Niggemeier und andere, wenn sie durch ihre Texte der Plattform zu mehr Glanz verhelfen?

Gescheitert ist Felix Schwenzel mit wirres.net, weil er bislang nicht redaktionell gedacht und veröffentlicht hat; und weil es doch die großen Namen wie SZ, FAZ oder SPIEGEL sind, die publizistisch den Takt in dieser Republik vorgeben, weil sie zunehmend auch im Netz, an EINEM Thema arbeiten, einen Pool von Journalisten auf EIN Thema ansetzen. Es gründlich recherchieren, dokumentieren und vielleicht sogar multimedial aufbereiten.

Nach wie vor fehlt wirres.net eine Ausrichtung, ein Hauptthema, mit dem es sich auseinandersetzt. Meinetwegen auch zwei oder drei Themenblöcke, um die alle Geschichten kreisen. Es braucht Recherche-Power, Zusammenarbeit an EINEM Thema, eine ordentliche Redaktion von Texten und vielleicht sogar ein Team im Hintergrund, das die Autoren-Texte überprüft und Zahlen und Fakten konkretisiert.

Ich glaube, nur dann hat dieses Angebot eine Chance, zu überleben. Und vielleicht kann es dann irgendwann auch wieder interessant werden für große Schreiber wie Niggemeier, weil es dann als erstrebenswert¹ gelten könnte, bei wirres.net zu veröffentlichen.

* * *

1) Vergleiche mit den Krautreportern, marcus-schuler.com, medium.com oder politico kann sich jeder selbst zusammenreimen.

(zuerst auf marcus-schuler.com veröffentlicht)

gehören selfies ins blog?

felix schwenzel, , in wirres.net    

daniel peter hat meinen vortrag auf der nebenan bei den netzpiloten zusammengefasst:

Zu Beginn seines Vortrags, räumt Felix Schwenzel gleich ein, dass der gewählte Titel eigentlich totaler Quatsch sei, da er im Rahmen seines Vortrags eigentlich zeigen möchte, warum das Indiweb seiner Meinung nach die Zukunft ist.

besonders hat mir die stelle gefallen, in der er über meine kleine demonstration schreibt, von der ich dachte, dass jeder der sie sieht laut aha rufen würde:

Für Leute die nicht gerade tief in der [Indieweb-] Materie stecken, ist es in dieser kurzen Zeit so gut wie unmöglich, einen Durchblick zu erlangen.

Als Beispiel für die guten Aspekte der Plattformen, macht Schwenzel ein Selfie und postet es auf Instagram. Durch eine Funktion wird der Post anschließend sowohl bei Facebook, als auch auf Twitter geteilt. Allerdings passiert das Ganze so schnell, dass man weder versteht wie es funktioniert, noch worin der Sinn bzw. der Bedarf dahinter liegt. [link von mir hinzugefügt]

gute frage, auch wenn er vergessen hat den entscheidenden punkt zu erwähnen: der selfie landete hier im blog.

ich hol mal aus. als flickr vor vielen, vielen jahren neu war, war das der total heisse scheiss. 2006 hatte ich eine presseakkreditierung für die bambi-verleihung (danach wurde ich witzigerweise nie wieder eingeladen) und habe zwei akku-ladungen lang am roten teppich gestanden und sehr viel mit meinem nokia n70 fotografiert — und die bilder zu flickr geladen. das ging damals per e-mail und fühlte sich damals ultramodern und super benutzerfreundlich an. gebloggt hbe ich auch von der veranstaltung (mehrere „live“-artikel und einen nachgeschobenes fazit, ich verlinke aber nur diesen hier), aber ein grossteil der bilder wanderte ausschliesslich auf flickr. als flickr ein paar jahre später an yahoo verkauft wurde und vor allem wegen dumpfbackiger management-entscheidungen unerträglich, unsexy und unvereinbar mit meinem gewissen wurde, habe ich mein flickr-konto gelöscht.

die bilder konnte man damals zwar mit ein paar tricks und scripten sichern (runterladen), aber der grossteil meiner bilder verschwand damit aus dem netz. irgendwo habe ich die sicherung bestimmt noch als archiv auf einer meiner festplatten und ein paar sind auch noch in meinem blog, nämlich genau die, die ich verbloggt habe. alle anderen sind aber de-fakto weg.

war die kontolöschung bei flickr damals meine eigene entscheidung, gibt es auch einige beispiele von web-diensten die abgeschaltet oder umgewidmet wurden. erinnert sich noch jemand an studiVZ? uboot? geocities? myspace? twitpic? oder gar watchberlin? es ist ein mythos, dass das internet nicht vergisst. so vieles was ich auf anderen seiten als meinem blog gepostet habe, ist verschwunden oder nicht mehr auffindbar.

selbst bei diensten denen es gut geht, von facebook, über instagram oder twitter, sind meine inhalte keineswegs sicher. sollte sich facebook — aus welchen gründen auch immer — entscheiden dass ich gegen deren richtlinien verstossen hätte, könnten sie mich von einem tag auf den anderen sperren oder rausschmeissen. instagram und facebook sind dafür bekannt inhalte die ihnen nicht in den kram passen zu löschen. alle meine mühsam mit metadaten, bildunterschriften oder blöden witzchen versehenen bilder (oder texte) in diesen privatsilos, könnten von einem tag auf den anderen mit alles likes oder benutzerkommentaren verschwunden sein — wenn facebook das wollte. deshalb versuche ich spätestens seit dem flickr-desaster alles was mir wichtig ist auch auf meinem blog zu posten — und erst dann auf twitter, facebook oder sonstwo. das funktioniert natürlich nicht immer.

essensbilder? unwichtig, fand ich noch vor ein paar monaten, und stellte sie ausschliesslich auf facebook ein. wenn ich aber ein bestimmtes rezept suche, werde ich meistens nur dann fündig, wenn ich mir die mühe gemacht habe das rezept zu bloggen. suchen und finden auf facebook oder instagram? ha! twitter hatte jahrelang nur eine völlig verkorkste suchfunktion (die von flickr hingegen war immer schon ganz gut, aber was nützt einem das, wenn man seine bilder gelöscht hat?

und das ist der grund, warum ich von der möglichkeit ein instagrambild mit sämtlichen metadaten, automatisch auf mein blog zu syndizieren begeistert bin. auf instagram mag das bild sein publikum und likes finden, auf meinem blog findet es seine heimat (sorry für den pathos). und wenn das bild erstmal bei mir im blog ist, kann ich machen was ich will damit: es per RSS weiterverteilen, es zu facebook und twitter weitersyndizieren, wenn ich wollte auch zu flickr und wenn google es wollte, auch zu googleplus.

bei twitter tauchen die bilder auch gleich unterm tweet auf, ohne dass der geneigte betrachter sich erst zu instagram durchklicken müsste oder einen spezielle twitter-app nutzen müsste, die das instagram direkt unter dem tweet anzeigt.

das bedeutet für mich kontrolle über meine eigenen daten: nicht dass ich den daten restriktionen anlegen wollte, sondern dass ich mit meinen daten machen kann was ich will — und sie im zweifelsfall auch wiederfinden kann.

dass unter den instragram-bildern, die ich auf mein blog gezogen habe, auch die kommentare, likes oder retweets anderer erscheinen (beispiel) finde ich in diesem zusammenhang auch folgerichtig, auch wenn das genaugenommen gar nicht meine daten sind. aber weil ich diese daten auch kontrolliere, kann ich sie, bei bedarf, auch (selektiv) ausblenden, löschen oder anders präsentieren.

* * *

das schöne ist aber auch, dass ich theoretisch auch stille artikel (oder bilder) veröffentlichen kann, die nur auf meinem blog erscheinen. ben werdmüller hat das kürzlich so formuliert:

One reason to publish on the web is to make a name for yourself, and create an audience for your content or services. But that's not the only reason, or even the best one. I think structured self-reflection is more valuable - with or without feedback.

We've been trained to worry about audience and analytics for our posts. How many people read a piece about X vs a piece about Y? Is it better to post at 2pm on a Thursday or 10pm on a Sunday? Which demographic segments are most interested?

That's fine and dandy if you're a brand, but not all of us need to be brands. Not every piece of content needs to be a performance. If we unduly worry about audience, we run the risk of diluting our work in order to appeal to a perceived segment. Sometimes the audience is you, and that's enough.

nochmal: die kontrolle habe ich. ich kann machen was ich will. und im moment will ich vor allem eins: das blog zuerst, aber auf die reichweite der netzwerke, die möglichkeit menschen ausserhalb meiner filterblase zu erreichen, möchte ich (momentan) nicht verzichten. ausser manchmal.

14 von 66 seen

felix schwenzel, , in wirres.net    

der letzte spaziergang auf unserem 66 seen rundwanderwegvorhaben war eher kurz, dieser war ziemlich lang: um die 25 kilometer. es ging von wandlitzsee zum bahnhof biesenthal, vorbei an ziemlich vielen seen, ich glaube es waren so um die sieben.

streckenübersicht von wandlitzsee nach biesenthal

 

die strecke war wunderbar abwechslungsreich, auch wenn es fast ausschliesslich durch den wald ging. die meisten waldstücke unterwegs schienen unter naturschutz zu stehen, bzw nicht bewirtschaftet zu werden; überall lagen umgestürzte bäume im wald, im wasser, auf den wegen und zum teil auch auf den häusern.

auf häuser gefallene bäume
auf häuser gefallene bäume

auch viele der häuser an denen wir vorbeikamen schienen unter naturschutz zu stehen, bzw. nicht bewirtschaftet zu werden.

ein haus, das unter naturschutz zu stehen scheint
ein haus, das unter naturschutz zu stehen scheint

auch wenn die strecke durchs briesetal wirklich wunderschön ist, fanden wir diesen streckenabschnitt fast noch schöner. der wald wirkte an sehr vielen stellen sehr dramatisch und inszeniert. das licht war sehr gut gesetzt und die arbeiten von pilzen, wind und wetter waren teilweise so beeindruckend, dass sich die beifahrerin ein paar mal dazu hinreissen liess zu sagen: „wer braucht bei sowas noch kunst?“

dramatisches licht im wald
dramatisches licht im wald
balanceakt
balanceakt
wer macht denn sowas?
wer macht denn sowas?
pilze wie elefantenfüsse
pilze wie elefantenfüsse
geteilter baum der weiter lebt
geteilter baum der weiter lebt
noch mehr dramatisches licht
noch mehr dramatisches licht
gefallener baum
bäume mit farbverläufen
bäume mit farbverläufen

spuren vom biber gabs auch diesmal zu sehen, ich finde den fleiss und die akkuratesse von den tieren sehr beeindruckend.

des bibers arbeit
des bibers arbeit

auf diesem streckenabschnitt war die ausschilderung, also die blauen punkte des 66-seen-weges, hervorragend ausgeschildert. zur sicherheit habe ich mir allerdings nochmal eine offline-version des streckenabschnitts in mein trails geladen. damit funktioniert die navigation auch offline ganz hervorragend und wir haben uns kein mal verlaufen. obwohl wir die handys die meiste zeit offline im flugzeugmodus hatten, reichten unsere akkus gerade so die neun stunden die wir unterwegs waren. das nächste gerät das ich mir kaufe wird ein mobiles akku-pack sein, um unterwegs die handys laden zu können.

schilder aufhängen auf eigene gefahr
schilder aufhängen auf eigene gefahr
blanko-schild zum selbst ausfüllen
blanko-schild zum selbst ausfüllen

die sieben seen an denen wir vorbeikamen waren alle extrem malerisch. der liepnitzsee soll zudem noch eines der saubersten gewässer deutschlands brandenburgs sein. auf dem liepnitzsee gibt’s auch ne fähre.

noch mehr gefallene bäume
noch mehr gefallene bäume
einer von 66 seen
einer von 66 seen
noch einer von 66 seen
noch einer von 66 seen

auf der hälfte der strecke haben wir rast bei uli’s fischhaus gemacht. das war OK, aber für die preise zu wenig befriedigend und sättigend. dafür isses aber wunderschön gelegen und elektrolyte haben wir auch zu uns genommen.

steg am obersee (von uli’s fischhaus aus fotografiert)
steg am obersee (von uli’s fischhaus aus fotografiert)

wir haben beide so viele fotos gemacht, dass unsere telefone sich ständig über mangelnden platz beklagten. ich habe jetzt auf dem telefon nur noch apps, die ich in den letzten 6 monaten mal benutzt habe, alles andere ist gelöscht.

gabelpanorama
drama!
drama!
wald
die rosen riechen offenbar
die rosen riechen offenbar

* * *

nächstes mal backen wir dann wieder kleinere brötchen. die 25 kilometer waren zwar nicht allzu unangenehme, aber die letzten 3-4 kilometer haben sich dann doch sehr gezogen. was auch an der bahnhofsstrasse in biesenthal liegen kann, die sich 3 kilometer lang kerzenfrage kerzengrade zieht, bis am dorfausgang der bahnhof kommt. die bahnhofsstrasse ist zwar sehr divers und abwechslungsreich bebaut, von wunderbar sanierten altbauten, denen man eine glänzende vergangenheit ansieht, über grässlich tot-sanierte alte häuser, zu neureichen-klimbim mit elektrischen hoftoren und carport, verfallenen flachbauten und villa kunterbunts.

was sich auch als enorm toll herausstellt: dass wir von bahnhof zu bahnhof wandern ist zwar mitunter eine etwas längere strecke, aber praktisch ohne ende: kein im kreis laufen, keine gedanken wo man parkt. einfach in den zug, raus und wieder in den zug.

nebenan.hamburg

felix schwenzel, , in artikel    

noch ein paar worte zur nebenan-konferenz letztes wochenende. freundlicherweise hatte mich ole reißmann gefragt ob ich zum thema indieweb und reclaim etwas erzählen konnte, was im effekt zu wochenlanger recherche führte, die mir grossen spass machte und zu einigen technischen änderungen an diesem blog führten. das ergebnis habe ich hier aufgeschrieben: indie war gestern — oder umgekehrt.

(weitere reaktionen zu meinem vortrag auf twitter)

* * *

die konferenz war klein, aber freundlich und vor allem freundlich organisiert. es gab leberwurst- und erdbeermarmeladenbrote zum selberschmieren, für die vortragenden ein paar getränkegutscheine und mittags einen veganen foodtruck, dem ich allerdings zwei selbstgeschmierte leberwurstbrote vorzog. aber die süsskartoffel-pommes waren toll (ich hab eine einzelne probiert). ulrike klode hat über die organsation der konferenz sehr nachvollziehbar gebloggt:

ich fand das programm überraschend, aber insgesamt eher durchwachsen. ich konnte nicht mit allem etwas anfangen und das ist ja auch gut so und bei der #rp15 oder bei netflix nicht anders. dafür waren aber auch ein paar highlights im programm, von dem ich an dieser stelle nur eins herauspicken möchte. den vortrag von frau crafteln. sie redete über das bloggen in sehr belebten und lebendigen nischen (am beispiel der #nähnerds) darüber dass das internet und die nischen im internet aus menschen bestehen und wie wichtig mut und respektvoller umgang miteinander sind. sie schreibt drüben, bei sich selbst, darüber. das kann man lesen und staunen und wenn die vortragsvideos online sind, weise ich hier auch darauf nochmal darauf hin und dann kann man sich vortrefflich unterhalten fühlen, so wie ich am samstag.

vom respektvollen umgang miteinander redeten eigentlich fast alle vortragenden und speziell jürgen geuters vortrag über die ethik des nicht-teilens war geradezu ein musterbeispiel dafür, wie viel arbeit wir noch vor uns haben, einen gesellschaftlichen konsens und regeln über das leben im cyberspace vernetzte zusammenleben finden (darüber habe ich im prinzip auch auf der rp15 gesprochen). ich bin sicher, @tante spielt bei diesem prozess weiter eine wichtige rolle.

* * *

was ich insgesamt an der #nebenan angenehm fand, war der fokus; nur ein track, keine parallelveranstaltungen, eine übersichtliche anzahl an teilnehmern. die teilnehmerzahl war zwar immer noch zu gross um mit allen zu sprechen, mit denen ich gerne gesprochen hätte, aber das kann auch an meinen schlechten smalltalk-skills liegen. trotzdem habe ich mit erstaunlich vielen menschen geredet die ich vorher noch nicht kannte oder die ich vorher noch nicht in der fleischwelt getroffen hatte. ausnahmslos alle waren dem motto entsprechend extrem freundlich. nicht auf der konferenz gesprochen hat ulrike bartos. aber mit mir. und ich kam aus dem staunen nicht mehr heraus: ulrike bartos führt ein blog mit dem sie ihren lebensunterhalt bestreiten kann: missbartoz.de. erstaunlich, aber auch folgerichtig, dass ich in meiner kleinen internet-wahrnehmungs-blase noch nie von ihrem blog gehört hatte; ich brauche zwar auch übergrössen, interessiere mich aber weder für männer- noch für frauen-mode. aber gerade dieses beispiel eines äusserst erfolgreichen blogs zeigt, dass man mit vorurteilen wie: „niemand bloggt mehr“ oder „das bloggen stirbt“, sehr vorsichtig sein muss.

auch interessant und vielleicht auch für die freundliche atmosphäre mitverantwortlich, war der anteil der frauen auf der konferenz. bei den vortragenden waren sie sogar in der mehrheit, im publikum schien es nicht viel anders zu gewesen zu sein.

* * *

ich habe viel gesehen und viel gelernt am samstag. die konferenz war nicht nur freundlich, sondern auch eine prima gelegenheit über den tellerrand zu schauen. etwas was ich selbst viel öfter machen sollte. danke dafür und danke für die leberwurstbrote!

* * *

nebenan.hamburg
nebenan.hamburg

hashtag #nebenan auf twitter.

indie war gestern — oder umgekehrt

felix schwenzel, , in wirres.net    

vortrag über das bloggen und das indieweb, den ich am 6. juni 2015 auf der nebenan.hamburg gehalten habe. auf youtube gibt es eine aufzeichnung.

* * *

den titel für diesen vortrag, habe ich mir nicht selbst ausgedacht, sondern ole reißmann. so lautete die ankündigung auf der veranstaltungsseite:

Indie war gestern. Warum niemand mehr bloggt oder seine eigene Seite fürs Publizieren nutzen möchte und warum sich niemand für das Indieweb und reclaim.fm interessiert.

und bevor ich erkläre was „indieweb“ und „reclaim“ überhaupt sind, würde ich gerne darauf hinweisen, dass der titel und der anreissertext totaler quatsch sind.

ich würde nämlich gerne behaupten, dass „indie“ eine grosse zukunft hat und dass man eigentlich nicht behaupten kann, dass „niemand mehr bloggt“. ich glaube nämlich mittlerweile, dass das bloggen in bestimmten bereichen boomt, nur nicht so sehr im mainstream, bzw. unsichtbar in nischen versteckt, die wir gelegentlich abfällig mit mutti-, strick, food- oder whatever-blogs abtun.

diese frage hingegen

warum sich niemand für das indieweb und reclaim.fm interessiert

ist leicht zu beantworten: für das indieweb und reclaim interessiert sich niemand weil’s zu kompliziert istniemand kaum jemand, hat den sinn sinn vom indieweb verstanden. kaum jemand hat den sinn sinn von reclaim verstanden.

ich habe mich, als ich vor zwei, drei jahren versucht habe reclaim zu bauen, mal intensiver mit dem indieweb auseinandergesetzt und dabei weniger als die hälfte verstanden. normalerweise werfe ich anderen gerne vor, dass ihnen bei der entwicklung von web-projekten oft das abstraktionsvermögen und die fähigkeit potenziale zu erkennen fehlt. die potenziale des indiewebs habe ich damals ansatzweise verstanden, die konzepte, protokolle und technologien dahinter hingegen kaum. mir fehlt teilweise immer noch das abstraktionsvermögen, um auf manchen indiewebseiten einen sinn, potenziale oder struktur zu erkennen.

die webseiten von aaron perecki sind exemplarische und vorbildliche indiewebseiten — und während gut nachvollziehbar ist was artikel oder notizen (kurze, tweetartige artikel ohne überschrift) sind, ist die frage bei antworten schon schwieriger. antworten? auf wen? warum? warum dort?

replies on aaronparecki.com

was steht auf dieser seite? eine antwort auf ne antwort? kann ich auf die antwort auch antworten? wo? wie? kann ich auf diese antwort auch auf twitter antworten?

kann ich hier auch kommentieren? wo ist das kommentarfeld? was ist ein webmention, den ich von dort aus senden kann? wohin geht das? an wen?

das gleiche galt und gilt für das reclaim-projekt: da haben ich und einige andere potenziale, sinn und praktischen nutzen erkannt, aber viele andere nicht.

ich sehe schon, ich komme nicht drum rum, kurz zu erklären was indieweb und reclaim eigentlich sind. obwohl ich eigentlich vorher noch klären sollte was bloggen ist. denn die wurzeln des indiewebs stecken natürlich im bloggen — glaube ich zumindest. zum bloggen habe ich vor allem eins zu sagen:

ich blogge in erster linie erstmal nur für mich.

vor allem um dinge, ideen, momente festzuhalten — und mich später dran zu erinnern oder das verflossene wiederzufinden. wenn ich dinge aufschreibe ist das eine art verdauungsvorgang. ich strukturiere die gedanken, formuliere sie aus, bearbeite sie tiefer, als wenn ich nur in der dusche oder auf dem weg zur arbeit drüber nachdenken würde. tatsächlich habe ich vor 15 jahren angefangen mit dem schreiben, dem regelmässig ins internet schreiben, als mich meine arbeit, mein studium anfingen zu langweilen und zu frustrieren. schreiben war ein kreativer gegenpol. neben dem festhalten von gedanken, erlebtem, war (und ist) das schreiben eine form der kreativen selbstbefriedigung.

antje schrupp sieht das ähnlich: für sie ist das dokumentieren ihrer ideen eine neue, eine andere art zu denken.

Das Wesentliche ist das Dokumentieren meiner Einfälle und Wahrnehmungen, wofür es seit dem Internet eine technologische Möglichkeit gibt, die es früher nicht gab. Mit „Mikropostings“ im Internet denke ich sozusagen öffentlich. Früher gab es nur die Möglichkeit, diese Eindrücke mit denjenigen zu teilen, die zufällig in der betreffenden Situation ebenfalls anwesend sind – he, guck mal hier! Ich denke dazu das, was meinst du?

sie erweitert den dokumentationsgedanken hier allerdings noch um einen wichtigen aspekt, den der kommunikation, des gesprächs, des plauderns. technologie ermöglicht es uns mit leuten zu plaudern die gerade nicht körperlich anwesend sind. und das ist der aspekt, der bloggen erst wirklich interessant macht — im gegenteil zum beispiel zum tagebuch-, oder genauer, nicht-öffentlichen schreiben.

und noch spannender ist natürlich das ganze blogding als eine art gehirnerweiterung, als externes denkwerkzeug zu sehen:

Dieser kleine, tägliche, unspektakuläre Austausch ist für mich inzwischen so eine Art Werkzeug meines Denkens geworden, ein Tool, auf das ich nicht verzichten möchte. Denken funktioniert ja nicht im abgeschlossenen Gehirn einer isolierten Persönlichkeit, sondern im permanenten Austausch mit der Welt und mit anderen Leuten.

das ist keine allgemeingültige definition des bloggens, aber eine mögliche, meine:

verdauen — denken — veröffentlichen

oder anders: ich veröffentliche, also denke ich …

der witz ist allerdings, dass die verständnisprobleme schon genau hier anfangen:

  • warum machst du das?
  • was sagt dein arbeitgeber dazu?
  • was ist mit deiner privatsphäre?
  • mir wäre das zu anstrengend!
  • liest das denn überhaupt jemand?
  • das gibt doch nur ärger …

die faszination des bloggens ist in der tat wahnsinnig schwer zu vermitteln und die einstiegshürden (gar nicht mal unbedingt die technischen) scheinen irre hoch zu sein. als ich angefangen habe zu bloggen dachte ich: „mann! dieses bloggen ist toll, das will bestimmt jeder.“

und meine enttäuschung darüber, dass das nach wie vor so wenige tun, ist seit 15 jahren auf einem gleich hohen niveau.

ABER! … in den letzten fünf, sechs jahren hat sich etwas verändert. die leute schreiben plötzlich ins internet! allerdings nicht in blogs. sondern ins facebook. und ganz ehrlich: ich finds grossartig. ich finds grossartig das plötzlich ganz viele ins internet schreiben.

dass facebook funktioniert liegt übrigens nicht nur an niedrigeren technischen hürden, sondern daran dass facebook bestimmte psychologische hürden senken konnte: dort zu reden, zu schreiben wo niemand oder wenige sind, ist kommunikation eher frustrierend. dort reden wo alle sind, ist party.

facebook hat das jedenfalls ganz gut hinbekommen. ich hatte vor vielen jahren mein facebook-konto auch ruhen gelassen, bis ich merkte: auf facebook sind mittlerweile „alle“. facebook ist kuschelig und freundlich. blogs, das internet, wirken auf viele kalt und abweisend.

aber ich schweife ab. ich wollte erklären was reclaim ist und was das indieweb ist. aber eigentlich bin ich gar nicht abgeschwiffen, denn das grossartige was facebook, twitter, instagram oder das hier bewirkt haben (niedrigschwelliger zugang zum veröffentlichen, gemeinschaftsbildung, kommunikation über grenzen hinweg) ist gleichzeitig auch der grund für bestimmte frustrationen.

ich wollte zum beispiel immer gerne meine letzten tweets, twitpics, instagramme auf der rückseite von wirres.net sammeln. und auch wenn die meisten dieser dienste eine API-schnittstelle bieten, war es doch irre kompliziert die daten dort zur eigenen verwendung rauszuholen. ich habe mir über monate hinweg scripte zusammengeschraubt, die ein paar meiner daten aus den silos der grossen anbieter per API rausholten, um sie auf meiner rückseite anzuzeigen. (die „widgets“ der hersteller wollte ich dafür nicht benutzen, da sie fast ausnahmslos scheisse aussehen und tonnenweise javascript in die eigene seiten injezieren.)

irgendwann fragte mich sascha lobo ob er auch sowas haben könnte und ich habe versucht die scripte die ich zusammengehämmert hatte ein bisschen zu systematissieren und professionalisieren. daraus ist dann das projekt reclaim geworden, ein auf wordpress basierender plugin, mit dem man sich tatsächlich alle seine aktivitäten aus sozialen netzwerken ziehen kann (tweets, facebook- und googleplus-aktivitäten, pins, flickr-bilder, instagramme, youtubevideos, favs und likes) und auf einem/seinen wordpress-blog republizieren kann.

vimeo-video
vimeo

wir konnten plötzlich alles was wir in die silos bliesen durchsuchen, sortieren, archivieren oder darstellen.

aber ausser uns uns sahen es eher wenige als erstrebenswert an, all die inhalte die man favt, liked, shared oder manchmal selbst veröffentlicht auf der eigenen seite zu sammeln. dazu kam, dass die technischen hürden für die software sehr hoch waren (und sind) und es viele ungeklärte rechtliche fragen gibt. vor allem aber hatte ich furchtbar wenig zeit und motivation um die entwicklung voranzutreiben. die APIs ändern sich ständig. irgendwas war ständig kaputt. alle wollten ein fertiges produkt, aber nur wenige wollten mitentwickeln.

* * *

als eine der ersten versionen von reclaim fertig war entdeckte ich das indieweb. ich erfuhr, dass die indiewebleute das was reclaim macht „PESOS“ nannten (post elsewhere, syndicate [to your] own site). den rest verstand ich nur so halb. ich las faszinierende ideen und konzepte, konnte aber nicht alzuviel damit anfangen. was ich verstand: das bevorzugte konzept bei den indiewebleuten lautete übrigens nicht PESOS, sondern „POSSE“ (post [on your] own site, syndicate elsewhere). ich habe das damals fasziniert beobachtet, aber konzeptionell kritisch gesehen. denn einer der vielen vorteile von PESOS ist ja, dass man teilweise sehr tolle und benutzerfreundliche web- oder app-interfaces nutzen kann um inhalte zu veröffentlichen und dann zu sich rüberziehen:

das ganze web und das ganze app-universum der welt als schnittstelle für das eigene blog benutzen.

mein eindruck damals, wie heute, war: alles furchtbar kompliziert.

dazu kam, in den letzten monaten fehlte mir für reclaim ein echter, befreidigender nutzen. so habe ich zum beispiel in den letzten monaten relativ viele essensbilder auf facebook gepostet. das gab dort erfreulich viel feedback und reichweite. ich mag auch die einfache, unkomplizierte methode bilder auf FB posten zu können. klick, klick, fertig. die essensbilder wurden von meiner reclaim-instanz kopiert, aber die essenbilder dann auch dort in kopie zu haben, war unbefriedigend, leblos. ich hätte die essensfotos und das feedback und die reaktionen gerne auf meinem richtigen blog. aber wirres.net läuft eben nicht auf wordpress, sondern auf einem 14 jahre alten CMS.

dann wurde ich auf die nebenan.hamburg-konferenz eingeladen. ole reissmann schlug mir vor über das indieweb und reclaim und das bloggen zu reden. also musste ich über den ganzen scheiss nochmal nachdenken und recherchieren, was ich, während ich essensfotos auf facebook veröffentlichte, stark vernachlässigt hatte.

und dann sowas: kritik an meinem vortrag, meiner thematischen-kompetenz, noch bevor ich den vortrag überhaupt vorbereitet hatte. das war aber in der tat ne gute frage. bis zu diesem tweet wusste ich nämlich, wie 99,99999 % der weltbevölkerung nicht, was h-card und h-entry sind.

vorab: sie sind total praktisch! und sie sind grundbausteine des indiewebs. h-card und h-entry sind teil der sogenannten microformate. im prinzip machen sie webseiten für maschinen, für programmierer, für crawler, für scripte lesbar.

so kann man zum beispiel aus dieser seite, das hier machen — wenn die seite microformate enthält. das sind strukturierte daten. angaben über den autor, den titel, die enthaltenen bilder, die artikel-art und so weiter und so fort.

das gleiche liefert twitter übrigens über jeden tweet, wenn man den passenden schlüssel hat, kann man diese daten über die twitter-API für jeden tweet abrufen:

twitter json — strukturierte daten

aber statt einer API hat eine webseite, die mit microformaten formatiert ist, maschinenlesbares, semantisches HTML. aaron parecki nennt das folgerichtig: HTML is my API — oder anders gesagt: wenn jeder zugriff auf die strukturierten daten einer website hat, kann jeder damit sachen machen.

zum beispiel faven. weil sowohl mein blog, als auch aaron pareckis blog microformate enthalten, bzw. „indieweb-ready“ sind, kann ich diese seite einfach faven:

vimeo-video
vimeo

ich versuche mal kurz, schritt für schritt, zu erklären was da passiert ist:

how to fav the indieweb way

mit einem quill-bookmarklet habe ich per klick einen artikel auf wirres.net erstellt der per microformat-auszeichnung (like-of) die information enthält: felix schwenzel mag einen artkel mit der url https://aaronparecki.com/articles/2015/04/26/1/html-is-my-api. sende ich jetzt einen webmention von wirres.net zu aaronpareki.com guckt aaronpareki.com was der schwenzel da gemacht hat — aha — ein like, und vermerkt das unter dem artikel.

genauso funktionierte das mit einem kommentar, den ich auf meiner seite veröffentliche und dann einen webmention verschicke oder einem repost.

einfach, ne?

in wirklichkeit stecken dahinter natürlich ein paar technische feinheiten die nicht ganz ohne sind, aber leicht genug, dass ich sie als nicht-programmierer an ein paar abenden umsetzen konnte und mein altes CMS damit aufrüsten konnte. wichtig ist aber: die anwendung an sich ist einfach — und ist im prinzip auch mit buttons möglich.

das problem sind beim indieweb aber nicht nur die technische hürden und noch nicht ganz ausgereifte technologien, sondern wie beim bloggen konzeptionelle hürden. oder anders gesagt: die frage warum man das mit indieweb-technologien alles auf seinem eigenen blog machen soll, wenn es doch mit facebook, twitter oder tumblr alles viel einfacher und per knopfdruck geht.

nutzungsbedingungen versus zivilgesellschaft

das ist einer von vielen gründen, etwas hochtrabend formuliert, das trifft aber einen ganz wichtigen punkt. facebook, twitter, blogger.com sehen so aus wie öffentlicher raum, sind aber private räume in denen der hausherr oder die hausfrau tun kann was sie will.

jüngstes beispiel politwoops, eine plattform die tweets sammelt, die politiker wieder zu löschen versucht haben. twitter hat denen einfach den saft abgedreht, unter hinweis auf deren nutzungsbedingungen. ausserdem gibt es fälle bei denen auf facebook oder instagram einträge gelöscht wurden, die mütter beim stillen zeigten oder von frauen, die meinen sie sollten die gleichen rechte wie männer haben und bilder von ihrem unbekleideten oberkörper veröffentlichen dürfen. die liste, warum es vorteile haben könnte auf der eigenen seite zu veröffentlichen und sich nicht zu abhängig von silo-anbietern zu machen, lässt sich beliebig fortsetzen. hier nur ein paar erratische beispiele:

webdienste die schliessen (geocities, twitpic), sich ständig ändernde AGB oder APIs, absurde nutzungsbedingungen, nicht vorhandene oder bekloppte suchfunktion, mangelhafte GIF-unterstützung, keine übersicht über reaktionen über dienste hinweg, geringe auffindbarkeit, geringe zugänglichkeit, keine möglichkeit suchmaschinenoptimierung für silo-inhalte zu betreiben, selbstermächtigung, keine unterstützung von microformaten, keine webmention-unterstützung.

auf der nebenan-konferenz habe ich an dieser stelle des vortrags einen etwas unvorteilhaften selfie mit instagram gemacht und auf instagram veröffentlicht. wenige sekunden später war der selfie auf wirres.net, twitter und facebook veröffentlicht. alles automatisch getriggert durch die veröffentlichung auf instagram.

die magie basierte auf diversen indieweb-technologien und dem grandiosen ownyourgram.com von aaron parecki.

how ownyourgram works

im detail funktioniert das so: instagram pingt nach der veröffentlichung ownyourgram an, ownyourgram veröffentlicht per micropub-schnitstelle das bild auf meinem blog und mein blog pingt bridgy an das bild auch auf twitter und facebook zu posten.

das alles ist jedenfalls dann einfach, wenn man sein blog ein bisschen gepimmt hat, sprich, für das indieweb vorbereitet hat. das kann man schritt für schritt auf indiewebify.me durchgehen und testen. was dann neben den massnahmen die auf indiewebify.me aufgezählt sind fehlt: ein micropub-endpunkt und eine anmeldung per indieauth bei ownyourgram. mein micropub-endpunkt basiert auf diesem script und einer anpassung der XMLRPC-funktion meines CMS.

was ich am indieweb besonders angenehm finde ist, dass man unter artikeln auf der eigenen seite die reaktionen auf die syndizierten kopien per bridgy wieder einsammeln kann (zumindest die von twitter, instagram, g+ und facebook). das sieht man auch unter dem podiums-selfie.

reaktionen auf meinen podiums-selfie von twitter, facebook und instagram

zum prinzip der syndizierung von eigenen inhalten habe ich vor ein paar wochen schonmal was geschrieben. das prinzip ist auch schon mit dem guten alten volltext-RSS etabliert: wenn ich mich als leser entscheide einer seite per RSS zu folgen, muss ich die seite zum konsumieren nicht extra ansurfen. ich kann im RSS-reader bleiben. auch facebook hat die vorteile erkannt, die es haben kann, wenn man den lesern entgegen kommt und ihnen klicks und wartezeit erspart. bei facebook nennt man diese art von inhalte-syndizieruzng instant articles.

ich finde, indieweb-technologien wie POSSE oder syndizieren, sollten sich auch um die beantwortung dieser frage drehen: wie kann ich leser besser erreichen?

und in der tat ist das auch eines der prinzipien die sich die indieweb-menschen ausgedacht haben:

POSSE lets your friends keep using whatever they use to read your stuff (e.g. silo aggregators like Facebook, Tumblr, Twitter, etc.).

die leser so lesen lassen, wie sie gerne lesen möchten …

(siehe auch „könige, kaiser und lakaien“)

(zeitungen liegen ja auch nicht nur im verlagshaus aus. sie werden dahin gekarrt, wo die leute sind. in kaffeehäuser. in wohnungen. zu friseuren.)

das instagram-beispiel ist eines der beispiele, warum ich glaube dass das indieweb zukunft hat. ich kann inhalte erstellen, egal ob per per POSSE oder PESOS, ich lasse die inhalte dort konsumieren und diskutieren wo die interessenten sind.

und auch die technische weiterentwicklung von blogs, die manche sehr vermissen, geht hier in gutem tempo voran. auch das hat mit indieweb-prinzipien zu tun. dort liegt der fokus auf der konkreten umsetzung von konzepten, nicht auf der theoretischen ausarbeitung von ideen. in einem interview im screenguide magazin (leider nicht online verfügbar), sagte aaron parecki über die prinzipien des indiewebs:

machen statt reden
benutze deine eigenen tools
kontrolliere deine daten

diejenigen die das indieweb vorantreiben zu versuchen, benutzen die technologien alle selbst (eat-your-own-dogfood-prinzip). jeder in anderen geschmacksrichtungen, beinahe alle mit verschiedenen CMSystemen … aber fast alles was im rahmen des indiewebs entwickelt wird, ist natürlich open source. das was ich mit der indiewebifizierung meines blogs in ein paar wochen gemacht habe, konnte ich trotz programmier-analphebetismus in wenigen wochen abendfreizeit umsetzen, dank der grandiosen vorarbeit von vielen indiewebmenschen.

das ist alles kein erfolgsgarant, oder ein mittel schnell die massen, „alle“ zu begeistern und zum mitmachen zu motivieren, aber es ist eine sehr lebendige gemeinschaft, die ich als sehr hilfsbereit und kompetent erfahren habe. so ähnlich hat sich das auch zur frühzeit (in der steinzeit) der „blogoshäre“ angefühlt.

insofern ist die frage warum sich niemand für das indieweb interessiere eigentlich falsch gestellt. für das indieweb interessieren sich nicht alle, aber sehr viele. und das ist zum teil auch absicht, weil die technologieen alle noch nicht reif für einen massenmarkt sind, richtet sich das indieweb bisher explizit nur an entwickler und designer.

da ich aber weder entwickler, noch designer bin, hat mit meinen interesse am indieweb wohl bereits die popularisierung des indiewebs begonnen. und auch wenn die konzeptionellen zugangsschwellen noch recht hoch liegen, ich rufe gerne dazu auf, sich das alles mal näher anzusehen, denn der nutzen und der spass an diesen technologien ist grossartig.

* * *

relativ gefahrlos und mit niedriger einstiegsschwelle kann man sich diese technologien übrigens mit withknown.com ansehen. eine gehostete und selbst-installierbare blogsoftware, die viele indiewebtechnologien bereits eingebaut hat.

* * *

[nachtrag 11.09.2015]
aufzeichnung des vortrag auf youtube:

youtube-video
youtube

peter turi über turi2.de: ein hahn ohne libido

felix schwenzel, in wirres.net    

ist mir jetzt erst aufgefallen, auf turi2 gibt’s seit ein paar monaten keine kommentarfunktion mehr. und was sagt der chef und app-entwickler peter turi dazu?

Ein Blog ohne Kommentarfunktion ist wie ein Hahn ohne Libido.

hm. das hat er natürlich nicht über seine eigene libido sein eigenes blog gesagt, sondern über das bildblog. vor 10 jahren.

auf turi2.de (veröffentlichungsjahr 2007) ist aber auch zu lesen, dass man sich ohne kommentarfunktion einer diskussion „entziehen“ würde:

… die Lektüre trotz flotter Schreibe mitunter zäh werden lassen. Zumal sich „Bildblog“ einer Diskussion seiner Inhalte entzieht, indem er die Kommentarfunktion abgeschaltet hat.

* * *

turi2 ist jetzt ja auch eigentlich turi3, sagt peter turi (veröffentlichungsdatum ende 2014):

turi3 ist der Newsstream der Branche. […] Optimiert für Smartphones können Medienmacher zu jeder Tages- und Nachtzeit bei uns sehen, suchen und kommentieren, was weltweit in der Medienbranche gerade passiert und diskutiert wird.

und dann kommt „turi3“ so libidolos daher:

libodoloses turi3

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[nachtrag 03.06.2015]

peter turis erklärung: it’a fehler, not an absicht.