wie ich lernte die überwachung zu lieben

felix schwenzel,    

das ist, auf vielfachen wunsch, die verschriftlichte version meines vortrags auf der republica 2014.
die aufzeichnung des vortrags vom 8. mai liegt hier auf youtube.

* * *

dienstag habe ich mir den vortrag von friedemann karig angesehen.
das thema hiess „Überwachung macht impotent!“ – Neue Narrative gegen Überwachung

youtube-video

direkt youtube-link


war ein guter vortrag, allerdings war die einletung etwas lang.

die einleitung hat ungefähr 49 minuten gedauert.

die einleitung hat ungefähr 49 minuten gedauert.

dem eigentliche thema, „Neue Narrative gegen Überwachung“, hat friedmann karig dann 5 oder 10 minuten gewidmet. unter anderem hat er dann 3 neue (beta) narrative präsentiert.

für meinen vortrag hatte ich auch ne irre lange einleitung.

für meinen vortrag hatte ich auch ne irre lange einleitung.

das thema der einleitung war angst. und zwar, dass wir alle angst haben. die regierungen vor terroranschlägen, die sicherheitsbehörden vor dem erneuten versagen und ihrer eigenen inkomptenz, wir vor dem staat der offenbar die demokratie zerstören will und es nicht schafft uns zu schützen.

wobei wir auch sehr anspruchsvoll sind:

  • wir wünschen uns sicherheit vor dem staat, also starke grundrechte.
  • wir wünschen uns aber auch einen starken staat mit effektiven ermittlungsbehörden. wenn es zum beispiel um die verhinderung von nazi-aufläufen geht, oder die aufklärung oder verhinderung der taten von nazi-mordbanden geht.
  • bis jetzt waren wir, wie unsere europäischen nachbarn, ganz froh, aussenpolitisch nicht allzu souverän zu sein, neuerdings wünschen wir uns aber ein starkes deutschland, ein deutschland, dass uns sicherheit vor ausländischen geheimen mächten bieten kann.

aber vor allem war das thema der einleitung, die ich gestern auf anraten meiner frau komplett aus dem vortrag geworfen habe, dass wir alle keine ahnung haben.

Wir laufen der Zeit hinterher und wissen überhaupt nicht, wie wir als Gesellschaft mit diesen technologischen Entwicklungen umgehen sollen.
— Juli Zeh

dieser satz von juli zeh ist übrigens eine elegante umformulierung eines bekannten ausspruchs unserer bundeskanzlerin. juli zeh spricht eigentlich von #neuland.

ich glaube wir hätten diesem merkel-wort nicht mit arroganz und internetversteher-obercheckertum begegnen sollen. sondern mit einem eingeständnis:

stimmt. das internet ist neuland. auch für uns. wir laufen nicht nur den technologischen entwicklungen hinterher, sondern auch den gesellschaftlichen — und zwar wir alle, nicht nur die politik.

wir stehen vor einem wald, der in flammen steht und sind schockiert, dass dieser wald den wir jahrelang gehegt und gepflegt und geliebt haben, plötzlich lichertoh brennt.
wir stehen davor und fragen uns wie das passieren konnte.
neben uns stehen menschen, die tanzen und sich freuen, dass nur der wald brennt und nicht ihre hütten am waldrand.

irgendwo steht sascha lobo und schreit:

tut doch was! irgendwas! spendet der feuerwehr geld! los! tut was!

was ich sagen will:

  • wir wissen nicht wie es passieren konnte.
  • wir wissen nicht was passiert ist.
  • wir wissen nicht was wir dagegen tun können und vor allem gegen wen oder was wir kämpfen sollen.
  • wir wissen nicht wie wir aus dem schlamassel wieder rauskommen sollen.
  • uns ist — wenn wir ehrlich sind — das lachen über merkels #neuland-spruch im hals stecken geblieben.
drei neue narrative von friedemann karig

deshalb hat friedemann karig 49 minuten gebraucht für seine einleitung, um am ende drei vorschläge zu machen, wie wir die gefahr umschreiben könnten.

vorschläge von sascha lobo, wie wir die, die für totalüberwachung verantworlich sind, künftig nennen

deshalb hat sascha lobo 2 stunden gebraucht, um eine handvoll vorschläge zu machen, wie wir die, die für totalüberwachung verantworlich sind, künftig nennen könnten.

jetzt hab ich meine einleitung weggeworfen — aber wie finde ich jetzt meinen einstieg?

vielleicht sollte ich als einstieg einfach mal sascha lobo widersprechen?

sascha — und viele anderen — meinen ja, mann müsse die regierung (oder die SPD) überzeugen uns zu schützen. wir sollten druck erzeugen, damit die politiker verstehen und unsere interessen (und rechte) schützen.

sog statt druck

vielleicht ist das zu semantisch, aber erstens bin ich der überzeugung, dass sog besser wirkt als druck.

zweitens: zu verlangen dass der staat uns vor überwachung schützt, ist ein bisschen wie das verlangen, dass der staat uns vor bürokratie beschützen solle.

drittens: ich bin nicht sicher ob die bundesregierung druck braucht. ich glaube es herrscht durchaus überwachungsaffärendruck in der regierung. schliesslich ist nicht nur die regierung selbst (und wahrscheinlich einige andere verfassungsorgane) abgehört worden, ich gehe auch davon aus, dass die wirtschaftslobby kräftig druck macht wegen wirtschaftsspionage.

was fehlt ist nicht der druck, sondern lösungsansätze.

das sagt sich jetzt einfach, aber haben wir uns nicht immer selbst als internetversteher dargestellt?

das olle netzsperren-beispiel vor ein paar jahren zeigt wie es geht — oder gehen könnte: statt nein, haben wir irgendwann gesagt: löschen statt sperren.
ich glaube das war genau der punkt, der die wende gebracht hat. das war pragmatisch und lösungsorientiert. diesen differenzierten pragmatismus brauchen wir auch jetzt. nicht nur wut!

druck haben kürzlich auch 560 schriftsteller versucht aufzubauen. das wurde vollmundig im zentralorgan der schriftsteller und kulturschaffenden, der zeit, angekündigt:

„560 Autoren wehren sich gegen Massenüberwachung“

über dem artikel stand:

  • 560 Autoren wehren sich gegen Massenüberwachung
  • Hunderte Schriftsteller wehren sich gegen die digitale Ausspähung
  • ein Aufruf soll Bürger weltweit aufrütteln

wow, denkt man da. KÄMPFEN, WEHREN, AUFRÜTTELN!
im artikel ist dann allerdings weniger von „kämpfern“ die rede, als von „unterzeichnern“, die „alle Bürger auf[rufen], ihre Freiheitsrechte zu verteidigen“.
das hat mich zu einer kleinen subjektiven auswahl von grossen momenten des freiheitskampfes inspiriert:

freiheitskampf anno 1830

freiheitskampf anno 1944

freiheitskampf anno 1988

freiheitskampf anno 1989

(CC-BY-SA-3.0-DE, friedrich gahlbeck)

freiheitskampf anno 2013

(CC-BY-SA-3.0, mstyslav chernov)

freiheitskampf anno 2014

* * *

jedenfalls wird juli zeh in diesem artikel so zitiert:

Es wird sich langfristig nur etwas ändern, wenn sich auf breitester Basis durchsetzt, dass Überwachung die Demokratie gefährdet. Und wenn wir Intellektuelle jetzt aufstehen und unsere Meinung laut äußern, ermutigt das andere, es auch zu tun.

mit anderen worten, die führenden intelektuellen der welt rufen dazu auf, dass wir unsere meinung sagen?
und? hat der aufruf erfolg gehabt?

akif pirinçci

(youtube screenshot)

naja. einer ist aufgestanden und sagt jetzt seine meinung: akif pirinçci.
der hat zwar nicht die überwachung als gefährdung der demokratie ausgemacht, dafür aber einen „irren Kult um Frauen, Homosexuelle und Zuwanderer“.

spass (oder zynismus?) beiseite. was ich sagen will ist ernst gemeint: es gibt viele leute, die gesellschaftspolitisch völlig andere schwerpunkte setzen als wir.

oder polemisch ausgedrückt: so bescheuert wir die themen und ängste von pirinci und sarazin finden, so bescheuert finden möglicherweise auch viele unsere themen und befürchtungen im zusammenhang mit der NSA-äffäre. oder zumindest unsere prioritäten.

wir überzeugen niemanden durch dumpfes wiederholen unserer ein- und ansichten, so kristallklar sie uns selbst auch erscheinen mögen.

christian stöcker lässt seit fast einem jahr einen roboter diesen tweet täglich wiederholen, der auf diesen artikel vom 23.6.2013 verweist.

mich erinnert das ein bisschen an mustafa mutlu der seit zweieinhalb jahren vor dem auswärtiges amt protestiert. sein hungerstreik ist schon lange beendet hat, aber trotzdem sitzt oder steht er jeden tag mit seinem hungerstreik-schild vor dem auswärtigen amt und protestiert. bis heute.
zu ostern war mutlu übrigens im urlaub. auf der bank, auf der sonst sitzt, stand ein schild mit der aufschrift: frohe ostern!

überwachung gefährdet die demokratie

nochmal zurück zu juli zeh. ich glaube wir sind an einem punkt angelangt, an dem wir uns eingestehen sollten, dass kaum jemand den satz oben noch hören will. egal wie oft wir ihn wiederholen.
für viele scheint die demokratie trotz totalüberwachung weiterhin gut zu funktionieren.
oder: defizite der demokratie, werden von vielen anders erklärt.

kaum jemand will sein verhalten ändern oder über sein verhalten nachdenken.
niemand überrascht es zu hören, dass die amerikaner sich nicht an gesetze ausserhalb der USA halten — bzw. das die interessen der USA für die USA immer an erster stelle stehen.
niemand überrascht es zu hören, dass amerikanische geheimdienste an der parlamentarischen kontrolle vorbei operieren. ich habe erste berichte darüber gesehen, als ich vor 30 jahren angefangen habe tagesschau zu gucken.

niemand überrascht es, dass die deutsche regierung die eigenen interessen, denen ihrer internationalen partner unterordnet. (ich glaube übrigens, dass das im prinzip nicht die schlechteste wahl ist und auf eine lange geschichte zurückgeht.)

Es lohnt sich, jetzt zu kämpfen, damit die Überwachungsgesellschaft nicht zur akzeptierten Normalität wird.

— sascha lobo

sascha lobo hat letzte woche in seiner kolumne und am dienstag in seinem vortrag davor gewarnt, die normalität als normalität anzuerkennen. im ernst, ich frage mich: ist die überwachung nicht schon längst akzeptierte normalität?

das schliesst nicht aus, dass es sich lohnt widerstand zu leisten und gegen überwachung zu kämpfen.

wobei sich mir aber mehrere fragen stellen:

  • lebten wir nicht schon immer in einer Überwachungsgesellschaft?
  • und hat das internet nicht einfach nur mehr effektivität und eine andere dimension in die Überwachungsgesellschaft gebracht?

oder nochmal anders gefragt:

  • ist überwachung vielleicht nur ein symptom, nicht die ursache des problems?
  • ist überwachung quasi dem wesen des internets — zumindest so wie wir es derzeit nutzen und angelegt haben — inhärent, also eingebaut?
sascha lobo zitiert herbert marcuse

sascha hat das am dienstag auch angedeutet. mit einem marcuse-zitat, der sagte „herrschaft“ sei schon in der konstruktion von technologie mit angelegt. ich zeige den screenshot aber nur deshalb, weil auf meinem foto sascha lobo wie shrek aussieht.

ich glaube sicherheitslücken, datenlecks — und eben auch überwachungspotenziale — sind in die DNA des internets gewoben — murphy's law, „Alles, was schiefgehen kann, wird auch schiefgehen“, gilt auch fürs internet.

bevor ich jetzt postprivacy sage, benutze ich lieber eine weitere analogie:

das internet ist wie der flugverkehr. durch technologie und beschleunigung verkleinert es die welt.
und so wie maschinen, die man mehrere tausend meter über die erdoberfläche beschleunigt, eben auch unkontrolliert zu boden kommen können, fliegen uns — mit und ohne sicherheitsmassnahmen — eben auch hin und wieder mal unsere daten um die ohren. das risiko für daten-GAUs oder flugzeugabstürze lässt sich eindämmen, aber niemals ausschliessen.

man sagt ja immer analogien zum verkehr, funktionieren beim internet nicht. aber trotzdem machts irgendwie jeder:

  • al gore mit seiner datenautobahn
  • ursula von der leyen mit stop-schildern
  • und der verein digitale gesellschaft e.v. mit maut-schildern

der verein digitale gesellschaft e.v. anti-wirbt mit maut-schildern

ich glaube, das internet und überwachung gehören zusammen, wie der strassenverkehr und verkehrstote.
beides ist grässlich, aber jeweils inhärent. die risiken lassen sich reduzieren, aber nie ganz ausschliessen.

in beiden beispielen lässt sich das risiko durch zwei parameter reduzieren:

  • durch eine einschränkung von bequemlichkeit oder freiheit
  • und durch verbesserung von technologie

die entwicklung der sicherheitstechnik beim auto zeigt meiner meinung nach, dass wir durchaus zu einer grossen portion zukunftsoptimismus oder technikgläubigkeit berechtigt sind. die autos und strassen mögen früher hübscher gewesen sein als heute, aber sichererer waren strassen und autos früher eindeutig nicht.

das was sich in den letzten jahrzehnten bei der sicherheit von autos getan hat ist beispiellos. beispielhaft ist aber die implementierung der sicherheitssysteme in automobile.

  • die systeme sind standardmässig aktiviert. niemand muss irgendwas aktivieren oder konfigurieren
  • die meisten systeme schränken den komfort nur minimal ein
  • sicherheit geht immer vor komfort, schränkt den komfort aber meist nicht ein

so wie wir es jetzt unglaublich finden, dass menschen bis in die 70er jahre meist ohne sicherheitsgurt (oder ohne dreipunktgurt) auto gefahren sind, werden wir wahrscheinlich auch in 40 oder 20 oder 10 jahren auf unsere netz-nutzungs-gewohnheiten zurückblicken und sagen:

wie konnten wir uns damals so leichtsinnig sein und unverschlüsselte mails verschicken?
unglaublich: früher haben wir passwörter benutzt?

nochmal zurück zum thema des vortrags. welches thema?

das thema des vortrags

das ist ja eigentlich gar nicht das thema, sondern eine anspielung auf einen filmtitel.

das thema mit dem ich mich eigentlich beschäftigen wollte, lautet: kann man den überwachungsstaat eigentlich schlagen? vor allem: wie?

In dem Moment in dem ich meinen Feind verstehe, ihn gut genug verstehe um ihn zu schlagen, in genau diesem Moment liebe ich ihn auch.

— Andrew (Ender) Wiggins

das zitat aus enders game impliziert das verständnis des gegners mit das wichtigste ist.
um den vortrag vorzubereiten habe ich beispiele gesucht, in denen der staat durch proteste zum einlenken gezwungen wurde (siehe: sog statt druck) und wo man es auch gegen eine öffentliche mir-doch-egal-haltung schaffte, eine breite öffentliche wirkung zu erzielen. das folgende ist jetzt ein kurzer exkurs in die 60er jahre.

Protest observer in Birmingham, Alabama, USA, on 3 May 1963, being attacked by police dogs during a

(bildquelle)

bill hudson nahm dieses foto am 3. mai 1963 in birmingham, alabama auf.
man sieht auf dem bild einen sehr jungen schwarzen bürgerrechtler, der von einem polizeihund angegriffen wird. viele sind der meinung, dass die proteste in birmingham und vor allem dieses bild die entscheidende wende im kampf gegen die rassentrennung brachte.

birmingham war damals eine der am gründlichsten und radikalsten rassengetrennten städte der USA. die bürgerrechtsbewegung hatte jahrelang gegen rassentrennung und benachteilungung schwarzer bürger gekämpft, aber mit diesem foto schien sich plötzlich der wind zu drehen.
ein jahr nachdem dieses foto auf den titelseiten der nyt und vieler anderer tageszeitungen erschien, verabschiedete der US-kongress den civil rights act von 1964. die proteste in birmingham galten als der ausschlaggebende grund für dieses gesetz.

zuvor hatte martin luther king und seine bewegung neun monate vergeblich versucht in albany, georgia gegen die rassentrennung zu protestieren — ohne nennenswerte erfolge. vor allem, weil der polizeichef laurie pritchett es verstand (fotogene) gewalt beim umgang mit den protestierenden zu vermeiden.

in birmingham waren die bürgerrechtler ständig in lebensgefahr. einer der ansässigen bürgerrechtler, fred shuttlesworth, entging knapp einem bombenanschlag des kkk.

in birmingham versuchten die bürgerrechtler es mit konfrontation (project c, für confrontation). mit dem project c und den gewaltfreien protesten sollte bundesweite aufmerksamkeit auf die „the biggest and baddest city of the South“ gelenkt werden. in der ersten phase setzten sich schwarze auf für weisse reservierte plätze, liessen sich mitunter bespucken, festnehmen und verprügeln. bedient wurden sie nie.

das ziel war, die lokalen gefängnisse mit bürgerrechtlern zu füllen. der plan ging nicht auf, da nicht ausreichend viele der protestierenden festgenommen wurden, um die funktionsfähigkeit der stadt zu beeinträchtigen.

auch die eskalation durch eine provozierte festnahme von martin luther king brachte nicht die gewünschten erfolge, vor allem gab es immer weniger freiwillige die bereit waren sich festnehmen zu lassen.

in einer weiteren eskalation begannen die bürgerrechtler kinder und jugendliche für die proteste zu rekrutieren und zu schulen. an einem der ersten protesttage wurden 600 schüler festgenommen, der jüngste war 8 jahre alt. ingesamt führte dieser tag zur festnahme von 900 personen.

weil die gefängnisse nach ein paar tagen voll waren, versuchte der polizeichef in den folgenden tagen die protestierenden mit wasserwerfern und hunden aus den strassen zu vertreiben.

das bild vom 3. mai 1963 rief so starke reaktionen hervor, dass es nicht nur eine profunde wirkung auf die welt ausserhalb von birmingham hatte, sondern auch die reihen hinter martin luther king schloss. dessen art die proteste zu planen und zu führen, war zuvor in der schwarzen community heftig umstritten.

der junge auf dem bild heisst walter gadsden. er war damals 15 jahre alt. seine familie war eher konservativ und besass zwei tageszeitungen in birmingham, die king scharf kritisierten. gadsen kam zu den protesten eigentlich nicht als protestler, sondern als zuschauer.

* * *

weshalb ich das erzähle?
weil ich mir einbilde parallelen von der bürgerrechtsbewegung der 60er jahre zur grundrechtsbewegung 2014 zu sehen.

die bürgerrechtsbewegung damals

  • hatte keinen besonders breiten gesellschaftlichen rückhalt (im gegenteil) und
  • weder der kongress noch das weisse haus hatte interesse an reformen. kennedy sympathisierte zwar mit den zielen der bewegung, sah sich aber wahrscheinlich nicht in der lage reformen durchzusetzen
  • die bürgerrechtler und ihre methoden (vor allem kinder einzusetzen) wurden auch von schwarzen heftig kritisiert
  • die probleme der schwarzen waren vielen amerikanern egal oder es war ihnen unangenehm darüber nachdenken zu müssen (wer nicht schwarz ist, hat auch nichts zu befürchten)

erst jahrelanger, mühsamer und lebensgefährlicher protest, mit ständig verfeinerten strategien, führte zu ersten reformen.

durch die provokation der staatsmacht, entstanden starke, symbolische bilder, die als projekttionsfläche dienen konnten. noch wichtiger. die proteste zeigten, dass man mit gezielter provokation, mut und gewaltlosigkeit, eine position der schwäche in eine position der stärke verwandeln kann.

schwäche in stärke verwandeln

das bild auf dem gadsen von polizeihunden angegriffen wird, kommt übrigens nicht ohne einen kleinen taschenspielertrick aus.

wenn man genau hinsieht, sieht man, dass gadsen sich nicht wehrlos vom hund angreifen lässt, sondern dass er sein knie in richtung des hundes bewegt. es hiess später im lager der protestierenden, gadsen habe dem hund den kiefer gebrochen.

* * *

können wir da was draus lernen? wie können wir den überwachungsstaat schlagen?

1 aufbauschen
das erste problem das ich sehe ist das rhetorische aufbauschen. auch, und vor allem, von uns.
ständig beschwören wir die demokratie-apokalypse.
die gefährdungen der demokratie die wir an die wand malen sind für viele nicht nachvollziehbar
ein bisschen haben wir das gleiche problem wie die us-regierung vor ihrem letzten einmarsch in den irak. für dessen legitimierung wurde die gefahr aufgebauscht.

i am not convinced!

was joschka fischer und viele deutsche allerdings nicht überzeugte.

wenn wir andere (und uns selbst) überzeugen wollen, müssen wir besser argumentieren. we have to make our case. wir müssen die realen gefahren besser herausarbeiten. ohne colin-powel-taschenspielertricks.
sascha lobo hat „diese überwachung“ mit radioaktivität verglichen. unsichtbar, unschmeckbar, vage (aber gefährlich). ich frage: wo sind die strahlenopfer? auch markus beckedahl vermisst die toten robbenbabies des überwachungsskandals.

2 gegen wen?
wir wissen nicht wer unser gegner ist und wir wissen nicht was unser ziel ist (ausser der rettung der demokratie).

sind wir gegen die NSA? GHCQ? FSA? BND? BKA? FBI? CIA? den chinesischen geheimdienst? die einwohnermeldeämter?

sind wir gegen die grossen netzkonzerne? eher gegen google oder facebook? gegen kleine startups, die besonders lässig mit benutzerdaten umgehen?

sind wir gegen die bundesregierung? für eine starke bundesregierung? für ein no-spy abkommen? für mehr staatliche souveränität, gegen unsere verbündeten?

sind wir gegen die datenweitergabe zwischen „befreundeten“ geheimdiensten?
wenn ja, wollen uns also voll und ganz auf unserer eigenen dienste verlassen?
wohin deren kompetenzen führen, hat kürzlich auch einen untersuchungsausschuss beschäftigt.

sind für mehr parlamentarische kontrollen? nur wo dann? erstmal nur in deutschland? was ist mit den USA? in GB? in china?

wollen wir mehr datenschutz? wenn ja, datenschutz eher in der ausprägung eines thilo weichert oder eines peter schaar? wäre thilo weichert ein guter bundeskanzler?

wenn wir gegen videoüberwachung protestieren, müssen wir dann nicht auch gegen das instagrammen von menschen ohne schriftliche genehmigung sein?

ich habe kürzlich thomas gottschalk am kollwitz-platz gesehen. der hat dort (wahrscheinlich) mit seinen enkeln gespielt. mein erster impuls war: foto! mein zweiter: twitter! mein dritter: wieso eigentlich?

ich wiederhole mich, aber ich glaube es ist nicht übertrieben zu behaupten, dass uns nicht mal ansatzweise klar ist

  • gegen was wir kämpfen
  • wer der gegner ist
  • wie lösung aussehen könnten
  • und wie wir diese lösungen erreichen, bzw. erkämpfen wollen

3 symbole
uns fehlen die narrative, oder genauer, die symbole. vor allem symbole die zur projektion geeignet sind.

gegen bestimmte überwachungs-verherrlichungs-narrative der amerikaner kommen wir allerdings ganz schwer an.

situation room des weissen hauses anfang mai 2011

hier konstruiert die US regierung eines der mächtigsten narrative zur rechtfertigung ihres überwachungsapparats.
das bild was hier konstruiert wird, ist stärker als jedes tote robbenbaby.

bin laden dead

gegen ein narrativ, dass so simpel ist, dass man es in den sand zeichnen könnte, kommt man schwer an.

wir kämpfen mit den angestaubten begriffen unserer elterngeneration:

  • Datenschutz
  • Privatsphäre
  • Gläserer Bürger

aus der stasi 1.0-überwachung liessen sich wirksamere visualisierungen von unrecht konstruieren.
das liegt vor allem daran, dass die überwachung schreckliche, sichtbare folgen hatte. für tausende menschen. über jahrzehnte hinweg.
die (konkreten) opfer des modernen überwachungsstaats lassen sich (zumindest im westen) an ein paar händen abzählen. glaub ich.

was uns bitter fehlt, sind bilder, symbole dieser art.

Late August 1961. An East German guard jumps to freedom in West Berlin.

dieses bild hat sog!

4 umdenken
wir müssen umdenken können lernen.

[Die neuen Herausforderungen] erfordern […] eine veränderte Sichtweise und die radikale Abkehr von bisher für selbstverständlich hingenommenen Denk- und Handelsweisen. Denn eines ist klar: Vieles wird nicht mehr so sein, wie es einmal war.

das hat martin weigert 2009 geschrieben um den wandel im handel, kultur- und medienbereich zu umschreiben.
das gesagte gilt aber eigentlich auch für unsere sicht auf privatsphäre und freiheit. die konzepte für privatsphäre und freiheit haben sich in den letzten 4000 jahren immer wieder gewandelt und den gegebenheiten angepasst.

technologie ist dem rechtssystem immer weit voraus

die dinge sind jetzt besonders im wandel, weil die technologie das recht vor sich hertreibt. im positven wie im negativen: technologie ist dem rechtsystem immer weit voraus.
wie wir die technologie im rechtsystem verankern wollen, müssen wir diskutieren und neu-denken.
wir sind weder die krone der schöpfung, noch sind unsere derzeitigen konzepte von privatsphäre und freiheit die kronen der philosophie oder soziologie. da ist noch platz nach oben, links und rechts.

Aus Angst vor Veränderungen, die sie nicht kontrollieren können oder die sie dazu zwingen würden, sich selbst zu verändern, wählen [Konservative] die Bequemste aller Lösungen, den Stillstand.

das hat ronnie grob über konservative geschrieben. wenn man das so liest, müsste uns klar werden, dass wir auch sehr, sehr konservativ sind — zumindest wenn es um unsere eigenen rechte und privilegien geht.

5. stop worrying
ich habe das gefühl, wir sind die einzigen sind die wütend sind. unsere wut ist aber nicht ansteckend. unsere wut und ungläubigkeit angesichts der monstrosität der totalüberwachung macht uns auch blind für das wesentliche.

sorge dich nicht, verbessere

.

  • wir sollten unsere wut in konstruktive, pragmatische lösungen fliessen lassen
  • wie umgehe ich überwachung? wie kann die sicherheit der kommunikation verbessert werden? wie lassen sich gefährdete menschen schützen?
  • sicherheit muss leichter, integrierter, inhärenter werden.
  • die sicherheitssysteme beim auto sind beispielhaft, vor allem in der bedienung.

wir müssen den dreipunktgurt neu erfinden!

6. play the system
ich habe immer gerne geglaubt, dass geheimdienste vor allem deshalb im geheimen werkeln, um ihre inkompetenz und unfähigkeit zu verbergen.
das ist wie mit den scheinriesen. wenn sie weit weg sind erscheinen sie monströs, je näher man ihnen kommt desto kleiner erscheinen sie.

geheimdienste sind vor allem deshalb effektiv, weil sie es schaffen, angst und schrecken zu verbreiten.
wir haben aber dank snowden neuerdings einen entscheidenden strategischen vorteil: wir wissen wie sie arbeiten.
warum haben wir diesen vorteil bisher so wenig genutzt?

um starke bilder zu bekommen, brauchen wir provokation. in diesem sinne ganz famos wäre zum beispiel, wenn nach einer snowden befragung der NSA-untersuchungsausschuss geschlossen in die USA reisen würde und dort festgenommen würde. festgenommene deutsche parlamentarier in guantanamo bay — was für ein bild! welch einen sog das erzeugen würde!
die täter benennen hat sich sascha ausgedacht. finde ich super.
und wie das mit dem spott aussehen kann, sieht man, wenn man in diesem video in dem glenn greenwald mit dem ehemaligen NSA chef michael hayden debattiert (link zum video, link zu sekunde 4364).

glenn greenwald vs. michael hayden

diese art von gesichtern von NSA-verantwortlichen, möchte ich in der nächsten jahren gerne öfter sehen.

ich könnte die liste noch weiter führen. aber jetzt hab ich keinen bock mehr.
wichtig ist: es gibt wege unsere schwäche in stärke umzuwandeln.

* * *

unbeantwortet ist aber immer noch die frage, warum ich denn jetzt die überwachung zu lieben gelernt habe.
erstens: das war ein scherz. eine provokation. irgendwas musste ich ja beim call for papers schreiben.
zweitens: weil ich glaube, dass man seinen arsch nur hochbekommt, wenn man getreten wird.
also ich zumindest.
drittens: die überwachung hilft uns das eigentliche problem zu erkennen
und viertens: dank totalüberwachung erinnern wir uns wieder daran, dass freiheit nicht gegeben, sondern genommen wird.

überwachung ist ein symptom

im prinzip steht auf dieser folie übrigens das gleiche wie von sascha lobo kürzlich in die FAZ geschrieben:
das internet ist kaputt, aber wir können es reparieren

diese schale war mal kaputt. irgendwer hat sie repariert. die technik heisst kintsugi. kintsugi ist eine kunstform die keramik mit gold- oder silber-lack repariert und die ansicht vertritt, dass etwas schöner werden kann, wenn es vorher zerbrochen war.
die schönheit des kaputten — oder eben, wenn man so will — internetoptimismus.

aber es gibt auch einen grund, warum ich diese total-überwachungs-scheisse hasse. der wichtigste grund, etwas gegen die totalüberwachung der überwachungsesoteriker zu tun?

wir müssen alles tun, damit sascha lobo wieder witzig wird!

* * *

ich möchte vor allem dem internet danken, ohne das ich diesen vortrag (über das internet) nicht hätte vorbereiten können. sehr viel inspiration habe ich aus malcolm gladwell’s buch „David and Goliath: Underdogs, Misfits and the Art of Battling Giants“ gezogen. viele dinge sind mir während der recherche in meinem RSS-feed entgegen geflogen, ein grosser teil über stellar.io. ganz wichtig war das frühe gegenlesen von patrcia cammarata und der beifahrerin. dank der beiden habe ich den vortrag einigermassen straffen und aufs wesentliche reduzieren können. dank geht auch an die republica, auf der ich durch gespräche und vorträge noch einiges an input für den vortrag aufnehmen konnte. eine oft unterberichtete eigenschaft der republica ist nämlich, dass sie sehr, sehr gut zum nachdenken anregt. und vielen dank an das super freundliche und positive publikum, das einzige publikum der welt, dass über keynote-effekte lachen kann.

* * *

hier nochmal die video-aufzeichnung eingebettet:

youtube-video

direkt youtube-link

rp14, mein plan für tag eins

felix schwenzel,    

beim tagesspiegel-interview hatte ich meine session-planung natürlich noch nicht gemacht und deshalb lediglich die rede zur lage der nation empfohlen. heute sieht mein plan für die republica so aus:

reeder vs. unread

felix schwenzel,    

ich bin ein grosser fan der RSS-leseapp reeder. ich synchronisiere sie seit ein paar jahren mit meiner fever-installation. morgens und abends im bett, sowie auf dem weg zur und von der arbeit verbringe ich täglich ein paar stunden mit der reeder-app. ich kann nicht sagen dass ich unzufrieden bin, die app funktioniert hervorragend offline, also in den berliner u-bahn schächten, die eine no-go-area für das internet von o₂ zu sein scheinen. reeder speichert die meisten beitragsbilder für offline-zugriff und vor allem funktioniert auch das abspeichern von pinboard- oder instapaperlinks in der u-bahn zuverlässig (indem die links an die jeweiligen server übertragen werden, wenn wieder netz verfügbar ist).

reeder

ansonsten mag ich es sehr, dass ich mit dem reeder einerseits angenehm lesen kann und andererseits wirklich schnell durch die feeds huschen kann.

es gibt aber auch ein paar sachen die mich am reeder nerven.

  • er stürzt er zu oft ab. aus meiner sicht grundlos, meistens wenn ich ein bookmark speichern möchte
  • wenn ich den reeder aus dem hintergrund zurückhole zeigt er mir meistens den letzten offenen artikel an (leider oft nicht an der letzten leseposition). manchmal tauscht er diesen offenen artikel dann aber während des synchronisierens im hintergrund aus unerfindlichen gründen mit einer weissen seite aus.
  • ein bookmark zu speichern benötigt mindestens 3 klicks (noch mehr, wenn der reeder abstürzt): klick auf das sharing-symbol, klick auf das pinboard-symbol, klick auf das ok-speichern-symbol. zudem sind die beiden ersten symbole im unteren bildschirmbereich, das OK-symbol aber ganz oben rechts. das überfordert leider meistens meinen daumen und erfordert ein umgreifen.
  • der entwickler silvio rizzi hat die app schon seit monaten nicht mehr aktualisiert was ich angesichts der offensichtlichen bugs ein bisschen enttäusched finde.
unread

wegen dieser problemchen war ich offen den RSS-leser unread auszuprobieren, von dem ich gestern erstmals hörte. tatsächlich macht diese app einiges besser. bei der einrichtung der accounts (bei mir fever und pinboard) bietet die app einen link zur 1password-app, zum nachsehen des passworts. sehr praktisches detail. das speichern eines links bei pinboard erfordert nur noch zwei klicks ohne daumenverrenkung — und einen wisch. die artikel lassen sich auf dem gesamten iphone-bildschirm lesen, überflüssige bedienelemente sind komplett ausgeblendet.

durch den (zeitweiligen) wechsel der app sind mir aber auch gleich wieder die sachen aufgefallen die ich am reeder sehr zu schätzen gelernt habe:

  • im reeder kann ich bilder mit einer (pinch-) handbewegung vergrössern (sehe gerade, in unread gehts per klick und pinch)
  • im reeder gibt es eine readability-funktion mit der ich (solange ich online bin) gekürzte RSS-feed-artikel nach einem klick im volltext lesen kann
  • unread scheint pinboard links die ich abspeichere während ich u-bahn offline bin nach einem vergeblichen versuch und einem hinweis zu verwerfen. das ist leider ein K.O-kriterium. explizit gespeicherte informationen dürfen beim heutigen stand der technik nicht einfach verloren gehen. da nützt auch eine hochglanzoberfläche nichts, wenn dahinter scherben liegen. beim reeder ist mir bisher, trotz vieler abstürze, noch nichts verlorenen gegangen.
  • uninteressante artikel kann ich im reeder mit einem button überspringen. in unread muss ich sie wegwischen, bei langen artikel unter umständen sehr weit.
  • reeder aktualisiert sich nicht von alleine im hintergrund. unread schon. das heisst wenn ich morgens oder abends in die u-bahn gehe und vergessen habe den reeder vorher 3 minuten laufen zu lassen, sitz ich mit stunden- oder tage-alten artikeln in der u-bahn.

unread ist super detailverliebt und ambitioniert. eine wunderbare app. ich glaube, ich könnte mich an die minimalistische art zu lesen gewöhnen. reeder scheint gerade nicht besonders viel aufmerksamkeit vom entwickler zu bekommen — obwohl ich finde dass er diese aufmerksamkeit gut gebrauchen könnte, wenn er die beste RSS-leseapp bleiben will. denn unread ist ihm dicht auf den fersen, spätestens wenn unread keine daten mehr verliert, drohe ich umzusteigen.

heinsberg

felix schwenzel,    

symbolbild für heinsberg (in heinsberg aufgenommen)

zu ostern sind wir wieder zu den schwiegereltern der beifahrerin gefahren. über cardelmar habe ich bei europcar ein auto für 153 euro vom karfreitag bis zum dienstag nach ostern gemietet. die mietwagenqualifizierung war CDMR, was laut mietwagen-talk.de bedeutet, dass das auto c-ompact sei, 4 d-üren hat, m-anuell geschaltet wird und klimatisiert sei. bei europcar bekäme man dafür ein auto wie den skoda yeti, einen opel meriva oder einen golf 1.6 TDI. ausgehändigt wurd mir dann aber ein golf GTI. die beifahrerin sagte, als sie das auto sah, nur ein wort: „spoiler!“.

mich hats gefreut, weil an dem auto fast alles automatisch ist. die temperatur im innenraum, die scheibenwischer, die aussenbeleuchtung, stauanzeige und umfahrung — ausser gas geben, einen der 7 gänge einschalten und bremsen muss man fast nichts tun. man kommt auch sehr schnell voran, bis die beifahrerin einen anschreit, man solle jetzt bitte sprit sparen.

jedenfalls stand ich mit dem golf GTI und der beifahrerin auf der rückbank gestern vor einer filiale der kreissparkasse heinsberg. wir warteten auf meinen vater, der sich gerade am geldautomaten bargeld kaufte. in der sparkasse sprach ihn eine frau an, die sich sorgen über den golf GTI vor der tür machte. sie meinte zu meinem vater, dass der wagen aus hamburg sei und der fahrer „eigenartig“ aussähe.

die dame machte sich sorgen, überfallen zu werden. da die leute in heinsberg meinem vater zu vertrauen scheinen, konnte er sie mit dem hinweis beruhigen, dass der eigenartige typ draussen im golf sein sohn sei.

interessant finde ich jedenfalls, dass es tatsächlich leute gibt, die golf GTI ernst nehmen.

the barn

felix schwenzel,    

no laptops

dinge die in the barn verboten oder ungern gesehen sind:

  • kinderwagen
  • laptops
  • hunde
  • aufs klo gehen (es gibt kein klo)
  • milch und zucker im filterkaffee
  • kaffee vor 8:30 uhr
  • reservierungen

wenn auch nicht explizit ausgeschlossen wie die oben genannten punkte, vermute ich, dass in the barn auch weisse socken, sandalen, shorts, basballschläger, clownskostüme und motorsägen ungern gesehen sind. gern gesehen scheinen jedoch vollbärte und dicke brillengläser, baseballkappen und wollmützen zu sein.

witzigerweise, auch wenn der erste teil dieses textes so interpretiert werden könnte, stören mich die vorschriften der barn-betreiber nicht im geringsten. im gegenteil. mich erinnert der besuch in the barn ein bisschen an einen besuch in einem restaurant im new yorker china town vor ein paar jahrzehnten. dort sprach niemand englisch (oder alle taten so), die speisekarte war ausschliesslich chinesisch und niemand machte sich die mühe auf meine gewohnheiten einzugehen. wenn ich mich recht erinnere suchte ich mir zwei sachen von der karte nach preis aus und liess mich überraschen.

der deal lautete: euer laden, eure regeln, ich lasse mich da heute gerne drauf ein und wenn ich glück habe, erlebe oder schmecke ich etwas, was ich vorher noch nie geschmeckt habe. eigentlich ist das bei fast jedem restaurantbesuch (nicht nur im ausland) so und andererseits natürlich auch der grund, warum mcdonalds und subway (oder starbucks) international so erfolgreich sind: das risiko des unbekannten und neuen will nicht jeder ständig eingehen. weil experimente oder sich auf fremde oder neue geschmäcker und gewohnheiten einzulassen auch schiefgehen und im ekel enden kann.

soll mir also recht sein, wenn man in the barn sagt:

Our handbrewed coffees have a spectacular range of notes and flavours. They are roasted lightly and with great care to bring out the individual characteristics of a bean. We only serve these coffees without milk or sugar to showcase those fantastic flavours.

am samstag hab ich mir dort dann also (auf empfehlung von bosch) einen kaffee aus der aeropress bestellt. der wurde mit erstaunlich wenig kaffeepulver und erstaunlich viel wasser zubereitet, so dass ich am ende ein kännchen duftenen filterkaffee hatte. die barista meinte, als sie ihre nase über das fertige produkt hielt, dass der kaffee nach sherry röche. auf meine frage, ob das was gutes sei, nickte sie.

wie ich das bereits von meinen eigenen aeropress-experimenten kenne fehlte dem kaffee jede bitterkeit. er hatte in der tat einiges an aromen zu bieten, aber leider auch ein paar saure noten. nicht unangenehm, im gegenteil, aber merklich. in der asiatischen küche kontert man die sauren noten mit süsse, aber das ist bei den filterkaffees in the barn, wie gesagt, verboten:

We do advise not to use sugar for various reasons but mainly because it distracts from wonderful coffee flavours. However, if you must we offer Whole Cane Sugar from dried unrefined natural sugarcane juice.

weil zucker vom geschmack ablenkt, bietet man also zur not eine zuckerart an, die einen sehr starken (karamelligen) eigengeschmack hat. ich benutze auch seit jahren fast ausschliesslich vollrohrzucker im kaffee, aber das mit der logik ist bei the barn wohl eher zweitrangig.

wie gesagt, ich mag das konzept der barn: einen laden um ein gutes produkt herum aufbauen und das so pur wie möglich zu verkaufen, auch auf die gefahr hin damit bevormundend oder elitär zu wirken. trotzdem werde ich wohl nicht zum stammkunden dort werden. einerseits weil ich mir mittlerweile zuhause nicht nur guten kaffee machen kann, sondern auch, weil ich den dann auch so trinken kann wie ich es mag: vor einem laptop, vorm fernseher, mit zucker, ohne zucker, mit milch, ohne milch, mit bier oder ohne bier. und nach dem kaffee aufs klo gehen ist auch was tolles.

obwohl einen flat white, ich glaube das ist ein kaffee mit demeter-milchschaum, werde ich dort irgendwann nochmal probieren.

übersetzungslücken

felix schwenzel,    

  • original: „Now, if you’ll excuse me, I have to go grind a gap in my front teeth.“
  • übersetzung von faz-redakteur michael hanfeld: „Wenn Sie mich nun entschuldigen, ich muss die Lücke zwischen meinen Vorderzähnen schließen.“
  • übersetzung google translate: „Nun, wenn Sie mich entschuldigen, 1 müssen an Dann gehen die von der Lücke in der My vorderen Zähne.“
  • übersetzung vom bing-übersetzer: „Jetzt, wenn Sie mich entschuldigen, ich muss gehen, eine Lücke in meine Vorderzähne zu mahlen.“
  • meine übersetzung: „wenn Sie mich nun entschuldigen würden, ich muss mir eine lücke zwischen die vorderzähne schleifen“
  • übersetzung der serienjunkies: „Nun entschuldigt mich bitte, ich muss mir eine Zahnlücke in meine Schneidezähne scharben.“

(alternativ ginge natürlich auch ein denglischer gag: „ich muss mir einen briefschlitz in die vorderzähne schleifen“)

ich hab mir kürzlich übrigens auch eine zahnlücke geschliffen, aus gründen.

wettbewerberverzerrung in der faz

felix schwenzel,    

robert m. maier, der gründer eines shopping-portals, dass mittlerweile zu axel-springer gehört, durfte im feuilleton der faz einen text veröffentlichen, der offenbar von niemandem gegengelesen wurde (wie bei mir übrigens auch).

man kann google von sehr vielen seiten aus kritisieren, aber aus der ecke eines sich benachteiligten fühlenden, direkten wettbewerbers verliert kritik sehr schnell an überzeugungskraft. erst recht wenn die kritik so unpräzsise, unstrukturiert und arm an argumenten verfasst wird, wie in diesem fall. anbei ein paar stellen, die mir beim lesen besonders ins auge fielen.

Google baut auf den Suchergebnisseiten immer mehr und immer prominenter Werbung für eine Produkte ein (Google AdWords, Google Shopping).

das mag schon stimmen, aber was sind „eine Produkte“?

So zahlt Google an die Herstellerfirma des wichtigen Ad-Blockers Eyoe, damit diese bestimmte Werbungen nicht mehr blockt. Das ist sicherlich nicht zum Wohle aller Nutzer.

die firma heisst eyeo, der adblocker adblock plus und wenn man sich die mühe macht an adblock plus rumzukonfigurieren, kann man „diese bestimmten Werbungen“ durchaus blocken. beeindruckend finde ich jedenfalls, dass robert m. maier adblocker in der faz als weg zum benutzerwohl bezeichnet und ihm firmen, die gegen adblocker vorgehen, angst machen.

am rande bemerkt, faz.net macht sowohl werbung für adblocker („Fazit: Adblock IE ist eine gelungene Antwort auf Dauerwerbung im Netz“), als auch dagegen.

Über die Einhaltung der Google Guidelines scheint hingegen Google ganz allein zu entscheiden, wie es aussieht, hinter verschlossenen Türen, ohne anderen Website-Betreibern die Chance zu geben, sich zu verteidigen. Was für ein Satz: sich vor Google verteidigen!

finde ich gut, wenn man sich über seine eigenen formulierungen freuen kann. ich frage mich nur, wie sich das mit den journalistischen qualitätsstandards der faz vereinbaren lässt, über die soweit ich weiss auch hinter verschlossenen türen entschieden wird. aber vielleicht gelten die standards bei werbebeiträgen von unternehmern in eigener sache nicht. auch bezahlte werbung redigiert die faz ja nicht, warum sollte sie dann unbezahlte werbung redigieren?

Und wenn sich jemand im Google-Kalender einen Termin mit mir einträgt, kann es wissen, wen ich wann wo treffe, ohne dass ich den Google-Kalender nutzen muss. Damit wird das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung ausgehebelt.

das ist harter tobak, scharf an den grenzen menschlicher und juristischer logik. denn die „informationelle Selbstbestimmung“ würde nach dieser logik möglicherweise auch verletzt, wenn „jemand“ einen termin mit robert m. maier in sein icloud-synchronisiertes iphone oder outlook oder eine klowand einträgt. so gesehen sind adressbücher und kalender wohl unvereinbar mit der informationellen selbstbestimmung.

erstaunlich jedenfalls, eine so fundamentalistische datenschutzansicht in einem blatt zu lesen, dass ganz gut vom adresshandel lebt und dafür kräftig mitlobbyiert hat.

Die Steuern, die Google gegenüber seinen deutschen und europäischen Wettbewerben spart, nutzt es, um in mehr Mitarbeiter, mehr Forschung und Entwicklung sowie mehr Unternehmenszukäufe zu investieren. Dies schwächt die europäischen Firmen, Staaten und letzten Endes Bürger.

mehr mitarbeiter, mehr forschung, entwicklung und unternehmenszukäufe schwächen europa? ich vermute der implizite vorwurf von robert m. maier ist hier, dass google legale steuerspartricks aus den suchergebnissen filtert um die wettbewerber, europa und die bürger zu schwächen.

* * *

nur mal so aus interesse und apropos verschlossene türen. kennt jemand die qualitätsstandards der frankfurter allgemeinen zeitung? sei es beim rausredigieren von fehlern oder dem streichen von sätzen, die so tun als enthielten sie argumente. und kann neuerdings tatsächlich jeder unternehmer einen unredigierten text in der faz unterbringen, wenn er grob in die politische agenda der herausgeberschaft passt?

* * *

nachtrag:

angeblich ist das eine antwort auf robert m. maiers artikel von eric schmidt („Der Google-Verwaltungsratschef antwortet auf alle Kritiker.“): „Die Chancen des Wachstums

kurzkritik the machine (und smaugs einöde)

felix schwenzel,    

the machine: leider ziemlich guter film. itunes fasst ihn so zusammen:

With an impoverished world plunged into a Cold War with a new enemy, Britain’s Ministry of Defense is on the brink of developing a game-changing weapon. Lead scientist Vincent McCarthy (Toby Stephens) provides the answer with his creation, ‘The Machine’- an android with unrivalled physical and processing skills. When a programming glitch causes an early prototype to destroy his lab, McCarthy enlists artificial intelligence expert Ava (Caity Lotz) to help him harness the full potential of a truly conscious fighting machine.

die geschichte (im film, nicht in der kurzbeschreibung) ist überaschend gewendet, zumindest gegenüber den normalen genre-filmen. auch erholsam: ausnahmweise erzählt der trailer mal nicht die halbe geschichte, sondern führt auf falsche fährten. was mir besonders gut gefiel war, dass die musik eindeutig bezug auf frühe 70er und 80er-jahre filme nahm. diese art synthesizer-sounds habe ich schon lange nicht mehr in einem film gehört. auch die anspielungen an west-world, den ich mir vor kurzem extra nochmal angesehen habe, erfreuten mich. ich war von westworld zwar mittelschwer enttäuscht, was aber an veränderten sehgewohnheiten lag, zumindest meinen. die haben sich in den letzten 41 jahren doch sehr verändert. das 2DF hat also, auf ne art, voll recht.

the machine wurde meinen sehgewohnheiten von 2014 sehr gerecht. das ende vom ende ist zwar ein bisschen überpathetisiert, aber der film ist alles andere als doof geschrieben und ein grosses, relativ kurzes vergnügen.

wo ich gerade dabei bin, apropos doof geschrieben. der hobbit teil 2 (smaugs einöde) war ja ganz unterhaltsam und technisch makellos. aber einen solchen bescheuerten quatsch hab ich mir schon lange nicht mehr von einem film erzählen lassen. dutzende genetisch modifizierte kampfmaschinen, ein drachen und dutzende andere gegner werfen sich teilweise schwer bewaffnet auf einen haufen zwerge und einen hobbit und denen ist am ende des filmes nicht ein haar gekrümmt? unverwundbarer ist in der filmgeschichte eigentlich nur ein filmheld: james bond. der ist auch seit fast 50 jahren jung und sportlich wie eh und je.

aber im ernst; der hobbit wäre vielleicht etwas überzeugender gewesen, wenn die zwerge und der hobbit ihre stärke aus esprit und geistiger beweglichkeit gezogen hätten und der film sich nicht auf gigantomanische bond-spielereien und unglaubwürdige technikspielereien verlassen hätte, um die haare seiner helden zu schonen. die technikgläubigkeit im hobbit nahm so absurde formen an, dass ich mehrfach beinahe genervt weggeschaltet und gekotzt hätte.

kurz: the machine ist kurzweiliger, intelligenter quark, smaugs einöde eine zumutung für den gesunden menschenverstand.

brand eins eifert schlecky silberstein nach

felix schwenzel,    

heute auf facebook diesen eintrag im brand-eins-facebook-strom gesehen. ein ziemlich witziges video von einem menschen der sagt, dass ihn viele leute fragen würden, wie es sei ein sexsymbol zu sein und dann voll auf die fresse fällt.

* * *

ich finde das von der brand eins eingebettete video sehr, sehr witzig und meine erste reaktion war: „das muss ich auch üben!“ in aller bescheidenheit habe ich kürzlich auch so etwas in der art versucht. leider sehr viel unüberzeugender:

die brand eins schreibt auf facebook:

Wir waren uns uneinig, ob das unter unserem Niveau ist. Wahrscheinlich schon, aber lustig ist es trotzdem.

selbst auf schleckysilberstein.de bekommt man als leser einen tacken mehr information geliefert, nämlich, dass es sich im video „um Schauspieler und Model Taye Diggs“ handelt.

was mich aber ärgert wundert: niemand macht sich die mühe nach dem original und dem kontext dieses videos zu suchen, das, wie man auf den ersten blick erkennt, brilliant inszeniert ist.

nach 2 minuten google-bildersuche und ein bisschen klicki-klicki findet man das original vine-video:

spätestens wenn man sich ein video in der vine-zeitleiste von taye diggs weiter zurück bewegt, wird auch dem letzten horst klar, dass der umfall im video inszeniert war:

* * *

die entscheidende frage ist aber: warum macht sich niemand die mühe die quelle zu finden und zu nennen und postet/shared stattdessen wie ein kopfloser teenager alles stumpf ins facebook oder seine wordpress-installation rein? dass die hohlbirnen von schlecky silberstein christian brandes statt 3 minuten lang das original zu suchen, lieber den von einem trittbrettfahrer auf youtube hochgeladenen abzug postet ist klar. aber die brand eins?

nicht der witz, der humor oder die potenziell erzeugte (falsche) schadenfreude des videos ist unter dem niveau der brand eins, sondern die mangelnde journalistische neugier und der mangelnde journalistische ehrgeiz. wer ist das auf dem video? was macht der da? warum macht er das? fake oder echt? hat der typ noch andere witzige sachen im peto? stattdessen: „harharhar! guckt mal! harharhar.“ — das ist genau das was ich von der brand eins nicht lesen und hören will, genau das gegenteil dessen, was ich an der brand eins schätze.

prat übersetzt leo.org übrigens mit „trottel“.