mejadra (röstzwiebeln mit gewürzten linsen und reis)

felix schwenzel,    

mejadra nach ottolenghi

dieses rezept aus ottolenghis jerusalem-kochbuch ist relativ unkompliziert, dauert aber insgesamt knapp ne stunde. die würzung ist beinahe ein bisschen weihnachtlich, passt aber auch gut ins frühjahr. das beste sind aber die röstzwiebeln. statt mein nacherzähltes rezpet nachzukochen, empfehle ich das jerusalem-buch von ottolenghi zu kaufen und daraus zu kochen. lohnt sich wirklich, wie alle ottolenghi-bücher.

  • 250 gramm grüne oder braune linsen
  • 4 mittelgrosse zwiebeln (ungefähr 700 gramm)
  • 4 esslöffel mehl
  • viel sonnenblumenöl zum fritieren (ungefähr 250 milliliter)
  • 2 teelöffel kreuzkümmelsamen (mag ich nicht, hab gemahlenen kreuzkümmel genommen)
  • 1½ teelöffel koriandersamen (mag auch niemand, hab gemahlenen koriander genommen)
  • 200 gramm basmatireis
  • 3 esslöffel olivenöl
  • ½ teelöffel kurkuma
  • 1½ teelöffel gemahlener piment
  • 1½ teelöffel zimt
  • 1 teelöffel zucker
  • salz und schwaruer pfeffer

die linsen sollen erstmal 15 minuten in ausreichend wasser köcheln (danach das wasser abgiessen). in der zeit kann man die zwiebeln schälen und in feine ringe schneiden. die zwiebelringe mit dem mehl und einem teelöffel salz vermengen und 5-7 minuten portionsweise frittieren (ich hab in ner grossen pfanne zwei portionen geröstet). die zwiebeln sollen nicht zu dunkel werden, also frühzeitig ein bisschen runterschalten.

wenn die zwiebeln fertig sind und das öl fachgerecht entsorgt ist, kann man die gewürze und das öl und den reis und pfeffer in die pfanne tun, die gekochten linsen und 350 milliliter wasser dazu, deckel drauf und bei milder hitze 15 minuten köcheln lassen. nach 15 minuten nochmal, mit aufliegendem deckel, aber ohne hitze, ziehen lassen. erstaunlicherweise ist der reis nach diesen 25 minuten genau richtig.

dann noch die hälfte der röstzwiebeln untermengen und das ganze auf nem teller drappieren. wir haben noch ein bisschen gesalzenen jogurt daneben gekippt.

spiegel-online klammert sich an flash

felix schwenzel,    

apropos spiegel-online und apropos youtube nutzt jetzt standardmässig das HTML5 video-element:

sehr lobenswert, dass @spiegelonline auf meine klage, dass videos ohne flash-player erstens nicht funktionieren und zweitens offenbaren dass UTF8 nichts für spiegel-online-fehlermeldungen ist, geantwortet hat:

was mich allerdings wundert: warum geht das in der mobilen version von spiegel online, zum beispiel auf meinem iphone-safari, das ja bekanntlich auch kein flash installiert hat? diese frage hat die freundlichen spiegel-online-social-media-redaktion dann offenbar überfordert und blieb unbeantwortet.

war ich zu unfreundlich oder muss man „Tut uns leid!“ als finale antwort akzeptieren? technisch muss das doch easy-peasy funktionieren, zum beispiel mit einer weiterleitung für alle browser mit der flash version 0.0.0, auf die mobile version von spiegel.de. oder so.

schlüpfriger boulevard

felix schwenzel,    

person of interest: die hauptstatistin

felix schwenzel,    

heute abend (auf netflix) wieder ein paar folgen person of interest (imdb) geguckt. eine meiner meinung nach ganz gute mittelgute serie. die episoden sind immer schön in sich abgeschlossen, aber durch die staffeln ziehen sich ein paar rote fäden, die die aufmerksamkeit und neugier ganz gut halten können — trotz der vielen ungereimtheiten, deren zeuge man jede folge wird. jj abrams fungierte zumindest bei der folge 22 der ersten staffel, ich vermute auch bei anderen, als ausführender produzent; was wiederum das stückchenweise auflösen der geheimnisse der protagonisten erklären dürfte.

was mir in dieser s01-e22-folge auffiel war eine verdächtige person, die den beiden hauptfiguren, finch und reese, ständig folgte. da die beiden die ganze folge über keine notiz von ihr nahmen, vermute ich sie war die hauptstatistin in dieser folge. ich habe sie mal rot markiert. die nächsten folgen schaue ich mir auch aufmerksam an, um zu sehen ob es da ein muster gibt.

person of interest s01 e22 hauptstatistin

person of interest s01 e22 hauptstatistin

person of interest s01 e22 hauptstatistin

person of interest s01 e22 hauptstatistin

person of interest s01 e22 hauptstatistin

person of interest s01 e22 hauptstatistin

person of interest s01 e22 hauptstatistin

typischer tag eines mannes
😀😏😏😏😏😏😏😏😏😏😏😏
😏😏😏😏😏😏😏😏😏😏😏😴

typischer tag einer frau
😀😒😣😱😖😑😠😡😶😇😘😨
😞😊😳😕😬😜😂😶😩😓😤😴

0800 2602601

felix schwenzel,    

gestern und heute mehrere anrufe auf meinem (o₂-handy) von der 0800 2602601. jedes mal wenn ich rangehe beendet sich die verbindung. die nummer ist von o₂ deutschland, finde ich im internet herraus. das passt. o₂ ist nicht in der lage mittels seines eigenen kommunikationsnetzes eine verbindung zu seinen kunden aufzubauen.

weil ich mir sorgen mache, dass es um die umschaltung unseres DSL-anschlusses gehen könnte, die sich nun schon seit etwas mehr als 5 monaten hinzieht, rufe ich o₂ zurück.

die dame in der DSL-abteilung liest mir die einträge aus dem CRM vor, „umgehend schalten …“, „technische probleme …“, „kunden benachrichtigen sobald …“

… ja, da gäbe es noch ein paar technische probleme bei der schaltung. normalerweise würde die schaltung selbst so ungefähr zwei bis drei wochen dauern. da wo ich wohne, gäbe es aber wohl gerade technische probleme (ich vermute: viele DSL-kunden), weshalb es in meinem fall noch so um die 3 monate dauern würde bis der anschluss geschaltet würde. internet hätte ich aber noch, fragt die dame besorgt nach. ja, ja, der 16k DSL-anschluss, den ich gerne, seit über 5 monaten, zu einem schnelleren DSL-anschluss umwandeln würde, funktioniert einwandfrei.

die dame ist sich relativ sicher, dass es zum DSL-anschluss keine rückfragen an mich gegeben habe, wenn sie, die DSL-abteilung anrufen würde, käme das mit einer münchener absendernummer bei mir an. wahrscheinlich wollte sich jemand aus dem marketing bei mir erkundigen, ob ich zufrieden mit meinen telekomunikationsdienstleister sei.

* * *

das oben habe ich mir heute früh notiert. eben, so gegen 13 uhr, klingelte mein telefon wieder mit der 0800 2602601 und diesmal klappte es mit der verbindung als ich den anruf annahm. wieder eine sehr freundliche mitarbeiterin, die sich „mal melden“ wollte und bescheid sagen wollte, warum es zu verzögerungen bei meiner bestellung gekommen sei. es hätte technische probleme bei der telekom gegeben, die jetzt aber behoben seien und die aufträge würden jetzt wieder normal bearbeitet. die drei monate wartezeit die mir ihre kollegin heute früh in aussicht gestellt habe, seien wohl eine sehr vorsichtige schätzung gewesen, sie wolle sich zwar nicht zu weit aus dem fenster lehnen, glaube aber, dass das sehr viel schneller gehe. ausserdem würde sie mir für „die entstandenen unannehmlichkeiten“ eine gutschrift von 30 euro anbieten.

das habe ich gerne angenommen und bin jetzt — wie seit ungefähr fünf monaten — gespannt was als nächstes kommt. bei so einer arktis-expedition DSL-umschaltung kann ja einiges schiefgehen.

„Riesen-Scheiss-Pleite“

felix schwenzel,    

in der danksagung am ende seines neuen buches beschreibt andrew keen, wie ihn der atlantic-books-chef toby mundy überredete ein buch zu schreiben, in dem er seine „Überlegungen zum Internet“ zusammenfassen solle:

»Es ist ganz einfach«, versprach er mir. »Schreib einfach alles auf, was du über das Internet denkst.«

keen hat das tatsächlich gemacht und man kann das auch relativ kurz zusammenfassen: er denkt über das internet nicht viel gutes. das internet, schreibt er einmal in einem nebensatz, habe zwar ein paar gute seiten, sei unterm strich aber eine „Riesen-Scheiss-Pleite“. die „Riesen-Scheiss-Pleite“ ist eigentlich ein zitat, das er in kapitel 8 einem „ungekämmten und unrasierten Jungen“, der auf einer konfernez neben ihm sass, in den mund legt. im original lautete das zitat wahrscheinlich „epic fucking fail“. keen greift dieses zitat auf den folgenden seiten (oder im buch-promo-material) wieder auf, um zu beschreiben was er über das internet denkt.

keen wollte das buch ursprünglich auch „epic fail“ nennen, nannte es dann im original dann aber „the internet is not the answer“. auf deutsch entschied sich die deutsche verlags-anstalt dann für den epischen titel: „Das digitale Debakel: Warum das Internet gescheitert ist - und wie wir es retten können“.

der deutsche titel ist verständlicherweise etwas auf randale gebürstet. nach der verleihung des friedenspreises des deutschen buchhandels an jaron lanier erwartet der verlag offenbar zu recht, dass die internet-kritischen deutschen intellektuellen und feuilletons neue nahrung brauchen. um ganz sicher zu gehen, dass die zielgruppe das buch auch als internetkritisch erkennt, hat man das buch dann gleich auf dem cover in 14 worten zusammengefasst.

auch beim umschlagtext übertrieb man zur sicherheit gleich ein bisschen und sagt über keen:

Er lehrte an mehreren US-amerikanischen Universitäten und gründete 1995 ein erfolgreiches Internetunternehmen im Silicon Valley.

im buch schreibt keen auf seite 226 das gegenteil:

Während Kalanick in den Neunzigern mit Scour scheiterte, scheiterte ich mit meinem eigenen Musik-Start-Up AudioCafe.

* * *

um die einleitung von keens buch zu lesen, habe ich mehrere anläufe gebraucht. texte in denen mehr rumbehauptet als argumentiert wird, verlieren ganz schnell mein interesse. nachdem er 5 seiten auf michael und xochi birch und deren battery-club rumhackt, füllt er die restlichen 7 einleitungsseiten mit allgemeinem internet-gemäkel, das der verlag im promotion-material auf diesen absatz zusammengedampft hat:

Nicht die Gesellschaft profitiert von einer „hypervernetzten“ Welt, sondern eine elitäre Gruppe junger weißer Männer. Was ihnen immer mehr Reichtum beschert, macht uns in vielerlei Hinsicht ärmer. Das Internet vernichtet Arbeitsplätze, unterbindet den Wettbewerb und befördert Intoleranz und Voyeurismus. Es ist kein Ort der Freiheit, sondern ein Überwachungsapparat, dem wir kosten- und bedenkenlos zuarbeiten. Kurzum: Das Internet ist ein wirtschaftliches, kulturelles und gesellschaftliches Debakel.

ganz einfach: schreib einfach auf was du über das internet denkst — zack, ist die einleitung fertig!

ich habe keen ein paar mal live erlebt und gesehen und fand ihn mit seiner schneidenden stimme und brillianten rhetorik immer sehr überzeugend. einer seiner vorträge auf der next-konferenz im jahr 2009 hat mich massgeblich zu meinem vortrag warum das internet scheisse ist inspiriert. aber gerade weil ich keen schätze, hat mich die fehlende tiefe der argumentation in der einleitung besonders genervt.

die folgenden kapitel kommen einer analyse dann schon etwas näher. keen zeichnet die entstehung des internets und des world wide webs nach und hält sich mit dem, was er über das internet denkt, ein bisschen zurück. er zitiert freund und feind und irgendwann beim lesen wird einem klar, dass keen eigentlich gar nicht das internet scheisse findet, sondern den kapitalismus.

Die Spielregeln der New Economy sind daher dieselben wie die der Old Economy — nur mit Aufputschmitteln.

Simon Head vom Institute for Puplic Knowledge an der New York University erklärt, damit sei Amazon zusammen mit Wal-Mart »das unverschämt rücksichtsloseste Unternehmen der Vereinigten Staaten«.

im prinzip erfüllt keen also sascha lobos forderung, keinen quark zu erzählen:

Beschleunigungskritik ohne Kapitalismuskritik ist Quark.

tatsächlich differenziert andrew keen in seinen analyse-kapiteln auch gelegentlich und räumt ein, dass die probleme die das internet verursacht auch schon in der welt ohne internet existierten. aber leider vereinfacht er mitunter auch so sehr, dass das bild, das er zeichnet, mir stellenweise sehr verzerrt erscheint.

in keens weltbild ist das internet am niedergang der kultur schuld. seine lieblingsbeispiele sind der buchhandel und die musikbranche. er beklagt sich sogar darüber, dass es kaum noch vinyl-platten gebe und sieht die schuld im niedergang der musikindustrie nicht nur in piraterie, der „Monopolisierung des Online-Musikmarkts durch Anbieter wie iTunes und Amazon“ (und spotify und youtube und soundcloud [sic!]), sondern auch in einer von ihm persönlich ausgedachten neuen gefahr, der „Tyrannei der übergrossen Auswahl“. störende fakten lässt keen einfach weg. bei ihm liest sich der niedergang der buchbranche wie eine logische folge von amazon:

Im Jahr 2014 gab es rund 3440 im Börsenverein des Deutschen Buchhandels organisierte Buchläden und damit fast ein Drittel weniger als noch 1999.

keen verliert kein wort darüber, dass ende der neunziger jahre ein brutaler konzentrationsprozess im buchhandel begann, bei dem filialisten wie thalia oder hugendubel aggressiv expandierten. torsten meinicke, ein buchhädler aus hamburg, erinnerte im deutschlandfunk daran, welche probleme in den neunziger jahren auch erkennbar waren:

Es sind zu viele Bücher, wir müssen weniger produzieren. Mit dem Ergebnis, dass bei der nächsten Herbstvorschau die Titelzahl der Neuerscheinungen noch einmal erhöht worden ist. Das hat sehr lange gedauert, bis ein paar Sachen erstmals zurückgefahren wurden.

ganz ohne die hilfe des internets kreierte die buchbranche eine „Tyrannei der übergrossen Auswahl“; 1969 lag die anzahl der neuerscheinungen und neuauflagen bei 35.577, um 40 jahre später, 2007 und 2011, auf rekordwerte von über 96.000 zu steigen. konzentrationsprozesse, „eine Fokussierung des Geschäfts auf immer weniger und schnelllebigere Titel“ (nochmal deutschlandfunk) und viele andere faktoren, sorgen dafür, dass sich die buchbranche seit jahrzehnten in unruhigen gewässern befindet — aber für keen ist die antwort ganz einfach: amazon, internet — die sind schuld.

„Mir persönlich gefällt das, was ich da sehe, nicht.“ andrew keen über instagram, aber eigentlich über das internet.

keen schreckt auch vor unsinnigen behauptungen nicht zurück. basierend auf seiner unbegründeten, einfach in den raum gestellten these, dass „das publikum“ schlechter informiert denn je sei, versteigt er sich zu der gewagten these, dass früher™, als es noch medien gab die „uneingeschränkt vertrauenswürdig“ waren, sogar über kriege wahrheitsgemäss, objektiv und ohne jede propaganda berichtet wurde. das sei jetzt „angesichts der Macht und Popularität der sozialen Medien“ vorbei. plötzlich, wegen des internets, bleibe die wahrheit bei der kriegsberichterstattung auf der strecke.

diese vereinfachungen, zuspitzungen, einseitigkeiten und blödsinnigkeiten, die sich durch das ganze buch ziehen, rauben keens analyse einiges an glaubwürdigkeit und durchschlagkraft. das ist schade, denn vieles an seiner analyse ist natürlich richtig und diskussionswürdig.

die fehlende tiefe der analyse und die teilweise geradezu schlampige aneinanderreihung von begebenheiten, zitaten, beschimpfungen und steilen thesen ist die grösste enttäuchung an keens buch. vielleicht hat sich keen aber auch einfach nicht getraut, das grosse fass aufzumachen, nämlich statt internetkritik gesellschaftskritik zu üben. sogar seine hin und wieder durchscheinende kapitalismuskritik relativiert er mehrfach, offenbar um das fass geschlossen zu halten. er konzentriert sich lieber darauf, „junge weiße“ internetfuzzis wie mark zuckerberg, travis kalanick, eric schmidt oder steve jobs [sic!] (zu recht) anzuprangern — aber verzichtet darauf, die selben strukturellen missstände im finanzsektor, justizsystem oder globalen handel aufzuzeigen. flapsig und vereinfachend ausgedrückt, für andrew keen ist das internet nicht scheisse, weil die welt scheisse ist, sondern das internet ist für ihn scheisse, weil das internet scheisse ist und alles zerstört.

teilweise sind keens auslassungen auch frappierend. über microsoft oder den ehemals elitären „jungen weißen Mann“ bill gates verliert keen nicht ein einziges negatives wort. wenn es um das böse geht, schreibt er immer von der dreierkombination google, apple, facebook — manchmal ergänzt von uber, instagram und twitter. und während er seitenweise über junge, weisse, grosskotzige männer wie zuckerberg, kevin systrom, larry page, travis kalanick schimpft, die sich ihre jeweils ungefähr 30 milliarden dollar privatvermögen aus „unserer Arbeit, unserer Produktivität“ zusammengeklaubt hätten, erwähnt er menschen wie craig newmark gar nicht. der hat zwar auch, wie die vorher genannten, eine ganze branche zerstört, aber sich daran nicht „grosskotzig“ bereichert. das passt keen dann einfach nicht ins narrativ von der „einen elitäre Gruppe junger weißer Männer“ und so lässt er es einfach aus.

keen redet auch unablässig vom niedergang der kultur, vor allem wegen des von ihm festgestellten absurden kult um amateure, der „Tyrannei der übergrossen Auswahl“, der piraterie und kostenloskultur, vergisst aber zu erwähnen, dass derzeit alle welt zeuge einer renaissance des qualitäts-fernsehens wird, die nicht unwesentlich durch die vernetzung und das internet befeuert wird. keen bietet amanda palmer als zeugin gegen die schlechte bezahlung von künstlern durch spotify auf, erwähnt aber nicht, dass sie eine grosse verfechterin der „kostenlos-“ und „sharing-kultur“ ist, die keen so sehr verachtet und als euphemismen für piraterie versteht.

amanda palmer:

Free Digital Content (and Tits) for Everybody.

andrew keen:

»Kostenlose« Inhalte haben in Wirklichkeit einen unbezahlbaren Preis. Und der Erfolg des Internets ist in Wirklichkeit eine riesige Pleite. Eine Riesen-Scheiß-Pleite.

* * *

nochmal zum promo-material des verlags. dort heisst es:

Andrew Keen liefert eine scharfe, pointierte Analyse unserer vernetzten Welt und zeigt, was sich ändern muss, um ein endgültiges Scheitern des Internets zu verhindern.

tatsächlich versucht keen nach 248 seiten die antwort (auf 22 ½ seiten) darauf zu geben, wie man das scheitern des internets verhindern könnte. auch das kann man flott zusammenfassen: regulierung, globale steuern für oligarchen und einen neuen gesellschaftsvertrag an den sich alle halten:

Die Antwort ist, das Internet mit Gesetzen und Verordnungen aus seiner Dauerpubertät zu holen.

»Was für eine Gesellschaft schaffen wir hier eigentlich?«, fragt Jeff Jarvis. Diese Frage sollte am Anfang jedes Gesprächs über das Internet stehen.

das ist nicht falsch, aber auch irre unkonkret. immerhin haben wir das jahr 2015 und nicht nur das internet sollte aus seiner „Dauerpubertät“, in der es sich zweifellos befindet, geholt werden, auch die internetkritik sollte mittlerweile etwas weiter sein, als lediglich „regulierung“ zu rufen oder auf regierungen zu hoffen, die „Google die Stirn bieten“. diese forderungen erhob andrew keen schon, als ich ihn 2009 erstmals sah. dass es auch konkreter und klüger geht, zeigt übrigens ein anderes jüngst erschienes buch: michael seemanns „das neue spiel“. seine analyse ist der von keen sehr ähnlich (allerdings im gegenteil zu keen, ohne häme, gespött und ad-hominem-angriffe aufgeschrieben), aber seine „10 regeln für das neue spiel“ sind konkreter, klüger und differenzierter als keens ganzes buch. aber das, und strategien für den umgang mit dem internet, sind das thema eines eigenen texts, der wahrscheinlich anfang februar im internet erscheint.

* * *

nachdem ich das buch gelesen habe, fiel mir ein besserer, passenderer umschlagtext für andrew keens buch ein als das original:

Das Internet hat versagt. Trotz seiner offenen, dezentralen Struktur hat es uns nicht mehr Chancengleichheit und Vielfalt gebracht, im Gegenteil: Es vergrößert die wirtschaftliche und kulturelle Ungleichheit. Der Graben zwischen zwischen einer Handvoll junger weißer Männer, die an Reichtum und Einfluss gewinnen, und dem Rest der Gesellschaft wird immer größer. Bissig und pointiert rechnet Silicon-Valley-Insider Andrew keen mit unserer vernetzten Gesellschaft ab und fordert uns auf, staatlicher Untätigkeit und Internetmonopolisten wie Google und Amazon den Kampf anzusagen.

das ist mein vorschlag:

Das Internet ist nicht gescheitert, wir haben nur noch nicht die richtigen Strategien entwickelt damit umzugehen. Andrew Keen hatte sich fest vorgenommen sich ein paar Strategien auszudenken, es aber in der kürze der Zeit bis zur Drucklegung nicht geschafft sie auszuformulieren. Dafür hat er bissig und pointiert aufgeschrieben, wie das Internet entstanden ist und was er über das Internet denkt.

* * *

andere über das buch:

* * *

ich habe das buch vom verlag als rezensionsexemplar (als gebundene ausgabe) zur verfügung gestellt bekommen.

Auszeit? Nö.

felix schwenzel,    

Als Mobiltelefone noch schwer und klobig waren und Unmengen von Geld gekostet haben, habe ich viele Leute sagen hören, dass der Besitz so eines mobilen Telefons grässlich sein müsse: „da ist man ja immer erreichbar.“ Die Praxis im laufe der letzten 30 Jahre hat aber gezeigt, dass kaum jemand hört wenn sein Handy klingelt und die Leute genauso gut oder schlecht zu erreichen sind, wie zu Zeiten der Deutschen Bundespost.

Die Zukunft hat gegenüber Zukunftspessimisten einen entscheidenden Vorteil: sie ist nicht vorhersehbar. Sie nimmt oft Wendungen, die niemand vorhergesehen hat. Funklöcher, leere Akkus, WhatsApp-Serverausfälle sind Innovationen des 21. Jahrhunderts, die man in den achtziger Jahren unmöglich erahnen konnte.

Die Befürchtungen von Fortschrittsskeptikern sind über die Jahrhunderte hinweg beinahe immer gleichlautend: das Neue, fürchten sie, sei schlecht für das freie oder kreative Denken, lenke ab, schädige irgendwie die Gesundheit oder das Wohlbefinden und man müsse sich und andere davor schützen. Jaron Lanierr Karl G. Bauer stellte 1787 fest, dass die „erzwungene Lage und der Mangel aller körperlichen Bewegung beim Lesen, in Verbindung mit der so gewaltsamen Abwechslung von Vorstellungen und Empfindungen […] Schlaffheit, Verschleimung, Blähungen und Verstopfung in den Eingeweiden, […] Siechheit und Weichlichkeit im ganzen Körper“ erzeuge.

Mal war es das Lesen, mal der Mangel an Frömmigkeit, der Rock’n’Roll, das Fernsehen oder die Mobiltelefone, die den Menschen schadeten und Unheil brachten, heute ist es das Netz, die E-Mail, das Smartphone oder das Chatten, die die Produktivität oder gar das Auskosten des „wahren Lebens“ hemmen. Das Netz zum Vergnügen zu benutzen oder zum ziellosen Browsen scheint als ein Hochverrat am Gebot zur Produktivität und Disziplin angesehen zu werden.

Wobei die Annahme, dass Dinge, die Menschen mit Vergnügen tun, nutzlos oder gar schädlich sein müssten, wahrscheinlich mindestens so alt wie die Menschheit ist.

Früher war es der Klerus, der sich Vorschriften ersann, wie man ein frommes und Gottgefälliges Leben zu führen habe. Heute sind es Herrscharen von Beratern, Trainern oder Selbstoptimierungsgurus die sich Tipps und Anleitungen ausdenken, wie man ein gesundes, glückliches und produktives Leben führen kann. Gebote und Dogmen wurden abgeschwächt zu Tipps oder Optimierungsanleitungen, aber die Zielrichtung ist immer noch die Gleiche: das Gewissen. Auf das Gewissen wird aus allen Rohren gefeuert, in der Hoffnung darüber konformes Verhalten zu formen. Menschen die produktiver, leistungsfähiger und gesünder sind. Menschen, die sich an vorgegebene Regeln halten.

Was wir stattdessen fördern sollten, sei es in der Schule, der Ausbildung, im Beruf, ist echtes Selbstbewusstsein. Selbstbewusstsein im Sinne von realistischer Eigenwahrnehmung, Intuition und der Fähigkeit die Signale des eigenen Körpers und Geistes richtig zu deuten. Menschen, die ihre Achtsamkeit und ihre Selbstwahrnehmung trainieren, achten meistens ganz gut auf Ihre Gesundheit und bemerken auch ohne Regelkorsett, wenn sie sich verausgaben oder in allzu viel Ablenkung verlieren¹. Wer sich selbst und seinen vermeintlich versteckten Signalen zuhört, muss keine Auszeit vom Netz nehmen, um zu sich selbst zu finden oder zum gefühlten Produktivitätsniveuau der Achtziger Jahre zurück zu kehren.

Zumal Flanieren, scheinbar zielloses Umherstreifen oder Rumdaddeln im Netz, den gleichen Sinn hat, wie kindliches Spielen; während wir uns spielerisch in ihr bewegen, lernen wir die (digitale) Welt zu begreifen, zu verstehen und schliesslich auch zu formen. Ohne eine gewisse Missachtung von Regeln, entstehen keine neuen Dinge, gibt es keine Kreativität. Innovation entsteht nicht, indem man mal eine Auszeit nimmt, sondern indem man das Selbstbewusstsein der Menschen fördert und sie ermuntert auf ihre Intuition zu hören — statt auf Besserwisser, die Enthaltsamkeit predigen.

Die Furcht vor Technologie, bzw. Fortschrittängste sind eng verknüpft mit der Furcht vor selbstbestimmten, emanzipierten Menschen. Das passt auch gut zusammen, weil beides eigentlich Furcht vor dem Unbekannten und Unberechenbaren ist. Sowohl Menschen, die tun was sie für richtig halten, als auch Technologie, die sich immer weiter entwickelt, werden nicht einfach verschwinden. Darauf sollten wir uns einstellen.

* * *

1) Siehe auch Patrick Breitenbach: „[Es] scheint sich ein ganz wichtiges neues Bildungs- und Kompetenzziel zu kristallisieren: Wir benötigen in Zukunft Menschen mit einer geübten und entwickelten Selbstwahrnehmung und Selbstachtung.“

* * *

anmerkung: das ist der text meiner ersten kolumne im (gedruckten) t3n-magazin. die kolumne ist im aktuellen heft nummer 38. in ein paar wochen kommt die neue ausgabe, mit einer neuen kolumne von mir. die taucht dann in ca. drei monaten hier auf.

weil ich für die kolumne bezahlt werde, enthält es auch gross und kleinschreibung. zwei links habe ich hinzugefügt. einiges an inspiration stammt (offensichtlich) aus katrin passigs standardsitualtionen der technologiekritik und technologiebegeisterung.

9.1.2015

felix schwenzel,    

geheimesoterik

felix schwenzel,