fernsehen im märz, april und mai

felix schwenzel, , in artikel    

person of interest, ehemals eine meiner liebsten mittelguten fernsehserien, ist nicht mehr mittelgut, eher schlecht. ich sehe mir die folgen an, um zu erfahren wie es weitergeht, und werde von den serienmachern entlang stumpfsinniger dialoge und inszenierungen in die irre geführt. die folgen ziehen sich ins unendliche und sind meisten entweder langweilig oder stumpfsinnig. die letzte folge (s05e07) warf immerhin ein paar interessante fragen zum thema freien willen und zu den überlegungen, welchen preis wir für sicherheit zu zahlen bereit sind. aber ich bin kurz davor, die abschlussstaffel nicht zuende zu gucken.

the good wife hat zu einem guten ende geführt. ich habe mich dann aber irgendwie nicht bemüssigt gefühlt noch eine abschlusskritik zu schreiben, das ist was ich mir nach dem ansehen der letzten folge notiert habe:

gutes ende. nicht versöhnlich, nicht besonders happy, offen, aber nicht unentschlossen. ein ende nach dem motto: das leben geht weiter, auch wenn man nicht genau weiss wie. so war die serie auch über 7 staffeln: sie hat einen unspektakulär begleitet, das zeitgeschehen reflektiert und analysiert, manchmal ein bisschen dramtischer, meisten eher undramatisch, so wie das leben eben.

etwas ausführlicher und angemessen euphorisch, schreibt das nuf über die serie.

deutschland 83 zuende geguckt. nach den ersten drei folgen war ich mässig begeistert und noch etwas kritisch. oder genauer, immer noch relativ uninteressiert und unengagiert. dann bekam ich die grippe und habe die restlichen folgen mehr oder weniger im fieberwahn weggeatmet. das funktionierte ganz gut und vor allem hat es das geschafft, mich dann doch ein bisschen für die serie zu begeistern. ich fand insbesondere die detailliebe der kulissen und requisiten sehr, sehr toll und auch die inszenierung und dramatisierung der geschichte sehr OK. was mich am anfang etwas genervt hat, hat mich am ende hoch erfreut: das abdudeln sämtlicher achtziger-jahre-hits, an die ich mich erinnere. man könnte deutschland 83 in einem satz zusammenfassen: actionreiche und dramatisierte achtzigerjahre nostalgie, mit interessanten spannungselementen.

die zweite staffel wayward pines ist gerade angelaufen. ich fand die erste staffel so mittel, habe sie aber interessiert weggeguckt. eigentlich hatte die erste staffel ein ganz gutes ende und schloss die geschchite eigentlich befriedigend ab, die zweite staffel scheint so eine art reboot zu sein. bin mässig interessiert, werde aber wohl mal reinschaun.

graham nortons sendung schaue ich immer wieder gerne an und sie erfüllt gleich mehrere zwecke: sie langweilt mich fast nie, schafft gute laune und hält einen auf dem laufenden in sachen film- und fernsehserienstarts. ausserdem erzählen die gäste mit vorliebe fäkalwitze.

game of thrones bereitet mir weiterhin grosses vergnügen. ich mag die erzählwendungen und die erzählart, auch wenn das alles eigentlich völlig blödsinnig ist, was die serie einem auftischt. aber die blödsinnigkeit ist so geschickt verpackt und erzählt, dass alles in sich völlig logisch erscheint, wenn man die serie schaut.

der pilot von preacher baut die kommende serienadaption in eine ähnlich blödsinnige richtung auf. einerseits ein klassisches western-thema, wie im grandiosen justified, mit einer priese banshee, andererseits ein bisschen übernatürliches mystery- und verschwörungsgedöns um der serie pfeffer in den arsch zu blasen. mal schauen ob das klappt, der pilot hat mir zumindest ganz gut gefallen, auch wenn es teilweise zu dick aufgetragen war.

ganz grandios finde ich die aktuelle staffel silicon valley. im gegenteil zu den vorherigen staffeln, geht noch mehr den bach hinunter und die protagonisten stellen sich noch dümmer an, als in den vergangenen jahren. aber zuverlässig unterhaltsam und ein exzellentes ensemble.

peaky blinders gefällt mir, egal ob ich der handlung folgen kann oder nicht. gerade gelesen, dass die serie um staffel 4 und 5 verlängert worden ist, was ein bisschen die spannung rausnimmt, aber eigentlich hocherfreulich ist.

modern family ist nach wie vor in jeder folge ein grosses vergnügen, ebenso die sendung mit der maus, die am sonntag erklärte, wie man aus erde eisen gewinnt, bzw. in der eisenzeit gewonnen hat. bedauerlich finde ich, dass limitless nicht fortgesetzt wird.

serien die mir zu blöd geworden sind und die ich nicht mehr gucke: big bang theory (phantasieloses, klischeebehaftetes rumgedruckse), bones (war das immer schon so schlecht und ist mir das erst in diesem jahr aufgefallen?), blindspot, marvels agents of shield, lucifer (nach drei folgen beendet).

serien die ich demnächst weitersehen möchte: the americans (nach der zweiten staffel pausiert, fand die serie aber ziemlich gut und spannend), vikings (auch nach der zweiten staffel pausiert, auch weil mir die geschichte etwas zu viele wilde wendungen genommen hat).

was ich mir demnächst noch ansehen möchte: empire.

und ihr so?

Learn, teach, repeat

felix schwenzel, , in artikel    

Für mich sind Bildung, Wissen und Lernen wie Bergbau. Man kann tief oder oberflächlich graben, man kann immer weiter graben, es gibt härtere Schichten und Schichten durch die man leicht kommt — aber es gibt kaum Grenzen. Von der Oberfläche erschliesst sich der Sinn des Bergbaus nicht ohne Weiteres. Sich zu überwinden, überhaupt mit dem Bergbau zu beginnen, ist bereits eine der grossen Hürden. Man muss jahrelang den Umgang mit Bergbaumaschinen lernen und scheinbar unsinnige Sachen einüben, um die oberen Schichten des Bergbaus betreten zu können.

So sehr dieser Vergleich auch hinkt, er beschreibt relativ gut mein Verhältnis zur Bildung. Ich begriff die Schule in meiner Jugend nicht als Grundausbildung, die mir Kompetenz und Handwerkszeug für die Navigation der Welt beibringen sollte, sondern als unsinnige Pflicht. Bis ich verstand, dass Lernen, Lesen und Schreiben nicht nur mühsam sind, sondern mir nie gesehene Welten und Galaxien erschliessen können, musste ich dreimal sitzenbleiben und von unzähligen Leuten an die Hand genommen werden und zur Schule und zum Lernen gezerrt werden.

Das Problem mit Bildung ist gar nicht mal so sehr die Bildung an sich, sondern überhaupt Interesse an ihr zu entwickeln. Was mir half Bildungshunger zu entwickeln, waren Vorbilder, Menschen die mir zeigten, was man mit Bildung anfangen konnte. Leute wie Hoimar von Ditfurth, den ich zuerst im Fernsehen und dann in seinen Büchern kennen lernte, und der in mir eine flammende Neugier auf die Welt weckte. So absurd es klingen mag, aber das verpönte Fernsehen weckte in mir intellektuelle und wissenschaftliche Neugier und später Neugier auf Bücher, immer mehr Bücher.

So wie das Fernsehen, dient auch das Internet zum großen Teil der Zerstreuung und hat unter vielen Intellektuellen, wie das Fernsehen, den Ruf Menschen zu verblöden. Aber es hat auch das Potenzial Neugier zu wecken. Die Möglichkeiten auch völlig unwahrscheinliche Interessen und Leidenschaften zu entwickeln, Wissen zu erwerben oder zu vertiefen, sind dank des Netzes um ein vielfaches gewachsen — und vor allem: um ein Vielfaches einfacher zugänglich als je zuvor.

Allein dafür, dass mir das Netz erlaubt, etwas über die Herstellung glänzender Lehmkugeln oder weichem Rührei zu erfahren, dass ich sehen kann wie man effektiv Zwiebeln schneidet oder wie man einen funktionierenden Sechzylindermotor herstellt, bin ich dem Netz unendlich dankbar. Noch dankbarer sollte man Menschen sein, die sich die Mühe machen komplizierte Dinge einfach zu erklären, detailliert aus ihrem Berufsleben berichten, egal ob auf Facebook, in Blogs oder auf Youtube. Gerade im Softwarebereich erlebe ich immer wieder unglaublich hilfreiche Menschen, die nicht nur quelloffene Software schreiben, sondern auch bis zur Belastungsgrenze willens sind, ihr Wissen zu teilen und zu erklären und zu dokumentieren.

Dank des Internets sind die oberen Schichten des Bergbaus schon ganz gut beleuchtet, der Weg in die Tiefe ist zwar immer noch mühsam — aber ich glaube, es war nie einfacher zu lernen und sich von der Lust am Lernen, am Wissen anstecken zu lassen. Ich bedaure es nur wenig, dass diese großartige Reizüberflutung nicht schon zu meiner Jugendzeit auf mich einprasselte, denn sie prasselt jetzt ja auf mich ein. Nie in meinem Leben habe ich so viel gelernt, wie in den letzten 20 jahren im Netz; mir haben die modernen, vernetzen Medien nicht nur 15 Minuten Ruhm gebracht, sondern auch 20 Jahre leidenschaftliches, stetiges (dazu-)lernen.

Um diese Reiz- und Wissensvielfalt am Leben zu erhalten, sollten wir uns nicht nur auf kommerzielle Anbieter verlassen, sondern, pflichtbewusst und stetig, unser Wissen teilen, dokumentieren, aufschreiben, verfilmen, vortragen. Und, mindestens genauso wichtig: die vorhanden Perlen sortieren, aufbereiten, zugänglich machen und andere mit Wissensdurst anstecken.

Deshalb: Frage nicht, was das Netz für dich tun kann, frage was du für das Netz tun kannst.

(die kolumne ist zuerst auf t3n.de erschienen.)

nachrichten sind flüsse, keine seen

felix schwenzel, , in artikel    

vor drei jahren habe ich mir das gewünscht, was facebook instant article jetzt liefert:

mir ist tatsächlich egal ob mein artikel im google reader, auf flipboard oder sonstwo gelesen wird. ich hätte auch nichts dagegen, wenn meine artikel im volltext auf facebook oder twitter oder eben da eingebettet würden, wo sie sich optimal lesen lassen und zum leser kommen, statt vom leser zu verlangen, dass er zu einem kommt. solange alle basisinformationen wie mein name, ein link zum original, das veröffentlichungsdatum bestehen bleiben und der volltext und die anhänge korrekt dargestellt werden. gut wäre auch, wenn sich änderungen am original auch am eingebetteten text auswirken würden. mit RSS funktioniert das ja seit jahren prima. aber vielleicht kann das auch noch besser funktionieren?

(von dort habe ich mir auch die überschrift geliehen.)

ich bin übrigens nach wie vor begeistert von den instant articles. sie werden gut angenommen, insbesondere (natürlich) wenn sie viel auf facebook weitergeteilt werden. mein letzter öfter (dreimal auf facebook, achtmal auf twitter) geteilter artikel hat dementsprechend auch eine ganz gute verbreitung gefunden. so sieht das aus:

besucherzahlen des artikels „gedenkblog“
950 reguläre pageviews, 371 instant article pageviews, 940 RSS pageviews

in der regel werden meine artikel am meisten über RSS gelesen, auf wirres.net kommen die meisten besucher über twitter.com — wenn ich artikel dort anteasere. böte twitter ein natives werkzeug an, mit dem die artikel auf twitter.com gelesen werden könnten, hatte ich auch nichts dagegegen, jedenfalls, wenn es so reibungslos funktionieren würde, wie die facebook instant articles. interessant finde ich übrigens, dass durch die implementierung der instant articles und die anforderungen von facebook, auch kleine verbesserungen und anpassungen zurück in die website geflossen sind.

auch wenn ich das mantraartig wiederhole: es geht meiner meinung nach bei der zukunft des publizierens nicht darum webseiten abzuschaffen und nur noch auf facebook zu publizieren, sondern darum, in die informationsströme der nutzer zu gelangen. die sind immer noch vielfältiger als viele denken, auch wenn facebook sich dank überlegener technologie mehr und mehr vom kuchen einverleibt. es geht darum dort zu publizieren, wo die leser sind und so technisch zu publizieren, dass es mit den lesegewohnheiten der leser übereinstimmt. bei volltext-RSS haben sich verleger lange gegen diese idee gewehrt, dank AMP und facebook instant articles hat sich diese abwehrhaltung in den letzten monaten (j sei dank) abgeschwächt. auch das widerhole ich ständig seit fast einem jahrzehnt: suchmaschinen- und socialmedia-optimierung sollte sich immer an den bedürfnissen der leser orientieren. technische schlupflöcher auszunutzen lohnt sich gelegentlich kurzfristig, langsfristig lohnt sich nur ein: texte und artikel gut zugänglich (auch schnell) auszuliefern, mehrwert für leser schaffen (qualität, was auch immer das konkret für einzelne zielgruppen heisst) und den lesegewohnheiten der leser entgegenkommen (gut lesbare und bedienbare mobile ansicht, leser nicht übermässig verwirren oder mit neuen/kreativen bedienkonzepten überfordern).   

moskau 2/5

felix schwenzel, , in artikel    

der kaffee hat in moskau nirgendwo geschmeckt, auch nicht bei starbucks. starbucks war auch gleich die erste station die wir in moskau, im flughafen, angesteuert haben. dort gab es zwar grundsätzlich die gleichen sachen wie in deutschland oder amerika, aber geschmeckt hat der kaffee trotzdem nicht. was natürlich auch daran gelegen haben kann, dass ich noch in der grippe-rekonvalenzenz war. alternativ kann es auch am wasser gelegen haben. leitungswasser trinken die moskauer nicht, weil sie ihm nicht trauen. vielleicht machen sie aber kaffee aus leitungswasser?

die beifahrerin mag keine kuhmilch im kaffee, und leider war die sojamilch im moskauer starbucks im flughafen gerade alle. alternativ bot die gut englisch sprechende bedienung der beifahrerin kokosmilch an. also einen latte mit kokosmilch. die beifahrerin fands scheusslich. wir haben trotzdem alles ausgetrunken.

* * *

englisch sprechen in moskau die wenigsten, meist sind es die jüngeren, die englisch sprechen und auch bei den strassen- und hinweisschildern sind lediglich die jüngeren auch englisch, bzw. mit lateinischen buchstaben beschriftet. auf der fahrt vom flughafen nach moskau (mit dem aeroexpress) war ich beeindruckt von der plattenbaudichte um und in moskau.

plattenbauten am stadtrand von moskau
plattenbauten am stadtrand von moskau

moskau steht voll mit plattenbauten, die auf den ersten blick nicht besonders einladend aussehen. auf den zweiten blick erkennt man aber, dass viele wohnungen sich voneinander unterscheiden: neuere und ältere fenster, manche bewohner gestalten den fassadenanteil ihrer wohnung sogar individuell, die balkone sind fast ausnahmslos zu wintergärten verglast. beim blick aus unserem hotelzimmer sahen wir selbstverständlich auch auf plattenbauten, mich beeindruckte immer wieder, wie dicht bebaut die stadt ist und dass die elektifizierung mit langen kabeln über das dach stattfindet — auch und gearde bei hochhäusern.

blick aus dem hotelzimmer auf plattenbauten
blick aus dem hotelzimmer auf plattenbauten

der autoverkehr in moskau ist der wahrgewordene traum von 60er-jahre stadtplanern. in moskau muss man zum überqueren von hauptverkehrsadern immer noch fussgängerunterführungen benutzen — so wie bei uns seit bestimmt 20 jahren nicht mehr. fahrradfahrer auf den strassen habe ich nicht gesehen, ich glaube das wäre auch lebensmüde. die moskauer haben den ruf relativ rücksichtslose autofahrer zu sein. was ich allerdings gesehen habe, bzw. um 22 uhr am ersten abend (und in den folgenden um 23 uhr) zuerst gehört und dann gesehen habe war ein pferd. ein pferd, dass im schritt unter unserem hotelfenster langlief, mit einer reiterin, die beim reiten mit ihrem smartfone gerade das internet leerlas. auf dem foto sind die reiterin und das pferd schon längst verschwunden, ich wollte die szene aber trotzdem festhalten.

blick aus dem hotelzimmer auf die strasse
blick aus dem hotelzimmer auf die strasse

* * *

in den supermärkten gibt es vieles, was es auch bei uns gibt, zu ähnlichen preisen wie bei uns: deutsches bier, frosta tiefkühlkost habe ich geshehen, deutsches marzipan und viel hochprozentiges. was es bei uns allerdings nicht gibt sind frische, kurz in salz eingelegte gurken. sehr köstlich, davon haben wir sehr viele gegessen und sehr genossen. es gibt aber auch sachen, die es bei uns wohl niemals geben würde, weil die deutschen humorbeauftragten solche wortspeile wohl niemals freigeben würden und die wurstlobby fischwiener ganz sicher verbieten würde.

* * *

ganz toll sind die moskauer bäckereien. ganz besonders hatte es uns ein laden angetan, der paul hiess. dort gab es herrliches weissbrot, innen weich und duftig und aussen knusprig.

bäcker „paul“ in moskau
bäcker „paul“ in moskau

wird fortgesetzt …

gedenkblog

felix schwenzel, , in artikel    

symbolbild für alles: ur-alte ulme am st. gangolfsberg in aachen-kornelimünster

ich bin mir nie ganz sicher, ob es OK ist über meine toten freunde hier im blog zu schreiben. über nele und ihren tod vor 23 jahren habe ich vor 11 jahren geschrieben und auch ihren vollen namen genannt. weil ich google untersage artikel, die älter als 3 jahre sind, zu indexieren, ist mein nele-text zwar noch an ort und stelle, aber nicht mehr über ihren namen googlebar. ich finde dieses vernebeln meiner alten artikel eigentlich ganz gut, zumal ich mir nicht ganz sicher bin, wie die angehörigen es finden, wenn man unter dem klarnamen einer verstorbenen meine privatmeinung googlen kann.

nachdem ich vor ein paar monaten vom tod meines ehemals besten jugendfreundes markus erfahren habe, hab ich über ihn geschrieben und seinen vollen namen im titel genannt. ich fand das OK, auch weil die angehörigen eine „gedenkseite“ für ihn ins netz gestellt haben.

über einen anderen freund, der auch markus hiess, habe ich vor 12 jahren ohne den vollen namen ein paar erinnerungen aufgeschrieben, auch hier ging es mir eigentlich nicht darum, dass der text über markus namen auffindbar ist, sondern dass ich meine gedanken über ihn festhalten konnte.

bergfriedhof in aachen-kornelimünster — ohne nele’s grab
bergfriedhof in aachen-kornelimünster — ohne nele’s grab

seit ostern habe ich nochmal darüber nachgedacht; ich war im rheinland und wollte in aachen mal wieder neles grab besuchen. das grab war aber nicht mehr da, was mich ziemlich erschüttert hat, weil es immer der ort war, an dem ich am besten an nele (und ihre tochter malou) zurückdenken konnte. plötzlich ist dieser ort weg. wenn also in der fleischwelt kein ort mehr besteht, an dem ich (und andere) an nele denken können, oder an nele erinnert werden, warum nicht im netz, warum nicht (auch) bei mir? zumal — und das ging mir letzte woche auf — die googlebarkeit von gedenk-gedanken eben auch für andere nützlich sein können — so wie es friedhöfe sind.

auch wenn der anlass tieftraurig und erschütternd ist, hat mir letzte woche jemand, den ich nicht kannte, und der offenbar meine unzusammenhängenden gedanken und erinnerungen an markus gegoogelt hatte, eine email geschrieben:

Ich hab gelesen das Sie damals Markus Pöhlers bester Freund waren... ich habs auf Ihrer Seite gelesen.
Jetzt ist auch sein Sohn gestorben.
Der Junge der in Bonn tot geprügelt wurde.
Ich weiß nicht warum ich Ihnen das schreibe.
ich finde die geschichte unwahrscheinlich traurig.

auch hier habe ich wieder bedenken den (nach-) namen zu nennen, zumal die presse, die über den fall berichtet, den namen von markus sohn nicht nennt. ich nenn den namen jetzt für schlechtere googlebarkeit gar nicht und verlinke auch keine presseberichte zum tod von markus sohn, aber diese mail zeigt mir, dass es richtig war markus namen googelbar zu nennen. mein kleiner artikel über markus hilft nicht nur mir, markus in guter erinnerung zu behalten, sondern vielleicht auch anderen freunden, bekannten oder angehörigen, um ihr bild von markus zu vervollständigen oder sich zu erinnern.

das ganze ist wirklich unwahrscheinlich traurig und tragisch und mir tut der tod von markus sohn unendlich leid, obwohl ich ihn nicht kannte und bis jetzt auch nichts über sein leben wusste. ich habe mir letzte woche die facebookseite des sohnes angesehen und war erstaunt, wie ähnlich er seinem vater sah. es berührt mich sehr und beschämt mich gleichzeitig, dass ich so wenig über das leben meines alten freundes markus wusste. es bedrückt mich insbesondere, wie wenig ich mich darum bemühe, mehr über das leben der alten freunde zu erfahren, die noch leben. noch mehr bedrückt mich, dass ich diese gedanken bei jedem todesfall habe, aber in den seltensten fällen konsequenzen daraus ziehe und alte freunde einfach mal aufsuche.

vor ein paar jahren hatte ich eine ziemlich pragmatische idee, um mich dazu zu bringen, alte freunde wieder mal aufzusuchen, zu treffen und neu kennenzulernen: indem ich ein buch daraus mache, wie ich alte freunde besuche. ein paar alte freunde habe ich im rahmen dieses projektes besucht und das war im prinzip auch eine ziemlich gute idee. denn das tolle an alten freunden ist, dass man sie ja bereits kennt, sie aber über die jahre auch zu völlig neuen, anderen menschen gewachsen sind — und eben doch die alten bleiben. die qualitäten alter freunde nach vielen jahren des nicht-sehens wieder zu erkennen, ist sehr, sehr beeindruckend und faszinierend.

aber es ist auch schwer darüber zu schreiben, denn nicht jeder möchte ans licht einer (kleinen) öffentlichkeit gezogen werden. fiktionalisierung ist irgendwie auch nicht die lösung und ausgedachte, falsche namen fühlen sich für so ein projekt auch komisch an. die konsequenz ist, dass ich jetzt zwar ein paar alte freunde besucht habe und pläne für weitere besuche habe, aber nach wie vor kein konzept, wie ich das verarbeite — und ob ich das überhaupt will.

* * *

was ich mir aber jetzt überlegt habe: ich will zumindest die gedenk-texte für meine verstorbenen alten freunde wieder googelbar machen. ich habe ein attribut zu meinem CMS hinzugefügt, mit dem ich einzelne texte, die älter als drei jahre sind, wieder durch suchmaschinen indexierbar machen kann. damit habe ich quasi meinen kleinen privatfriedhof (wieder) für die öffentlichkeit geöffnet und entnebelt. ausserdem habe ich meine „gedenktexte“ verschlagwortet, so dass man sie auch so findet.

und weil nele’s grab jetzt weg ist, zum gedenken an sie noch ein bild, dass ich vor etwa 28 jahren gemacht habe, als wir mit ein paar freunden ein wochenende an der niederländischen nordsee waren.

nele
nele

moskau 1/5

felix schwenzel, , in artikel    

wenn ich schlechte laune bekomme, ist das ein untrügliches zeichen, dass ix krank werde. dienstag letzte woche war es soweit. keine ahnung woher die grippeviren, die ich jetzt fast ein ganzes jahr erfolgreich vermieden hatte, herkamen. montag war noch alles ok. es gab relativ viel druck im büro, aber nicht so viel, dass er meine witzelsucht merklich bremsen konnte. in der nacht zum dienstag lief und kribbelte die nase etwas, und ich konnte mich die ganze nacht nicht entscheiden ob ich schon schlief oder noch wach war. um 3 entschied ich mich nach reiflicher überlegung, dass ich nicht einschlafen konnte, schenkte mir einen whisky ein und guckte eine stunde lang zu, wie sich jon stewart mit david axelrod unterhielt.

youtube-video
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zwischendurch musste ich an den besten, oder genauer, den einzig guten aprilscherz jemals, denken, in dem jesse barron über eine angeblich vergessene Tradition des „segmentierten“ schlafs fabulierte. ich liebe die nachtstunden, die ruhe, den zwischenzustand in dem sich alles und vor allem man selbst befindet. nur leider bin ich meistens zu müde, um ein paar stunden dieser besonderen zeit zu nutzen — und so scheint es auch den meisten anderen menschen zu gehen. trotzdem bin ich immer noch von der segmentschlaf-idee von jesse barron begeistert (die ich nach wie vor für einen aprilscherz halte, auch wenn sie einen eigenen wikipediaeintrag hat).

in der nacht zum dienstag war ich nicht müde, sondern einfach neben der kappe. ich wollte es mir nur nicht so recht eingestehen — was übrigens eine meiner lieblings-methoden ist, krankheiten zu bekämpfen: ignorieren, in der hoffnung dass sie weggehen.

als stewart und axelrod mit dem gespräch fertig waren und sich den publikumsfragen widmeten, kam die beifahrerin aus dem bett und fragte mich was ich in der küche täte: „ich gucke fernsehen …“ sie überzeugte mich, es nochmal mit dem schlafen zu probieren — und tatsächlich schlief ich dann bis halb neun ganz gut durch, ging ins büro und versuchte dann meine heraufziehende grippe dort weiter zu ignorieren, bzw. dort abzuwarten, dass sie sich als heftige heuschnupfenattacke oder quersitzender furz oder so herausstellen würde. das funktionierte leider nicht. am nachmittag waren sich die kolleginnen einig, dass ich so scheisse aussähe, dass ich schleunigst nachhause müsste.

zuhause schlief ich dann mehr oder weniger 16 stunden durch und versuchte am nächsten morgen wieder gesund zu spielen und ein bisschen zu mikromanagen, mails an kunden und das team zu schreiben und die viele arbeit aus dem bett heraus aufzuteilen. leider stellte sich heraus, dass mir nur eine einzige intellektuelle fähigkeit blieb: ich konnte hervorragend löcher in die wand starren und mit etwas mehr anstrengung, mit hilfe eines bildschirms, in die ferne sehen.

im laufe des tages wollte ich mir dann noch eine weitere meinung zu meinem gesundheitszustand einholen und lief zu meiner hausärztin. die bestätigte den eindruck meines umfelds (dass ich krank sei und auch so aussähe), schrieb mich bis zum ende der woche krank und warnte mich ausdrücklich in den nächsten tagen ein flugzeug zu betreten. das war insofern bedauerlich, weil wir bereits vor monaten ein verlängertes wochenende in moskau geplant hatten, was dank eigenartiger visa-regeln und hotelbuchungsregeln ein organisatorischer höllenritt war.

ich war geneigt der hausärztin zuzustimmen, denn auf dem rückflug aus schottland habe ich eine neue flugangst entwickelt: die angst vor mangelhaftem druckausgleich. in den letzten tagen in schottland hatte ich mich nämlich erkältet und mich dann nichtsahnend ins flugzeug gesetzt. dank der erkältung funktionierte der druckausgleich in den ohren nicht mehr, was bei der landung zu höllischen schmerzen wegen überdruck in den ohren führte. später, zu spät für den schottlandheimflug, las ich, dass man die folgen mit abschwellenden nasentropfen etwas abmildern könne, mich begleitete der ohren-überdruck dann zuhause noch ein paar tage.

weil ich das alles nicht noch einmal erleben wollte, war ich kurz davor auf die ärztin zu hören und die reise abzusagen und das wochenende über lieber zuhause löcher in wand zu starren, als mich nochmal mit geschwollenen schleimhäuten in ein flugzeug zu setzen.

weil ich mich am ende dann doch anders entschied, und mich mit nasentropfen und schmerzmitteln vollgepumpt doch ins flugzeug nach moskau setzte, kann ich in den nächsten tagen an dieser stelle und dem hashtag #moskau noch drei bis vier weitere artikel über unseren kurzbesuch in moskau veröffentlichen. zur einstimmung dazu ein symbolbild, dass die widersprüchlichkeit von moskau (oder russland) ganz gut zusammenfasst:

brunnen der völkerfreundschaft
brunnen der völkerfreundschaft auf dem ausstellungsgelände der errungenschaften der volkswirtschaft aus der sowjetzeit, mit einem wlan-hotspot und einem transmenschen im hintergrund.

ads first

felix schwenzel, , in artikel    

ich hatte grosse leise hoffnungen, dass das google AMP-projekt eine sinnvolle alternative zu facebook instant articles sein könnte und dafür sorgen könnte, mobile webseiten nicht nur schneller, sondern auch ansehnlicher und benutzbarer machen könnte. die hoffnung habe ich mittlerweile zweifach aufgegeben. einerseits, weil google/AMP, auch fast ein jahr nach dem offiziellen start, lediglich grosse medienhäuser zu unterstützen scheint und andererseits, weil das aufmerksamkeits-missbrauchspotenzial bei AMP-seiten genauso hoch ist, wie bei normalen HTML-seiten. wenn schon ein seriöser verlag, wie die zeit, eine angeblich mobil-optimierte AMP-seite wie diese in die google-suchergebnisse haut, kann man wohl davon ausgehen, dass die verlage das AMP-projekt nicht als accelerated mobile pages ansehen, sondern accerlerated mobile ads, mit denen sie weiterhin benutzern den telefonbildschirm zukleistern können.

ads first project
die zeit interpretiert das accelerated mobile page (AMP) projekt als ads first project (AFP)

auf der seite ist ohne scrollen nicht eine einzige information sichtbar. weil die werbung auch per AMP, wie gewohnt, etwas langsamer als der rest der seite lädt, erschien die seite beim initialen laden zunächst leer. ich habe das eben mit vier amp-seiten der zeit online ausprobiert, die ich in google-suchergebnissen gefunden habe. alle sahen wie folgt aus:

mit solchen aktionen arbeitet der zeit-verlag an der abschaffung des offenen webs mit, hier sogar explizit und implizit. implizit, indem die zeit nutzern der google-suche zeigt, das sich der werbeirrsinn auch nicht mit an sich sinnvollen projekten wie AMP stoppen lässt und dass das (verlags-) web einfach scheisse aussieht — und explizit, indem es sonne und genuss verspricht, wenn man eine app statt des verseuchten webs benutzt. die zeit schreit in diesem beispiel schamlos ins netz: „siehste wie scheisse unsere webseite im web aussieht? probier doch mal unsere APP!“

solchen missbrauch habe ich in ansätzen auch schon bei den facebook-instant-articles gesehen. dort kann man das obere drittel des bildschirms mit einem artikelbild oder video füllen und der eine oder andere verlag hat dieses bild schon mit werbung gefüllt. aber immerhin ist dann noch die artikelüberschrift und der anreisser sichtbar — und alles sofort da.

wer solchen kaputten scheiss an leser ausliefert, darf sich wirklich nicht über rückgängige aufmerksamkeit und flächendeckendes abblocking beklagen. und wo ich gerade bei worst practices bin, nachdem ich die zeit-startseite eben drei minuten offen stehen hatte, erklärt mich die zeit für zu blöd das web zu bedienen:

hinweis zum neuladen auf zeit.de
die zeit erklärt ihren benutzern, ganz subtil, dass sie dumm sind

marseille s01e01 (20 ans)

felix schwenzel, , in gesehen    

marseille netflix

ich dachte gérard depardieu sei ein guter schauspieler. nach dem ansehen der ersten folge von marseille bin ich mir nicht mehr so sicher. er sieht fantastisch aus, wird toll ins bild gesetzt und wenn er in der totalen gefilmt wird, ist seine präsenz überzegend und stark. bei nahaufnahmen und dialogen bröckelt seine beherrschende präsenz ein bisschen und er wirkt dann nicht mehr wie ein mächtiger, gewiefter bürgermeister, sondern wie ein theaterschauspieler, der zu leise redet. sein gegenpart, gespielt von benoît magimel, steht ihm da fast nicht nach. er wirkt mit seiner aufgesetzten cowboy-mimik (zusammengekniffene augen, leicht geöffnete lippen) wie till schweiger, der lucky luke spielt.

vielleicht liegts aber auch am drehbuch und den dialogen. die wirken auf mich durchgehend so, als seien es keine gespräche, die die protagonisten miteinander führen, sondern erklärungen für die zuschauer, die klären sollen, was in marseille eigentlich los ist — und was in den letzten 20 jahren passiert ist. die autoren sind offenbar irre ungeduldig und stopfen alles an was sie für die geschichte wichtig halten in die dialoge in den ersten 40 minuten. die charakterzeichnungen fallen stereotyp und eher flach aus — und abgesehen davon kann sich jeder, der den marseille-trailer gesehen hat, denken was in dieser ersten folge passiert (mögliche spoiler folgen, der trailer verrät auch handlung).

youtube-video
youtube

das ist jetzt nur ein halber spoiler und, wie gesagt, auch im trailer deutlich zu sehen, wenn ich kurz zusammenfasse, was in der serie zu sehen ist: das pimmelfechten zweier, zu allem entschlossener männer. das kann unterhaltsam und spannend sein, wie es gerade die serie billions gezeigt hat, kann aber auch in die stereotypen-hose gehen.

tatsächlich macht der trailer hoffnung darauf, dass sich die geschichte noch dramatisch entwickelt und depardieu noch warmläuft. was mir sorgen macht, ist das hektische hin und her schneiden zwischen den handlungssträngen. viele szenen dauern nicht viel länger als eine minute, dann wird in grosser eile zur nächsten geschnitten. richtig gute, immersive stimmung kommt dabei nicht auf. was mir hingegen sehr gefällt, ist die kamera, wie sie marseille einfängt, wie sie (in den totalen) depardieu einfängt. die musik ist anständig und passt weitesgehend, auch wenn mich der ganze sound sehr an house of cards erinnert.

ich weiss nicht ob es ein gutes zeichen ist, wenn ich den trailer besser fand als den piloten. für den piloten geb ich jedenfalls nur drei punkte. ein, zwei folgen schau ich noch, mal gucken ob mich marseille noch zu begeistern oder wenigsten nicht zu langweilen schafft.

[nachtrag 07.05.2016]

  • folge zwei ist einen ticken spannender, hat aber immer noch enorme schwächen.

  

#rpten nachlese

felix schwenzel, , in artikel    

NET

anbei meine nachlese mit sehenswerten oder empfehlenswerten vorträgen zur republica dieses jahr. noch habe ich nicht alle videos gesehen und vor allem scheinen noch nicht alle videos, die ich gerne sehen würde, online zu sein. möglicherweise serendipitiere ich mich noch an andere vorträge heran, die ich dann hier und in meinen anderen beiträgen zur #rpten (siehe unten) nachtrage und ergänze.

bisher habe ich folgende längeren texte zur republica 2016 geschrieben:

gesehen

youtube-video
youtube

tom hillenbrand: 1684 statt 1984: des königs NSA

tom hillenbrand gräbt ein bisschen in der vergangenheit und zeigt eine wiederkehrende tendenz von machthabern, andere zu überwachen. wahrscheinlich kann man noch weiter als ludwig den vierzehnten zurückgehen und immer noch ähnliche tendenzen zur totalüberwachung finden. alex matzkeit war nach eigenen worten „völlig begeistert“ von diesem vortrag, ich fand ihn sehr solide.

* * *

youtube-video
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philip banse: netz-publizisten im gespräch

wie immer, eine sehr schöne runde gespräche von philip banse, diesmal mit „netz-publizisten“, also leuten die im netz was machen und im letzten jahr philip banse aufgefallen sind. zuerst patricia dasnuf cammarata, über das bloggen allgeimein, ihr blog, ihr buch und warum sie sich jetzt auch „muttibloggerin“ nennen lässt. danach nicolas semak über sein projekt viertausendhertz.de. hört sich alles interessant an, nuss man aber alles hören. danach ingrid brodnig über ihr buch und „hass im netz“. das was sie erzählte klang interessant und differenziert, aber besonders bemerkenswert fand ich, wie sehr sich das östereichische deutsch vom deutsch, das üblicherweise in berlin gesprochen wird, unterscheidet. die vokabeln die ingrid brodnig benutzte hatte ich teilweise zuletzt in theo-lingen-filmen vor 30 jahren gehört. zuletzt tilo jung, der erzählte was er in der bundespressekonferenz so macht, dass der regierungssprecher ihn erst auf die idee brachte („kommen sie doch mal vorbei“) auf die bundespressekonferenz zu kommen und das jetzt offenbar bitterlich bereut. als er das so erzählte wurde er mit beinahe wieder sympathisch, weil er in der bundespressekonferenz natürlich angefeindet wird und eine art underdog-status geniesst und vergleichsweise dünn auftrug und bescheidenheit übte.

als philip banse ihm dann auch mal eine „ungenehme frage“ stellen wollte, piekste er in die alte krautreporter und femminismusdebatte von damals™ und unter rechtfertigungsdruck, wirkte tilo jung dann wieder so unsympathisch wie eh und je. später gerät er dann mit patricia cammarata aneinander, was ich ziemlich unterhaltsam fand. die stelle ist im video ab sekunde 3303 zu sehen.

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gunter dueck: cargo-kulte

11 minuten habe ich das leider relativ unstringente gerede von gunter dueck ausgehalten, dann musste ich abschalten. ich mochte die art, mit der gunter dueck vorträgt bei den ersten beiden gelegenheiten, bei denen ich ihn sah, ganz gerne. aber jetzt, heute halte ich das nicht mehr so gut aus. man kann auch stringent und wirr reden, aber unstringent, unpräzise und wirr, ist mir dann doch zu viel.

auf meiner watchlist

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kübra gümüşay: organisierte liebe

ich hab nur gesehen (und gehört) dass es am ende standing ovations für diesen vortrag gab.

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ruth daniel: art what it good for?

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firas alshater: was alle flüchtlinge wollen

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richard sennett: the city as an open system

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laurie penny: change the story, change the world

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#rpten tag 3

felix schwenzel, , in artikel    

wieder etwas zu spät gekommen und um halb zwölf, also viel zu spät, bei hossein derakhshan mit the post-web internet: is this (the future of) television?

hossein derakhshan ist vor etwa einem jahr in das blickfeld getreten, als er einen artikel auf medium/matter veröffentlichte, in dem er den niedergang des webs beklagte. dazu schrieb ich damals:

pessimistisches, langes lesestück von hossein derakhshan, die wegen seines blogs für 6 jahre im iran im gefängnis sass und der das alte web, das vor seiner inhaftierung, vermisst. zu grossen teilen gebe ich ihm recht, an manchen stellen seines textes möchte ich widersprechen und finde seine darstellung zu eindimensional.

den teil seiner rede, den ich noch mitbekam, fand ich dann nicht nur eindimensional, sondern so ärgerlich, dass ich twitterte:

mich hat die neil-postmanisierung der gesellschaftsdebatte schon 1985 genervt. jetzt schwappt dieser pessimismus täglich auf der #rpten hoch

tatsächlich zitierte hossein derakhshan explizit neil postman und warnte sinngemäss davor, dass das internet uns langsam verblöde und wir uns „zu tode amüsieren“ würden, weil wir uns „mehr und mehr“ von der schriftsprache hin zur bildsprache wenden würden und unsere informationsaufnahme nur noch häppchenweise funktioniere.

ich möchte dem auf mehreren ebenen widersprechen, aber zum glück stumpfte hossein derakhshan in der anschliessenden fragerunde seine spitzen thesen ausversehen etwas ab. so berichtete er, dass im iran grossteile der nachrichten und berichterstattung auf instagram auslagern würden, weil instagram im iran nicht zensiert würde. so würden bei instagram lange texte unter den bildern erscheinen und instagram damit quasi als textmedium zweckentfremdet. ausserdem würde im iran so gut wie jeder telegram nutzen. das ist ein verschlüsselter nachrichtendienst, der auch eine gruppenfunktion habe, mit der man grosse leserschaften erreichen könne. kann natürlich gut sein, dass er glaubt, dass nur die menschen im iran nicht verblöden, weil dort die bildlastigen dienste zensiert seien, im rest der welt dank youtube und facebook dann aber doch? oder er findet, dass richtiger journalismus nur auf papier und richtiges bloggen nur in blogs funktioniere?

dazu kommt noch eine fehleinschätzung, der, meiner meinung, auch schon postman aufgesessen ist. das informationsbedürfnis grosser bevölkerungsgruppen war schon immer bildlastig. elaborierte schriftkommunikation war, soweit ich das sehe, nie ein massen-phänomen, sondern spielt sich bis heute eher in bildungsnahen schichten ab. auch vor dem fernsehen und dem netz gab es bildlastige illustrierte oder klickbait (beispielsweise in form überzogener schlagzeilen). blogs haben nie ein massenpublikum angezogen, sondern, schon immer, in nischen geblüht. und selbst das fernsehen hat sich mittlerweile so weit ausdifferenziert, dass es in nischen (zum beispiel der nische der „qualitätsserien“) mit anspruchsvollen, komlexen romanen mithalten kann. anders gesagt: wer sich zu tode amüsieren wollte, konnte das auch schon vor 200 jahren tun, wer buchstaben liebt, findet die heute in höherer zahl und vielseitiger kombiniert, als jemals zuvor in der menscheiheitsgeschichte.

bei dem wenigen was ich von hossein derakhshan mitbekommen habe, schien mir das was er sagte eher von verbitterung geprägt, als von sauberer analyse. aber vielleicht sollte ich mich nochmal in gänze durch den vortrag quälen.

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[nachtrag 06.05.2016]
etwas differenzierter als ich setzt sich thomas pleil hier mit hossein derakhshans thesen auseinander und zieht auch persönliche konsequenzen, nämlich, unter anderem, mehr ins eigene blog zu schreiben und diese inhalte auf andere plattformen zu syndizieren.

marcus hammerschmitt schreibt auf telepolis auch kritisch über hossein derakhshan.

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RYOT

wir sind dann sitzengeblieben und statt des erwarteten, bereits zwei tage vorher gelaufenen programmpunkts art: what is it good for? mit ruth daniel (videoaufzeichnung, noch nicht angesehen), kam dann gabriel lifton-zoline mit what you need to see! – immersive storytelling, das im prinzip ein produktpitch für RYOT war. RYOT ist ein journalistisches format, dass viel mit 360°-videos arbeitet und kürzlich von der huffington-post aufgekauft wurde.

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mich interessiert das aus zwei gründen nicht sonderlich: erstens huffington post und zweitens 360°-videos. die technologie sei zwar da, betonte gabriel lifton-zoline mehrfach, aber auf mich wirkt sie weder ausgereift, noch besonders vorteilhaft gegenüber videotechnologien mit geringer gradzahl. bei mir sind weder 360°, noch VR so recht angekommen. mit der RYOT app, kann ich zwar prima 360°-videos auf einem telefon ansehen, aber warum ich mir die videos mit dem handy vor der nase ansehen und mich dabei um die eigene achse drehen sollte, um die richtige perspektive zu finden, habe ich noch nicht verstanden. kommt vielleicht noch, dauert bei mir aber sicher noch ein paar jahre.

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thomas fischer, foto: republica/jan zappner CC BY 2.0
thomas fischer foto: republica/jan zappner CC BY 2.0

wir sind weiter sitzengeblieben und dann kam überraschenderweise thomas fischer mit strafrecht, wahrheit und kommunikation. das sollte eigentlich schon am vortag gezeigt werden, aber da hatte thomas fischer wohl den flug verpasst. sein vortrag war angenehm und sympathisch, und handelte genau von den themen, die in der ankündigung standen:

Wie rekonstruieren wir Wahrheit im Strafprzess? Wie konstruieren wir Wirklichkeit von Sicherheit, Bedrohung, Strafbedürfnis und Schuld?

Wie passen Transparenz, Sicherheitsbedürfnis und Menschenrechte zusammen?

funfact am rande, die aktuelle folge von the good wife handelt (unter anderem) genau von diesem themenkomplex.

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nach dem mittagessen sind wir dann zu kathrin passig (clash of cultures – bewegungen und ihre organisationen) und drei mitstreitern gegangen. kathrin passig eröffnete ihre einführung in das thema mit einem zitat von mir:

kathrin passig schaue ich mir auch an, wenn sie mit mehreren auf der bühne steht und wenn das vortragsthema sich staubtrocken anhört.

sie wies allerdings darauf hin, dass das thema uns alle etwas angehe und dass die auseinandersetzung mit organisationsstrukturen, uns viele schwierigkeiten und tränen ersparen könnte, weil wir uns quasi ständig (implizit oder explizit) organisierten. tatsächlich schaffte kathrin passig in ihrer vorrede, mich für das thema zu interessieren und vor allem ihr hinweis auf diesen, schon etwas älteren, text von jo freeman habe ich ernstgenommen und ihn vor dem schreiben dieser zeilen gelesen. hier ein zitat aus dem text, das gut zeigt um was es geht:

[T]he idea of “structurelessness” does not prevent the formation of informal structures, only formal ones. Similarly “laissez faire” philosophy did not prevent the economically powerful from establishing control over wages, prices, and distribution of goods; it only prevented the government from doing so.

erstaunlich an jo freeman’s text ist vor allem, wie zeitgemäss er ist, und wie exakt er probleme beschreibt, die wir auch in den 2000er jahren sehr gut kennen.

die einzelnen wortbeiträge von volker grassmuck, leonard dobusch und monic meisel waren nicht erkenntnislos, aber ich muss sagen, dass mir die lektüre von jo freeman’s text sehr viel mehr erkenntnisse und aha-effekte verschafft hat, als das panel selbst. soweit ich sehe, hat kathrin passig die runde hier sehr vollständig transkribiert.

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einen vorteil hatte es jedenfalls live beim panel dabei zu sein, wir hatten einen müden hund im fussraum (foto von der beifahrerin auf instagram).

der hund vom typ vor mir langweilt sich auf meinem oberschenkel #rpTEN

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nach etwas herumirren und hof-stehen wollten wir uns dann herrn kretzschmar ansehen, der zusammen mit anna lena schiller stifte sprechen lassen wollte. anna lena schiller und beetlebum wurden übrigens dreimal vorgestellt, einmal vom bühnenmoderator, einmal auf einer folie und dann nochmal von anna lena schiller. ich bin da ja eher ein freund der metadaten, die bei veranstaltungen wie der republica sehr zahlreich vorhanden sind. aber auch später, in der youtube-aufzeichnung von solchen vorträgen, kann man den namen der vortragenden eigentlich kaum verpassen. aber was solls? zehnfach hält einfach besser (mein name ist übrigens felix schwenzel).

auch wenn ich nur die einführung der beiden und einen kurzvortrag von johannes kretschmar mitbekommen habe (wir mussten wegen platzangst nach 10 minuten raus), habe ich wieder lust bekommen, mal wieder selbst zu zeichnen kritzeln. eigentlich schon seit randall munroes vortrag.

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danach zu journelle, die das internet dick gemacht hat und zu der ich aus gründen nicht viel mehr sagen kann, als dass ich sie grandios, fantastisch und irre witzig finde. das war einer der persönlichsten und aha-igsten vorträge dieser republica.

und wenn jemand so auf die bühne kommt, kann eigentlich eh nix mehr schiefgehen.

journelle tritt auf

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und dann war die republica — zack! — auch schon wieder (fast) vorbei. johnny haeusler fing das cheesegate sehr würdevoll ab („Ain't no sunshine when cheese gone“) und, obwohl ich das seit mindestens 13 jahren weiss, bin ich immer wieder erstaunt darüber, was für eine rampensau johnny haeusler ist. besonders erfreulich fand ich, dass die besucherzahl in diesem jahr tatsächlich, wie erwartet, nochmal um die 1000 menschen höher lag als letztes jahr, und dass sich das nicht unangenehm bemerkbar machte (ausser beim völlig überfüllten sascha-lobo-vortrag). noch erstaunlicher: die zahl der live-stream-zuschauer, die, wenn ich mich recht erinnere, zu spitzenzeiten um die 20.000 beströmte lag. das heisst aber auch, dass es noch mindestens zwanzigtausend menschen gibt, die noch flash benutzen.

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ich fand die republica dieses jahr sehr entspannt (kein vorbereitungsstress). ich freue mich darauf, noch ein paar vorträge auf youtube anzusehen und nochmal in einem separaten artikel die veranstaltungs-highlights zusammenzufassen — und natürlich freue ich mich auf die #rp11 (oder isses dann wieder die #rp17?).

abschluss der #rpten