Auszeit? Nö.

felix schwenzel,    

Als Mobiltelefone noch schwer und klobig waren und Unmengen von Geld gekostet haben, habe ich viele Leute sagen hören, dass der Besitz so eines mobilen Telefons grässlich sein müsse: „da ist man ja immer erreichbar.“ Die Praxis im laufe der letzten 30 Jahre hat aber gezeigt, dass kaum jemand hört wenn sein Handy klingelt und die Leute genauso gut oder schlecht zu erreichen sind, wie zu Zeiten der Deutschen Bundespost.

Die Zukunft hat gegenüber Zukunftspessimisten einen entscheidenden Vorteil: sie ist nicht vorhersehbar. Sie nimmt oft Wendungen, die niemand vorhergesehen hat. Funklöcher, leere Akkus, WhatsApp-Serverausfälle sind Innovationen des 21. Jahrhunderts, die man in den achtziger Jahren unmöglich erahnen konnte.

Die Befürchtungen von Fortschrittsskeptikern sind über die Jahrhunderte hinweg beinahe immer gleichlautend: das Neue, fürchten sie, sei schlecht für das freie oder kreative Denken, lenke ab, schädige irgendwie die Gesundheit oder das Wohlbefinden und man müsse sich und andere davor schützen. Jaron Lanierr Karl G. Bauer stellte 1787 fest, dass die „erzwungene Lage und der Mangel aller körperlichen Bewegung beim Lesen, in Verbindung mit der so gewaltsamen Abwechslung von Vorstellungen und Empfindungen […] Schlaffheit, Verschleimung, Blähungen und Verstopfung in den Eingeweiden, […] Siechheit und Weichlichkeit im ganzen Körper“ erzeuge.

Mal war es das Lesen, mal der Mangel an Frömmigkeit, der Rock’n’Roll, das Fernsehen oder die Mobiltelefone, die den Menschen schadeten und Unheil brachten, heute ist es das Netz, die E-Mail, das Smartphone oder das Chatten, die die Produktivität oder gar das Auskosten des „wahren Lebens“ hemmen. Das Netz zum Vergnügen zu benutzen oder zum ziellosen Browsen scheint als ein Hochverrat am Gebot zur Produktivität und Disziplin angesehen zu werden.

Wobei die Annahme, dass Dinge, die Menschen mit Vergnügen tun, nutzlos oder gar schädlich sein müssten, wahrscheinlich mindestens so alt wie die Menschheit ist.

Früher war es der Klerus, der sich Vorschriften ersann, wie man ein frommes und Gottgefälliges Leben zu führen habe. Heute sind es Herrscharen von Beratern, Trainern oder Selbstoptimierungsgurus die sich Tipps und Anleitungen ausdenken, wie man ein gesundes, glückliches und produktives Leben führen kann. Gebote und Dogmen wurden abgeschwächt zu Tipps oder Optimierungsanleitungen, aber die Zielrichtung ist immer noch die Gleiche: das Gewissen. Auf das Gewissen wird aus allen Rohren gefeuert, in der Hoffnung darüber konformes Verhalten zu formen. Menschen die produktiver, leistungsfähiger und gesünder sind. Menschen, die sich an vorgegebene Regeln halten.

Was wir stattdessen fördern sollten, sei es in der Schule, der Ausbildung, im Beruf, ist echtes Selbstbewusstsein. Selbstbewusstsein im Sinne von realistischer Eigenwahrnehmung, Intuition und der Fähigkeit die Signale des eigenen Körpers und Geistes richtig zu deuten. Menschen, die ihre Achtsamkeit und ihre Selbstwahrnehmung trainieren, achten meistens ganz gut auf Ihre Gesundheit und bemerken auch ohne Regelkorsett, wenn sie sich verausgaben oder in allzu viel Ablenkung verlieren¹. Wer sich selbst und seinen vermeintlich versteckten Signalen zuhört, muss keine Auszeit vom Netz nehmen, um zu sich selbst zu finden oder zum gefühlten Produktivitätsniveuau der Achtziger Jahre zurück zu kehren.

Zumal Flanieren, scheinbar zielloses Umherstreifen oder Rumdaddeln im Netz, den gleichen Sinn hat, wie kindliches Spielen; während wir uns spielerisch in ihr bewegen, lernen wir die (digitale) Welt zu begreifen, zu verstehen und schliesslich auch zu formen. Ohne eine gewisse Missachtung von Regeln, entstehen keine neuen Dinge, gibt es keine Kreativität. Innovation entsteht nicht, indem man mal eine Auszeit nimmt, sondern indem man das Selbstbewusstsein der Menschen fördert und sie ermuntert auf ihre Intuition zu hören — statt auf Besserwisser, die Enthaltsamkeit predigen.

Die Furcht vor Technologie, bzw. Fortschrittängste sind eng verknüpft mit der Furcht vor selbstbestimmten, emanzipierten Menschen. Das passt auch gut zusammen, weil beides eigentlich Furcht vor dem Unbekannten und Unberechenbaren ist. Sowohl Menschen, die tun was sie für richtig halten, als auch Technologie, die sich immer weiter entwickelt, werden nicht einfach verschwinden. Darauf sollten wir uns einstellen.

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1) Siehe auch Patrick Breitenbach: „[Es] scheint sich ein ganz wichtiges neues Bildungs- und Kompetenzziel zu kristallisieren: Wir benötigen in Zukunft Menschen mit einer geübten und entwickelten Selbstwahrnehmung und Selbstachtung.“

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anmerkung: das ist der text meiner ersten kolumne im (gedruckten) t3n-magazin. die kolumne ist im aktuellen heft nummer 38. in ein paar wochen kommt die neue ausgabe, mit einer neuen kolumne von mir. die taucht dann in ca. drei monaten hier auf.

weil ich für die kolumne bezahlt werde, enthält es auch gross und kleinschreibung. zwei links habe ich hinzugefügt. einiges an inspiration stammt (offensichtlich) aus katrin passigs standardsitualtionen der technologiekritik und technologiebegeisterung.

9.1.2015

felix schwenzel,    

geheimesoterik

felix schwenzel,    

julian reichelts urvertrauen in den krieg

felix schwenzel,    

dumme geräte

felix schwenzel,    

seit 20 jahren ins internet linken

felix schwenzel,    

ich finde es doof jubiläen zu feiern. von mir aus muss ich zum beispiel meinen geburtstag nicht feiern. ich feiere auch gerne mal so mit freunden bei gutem essen und bekömmlichen getränken. ich freue mich das ganze jahr über geschenke — und bekomme auch über das ganze jahr verteilt geschenke, vor allem von mir selbst. dieses silvester habe ich verbracht wie jedes andere wochenende, bzw. jeden anderen abend: kochen, essen, etwas bier trinken, irgendwelche sachen machen (dieses jahr silvester: plex einrichten und über plex staunen). dieses jahr habe ich es sogar geschafft die beifahrerin vom öffnen einer flasche sekt und bleigiessen abzuhalten.

weil ich jubiläen grundsätzlich doof finde, kann ich es mir bereits jetzt erlauben darauf hinzuweisen, dass ix jetzt (knapp) 20 jahre linke (in html). selbst wäre ich da nicht draufgekommen, erinnert hat mich tim coles text, in dem er darauf hinweist, dass er jetzt seit 20 jahren ins internet schreibe: „Wie ich das Bloggen erfand

meine ersten gehversuche mit html müssen auch so um 1994/95 gewesen sein, also vor (ungefähr) 20 jahren. aber regelmässig zu linken habe ich wohl erst 1995 angefangen. laut dieser seite, die ich in meinem privatarchiv gefunden habe, veröffentliche ich seit mindestens dem 11. oktober 1995 regelmässig links im internet (ich glaube es war etwas früher, kann aber keine konkreten spuren in meinem damligen chaos finden).

1995 erstellte, umgekehrt chronologisch sortierte, kommentierte linksammlung

1996 und 1997 hat sich das format ein bisschen geändert, ungefähr seit dem zeitpunkt, an dem ich html-tabellen verstanden habe:

1996 erstellte kommentierte linksammlung
1997 erstellte kommentierte linksammlung

das bloggen und linken habe ich natürlich nicht erfunden, aber ich kann wohl mit padding und right (sagt man fug und recht so in HTML?) behaupten, dass ich nun fast die hälfte meines lebens linke.

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  • die seiten oben lagen auf servern der uni-stuttgart. wirres.net läuft erst seit (ungefähr) 13 jahren auf dieser domain und (nach wie vor) auf einer alten ez-publish version von 2003. das was jason kottke über sein movable type sagt, gilt übrigens auch für „mein“ ez publish 2.3:

    Movable Type is often maddening and frustrating, but it's familiar, behaves consistently, and I know it better than any other piece of software. In other words, MT is like a member of my family.

  • regelmässige, fast tägliche linksammlungen in festem format veröffentliche ich jetzt seit knapp drei jahren (das könnte der erste artikel in diesem format sein, hier eine liste aller link-artikel)
  • die datenbank sagt, dass ich in den letzten 3 jahren um die 6000 links in den linksammelartikeln verbraten habe.
  • als ich angefangen habe im internet zu linken, war dave winer schon ein alter link-hase. fefe war auch schon da.
  • meinen erstmals 1995 veröffentlichten PGP-key habe ich einmal benutzten können. zum testen.

was ich eigentlich sagen wollte: danke fürs lesen.

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ich bin mir nicht sicher ob ich das schaffe, aber ich überlege 2015 etwas weniger zu linken, dafür mehr zu schreiben. texte die sich nicht nur auf andere texte beziehen, sondern auch mal für sich stehen können. also texte auf die (hoffentlich) verlinkt wird, statt nur selbst zu linken. wenn nicht allzu viele gute fernsehserien dazwischen kommen, klappt das vielleicht auch. ich plane demnächst konkrete pläne zu planen.

der barmherzige samariter und der kackende hund

felix schwenzel,    

schön. rembrands radierung „der barmherzige samariter“ von 1633 mit einem kackenden hund in der bildmitte. gefunden im perlentaucher efeu, wo auf christian thomas text zu einer rembrand-ausstellung im goethehaus frankfurt hingeweisen wird. dort schreibt christian thomas:

Goethes faustischer Natur war bestimmt nichts fremd. In der intensiven, ja minuziösen Beschreibung der Radierung vom Hl. Samariter ignorierte er den in der Bildmitte kackenden Hund. Rembrandts kreatürlicher Natur war auf andere Weise nichts fremd.

der barmherzige samariter, rembrand, 1633

bildquelle

warum $name sich nicht $bezeichnung nennen will

felix schwenzel,    

das schreibt annett meiritz heute (unter anderem) unter der überschrift¹ „Warum ich keine Feministin sein will“ auf spiegel-online :

Trotzdem will ich nicht das Etikett "Feministin" tragen. Warum, fragen Freundinnen und Bekannte.

Leider wirkt der moderne Feminismus zunehmend wie eine Bewegung, die nicht überzeugen, sondern mit dem Vorschlaghammer bekehren will. Kluge und wichtige Argumente werden überlagert von aggressiven Tönen, ob im Netz oder im Café. Kluge und wichtige Wortführerinnen, die betont behutsam auftreten, werden gleich mit übertönt. […]

Wieder mehr zuhören

Durch dieses Prinzip macht sich der moderne Feminismus angreifbar. Er macht dicht, er grenzt sich ab, er grollt und schlägt um sich. Dabei sollte er wieder mehr zuhören, auch wenn es schwerfällt, nach Gründen fragen, nach Motiven. […]

Es wird für all das Argumente geben. Indem man sie ignoriert oder mit Verachtung überzieht, verschwinden sie nicht. Ganz im Gegenteil. […]

Wer es tut, wird sofort zum geistigen Feind deklariert. Es gibt dann richtig und falsch, und viel zu wenig Raum für alles, was dazwischen liegt. Im Eifer der Auseinandersetzung ziehen dann nicht nur Pöbler (zu Recht!) Zorn auf sich, sondern mitunter auch Menschen, die einfach ihre Sicht der Dinge beschreiben wollen. Feministinnen, die ständig und überall den "Kampf gegen die Maskus" ausrufen - dazu möchte ich nicht gehören.

Ich glaube nicht, dass der Feminismus eine neue Führungsfigur braucht, wie die "Zeit" kürzlich forderte. Was er braucht, ist eine neue Willkommenskultur. Eine klare Haltung mit klaren Botschaften kann auch mal laut und wütend artikuliert werden. Aber dann bitte klug dosiert, nicht reflexhaft.

ich habe (auf twitter) mal testweise die worte feminismus gegen journalismus getauscht (und „Kampf gegen die Maskus“ mit „Kampf gegen irgendwas“ getauscht). das kommt dann dabei raus:

Trotzdem will ich nicht das Etikett "Journalistin" tragen. Warum, fragen Freundinnen und Bekannte.

Leider wirkt der moderne Journalismus zunehmend wie eine Bewegung, die nicht überzeugen, sondern mit dem Vorschlaghammer bekehren will. Kluge und wichtige Argumente werden überlagert von aggressiven Tönen, ob im Netz oder im Café. Kluge und wichtige Journalisten, die betont behutsam auftreten, werden gleich mit übertönt. […]

Wieder mehr zuhören

Durch dieses Prinzip macht sich der moderne Journalismus angreifbar. Er macht dicht, er grenzt sich ab, er grollt und schlägt um sich. Dabei sollte er wieder mehr zuhören, auch wenn es schwerfällt, nach Gründen fragen, nach Motiven. […]

Es wird für all das Argumente geben. Indem man sie ignoriert oder mit Verachtung überzieht, verschwinden sie nicht. Ganz im Gegenteil. […]

Wer es tut, wird sofort zum geistigen Feind deklariert. Es gibt dann richtig und falsch, und viel zu wenig Raum für alles, was dazwischen liegt. Im Eifer der Auseinandersetzung ziehen dann nicht nur Pöbler (zu Recht!) Zorn auf sich, sondern mitunter auch Menschen, die einfach ihre Sicht der Dinge beschreiben wollen. Journalisten, die ständig und überall den "Kampf gegen Irgendwas" ausrufen - dazu möchte ich nicht gehören.

Ich glaube nicht, dass der Journalismus eine neue Führungsfigur braucht, wie die "Zeit" kürzlich forderte. Was er braucht, ist eine neue Willkommenskultur. Eine klare Haltung mit klaren Botschaften kann auch mal laut und wütend artikuliert werden. Aber dann bitte klug dosiert, nicht reflexhaft.

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1) laut url lautete die überschrift vorher: „Feminismus — warum Aggressivitaet nicht funktioniert“