Daniel Erk:

Ich werde meine Krautreporter-Abonnement verlängern.

Nicht, weil ich alles super fand,was die Krautreporter in den letzten 8 Monaten gemacht haben oder gar weil ich der Meinung wäre, dass das Projekt seine wahnwitzig hohen, anmassenden Ansprüche eingelöst hätte.

Sondern weil ich in der Rückschau festgestellt habe, wieviele der Krautreporter-Texte ich gerne gelesen habe. Weil ich Journalismus ohne Anlass, Dreh und Verfallsdatum mag. Und Texte, die auch ein halbes Jahr später noch nicht alt wirken. Davon will ich mehr.

Hier meine Top 5 der Krautreporter-Texte aus dem letzten Jahr:

1. Wie ein Deutsch-Syrer zum Nazi wurde – und dann Ausstieg
2. Das Comeback von Heroin. Und wer davon profitiert
3. Rico Grimms Berichte und Interviews aus Serbien, zum Beispiel
4. Theresa Bäuerlein über eine Muslim und einen Juden, die die Feindbilder von Berliner Schülern zerlegen
5. Im Fahrwasser von Onkels und Frei:Wild von Philipp Wurm: Wie Rechtsrock das Musikgeschäft aufrollt (mit freundlicher Unterstützung von Schni-Schna-Schnappi). Besonders beeindruckt hat mich bei 5. der offene Umgang mit Selbstkritik der Redaktion. Sehr souverän.

siehe auch: 9 ½ gründe warum ich nochmal die krautreporter unterstütze

game of youthism

felix schwenzel,    

Seit Beginn der TV-Ausstrahlung spielt [die Schauspielerin Lena Headey, 41] die Rolle der Cersei Lannister. Für die Nacktszene wurde jedoch ein Double engagiert, und nun ist auch bekannt, wer den Part bekam: Schauspielerin und Model Rebecca Van Cleave. Mit „Entertainment Weekly“ sprach die 27-Jährige nun zum ersten Mal über die Dreharbeiten.

schon klar, nach all den vergewaltigungen, verbrennungen, verstümmelungen und emaskulationen in den letzten paar staffeln von games of thrones, kann man den zuschauern nicht den nackten körper einer 41-jährigen frau zumuten und zeigt ersatzweise lieber den einer 27jährigen.

[nachtrag]
mir ist klar, dass lena headey sich entschieden hat, die nacktszene nicht selbst zu spielen. so steht es im oben verlinkten entertainment-weekly-artikel. darum geht es in diesem artikel aber auch nicht, sondern allein um die casting-entscheidung eine 27 jährige, eine nackte 41 jährige darstellen zu lassen. mit dem casting wollte lena headey übrigens auch nichts zu tun haben (steht auch im oben genannten entertainment-weekly-artikel).

bei game of thrones herrscht die gleiche bekloppte logik wie im restlichen hollywood: frauen über 30 gelten offensichtlich in der filmlogik als unfickbar. als potenzielle partner für fifty-somethings kommen frauen über 30 in hollywood-produktionen offenbar nicht in frage. so wurde das jedenfalls kürzlich der 37 jährigen schauspielerin maggie gyllenhaal von einem produzenten erklärt:

I’m 37 and I was told recently I was too old to play the lover of a man who was 55. It was astonishing to me. It made me feel bad, and then it made feel angry, and then it made me laugh.

(bericht im guardian, interview mit gyllenhaal)

für ältere herren kommt auf der leinwand, nach der gängigen hollywood-logik, nur ganz frisches weibliches fleisch in betracht.

woran kann das liegen, wenn jetzt die produzenten von games of thrones eine rolle, die angezogen von einer 41 jährigen frau gespielt wird, nackt von einer 27 jährigen spielen lassen? liess sich keine über-vierzig-jährige finden, die als nacktdouble auftreten wollte? oder wollte man den zuschauern den anblick von gealterter haut ersparen? in einer serie, die sich nicht scheut wirklich alles zu zeigen (kopulation, vergewaltigung, erstechen und erschlagen von schwangeren, häutungen und verbrennungen von unschuldigen, und so weiter und so fort) scheut man sich bei tageslicht eine nackte frau über 40 zu zeigen?

die produzenten, die den schönheits- und jugendwahn unserer zeit in eine mittelalterliche phatasiewelt reinprojiezieren, entlarven sich damit auch als produzenten „melodramatischer pornografie“, wie aaron bady das kürzlich nannte. oder wie ich das ausdrücken würde, als produzenten von abgedroschenem und glattpüriertem glamourscheiss. game of thrones wird von zwei über vierzigjährigen männern produziert, die radikal und authentisch tun, sich aber unübersehbar nicht mal zwei zentimeter vom kleingeistigen glamourzeitgeist lösen können oder wollen, der ältere frauen verachtet und jugendliche frauen vergöttert und verglittert.

eigentümlicherweise legen die produzenten und der autor george r. r. martin ansonsten grossen wert darauf, die „historische wahrheit und menschliche natur“ authentisch und schonungslos zu zeigen. dazu sagt martin laut der new york times:

George R. R. Martin wrote that as an artist, he had an obligation to tell the truth about history and about human nature.
[…]
As for the books, readers say that Mr. Martin’s presentation of rape underscores the harshness of his world, but some question what they say is his overreliance on it and an often lurid tone when writing about sexual matters.
[…]
Mr. Martin said that his philosophy as a writer is to show and not tell, and doing so requires “vivid sensory detail.”

allerdings ging es im nytimes-artikel und den äusserungen von george r. r. martin und seinen lesern um die darstellung von sexueller gewalt. die solle unbedingt authetisch, „unangenehm“, hart, direkt und unverblümt dargestellt werden. wenn es um die darstellung von nackten frauen geht, scheint man von diesen grundsätzen in der produktion von game of thrones auch mal abweichen zu können, um die „wahrheit“, die menschliche natur und die „harshness of his world“ ein bisschen frischer, knackiger und jugendlicher darstellen zu können, als das wohl mit dem körper einer über 40 jährigen möglich ist. was für eine abgefuckte bigotterie.

Großer Erfolg für die SPD: Seit sich die Sozialdemokraten für die umstrittene Vorratsdatenspeicherung entschieden haben, ist es in Deutschland zu keinen Terroranschlägen mehr gekommen. „Unsere erste Bilanz fällt positiv aus. Dank der SPD ist dieses Land eindeutig sicherer geworden“, sagte Parteichef Sigmar Gabriel. Kritik an der Entscheidung der Sozialdemokraten kommt dagegen von Terroristen. „Wir sind entsetzt und verzweifelt“, teilte ein Terroristenvertreter mit.