schön hässlich

felix schwenzel,    

eben hat mir stefan niggemeier den link zu diesem artikel von johanna adorján geschickt. ob ich den schon gelesen hätte. hatte ich nicht, ich lese gerade fast nix, weil ich den grossteil meiner freizeit damit verbringe möbel hin und her zu schieben, küchen aufzubauen oder passende türdämpfer zu finden oder mir amerikanische fernsehserien aus der konserve anzusehen (hätte mir meine verwandschaft doch bloss nicht gesagt, dass „two and a half men“ lustig ist, isses nämlich wirklich).

also hab ich den artikel gelesen. der artikel ist natürlich, wie alles was johanna adorján schreibt, lesenswert. der teaser des artikels, der möglicherweise gar nicht von johanna adorján stammt, sondern von einem redakteur, weiss man ja nie so genau, fasst den artikel tatsächlich pointiert zusammen:

Mitten in Berlin, am sogenannten Spreedreieck, steht ein Gebäude von überwältigender Hässlichkeit. Keiner wollte es so. Trotzdem wurde es gebaut. Wie konnte das geschehen?

jetzt frage ich mich, was macht eigentlich eine stadt aus? schönheit? muss eine stadt, müssen die gebäude einer stadt schön sein, um einer stadt zu dienen? heidelberg ist schön, freiburg auch und tübingen glaube ich auch. aber sind das städte, oder pittoreske provinzkäffer?

ist es nicht vielleicht so, dass die attraktivität einer stadt mit deren hässlichkeit steigt? oder moderater gefragt: kann einer gut funktionierenden stadt hässlichkeit überhaupt etwas anhaben? new york ist, wie berlin, abgrundtief hässlich. und trotzdem liebt jeder diese beiden städte. oder genauer, jeder hass-liebt beide städte. eine richtig gute stadt wird ständig beschimpft. das alljährliche gejammer der einwohner gehört zu einer attraktiven stadt einfach dazu. die berliner jammern wie die new yorker über den mangelhaften winterdienst, in new york stapelt sich im winter — und manchmal auch im sommer — der müll meterhoch in den strassen und alle jammern ständig über den öffentlichen nahverkehr.

aber hat sich schonmal jemand gefragt, warum die schwaben in massen nach berlin kommen? vielleicht weil sie die schnauze voll haben von der kehrwoche, den abgeleckten gehwegen, dem funtionierenden nahverkehr und den pittoresken schwäbischen vorstädten?

hat die schön-, hässlich- oder sauberkeit vielleicht gar nichts mit der attraktivität einer stadt zu tun, sondern viel eher faktoren wie dichte, funktionalität, vielfalt oder sogar gigantismus?

* * *

zurück zum spreedreieck. einerseits finde ich den bau gar nicht so hässlich. ich fahre jede woche ein paarmal mit der s-bahn an dem bau vorbei. und wenn ich so an dem teil vorbeifahre denke ich immer, „gar nicht mal so schlecht“. ich mag wie die fassade sich beim vorbeifahren öffnet und schliesst, je nach position der s-bahn, ich mag wie die friedrichstrasse sich in eine schlucht verwandelt hat, die einem eine ahnung von grossstadt gibt. ich mag wie die frische fassade jetzt schon oll und abgeranzt wirkt und ich mag die etwas missratenen proportionen. im vergleich zum wirklich abgrundtief hässlichen alexa am alexanderplatz (oder jedem anderen in den letzten jahren an einer s-bahn-linie gebauten einkaufszentrum) würde ich mich sogar dazu hinreissen lassen, das gebäude, im vergleich, als meisterwerk zu bezeichnen.

überhaupt, wenn man schon über hässlichkeit klagt, finden sich in berlin tatsächlich hundertmal mehr beispiele auf denen man berechtigt herumhacken und mäkeln könnte. allein der historisierende kotzbrocken namens „hotel adlon“ am pariser platz: was für eine peinliche posse dieses gebäude ist! und was passiert mit diesem peinlichen machwerk? günter behnisch pinkelt dem hässlichen ding einfach ans bein und klebt einen glaspalast an dessen rückwand. jetzt steht die akademie der künste am pariser platz und schreit laut und deutlich: guck mal wie peinlich romantisierend und aus der zeit gefallen das gebäude neben mir ist. behnischs bau wirkt auf mich, als hätte ein spöttischer sprayer „miniatur wunderland“ auf die brandwand des adlon gesprüht.

gewöhnung, dichte und vielfalt gleichen die hässlichkeit aus. einfach so. über das alexa rege ich mich schon lange nicht mehr auf. es steht da, ist hässlich — und funktioniert. der laden ist immer voll. es ist hässlich, lebt aber. die schönhauser-allee-arkaden: hässlich wie die nacht, aber sie funktionieren. ich geh da städig rein.

vor einer weile war der kaufhof am alexanderplatz ein hässlicher betonklotz mit waben-fassade. dann kam kleihues und wollte das haus schön machen und es hagelte proteste. auch von mir. jetzt steht da ein wunderschöner klotz, lebt und ist immer voll.

hässlichkeit in der stadt ist sowas von relativ.

* * *

besonders interessant finde ich ja, dass johanna adorján in ihrem artikel ständig mies van er rohe an die wand malt:

Für eben jenen Ort hatte Ludwig Mies van der Rohe 1921 seinen gläsernen Wolkenkratzer „Wabe“ entworfen, der, obwohl nie gebaut, zu einer Ikone der Moderne wurde, einem der wichtigsten Gedankengebäude des 20. Jahrhunderts.

mies entwurf sei „kühn“ gewesen und, so zitiert sie den architekten arno brandlhuber, der jetzige entwurf sei jetzt zu einem „Quasimodo“, einem zwitter aus „Mies und dem 19. Jahrhundert“ geworden. also eben nicht kühn, nicht ikonisch und total unwichtig. mag ja alles sein, aber mies entwurf wäre sicher noch hässlicher geworden. den vorplatz vor dem seagram building das mies van der rohe 1950 in new york baute, nutzen übrigens auch keine skateboardfahrer.

das was wir heute als die bausünden der sechziger und siebziger jahre in modernen metropolen wahrnehmen, geht zu nicht unwesentlichen teilen auf die bauphilosophie von ludwig mies van der rohe zurück. uniforme, schmucklose bauten, industrialisierte baumethoden die sich nach den bedürfnissen der technik und nicht denen der menschen richteten sind wurden in den letzten jahren nicht als kühn oder ikonisch wahrgenommen, sondern als das traurige elend der moderne. der amerikanische architektur-kritiker peter blake veralberte das motto der modernen bauphilosophie „form follows function“ mit „form follows fiasco".

* * *

nochmal: gewöhnung, dichte und vielfalt gleichen die hässlichkeit aus. als ich in stuttghart architektur studierte, befand sich die architektur-fakultät in einem ausgesprochen hässlichen gebäude namens k2. über die jahre begann ich das gebäude zu lieben. die grundrisse waren genial auf die nutzung zugeschnitten, das gebäude war irre funktional und hatte — auf den zweiten blick — echte qualitäten. im übrigen (jetzt versteige ich mich zu einer ganz steilen these) würde ich behaupten, dass gutes design oder gute gestaltung sich oft dadurch offenbart, dass sie auf den ersten blick hässlich wirkt. mir ist beispielsweise (bis auf wenige ausnahmen) noch keine neue modelreihe von mercedes oder BMW auf den ersten blick schön vorgekommen. immer erst nach ein paar jahren, offenbarten sich mir die details, die gestaltungsgrundsätze, so dass ich, immer erst nach einer ganzen weile, sagen konnte: schönes auto. neues oder ungewohntes wirkt auf den ersten blick immer hässlich. leben wir ein paar jahre mit dem neuen, gewöhnen wir uns nicht nur daran, hat es die richtigen qualitäten, schätzen wir es am ende vielleicht sogar.

mit kunst verhält es sich meiner meinung nach ähnlich. mein verhältnis zur kunst ist seit früher kindheit vom gleichen mechanismus geprägt: als meine eltern einen fuss von joachim bandau anschleppten (etwa in der art des kleinen fusses hier, etwas minimalistischer und matter) fand ich das als kind maximal bescheuert und geld-verschwenderisch. mittlerweile liebe ich die plastik über alles und streichle sie jedesmal wenn ich zuhause bei meinen eltern bin. kunst verändert sich, oder genauer die rezeption von kunst verändert sich, wenn man mit ihr zusammen lebt. viele qualitäten von kunst offenbaren sich erst, wenn man ihnen eine weile ausgesetzt ist. hässliches verwandelt sich oft in bewundernswertes, wunderschönes.

das soll jetzt nicht heissen, dass alles hässliche mit der zeit und der gewöhnung schön wird, oder dass das spreedreieck schön sei, sondern es soll heissen, dass wir manchen dingen zeit geben müssen. und: das wirklich hässliche lässt sich in einen funktionierenden (stadt) organismus trefflich integrieren (und auch ignorieren).

* * *

was ich sagen wollte: der bau am spreedreieck ist ausdruck unserer zeit. die verkrüppelten proportionen sind ausdruck der unfähigen verwaltung, von kompromissen, mauscheleien, inkompetenz, bescheuerten bauvorschriften und grössenwahn. vielleicht ist der bau auch wirklich hässlich. wenn man allerdings bedenkt, dass sich, als der eiffelturm gebaut wurde, alle pariser darin einig waren, dass er abgrundtief hässlich sei, ist das was johanna adorján über das spreedreieck schrob vielleicht das grösste kompliment was man einem gebäude machen kann. schön hässlich und eben urban.

[p.s.: die urls von faz-artikeln sind wirklich hässlich. keiner wollte es so. trotzdem sehen die URLs so aus. wie konnte das geschehen?]

die küchen-diät

felix schwenzel,    

vor zwei jahren haben die beifahrerin und ix am heiligabend in las vegas geheiratet, dieses jahr haben wir am heiligabend eine küche geliefert bekommen. die küche hatten wir am tag vorher bei ikea gekauft, geliefert wurde sie von hermes in einem lieferwagen von sixt, die beiden hermes-mitarbeiter kamen aus russland, der mietwagen aus münchen.

die küche betrachtete ich als mein bisher grösstes und kompliziertestes weihnachtsgeschenk. als kind bekam ich lego geschenkt, was im prinzip recht einfach aufzubauen ist. komplizierter wurde es, als ich zwölf oder dreizehn wurde und einen kosmos elektrotechnik-experimentierkasten geschenkt bekam. die experimente waren teilweise derart schwer aufzubauen, dass ich schier daran verzweifelte. so war ein experiment in dem elektrotechnik-baukasten ein elektromotor (bzw. generator) mit selbst aufzuwickelnden spulen. wickeln sie mal als 12jähriger dreimal 6000 spulenwindungen per hand!

eine ikea-küche aufzubauen ist sowas wie die königsklasse der weihnachtsgeschenk-montage, nicht ganz unähnlich der komplexität, elektromotorspulen selbst zu wickeln. man braucht zeit, geduld und sorgfalt. fehlt die sorgfalt, dreht sich der motor nicht oder — im fall der küche — hängen die türen schief.

* * *

in meiner zeit als schreinerlehrling haben wir nie länger als einen tag für eine küchenmontage gebraucht. allerdings waren die küchen damals auch schon fertig gestrichen und elektro- oder klempnerarbeiten mussten wir nicht durchführen. ausserdem waren die meisten küchen die wir damals montierten von poggenpohl und nicht von ikea. poggenpohl-küchen erlauben es im gegenteil zu ikea küchen, einmal aufgehängte oberschränke noch mit einer genialen mechnik nachzujustieren. bei ikeaküchen ist das ein frommer wunsch. eine höhenverstellung ist zwar theoretisch möglich (siehe symbolwunschbild), praktisch ist es aber so, dass der schrank immer auf der schraube aufliegt.

montage-symbolwunschbild ikea faktum

bei den bauchigen altbauwänden in unserer küche ist es ausserdem so, dass sowohl die ober-, als auch die unterkante der oberschränke etwa ein bis zwei zentimeter abstand zur wand hielten und nur die mitte an der wand auflagen. wie gut dass ich vorher eine riesige tüte ziemlich genialer keile gekauft hatte. keile sind neben der säge dem akkuschrauber und dem hammer (und der hoffnung dass es passt) die hauptwerkzeuge eines schreiners. alle paar wochen schnitt ich als lehrling einen sack voll keile aus abfallholz zu, die wir dann für die möbelmontage benutzten. holzkeile haben ihre vorteile, aber diese plastikkeile die ich bei bauhaus in der parkett-abteilung kaufte auch.

zwei keile

drei keile

versetzte keile

keile von der seite

keil

einen einzelnen keil kann man normal als keil benutzen, zwei aufeinanderliegende als abstandshalter mit fester dicke.

das tolle an diesen keilen ist aber, dass man die dicke des abstands mit zwei keilen zwischen wenigen milimetern und andertalb zentimetern varieren kann (oder mit vier keilen bis zu drei zentimeter)

insgesamt habe ich bei der montage der oberschränke wohl 30 bis 40 keile verballert. die küche liegt also nicht auf der wand auf, sondern auf keilen.

* * *

erschütternd ist, was man bei ikea alles selbst machen muss. klar, dass man die korpusse der schränke selbst zusammenbaut, ebenso wie man sich selbst techniken einfallen lassen muss, um die schränke auszurichten. auch die schmuckseiten und fussleisten der schränke muss man sich selbst zusägen, die küche vorher selbst streichen, das loch für den wasserhahn in die spüle schneiden, löcher für die spüle in die arbeitsplatte schneiden und sich ausdenken, wie man die kabel der beleuchtung verschwinden lässt, ohne die kabel durch den schrank zu führen (sieht scheisse aus und ist unpraktisch) oder hinter dem schrank zu führen (geht nicht, die rückwand ist bündig).

kabelleitung

den trick mit der kabelführung hab ich mir in der ikea küchenaustellung abgeguckt. dort hat man hinter den lampen ein verdecktes loch gebohrt und die kabel in einer nut unter der unteren schmuckseite zur seite nach hinten geführt um sie dann in einer nut in der seitlichen schmuckleiste nach oben zu führen.

ich muss ganz ehrlich sagen, ich habe mich auf all die schwierigkeiten und herausforderungen bei der montage gefreut. auf keinen fall wollte ich die küche von jemand anderem montieren lassen (die spulen für den elektromotor hat mir vor dreissig jahren mein opa gewickelt). die küche von einem dienstleister liefern zu lassen fand ich angemessen. den einkauf, das verladen, der transport und das nach oben in die wohnung schleppen, zumal an einem heiligabend, für 89 euro erledigen zu lassen würde ich auch nicht teuer nennen. einen lieferwagen bei sixt zu mieten und zwei russen zum schleppen organisieren, kann schnell teurer werden.

auch wenn mir das niemand glaubt: ich baue ikea-möbel leidenschaftlich gerne zusammen. der schreiner in mir freut sich, wenn ix konstruktionskniffe entdecke, die sich ikea zur kosteneinsparung ausgedacht hat oder wenn ix sehe, wie komplexität der konstruktion der einfachheit wich. beim vereinfachen ist ikea apple ebenbürtig (auch das glaubt mir niemand, stimmt aber). möglicherweise bin ich auch der einzige mensch auf der welt, der die ikea montageanleitungen, die zu 99 prozent ohne worte auskommen, genial findet.

* * *

der aufbau der küche hat dann doch etwas länger gedauert. am heiligabend und am ersten weihnachtsfeiertag war nicht viel zu machen, da mussten wir bei verwandten spachteln. in der küche haben wir am zweiten weihnachtfeiertag auch ein bisschen gespachtelt und den grundanstrich erledigt. am montag haben wir im internet gelesen, dass tiefgrund das anstreichen ganz ungemein erleichtert und der putz beim farbe anrollen nicht abbröckelt. dienstag habe ich die erste hälfte der oberschränke und keile montiert, mittwoch die zweite hälfte und die unterschränke, donnerstag die arbeitsplatte zugeschnitten, das spülbecken ausgeschnitten und montiert und angeschlossen und am freitag den neuen esstisch montiert, die türen ausgerichtet und die küche wieder eingeräumt.

vom einkauf bei ikea bis zur fertigen, neuen küche sind so immerhin neun tage vergangen. aber ich finde es hat sich gelohnt. in der küche, in der wir vor kurzem zu dritt kaum stehen konnten, können wir jetzt zu dritt am tisch sitzen. ich komme von meinem platz aus an die teller, die gläser, die tassen, die kaffeemaschine und das olivenöl — ohne aufzustehen! zum kühlschrank ist es ein schritt, zum herd andertalb. ich habe eine ganze nacht wachgelegen und darüber nachgedacht woher die massen an platz plötzlich kommen, bzw. wo sie vorher verschwendet waren. ich kann es mir auch nicht erklären, aber durch das mehr an platz, lässt sich sogar das kind zu freudengesängen hinreissen.

fertige küche
fertige küche

* * *

ich bin mir nicht ganz sicher was mein lieblingsfeature an der neuen küche ist. mehr platz ist schonmal ganz vorne. ganz vorne auch das küchenbrett, dass sich auf das spülbecken legen lässt. ganz gross ist auch der auszug (schublade) unter der spüle, der voll ausfährt, gut rollt, gedämpft schliesst und 25 jahre garantie hat. möglicherweise sind es aber die türdämpfer von blum die man auf die türbänder aufknipsen kann (zwei stück für 5 euro) und die für leise schliessende türen sorgen. damit kann man die türen so fest zupfeffern wie man will, sie schliessen sich leise und langsam — 25 jahre lang.

bluemotion möbeldämpfer von blum

in einen oberschrank haben wir einen auszug eingebaut, deshalb haben die türen dort statt der üblichen bänder die 120° weit öffnen, bänder die 153° weit öffnen. das doofe: ikea meint dafür gäbe es keine türdämpfer. blum, der hersteller der bänder und der dämpfer die ikea verkauft, meint aber, dass es die gäbe, zwar nicht zum aufklipsen, sondern zum einschrauben. leider ist es gar nicht so einfach nach weihnachten, zwischen den jahren, einen geeigneten eisenwarenfachhändler zu finden, der gerade keine inventur macht. dadurch dass zwei türen der neuen küche jetzt noch ungedämpft schliessen, verstärkt sich aber bei mir der eindruck, dass das gedämpfte schliessen der türen mein absolutes lieblingsfeature an der neuen küche ist.

* * *

über weihnachten bis zum 1.1.2011 habe ich drei kilo abgenommen. ich hatte zwar auch einen tag die scheisserei, aber ich bin der festen überzeugung, dass ich, arbeitete ich wieder regelmässig als schreiner, wieder rank und schlank wäre.

[mehr küchenphotos bei facebook]

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[nachtrag]
hier noch zwei vorher-fotos.

küche vorher

küche vorher

kaudern

felix schwenzel,    

volker kauder hat der berliner zeitung ein interview gegeben. aufmerksam darauf wurde ich durch sebastian reichl, der sich bereits treffend und lesenswert darüber aufregte. was sebastian reichel nicht kommentierte ist folgender satz von volker kauder:

Meine Erfahrung ist, dass alles was möglich ist, gemacht wird.

dieser satz ist eigentlich sensationell. denn kauder ist beispielsweise ein grosser befürworter der vorratsdatenspeicherung, bei der bekanntlich verdachtsunabhängig daten von allen bürgern erhoben, gespeichert und verarbeitet werden. diese daten sind, wie jeder der sich im bereich von informations-technologie auskennt, auch missbräuchlich zu nutzen. wenn ich mich recht erinnere hat volker kauder auch dem „zugangserschwerungsgesetz“ zugestimmt, einem gesetz, das im prinzip die grundlagen einer zensurinfrastruktur legen würde, indem es dem BKA ohne weitere gerichtliche überprüfung erlauben würde, webseiten zu sperren.

und wenn nun, frei nach volker kauder, alles was möglich ist, auch gemacht wird, wie kann er dann reinen gewissens gesetzen zustimmen deren missbrauchspotenzial so hoch ist?

interessant.

apropos glaube. das zitat von volker kauder dass sich sebastian reichel vorgeknöpft hat lautet:

Ich glaube nicht, dass sich Kinder wünschen, in einer homosexuellen Partnerschaft aufzuwachsen.

ich finde das in mehrfacher hinsicht bemerkenswert (hab ich schon gesagt, dass man den artikel von sebastian reichel dazu unbedingt lesen sollte?). einerseits: seit wann ist politik eine glaubensfrage? oder anders formuliert: sollten politiker wie volker kauder nach ihrem gutdünken entscheiden oder bewerten, wie kinder aufzuwachsen haben? was ist, wenn ein politiker glaubt, dass kinder sich nicht wünschen in einem haushalt mit fernseher aufzuwachsen? sollte dann der gesetzgeber dafür sorgen, dass familien, in denen ein fernseher vorhanden ist, keine kinder adoptieren dürften? sollte familien die in der nähe von atomkraftwerken leben, das recht kinder zu adoptieren entzogen werden?

auch wenn volker kauder offenbar aus christlichen leitkulturgründen der wissenschaft tief missraut („was möglich ist wird auch gemacht“), ich finde es gut, dass es wissenschaftliche untersuchungen gibt. zum beispiel untersuchungen darüber, wie „Kinder mit zwei Müttern oder mit zwei Vätern“ sich entwickeln. das erstaunliche ergebnis:

Nach den neuesten Erkenntnissen von Stacey und Biblarz ist auch weiterhin davon auszugehen, dass Kinder in homosexuellen Familien so glücklich (oder unglücklich) sind wie in heterosexuellen Familien auch.

mehr noch:

Doch die Studien zeigten, so die beiden Soziologen, dass die Kinder homosexueller Eltern demgegenüber "eine beeindruckende psychische Stärke an den Tag zu legen scheinen."

und kinder die von homosexuellen paaren aufgezogen werden, neigen weniger zu stereotypen. ich glaube ja, dass dass es volker kauder zu wünschen ist, dass er in einer homosexuellen partnerschaft aufgewachsen wäre. das hätte ihn vor seiner piefigen ignoranz, arroganz und peinlichen arschkriecherei in konservative ärsche selbstdarstellung als konservativer bewahrt.

vor allem wo es doch eigentlich ganz einfach ist:

Kinder sind dort glücklich, wo sie mit Liebe, Respekt und klaren Linien erzogen werden […].

ach so, eins noch. zum thema volksentscheide weist kauder auf die schweiz als abschreckendes beispiel und sagt:

Schauen Sie sich die Schweiz an: Da gibt es Entscheide über den Rausschmiss von Asylbewerbern. Das kann man doch Deutschland gar nicht wünschen.

da muss ich ihm recht geben. in deutschland beschliessen gottseidank politiker sowas und nicht das volk.

[wie man sieht, schreibe ich wieder klein. ich breche das experiment mit gross- und kleinschreibung nicht aus faulheit oder weil ich es schön finde ab, sondern weil meine leser das so wollen.]

Winter

felix schwenzel,    

Es ist so kalt, dass die rumänischen Bettlerinnen nicht mehr die Hilfsbereitschaft von anderen Touristen auszunutzen versuchen indem sie fragen „Do you speak English?“ sondern nur noch entnervt „English?“ fragen.

* * *

Das beste Netz der Welt Deutschlands, mit dem Vodafone für sich wirbt, ist, wenn man von Berlin nach Hamburg fährt, genauso löchrig wie das von O2. Nun gut, ich gebe zu, die Tunnelausfahrt aus dem Hauptbahnhof Berlin ist bei Vodafone etwas besser abgedeckt als bei O2.

Bei mir zuhause im Prenzlauer Berg strahlte mich heute früh auf dem Test-Blackberry mit Vodafone-Netz ein fröhliches „Vodafone GPRS“ an. Der Pre zeigte Vollausschlag von „O2 G3“ an. Werbung ist so scheisse.

* * *

Apropos Werbung. Die Kampagne „Wir können alles ausser Hochdeutsch“ läuft weiter. Schönes Plakat:

ZKM-Plakat Imaginging Media@ZKM

Obwohl, heisst „Arbeiten“ auf schwäbisch wirklich „Arbieten“?

ZKM-Plakat Imaginging Media@ZKM

* * *

der lupenreine Journalist Josef Joffe Bill O’Reilly spricht bei David Letterman (Sendung vom 09.12.2010) über Wikileaks und vom „Hochverrrat“. Witzig fand ich, dass der Verfechter von „Smaller government, less government spending, less intrusion at the federal level“ die Macht der amerikanischen Regierung für grenzenlos hält:

Here's the interesting thing. The US government knew that this was happening and they could have closed this down [er meint Wikileaks]. We have the capacity to close down any website in the world that we want to. But they didn't. So that’s a really interesting deal. Why didn’t they close it down, if it’s so bad?

Tja.

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Die Kunsthalle sieht ein bisschen traurig aus.

Kunsthalle Berlin

So fand ich den Schuhkarton am schönsten.

vetter, buzzi, buzzi, joop, kaulitz, dr. nakamats und hundertpfund

felix schwenzel,    

udo vetter hat hier (bei ca. 23 minuten) ein paar sehr nette sachen über dieses blog und mich gesagt. ein bisschen musste ich auch lachen, als udo sich auf die frage, ob „man“ mich wegen meiner „flotten sprüche“ auch schon mal „rauspauken“ müsse weigerte über mandantenverhältnisse zu reden.

udo meinte auch, dass meine kleinschreibung „schwer erträglich“ und ein grosser fehler sei. Zur Feier des Tages werde ich zunächst die nächsten zehn Artikel in ordentlicher Gross- und Kleinschreibung verfassen. Mit korrekter Rechtschreibung oder Zeichensetzung werde ich nicht dienen können, die kann ich nämlich nicht.

Trotzdem nochmal ein zwei Worte zur Kleinschreibung. Einerseits finde ich sie seit ich Otl Aicher las einfach wunderschön. Aicher schrob ja alle seine Bücher in konsequenter Kleinschreibung, zumindest die, die ich las. Andererseits sollte man seine eigenen Vorstellungen von Schönheit anderen nicht übermässig aufzwingen. Dann wiederum, habe ich nie das Bedürfnis verspürt, das zu machen was andere von mir erwarten, im Gegenteil, ich schreibe hier genau das was mich interessiert — was ja auch der Reiz an diesem Blogdings ist. Etwas zu polemisch vielleicht, habe ich die Kleinschreibung auch hin und wieder als hocheffektiven „Arschlochfilter“ wahrgenommen. Mit anderen Worten, hier lesen (vermutlich) vor allem Leute mit, die das was ich schreibe interessiert und nicht wie gross oder klein ich es schreibe.

Wie gesagt, ich probiere es mal mit Gross- und Kleinschreibung — ausser, was ich nicht wirklich erwarte, es outen sich mehr als 10 Fans meiner Kleinschreibung in den Kommentaren.

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Dieses Video aus der ersten Staffel der Muppets-Show fasst ungefähr alles das zusammen, was ich bis vor ein paar Jahren zum Thema Öffentlichkeit, Privatshäre, Internet und Preisgabe von persönlichen Informationen gedacht habe. Kurz: je mehr Informationen man über sich selbst preisgibt, desto unklarer wird das was wahr ist. Bis vor kurzem glaubte ich, dass man die Menschen mit Informationen über sich selbst zukippen kann und es damit immer schwerer wird die eigentliche Substanz dahinter klar zu erkennen. Seitdem Google die Kraft des Brute-Force Datenminings und der Algorithmen dahinter immer eindrucksvoller demonstriert, denke ich langsam anders dadrüber.

Aus diesem und ein paar anderen Gründen habe ich übrigens seit ein paar Jahren äusserst gute Erfahrungen damit gemacht, Artikel auf wirres.net die älter als drei Jahre sind für die Google-Indexierung zu sperren. Mit anderen Worten, Artikel auf wirres.net die älter als drei jahre sind, sind über Google (und alle Suchmaschinen die sich an die Robots-Anweisungen halten) nicht mehr auffindbar. Einerseits bilde ich mir ein, dass mich diese Massnahme das eine oder andere mal davor bewahrt hat Udo Vetters Dienste in Anspruch zu nehmen, andererseits müssen Google und seine Benutzer ja nicht alles von mir wissen.

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Friedemann Karig schreibt äusserst differenziert und unknüwerig über Wolfang Joop und Bill Kaulitz die kürzlich irgendwann mal gemeinsam durch die Nacht in Paris zogen und dabei auch über das Internet redeten. Sein Fazit, dem ich, nachdem ich die Sendung gesehen habe, absolut zustimmen würde, lautet:

Bill Kaulitz würde das Internet also gerne abschalten. Und zwar für alle. Jedoch nicht aus sturer Technikfeindlichkeit oder Altruismus. Nicht, weil er die Welt besser machen wollte. Nicht, weil er zu alt dafür ist oder es nicht bedienen kann. Nicht, weil er zu viel von seiner eigenen Musik gehört hat und jetzt die Stille sucht.
Sondern aus banalem ökonomischen Egoismus.

Dass es ihm nicht (nur) um die Kunst geht, um sein kreatives Schaffen das er durch das Internet gefährdet sieht, merkte man spätestens dann, als er sich bitterlich darüber beklagte, dass vor der Veröffentlichung einer Tokio Hotel-Platte, bereits neun stücke im Internet zu haben waren und er meinte, dass sie die Platte dann ja fast nix mehr wert sei.

Auch witzig dass sich Kaulitz unter heftigem Nicken von Joop darüber beklagte, dass im Internet jeder alles kommentiere könne und damit jede „Magie“ zerstöre. Kurz vorher tratschte Wolfang Joop noch über Iman Bowie, die sich „alles machen liess, alles, die Titten, das Gesicht, alles“. Auch wie sie die Schönheitsoperationen der Titten, des Gesichts und allem anderen finanzierte tratsche Joop freimütig ins Fernsehen. Im Internet, dem grossen Magiezerstörer, haben die Menschen immerhin noch den Anstand das Thema Schönheitschirurgie mit einem Fragezeichen zu garnieren. Joop zerstört die „Magie“ von Imans Aussehen während er in einem teuren pariser Restaurant mampft und beklagt sich dann darüber, wenn es andere auch machen.

Ähnlich widersprüchlich empfand ich Wolfgang Joops Spruch, dass er ja in letzter Zeit sehr, sehr kamerascheu geworden sei, weil er das was die Kameras produzierten nicht mehr mit seinem Bild von sich selbst vereinbaren könne. Mit anderen Worten, er hält sich für zu alt und unschön um noch vor die Kamera zu treten, was ihn freilich nicht davon abhält mit Bill Kaulitz eine einstündige Sendung zu produzieren („Hab ich für dich getan, Bill“) oder peinliche Fotos von Andre Rival anfertigen zu lassen, damit ich morgens, wenn ich auf den Bus warte, eine Portion Mitleid Fremdschämen empfinden kann.

Die Sendung anzusehen lohnt sich übrigens allein deshalb, um einmal zu sehen wie Patricia Riekel sich (gegen Ende der Sendung) an Promis ranwanzt. Überhaupt ist der Titel der Sendung leicht daneben. „Durch die Nacht mit Wolfgang Joop und Bill Kaulitz“ hätte auch der Einfacheit halber „Das grosse Ranwanzen“ genannt werden können.

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Schöne Geschichte über Dr. Nakamats, die Berliner Zeitung und Fritz Schumann (via Bildblog). So geht das mit dem Bloggen.

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Schöne Stühle.

Jörg Hundertpfund FLEXIONEN

„la famiglia“ in der coccolino „showlounge“

felix schwenzel,    

gestern abend war ich mit einigen kollegen in der, wie sie sich selbst beschreibt, „komödiantischen dinnershow“ la famiglia. von diesen „dinnershows“ gibt es ja mittlerweile einige, hab ich gehört. konzeptionell habe ich diese shows nie verstanden. soweit ich mir das bis vor kurzem zusammenreimte, bekommt man dort etwas zu essen und wird von schauspielern oder schaustellern oder irgendwelchen anderen künstlern beim essen gestört. seit gestern halte ich es auch für möglich, dass es umgekehrt ist, dass man mit seinen niederen bedürfnissen wie störungsfreier kommunikation mit dem kellner, getränkewünschen und getränkeentsorgung, essgeräuschen und -gerüchen die künstler bei ihrer vorführung stört.

ähnlich wie bei musicals, die in der regel eine geschichte, die sich auf einer halben dina4-seite erzählen lässt, durch exessives rumgesinge und rumgehampel auf zwei bis drei stunden länge strecken und mit bunten kostümen ausschmücken, verstehe ich nicht wirklich warum man sich eine solche veranstaltung eigentlich ansehen sollte.

aber nun war ich gestern nunmal zu dieser „komödiantischen“ essveranstaltung eingeladen. ich habe lange überlegt, ob ich diesem geschenkten gaul ins maul schauen soll (ein bis zwei stunden) und ob ich etwas, in das viele menschen extrem viel arbeit, herzblut und energie gesteckt haben, mit einem federstrich mit fehlerhafter rechtschreibung und mäandernden satzungetümen niedermachen soll.

ich habe mich entschieden es zu tun, weil ich mich geärgert habe. aus mehreren gründen — und die müssen jetzt mal eben raus.

erstens war das essen kalt. also nicht die antipasti oder das tiramisu, sondern die nudeln. und nicht nur die nudeln an unserem tisch, sondern die nudeln an mindestens drei tischen um uns herum. und mit kalt meine ich nicht lauwarm, sondern kühlschrank-kalt. die antipasto bestanden aus einem streifen eingelegter roter und einem streifen gelber paprika, einer scheibe zuccini, einer karottenscheibe, einer scheibe aubergine und zwei unfassbar subtil angemachten blättern salat. immerhin war die marinade ganz lecker und ich hatte den ganzen abend was davon, wenn ich mal aufstiess.

zweitens fand ich die show ganz furchtbar. langweilig, unwitzig und viel zu lang. dafür, dass ich die show furchtbar fand, können die schauspieler oder die produzenten der show natürlich nichts. woher sollen die auch wissen, dass ich nicht auf siebziger-jahre partykeller-humor stehe, der sich fast ausschliesslich um titten, ärsche und das ficken dreht? woher sollen die produzenten wissen, dass ein humor der sich auf das paraphrasieren von sexuellen handlungen und die bedienung von ausgeleierten klischees beschränkt, mich vor fremdscham beinahe paralysiert?

ganz im ernst, es ist völlig OK, dass es leute gibt, die zum beispiel einen solchen humor (von einem der drei hauptdarsteller der show) zum schreien komisch finden (youtube direktqual) oder sich eben auch bei „la famiglia“ königlich amüsieren. in der tat wurde gelacht und auch ein bisschen applaudiert.

seit gestern wünsche ich mir deshalb eine klare vorab-humor-klassifizierung, wie es das zur klassifizierung von musik bereits gibt. so würde ich mir mit ziemlicher sicherheit keine volksmusik- oder marschmusikkonzerte ansehen, weil schon von weitem am namen erkennbar ist, dass die veranstaltung und ix nicht kompatibel sein werden.

nun gut, bei der show-selbstbeschreibung hätte ix schon verdacht schöpfen können:

Musica, Pasta e Teatro! Eine herrlich spritzige Komödie mit kulinarischen und musikalischen Highlights!

wenn die adjektivdichte sich in einem absatz 50% nähert, sollte man sehr, sehr vorsichtig werden. und eigentlich sind solche pressezitate ein unübersehbares warnzeichen:

"Amouröse Verwicklungen, es fliegen die Fetzen - rasend komisch!", so urteilt begeistert die Presse.

wobei es aus meiner sicht sogar eine glatte lüge ist, „komisch“ fand ich es nur sporadisch und erst recht nicht rasend, sondern schleppend — obwohl man über humor ja streiten kann (äh, kann man über humor streiten?).

zumindest hätte ich mich wohl weniger geärgert, wenn im flyer statt „rasend komisch“ gestanden hätte: „leute die mario barth und fips asmussen mögen, mögen auch diese volkshumordinnershow.“

aber vielleicht sollte ich mich nicht über die show ärgern, sondern über „die presse“ die pr-müll einfach so übernimmt.

ganz wichtig neben der humorklassifizierung wäre noch eine vorherige längenangabe. denn drittens hat die show von 19:30 bis ungefähr 23:30 uhr gedauert. das sind qualvolle vier stunden unterbrochen nur von einer kurzen bestellphase vor der show und einer kurzen pause, in der es kalte pasta gab.

würde die show mit einer solchen angabe werben, kämen vielleicht insgesamt weniger leute, aber am ende blieben mehr zufriedene: „die show besteht aus zwei einstündigen, etwas zähen und in die länge gezogenen akten, für das essen, getränkebestellungen und diskussionen mit dem küchenpersonal haben sie insgesamt 45 minuten zeit. nach dem schlussapplaus und drei freiwilligen, ungebetenen zugaben, nehmen wir uns nochmal 30 minuten zeit um alle mitwirkenden einzeln vorzustellen.“

aber es gab auch positive aspekte. die kellnerin war etwas witziger und schlagfertiger als robert louis griesbach, die in die show eingearbeitete schleichwerbung für fiat wurde in witzchen verpackt, die show war in 3D (witz bei griesbach.de geliehen), ich habe tatsächlich insgesamt viermal lachen müssen (einmal allerdings auf dem klo, wegen dem typen mit brechdurchfall nebenan) und die kalten nudeln liessen mich ziemlich kalt, weil sie trotzdem lecker waren.

so viel arbeit, soviel mühe von sovielen menschen die in dieser show steckt. doof nur, dass man das merkte — so urteilt relativ unbegeistert der schwenzel.

sicherererererer ins fettnäpfchen

felix schwenzel,    

das neue testimonial von paypal

das neue testimonial von paypal

super timing. in dem moment wo paypal in einem epischen shitstorm steht, wird es für den werbeclaim des jahres ausgezeichnet: feigerererer, willkürlicherererer „sichererer“ lautet der ausgezeichnete und total unmissverständliche claim. wie die wuv leicht schleimig textet:

Mit „Sicherererer“ bringe PayPal alles auf den Punkt, was die von der Finanzkrise und Phishing-Mails verunsicherten Kunden vom Online-Handel erwarten.

falsch. was die kunden erwarten ist anständiges verhalten. wenn noch nicht mal eine gemeinnützige stiftung vor willkürkürkürkür von paypal sicher ist, wie sicherererer kann man dann bei paypal als einzelner sein, anständig behandelt zu werden?

[schlechte bild-montage von mir]

die grösste gefahr für die demokratie: gut gemeint

felix schwenzel,    

ich guck ja gerade „the west wing“ zum zweitenmal. und bei west wing findet man immer motive oder zitate mit denen man aktuelle ereignisse super illustrieren kann.

in einem völlig anderen zusammenhang fällt in folge 6 der ersten staffel folgender dialog zwischen den white-house-beratern mandy hampton und josh lyman:

JOSH: I don't think it's unreasonably macho for the White House to be aggressive in preserving democracy.

MANDY: Let me tell you something. Ultimately, it is not the nuts that are the greatest threat to democracy, as history has shown us over, and over, and over again. The greatest threat to democracy is the unbridled power of the state over it's citizens, which by the way, that power is always unleashed in the name of preservation.

(kann man auch hier sehen, „unbridled“ heisst übrigens „ungezügelt“.)

mit anderen worten: nicht julian assange oder die irren „onlinecommunitybenutzer“ gefährden die demokratie. es sind die journalisten die sich selbst für überflüssig erklären und die regierungen die ihren bürgern den schutz vor der regierung verweigern und die unternehmen die AGBs über die verfassung stellen.

im moment kann man es schon mit der angst bekommen (via rivva). es bleibt dabei: das gegenteil von gut, ist gut gemeint.

staun, tillack und joffe über wikileaks

felix schwenzel,    

ich fand den artikel über wikileaks von harald staun in der FAS nicht doof, auch wenn der artikel stauns in seiner zotteligkeit intellektuellen abgehobenheit und arroganz beinahe prototypisch dafür ist, wie typen wie staun vor allem für typen wie staun schreiben. trotzdem. weil ich mir einbildete, fast alle fremdworte die staun in seinen text einstreute verstanden zu haben, fand ich den artikel lesenswert. vielleicht auch nur deshalb.

aber es stecken ein paar bedenkenswerte gedanken im text. einer davon:

Und deshalb bedeutet Wikileaks gerade nicht, wie viele das befürchten, das Ende aller Geheimnisse. Wissen ist nicht das Gegenteil des Geheimen, es ist seine Bedingung. Nirgendwo zeigt sich das besser als am Beispiel erfolgreicher Hacks: Die Offenlegung einer Sicherheitslücke bedeutet immer auch ihre Schließung. „Mit jedem Hack“, schreibt Pias, „verschwindet eine Möglichkeit zu hacken.“

hans-martin tillack meint, dass auch blöde gedanken im artikel stecken:

Und nein, lieber Medienredakteur der „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“, beim Recherchejournalismus geht es keineswegs darum, wie Sie meinen, dass eine Information „desto relevanter“ sei, „je konspirativer“ der Weg war, über den sie zum Reporter kam. Für konspirative Recherchemethoden gibt kein Chefredakteur die Seiten frei – sondern nur für Geschichten, die den Leser wirklich interessieren könnten oder aus unserer Sicht müssten.

noch witziger fand ich allerdings, wie tillack sich über josef joffe lustig macht (natürlich nennt er weder staun, noch joffe beim namen — warum eigentlich?):

Und ich finde es erstaunlich, wie viele schlechte Verlierer es im deutschen Journalismus gibt. Nicht wenige Kollegen spielen die Bedeutung der Papiere herunter und sprechen von Enthüllungen, die wir angeblich nicht brauchten, weil sie nur „mit mäßigem Nährwert“ ausgestattet seien.

Dass solches in einer Wochenzeitung mit besonders großem Papierformat zu lesen ist, überrascht dabei weniger. Dort hatte man bei manchen – nicht allen! – Autoren immer schon den Verdacht, dass sie viel lieber diplomatische Depeschen für mächtige Minister schreiben würden, als ganz unoffizielle Artikel für den Leserplebs.

joffe gibt sich in der tat so staatstragend, dass ich beinahe mitleid für ihn empfinde, dass er mit seinen vielseitigen einsichten und wissen bei einer popeligen zeitung arbeiten muss, statt im staatsdienst. joffe meint tatsächlich, dass die vierte gewalt im staate, die presse, überflüssig sei, weil es dafür parlamente und gerichte gäbe, also den rechtsstaat:

Wikileaks veröffentlicht erneut geheime Dokumente. Sollen die das dürfen?

Wenn Demokratien keine Geheimnisse mehr haben können, geht der Vorteil an die Despoten. WmdW kennt keine Dokumente, die Wikileaks je aus Nordkorea, Arabien, Iran, Russland, China etc. veröffentlicht hätte. Wikileaks lebt von den Freiheiten, welche die liberale Demokratie gewährt. Just diesen Staat will der Verein in seiner Hochmut schwächen. In dem Sinne ist das kriminell. Wir nennen es „Hochverrat“, den alle Länder mit den höchsten Strafen belegen. WmdW wünscht sich keinen Ein-Mann-Rächer, der nach eigenem Geschmack entscheidet, was zu veröffentlichen sei. Dafür haben wir Parlamente und Gerichte, also den Rechtsstaat.

klar. nixon, strauss, flick — die sind alle über parlamente und gerichte gestolpert. wer braucht schon whistleblower oder journalisten, wenn es parlamente und gerichte gibt. ein lupenreiner demokrat und journalist, der herr joffe.