state of confusion

felix schwenzel, in wirres.net    

teil einer antwort auf die frage, wie es sei, wenn man höhere mathematik verstünde („what is it like to have an understanding of very advanced mathematics?“, /via).

One of the main skills of research scientists of any type is knowing how to work comfortably and productively in a state of confusion.

das passt ja super. so gesehen bin ich voll der wissenschaftler. ich komme gut und produktiv zurecht mit meiner ahnungslosigkeit und der verworrenheit der meiner welt. obwohl ich es ein bisschen differenzieren würde:

ich möchte gerne alles wissen, kann aber gut damit leben, nicht alles zu verstehen.

dazu passt im weitesten sinne, was markus spath schreibt: mit ahnungslosigkiet muss man leben lernen, genau so wie mit dem informationsüberfluss.

urheberunrechtsbewusstsein

felix schwenzel, in wirres.net    

auch wenn der folgende text wenig fragezeichen beinhaltet, so glaube ich, dass das vor allem fragen und kaum antworten sind die ich anzubieten habe. konkret geht es um ein ziemlich bescheuertes foto, das laut google-bildersuche auf ein paar tausend webseiten veröffentlicht wurde und dessen fotograf das nicht OK fand und ein paar blogger die das bild benutzt haben eine rechnung schrob. ole reissmann hat das für spiegel-online aufgeschrieben. carsten herkenhoff ist einer der betroffenen blogger die das foto benutzt haben, hat seine sicht der dinge hier aufgeschrieben.

heike rost wiederum brachte unter einem googleplus-artikel von enno park ein zitat von mir aus der brandeins 12/2011 in den zusammenhang:

"Stimmt schon, es gibt kein Unrechtsbewusstsein. Aber es gibt auch keine Bemühungen, eines zu schaffen." schreibt +Felix Schwenzel . Wir haben "kein moralisches Problem"? Die Kommentare zu einem aktuellen Fall sprechen da leider eine ganz andere Sprache.
Als Beispiel genannt: http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,806756,00.html

daraufhin habe ich das hier drunter geschrieben:

es gibt ein super beispiel dafür, wie man es schafft ein unrechtsbewusstsein zu schaffen — oder genauer, wie man es schafft den wert digital vertriebener schöpfungen zu visualisieren. louis ck hat gezeigt wie es geht: etwas anbieten was nicht kaputtgeDRMt ist, überall abspielt (wert) und darauf hinzuweisen, dass man an das gute im menschen glaubt (respekt) und die das die menschen freiwillig zahlen (bereitschaft), wenn man sie drum bittet und es ihnen einfach macht (komfort).

genau so erreicht man unrechtsbewusstsein, bzw. respekt vor dem künstler und dem werk: indem man die kunden ebenso respektvoll behandelt, ihnen den wert der eigenen arbeit klarmacht und ihnen so eine motivation und grund zu zahlen gibt.

das was der fotograf bei carsten herkenhoff macht wirkt eher kontraproduktiv auf das unrechtsbewusstsein. ja, klar, der fotograf, sein werk wurde respektlos behandelt, aber er behandelt seine kunden, also leute die seine bilder nutzen wollen auch tendenziell respektlos. der hinweis auf die unrechtmässigkeit der bildnutzung erscheint vor dem hintergrund der tausendfachen urheberrechtsverletzung (laut google bildersuche) ein bisschen weltfremd. defakto ist sein urheberrecht nicht durchsetzbar. es doch zu tun — auf eine art und weise die den eindruck vermittelt ein paar doofe die virtuelle rechnung für tausende zahlen zu lassen — hilft weder bei der schaffung von unrechtsbewusstsein, noch bei der schaffung von respekt gegenüber den werken von fotografen. es ist die gleiche taktik mit der sich die musik- film- und neuerdings auch buchindustrie in die scheisse reiten: nicht mit respekt, verständnis und auf augenhöhe den kunden gegenübertreten, sonderm drohen, klagen, auf seinen rechten bestehen und mondpreise verlangen.

juristisch ist das alles ein nobrainer. der fotograf ist im recht, so wie die unterhaltungsindustrie. langfristig durchsetzen können urheber ihre rechte aber nur, wenn sie ihre kunden überzeugen, dass es gute gründe gibt sie für ihre arbeit zu entlohnen und sie so von einem unrechsbewusstsein überzeugen, statt wie bisher (vergeblich) zu versuchen, sie zu einem unrechtsbewusstsein zu prügeln. werte bieten und nachvollziehbar darstellen, respekt zeigen, zahlungsbereitschaft motivieren und es einfach machen, anders geht es meiner meinung nach nicht.

gesetze schaffen kein unrechtsbewusstsein. dafür braucht es gründe. louis ck hat welche genannt. gesetze die sich nicht durchsetzen lassen, erscheinen lächerlich. gesetze die sich nicht durchsetzen lassen mit unverhältnismässigen massnahmen (filter, überwachung, massenabmahnungen, DRM) durchzusetzen zu versuchen erregt unverständnis und zerstört im schlimmsten falle bürgerrechte. so gehts auf dauer ganz sicher nicht.

einerseits.

anderseits ist die argumentation von carsten herkenhoff und einiger kommentatoren dort teilweise auch wirklich haarsträubend.

dass er das bild nicht auf seinem server liegen hatte, sondern es nur eingebettet hätte. dass sich der fotograf doch über soviel werbung freuen solle. dass der fotograf keine verluste erlitten hätte.

einerseits feixt die halbe blogossphäre, wenn eine bloggerein dem burda verlag eine rechnung schreibt, weil die sich einfach, ohne zu fragen, ein bild von ihr geklaut haben, andererseits soll die ungefragte nutzung von bildern aber irgendwie auch OK sein, wenn sie auf tumblr oder blogs erfolgt?

ich glaube man kann die tatsache, dass andere mit den eigenen werken geld verdienen, durchaus als verlust bezeichnen. das argument des burda-redakteurs, die fotografin solle sich über die abgedruckten bilder freuen, die seien ja werbung für sie und vielleicht, wenn sie nicht klagt, kämen auch folgeaufträge raus, ist genauso bigott und verlogen wie die argumente einiger kommentatoren auf toomuchinformation.de. ich erleide auch keinen verlust, wenn die bildzeitung eines tages ungefragt mit meinem portrait wirbt. trotzdem ist es eine schweinerei. wächst urheberunrechtsbewusstsein nur im zusammenhang mit grossen verlagen?

* * *

siehe auch was marcel weiss schrob, oder was ich zum brandeins artikel damals schrob.

flattr einnahmen der letzten monate

felix schwenzel, in wirres.net    

zuletzt habe ix im august einen blick auf meine flattr-einnahmen geworfen. und was soll ich sagen? danke an all jene die den knopf geklickt haben und weiterhin klicken.

trotzdem ist nicht abzustreiten, dass das interesse an flattr oder die nutztung von flattr stark abnimmt. das kann auch an mir liegen, dass ich es halt nicht geschafft habe eine spendierwillige fan-„community“ aufzubauen, wie zum beispiel tim pritlove, holgi oder stefan niggemeier das geschaftt haben. es kann aber auch daran liegen, dass flattr sich einfach nicht etabliert hat, sei es weil es immer noch zu kompliziert ist oder weil es für den longtail einfach nicht funktioniert.

mein flattr-konto löschen, wie thomas wiegold, mag ich nicht. aber thoams wiegold hat natürlich recht. flattr lohnt sich eignetlich nur für ein paar grossverdiener leute die es schaffen grosse menschenmassen zu mobilisieren. oder anders gesagt: thomas wiegold und ich könnten auch keine 500tausend downloads von einem unserer bühnenauftritte verkaufen, wie louis ck das kann. für manche funktioniert flattr, für andere funktionierts DRM-freie downloads zu verticken, für andere funktioniert beides nicht.

ich finde flattr nach wie vor toll und ich flattre nach wie vor sehr gerne, wenn auch immer seltener (im dezmeber hab ich so wenig geflattrt, dass ein flattr von mir 50 cent wert war). auch weil es so wenige gibt, die den button haben. auch die flattr-chrome-extension funktioniert nicht so recht. es ist einfach alles noch zu kompliziert.

* * *

ich habe den flattr-button nicht ganz entfernt, aber zu den anderen webbugs gepackt:

social media buttons

* * *

social media buttons

man kan artikel von mir also weiterhin flattrn, entweder per klick auf den link „flattrn“ oben, oder indem man den flattr „slider“ öffnet.

die erfahrung zeigt, dass die meisten social-dings-buttons eh nur sehr selten geklickt werden. hin und wieder gibts ein paar +1-klicks, die aber wohl eher aus der google+-integration in den reader oder eben google+ selbst kommen. es gibt durchaus artikel die wie wild geflattrt werden, dass sind aber meist artikel über die piraten, über flattr oder netzpolitische themen. ein paar meiner artikel werden auch wie wild auf auf facebook geshared, aber nicht wegen der buttons die unter dem artikel sind, sondern weil die leute das witzig finden und die url wohl direkt bei facebook reinpasten oder direkt in facebook weitersharen.

anders gesagt: dieses button-gedöns ist eigentlich überflüssig. wenn die leute etwas sharen wollen, dann sharen sie es, auch ohne buttons. deshalb glaube ich, dass meine versteckten buttons eine gute lösung sind. unsichtbar für die 99% und für das eine prozent der benutzer da, die sie nutzen wollen.

* * *

hier eine darstellung meiner flattr-einnahmen der letzten monate und drunter nochmal eine tabellarische auflistung des elends.

flattr-bilanz bis dezember 2011

mai: 27,06 €
juni: 36,09 €
juli: 32,12 €
august: 24,33 €
september: 18,21 €
oktober: 14,29 €
november: 14,63 €
dezember: 8,65 €

gestern nacht

felix schwenzel, in wirres.net    

gegenüber: sitzparty. fünf oder sechs junge eltern sitzen auch weit nach mitternacht an einem tisch und amüsieren sich offenbar. noch um halb eins umarmen sich diese offenbar sehr mögigen menschen noch und wünschen sich ein gutes neues jahr. so sind menschen nach der balz.

schräg gegenüber: stehparty. bis elf haben die jungs mit vor den mädels rumgetanzt, danach stehen die jungs unten (knallend) und die mädels schauen runter. so sind menschen während der balz.

unten: ein älterer mann steht auf dem bürgersteig, zündet einen knaller an, wartet, wirft ihn nach rechts. zündet einen weiteren knaller an, wartet, wirft ihn nach links. 2 stunden lang. auf balz hat der herr definitiv keine lust mehr.

nebel

oben: um zehn zieht langsam nebel auf. nicht rauch von den feuerwerkskörpern (auch), sondern echter dicker, klebriger nebel. gegen mitternacht ist der höhepunkt erreicht, man sieht wirklich fast nichts mehr. raketen fliegen in eine weisse suppe und nur mit glück sieht man die weisse masse ein bisschen aufflackern.

unten rechts: bis zwölf strömen menschenmassen aus der s-bahn. gegen zwölf — soweit man erkennen kann — stillstand. die leute bleiben einfach stehen. ab halb eins strömen die menschenmassen wieder in die sbahn. die polizei-hundertschaften verschwinden im nebel. ix weiss nicht ob sie noch da sind oder ob ich sie einfach nicht mehr sehe.

ab halb zwei ist es leise. sehr leise.

um acht regnets und ich mach mir ein käsebrot.

pappe gerät bei regen schnell aus der façon, auch mit regenjacke
das muss hier aber schön gewesen sein

jahresendzeitfragebogen 2011

felix schwenzel, in wirres.net    

ganz ehrlich finde ich die fragen in diesem fragebogen der seit vielen jahren rituell von vielen bloggern ausgefüllt wird ziemlich bescheuert. deshalb beantworte ich sie teilweise auch ebenso bescheuert. oder ändere sie.

* * *

zugezogen oder aufgezogen?
abends zu, morgens auf.

leitung länger oder kürzer?
kommt immer drauf an. kapiere das mit den steuern immer noch nicht, habe aber endlich verstanden wie man webseiten mit „responsive design“ bauen kann.

kurz- oder longdrinks?
bier.

mehr bewegt oder weniger?
„ich bewege meinen arsch jetzt jede woche ins fitnessstudio.“ (zitat von der beifahrerin. mit „arsch“ meint sie mich)

mehr ausgegeben oder weniger?
wenn ich die frage beantworten könnte, wen interessierte die antwort?

der hirnrissigste plan?
2011 habe ich ausschliesslich vernünftige pläne geschmiedet.

die gefährlichste unternehmung?
2011 habe ich nichts gefährliches unternommen. so hab ich das die letzten 43 jahre gemacht.

der beste sex?
fragen sich bonobos das eigentlich auch?

die teuerste anschaffung?
verjus.

das leckerste essen?
risotto.

das beeindruckenste buch?
wenig bücher, auch wenig ebooks gelesen. einige waren gut, beeindruckend fand ich aber eher sämtliche geo-epoche-ausgaben die ix gelesen habe, ganz besonders die china-ausgabe.

der ergreifendste film?
das kino- und DVD-jahr 2011 war ziemlich mittelmässig. vieles gesehen was OK war, nichts was ergreifend war. dafür aber viel fernsehen gesehen das ziemlich super war. die 2011er staffel von boardwalk empire zum besipiel oder the good wife oder breaking bad waren ziemlich super. big bang theory ist mit die beste unterhaltung die ich 2011 eingeatmet habe. ergreifend, im sinne von einem bild das einem noch tage später im hinterkopf klemmt, war eine szene aus dem piloten von „boss“. ich sag aber nicht welche.

die beste CD?
ich glaub ich hab 2011 keine musik gekauft und auch keine musik geklaut. aber zum ersten mal seit langer zeit mal wieder musik gehört. im fitnessstudio. da funktioniert der alte mp3-scheiss. im november hab ich mir spontan nach einer sendung der küchenkonzerte ein album von kreisky gekauft und es im fitnessstudio nicht bereut.

das schönste konzert?
ich habe noch keine schönes konzert erlebt.

die meiste zeit verbracht mit …?
atmen.

die schönste zeit verbracht damit …?
atmen.

vorherrschendes gefühl 2011?
im januar: wie? schon januar? im februar: wie? schon februar? und so weiter …

2011 zum ersten mal getan?
mukibude.

2011 nach langer zeit wieder getan?
kräutertee trinken.

3 dinge, auf die ich gut hätte verzichten mögen?
kamillentee, pfefferminztee und salbeitee.

die wichtigste sache, von der ich jemanden überzeugen wollte?
dass kräutertee nichts bringt.

das schönste geschenk, das mir jemand gemacht hat?
eine teekanne.

der schönste Satz, den jemand zu mir gesagt hat?
genauso weitermachen.

2011 war mit 1 Wort …?
nochkürzerals2010.

* * *

2008 schonmal ausgefüllt.

super symbolfotos

felix schwenzel, in wirres.net    

caschy (carsten knobloch) zeigte heute (bis ca. 22:40h) unter der warnung vor am router aktivierten WPS das bild einer fritz-box (mittlerweile hat er das bild ausgetauscht):

fritzbox als symbolfoto auf caschys blog

unter dem bild steht stand:

AVMs FritzBoxen sind nicht betroffen, es handelt sich bei der Abbildung oben nur um ein Symbolfoto, welches ich noch hatte.

* * *

caschy habe ich übrigens kürzlich in berlin getroffen:

portraitfoto von carsten knobloch

[es handelt sich bei der abbildung oben nicht um caschy, sondern einen anderen laubhaufen nur um ein symbolfoto, welches ich noch hatte. und getroffen hab ich caschy auch noch nie, das war nur eine symbolbehauptung.]

bullshit

felix schwenzel, in wirres.net    

marco arment:

Everyone has their bullshit. You can simply decide whose you’re willing to tolerate.

liste schöner bullshit-sprüchen von apple, google und facebook. /via

ich ergänze:

vodafone

  • Es ist Deine Zeit
  • Immer online — immer günstig!

o2

  • Durch intensiven Netzausbau bieten wir Ihnen eines der modernsten Mobilfunknetze Europas mit hoher Sprachqualität, kurzen Rufaufbauzeiten und schnellem mobilen Surfen.

media markt

  • Der neue Media Markt Preis ist der klarste Preis

focus

  • Über die reine Informations- und Wissensvermittlung hinaus versteht sich die Redaktion als Interessenvertreter der Leser.
  • FOCUS ist das Basismedium der leistungsorientierten Elite in Deutschland, die immer bestens informiert sein will. (quelle)

deutsche bahn

  • Die Bahn kommt.
  • Alle reden vom Wetter. Wir nicht. Fahr lieber mit der Bundesbahn. (Deutsche Bahn, 1966)

bayerische hypo- und vereinsbank

  • Leben Sie, wir kümmern uns um die Details.

welchen bullshit habe ich vergessen?

sack reis

felix schwenzel, in wirres.net    

eben wollte ix etwas darüber schreiben, dass viele menschen offenbar ignorierenswertes nicht ignorieren können. ich wollte das thema auf ne bemüht witzige art angehen, hab mich dann aber entschieden, die unfähigkeit von einigen menschen dinge zu ignorieren, bis auf weiters zu ignorieren.

baumeister vorher und nachher

felix schwenzel, in wirres.net    

baumeister vorher und nachher

vor ein paar wochen hat mir stefan niggemeier zwei ausgaben des baumeisters in die hand gedrückt, weil er keine zeit oder lust hatte etwas über den heft-relaunch des baumeisters zu schreiben. die eine ausgabe war vom september 2011, also noch im alten design, die andere ausgabe vom november, die erste im neuen design. wolfgang jean stock war schonmal alles andere als begeistert vom redesign: er hält die neugestaltung des heftes für eine art selbstmord des baumeisters:

Was sich nun darbietet, ist das reine Desaster. Schon beim Titel […] ein Schriftensalat sondergleichen - mal linksbündig, mal auf Mittelachse gesetzt - umrahmt ein rätselhaftes Foto, das für alles und nichts stehen kann. Im Heft selbst, das bislang übersichtlich, sehr leserfreundlich gegliedert war, macht das hanebüchene Layout selbst die wenigen seriösen Beiträge zunichte.

ich habe mir das november-heft vor ein paar wochen auf dem weg von berlin nach hamburg im zug durchgelesen. andertalb stunden reichen dicke um die knapp hundert seiten durchzulesen. tatsächlich ist mir nicht viel vom heft in erinnerung geblieben. begeisterung erregten gerade mal ein, zwei bilder, eins von vom MVRDV balancing barn und ein eins vom „magic mountain“ in duisburg. die texte waren OK, nett fand ich einen text über eine studie zum selbstverständnis und berufsbild des architekten, der mich vor allem in meiner entscheidung bestärkte, nicht architekt geworden zu sein. in dem text fanden sich auch die einzigen zwei stellen die ich mir mit einem stift und eselsohren markiert habe. eine stelle war ein zitat von fritz schumacher vom anfang des letzten jahrhunderts. schumacher war damals baudirekttor in hamburg und deutete an, dass schon vor hundert jahren der architekt als knecht von unternehmern galt. schumacher klagte:

Nicht der „Konsument“ der Wohnungen ist Bauherr, sondern eine neutrale Macht, der Unternehmer …

hat sich nichts geändert. jan kleihues formuliert das heute so:

Leider gibt es fast nur noch Investorengruppen, die mehr Interesse daran haben, dass sich das Projekt schnell dreht, als an Qualität.

auch hanno rautenberg beklagte das jüngst in der zeit.

ganz anders ging es mir mit der september-ausgabe die ich donnerstag im zug von berlin nach hamburg las. schon nach wenigen seiten fing ich an im heft rumzukrizeln. ich liebe es in rezensionsexemplaren rumzukritzeln und notizen reinzuschmieren, etwas was ich in gekauften heften (der baumeister kostet happige 15 euro) oder büchern nie machen würde. gleich mehrere texte, bildstecken und selbst ein paar anzeigen begeisterten mich und weckten das bedürfnis in mir mich mit den jeweiligen themen näher zu beschäftigen oder selbst etwas drüber zu schreiben oder im web informationen zu suchen, um sie zu teilen. das fing gleich auf seite 6 mit einem unglaublich tollen bild von bernhard ludewig von der moskauer u-bahn an (bild hier, im website-kontext leider nicht verlinkbar, aber hier ist die ganze bildstrecke) und gleich im ersten interview mit vier architekten über die folgen von 9/11 für die architektur, strich ich mehrere absätze an. marc kushner sagte darin unter anderem über new york:

New York gehört auch nicht nur den New Yorkern, sondern letztlich eher der ganzen Welt. Ich unterhielt mich darüber kürzlich mit Neil Denari: Er sagte dass sein Gebäude an der Highline eine Reaktion auf 9/11 ist. Es ist ein Mittelfinger, der Gefahr entgegengereckt.

lauter inspirierendes zeug stand in der septemberausgabe, so viel, dass es mich völlig vom thema abbringt, das neue heft zu beurteilen, weshalb ich das weiter unten fortführe.

fakt ist: die september-ausgabe ist ein ziemlich tolles und inspirierendes heft. der neugestaltete baumeister, zumindest die november-ausgabe ist dagegen ziemlich langweilig. offenbar ist die energie der heftmacher vollkommen in das neue design geflossen und für tolle inhalte war keine kraft mehr da. anzeigen und sonderwerbeformen, oder wie der verlag das ausdrückt, advertorials waren in der september ausgabe auch sehr viel mehr vorhanden, was darauf hindeutet, dass die anzeigenkunden dem relaunch eher kritisch und zurückhaltend gegenüber standen. 29 solche seiten gabs in der september-ausgabe, im november keine einzige. kein gutes zeichen, oder vielleicht doch, denn bei solchen texten läuft es mir kalt den rücken runter:

BAUMEISTER-Portfolio-Advertorials
[…] Die Advertorials werden individuell und passend zum Werbeträger BAUMEISTER gestaltet. Es besteht eine Kennzeichnungspflicht als „ANZEIGE“. Sie liefern uns PR-Texte und Bildmaterial und wir prüfen die Realisierbarkeit. Das Advertorial wird über uns erstellt und direkt mit dem Werbetreibenden abgestimmt. Bitte geben Sie hierfür bei Buchung immer eine entsprechende Kontaktperson an.

Vorteile von Advertorials:
Durch die redaktionelle Anmutung wird ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit [sic] erzielt und der Leser erhält die Informationen innerhalb seines gewohnten redaktionellen Umfeldes präsentiert.

die neue gestaltung würde ich nicht wie wolfgang jean stock „hanebüchen“ nennen, sondern eher „irritierend“. man sieht das alles und fragt sich: warum? das design tut so als sei es minimalistisch und arbeitet weniger mit grafik als mit typographie- und layout-spielchen. die sind aber, betrachtet man sie genau, nicht viel mehr als überflüssiges ornament. wem hilft es, wenn der anfangsbuchstbe eines absatzes aus dem absatz herausgezogen und grotesk vergrössert zentriert über dem absatz abgestellt wird? plötzlich prangt da ein A unnütz über einem absatz und fehlt am satzanfang: „lain de Botton ist ein Tausendsassa.“ (der tausendsassa heisst alain de botton.)

ich frage mich auch, warum der fliesstext unbedingt fett gesetzt sein muss. das hat den vorteil, dass die anzeigen neben den fliesstexten plötzlich leicht und gekonnt gesetzt wirken, aber das kann ja nicht der sinn von heftgesatltung sein. bildunterschriften sind mal nach links, mal nach recht gedreht, so dass man mal den kopf nach links, mal nach rechts neigen muss, um zu lesen, was auf dem bild zu sehen ist.

ich würde sehr gerne wolfgang jean stocks kritik widersprechen, vor allem weil ich immer erstmal alles neue grundsätzlich gut finden möchte. ich schätze experiemntierfreude und sehe lesbarkeit, klassische typographische tugenden oder erwartungserfüllung keinesfalls als die topprioritäten bei gestaltung oder layout an (wie man an diesem blog und meiner art zu schreiben gut erkennt). aber das design des baumeisters ist leider total in die hose gegangen. und das schlimmste: offenbar hat die neugestaltung auch das niveau der beiträge mit in den abgrund gerissen.

am ärgerlichsten fand ich tatsächlich die, bzw. eine der titelgeschichten über den spiegel-neubau in hamburg. ein öder, anbiedernder und liebloser text der mit acht PR-fotos des spiegels illustriert ist. sorry, aber sowas ist echt fürn arsch. nein, es ist eine zumutung, denn die baumeister-redaktion ist sich nicht zu schade über die vom spiegel gestellten, von andreas gehrke prima gemachten bilder drüberzuschreiben:

Wir bringen die ersten Bilder des Henning-Larsen-Neubaus in Hamburg — und kontrastieren diese mit Architektur-Headlines aus dem Nachrichtenmagazin.

alexander gutzmer behauptet im editorial, dass sich die neu-konzeption des heftes an drei kernbegriffen orientierte: „Inspiration, Orientierung, Beratung“. das stimmt insofern, als das sicher besser geklappt hätte wenn man sich hätte beraten lassen, nicht die orientierung verloren hätte und inspiration nicht mit typographischem tand verwechselt hätte.

so ist der baumeister eher zu einem sanitärmagazin geworden, dass einen dicken griff ins klo illustriert.

* * *

im september-heft war sogar die werbung inspirierender als die inhalte des november-hefts. eine anzeige des entwässerungsspezialisten aco zeigte diesen grandiosen entwurf eines cruise terminals von koen olthuis.

der text über den vater des plattenbaus, ernst may, anlässlich einer ausstellung im deutschen architekturmuseum in frankfurt war interessanter als die gesamte november-ausgabe (ich übertreibe jetzt ein bisschen) und ganz grandios war die fotostreckte und der text über die „norwegischen Landschaftrouten“, für die 18 landstrassen mit hilfe von meist norwegischen architekten an markanten stellen mit zeitgenössischer architektur und installationen aufgehübscht werden, um „Touristen Norwegen als ein noch attraktiveres Reiseziel zu präsentieren“. im heft waren tolle fotos zu sehen, die zumindest auf den ersten blick auch nicht alle einfach PR-fotos der norwegischen tourismusbehörden zu sein scheinen (aber wahrscheinlich doch sind). sie sind nämlich viel besser und aufregender als die die man auf der offiziellen seite sieht.

toll auch das interview mit der architekturtheoretikerin saskia sassen, die zwar auffällig oft die firma cisco erwähnte, aber unter anderem auf die frage der fragen „Wo sind Architekten heute noch gefragt“ antwortete:

Sie können und sollten die vielfältigen räumlichen Formen sichtbar machen, in denen die neuen technologien opereien — sie also für Passanten verständlich machen. Ich bin der Ansicht, dass alle wesentlichen Infrastrukturen vom Abwasser über Elektrizität zu Telekommunikationsverbindungen durch transparente Wände und Flure sichtbar gemacht werden sollten, zum Beispiel an Busahltestellen und Bahnhöfen, in Schulen und Universitäten; überall dort eben, wo Menschen Zeit verbringen. Während man zum Beispiel auf den Bus wartet, kann man zusehen, wie die Stadt funktioniert. Man beginnt so, sich einbezogen zu fühlen. Wenn unsere Wände schon voll mit Computertechnologie sind, warum soll man das nicht transparent machen? Unsere computerisierten Systeme müssen sichtbarer und transparenter werden.

auch schön, die idee das „kritikerpaar“ elisabeth blum und peter neitzke auf zwei grundverschiedene bauten loszulassen, einmal das organische unstudio in groningen von ben van berkel und einmal den eckigen, mies van der rohe weiterdenkenden gebäudekomplex „romeo und julia“ in frankfurt am main von max dudler. zwei solide, in die tiefe gehende und liebevoll geklöppelte auseinandersetzungen mit zeitgenössischer architektur. was mir besonders gefallen hat ist wie peter neitzke die zitate von ben van berkel mit fussnoten belegt:

1 Hier und passim zitiert nach einem Telefonat mit dem Architekten (2. August 2011)
2 http://bit.ly/mTrVv7
3 Ben van Berkel, zitiert nach: ICON. International Design, Architecture & Culture, Heft 097, Juli 2011

ben van berkel rechnet wunderbar mit dem moderenen parametrischen entwurfsmüll ab:

Digital design labs all over the world spew out an interminable stream of inchoate compositions in the form of hectically curvy spaghetti, impenetrable blobs, and, as a last resort, the dune-like shapes that result from morphing blobs into spaghetti. It makes no difference if the topic of the parametric design study is a museum, a school, a railway station, or a rich person’s house; it makes no difference if it is supposed to be situated on a beach, in a city, or in a post-industrial periphery. Spaghetti is always on the menu.

neitzke hat das sauber übersetzt und verfazitet:

Zeitgemäss entwirft, wer Themen und Parameter projektbezogen auswählt, wer deren Zusammenspiel kunstvoll zu organisieren und sie in einem architektonischen Projekt komplex zusammenzuführen weiss.

so gilt das übrigens auch für gestaltung auch in allen anderen bereichen.

etwas unentschlossen und wirr schroben david selbach und sibylle schikora über die neubauten der unternehmenszentralen von google und apple. vor allem ist der titel etwas irreführend und aufbauschend: „So baut das Internet“. nun denn.

einerseits beklagen sich die beiden, dass die pr-abteilung von apple nichts zum neubau sagen möchte, nutzen dann aber nur eins der fünftausend bilder die die stadt cupertino zur planung veröffentlichte. und sie beklagen sich, dass apple nicht mal den architekten nennen möchte und schreiben: „Insider spekulieren, dass bei Norman Foster Seniorpartner Stefan Behling für die Planung verantwortlich zeichnet“ und beschriften eine visualisierung des baus mit „Rendering des Apple-Rondells von Foster + Partners“. was denn jetzt? geheimes insiderwissen oder nicht? thomas knüwer darf in dem artikel auch ein, zwei sätze zu seinem silicon valley insiderwissen sagen: „[In den USA] wachsen Unternehmen nicht in die Höhe, sondern in die Breite, meist indem sie bestehende Gebäude kaufen.“ das gleiche hat steve jobs auch in diesem video gesagt, von dem david selbach und sibylle schikora aber nur screenshots zeigen.

sauber übersetzt und überarbeitet von einer dame die daniela reinsch heisst (sorry, den gag konnte ich mir nicht verkneifen: diesen satz auf KEINEN FALL LAUT VORLESEN!) wurde dieser grandiose und irre lange text von greg lindsay über die gigantische koreanische retortenstadt „new songdo“ (readbility-link). in beiden versionen, der original- und der baumeister-version, sehr lesenswert.

auch beachtenswert, das BMW guggenheim lab in new york.

* * *

ich wiederhole nochmal: das alte heft erschien mir vollgepackt mit interessanz und inspiration, das neue heft wie leergesaugt. man kann dem baumeister nur wünschen, dass er wieder seine spur findet. ich schau, wenn es den baumeister dann noch gibt, gerne in einem jahr nochmal rein (wenn ich ein rezensionsexemplar bekomme).