das internet als wille und vorstellung

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heute wurde im deutschlandradio, im rahmen der reihe „Essay und Diskurs“, mein essay über das internet gesendet. den text habe ich mitte dezember geschrieben und im januar nochmal ein bisschen gekürzt. um den text vorlesbar zu machen (mp3-link), wurde er von der redaktion ein bisschen redigiert und gekürzt, was ihm keinesfalls geschadet hat, ausser das die links weggefallen sind. (in der redaktionell bearbeiteten und vorgelesenen version hat sich ein kitzekleiner fehler eingeschlichen: an einer stelle heisst es „… hat uns nicht gesteigerten Komfort und Geschwindigkeit [gebracht].“ wo es natürlich „… hat uns nicht nur gesteigerten Komfort …“ heissen müsste.)

für mein archiv veröffentliche ich den unredigierten text, so wie ich ihn abgegeben habe, hier nochmal. hier kann, falls bedarf besteht, natürlich auch kommentiert werden.

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Anfang der neunziger Jahre fuhr ich nach meiner Lehre nach New York. Ich wollte die Stadt kennenlernen und David Letterman sehen. Die Show von David Letterman wird im Ed Sullivan Theater am Broadway aufgezeichnet. Für die Aufzeichnung war es eher schwer an Karten zu kommen, vor allem musste man früh aufstehen und sehr lange Schlange stehen, was mich damals überforderte. Die Sendung, die wochentags abends gegen halb zwölf auf CBS ausgestrahlt wird, konnte ich mir damals auch nicht ansehen, weil mein Hotelzimmer keinen Fernseher hatte. Um David Letterman aber trotzdem sehen zu können, ging ich ins Museum for Television and Radio. Dort konnte man sich Sendungen aus dem Archiv ansehen, die man vorher bestellen musste und dann an einem eigenen Bildschirm gucken konnte. Für Normalsterbliche war das damals eine der wenigen Möglichkeiten, ausgewählte, amerikanische Fernsehsendungen zeitversetzt anzuschauen.

Heute kann ich mir Sendungsausschnitte oder auch ganze Sendungen von David Letterman ansehen, ohne Berlin oder gar meine Wohnung zu verlassen. Dank des Internets kann ich mir einen Grossteil des amerikanischen Fernsehens mit ein paar Klicks nach Hause holen. Im Prinzip ist das Internet von heute eine moderne, für alle zugängliche Version des Museum for Television and Radio. 

Als ich kurz nach meiner New-York-Reise 1994 anfing zu studieren, ahnte ich noch nicht, dass ich mir 20 Jahre später regelmässig über das Internet amerikanische Fernsehsendungen auf meinem Laptop oder Fernseher ansehen würde. Wahrscheinlich ahnte das damals noch niemand, es galt 1994 bereits als Sensation, dass man mit den beiden gerade veröffentlichten Webbrowsern NCSA-Mosaic und Netscape Navigator erstmals Bild und Text komfortabel zusammen über das Internet übertragen und anzeigen konnte.

Obwohl ich eigentlich an die Universität gekommen war, um Architektur zu studieren, steckte ich bereits im ersten Semester meine ganze Energie in den Versuch, Zugang zum Internet zu bekommen. An der Universität konnte man an ein paar vernetzten Rechnern bereits ins Internet. Ich beantragte dort zuerst ein E-Malikonto auf dem gerade erst neu eingerichteten E-Mailserver für Studenten und einen Modemzugang für meinen Rechner zuhause. Von zuhause ins Internet zu gelangen, war damals ungeheuer kompliziert. Neben einem Computer brauchte man einen Telefonanschluss, ein Modem, einen TCP/IP-Stack, der dem Computer die Sprache des Internets beibrachte, und ein bisschen Glück, um unter der Einwahlnummer im Rechenzentrum Anschluss zu finden, weil nur eine begrenzte Anzahl an Einwahlstellen zur Verfügung stand. Bekam man eine Verbindung zum Rechenzentrum, fing das Modem für ein paar Sekunden an zu singen und wenn es verstummte und leise in die Telefonleitung sang, war man drin im Internet. 

Mit der richtigen Software konnte man sich dann im Internet bewegen oder entlang hangeln oder eben „browsen“. Diese Browser waren noch relativ neu, während das Internet schon 1994 alles andere als neu war. Unter der bunten WWW-Oberfläche, die der Browser darstellte, lagen noch viele andere, ältere Schichten und Protokolle. Newsgruppen, Chaträume, Server die man per „Telnet“ oder „SSH“ betreten konnte und dort Dateibäume erkunden, Dateien lesen oder schreiben oder Nachrichten an andere Benutzer hinterlassen konnte. Das alles erforderte entweder Kenntnisse im Umgang mit der sogenannten Unix-Komandozeile oder Spezialsoftware. Als ich es irgendwann einmal nach intensivem Kommandozeilenstudium schaffte, einen dieser Chaträume im sogenannten Internet Relay Chat (IRC) zu betreten, hatte ich mein erstes Aha-Erlebnis: ich tippte „hallo“ und als Antwort erschienen auf meinem Bildschirm die Worte „Hallo Felix!“. Das war das erste Mal, dass aus meinem Computer etwas anderes herauskam, als ich vorher eingegeben hatte. Es war das erste mal, dass ich erkannte, dass man sich im Internet nicht nur mit Computern verbindet, sondern auch — und vor allem — mit anderen Menschen. Diese Verbindung war eigentümlich direkt und körperlos — aber eben nicht virtuell, sondern echt.

Mich faszinierte diese besondere Art der Kommunikation mit anderen, fremden Menschen, die auf das Minimum, auf reine Sprache reduziert war. Man hörte keine Stimme, sah keine Mimik oder Gestik, ausser den Buchstaben auf dem Bildschirm blieb der Rest der Phantasie überlassen, wie bei Büchern oder anonymen Brieffreundschaften, aber eben interaktiv und in Echtzeit. Bis heute fasziniert mich die Idee, dass ich ins Internet schreiben kann und ich damit echte Menschen erreichen kann — ohne diese vorher aufzusuchen oder anzurufen. Auch die Notwendigkeit meine Worte auszudrucken und von einem Briefträger, Verleger oder anderen Mittelsmann zum Empfänger oder Leser zu bringen fiel einfach weg. Damals wie heute, kommt mir der Blick ins Internet vor wie ein Blick aufs Meer. So wie beim Blick aufs Meer spüre ich beim Blick ins Internet unendliches Potenzial, ferne Länder scheinen plötzlich erreichbar, Abenteuer, Neues und Unentdecktes greifbar.

In den letzten 20 Jahren habe ich grosse Teile meines Lebens im Internet verbracht. Ich bin beinahe jeden Tag aufs Neue erstaunt über die wundersamen Dinge und Menschen, die man dort entdeckt und kennenlernt. Mein analoges Leben ist dicht verwoben mit meiner digitalen Existenz und ich kenne nicht wenige Menschen, die Freunde und Lebensgefährten im oder um das Internet herum gefunden haben. Das Internet ist Teil meines Lebens, so wie New York City Teil meines Lebens wäre, wohnte ich in New York.

Ich gebe zu, dass meine Begeisterung für das Internet zu großen Teilen von Euphorie und (Technik-) Optimismus getrieben ist.; eine Art Fernweh nach dem Neuen, dem Unerforschten und Unentdeckten. In den letzten Jahren haben aber viele der frühen Wegbereiter angefangen, das Netz grundsätzlich in Frage zu stellen. So schrieb Sascha Lobo Anfang 2014 in der FAZ, dass das Internet „kaputt“ sei. Er schob aber auch einschränkend hinterher, dass „die Idee der digitalen Vernetzung“ nach wie vor sehr lebendig sei. Anfang Januar stellt der ehemalige Internetunternehmer und Autor Andrew Keen sein neues Buch vor, das erklären will, warum das Internet „gescheitert“ sei — und wie er meint, dass wir es „retten“ könnten. 

Was ist in den letzten Jahren passiert, dass nach ein paar Dekaden ungeheuer dynamischer Entwicklung und unzähligen Erfolgsstories, plötzlich von Internetsympathisanten grundsätzliche Konstruktionsfehler des Internets entdeckt werden?

Bevor ich der Frage nachgehe, was Lobo, Keen und viele andere dazu bewogen haben könnte das Netz als „defekt“ zu bezeichnen, möchte ich den Blick nochmal auf die Entwicklung der letzten 20 Jahre richten. Auch wenn das Internet sehr viel älter als 20 Jahre ist, hat es sich in den letzten Jahren vor allem durch die Erfindung des World Wide Webs und des Browsers zu einem Medium entwickelt, das sogar „ältere Damen mit Hut nach zehn Minuten bedienen konnten“ – wie Peter Glaser es einmal ausdrückte.

Das Netz ist in fast alle Lebensbereiche vorgedrungen, wir können im Internet nicht nur Fernsehsendungen aus aller Welt sehen, sondern auch Waschmaschinen und Kinokarten bestellen, Briefmarken ausdrucken, Bücher auf Lesegeräte laden oder Flugtickets bestellen — ohne das Internet kann man an der Welt kaum noch teilnehmen. Selbst wenn man versucht, sich dem Internet zu verweigern, entkommt man ihm nicht: Telefonate werden, ob man das will oder nicht, über Internetleitungen geroutet, kaum eine Bank nimmt noch Papierüberweisungen an (und wenn doch, dann mit saftigen Strafgebühren). Michael Seemann drückt das so aus:

Es gibt kein analoges Leben mehr im Digitalen. Wer Teil der Welt ist, wird Teil des Internets sein.

Einer der Erfolgsfaktoren beim Siegeszug des Internets ist Komfort. Obwohl immer größere Mengen an Daten gesammelt und gespeichert werden, wird das Finden der passenden Information immer leichter. Der Autor David Weinberger erklärt eines der Grundprinzipien der Internet-Ökonomie wie folgt: um dem Informationsoverkill zu entgehen und die Datenfluten zu kanalisieren, brauchen wir noch mehr Daten. Auch wenn sich das auf den ersten Blick paradox anhört, aber durch kluge Verknüpfung und ausgefeilte Suchanfragen können wir immer besser Daten mit anderen Daten verknüpfen und ihnen immer passgenauere Antworten und Fakten entlocken.

Dank dieser gigantischen Datenerhebung können Suchmaschinen antizipieren was wir suchen, finden wir in sozialen Netzwerken unsere Freunde und Bekannten wieder, sehen passgenaue, oft günstige kommerzielle Angebote oder finden unseren Weg in fremden Städten. Als ich dieses Jahr wieder mal in New York war, stand mir zum ersten mal eine permanente Internetverbindung zur Verfügung. Bei meinen vorherigen New-York-Besuchen bin ich fast nie Bus gefahren, weil ich ohne fremde Hilfe auf den Stadt- und Busfahrplänen nicht ausmachen konnte, wie und wo die Busse genau fahren. Mit einem internetfähigen Telefon war das hingegen ganz einfach. Ich liess das Internet, in diesem Fall Google-Maps, wissen wo ich hinwollte und das Telefon schlug mir verschiedene Wege mit genauen Umsteigeanweisungen und Ankunftszeiten vor. Der Preis für diesen Komfort waren meine Standort- und Bewegungstdaten, die ich an Google, den Telefonanbieter AT&T und möglicherweise an die NSA weitergab. Gegen meine Standortdaten konnte ich auch kostenlose und maßgeschneiderte Restaurantempfehlungen bekommen. Mit der Foursquare-App konnte ich mir jederzeit Restaurants mit moderaten Preisen anzeigen lassen, die von anderen Foursquare-Benutzern empfohlen und kategorisiert wurden. Die Qualität der Foursquare-Empfehlungen oder der Google-Wegbeschreibungen erklärt sich zu einem grossen Teil durch das Sammeln gigantischer Datenmengen. Aus der Aggregation von Bewegungsdaten tausender Googlebenutzer, kann Google Verkehrsstörungen erkennen oder Empfehlungen ableiten. Foursquare, dessen gesamte Ortsdatenbank durch freiwillige Nutzer erstellt und gepflegt wird, kann mir gezielt Empfehlungen meiner Freunde und Bekannten geben oder besonders beliebte Orte aus den Bewegungsdaten seiner Nutzer extrahieren.

Natürlich habe ich auch meine Flüge und Hotels per Internet gefunden und gebucht, meine Verabredungen mit Freunden per E-Mail oder Facebook organisiert und die halbe Reise in Echtzeit für Freunde, Bekannte und interessierte Fremde per Instagram oder Facebook dokumentiert.

Neben dem Komfort bei der Orientierung, dem Konsum oder der Kommunikation, beschleunigt das Internet auch jede Informationsbeschaffung. Bei früheren New-York-Besuchen musste ich mich noch mit mehreren Kilo Papier und ausreichend Geduld ausstatten, um Restaurantempfehlungen, Kinoprogramme oder Wegbeschreibungen zu bekommen. Dieses Jahr reichte ein relativ günstiger Hochleistungscomputer in Telefonform und ein paar Berührungen des Bildschirms. Auch Tickets für David Lettermans Show kann man Online bestellen.

Natürlich weiss ich, dass dieser Zuwachs an Komfort und die Beschleunigung und Verbesserung der Informationsbeschaffung mit einem Preis verbunden sind. Wenn ich ein Taxi mit der MyTaxi-App bestelle, helfe ich Taxizentralen überflüssig zu machen, jedes eBook, das ich kaufe, trägt dazu bei, das Geschäftsmodell des Buchhandels in Frage zu stellen, jeder Zeitungs- oder Blog-Artikel, den ich am Bildschirm lese, trägt zur Reduzierung von Printanzeigenbudgets bei. Jede Suchanfrage, jeder Klick, den ich tätige, hinterlässt Datenspuren, die von Dritten kommerziell ausgewertet werden oder von Geheimdiensten aufgelesen und gesammelt werden können.

Sascha Lobos resignierte Aussage, dass das Internet „kaputt“ sei, hängt genau hiermit zusammen. Er dachte, das Internet sei „das perfekte Medium der Demokratie und der Selbstbefreiung“ und stellte, angesichts der durch Edward Snowden bekanntgewordenen Totalüberwachung des Internets, fest, das Internet sei nicht das, wofür er es gehalten habe. Da sei er wohl naiv gewesen. Ich möchte mir diese Naivität, die Sascha Lobo mit Verbitterung getauscht hat, gerne bewahren. Auch ich war letztes Jahr, als das Ausmaß der Überwachung des Internets, unter anderem durch westliche Geheimdienste, nach und nach bekannt wurde, überrascht vom Umfang der Maßnahmen. Und obwohl ich die schrankenlose Ausspähung von Menschen durch die Geheimdienste westlicher Staaten empörend und demokratiefeindlich finde, ist sie auf den zweiten Blick folgerichtig. Denn das Internet hat uns nicht nur an vielen Stellen gesteigerten Komfort und Geschwindigkeit bei der Informationsbeschaffung und Kommunikation gebracht, sondern vor allem einen radikalen Kontrollverlust. 

Bisher betraf dieser Kontrollverlust vor allem etablierte Institutionen. Weder die Unterhaltungsindustrie, noch das Militär oder die Geheimdienste haben es im Internetzeitalter geschafft, ihre Erzeugnisse oder Daten unter Kontrolle zu behalten. Auch 15 Jahre nach dem Aufkommen der ersten (illegalen) Musiktauschbörse Napster, kämpft die Unterhaltungsindustrie erfolglos gegen das unerwünschte und massenhafte Kopieren ihrer Erzeugnisse im Internet. Weder durch repressive, noch durch technische Massnahmen ist es der Unterhaltungsindustrie gelungen, die Kontrolle über ihre Inhalte zurückzuerlangen. Ebenso ergeht es staatlichen Institutionen und etlichen privaten Unternehmen, die immer wieder undichte Stellen zu stopfen versuchen und trotzdem immer wieder die Kontrolle über ihre Geheimnisse verlieren. Es sind die gleichen Mechaniken, die dazu geführt haben, dass die NSA grosse Teile ihrer geheimen Daten verloren hat, mit denen sich Geheimdienste im Digitalzeitalter unserer Daten bemächtigen: Vertrauensmissbrauch, Ausnutzung von technischen Lücken, unzureichende Sicherheitsmassnahmen und die unendlich grosse Kapazität der Kopiermaschine Internet.

„Die positiven Versprechungen des Internets, Demokratisierung, soziale Vernetzung, ein digitaler Freigarten der Bildung und Kultur“ stellt Sascha Lobo frustriert und wütend in der FAZ fest, waren „ohnehin immer nur Möglichkeiten.“ Ich glaube diese Versprechen sind nach wie vor Möglichkeiten. Möglichkeiten, für die wir kämpfen können und müssen, auch unter widrigen Umständen oder in einer Welt in der die bösen Mächte die gleichen, oder mächtigeren Werkzeuge, als wir zur Verfügung haben. Diese enttäuschten Hoffnungen sind auch das Thema von Andrew Keen, meinem Lieblingsinternetkritiker, der schneidend intelligent ist und wie Sascha Lobo oder Jaron Lanier auch zu grossen Teilen im Internet sozialisiert wurde. Keen beklagt nicht nur den gigantischen Überwachungsapparat der das Internet überschattet, sondern sieht das Internet vor allem als einen Tummelplatz von Idioten, die Anderen das Leben schwer machen und eine Atmosphäre von Intoleranz und Aggressivität schaffen. Das Internet zerstöre nicht nur unsere Freiheit, sondern auch unsere Kultur und Arbeitsplätze. Riesige, monopolistische Konzerne zögen uns Daten, Zeit, Freiheit und Geld aus den Taschen und machten einige wenige „weisse Männer“ unfassbar reich. 

Ich gehe davon aus, dass Keens Analyse richtig ist, glaube aber, dass er die falschen Schlussfolgerungen daraus zieht. Wobei die falscheste Schlussfolgerung auf dem Titel seines neuen Buchs („Das digitale Debakel: Warum das Internet gescheitert ist - und wie wir es retten können“) steht: das Internet ist nicht gescheitert, wir haben nur noch nicht die richtigen Strategien entwickelt, damit umzugehen.

So ist es zwar richtig, dass das Internet die Schattenseiten unserer Gesellschaft ungefiltert sichtbar macht und beispielsweise hasserfüllte Leserbriefe nun nicht mehr im Papierkorb, sondern in Kommentarspalten oder direkt auf Blogs, Twitter oder Facebook in aller Öffentlichkeit landen. Aber nur weil eine neue Technologie sichtbar macht, wie viel Hass und Intoleranz noch in unserer Gesellschaft stecken, ist diese Technologie noch lange nicht „gescheitert“, im Gegenteil. Natürlich wirkt das Internet nicht nur wie ein gigantisches, alles sichtbar machendes Mikroskop, es wirkt auch verstärkend. Je mehr Idioten merken, dass sie nicht die einzigen Idioten sind, desto schlagkräftiger und lauter werden sie. Nur ist Actio auch immer noch Reactio, jede Aktion hat auch immer mindestens eine Reaktion zur Folge. Auch „die Guten“, die Vernünftigen, Zivilisierten können vernetzte Systeme aufschaukeln und Empörungsstürme und Solidaritätswellen lostreten. Oder anders gesagt, nicht nur den Idioten hat das Internet eine Stimme gegeben, auch Leidtragende von Idiotie können lauter und effektiver denn je Missbrauch, Belästigung und Drohungen öffentlich machen — und Solidarität mobilisieren.

Die Probleme des Internets, die Keen analysiert hat, sind auch nicht internet-exklusiv. Ich habe diese Beobachtung mal flapsig mit dem Satz umschrieben: das Internet ist scheisse, weil die Welt scheisse ist. Die Schattenseiten der Welt bestehen meisten im gleichen Ausmass in der analogen, wie in der digitalen Welt — auch wenn sie, wie gesagt, digital mitunter deutlicher sichtbar sind. In beiden Welten, die eigentlich eine sind, müssen wir an ihrer Lösung arbeiten.

Die Arbeit an diesen Problemen und der Kampf um Freiheit und Gleichberechtigung ist nicht leicht und wird in Zukunft wahrscheinlich auch nicht leichter. Aber wann in der Weltgeschichte war der Kampf um Freiheit und Gerechtigkeit jemals leicht? Als die positiven Versprechungen des Internets erstmals 1996 vom amerikanischen Musiker und Bürgerrechtler John Perry Barlow in einem extrem pathetischen Manifest formuliert wurden, der „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“, erweckte er den Eindruck, dass Unabhängigkeit einfach erklärt werden müsse und Gerechtigkeit, Freiheit und Brüderlichkeit sich dann selbst organisieren würden. Diese Utopie des „Cyberspace“ kann man wohl getrost als gescheitert betrachten. Aber Kalifornien wurde auch nicht als gescheitert bezeichnet, weil es sich nicht als das Land in dem Milch und Honig fliessen herausstellte, als die ersten Siedler sich dort niederliessen. Die Nichterfüllung überzogener Erwartungen an ein System, lässt nur eingeschränkt Rückschlüsse auf den eigentlichen Zustand und die Eigenschaften des Systems zu. Der Schlussfolgerung, dass man sich das System, die Funktionsweisen, Netzwerkeffekte und bisherigen Entwicklungen des Internets genau ansehen, verstehen und analysieren muss, um Lösungen und Strategien zu finden, würde wohl auch jeder „Internetkritiker“ zustimmen. Ebenso dürfte mittlerweile sogar John Perry Barlow klar sein, dass man auch im Cyberspace für Freiheit und Gerechtigkeit kämpfen muss und sich Freiheit und Gerechtigkeit nicht selbst organisieren und Technologie keinesfalls gesellschaftliche Strukturen positiv oder negativ determiniert. Auch im Cyberspace gilt das, was Michael Seemann über Technologie-Determinismus sagt:

Technologie determiniert weder die gesellschaftlichen Strukturen noch unser Handeln. Sie eröffnet einen Korridor der Handlungsspielräume, den es politisch auszugestalten gilt. Technologie macht bestimmte Strategien effektiver und verurteilt andere auf lange Sicht zum Scheitern.

Ich habe Michael Seemann jetzt schon ein paar mal zitiert und möchte, bevor weitere Zitate folgen, sein Buch „Das neue Spiel“ nochmal explizit erwähnen. Seemanns Analyse der Probleme, die uns als vernetze Gesellschaft begegnen, ist nahezu deckungsgleich mit der von Sascha Lobo oder Andrew Keen. Allerdings sind seine Schlussfolgerungen sehr viel unaufgeregter und recht pragmatisch. Das macht sein Buch zu einem lehrreichen Lesevergnügen. Der Verzicht auf Wehleidigkeit (wie Gert Scobel in 3sat lobte) und einen übergeigten Buchtitel, wird sich aber wohl auch in den Verkaufszahlen niederschlagen. Autoren die eine grundsätzlich pessimistische Grundhaltung schon auf der Titelseite ihrer Bücher ankündigen, dürften hier bessere Chancen auf Bestseller oder den Friedenspreis des Buchhandels haben.

Skepsis gegenüber neuen Technologien ist den Deutschen nicht fremd. Nicht nur die Enthüllungen von Edward Snowden und die Erkenntnis das beinahe alle grossen Internet-Konzerne freiwillig oder unfreiwillig Kundendaten an Geheimdienste abgegeben haben oder nicht ausreichend gesichert haben, setzt sich im kollektiven Internetskepsis-Gedächnis fest. Auch der Hackerangriff und der Diebstahl von unzähligen privaten Fotos von Prominenten im Sommer des vergangenen Jahres oder der der Angriff auf Sony Pictures im November, bei dem terrabyteweise Daten entwendet und veröffentlicht wurden (unter anderem die Versicherungsnummern und E-Mails einfacher Angestellter) zeigen, dass nicht nur Institutionen unter dem von Michael Seemann postulierten digitalen Kontrollverlust leiden. 

Unter dem Kontrollverlust leiden wir alle, egal ob wir im Internet sparsam mit dem Weitergeben unserer Daten sind oder nicht. Auch Menschen die das Internet gar nicht bewusst nutzen, können ohne weiteres die Kontrolle über ihre Daten verlieren, zum Beispiel wenn sie ein Konto bei einer Bank haben, Fotos mit ihrem Smartphone aufnehmen oder zufällig in einer Firma arbeiten, die das Angriffsziel von verbrecherischen Hackern oder Geheimdiensten wird.

Was soll man also tun, wenn kluge Menschen feststellen, dass das Internet „kaputt“ oder „gescheitert“ sei, Arbeitsplätze vernichtet, die Kultur gefährdet, wenige weisse und rücksichtslose Unternehmer unfassbar reich macht, die Demokratie gefährdet, an vielen Stellen ein rassistisches oder sexistisches Klima herrscht und auch noch dem Narzissmus und dem Verfall der Jugend Vorschub leistet?

Erstmal das Gleiche was man auch in der analogen Welt jedem Teilnehmer empfehlen würde: keine Panik. Und vor allem: keine Panikmache. Der zweite Punkt ist sehr schwer durchzuhalten. Wir kennen das aus den Krisen der letzten Jahrhunderte in der analogen Welt: wer am Überzeugensten die Ängste und Vorurteile der Menschen schüren kann, erzielt die höchsten Popularitätswerte oder hohe Auflagen. Der Hauptgewinn erfolgreicher Panikmache ist oft ein Einzug ins Parlament.

Was wir tatsächlich brauchen sind starke Interessenvertretungen. Als die Probleme der Industrialisierung im 19. Jahrhundert in der Gesellschaft zu gären begannen, nannte die Industrie angesichts von Ausbeutung, Umweltverschmutzung und schreiendem Unrecht niemand „kaputt“ oder „gescheitert“. Denn wie auch die grossen Internetkonzerne erfreute sich die Industrie des 19. und 20. Jahrhunderts bester Gesundheit und Marktkapitalisierung. Stattdessen bildeten sich Interessenvertretungen, die zum Beispiel als Gewerkschaften an der Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen entscheidend mitwirkten.

Um eine Interessensvertretung zu organisiseren, benötigt man aber möglichst viele Menschen, die Interesse an einer Sache oder einem Problem haben. Menschen die Interesse daran haben, die Welt, in der sie leben zu verbessern.
Ja, es gibt in der digitalen Welt neben Chancen und Potenzialen auch Gefahren, Unbekanntes und Abscheuliches. So wie es das in jeder einigermassen attraktiven Grossstadt auch gibt. Dunkle Ecken, Drogen, Vergnügungsviertel, Touristen, Polizeiübergriffe, Rassismus, Sexismus oder schlecht gelaunte Busfahrer. Städte funktionieren aber trotz alledem, weil sich ausreichend viele Menschen für ein Leben in der Stadt interessieren und die Lebensbedingungen dort mitgestalten wollen. 

Auch wenn Sascha Lobo einmal davor warnte, dass Metaphern, die das Internet beschreiben, stets weite Teile des Internets ausblenden, hier noch eine weitere Metapher: Wäre das Internet Amerika, würden wir Amerika wahrscheinlich gerade mal bis zum Mississippi besiedelt haben und auch die Gebiete bis zum Mississippi nur lückenhaft kartographiert haben. 

Was wir für die Besiedlung und Zivilisierung der riesigen Weiten des Internets brauchen, sind nicht nur Skeptiker und Warner, nicht nur Glücksritter und Goldsucher, sondern Architekten, Philosophen, Juristen, Mediatoren, Historiker, aber auch Idealisten und Optimisten, die Interesse an diesem riesigen, teilweise noch unzivilisierten Land haben.

Da sich meiner Meinung nach die digitale und analoge Welt immer mehr verschränken und immer weniger zu unterscheiden sind, ist es genauso wichtig für Interesse an der digitalen Welt und ihren Chancen zu werben, wie vor den Gefahren und Risiken zu warnen. Internetoptimismus muss nicht zwangsläufig naiv sein. Er kann auch sehr realistisch ausgeprägt sein. Nochmal Michael Seemann:

Die, die auf diese Weise leidenschaftslos auf die Disruption des Alten blicken, handeln sich schnell den Vorwurf ein, naive Internetutopisten zu sein, die nur das Gute im Neuen sehen wollen. Das stimmt nicht. Wenn wir sagen, dass wir das Neue als Neues anerkennen müssen, und aufhören, dem Alten hinterherzutrauern, tun wir das nicht aus Begeisterung für das Neue. Es geht uns nicht darum, das Neue kritiklos zu bejubeln – im Gegenteil. Es ist uns sogar besonders wichtig, die Gefahren, die das Neue Spiel mit sich bringt, herauszustellen. Die Warnung vor dem Untergang des Alten verstellt oft die Sicht auf die echten Herausforderungen. Für das Erkennen dieser neuen Gefahren brauchen wir eine ebenso ungetrübte Sicht wie für das der neuen Chancen […].

Das Internet geht nicht mehr weg. Vielmehr wird es wird sich im globalen Maßtab in immer mehr bisher rein analoge Lebensbereiche ausbreiten. Natürlich wird man sich auch dem Internet fernhalten können, so wie die Amish sich in den USA seit ein paar hundert Jahren von Technologie und dem Rest der Zivilisation fernhalten. Aber das Internet zu erkunden, im Internet für demokratische, gerechte und freiheitliche Strukturen zu kämpfen, Strategien gegen die unbestreitbar zahlreichen Gefahren zu entwickeln und sich dafür einzusetzen, hört sich meiner Meinung, nach einer spannenderen Alternative an.

Natürlich werden wir zahlreiche weitere Krisen und Gefährdungen von Recht und Freiheit im Internet erleben, es werden heftige Kämpfe zwischen mächtigen und weniger mächtigen Interessengruppen um Einfluss und Deutungshoheit zu beobachten sein — und vielleicht wird der Kampf um Freiheit und Gerechtigkeit auch hin und wieder scheitern. Aber statt uns vom Internet abzuwenden, weil Internetkritiker uns grässliche Geschichten erzählen, sollten wir und dem Internet zuwenden und versuchen es nach unserem Willen und unseren rechtstaatlichen Vorstellungen zu formen.