Er­wach­sen wie die Ju­gend (t3n 57)

felix schwenzel in t3n

„Tech­nik löst Pro­ble­me, die wir ohne sie gar nicht hät­ten.“ Das ist ein Zi­tat von Ha­rald Lesch, aber ei­gent­lich eine Ab­wand­lung ei­nes sehr al­ten Wit­zes über Com­pu­ter. Ge­nau ge­nom­men ist es vor al­lem eine gro­be Sim­pli­fi­zie­rung der Rea­li­tät. Ver­ein­fa­chung ge­hört nun mal zu Ha­rald Leschs Be­ruf als Fern­seh­er­klär­bär. Denn na­tür­lich löst Tech­nik auch Pro­ble­me, die wir ohne sie hät­ten. An­ders ge­sagt: Ohne Tech­nik hät­ten wir ganz an­de­re Pro­ble­me – vor al­lem nicht we­ni­ger.

Der­sel­ben Lo­gik fol­gend könn­te man üb­ri­gens auch sa­gen, dass wir mit ge­sell­schaft­li­cher Wei­ter­ent­wick­lung auf Pro­ble­me ant­wor­ten müs­sen, die wir ohne den vor­an­ge­gan­ge­nen ge­sell­schaft­li­chen Fort­schritt gar nicht hät­ten. Vie­le Witz­bol­de, Kon­ser­va­ti­ve, Sprach­schüt­zer oder Di­gi­tal­ver­äch­ter tun das auch. Da­bei sind Re­ak­tio­nä­re ei­gent­lich gar nicht ge­gen das Neue, son­dern nur ge­gen das neue Neue. Sie wün­schen sich Zu­stän­de zu­rück, die in der Ver­gan­gen­heit ein­mal neu wa­ren. Das Pro­blem mit die­ser Welt­sicht ist al­ler­dings, dass wir mit Rück­schrit­ten zu al­tem Neu­en viel­leicht ak­tu­el­le Pro­ble­me ab­räu­men kön­nen, aber da­für auch wie­der sehr vie­le alte, da­mals™ un­ge­lös­te Pro­blem­kis­ten öff­nen müss­ten.

Ob­wohl der Pro­blem­lö­sungs­witz oben eine är­ger­li­che Sim­pli­fi­zie­rung ist, hat er, wie fast je­der Witz, doch ei­nen wah­ren Kern. Der bril­lan­te Den­ker, Di­gi­ta­li­sie­rungs­kri­ti­ker und Ego­ma­ne An­drew Keen, der seit Jah­ren die Hy­bris, Ar­ro­ganz, Maß­lo­sig­keit und Ego­ma­nie der Si­li­con-Val­ley-Un­ter­neh­mer kri­ti­si­ert, weist in der Mar­ke­ting­kam­pa­gne für sein neu­es Buch auf ein grund­sätz­li­ches Pro­blem des Fort­schritts hin:

Die Ge­schich­te der Mensch­heit zeigt, dass wir im­mer in die Zu­kunft hin­ein­stol­pern, al­les ka­putt ma­chen und es an­schlie­ßend wie­der in Ord­nung brin­gen müs­sen. Wir ha­ben 50 bis 100 Jah­re ge­braucht, um die Haupt­pro­ble­me des in­dus­tri­el­len Ka­pi­ta­lis­mus zu lö­sen, und mit ei­ni­gen Pro­ble­men be­schäf­ti­gen wir uns heu­te noch, etwa Um­welt­ver­schmut­zung und Kli­ma­wan­del.

Nicht sel­ten fällt es uns schwer, die­se Pro­ble­me über­haupt zu er­ken­nen, weil un­se­re Wahr­neh­mung und der ge­sell­schaft­li­che Fort­schritt nicht mit tech­ni­schen Wei­ter­ent­wick­lun­gen mit­hal­ten kön­nen. Eben­so schwer fällt es uns, be­reits er­kann­te Pro­ble­me an­zu­ge­hen: Lie­ber stol­pern wir wei­ter vor­an – und hal­ten uns, weil wir in Rich­tung Zu­kunft stol­pern, für pro­gres­siv.

Ich glau­be durch­aus, dass wir die Pro­ble­me, die uns Fort­schritt und Tech­no­lo­gie ein­ge­brockt ha­ben, mit mehr ge­sell­schaft­li­chem und tech­ni­schem Fort­schritt lö­sen kön­nen. Die ver­gan­ge­nen Jahr­tau­sen­de ha­ben ge­zeigt, dass das müh­sam ist, aber grund­sätz­lich funk­tio­niert. Die Welt, die Le­bens­si­tua­ti­on der Men­schen, hat sich in den letz­ten Jahr­hun­der­ten durch tech­ni­schen Fort­schritt enorm ver­bes­sert:

  • Wir wer­den mitt­ler­wei­le im Schnitt über 70 Jah­re alt
  • Die Zahl der Men­schen, die in ex­tre­mer Ar­mut le­ben, hat sich in den letz­ten 20 Jah­ren fast hal­biert

Die ak­tu­el­le Kli­ma­kri­se zeigt aber auch, dass Pro­ble­me nicht al­lein über per­sön­li­che (Kon­sum-)Ent­sch­ei­dun­gen ge­löst wer­den kön­nen, son­dern auch ge­sell­schaft­lich, po­li­tisch, am bes­ten glo­bal, an­ge­gan­gen und re­gu­liert wer­den müs­sen.

Nach­dem wir alle die Kli­ma­kri­se jahr­zehn­te­lang ver­drängt und mög­li­che Lö­sungs­an­sät­ze auf­ge­scho­ben und ver­stol­pert ha­ben, ist in den letz­ten Mo­na­ten Er­staun­li­ches ge­sche­hen: Die (frei nach An­drew Keen) an­geb­lich so nar­ziss­ti­sche, Fast-Food-, Ni­ko­tin-, Spiel-, Por­no- und Gad­get-süch­ti­ge Ju­gend for­dert, dass wir un­se­re po­li­ti­sche Ver­ant­wor­tung für die Zu­kunft über­neh­men.

Die Ju­gend, um de­ren Wohl­erge­hen wir uns an­ge­sichts der Di­gi­ta­li­sie­rung und Ver­net­zung, der All­ge­gen­wart von seich­ter Un­ter­hal­tung, Ge­walt und Por­no­gra­fie so gro­ße Sor­gen ge­macht ha­ben, ent­sch­ei­det sich er­staun­lich be­wusst, wel­che Apps oder On­line-Diens­te sie nutzt und auf wel­che sie ver­zich­tet. Sie hat er­kannt, dass die Zu­kunft nicht vor­dring­lich mit Ju­gend­schutz, son­dern mit po­li­ti­schem Han­deln zum Kli­ma­schutz ge­ret­tet wer­den muss. Es ist pa­ra­dox, aber wir le­ben in ei­ner Zeit, in der Ju­gend­li­che den Er­wach­se­nen zei­gen, was es be­deu­tet, er­wach­sen zu han­deln: Näm­lich Tech­no­lo­gie und Fort­schritt nicht als Selbst­zweck zu se­hen, son­dern als Ge­stal­tungs­mit­tel für die Zu­kunft. Wenn wir end­lich so er­wach­sen wer­den wie die Ju­gend, kön­nen wir mit Tech­no­lo­gie auch wie­der Pro­ble­me lö­sen, die wir ohne Tech­no­lo­gie nicht lö­sen könn­ten.