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Mach es selbst! (t3n 75)

felix schwenzel in t3n

In Bo­lo­gna isst man kei­ne Spa­ghet­ti Bo­lo­gne­se. Das Ragù alla Bo­lo­gne­se wird in Bo­lo­gna aus­schließ­lich mit Ta­glia­tel­le ser­viert — und zwar am bes­ten frisch mit Ei ge­macht, mit ei­ner rau­en Ober­flä­che, da­mit die Sau­ce sich ap­pe­tit­lich an die Nu­deln schmiegt. Vie­len Men­schen sind sol­che In­for­ma­tio­nen wich­tig. Sie wol­len wis­sen, wie die ein­zig wah­ren Nu­deln alla Bo­lo­gne­se her­zu­stel­len sind, oder wie man ech­tes Su­shi, ori­gi­nal Sa­cher­tor­te oder tra­di­tio­nel­len nord­deut­schen Labs­kaus macht. Ich fin­de sol­che Fra­gen hin­ge­gen völ­lig un­in­ter­es­sant. In­ter­es­sant ist für mich zu ver­ste­hen, wie man es macht — um es dann selbst zu ma­chen.

Des­halb hal­te ich auch nichts von Er­näh­rungs­tipps: Beim Es­sen geht es nicht um rich­tig oder falsch oder gar um Per­fek­ti­on, son­dern ums Sel­ber­ma­chen. Und die­ses Sel­ber­ma­chen, das Ko­chen, hat über die Zeit eine ganz ei­ge­ne Dy­na­mik ent­wi­ckelt. Seit ich mich für Zu­ta­ten und Roh­stof­fe und die Fra­ge, was man dar­aus ma­chen kann, in­ter­es­sie­re, be­fin­de ich mich in ei­ner Art po­si­ti­ven, sich selbst ver­stär­ken­den Kreis­lauf. Aus ein biss­chen Neu­gier wur­de mit wach­sen­der Er­fah­rung und ver­mehr­ten Er­folgs­er­leb­nis­sen ir­gend­wann un­bän­di­ge Neu­gier. Dass sich die­se Neu­gier heut­zu­ta­ge dank In­ter­net, Fern­seh- und You­Tube-Kö­chen und fan­tas­ti­schen Re­zept­bü­chern vor­treff­lich be­frie­di­gen lässt, ver­stärkt den po­si­ti­ven Kreis­lauf ums Es­sen im­mer mehr.

Der Witz da­bei: Das gilt für al­les, was man selbst macht. Es hört sich wie eine Bin­sen­weis­heit an (ist es wahr­schein­lich auch), aber rei­ner Kon­sum be­frie­digt auf Dau­er nicht — Sel­ber­ma­chen schon.

Sel­ber­ma­chen sieht von au­ßen müh­se­lig und an­stren­gend aus, aber von in­nen be­trach­tet ist es pure Selbst­be­frie­di­gung. Wer et­was selbst macht, er­fährt und lernt zwangs­läu­fig, wie die Din­ge funk­tio­nie­ren und wie die ein­zel­nen Kom­po­nen­ten zu­sam­men­spie­len. Die­ser Neu­gier­kreis­lauf be­lohnt – im­mer aufs Neue – mit Din­gen, auf die man stolz sein kann, die man be­nut­zen oder es­sen kann — und die man nicht nur auf In­sta­gram tei­len kann. Mit selbst­ge­mach­ten Din­gen ver­schafft man nicht nur sich selbst Glück, son­dern auch an­de­ren.

Das Tol­le am Sel­ber­ma­chen ist auch das Stau­nen über sich selbst und über die Din­ge, die man her­zu­stel­len in der Lage ist. Ich stau­ne vor al­lem des­halb über mich selbst, weil mich selbst die un­ver­meid­li­chen Miss­er­fol­ge nicht ent­mu­ti­gen oder ernst­haft frus­trie­ren. Auch hier scheint ein po­si­ti­ver, sich selbst ver­stär­ken­der Mo­ti­va­ti­ons­kreis­lauf am Werk zu sein – weil die Er­fah­rung zeigt, dass ir­gend­wann auch schwie­ri­ge­re Auf­ga­ben klap­pen.

Zu­sätz­lich er­fül­len Ko­chen und Ba­cken mich mit Stolz. Stolz, aus ein­fa­chen Din­gen et­was Kom­ple­xes her­stel­len zu kön­nen – über­haupt Din­ge her­stel­len zu kön­nen, die dann auch noch schme­cken, schön an­zu­se­hen sind oder prak­tisch sind. Ins­be­son­de­re das Ba­cken mit Sau­er­teig wirkt wie Ma­gie. Ich kann es je­des Mal kaum glau­ben, was man aus Was­ser, Salz und Mehl zau­bern kann.

Ste­ve Jobs hat ir­gend­wann ein­mal ge­sagt, wir sind hier, um klei­ne Del­len in der Welt zu hin­ter­las­sen. Neu­lin­ge krat­zen Nach­rich­ten auf ih­ren Schul­tisch oder an Klo­wän­de, um Del­len in der Welt zu hin­ter­las­sen, Pro­fis wis­sen, dass selbst­ge­mach­te Nu­deln, die man Freun­den oder sei­nen Liebs­ten ser­viert, eben­falls eine klei­ne Beu­le im Uni­ver­sum hin­ter­la­sen. Und die Del­len, die selbst­ge­mach­te Sau­er­teig­bro­te hin­ter­las­sen, duf­ten auch noch köst­lich. So sind Ko­chen und Sel­ber­ma­chen der bes­te Weg zur prak­ti­schen Welt­ver­bes­se­rung.


Ist doch schön hier! (t3n 74)

felix schwenzel in t3n

Mei­ne ge­hei­me Su­per­kraft ist das Schön­re­den. Wenn man ver­sucht, die Din­ge dif­fe­ren­ziert zu be­trach­ten, fin­det man auch an den schlimms­ten Ent­wick­lun­gen po­si­ti­ve Aspek­te – oder kann zu­min­dest de­ren Hin­ter­grün­de nach­voll­zie­hen und Ver­ständ­nis ent­wi­ckeln. Ich fin­de zum Bei­spiel deut­sche Städ­te nicht häss­lich.

Die hie­si­ge Nach­kriegs­ar­chi­tek­tur hat­te ja nach­voll­zieh­ba­re Grün­de. Gro­ße Tei­le deut­scher Städ­te la­gen in Trüm­mern, und es muss­ten schnell Wohn­raum und Wirt­schafts­flä­chen ge­schaf­fen wer­den. Vie­ler­orts ent­schied man sich ge­gen Re­kon­struk­ti­on und für sach­li­chen, zweck­ori­en­tier­ten und schnör­kel­lo­sen Neu­auf­bau. Auch das Kon­zept der au­to­ge­rech­ten Stadt war da­mals nicht die schlech­tes­te Idee. War­um soll­te man den Neu­auf­bau nicht nach mo­der­nen Maß­stä­ben und nach dem aus­rich­ten, was man sich für die Zu­kunft wünsch­te?

So­wohl der arg bru­ta­lis­ti­sche Bau­stil als auch die au­to­ge­rech­te Stadt er­füll­ten da­mals ih­ren Zweck.
Deutsch­land stieg wirt­schaft­lich zu un­ge­ahn­ten Hö­hen auf, die Au­to­in­dus­trie boom­te und Städ­te funk­tio­nier­ten als Wirt­schafts­räu­me.

Was man al­ler­dings nicht schön­re­den kann: Die An­for­de­run­gen an Städ­te, an de­ren Le­bens­qua­li­tät, ha­ben sich in den letz­ten Jahr­zehn­ten ra­di­kal ge­än­dert. Städ­te ken­nen das. Die An­for­de­run­gen an sie än­dern sich ste­tig, sie wer­den stän­dig um­ge­baut. Die sicht­ba­ren Über­res­te, die Nar­ben die­ser stän­di­gen Trans­for­ma­tio­nen sind auch das, was das In­ter­es­san­te, die Viel­falt und da­mit auch Schön­heit von Städ­ten aus­macht – auch wenn ihre Er­sch­ei­nung nicht im­mer den ro­man­ti­sier­ten Er­war­tun­gen ent­spricht.

Wenn stän­di­ge Trans­for­ma­ti­on die Qua­li­tät und Schön­heit von Städ­ten aus­macht, ist die Su­per­kraft von Städ­ten ihr Po­ten­zi­al zu Ef­fi­zi­enz. Dicht auf ei­nem Hau­fen zu le­ben, lohnt sich nicht nur für Amei­sen, son­dern auch für Men­schen. Städ­te sind wie Amei­sen­hau­fen so­zia­le Or­ga­nis­men.

Eins der Ef­fi­zi­enz­re­zep­te von Städ­ten sind ge­teil­te In­fra­struk­tu­ren. Ein von al­len ge­nutz­tes Ab­was­ser­sys­tem ist ef­fi­zi­en­ter als in­di­vi­du­el­le Gru­ben oder Ein­fa­mi­li­en­haus­klär­wer­ke. Die­se Ska­len­ef­fek­te wir­ken für die Was­ser- und En­er­gie­ver­sor­gung – aber auch für die Ver­kehrs­in­fra­struk­tur. In­di­vi­du­al­ver­kehr ist teu­er, in­ef­fi­zi­ent und ver­braucht über­mä­ßig viel Raum und En­er­gie – und funk­tio­niert in Stadt­zen­tren und auf Haupt­ver­kehrs­adern oh­ne­hin kaum noch.

Wir alle ken­nen mitt­ler­wei­le den Preis der au­to­freund­li­chen Stadt. Der ist so hoch, dass selbst ich ihn nicht mehr schön­re­den kann. Der Stra­ßen­ver­kehr kos­tet eben nicht nur Le­bens­qua­li­tät, son­dern auch Men­schen­le­ben. Durch die flä­chen­de­cken­de Ver­sie­ge­lung und Asphal­tie­rung sinkt der Grund­was­ser­spie­gel, plötz­lich wird so­gar in Ber­lin das Was­ser knapp, star­ke Re­gen­fäl­le über­las­ten die Ka­na­li­sa­ti­on – und al­les wird durch den Kli­ma­wan­del ste­tig schlim­mer.

Der Un­wil­le oder die Un­fä­hig­keit der Po­li­tik und der Ge­sell­schaft, am Sta­tus quo der au­to­freund­li­chen und ver­sie­gel­ten Stadt et­was Sub­stan­zi­el­les zu än­dern, frus­triert. Und doch sehe ich ge­le­gent­lich Licht­bli­cke.

So ha­ben Po­li­tik und Ver­wal­tung in ei­ni­gen Städ­ten wäh­rend der Co­ro­na­pan­de­mie die Ge­le­gen­heit er­grif­fen und den Au­tos mit „Po­pup“-Rad­we­gen Raum und Fahr­spu­ren ge­nom­men. Vie­le der Po­pups be­stehen auch jetzt wei­ter.
Und tat­säch­lich wur­den auch noch vie­le wei­te­re Fahr­spu­ren zu Rad­we­gen um­ge­wid­met. Eben­so wur­de mit dem 9-Euro-Ti­cket die Dis­kus­si­on um eine Ver­kehrs­wen­de kon­struk­tiv in Rich­tung ÖPNV auf­ge­frischt.

Vor ein paar Ta­gen habe ich in un­se­rem Kiez ein sub­ver­si­ves Klein­od mit Be­hör­den­se­gen ge­se­hen, das mich in sei­ner Ein­fach­heit und Smart­ness tief be­ein­druckt hat: Auf meh­re­ren Stra­ßen­park­plät­zen ste­hen statt Au­tos Müll­ton­nen­ram­pen. Die­se Ram­pen hin­dern Au­tos am Par­ken und er­mög­li­chen der Müll­ab­fuhr, Müll­ton­nen un­ge­hin­dert auf die Stra­ße zu schie­ben.

Wenn wir als Ge­sell­schaft noch ein paar Hun­dert sol­cher Ideen pro­du­zie­ren, um Au­tos lang­sam und ste­tig aus ur­ba­nen Räu­men zu­rück­zu­drän­gen, ha­ben wir schon fast eine klei­ne Ver­kehrs­wen­de und Smart Ci­tys. Das wird noch nicht rei­chen, um un­se­re Städ­te für die Zu­kunft fit zu ma­chen, aber im­mer­hin geht es schon in die Rich­tung „we­ni­ger Au­tos wa­gen“. Und so lässt sich der po­li­ti­sche Kriech­gang auch ein biss­chen schön­re­den.


Geld oder Glück (t3n 72)

felix schwenzel in t3n

Der Dro­ge­rie­un­ter­neh­mer Dirk Roß­mann, ei­ner der reichs­ten Deut­schen, hat un­längst im In­ter­view mit dem Spie­gel die Fra­ge be­ant­wor­tet, wie man reich wird. Er sag­te un­ter an­de­rem: „Sie müs­sen schon reich wer­den wol­len.“ Es sei wich­tig, dass man sich für Geld in­ter­es­sie­re und da­für, wie wirt­schaft­li­che Zu­sam­men­hän­ge funk­tio­nie­ren.

Für wirt­schaft­li­che Zu­sam­men­hän­ge habe ich mich nie wirk­lich in­ter­es­si­ert – und sie ehr­lich ge­sagt auch nie ganz ver­stan­den. Mich trie­ben in mei­ner Kind­heit und Ju­gend ganz an­de­re Fra­gen um. War­um wur­de Rum­pel­stilz­chen so wü­tend, wie par­ke ich mei­nen lenk­ba­ren Spiel­zeug­trak­tor mit An­hän­ger rück­wärts ein, war­um ist Salz so sal­zig? Mein (kind­li­ches) Des­in­ter­es­se führ­te dazu, dass mei­ne Vor­stel­lung von Geld eher naiv war. Mir war schon klar, dass man es ge­le­gent­lich brauch­te, wenn man et­was ha­ben woll­te. Zehn­pfen­nig­stü­cke zum Bei­spiel, um Hart­plas­tik­ku­geln mit sau­rer Brau­se aus Kau­gum­mi­au­to­ma­ten zu zie­hen. Der Bä­cker mit sei­nen Ro­si­nen­bröt­chen, der Ita­lie­ner mit sei­nen Eis­ku­geln – alle woll­ten sie Geld ha­ben. Mei­ne El­tern hat­ten im­mer Geld da­bei, und wenn ich freund­lich frag­te, ga­ben sie mir meist et­was da­von. Ab ei­nem be­stimm­ten Al­ter be­kam ich so­gar re­gel­mä­ßig ein biss­chen Geld zur ei­ge­nen Ver­wen­dung.

So rich­tig in­ter­es­sant oder fas­zi­nie­rend fand ich Geld trotz­dem nie und dach­te auch nicht viel dar­über nach. Was mich al­ler­dings wun­der­te: Ob­wohl mei­ne El­tern re­gel­mä­ßig dar­über re­de­ten, „kein Geld“ zu ha­ben, hat­ten sie im­mer wel­ches. Mei­ne Mut­ter hat­te so­gar ei­nen Block, mit des­sen Blät­tern sie be­zah­len konn­te, in­dem sie ein­fach ei­nen Be­trag drauf­schrieb. Spä­tes­tens als ich das sah, hör­te ich auf, das Geld­ge­jam­mer mei­ner El­tern ernst zu neh­men, und be­schloss, ich müs­se mir nie Ge­dan­ken um Geld ma­chen. Wenn man als Er­wach­se­ner sol­che „Eu­ro­che­ques“ be­kommt – war­um soll­te man sich dann sor­gen?

Ich ver­mu­te, dass die­ses nai­ve Ver­ständ­nis wei­ter­hin tief in mei­nem In­ne­ren ver­an­kert ist. Und ich weiß na­tür­lich auch, dass ich pri­vi­le­giert auf­ge­wach­sen bin. Auch wenn mei­ne El­tern sich (zu recht oder un­recht) ums Geld sorg­ten, hat­te ich nie fi­nan­zi­ell be­ding­te Exis­tenz­ängs­te. Viel­leicht auch, weil ich in mei­ner Ju­gend in den 80ern so vie­le an­de­re Exis­tenz­ängs­te hat­te: we­gen ei­nes mög­li­chen Atom­krie­ges, des Wald­ster­bens, der Schu­le.

Kurz nach­dem ich das In­ter­view mit Dirk Roß­mann ge­le­sen hat­te, fand ich im In­ter­net ei­nen Rat­schlag des Mu­si­kers Nick Cave an den 13-jäh­ri­gen Ru­ben aus Mel­bourne, Aus­tra­li­en. Ru­ben hat­te ge­fragt, wie man es schaf­fen kön­ne, sich in ei­ner Welt „vol­ler Hass und Un­gleich­heit“ zu sei­nem vol­len Po­ten­zi­al zu ent­wi­ckeln. Nick Cave emp­fahl ihm, nicht etwa reich zu wer­den, son­dern gren­zen­los neu­gie­rig sein zu wol­len. Ru­ben sol­le das Stau­nen über die Welt zu ei­ner Le­bens­ge­wohn­heit ma­chen und das tun, was ihm Spaß ma­che, sei­nen krea­ti­ven Nei­gun­gen nach­ge­hen und die Welt mit po­si­ti­ver, „schel­mi­scher“ En­er­gie be­rei­chern.

Dirk Roß­mann hat in sei­nem In­ter­view hin­ge­gen da­von ge­spro­chen, dass er es für Blöd­sinn hal­te, sein Le­ben da­nach aus­zu­rich­ten, was Spaß ma­che. Das sei der Grund, war­um es so vie­le un­glück­li­che, schlecht be­zahl­te Schau­spie­ler gebe. Man sol­le in sei­nem Le­ben nicht das fin­den, was Spaß macht, son­dern das, wor­in man gut sei.

Auch wenn Cave und Roß­mann of­fen­bar das Ver­ständ­nis für den je­weils an­de­ren Le­bens­ent­wurf fehlt und der eine sich mehr Künst­ler, der an­de­re mehr In­stal­la­teu­re in der Welt wünscht, glau­be ich, dass bei­de recht ha­ben – und bei­na­he das Glei­che mei­nen. Sie könn­ten sich si­cher­lich auf die For­mel ei­ni­gen, dass man le­bens­lang neu­gie­rig nach In­spi­ra­ti­on su­chen und nie da­mit auf­hö­ren soll­te, die Zu­sam­men­hän­ge der Welt ver­ste­hen zu wol­len und die ei­ge­nen Po­ten­zia­le zu ent­fal­ten.

Wit­zi­ger­wei­se ha­ben bei­de Le­bens­ent­wür­fe, die Cave und Roß­mann be­schrei­ben, nicht den bes­ten Ruf. Wer Künst­ler wer­den will, muss sich aus der „ge­sell­schaft­li­chen Mit­te“ stän­dig an­hö­ren, dass es bes­ser wäre, „was An­stän­di­ges“ zu ler­nen. Und Reich­tum gilt in Deutsch­land auch ir­gend­wie als un­an­stän­dig. Da­bei kön­nen bei­de Le­bens­ent­wür­fe der Ge­sell­schaft ei­ni­ges zu­rück­ge­ben und sie vor­an­brin­gen.

Am Ende ist es aber wahr­schein­lich egal, wel­chen Weg man wählt. Haupt­sa­che, man ist auf dem Weg – denn der ist ja be­kann­ter­ma­ßen das Ziel.


Wuff, Wuff (t3n 71)

felix schwenzel in t3n

Wenn ich eine Ko­lum­ne schrei­be, den­ke ich nicht an die Le­ser. Ich wüss­te auch nicht, wie das funk­tio­nie­ren soll, was Hel­mut Mark­wort als Wer­be­spruch für den Fo­cus präg­te: „Fak­ten, Fak­ten, Fak­ten und im­mer an die Le­ser den­ken.“

Ich den­ke beim Schrei­ben eher an mich und ver­su­che das zu schrei­ben, was ich ger­ne le­sen wür­de. Mög­li­cher­wei­se ist das kein schlech­ter An­satz für jede Art von Kom­mu­ni­ka­ti­on, nicht nur fürs Schrei­ben: Kom­mu­ni­zie­re mit an­de­ren stets so, wie du dir wünschst, dass an­de­re mit dir um­ge­hen. Wenn man sich wun­dert, wie es aus dem Wald her­aus­schallt, kann es auch dar­an lie­gen, wie man in den Wald ruft. Zum Glück kann man Selbst­wahr­neh­mung trai­nie­ren.

Frü­her™ habe ich Selbst­wahr­neh­mung un­ter an­de­rem da­mit trai­niert, dass ich Din­ge, die mir durch den Kopf gin­gen, ins In­ter­net schrieb. Die­ser Schreib­pro­zess zwang mich dazu, mich mit mei­nen Er­fah­run­gen aus­ein­an­der­zu­set­zen und über Er­leb­tes, Ge­se­he­nes oder Ge­le­se­nes nach­zu­den­ken. Ich habe die­ses Re­flek­tie­ren auch ger­ne als eine Art Ver­dau­ungs­vor­gang be­schrie­ben.

Vor drei Jah­ren, als wir uns ei­nen Hund (Fri­da) an­ge­schafft ha­ben, ver­lor ich mehr oder we­ni­ger mein In­ter­es­se am täg­li­chen Schrei­ben und Re­flek­tie­ren im In­ter­net. Aber es zeig­te sich: Hun­de kön­nen hel­fen, Kom­mu­ni­ka­ti­ons- und Em­pa­thie­fä­hig­kei­ten zu re­flek­tie­ren und Selbst­wahr­neh­mung zu trai­nie­ren.

Hun­de ha­ben nicht den bes­ten Ruf. Sie gel­ten als un­be­re­chen­bar, po­ten­zi­ell ag­gres­siv und gleich­zei­tig un­ter­wür­fig und tumb. Mei­ner Er­fah­rung nach stimmt keins die­ser Vor­ur­tei­le. Ich habe noch nie so be­re­chen­ba­re We­sen wie Hun­de ken­nen­ge­lernt. Und ihre ver­meint­li­che Un­ter­wür­fig­keit ist Aus­druck ih­rer Sehn­sucht nach ei­nem sta­bi­len so­zia­len Ge­fü­ge. Hun­de sind ge­dul­dig und gut­mü­tig, of­fen, neu­gie­rig und so­zi­al kom­pe­tent. Sie ak­zep­tie­ren so­zia­le Stel­lun­gen, lie­ben Auf­ga­ben- und Ar­beits­tei­lung, sind team­fä­hig, hilfs­be­reit, ver­läss­lich, ein­fühl­sam, an­pas­sungs­fä­hig und lern­be­reit - zu­min­dest, wenn man ih­nen ge­dul­dig, gut­mü­tig, of­fen und sou­ve­rän be­geg­net.

Hät­ten Hun­de aus­ge­präg­te­re ko­gni­ti­ve Fä­hig­kei­ten und ge­schick­te­re Hän­de, wä­ren sie we­gen ih­rer so­zia­len Kom­pe­tenz - oder ih­rer Soft Skills - idea­le Ar­beit­neh­mer.

Mir hat Fri­da ge­zeigt, wie wich­tig Prä­senz ist. Wenn wir zu­sam­men un­ter­wegs sind, müs­sen stän­dig Ent­schei­dun­gen ge­trof­fen wer­den: Wo­hin geh­t's, sind die Men­schen, Tie­re oder Hun­de, die uns un­ter­wegs be­geg­nen, freund­lich ge­sinnt und soll­te man Fahr­rad- und Skate­board­fah­rer wis­sen las­sen, dass man sich hier nicht so hek­tisch be­we­gen soll? Hät­te Fri­da den lei­ses­ten Zwei­fel dar­an, dass ich die­se Fra­gen und po­ten­zi­el­len Ge­fah­ren wahr­neh­men und be­wer­ten könn­te, wür­de sie die­se Auf­ga­ben über­neh­men.

Hun­den, die Auf­ga­ben der sie be­glei­ten­den Men­schen über­neh­men, be­geg­net man je­den Tag. Sie bel­len und zer­ren ihre Men­schen durch Stadt und Park, bei­de sind of­fen­sicht­lich über­for­dert - und wenn die Pri­ma­ten am Ende der Lei­ne dann noch die Kar­ni­vo­ren an­schrei­en, den­ken die erst recht, dass sie das Steu­er über­neh­men müs­sen, weil der Mensch ja of­fen­sicht­lich über­for­dert ist.

Wer Ge­las­sen­heit und Sou­ve­rä­ni­tät auch in un­über­sicht­li­chen Si­tua­tio­nen be­wahrt, steht bei Hun­den in der so­zia­len Rang­fol­ge oben und darf dann Re­geln auf­stel­len und durch­set­zen. Hun­de sind dank­bar, wenn es ein Re­gel­werk gibt, das Si­cher­heit, Be­re­chen­bar­keit und da­mit Ruhe und Ge­las­sen­heit si­cher­stellt.

Zur Ge­las­sen­heit ge­hört auch kon­se­quen­te Freund­lich­keit. Auch das habe ich im Um­gang mit Hun­den im­mer wie­der er­lebt, dass die Kom­bi­na­ti­on aus Freund­lich­keit, Ver­bind­lich­keit und Kon­se­quenz eine ef­fi­zi­en­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­me­tho­de ist, mit der man fast al­les er­rei­chen kann und Stress und Ag­gres­si­on ver­mei­det.

Wir Men­schen ha­ben im­mer wie­der die Hoff­nung, dass wir mit­hil­fe von Tech­no­lo­gie bes­ser kom­mu­ni­zie­ren könn­ten. Das ist ge­nau so ein Irr­tum wie der Glau­be, dass man mit ei­ner gu­ten Gi­tar­re zu ei­nem gu­ten Mu­si­ker wer­den könn­te.

Das ein­zi­ge, was die Qua­li­tät un­se­rer Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­bes­sert, sind der Wil­le und die Mühe, un­se­re Fä­hig­kei­ten zu ver­bes­sern. Gute Kom­mu­ni­ka­ti­on er­gibt sich nicht ne­ben­bei, sie er­for­dert Prä­senz, Ein­füh­lungs­ver­mö­gen, Freund­lich­keit und un­se­re Auf­merk­sam­keit - uns selbst und an­de­ren ge­gen­über.

Bes­ser kom­mu­ni­zie­ren ist, wie wir künf­tig kom­mu­ni­zie­ren wol­len soll­ten.


Sel­ber schuld! (t3n 70)

felix schwenzel in t3n

Als ich jung war, habe ich kurz in ei­nem Pfle­ge­be­ruf ge­ar­bei­tet. Heu­te, sagt man, sei ne­ben dem Hand­werk ge­ra­de in Pfle­ge­be­ru­fen der Fach­kräf­te­man­gel be­son­ders hoch. Ich war da­mals zwar kei­ne Fach­kraft, son­dern Zi­vil­dienst­leis­ten­der, aber rück­bli­ckend kann ich über­haupt nicht ver­ste­hen, war­um die Pfle­ge­bran­che un­ter Nach­wuchs­man­gel lei­det.

Na­tür­lich ver­ste­he ich im Prin­zip schon, war­um die Pfle­ge- oder Ge­sund­heits­bran­che un­ter ei­nem Fach­kräf­te­man­gel lei­det, ich lebe ja nicht un­ter ei­nem Stein und kann die land­läu­fi­ge Er­klä­rung leicht er­goo­geln: „nied­ri­ge Be­zah­lung und schlech­te Ar­beits­be­din­gun­gen“. Schlecht be­zahl­te Ar­beit, die un­be­frie­di­gend oder gar frus­trie­rend ist, führt lo­gi­scher­wei­se zu we­nig In­ter­es­sen­ten. Die Pfle­ge­ar­beit wäh­rend mei­nes Zi­vil­di­ens­tes war auch nicht be­son­ders gut be­zahlt, aber ich emp­fand sie als enorm be­frie­di­gend. Mir hat die Ar­beit so viel Spaß ge­macht, dass ich zwi­schen­zeit­lich so­gar An­flü­ge ei­nes schlech­ten Ge­wis­sens be­kam und lern­te: An­de­ren zu hel­fen, kann sich mit­un­ter an­füh­len wie ego­zen­tri­sche Selbst­be­frie­di­gung.

Das Ge­heim­nis mei­ner Zu­frie­den­heit wa­ren die Ar­beits­be­din­gun­gen oder ge­nau­er, die Le­bens­be­din­gun­gen, de­nen ich wäh­rend mei­nes Zi­vil­di­ens­tes aus­ge­setzt war. Das Le­ben in der „Le­bens­ge­mein­schaft“, in der ich mei­nen Zi­vil­dienst leis­te­te, war in Fa­mi­li­en or­ga­ni­si­ert, in de­nen er­wach­se­ne Be­hin­der­te mit Be­treu­ern zu­sam­men­leb­ten. Ich wohn­te in ei­nem die­ser Häu­ser und war Teil der Ge­mein­schaft. Mor­gens half ich de­nen, die Hil­fe bei der Mor­gen­toi­let­te brauch­ten, wir früh­stück­ten zu­sam­men und alle gin­gen den Tag über ar­bei­ten; in ei­ner der Werk­stät­ten, in den Häu­sern, im Gar­ten oder der Land­wirt­schaft.

Ich hat­te kei­ne Se­kun­de das Ge­fühl, Le­bens­zeit zu ver­schwen­den. Die Ar­beit war äu­ßerst sinn­stif­tend und mach­te mir so viel Spaß, dass ich nach mei­nem Zi­vil­dienst noch ein paar Mo­na­te wei­ter als An­ge­stell­ter bei der Le­bens­ge­mein­schaft blieb. Aus mei­ner Zi­vil­dienst­zeit habe ich die Er­kennt­nis mit­ge­nom­men, dass „ver­meint­lich“ un­at­trak­ti­ve Be­ru­fe oder Tä­tig­kei­ten eine Per­spek­ti­ve für mich sein kön­nen. Ich konn­te mir durch­aus vor­stel­len, mein Le­ben so zu ver­brin­gen, wie ich es in der Le­bens­ge­mein­schaft ge­se­hen hat­te. Ge­blie­ben bin ich trotz­dem nicht, weil ich jung war und erst mal noch mehr von der Welt se­hen woll­te.

Rei­sen­de soll man nicht nur nicht auf­hal­ten – man kann sie auch nicht auf­hal­ten. Aber – das wird oft über­se­hen – Rei­sen­de kom­men ziem­lich oft zu­rück und er­zäh­len ger­ne von ih­ren Tou­ren.

Was sich Ar­beit­ge­ber:in­nen un­ter Fach­kräf­ten vor­stel­len, ist so ziem­lich das Ge­gen­teil von Rei­sen­den. Men­schen, die am An­fang ih­rer Rei­se ste­hen, gel­ten als un­qua­li­fi­ziert, Men­schen, die schon ein paar Rei­sen auf dem Bu­ckel ha­ben, gel­ten als über­qua­li­fi­ziert oder als po­ten­zi­ell schwie­rig.

Wer von Fach­kräf­te­man­gel re­det, be­klagt ja ei­gent­lich, dass es nicht ge­nug Men­schen gibt, die ihre Aus­bil­dung (oder Rei­se) ex­akt auf die Be­dürf­nis­se der Ar­beit­ge­ber aus­ge­rich­tet ha­ben, und ma­ni­fes­tiert da­mit vor al­lem die man­geln­de Fä­hig­keit, un­ter­qua­li­fi­zier­te, über­qua­li­fi­zier­te, fach­frem­de oder quer­ein­stei­gen­de Kräf­te zu ab­sor­bie­ren und sich nach de­ren Be­dürf­nis­sen aus­zu­rich­ten.

Durch­zug, Sog oder At­trak­ti­on wer­den ge­schaf­fen, in­dem Tür und Tor ge­öff­net wer­den, nicht nur ge­gen­über Rei­sen­den, son­dern auch ge­gen­über de­nen, die ihre Rei­sen noch pla­nen. Die Be­trie­be, bei de­nen ich als Schü­ler nach Fe­ri­en­jobs ge­fragt habe und mir sa­gen las­sen muss­te, „ma­chen wir nicht“, ge­hö­ren heu­te mög­li­cher­wei­se zu den Un­ter­neh­men, die jetzt über Fach­kräf­te­man­gel kla­gen.

Um In­ter­es­se zu we­cken und Rei­sen­de an­zu­zie­hen, muss ent­we­der et­was be­son­ders An­zie­hen­des, In­ter­es­san­tes ge­bo­ten wer­den, sich kon­se­quent nach den Be­dürf­nis­sen Rei­sen­der aus­ge­rich­tet oder da­für ge­sorgt wer­den, dass Durch­rei­sen­de min­des­tens das Ge­fühl ha­ben, wei­ter­zu­kom­men. Ga­ran­tiert un­be­hel­ligt von Frem­den, Rei­sen­den, Neu­gie­ri­gen und letzt­end­lich Nach­wuchs blei­ben alle, die dar­auf be­stehen, al­les so wei­ter­zu­ma­chen, wie es im­mer ge­macht wur­de. Die sich ge­gen Wan­del oder neue Struk­tu­ren sträu­ben und die Tü­ren nur für die ver­meint­lich „ge­nau Rich­ti­gen“ öff­nen.

Frei nach Kon­fu­zi­us: Gib ei­ner Bran­che Fach­kräf­te – und der La­den läuft ein paar Jah­re. Leh­re eine Bran­che, die Be­dürf­nis­se von Ar­beit­su­chen­den zu er­ken­nen und zu be­die­nen, und sie brummt über Ge­ne­ra­tio­nen hin­weg.


Al­les ist ein Spiel (t3n 69)

felix schwenzel in t3n

Wenn man ei­nen Hund hat, ver­schwim­men die Gren­zen zwi­schen Ernst und Spiel. Ei­gent­lich ist für ei­nen Hund al­les Spiel. Ob ein Ball fliegt oder ein Ka­nin­chen auf ei­ner Wie­se weg­läuft, scheint für Fri­da, un­se­ren Pu­del, ei­ner­lei. Ihre Eu­pho­rie und ihr Ehr­geiz sind für bei­de Rei­ze gleich groß. Der Ball ist ge­nau­so echt wie das Ka­nin­chen.

Um Fri­da vom Ja­gen ab­zu­brin­gen, muss­ten wir uns ein bes­se­res Spiel aus­den­ken. Die ers­te Spiel­re­gel des neu­en Spiels lau­tet: Wenn sie ei­nen Vo­gel, ein Ka­nin­chen oder ein an­de­res hetz­ba­res Tier sieht, muss sie kurz still­hal­ten und uns an­schau­en. Erst wenn wir es sa­gen, läuft sie los. Im neu­en Spiel wird dann al­ler­dings kein Tier ge­jagt, son­dern ein Stück Käse oder der klei­ne, schnel­le und flum­mi­ähn­li­che Lieb­lings­ball von Fri­da.

Das neue Spiel fin­det sie so gut, dass sie in­ner­halb von ein paar Wo­chen im An­ge­sicht von hetz­ba­rem Wild eine aus­ge­zeich­ne­te Im­puls­kon­trol­le ent­wi­ckelt und das Ja­gen für das neue Spiel so gut wie auf­ge­ge­ben hat. Was sie ei­gent­lich ge­lernt hat: Spie­le mit ih­ren So­zi­al­part­nern – uns – ma­chen mehr Spaß, als al­lei­ne zu spie­len.

Hun­de­trai­ner sa­gen, dass Hun­de am bes­ten ler­nen, wenn sie ent­spannt sind. Ein Hund, der Stress oder Ängs­te hat, spielt nicht — und lernt schwe­rer. Das ist bei Men­schen nicht an­ders. Ängs­te es­sen, frei nach Rai­ner Wer­ner Fass­bin­der, nicht nur die See­le auf, son­dern auch das Spiel. Und wo kein Spiel ist, fällt das Ler­nen mit­un­ter auch schwer.

Ich war lan­ge ein ziem­lich schlech­ter Schü­ler, bis ich ir­gend­wann an­fing, die Schu­le als Spiel zu be­trach­ten. Da­bei ge­hol­fen hat mir wahr­schein­lich, dass ich zwei Mal ei­gent­lich sit­zen­ge­blie­ben wäre, aber bei­de Male doch noch ver­setzt wur­de, weil ich die Nach­prü­fung in Fran­zö­sisch schaff­te. Der Nach­hil­fe­leh­rer, der mir da­bei ge­hol­fen hat, dürf­te ei­nen ent­sch­ei­den­den An­teil dar­an ge­habt ha­ben, dass ich die Schu­le nach die­ser Er­fah­rung auf eine leich­te­re Schul­ter nahm.

Spä­tes­tens als ich dann im drit­ten Jahr mit zwei Sech­sen auf dem Ver­set­zungs­zeug­nis kei­ne Nach­prü­fung mehr ma­chen konn­te und tat­säch­lich die neun­te Klas­se wie­der­ho­len muss­te, än­der­te sich mei­ne Hal­tung zur Schu­le. „Was soll jetzt noch groß­ar­tig pas­sie­ren?“, frag­te ich mich und be­gann, die Schu­le als Spiel zu be­trach­ten. Ei­nes, das mir so­gar Spaß mach­te. Der Ernst, der Druck, die Ängs­te wa­ren ge­wi­chen – und ich be­gann spie­le­risch, mich zum nächs­ten Le­vel vor­zu­ar­bei­ten. Ich hat­te mei­ne Stär­ken ken­nen­ge­lernt und wuss­te, dass ich – wenn‘s drauf an­kam – auch ab­lie­fern konn­te. Ich er­kann­te, dass ich mich und die Leh­rer mit In­ter­es­se am Lehr­stoff ma­ni­pu­lie­ren konn­te. Weil ich plötz­lich In­ter­es­se an die­sem Spiel hat­te, ent­wi­ckel­ten die Leh­rer In­ter­es­se an mir – und ich ent­wi­ckel­te Mo­ti­va­ti­on und Neu­gier.

Die Schu­le als Spiel zu be­trach­ten, ma­ni­pu­lier­te so­zu­sa­gen mei­ne Hal­tung zur Schu­le. Pro­ble­me, Auf­ga­ben, Her­aus­for­de­run­gen, die sich in ei­nem Spiel stel­len, mo­ti­vie­ren eher. Her­aus­for­de­run­gen, die im Rah­men ei­ner erns­ten Pflicht da­her­kom­men, be­geg­net man oft mit Wi­der­stand und Trotz.

Wenn ich mit Fri­da spie­le oder tobe, ist al­les er­laubt. Sie darf mich (wohl­do­si­ert) bei­ßen und an­rem­peln, darf auf Spiel­ge­gen­stän­den rum­kau­en und zer­ren – und doch gel­ten stren­ge Re­geln:

  • Alle Be­tei­lig­ten kön­nen das Spiel je­der­zeit be­en­den
  • Nie­mand fügt dem an­de­ren ab­sicht­lich ech­te Schmer­zen zu

Im Spiel kann man – wie im Traum – Din­ge aus­pro­bie­ren, die im Ernst, im so­zia­len Kon­text, pro­ble­ma­tisch sein könn­ten. Man kann sich an Gren­zen her­an­tas­ten. Im Spiel ist das Ri­si­ko über­schau­bar, und doch lernt man – ab­sicht­lich oder zu­fäl­lig – wich­ti­ge Lek­tio­nen und ge­ge­be­nen­falls nütz­li­che Ver­hal­tens­wei­sen fürs „ech­te Le­ben“.

Wenn man die Her­aus­for­de­run­gen, die ei­nem das Le­ben vor die Füße spült, als Spiel be­greift, ge­winnt man aber nicht nur Mo­ti­va­ti­on und Spaß am Ler­nen und Aus­lo­ten von Gren­zen und Re­geln. An Pro­ble­me spie­le­risch her­an­zu­ge­hen, kann auch dazu füh­ren, dass man den Ernst des Le­bens auf Di­stanz hält.

Die Angst vor dem Schei­tern ist im Spiel wie weg­ge­bla­sen: Man kann es ja be­lie­big oft er­neut pro­bie­ren. Man könn­te sa­gen – wie­der frei nach Rai­ner Wer­ner Fass­bin­der: Spiel es­sen Ängs­te auf.


Ein Le­ben in Sym­bio­se (t3n 68)

felix schwenzel in t3n

Ich glau­be fest dar­an, dass der Weg zu mehr Ge­sund­heit über drei ein­fa­che Re­geln führt: Aus­rei­chend Be­we­gung, aus­ge­wo­ge­ne Er­näh­rung und auf die Si­gna­le des ei­ge­nen Kör­pers ach­ten.

Alle drei Re­geln zu be­fol­gen, ist aber schwe­rer, als man den­ken wür­de. Un­ser All­tag for­dert kaum noch Be­we­gung von uns, vie­le von uns ver­brin­gen ihr Be­rufs­le­ben am Schreib­tisch. Selbst für die Ver­sor­gung mit Nah­rung müs­sen wir kaum mehr als ei­nen Fin­ger auf dem Bild­schirm krüm­men. Wir kön­nen uns al­les an die Haus­tür lie­fern las­sen oder Fer­tig­es­sen an je­der Ecke kau­fen.

Die Be­quem­lich­keit, mit der vor ein paar Jahr­hun­der­ten le­dig­lich Ad­li­ge oder Su­per­rei­che ihr Le­ben füh­ren konn­ten, steht heu­te den meis­ten of­fen. Statt Sänf­ten und Kut­schen nut­zen wir Ta­xis, Bus­se und Bah­nen oder ei­ge­ne Au­tos. Es­sen, in­dus­tri­ell oder von schlecht be­zahl­ten Men­schen her­ge­stellt und ge­lie­fert, kann mitt­ler­wei­le je­der güns­tig auf der Chai­se­longue lie­gend be­stel­len.

Da­mit geht ein­her, dass sich prak­tisch je­der Mensch im rei­chen, in­dus­tri­ell ent­wi­ckel­ten Wes­ten als Aus­beu­ter von na­tür­li­chen Res­sour­cen und we­ni­ger Pri­vi­le­gier­ten be­tä­ti­gen kann – aber das ist ein ganz an­de­res The­ma.

Ent­sch­ei­dend ist: Aus­rei­chend Be­we­gung, sel­ber frisch und aus­ge­wo­gen ko­chen, Din­ge des all­täg­li­chen Be­darfs sel­ber her­stel­len – all das sind jetzt eher be­wuss­te Ent­sch­ei­dun­gen, kei­ne Not­wen­dig­kei­ten mehr. Be­quem­lich­keit über­win­den oder die­se Ent­sch­ei­dun­gen im All­tags­rau­schen her­bei­zu­füh­ren, die Si­gna­le des Kör­pers wahr­zu­neh­men und zu ver­ste­hen, kann eine ech­te Her­aus­for­de­rung sein.

Mir ist die­se Her­aus­for­de­rung jah­re­lang nicht be­son­ders gut ge­lun­gen. Ich pfleg­te ein­fach den Le­bens­stil wei­ter, den ich mir mit An­fang 20 als Schrei­ner­lehr­ling zu­ge­legt hat­te: Fer­tig­es­sen und Bier als Grund­nah­rungs­mit­tel und nach Fei­er­abend reg­los das gol­de­ne Zeit­al­ter des Fern­se­hens ge­nie­ßen – nur dass ich tags­über nicht mehr zent­ner­wei­se Holz und Mö­bel durch die Ge­gend wuch­te­te, son­dern den Tag am Schreib­tisch saß. Ko­chen mit fri­schen Zu­ta­ten und da­mit eine an­satz­wei­se aus­ge­wo­ge­ne Er­näh­rung fing ich erst wie­der an, als ich mei­ne Frau ken­nen­lern­te. Auf mei­ne Be­we­gung ach­te­te ich erst wie­der, als mein Te­le­fon 2013 an­fing, mei­ne Schrit­te zu zäh­len und mir mei­ne Man­gel­be­we­gung quan­ti­fi­zier­te.

Seit Jahr­hun­der­ten re­den uns Wer­ber und Mis­sio­na­re ein, dass der Geist wil­lig, aber das Fleisch schwach sei. Ganz falsch lie­gen sie da­mit nicht. Mo­der­ni­si­ert könn­te man viel­leicht sa­gen: Der Geist glaubt, Wer­bung funk­tio­niert nicht – das Fleisch kauft dann trotz­dem Über­ra­schungs­ei­er. Dass Geist und Fleisch viel­leicht auch ein­fach ein Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­blem mit­ein­an­der ha­ben, ging mir kürz­lich auf Twit­ter auf. Die Wer­ber für ei­nen Her­stel­ler von Fit­ness­gad­gets frag­ten mich dort: „Wenn dein Kör­per spre­chen könn­te, was wür­de er dir sa­gen?“ Die stei­le Wer­be­the­se, dass ein Kör­per nicht spre­chen kann, ist na­tür­lich Quatsch – dass er ei­nen so­gar an­schrei­en kann, er­kennt man, wenn man sich zum Bei­spiel mal von ei­nem Pferd auf den Fuß tre­ten lässt.

Aber dass sub­ti­le­re Sta­tus­up­dates, die un­ser Kör­per aus Aber­mil­lio­nen kör­per­ei­ge­nen Sen­sor­da­ten, Re­zep­to­ren und Ner­ven­bah­nen kom­pi­liert, nicht im­mer an­kom­men, über­hört oder falsch ver­stan­den wer­den – da ist wohl was dran. Ich kann da­her auch nichts Schlech­tes dar­an fin­den, wenn elek­tro­ni­sche Hel­fer mit ex­ter­nen Kör­per­sen­so­ren den Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­ble­men zwi­schen Geist und Fleisch auf die Sprün­ge hel­fen. Denn das be­haup­ten die Wer­ber und Her­stel­ler nicht nur, son­dern das deckt sich mit mei­nen Er­fah­run­gen.

Ich ver­traue mei­nem Te­le­fon und mei­ner Arm­band­uhr, so wie ich un­se­rem Hund ver­traue. Sie sind Hel­fer, die mich we­cken, dar­an er­in­nern und mo­ti­vie­ren, auf­zu­ste­hen, raus­zu­ge­hen, sie ach­ten auf mich – und auch wenn sie mich de fac­to stän­dig über­wa­chen, habe ich das Ge­fühl, dass in die­sen sym­bio­ti­schen Be­zie­hun­gen die Vor­tei­le über­wie­gen.

Tat­säch­lich habe ich ge­ra­de die stei­le The­se auf­ge­stellt, dass wir mit un­se­ren elek­tro­ni­schen und ver­netz­ten Hel­fern in ei­ner sym­bio­ti­schen Be­zie­hung ste­hen. Ich glau­be, es ist an der Zeit, uns das ein­zu­ge­ste­hen. Ein­zu­ge­ste­hen, dass wir be­reits in Sym­bio­se mit Tech­no­lo­gie le­ben, aber vor al­lem die Vor­tei­le da­von zu er­ken­nen und die­se klug und um­sich­tig zu un­se­rem Nut­zen wei­ter­zu­ent­wi­ckeln.


Fan­ta­sie statt Head­set (t3n 67)

felix schwenzel in t3n

Man­che Tech­no­lo­gien schlum­mern sehr lan­ge, bis sie Main­stream wer­den. Gin­ge es nach den Mar­ke­ting­ab­tei­lun­gen gro­ßer Te­le­kom­un­ter­neh­men, wäre Vi­deo­te­le­fo­nie schon zu Zei­ten von ISDN der hei­ße Scheiß ge­we­sen. Tat­säch­lich hat sich aber bis zur Pan­de­mie kaum je­mand ernst­haft da­für in­ter­es­si­ert. Eben­so sind auch in Echt­zeit ge­r­en­der­te drei­di­men­sio­na­le Vi­sua­li­sie­run­gen – VR oder Vir­tu­al Rea­li­ty – jahr­zehn­te­lang kaum aus ih­rer Ni­sche ge­kom­men. In be­stimm­ten Spe­zi­al­ge­bie­ten oder tech­ni­schen An­wen­dun­gen wie Ar­chi­tek­tur­vi­sua­li­sie­rung, bei der Spe­zi­al­ef­fek­te-Pro­duk­ti­on für die Film­in­dus­trie oder bei Com­pu­ter­spie­len hat VR in den letz­ten 30 oder 40 Jah­ren be­ein­dru­cken­de Fort­schrit­te ge­macht. Aber au­ßer­halb die­ser Ni­schen sind die meis­ten Men­schen wei­ter­hin mit fla­chen oder leicht ge­krümm­ten Bild­schir­men ganz zu­frie­den und kön­nen auch ohne VR-Head­set in die Welt von Can­dy Crush oder vir­tu­el­len Ge­mein­schaf­ten ein­tau­chen. Es gibt so­gar Men­schen, die sich ganz ohne Com­pu­ter­un­ter­stüt­zung in aus­ge­dach­ten, vir­tu­el­len Wel­ten ver­lie­ren kön­nen — in­dem sie ein Buch auf­schla­gen oder den Fern­se­her ein­schal­ten.

Die Ob­ses­si­on der Un­ter­hal­tungs­in­dus­trie, dem Pu­bli­kum ihre Pro­duk­te drei­di­men­sio­nal zu prä­sen­tie­ren, ist le­gen­där und seit min­des­tens 60 Jah­ren im­mer wie­der am mas­si­vem Des­in­ter­es­se der Ziel­grup­pe ge­sch­ei­tert. Mir fällt nur ein er­folg­rei­ches Bei­spiel der Trans­for­ma­ti­on von Fan­ta­sie­wel­ten in eine drei­di­men­sio­na­le, vir­tu­el­le Welt ein: Dis­ney­land. Eine per­fek­te, vir­tu­el­le Welt, die ohne 3D-Bril­le oder VR-Head­set er­fahr­bar ist und seit fast 70 Jah­ren funk­tio­niert.

Die drei­di­men­sio­na­le Prä­sen­ta­ti­on von Film- oder Fern­seh­pro­duk­tio­nen hat bis­her nicht so gut funk­tio­niert. Zäh­ne­knir­schend er­kennt die Un­ter­hal­tungs­in­dus­trie, dass in der Pan­de­mie au­ßer ein paar Nerds kaum je­mand IMAX-3D-Ki­nos ver­misst und die meis­ten Men­schen ganz zu­frie­den sind, wenn sie Fil­me zu Hau­se ge­nie­ßen — ohne Arm­leh­nen­kämp­fe oder knis­tern­de Sitz­nach­barn. Plötz­lich brö­ckelt so­gar das ex­klu­si­ve Ver­mark­tungs­fens­ter der Ki­nos, und selbst Block­bus­ter sind am Start­tag auch le­gal zu Hau­se her­un­ter­lad­bar. Trotz­dem wol­len jetzt auch Si­li­con-Val­ley-Fir­men ei­nen An­lauf wa­gen, um ihre Pro­duk­te – sprich: Wer­bung, Markt­plät­ze – drei­di­men­sio­nal zu prä­sen­tie­ren. Al­len vor­an Face­book/Meta/Ocu­lus mit wahr­schein­lich sehr ho­hen In­ves­ti­tio­nen und ei­ner Neu­aus­rich­tung der Fir­ma aufs Wel­ten­bau­en. Ich habe mir für die­se Ko­lum­ne die Prä­sen­ta­ti­on von Me­tas Vor­stel­lun­gen die­ses Me­ta­ver­sums an­ge­schaut und fühl­te mich an die dunk­le Zeit des In­ter­nets er­in­nert, in der man auf vie­len Web­sites von ei­ner Tech­no­lo­gie aus der Höl­le emp­fan­gen wur­de: Flash.

Flash war mal dazu ge­dacht, Ani­ma­ti­on ins In­ter­net zu brin­gen. Ge­nutzt wur­de es, um Be­nut­zer mit selbst aus­ge­dach­ten, un­prak­ti­schen Be­dien-Schnitt­stel­len, gräss­li­chen Ani­ma­tio­nen oder Mu­sik­be­schal­lung in den Wahn­sinn zu trei­ben. „Flash-Web­sites“ wa­ren nicht nur um­ständ­lich zu be­die­nen und ver­ur­sach­ten Au­gen- und Oh­ren­krebs, sie wa­ren auch nicht rich­tig ver­link- und such­ma­schi­nen­in­de­xier­bar. Sie ent­spra­chen eher dem nar­ziss­ti­schen Geist der CD-ROM statt des In­ter­nets.

Mark Zu­cker­berg geht of­fen­bar – wie da­mals vie­le Flash-De­si­gner – da­von aus, dass das In­ter­net mit ei­ner pseu­do-plas­ti­schen Be­dien­ober­flä­che bes­ser wer­den kön­ne. Er er­weckt den Ein­druck, dass man die Pro­ble­me so­zia­ler Netz­wer­ke in 3D bes­ser lö­sen wol­le und kön­ne als in den be­ste­hen­den fla­chen Netz­wer­ken.

Als Zu­cker­berg in sei­ner Prä­sen­ta­ti­on be­haup­te­te, dass man im Me­ta­ver­se ein ein­zig­ar­ti­ges Ge­fühl von Prä­senz er­le­ben kön­ne – „Man be­kommt den Ein­druck, man sei wirk­lich mit an­de­ren Men­schen dort“ – frag­te ich mich: Ist das nicht ge­nau das, was das In­ter­net seit je­her aus­macht? Dass es Nähe und Prä­senz ver­mit­telt, Men­schen über die Di­stanz ver­bin­det und in frem­de Wel­ten ein­tau­chen lässt?

Ich glau­be, das Me­ta­ver­sum ist schon lan­ge da – plas­tisch und im­mersiv: „Als sei man mit an­de­ren Men­schen dort.“ So ins Netz ein­zu­tau­chen, ge­lingt den meis­ten Men­schen ganz ohne Head­sets, 3D-Bril­len oder Da­ten­hand­schu­he, nur mit ein biss­chen Fan­ta­sie.

Oder an­ders ge­sagt: Ich glau­be, es wird ver­dammt schwer, den Main­stream zum Tra­gen von VR-Head­sets zu be­we­gen, um Zu­gang zu Zu­cker­bergs Meta-Dis­ney­land zu er­lan­gen.


Reis­ko­cher hel­fen nicht beim Kli­ma­wan­del (t3n 66)

felix schwenzel in t3n

Ich ver­su­che aus­ge­spro­chen ger­ne mei­ne Pro­ble­me mit Tech­no­lo­gie zu lö­sen. Reis­ko­chen zum Bei­spiel. Im Koch­topf ist mir das nie zu­ver­läs­sig ge­lun­gen. Mal wur­de der Reis pam­pig, mal brann­te er an. Im Reis­ko­cher klappt’s im­mer. Un­ser Reis­ko­cher ist ex­trem bil­lig und low-tech, aber un­fass­bar klug ge­baut. Egal wie viel oder wie we­nig Reis und Was­ser im Topf sind: So­bald das Was­ser ver­kocht ist, springt der Reis­ko­cher in den Warm­hal­te­mo­dus, weil der Me­tall-Nüp­sel in der Mit­te des Reis­ko­chers bei Tem­pe­ra­tu­ren über 100 Grad sei­ne ma­gne­ti­schen Ei­gen­schaf­ten ver­liert und vom Koch­mo­dus in den Warm­hal­te­mo­dus klackt.

Trotz mei­ner un­bän­di­gen Tech­no­lo­gie­be­geis­te­rung bin ich si­cher, dass we­der Tech­no­lo­gie noch un­se­re in­di­vi­du­el­len Kon­sum­entsch­ei­dun­gen al­lein die Pro­ble­me der Welt lö­sen oder ge­gen den Kli­ma­wan­del hel­fen.

Das Nar­ra­tiv, dass in­di­vi­du­el­les Ver­hal­ten oder tech­no­lo­gi­sche Lö­sun­gen ent­sch­ei­dend bei der Lö­sung der Pro­ble­me der Welt sind, ist al­ler­dings be­liebt und weit ver­brei­tet – auch dank un­er­müd­li­cher Lob­by- und Öf­fent­lich­keits­ar­beit der In­dus­trie. Die Au­to­in­dus­trie war bei die­ser Art der PR erst­mals vor 100 Jah­ren ein Vor­rei­ter, um ei­ner­seits Re­gu­lie­rung ab­zu­wen­den und sich an­de­rer­seits aus der Ver­ant­wor­tung für Ver­kehrs­to­te her­aus­zu­win­den.

Das Kon­ter-Nar­ra­tiv der PR- und Lob­by-Ma­schi­ne der Au­to­in­dus­trie lau­te­te: Nicht Au­tos tö­ten, son­dern un­vor­sich­ti­ge Fuß­gän­ger sei­en für die sprung­haft ge­stie­ge­nen Ver­kehrs­to­ten ver­ant­wort­lich. Statt per Ge­setz den Au­to­ver­kehr ein­zu­schrän­ken, wur­den zum Bei­spiel über­all in Ame­ri­ka Ge­set­ze ver­ab­schie­det, die es ver­bo­ten, Stra­ßen zu über­que­ren – au­ßer an Fuß­gän­ger­über­we­gen.

Das Nar­ra­tiv wirkt bis heu­te. Statt zum Bei­spiel eine si­che­re Fahr­rad­weg-In­fra­struk­tur auf­zu­bau­en, ver­an­stal­tet das deut­sche Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um Blend­feu­er­wer­ke, in de­nen die Nut­zung von Sturz­hel­men zur Er­hö­hung der Fahr­rad-Si­cher­heit pro­pa­giert wird. So als ob es nicht Au­tos oder LKW sei­en, die Fahr­rad­fah­rer tö­ten, son­dern de­ren Un­acht­sam­keit oder ein feh­len­der Helm.

Der durch­schla­gen­de Er­folg die­ser PR-Stra­te­gie wur­de von an­de­ren In­dus­trie­zwei­gen ko­piert: Die Waf­fen­in­dus­trie trom­pe­tet bis heu­te die Er­zäh­lung in die Welt, dass nicht etwa Waf­fen tö­ten, son­dern Men­schen. Auch die Kunst­stoff­in­dus­trie – ein Zweig der Öl­in­dus­trie – kann seit Jahr­zehn­ten un­ge­bremst die Kunst­stoff­pro­duk­ti­on stei­gern, weil sie es schaff­te, das Müll­pro­blem als ein Pro­blem von un­ver­ant­wort­li­chen In­di­vi­du­en dar­zu­stel­len, die ih­ren Plas­tik­müll ein­fach in die Land­schaft wer­fen. Als die­se Er­zäh­lung nicht mehr griff, wur­de uns er­zählt, dass eine ma­gi­sche Tech­no­lo­gie na­mens „Re­cy­cling“ die Lö­sung ge­gen Plas­tik­müll­ber­ge sei. Auch hier wa­ren dann wie­der Ein­zel­ne, die den Müll nicht or­dent­lich trenn­ten oder ihre Jo­ghurt-Be­cher nicht sau­ber spül­ten, schuld, dass die Re­cy­cling-Milch­mäd­chen­rech­nung nicht auf­ging.

Lang­sam dreht sich al­ler­dings der Wind. In der Öf­fent­lich­keit reift die Er­kennt­nis, dass nicht bes­se­re Helm­tech­no­lo­gie das Fahr­rad­fah­ren si­che­rer macht, son­dern dass da­für der Au­to­ver­kehr zu­rück­ge­drängt oder ein­ge­hegt wer­den muss.

So­wohl beim Plas­tik­pro­blem als auch der Kli­ma­kri­se mer­ken im­mer mehr Men­schen, dass tech­no­lo­gi­sche Heils­ver­spre­chen oder in­di­vi­du­el­le Kon­sum­entsch­ei­dun­gen al­lein nicht hel­fen, son­dern nur ent­schlos­se­ne po­li­ti­sche Ent­sch­ei­dun­gen – und grund­le­gen­de ge­sell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen.

Tech­no­lo­gie hat uns jahr­hun­der­te­lang das Le­ben be­que­mer und si­che­rer ge­macht – und das Reis­ko­chen er­leich­tert – aber auch vie­le der Pro­ble­me, die wir jetzt ha­ben, über­haupt erst be­schert. So sehr ich an der Hoff­nung fest­hal­ten möch­te, dass Tech­no­lo­gie bei der Lö­sung mei­ner und der Pro­ble­me der Welt hel­fen könn­te, so si­cher bin ich auch, dass Tech­no­lo­gie al­lei­ne nicht hel­fen wird. Wich­ti­ger dürf­te sein, dass wir uns stär­ker po­li­ti­sie­ren, nicht mehr von den PR-Nar­ra­ti­ven der In­dus­trie aus dem Tritt brin­gen las­sen und die Heils­ver­spre­chen der Tech­no­lo­gie skep­ti­scher be­trach­ten.

An­ders ge­sagt, frei nach Ken­ne­dy: „Fra­ge nicht, was du oder Tech­no­lo­gie ge­gen den Kli­ma­wan­del tun kön­nen, son­dern was dein Land ge­gen den Kli­ma­wan­del tun kann.“


Der Weg durchs Pro­blem ist das Ziel (t3n 65)

felix schwenzel in t3n

Ich war die ers­ten zehn Jah­re mei­ner Schul­lauf­bahn ein schlech­ter Schü­ler. Mög­li­cher­wei­se weil ich nie ein­ge­se­hen habe, was es brin­gen soll Re­geln, Vo­ka­beln oder his­to­ri­sche Jah­res­zah­len aus­wen­dig zu ler­nen. Ich war of­fen­bar schon als Schü­ler der Mei­nung, dass Lern­erfol­ge sich von ganz al­lei­ne ein­stel­len. Was wich­tig ist er­gibt sich von selbst, Re­geln er­schlies­sen sich durch Be­ob­ach­tung, Vo­ka­beln er­ge­ben sich aus dem Zu­sam­men­hang.

Im Prin­zip lag ich, glau­be ich heu­te, mit die­ser Ein­schät­zung nicht ganz falsch. In den ers­ten zehn Jah­ren Schu­le fehl­ten mir al­ler­dings die rich­ti­gen Werk­zeu­ge und der An­trieb um au­to­nom zu ler­nen. Ich hör­te zwar über­all, dass ich nicht für die Schu­le oder die No­ten lern­te, die Schu­le fühl­te sich aber trotz­dem wie ein bü­ro­kra­ti­scher Selbst­zweck und nicht wie ein Tür­öff­ner in un­be­kann­te Wel­ten an. Um mei­ne Neu­gier auf die Welt zu we­cken, stan­den mir in der Rück­schau vie­le mei­ner Leh­rer eher im Weg, als mir zu hel­fen.

Neu­gier we­cken ist we­der bei Her­an­wach­sen­den noch aus­ge­wach­se­nen Men­schen ein­fach. Bei mir hat es erst Klick ge­macht, als ich für ein Jahr auf eine ame­ri­ka­ni­sche High­school ge­wech­selt bin. Dort be­kam ich Auf­ga­ben ge­stellt, die ich so aus Deutsch­land nicht kann­te: su­che dir ein The­ma das dich in­ter­es­siert und schrei­be eine Se­mes­ter­ar­beit dar­über. Ar­bei­te dich in ein The­ma so gut ein, dass du mit je­man­dem mit ei­nem an­de­ren Stand­punkt öf­fent­lich de­bat­tie­ren kannst.

Was mir half war mich nicht ein­fach zum Ler­nen an­zu­hal­ten, son­dern mei­ne Neu­gier und mei­ne Ei­gen­in­itia­ti­ve zu we­cken. Vor kom­ple­xen Auf­ga­ben zu ste­hen und selb­stän­dig lö­sen zu kön­nen be­frie­dig­te mich plötz­lich. Zum ers­ten mal in mei­nem Le­ben woll­te ich frei­wil­lig vor Pro­ble­men ste­hen, um ein Ziel zu er­rei­chen — und nicht weil es je­mand von mir ver­lang­te.

An­ders ge­sagt, ich lern­te dass Auf­ga­ben oder Pro­ble­me die sich vor ei­nem auf­tür­men um ge­löst zu wer­den, als et­was po­si­ti­ves zu se­hen. Auf­ga­ben und Pro­ble­me die sich ei­nem stel­len sind kei­ne Schi­ka­ne, son­dern Wege zu mehr Wis­sen und Kom­pe­tenz.

Neu­gier hilft bei der Kon­fron­ta­ti­on mit Pro­ble­men. Sie drängt ei­nen zu ei­ner Art Pro­blem-Af­fi­ni­tät, zum Ab­ar­bei­ten von Pro­ble­men, weil das Ab­ar­bei­ten an Pro­ble­men be­frie­digt und Wis­sen ak­ku­mu­liert. Mei­ne Schwie­ger­mut­ter hat sich kürz­lich (wahr­schein­lich nicht zum ers­ten mal) ein 5000 Sei­ten di­ckes Su­do­ku-Rät­sel­buch ge­kauft. In den letz­ten Mo­na­ten hat sie es zur Hälf­te durch­ge­ar­bei­tet. Ich gehe fest da­von aus, dass sie das Rät­sel-, bzw. das mi­kro­dosier­te Pro­blem­lö­sen, tief be­frie­digt, ob­wohl hin­ter je­den Pro­blem, hin­ter je­dem Rät­sel, ein neu­es war­tet. So wie im ech­ten Le­ben hin­ter je­dem ge­lös­ten Pro­blem ein Hau­fen neu­er Pro­ble­me war­tet.

Ich bin jetzt nicht mehr der jüngs­te und hat­te Zeit zu be­ob­ach­ten dass es ne­ben dem Tod eine wei­te­re tod­si­cher Kon­stan­te gibt: Auf­ga­ben und Pro­ble­me tür­men sich das gan­ze Le­ben lang vor ei­nem auf — egal was man tut — sie sind un­aus­weich­lich. Sich da­von we­der die gute Lau­ne, noch die Neu­gier auf das was hin­ter den Pro­ble­men liegt (Spoi­ler: noch mehr Pro­ble­me) ver­der­ben zu las­sen hilft min­des­tens ge­gen Still­stand, Grum­pi­ness und al­ters­be­ding­te Starr­köp­fig­keit.

Das hört sich wie eine selbst für mei­ne Ver­hält­nis­se sehr stei­le The­se an, aber ich glau­be tat­säch­lich, dass Neu­gier ge­gen Ober­che­cker­tum hilft. Oder um­ge­kehrt, dass ver­dör­ren­de Neu­gier, der Irr­glau­be man habe aus­ge­lernt, mit ein Grund da­für sind dass Boo­mer so ver­hasst sind — oder dass vie­le Men­schen gar nicht wis­sen was Boo­mer sind.

Be­ru­hi­gend fin­de ich auch die Er­kennt­nis, dass es kaum ein Pro­blem gibt, das nicht schon mal ge­habt wor­den ist. Je mehr man liest, je mehr man sieht, je mehr man neu­gie­rig, mit of­fe­nen Au­gen durch die Welt geht, des­to deut­li­cher wird, dass die ei­ge­nen Pro­ble­me we­nig ex­klu­siv sind. Von Pro­ble­men (und Lö­sun­gen) An­de­rer zu ler­nen, hilft die Ein­stel­lung zu den ei­ge­nen Pro­ble­men zu jus­tie­ren und den ei­ge­nen Wis­sens­stand zu re­la­ti­vie­ren.

Viel­leicht ist das das ein­zi­ge was wir im Le­ben wirk­lich ler­nen müs­sen: sich auf­tür­men­de Auf­ga­ben und Pro­ble­me als Freu­den­spen­der an­se­hen zu kön­nen. Un­ter­wegs, beim Pro­blem­lö­sen, op­ti­ma­ler­wei­se ge­trie­ben von op­ti­mis­ti­scher Neu­gier­de, lernt man al­les an­de­re. Der Weg durchs Pro­blem ist das Ziel.


die­se ko­lum­ne ist im au­gust 2021 in der t3n 65 und auf t3n.de er­schie­nen.


Al­les ist mög­lich, wenn man es macht (t3n 64)

felix schwenzel in t3n

Vor un­ge­fähr 25 Jah­ren, als ich das In­ter­net für mich ent­deck­te, gab es kein Face­book oder Twit­ter, Goog­le war noch ganz jung. Auf ei­nem Ser­ver der Stan­ford-Uni­ver­si­tät lag aber schon eine Web­site, die „Jer­ry and Da­vid’s Gui­de to the World Wide Web“ hieß und sich ein paar Jah­re spä­ter in Ya­hoo um­be­nen­nen wür­de.

Das In­ter­net war so de­zen­tral, wie es nur sein konn­te, und des­halb auch un­durch­sich­tig. Dar­um be­müh­ten sich Men­schen wie Jer­ry Yang und Da­vid Filo, Weg­wei­ser für die­se un­über­sicht­li­che Welt zu bau­en.

Nach wie vor wol­len sehr vie­le Men­schen – und Fir­men – Weg­wei­ser durch die ver­netz­te Welt sein oder auch bau­en. Auch wenn die gro­ßen Platt­for­men zu­neh­mend wie schwar­ze Lö­cher wir­ken und ver­su­chen, Be­su­cher in ih­ren ei­ge­nen, ge­schlos­se­nen Sys­te­men ein­zu­he­gen, er­schlie­ßen und ver­knüp­fen sie wei­ter­hin die de­zen­tra­len Wei­ten des In­ter­nets.

Was sich ver­än­dert hat, ist die Zu­gäng­lich­keit. Platt­for­men ha­ben die Zu­gangs­schwel­len zum ehe­mals eher eli­tä­ren, tech­nisch an­spruchs­vol­len Netz ge­senkt. Um sich am In­ter­net zu be­tei­li­gen, be­nö­tigt man heu­te nicht mehr viel tech­ni­sches Wis­sen.

Der Preis für die­se Be­quem­lich­keit, die nied­rig­schwel­li­ge Zu­gäng­lich­keit und hohe Ver­net­zungs­dich­te der kom­mer­zi­el­len Platt­for­men ist ein ge­wis­ser Ver­lust an Kon­trol­le. Wer ein Ge­fühl der Kon­trol­le be­hal­ten möch­te, kann im In­ter­net nach wie vor al­les selbst ma­chen. Ein­fach ir­gend­wo Ser­ver­ka­pa­zi­tät mie­ten und eine Web­site ins Netz stel­len.

Ich habe lan­ge ei­nen er­heb­li­chen Teil mei­ner Zeit in mei­ne selbst­ver­wal­te­te Web­site ge­steckt, die ich auch als Trä­ger mei­ner On­line-Iden­ti­tät an­sah. Ich woll­te mein di­gi­ta­les Ich nicht al­lein kom­mer­zi­el­len Platt­for­men über­las­sen. Werk­zeu­ge, um mei­ne On­line-Ak­ti­vi­tä­ten in mei­nem Blog zu spie­geln und zu ar­chi­vie­ren, Kom­men­ta­re, Li­kes und Favs, In­sta­gram- und Face­book-Posts ins Blog zu zie­hen, fand ich zu­hauf im Netz. Be­son­ders er­gie­big und fas­zi­nie­rend sind die Werk­zeu­ge, die ein Kreis von ähn­lich Den­ken­den un­ter dem Dach des In­die­web baut, sam­melt und nutzt. Die Idee da­hin­ter ist nicht nur, ein Netz von un­ab­hän­gi­gen und de­zen­tra­len per­sön­li­chen Web­sites zu schaf­fen und (so­zi­al) zu ver­bin­den. Es geht auch dar­um, die gro­ßen, kom­mer­zi­el­len Platt­for­men in die­ses un­ab­hän­gi­ge Netz funk­tio­nal zu in­te­grie­ren.

Aber man muss im In­die­web eben fast al­les sel­ber ma­chen und ver­ste­hen – und dazu reich­lich Zeit in­ves­tie­ren. Und die Zeit ist ein Pro­blem beim Sel­ber­ma­chen. Seit wir ei­nen Hund ha­ben und dank Co­ro­na mehr oder we­ni­ger im­mer zu Hau­se sind, habe ich schlag­ar­tig das In­ter­es­se am Blog­gen und an de­zen­tra­len (und zen­tra­len) so­zia­len Netz­wer­ken ver­lo­ren. Ab­ge­se­hen von ge­le­gent­li­chen Hun­de­fo­tos auf In­sta­gram ma­che ich on­line kaum noch et­was selbst.

Grund­sätz­lich ma­che ich na­tür­lich wei­ter­hin vie­les selbst. Ir­gend­was gibt’s in der Woh­nung im­mer zu op­ti­mie­ren, ich ko­che je­den Tag und über­le­ge, ob ich noch mal die hy­dro­po­ni­sche Ba­si­li­kum-Auf­zucht mit Wachs­tums­lam­pen in der Spei­se­kam­mer an­ge­hen soll.

Ver­mut­lich geht das vie­len Men­schen ähn­lich: Sel­ber­ma­chen macht Spaß und be­frie­digt – aber al­les sel­ber zu ma­chen, über­zieht schnell das Le­bens­zeit­kon­to. Bei mir wur­de das In­ter­es­se, am Auf­bau von de­zen­tra­len so­zia­len Netz­wer­ken mit­zu­wir­ken, vom Nest­bau, der Woh­nungs­au­to­ma­ti­sie­rung und Be­schäf­ti­gung mit dem Hund ab­ge­löst. Je­mand, der Fil­me dreht und schnei­det, will sich eher nicht auch selbst um das Hos­ting von Vi­deo­da­tei­en küm­mern. Wer sich on­line ger­ne strei­tet, sucht wahr­schein­lich nicht in den Ni­schen und de­zen­tra­len Al­ter­na­tiv­netz­wer­ken nach Mit­strei­tern, son­dern da, wo oh­ne­hin schon alle sind: auf den gro­ßen Platt­for­men.

Wenn ich aber die Au­gen zu­sam­men­knei­fe und mei­nen Ab­stand zu so­zia­len Netz­wer­ken we­gen In­ter­es­sens­ver­rü­ckun­gen et­was er­hö­he, fühlt sich das In­ter­net im­mer noch an wie vor 25 Jah­ren. Un­über­sicht­lich, vol­ler bun­ter Ni­schen und bis zum Rand mit Po­ten­zi­al ge­füllt.

Oder um das In­ter­net und die gro­ßen Platt­for­men mal mit dem Uni­ver­sum und dem gan­zen Rest zu ver­glei­chen: Mit Ab­stand er­kennt man, dass schwar­ze Lö­cher zwar rie­sig und sehr at­trak­tiv sind, aber auch, dass das Uni­ver­sum aus viel mehr als schwar­zen Lö­chern be­steht. Al­les ist mög­lich, wenn man es macht – oder wenn’s pas­siert. Ich freue mich je­den­falls auf die nächs­ten 25 Jah­re In­ter­net.


Mus­ter im Mist (t3n 63)

felix schwenzel in t3n

Ich glau­be mitt­ler­wei­le, dass es so et­was wie Ta­lent gar nicht gibt. Oder po­si­tiv for­mu­liert: Ta­lent kann man sich er­ar­bei­ten – wenn man denn will. Der Wil­le ist das Ent­sch­ei­den­de. Ge­nau­so dürf­te es sich mit der Krea­ti­vi­tät ver­hal­ten. Je­mand, der dar­über klagt, nicht krea­tiv zu sein, klagt ei­gent­lich dar­über, sei­nen Geist nicht mehr ziel­los um­her­ir­ren las­sen zu kön­nen. Ziel­lo­sig­keit, ein Ver­hal­ten, das nichts di­rekt er­rei­chen will, das ei­gent­lich über­flüs­sig ist, nennt man auch Spiel.

Die Fä­hig­keit, zu spie­len, ha­ben wir alle mal be­ses­sen. Je­der Mensch war als Kind vol­ler Krea­ti­vi­tät (oder wie man bei jün­ge­ren Men­schen sagt: Fan­ta­sie). Im Lau­fe des Le­bens kon­zen­trie­ren Men­schen sich mehr und mehr auf die nütz­li­che­ren Din­ge, for­mu­lie­ren Zie­le oder – auch sehr be­liebt – ar­bei­ten am Auf­bau ih­rer Exis­tenz­ängs­te. Ängs­te oder (ge­fühl­te) Man­gel­zu­stän­de hem­men die Spiel­be­reit­schaft und stär­ken die Ziel­stre­big­keit.

In mei­ner vor­letz­ten Ko­lum­ne schrieb ich:

„Spiel hilft uns nicht nur, die Welt zu er­fah­ren und bes­ser zu ver­ste­hen, durch Spiel, zweckent­bun­de­nes, also ziel­lo­ses Ver­hal­ten, schaf­fen wir im bes­ten Fall auch Neu­es.“

Aber ganz so ein­fach ist es mit der Krea­ti­vi­tät na­tür­lich auch nicht. Spiel­be­reit­schaft, die Be­reit­schaft zum ziel­lo­sen (geis­ti­gen) Um­her­wan­dern, ist nicht al­les. Krea­ti­vi­tät ist har­te Ar­beit, auch wenn das von au­ßen nicht im­mer so aus­sieht.

Mein Ver­ständ­nis von Krea­ti­vi­tät sieht kurz ge­fasst so aus:

Ein­ga­be – Ver­ar­bei­tung – Mus­ter­er­ken­nung – Aus­ar­bei­tung – Aus­ga­be

Ein­ga­be und Ver­ar­bei­tung kom­men dem klas­si­schen Spiel nahe. Um krea­tiv zu sein, muss man erst mal un­zäh­li­ge Ein­drü­cke und Bil­der sam­meln. Mit die­sen Ein­drü­cken kann man spie­len, sie neu kom­bi­nie­ren und sie zu ver­ste­hen ver­su­chen. Als Kin­der lau­fen wir mit of­fe­nen Au­gen durch die Welt, neh­men al­les in uns auf, spie­len das Ge­se­he­ne nach, ver­dau­en, va­ri­ie­ren, kom­bi­nie­ren und se­zie­ren al­les im­mer wie­der neu – und ler­nen so, nach und nach die Welt zu ver­ste­hen.

Im Er­wach­se­nen­al­ter ha­pert es schon bei der Ein­ga­be ge­le­gent­lich. Wir fil­tern das ver­meint­lich Nutz­lo­se, blen­den Ein­drü­cke aus, knei­fen die Au­gen zu­sam­men. Se­hen muss man im­mer wie­der neu ler­nen und op­ti­mie­ren. Ma­ler se­hen nicht nur Mus­ter, wenn sie sich ei­nen Son­nen­un­ter­gang an­se­hen, son­dern auch Farb­flä­chen. Ar­chi­tek­ten se­hen Li­ni­en, wo gar kei­ne sind. Je­mand mit ei­nem Ham­mer in der Hand sieht über­all Nä­gel.

Se­hen al­lei­ne reicht für die Ein­ga­be na­tür­lich nicht aus; das Ge­se­he­ne muss ver­ar­bei­tet wer­den. Vie­le spre­chen in die­sem Zu­sam­men­hang auch vom le­bens­lan­gen Ler­nen. Kei­ne Er­fin­dung ist aus dem Nichts ent­stan­den, Neu­es ent­steht im­mer auf den Schul­tern, den Vor­ar­bei­ten an­de­rer. Zu se­hen, zu ver­ste­hen, neu­gie­rig auf das sein, was an­de­re ma­chen, ohne Ende zu ler­nen – das schafft ei­nen Strom an Ein­drü­cken, den wir dann ver­dau­en, ver­ar­bei­ten, be­brü­ten und neu zu­sam­men­set­zen kön­nen.

Da­bei kommt, wie im­mer bei Ver­dau­ungs­vor­gän­gen, viel Mist her­aus. Auch hier ist eine gut trai­nier­te Mus­ter­er­ken­nung hilf­reich, um die Gold­adern im Mist zu ent­de­cken.

Mus­ter im Cha­os, im Mist zu er­ken­nen, ist das Aha-Er­leb­nis der Krea­ti­vi­tät. Nach­dem man Bil­der und Mus­ter in sich auf­ge­nom­men hat, die an­kom­men­den Da­ten ver­ar­bei­tet, da­mit ge­spielt, sie zer­schnit­ten und neu zu­sam­men­ge­setzt hat, kommt am Ende eine mick­ri­ge Idee raus. Die Ideen, die am Ende des Pro­zes­ses her­aus­trop­fen, sind das eine Pro­zent, das Tho­mas Alva Edi­son mein­te, als er sag­te, dass „Krea­ti­vi­tät zu ei­nem Pro­zent In­spi­ra­ti­on und zu 99 Pro­zent Tran­spi­ra­ti­on“ sei. Die rest­li­chen 99 Pro­zent sind die Aus­ar­bei­tung und die Prü­fung der Ideen – ob sie viel­leicht doch Mist sind oder zu glän­zen ver­mö­gen.

Krea­ti­ve Ar­beit be­inhal­tet vie­le ver­meint­lich nutz­lo­se Tä­tig­kei­ten. Sie er­for­dert Zeit, le­bens­lan­ges Ler­nen, end­lo­se In­for­ma­ti­ons­auf­nah­me und Mus­ter­er­ken­nung – und ist nicht im­mer von Er­folg ge­krönt. Vor al­lem gibt es kei­ne Pa­tent­re­zep­te für Krea­ti­vi­tät – au­ßer viel­leicht, dass es ein An­fang sein kann, auch das Nutz­lo­se als ziel­füh­rend an­zu­se­hen, den Spaß am Spiel neu zu ent­de­cken und eine un­bän­di­ge Neu­gier auf die Welt zu ent­wi­ckeln. Freu­de am Schei­tern, oder bes­ser: Wil­le und Be­reit­schaft, im­mer wie­der zu strau­cheln, bis ir­gend­wann et­was Gu­tes her­aus­kommt, ist dann doch et­was, was man Ta­lent nen­nen könn­te.


Auf­ge­scho­ben ist gut auf­ge­ho­ben (t3n 62)

felix schwenzel in t3n

„Din­ge ge­re­gelt krie­gen ohne ei­nen Fun­ken Selbst­dis­zi­plin“ – Kath­rin Pas­sig und Sa­scha Lobo ha­ben in ih­rem Buch vor 13 Jah­ren das „Pro“ in Pro­kras­ti­na­ti­on her­aus­ge­ar­bei­tet: wie man wich­ti­ge Ar­bei­ten vor sich her­schiebt und trotz­dem pro­duk­tiv bleibt und Sa­chen er­le­digt be­kommt.

Mich hat das Buch da­mals tief be­ein­druckt, weil es mir half, eine mei­ner ver­meint­lich schlech­ten Cha­rak­ter­ei­gen­schaf­ten – al­les so lan­ge auf­zu­schie­ben, bis es fast knallt – zu ra­tio­na­li­sie­ren und zum be­wuss­ten und pro­duk­ti­ven Selbst­be­trug zu nut­zen.

Mitt­ler­wei­le habe ich das Auf­schie­ben pro­fes­sio­na­li­si­ert. Al­les, was ich er­le­di­gen muss oder will oder auch Ideen, die ich habe, schrei­be ich mir sorg­fäl­tig mit Fäl­lig­keits­da­tum und Prio­ri­tät in mein Er­le­di­gungs­pro­gramm, für das ich mir so­gar eine Pre­mi­um-Li­zenz be­sorgt habe.

Da­mit be­freie ich mei­nen Kopf von al­len drin­gen­den und drän­gen­den Auf­ga­ben. Das Bes­te ist al­ler­dings, dass sich Ar­beit per App noch bes­ser und ein­fa­cher auf­schie­ben lässt als im Kopf oder auf Pa­pier. Taucht zum Bei­spiel die Mah­nung auf, dass ich mei­ne t3n-Ko­lum­ne mal lang­sam schrei­ben müss­te, lässt sie sich per Klick ein­fach auf den nächs­ten Tag oder die nächs­te Wo­che ver­schie­ben. Mir fällt es über­haupt nicht schwer, so eine Auf­ga­be meh­re­re Wo­chen vor mir her­zu­schie­ben. Der Druck kommt dann erst mit den E-Mails aus der Re­dak­ti­on.

Die­se Um­wid­mung ei­ner To-do-App in eine To-not-do-App hilft mir nicht nur, ei­nen frei­en und kla­ren Kopf zu be­hal­ten; vie­le Auf­ga­ben er­le­di­gen sich so auch von selbst oder wer­den mit der Zeit egal.

Na­tür­lich gibt es ef­fi­zi­en­te­re Me­tho­den, Din­ge zu er­le­di­gen. Der ent­sch­ei­den­de Punkt ist aber nicht, wel­che Pro­duk­ti­vi­täts­stra­te­gie die ef­fi­zi­en­tes­te oder bes­te ist, son­dern wel­che Me­tho­den es mir per­sön­lich er­leich­tern, die An­for­de­run­gen mei­nes Le­bens am bes­ten aus­zu­ba­lan­cie­ren.

Das gilt nicht nur für Auf­ga­ben­mas­sen, son­dern auch für die Reiz­über­flu­tung und die „In­for­ma­ti­ons­ge­wit­ter“, die in der ver­netz­ten Welt auf uns ein­pras­seln.

Frü­her™, so vor 18 Jah­ren, als ich an­fing, ins In­ter­net zu schrei­ben, habe ich mich manch­mal ab­sicht­lich in ei­nen Zu­stand der Ge­reizt­heit ver­setzt, um zu blog­gen. Man­gel an Din­gen, über die man sich auf­re­gen konn­te, gab es auch da­mals nicht. Nach dem Blog­gen schwoll mei­ne selbst pro­vo­zier­te Auf­re­gung im­mer ganz schnell ab. Spä­ter habe ich mei­ne Stra­te­gie ge­än­dert; ich schrieb wei­ter­hin über Din­ge, die mich auf­reg­ten, ver­such­te sie aber so weit zu dif­fe­ren­zie­ren, dass mein Är­ger schon beim Schrei­ben ver­flog. Das Blog­gen wur­de für mich zu ei­ner Art Ver­dau­ungs­vor­gang, mit dem ich die di­gi­ta­len Rei­ze re­la­tiv ein­fach run­ter­küh­len und mich so auf den Rest mei­nes Le­bens oder das nächs­te Reiz­the­ma kon­zen­trie­ren konn­te.

Mitt­ler­wei­le blog­ge ich fast nur noch auf­schie­bend: Ich set­ze mir Le­se­zei­chen und no­tie­re mir Sa­chen, über die ich schrei­ben könn­te, und schie­be sie dann vor mir her – bis ich sie im Back­log ver­ges­se: back­log­gen statt web­log­gen.

Das Er­geb­nis bleibt das glei­che: Ich rege mich kaum noch auf; die Em­pö­rungs­wel­len auf Twit­ter be­ob­ach­te ich zwar, las­se sie aber an mir vor­bei­zie­hen. Dem po­li­ti­schen Ge­sche­hen fol­ge ich, schaf­fe es aber nicht, mich dar­über auf­zu­re­gen. Ich weiß, dass eh al­les kom­pli­zier­ter ist, als es scheint, und es fahr­läs­sig wäre, sich vor­schnell Mei­nun­gen zu bil­den. Des­halb pla­ne ich dann meist die Mei­nungs­bil­dung für ei­nen spä­te­ren Zeit­punkt. So schie­be ich nicht nur drin­gen­de Ar­bei­ten vor mir her, son­dern auch die Auf­re­gung.

„Auf­ge­scho­ben ist nicht auf­ge­ho­ben“, sagt der Volks­mund, dem ich hier of­fi­zi­ell wi­der­spre­chen möch­te:

Zu­nächst ist Auf­ge­scho­be­nes in mei­ner Er­le­di­gungs­lis­te sehr wohl gut auf­ge­ho­ben. Und an­de­rer­seits macht Auf­schie­ben den Blick frei für das We­sent­li­che. Auf­schie­ben ent­las­tet – zu­min­dest tem­po­rär – und lässt ei­nen die Din­ge, hin­ter de­nen Druck steht, ent­spann­ter, ru­hi­ger und prag­ma­ti­scher an­ge­hen. Den Kopf frei­zu­ma­chen von ver­meint­lich drin­gen­den Auf­ga­ben, fal­schen Mei­nun­gen an­de­rer, vom schnel­len Mei­nungs­äu­ße­rungs­druck – das könn­te man auch in­ne­re Ruhe, Mindful­ness oder Acht­sam­keit nen­nen. Ich nen­ne es lie­ber Prio­ri­tä­ten­set­zen durch Schie­ben und mil­den und ge­ziel­ten Selbst­be­trug. Durch die­se „Fil­ter­sou­ve­rä­ni­tät“ (selbst­ge­mach­te De­fi­ni­ti­on!) las­sen sich Stress, Auf­re­gung oder Ge­reizt­heit zeit­lich und räum­lich ein­gren­zen und ein biss­chen steu­ern.

So oder so: Keep calm and car­ry on.


Spie­len oder aus­ge­spielt wer­den (t3n 61)

felix schwenzel in t3n

Ich bin alt und er­fah­ren ge­nug, um zu wis­sen, dass auch ich ma­ni­pu­lier­bar bin. Als wir in der Schu­le Wer­bung ana­ly­si­ert und über ihre Stra­te­gien und Funk­ti­ons­wei­sen ge­spro­chen ha­ben, war ich eine Zeit lang über­zeugt, dass mich die­se paar Wis­sens­bro­cken ge­gen Wer­be­bot­schaf­ten im­mu­ni­sie­ren wür­den. Was na­tür­lich Quatsch ist. Wer­bung wirkt – und zwar im­mer an an­de­ren Stel­len, als wir an­ti­zi­pie­ren oder zu wis­sen glau­ben. Ge­nau­so wie Al­ko­hol wirkt: Das Wis­sen um sei­ne Schäd­lich­keit macht mich beim Trin­ken we­der zu­rück­hal­ten­der noch nüch­ter­ner.

Na­tür­lich wird auch Spaß zur Ma­ni­pu­la­ti­on ein­ge­setzt; das wuss­ten schon die rö­mi­schen Kai­ser, die si­cher nicht als ers­te die po­li­ti­sche Di­men­si­on von Spie­len (und Ge­trei­de) er­kann­ten. Auch ich las­se mich ger­ne auf Spie­le ein, hin­ter de­nen Pro­fit­in­ter­es­sen, Ma­ni­pu­la­ti­on oder Auf­merk­sam­keits­len­kung er­kenn­bar sind. So habe ich vor ei­ni­gen Jah­ren bei Fours­qua­re mit­ge­macht und Check-ins und ein paar Ma­yor­ships ge­sam­melt. Auch auf Face­book und Twit­ter habe ich ein paar Jah­re lang bei der Jagd auf Favs und Li­kes mit­ge­spielt, fand dann aber ir­gend­wann Be­schäf­ti­gun­gen, die mich mehr in­ter­es­sier­ten.

Spie­len zur Ver­hal­tens­for­mung wird auch in­ten­siv in der Hun­de­er­zie­hung ein­ge­setzt. Das ist für Hun­de eine gute Nach­richt, weil man frü­her glaub­te, (ver­meint­li­chen) Ge­hor­sam am bes­ten über Zwang, Stra­fe und Do­mi­nanz zu er­rei­chen. Ge­zielt ge­lenk­tes Spiel und po­si­ti­ve Ver­stär­kung ha­ben die al­ten Er­zie­hungs­me­tho­den – zu­min­dest bei Hun­den – mitt­ler­wei­le weit zu­rück­ge­drängt. Und wie man in die­sem Heft le­sen kann, ha­ben vie­le Un­ter­neh­men er­kannt, dass sich ge­schickt ge­lenk­tes Spiel und Spaß po­si­tiv auf die Un­ter­neh­mens­zie­le, Wer­be­er­lö­se oder das Er­rei­chen von ge­wünsch­ten Ver­hal­tens­wei­sen aus­wir­ken kön­nen. Das ist für uns Men­schen nicht un­be­dingt eine gute Nach­richt, auch wenn Ga­mi­fi­ca­ti­on, Nud­ging, Brot und Spie­le si­cher an­ge­neh­mer als Peit­sche oder Ge­heim­po­li­zei sind.

Der Knack­punkt beim Spie­len, bei der Un­ter­hal­tung und dem Ver­gnü­gen ist, dass sie sich re­la­tiv schnell ab­nut­zen und die An­sprü­che im­mer wei­ter stei­gen – zu­min­dest wenn man Men­schen zum Spie­len ani­mie­ren will (Hun­de sind da ge­nüg­sa­mer). Ir­gend­wann ist je­des Spiel durch­ge­spielt, und schlecht ge­stal­te­te und an­ge­leg­te Spie­le spielt eh kei­ner lan­ge.

Dass das Volk nach im­mer neu­en Ver­gnü­gungs­for­men giert, be­ka­men be­reits die rö­mi­schen Kai­ser zu spü­ren. Für ein paar Jah­re fand der „Plebs“ Ge­fal­len dar­an, da­bei zu­zu­se­hen, wie ein paar Gla­dia­to­ren dazu ge­zwun­gen wur­den, sich ge­gen­sei­tig ab­zu­ste­chen oder in der Are­na wil­de Tie­re zu tö­ten. Aber das reich­te re­la­tiv schnell nicht mehr. Karl-Wil­helm Weeber schreibt in Pa­nem et Cir­cen­ses, dass vie­le Kai­ser des­halb dar­in wett­ei­fer­ten, „ihre Vor­gän­ger an Pracht, Aus­stat­tung und Häu­fig­keit der Spie­le zu über­trump­fen“.

Beim mo­der­nen Kai­ser Zu­cker­berg ver­hält es sich ähn­lich: Wenn Face­book nicht stän­dig kon­kur­rie­ren­de Spaß- und Un­ter­hal­tungs-Un­ter­neh­men kauft oder ko­piert, wen­det sich das Pu­bli­kum ab.

Was Macht­ha­ber un­be­dingt ver­hin­dern wol­len, ist für das Volk da­bei eine Chan­ce: Mal nach ei­ge­nen Spiel­re­geln zu spie­len. Über­haupt spie­len zu kön­nen, ist näm­lich eine der gro­ßen Stär­ken der Mensch­heit. Ne­ben Hun­den und ei­ni­gen Haus­tie­ren sind Pri­ma­ten eine der we­ni­gen Tier­ar­ten, die bis ins hohe Al­ter ger­ne spie­len. Durch Spie­len er­fah­ren und eig­nen wir uns die Welt auch im Er­wach­se­nen­al­ter an.

Der nie­der­län­di­sche Kul­tur­his­to­ri­ker Jo­han Hui­zin­ga be­haup­te­te schon 1938 in Homo Lu­dens, dass das Spiel neue Wel­ten jen­seits der All­tags­welt her­vor­zu­brin­gen ver­mag, ge­ra­de weil es et­was Über­flüs­si­ges ist. Spiel, schreibt er, trei­be die kul­tu­rel­le Ent­wick­lung in den un­ter­schied­lichs­ten Be­rei­chen – von Recht über Wis­sen­schaft bis zu Dich­tung und Kunst – vor­an.

Vor­ge­fer­tig­te Spie­le mit­zu­spie­len, sich auf ga­mi­fi­zier­tes Ge­döns ein­zu­las­sen, hilft si­cher beim Ver­ständ­nis der Welt, aber selbst­be­stimm­tes Spiel nach ei­ge­nen Spiel­re­geln schafft po­ten­zi­ell Neu­es, in­spi­riert die Krea­ti­vi­tät — und wer frei spielt, lernt, sich selbst zu ma­ni­pu­lie­ren, statt sich nur von an­de­ren len­ken zu las­sen.

Denn: Wer nach ei­ge­nen Re­geln spielt, be­lohnt sich selbst und ist nicht dar­auf an­ge­wie­sen, Be­loh­nun­gen im Netz oder auf der Ar­beit hin­ter­her­zu­het­zen.


Was bleibt (t3n 60)

felix schwenzel in t3n

Der Fir­nis der Zi­vi­li­sa­ti­on ist ex­trem dünn. Mir fiel das zum ers­ten mal 1992 auf, nach den ge­walt­tä­ti­gen Un­ru­hen in Los An­ge­les. Die Un­ru­hen bra­chen aus, nach­dem Po­li­zis­ten den Afro­ame­ri­ka­ner Rod­ney King bei ei­ner Ver­kehrs­kon­trol­le schwer miss­han­del­ten und hiel­ten meh­re­re Tage an. Am Ende gab es über 50 Tote und meh­re­re tau­send Ver­let­ze zu be­kla­gen. Mir wur­de klar, dass un­se­re po­li­ti­sche und wirt­schaft­li­che Ord­nung kei­nes­falls so sta­bil sind, wie ich mir das bis da­hin ge­dacht hat­te. Mich ha­ben die Un­ru­hen von Los An­ge­les po­li­tisch sen­si­bi­li­si­ert.

Die Co­ro­na-Kri­se dürf­te ein ähn­li­ches Po­ten­zi­al ha­ben. Sie könn­te uns da­für sen­si­bi­li­sie­ren, dass nicht nur die ge­sell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se auf wa­cke­li­gen Füs­sen ste­hen, wenn wir sie nicht ak­tiv stüt­zen, son­dern dass wir, trotz enor­men Fort­schrit­ten in Wis­sen­schaft und Tech­nik, im­mer noch ein ver­letz­li­cher Teil der Na­tur sind. Co­ro­na er­in­nert uns dar­an, dass die Kraft der Na­tur al­les an­de­re als ge­bän­digt ha­ben, wir sind ihr, wie die Men­schen vor Jahr­hun­der­ten, im­mer noch gröss­ten­teils aus­ge­lie­fert.

Vor Co­ro­na hat­te ich im­mer wie­der das Ge­fühl, ins­be­son­de­re bei Dis­kus­sio­nen um den Kli­ma­wan­del, dass vie­le Men­schen glaub­ten, das wir den Kli­ma­wan­del, die Zer­stö­rung un­se­rer Le­bens­grund­la­gen, schon ir­gend­wie mit Tech­no­lo­gie in den Griff zu be­kom­men. Co­ro­na hat uns ge­lehrt, dass wir al­lein mit Wunsch­den­ken, Tech­nik­gläu­big­keit oder kon­zen­trier­tem Op­ti­mis­mus den Fort­be­stand un­se­rer Zi­vi­li­sa­ti­on nicht si­chern wer­den.

Co­ro­na hat aber auch ge­zeigt, dass wir an­ge­sichts aku­ter Ge­fah­ren­la­gen als Ge­sell­schaft durch­aus zu Ver­zicht und ver­nunft­ba­sier­tem Han­deln fä­hig sind. Markt­li­be­ra­le ha­ben es für lan­ge Zeit als Ding der Un­mög­lich­keit an­ge­se­hen, dass Men­schen dazu be­reit wä­ren Ein­schrän­kun­gen ih­rer Le­bens­qua­li­tät hin­zu­neh­men um an­de­re zu schüt­zen oder glo­ba­le Ge­fah­ren ab­zu­weh­ren.

Co­ro­na öff­net die Chan­ce uns dar­an zu er­in­nern, dass die Zu­kunft prin­zi­pi­ell nicht plan­bar ist und dass der Markt al­lein we­der die öko­no­mi­schen oder ge­sell­schaft­li­chen Fol­gen ei­nes Vi­rus ab­weh­ren, noch den Kli­ma­wan­del stop­pen kann. Es gibt kei­ne Al­ter­na­ti­ve zum ge­mein­schaft­li­chen Han­deln, zur Ver­nunft, zu So­li­da­ri­tät, also zum Staat und zur Zi­vil­ge­sell­schaft.

Der welt­wei­te Ver­nunft­aus­bruch, den wir zur Zeit er­le­ben, sin­ken­de Luft­ver­pes­tung, weil vie­le aufs Au­to­fah­ren und Flie­gen ver­zich­ten, die Er­kennt­nis, dass man auch in Da­ten­net­zen Ge­schäfts- und So­zi­al­kon­tak­te pfle­gen und auf­bau­en kann, die Po­pu­la­ri­sie­rung des bar­geld­lo­sen Be­zah­len und des Ge­sichts­schlei­ers, könn­te aber auch ein jä­hes Ende er­le­ben, wenn wir nicht auf der Hut sind.

1973 zum Bei­spiel, als Deutsch­land in ei­ner Wirt­schafts­kri­se steck­te und der Jom-Kip­pur-Krieg denn Öl­preis ex­plo­die­ren liess, ver­ord­ne­te die Bun­des­re­gie­rung deutsch­land­weit Fahr­ver­bo­te und ein Tem­po­li­mit von 100 km/h auf Au­to­bah­nen.

Of­fen­bar brach­te das Sonn­tags­fahr­ver­bot eine Er­spar­nis beim Ben­zin­ver­brauch von 7 bis 12 Pro­zent. Vie­le spar­ten Strom, dros­sel­ten die Hei­zung und hiel­ten das Tem­po­li­mit ein. Aber die­se öko­no­mi­sche und öko­lo­gi­sche Sen­si­bi­li­tät hielt nicht lan­ge an. Schon we­ni­ge Wo­chen spä­ter, als der Krieg im Na­hen Os­ten vor­bei war, wur­den die Fahr­ver­bo­te und Tem­po­li­mits in Deutsch­land wie­der auf­ge­ho­ben, als sei nichts ge­we­sen. Im eu­ro­päi­schen Aus­land, um Deutsch­land her­um, blie­ben die Tem­po­li­mits üb­ri­gens be­stehen, in Deutsch­land wag­te man sich seit­her selbst bei wei­te­ren Öl- und Öko­kri­sen nicht mehr ans Tem­po­li­mit her­an.

Aber viel­leicht bleibt ja doch et­was vom Co­ro­na-Ver­nunft- und So­li­da­ri­täts­aus­bruch hän­gen. Zum Bei­spiel:

  • die Er­kennt­nis, dass Ver­zicht nicht nur Ver­lust be­deu­tet, dass tief­grei­fen­de Ver­än­de­run­gen am Le­bens­wan­del durch­aus von ei­ner brei­ten ge­sell­schaft­li­chen Mehr­heit ge­tra­gen wer­den kön­nen — wenn die Grün­de nach­voll­zieh­bar und ver­nünf­tig sind.
  • dass das In­ter­net, or­dent­li­cher Zu­gang zum Netz, ein un­ver­äu­ßer­li­ches Grund­recht ist, dass ge­sell­schaft­li­che Teil­ha­be er­mög­licht und nicht ein­fach ge­sperrt oder we­gen In­fra­struk­tur­eng­päs­sen ver­wehrt oder ka­putt­ge­dros­selt wer­den darf.
  • die Er­kennt­nis das Ho­me­of­fice, oder wie man frü­her, zu Zei­ten der Öl­kri­se, sag­te, Te­le­ar­beit, nicht nur ein In­cen­ti­ve für Mit­ar­bei­ter ist, son­dern dass die Mög­lich­keit sei­ne Ar­beit­neh­mer de­zen­tral und orts­un­ab­hän­gig ein­zu­set­zen ein hand­fes­ter Wett­be­werbs­vor­teil für Un­ter­neh­men ist.

Was al­ler­dings mit ziem­li­cher Si­cher­heit blei­ben wird, bei al­len künf­ti­gen Kri­sen: die Angst ums Klo­pa­pier.


die­se ko­lum­ne er­schien zu­erst in der t3n 06/2020 und auf t3n.de.


Ba­cken ge­gen die Un­zu­frie­den­heit (t3n 59)

felix schwenzel in t3n

Ich war bis zur ach­ten Klas­se ein ziem­lich schlech­ter Schü­ler. Als ich in die­ser Zeit über mein Le­ben nach­dach­te, war ich em­pört bei dem Ge­dan­ken, nach all die­sen Jah­ren in der Schu­le noch mal vier bis fünf wei­te­re Jah­re ler­nen zu müs­sen. Was ist das für ein Le­ben, in dem man sei­ne bes­ten Jah­re der Schu­le op­fert?

Ir­gend­wann habe ich dann doch die Lust am Ler­nen ent­deckt und Ab­itur ge­macht. Da­nach war mir aber nach et­was Prak­ti­schem, Un­in­tel­lek­tu­el­lem zu­mu­te – nach ei­ner Leh­re als Schrei­ner. Die Ar­beit ge­fiel mir, aber ich frag­te mich ir­gend­wann: Was ist das für ein Le­ben, in dem man sei­ne Ge­sund­heit, sei­nen Kör­per so für den Job schin­den muss?

Wäh­rend der Leh­re und auch spä­ter als ich doch noch zur Uni ging, sehn­te ich mich nach ei­nem Bü­ro­job. Und jetzt, wo ich ei­nen Bü­ro­job habe, seh­ne ich mich im­mer wie­der nach prak­ti­scher, hand­werk­li­cher Ar­beit, bei der ich mei­nen Kopf nicht über­mä­ßig be­an­spru­chen muss.

Die­se Sehn­sucht nach dem je­weils An­de­ren hat mich – egal was ich in mei­nem Le­ben ge­ra­de tat – im­mer be­glei­tet. Auch jetzt, wo ich den Re­dak­ti­ons­schluss für die­se Ko­lum­ne schon lan­ge über­schrit­ten habe, stel­le ich mir vor, wie ein Le­ben als Bus­fah­rer wohl wäre – und ob das nicht ins­ge­samt ent­spann­ter wäre.

Weil ich ir­gend­wann ge­merkt habe, dass ich ei­gent­lich im­mer ir­gend­wie un­zu­frie­den mit dem war, was ich ge­ra­de tat, habe ich mir Ne­ben­tä­tig­kei­ten zum Aus­gleich ge­sucht. Statt von mei­nem Ar­beit­ge­ber zu er­war­ten, dass er mir ei­nen Job an­bie­tet, der alle mei­ne Be­dürf­nis­se be­frie­digt, kon­zen­trie­re ich mich lie­ber dar­auf, mir Be­schäf­ti­gun­gen zu su­chen, die mei­ne vom Job nicht er­füll­ten Be­dürf­nis­se be­frie­di­gen.

Das Er­geb­nis über­rascht mich im­mer wie­der selbst: Ob­wohl ich in den ver­gan­ge­nen 14 Jah­ren mög­li­cher­wei­se nicht im­mer hun­dert­pro­zen­tig zu­frie­den mit mei­nem Job war, habe ich kaum das Be­dürf­nis, ihn zu wech­seln oder neu an­zu­fan­gen. Wich­ti­ger noch: Ich de­fi­nie­re mich mehr und mehr über mei­ne Hob­bies statt über mei­nen Brot­er­werbs­job. Ich sehe mich eher als Neu­hun­de­be­sit­zer oder als je­mand, der ins In­ter­net schreibt und zum The­ma Heim­au­to­ma­ti­sie­rung forscht, als je­mand, der Web­ent­wick­lungs­pro­jek­te lei­tet und ko­or­di­niert.

Wahr­schein­lich ist es mit dem Traum­job ähn­lich wie mit der Lie­be: We­der das eine noch das an­de­re pas­sie­ren ei­nem ein­fach so – zu­min­dest nicht auf Dau­er – son­dern sind das Pro­dukt von in­ten­si­ver Ar­beit an sich selbst und der Be­zie­hung. We­der in der Lie­be noch im Job kann man er­war­ten, dass al­lein die an­de­re Sei­te al­les tut, da­mit man sich ganz und gar wohl­fühlt. Wenn man sich nicht (auch) um sich selbst küm­mert, an sich ar­bei­tet, stän­dig da­zu­lernt und sei­nen Be­dürf­nis­sen Raum ver­schafft, ver­dörrt die Be­zie­hung be­zie­hungs­wei­se die Freu­de am Job.

Man soll zwar nicht von sich auf an­de­re schlie­ßen, aber ich ver­mu­te, die­ses Phä­no­men ken­nen auch an­de­re Men­schen. Vor al­lem ver­mu­te ich aber, dass die Un­zu­frie­den­heit mit dem, was man ge­ra­de tut, oder zeit­wei­li­ge Über­for­de­rung nur be­dingt mit den äu­ße­ren Um­stän­den zu tun ha­ben – oft liegt die Ant­wort eben in ei­nem selbst.

Nicht jede Tä­tig­keit, nicht je­der Job kann alle ei­ge­nen In­ter­es­sen be­die­nen, egal wie sich der je­wei­li­ge Ar­beit­ge­ber oder Part­ner an­strengt, ei­nen an sich zu bin­den. Nicht im­mer ist ein Neu­an­fang die Lö­sung, wenn der Job (oder die Be­zie­hung) nervt. Ver­ein­facht ge­sagt: Fra­ge dich nicht nur, was an­de­re für dich tun kön­nen, son­dern was du für dich selbst tun kannst.

Bild­lich ge­spro­chen: Wer sei­nen Job satt hat, könn­te mal ei­nen Ku­chen ba­cken. Nicht für die Kol­le­gen, son­dern für sich selbst.


Der Weg ist der Weg (t3n 58)

felix schwenzel in t3n

Vie­le Men­schen sa­gen ja, der Weg sei das Ziel. Das stimmt na­tür­lich nur be­dingt. Wenn man auf dem Weg zur Ar­beit ist, will man in der Re­gel nichts an­de­res, als zur Ar­beit zu kom­men und mög­lichst nicht über den Weg nach­den­ken. Wenn ich aber über die­sen Spruch nach­den­ke, er­ken­ne ich mei­nen Ar­beits­weg als eine der we­ni­gen Ge­le­gen­hei­ten in mei­nem All­tag, mich über­haupt zu be­we­gen oder kör­per­lich zu be­tä­ti­gen.

Es gibt ja nicht we­ni­ge Men­schen, die ihre kör­per­li­chen Ak­ti­vi­tä­ten, die Ar­beit und den Weg dort­hin ent­kop­peln. Sie ste­hen ex­tra früh auf und lau­fen („jog­gen“) um ih­ren Wohn­ort her­um, um sich dann wie­der über mehr oder we­ni­ger vie­le Ki­lo­me­ter hin­weg be­we­gungs­los da­sit­zend in rol­len­den Stahl­käs­ten zur Ar­beit brin­gen zu las­sen.

Ich habe mich schon im­mer ge­fragt: War­um lau­fen die Men­schen um ih­ren Wohn­ort her­um, war­um fah­ren Men­schen in Fit­ness­stu­di­os und ren­nen dort auf Bän­dern oder fah­ren auf fest­ge­schraub­ten Rä­dern, statt di­rekt zur Ar­beit (und zu­rück) zu lau­fen oder Fahr­rad zu fah­ren?

Ja, ja, ich weiß: Es kann sein, dass der Weg zur Ar­beit ein­fach zu weit ist, es kann sein, dass es am Ar­beits­platz kei­ne Mög­lich­keit gibt, sich um­zu­zie­hen oder zu du­schen. Es kann sein, dass die meis­ten Men­schen im­mer noch Sport und Ar­beit sau­ber von­ein­an­der tren­nen wol­len, auch wenn die Gren­zen zwi­schen Ar­beit und Frei­zeit zu­neh­mend ver­schwim­men.

Der Neu­ro­wis­sen­schaft­ler Shane O’Mara meint üb­ri­gens, dass un­se­re Ge­hir­ne dann am bes­ten funk­tio­nie­ren, wenn wir in Be­we­gung sind. Un­se­re (und alle an­de­ren) Ge­hir­ne hät­ten sich ent­wi­ckelt, da­mit wir uns be­we­gen kön­nen, da­mit wir ja­gen, weg­lau­fen, flüch­ten, mi­grie­ren oder zur Ar­beit ge­hen kön­nen. Un­se­re Kör­per wur­den kon­stru­iert, um sich zu be­we­gen – nicht, um am Com­pu­ter zu sit­zen.

Im Prin­zip sind wir Men­schen per­fek­te bio­lo­gi­sche Lauf­ma­schi­nen, de­ren ko­gni­ti­ve und krea­ti­ve Fä­hig­kei­ten beim Ge­hen zu Höchst­tou­ren auf­lau­fen. Fried­rich Nietz­sche ging so­gar so weit, zu be­haup­ten, dass „nur die er­gan­ge­nen Ge­dan­ken“ Wert hät­ten.

Seit­dem ich in Fest­an­stel­lun­gen in Bü­ros ar­bei­te, be­inhal­te­te mein Weg zur Ar­beit im­mer auch län­ge­re Fuß­we­ge. Das größ­te Stück des Ar­beits­we­ges lege ich mit der Bahn zu­rück, die letz­ten zwei bis drei Ki­lo­me­ter An­schluss­stre­cke lau­fe ich.

Seit ich die­se ge­gan­ge­nen Ar­beits­we­ge elek­tro­nisch mit ei­ner Smart­watch er­fas­se, sehe ich auch, dass ich mit die­sen Fuß­stre­cken mein Ak­ti­vi­täts-Mi­ni­mum er­fül­le. Die Uhr ord­net die Wege von der U-Bahn zur Ar­beit als „Trai­ning“ ein, weil sich mei­ne Herz­fre­quenz da­bei ein biss­chen er­höht.

Was mei­ne Arm­band­uhr al­ler­dings nicht mes­sen kann, ist die Denk­ar­beit, die ich zu Fuß auf dem Weg zur (oder von der) Ar­beit er­le­di­ge. Meis­tens den­ke ich aus Ver­se­hen über den kom­men­den Ar­beits­tag nach, struk­tu­rie­re ihn (manch­mal un­be­wusst) ein biss­chen vor oder re­ka­pi­tu­lie­re.

Ge­ra­de weil mir die­se Wege Ge­le­gen­heit ge­ben, nach­zu­den­ken, mich zu sam­meln und ich die Welt, die Jah­res­zei­ten oder Ver­än­de­run­gen auf dem Ar­beits­weg be­ob­ach­ten kann, habe ich sie nie als Be­las­tung emp­fun­den. Im Ge­gen­teil, die Vor­stel­lung, dass ich den Gang ins Fit­ness­stu­dio spa­re, weil ich ein paar Hal­te­stel­len frü­her aus­stei­ge und auf den Bus ver­zich­te, be­frie­digt mei­nen Ef­fi­zi­enz-Fe­tisch.

So mag ich dann auch die Ef­fi­zi­enz des Ge­hens: Es bringt den Geist auf Tou­ren — den Kreis­lauf auch ein biss­chen —, spart po­ten­zi­ell den Um­weg ins Fit­ness­stu­dio und lässt sich pri­ma in den All­tag in­te­grie­ren. Und Nietz­sche be­für­wor­te­te es.

War­um also auf dem Ar­beits­weg nicht ein paar Hal­te­stel­len vor­her aus­stei­gen? War­um das Auto nicht zwei, drei Ki­lo­me­ter von der Ar­beit ent­fernt par­ken? War­um nicht mit dem Fahr­rad zur Ar­beit? War­um beim Ar­beit­ge­ber nicht auf die Ein­füh­rung von Um­klei­de­räu­men und Du­schen drän­gen?

Der Weg zur Ar­beit ist nicht das Ziel, aber viel­leicht ein Weg, et­was mehr Be­we­gung und Ge­sund­heit in den Bü­ro­all­tag zu brin­gen.


Er­wach­sen wie die Ju­gend (t3n 57)

felix schwenzel in t3n

„Tech­nik löst Pro­ble­me, die wir ohne sie gar nicht hät­ten.“ Das ist ein Zi­tat von Ha­rald Lesch, aber ei­gent­lich eine Ab­wand­lung ei­nes sehr al­ten Wit­zes über Com­pu­ter. Ge­nau ge­nom­men ist es vor al­lem eine gro­be Sim­pli­fi­zie­rung der Rea­li­tät. Ver­ein­fa­chung ge­hört nun mal zu Ha­rald Leschs Be­ruf als Fern­seh­er­klär­bär. Denn na­tür­lich löst Tech­nik auch Pro­ble­me, die wir ohne sie hät­ten. An­ders ge­sagt: Ohne Tech­nik hät­ten wir ganz an­de­re Pro­ble­me – vor al­lem nicht we­ni­ger.

Der­sel­ben Lo­gik fol­gend könn­te man üb­ri­gens auch sa­gen, dass wir mit ge­sell­schaft­li­cher Wei­ter­ent­wick­lung auf Pro­ble­me ant­wor­ten müs­sen, die wir ohne den vor­an­ge­gan­ge­nen ge­sell­schaft­li­chen Fort­schritt gar nicht hät­ten. Vie­le Witz­bol­de, Kon­ser­va­ti­ve, Sprach­schüt­zer oder Di­gi­tal­ver­äch­ter tun das auch. Da­bei sind Re­ak­tio­nä­re ei­gent­lich gar nicht ge­gen das Neue, son­dern nur ge­gen das neue Neue. Sie wün­schen sich Zu­stän­de zu­rück, die in der Ver­gan­gen­heit ein­mal neu wa­ren. Das Pro­blem mit die­ser Welt­sicht ist al­ler­dings, dass wir mit Rück­schrit­ten zu al­tem Neu­en viel­leicht ak­tu­el­le Pro­ble­me ab­räu­men kön­nen, aber da­für auch wie­der sehr vie­le alte, da­mals™ un­ge­lös­te Pro­blem­kis­ten öff­nen müss­ten.

Ob­wohl der Pro­blem­lö­sungs­witz oben eine är­ger­li­che Sim­pli­fi­zie­rung ist, hat er, wie fast je­der Witz, doch ei­nen wah­ren Kern. Der bril­lan­te Den­ker, Di­gi­ta­li­sie­rungs­kri­ti­ker und Ego­ma­ne An­drew Keen, der seit Jah­ren die Hy­bris, Ar­ro­ganz, Maß­lo­sig­keit und Ego­ma­nie der Si­li­con-Val­ley-Un­ter­neh­mer kri­ti­si­ert, weist in der Mar­ke­ting­kam­pa­gne für sein neu­es Buch auf ein grund­sätz­li­ches Pro­blem des Fort­schritts hin:

Die Ge­schich­te der Mensch­heit zeigt, dass wir im­mer in die Zu­kunft hin­ein­stol­pern, al­les ka­putt ma­chen und es an­schlie­ßend wie­der in Ord­nung brin­gen müs­sen. Wir ha­ben 50 bis 100 Jah­re ge­braucht, um die Haupt­pro­ble­me des in­dus­tri­el­len Ka­pi­ta­lis­mus zu lö­sen, und mit ei­ni­gen Pro­ble­men be­schäf­ti­gen wir uns heu­te noch, etwa Um­welt­ver­schmut­zung und Kli­ma­wan­del.

Nicht sel­ten fällt es uns schwer, die­se Pro­ble­me über­haupt zu er­ken­nen, weil un­se­re Wahr­neh­mung und der ge­sell­schaft­li­che Fort­schritt nicht mit tech­ni­schen Wei­ter­ent­wick­lun­gen mit­hal­ten kön­nen. Eben­so schwer fällt es uns, be­reits er­kann­te Pro­ble­me an­zu­ge­hen: Lie­ber stol­pern wir wei­ter vor­an – und hal­ten uns, weil wir in Rich­tung Zu­kunft stol­pern, für pro­gres­siv.

Ich glau­be durch­aus, dass wir die Pro­ble­me, die uns Fort­schritt und Tech­no­lo­gie ein­ge­brockt ha­ben, mit mehr ge­sell­schaft­li­chem und tech­ni­schem Fort­schritt lö­sen kön­nen. Die ver­gan­ge­nen Jahr­tau­sen­de ha­ben ge­zeigt, dass das müh­sam ist, aber grund­sätz­lich funk­tio­niert. Die Welt, die Le­bens­si­tua­ti­on der Men­schen, hat sich in den letz­ten Jahr­hun­der­ten durch tech­ni­schen Fort­schritt enorm ver­bes­sert:

  • Wir wer­den mitt­ler­wei­le im Schnitt über 70 Jah­re alt
  • Die Zahl der Men­schen, die in ex­tre­mer Ar­mut le­ben, hat sich in den letz­ten 20 Jah­ren fast hal­biert

Die ak­tu­el­le Kli­ma­kri­se zeigt aber auch, dass Pro­ble­me nicht al­lein über per­sön­li­che (Kon­sum-)Ent­sch­ei­dun­gen ge­löst wer­den kön­nen, son­dern auch ge­sell­schaft­lich, po­li­tisch, am bes­ten glo­bal, an­ge­gan­gen und re­gu­liert wer­den müs­sen.

Nach­dem wir alle die Kli­ma­kri­se jahr­zehn­te­lang ver­drängt und mög­li­che Lö­sungs­an­sät­ze auf­ge­scho­ben und ver­stol­pert ha­ben, ist in den letz­ten Mo­na­ten Er­staun­li­ches ge­sche­hen: Die (frei nach An­drew Keen) an­geb­lich so nar­ziss­ti­sche, Fast-Food-, Ni­ko­tin-, Spiel-, Por­no- und Gad­get-süch­ti­ge Ju­gend for­dert, dass wir un­se­re po­li­ti­sche Ver­ant­wor­tung für die Zu­kunft über­neh­men.

Die Ju­gend, um de­ren Wohl­erge­hen wir uns an­ge­sichts der Di­gi­ta­li­sie­rung und Ver­net­zung, der All­ge­gen­wart von seich­ter Un­ter­hal­tung, Ge­walt und Por­no­gra­fie so gro­ße Sor­gen ge­macht ha­ben, ent­sch­ei­det sich er­staun­lich be­wusst, wel­che Apps oder On­line-Diens­te sie nutzt und auf wel­che sie ver­zich­tet. Sie hat er­kannt, dass die Zu­kunft nicht vor­dring­lich mit Ju­gend­schutz, son­dern mit po­li­ti­schem Han­deln zum Kli­ma­schutz ge­ret­tet wer­den muss. Es ist pa­ra­dox, aber wir le­ben in ei­ner Zeit, in der Ju­gend­li­che den Er­wach­se­nen zei­gen, was es be­deu­tet, er­wach­sen zu han­deln: Näm­lich Tech­no­lo­gie und Fort­schritt nicht als Selbst­zweck zu se­hen, son­dern als Ge­stal­tungs­mit­tel für die Zu­kunft. Wenn wir end­lich so er­wach­sen wer­den wie die Ju­gend, kön­nen wir mit Tech­no­lo­gie auch wie­der Pro­ble­me lö­sen, die wir ohne Tech­no­lo­gie nicht lö­sen könn­ten.


In Viel­falt ge­eint (t3n 56)

felix schwenzel in t3n

dank der html5-vor­schau der @t3n kann man mei­ne ko­lum­ne am ende des hefts auch die­ses mal vor er­schei­nen des hefts le­sen. @pa­pier­jun­ge fand, dass es eine mei­ner bes­se­ren ko­lum­nen sei. ix auch.


Auch un­ter Prä­si­dent Do­nald Trump lau­tet das of­fi­zi­el­le Staats­mot­to der USA: „aus den Vie­len das Eine“. So steht es seit 1776 (auf La­tein) im Staats­wap­pen der USA: „E plu­ri­bus unum“. Aus den fol­gen­den knapp 250 Jah­ren ame­ri­ka­ni­scher Ge­schich­te kann man ab­le­sen, dass sich die­ses Mot­to als eine Art Zau­ber­for­mel für wirt­schaft­li­chen und po­li­ti­schen Er­folg be­wie­sen hat.

Die­se Zau­ber­for­mel, Stär­ke durch Ein­heit und Viel­falt, ist ein uni­ver­sel­les Prin­zip. Kom­ple­xe, di­ver­se Öko­sys­te­me funk­tio­nie­ren sta­bi­ler als Mo­no­kul­tu­ren, Staats­ge­bil­de, die of­fen, plu­ra­lis­tisch und in­te­gra­tiv or­ga­ni­si­ert sind, die das Ge­mein­sa­me, statt Un­ter­schie­de be­to­nen, sind stär­ker — und in­no­va­ti­ver — als sol­che die Viel­falt zu er­sti­cken ver­su­chen.

Na­tio­na­lis­ten, Pro­tek­tio­nis­ten und Spal­ter ha­ben nie ver­stan­den wie Stär­ke (und In­no­va­ti­on) ent­steht: sie ent­steht nicht durch Gleich­schal­tung, Ord­nung, Tren­nung, Rein­heit oder Ent­schlos­sen­heit, son­dern, im Ge­gen­teil, durch Viel­schich­tig­keit, kon­trol­lier­tes, krea­ti­ves Cha­os und das rich­ti­ge Mass an Un­ord­nung und Frei­heit.

Eine der Stär­ken der Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka war und ist ihre Fä­hig­keit zur In­te­gra­ti­on. Nur zur Er­in­ne­rung, Elon Musk wur­de in Süd­afri­ka ge­bo­ren, Ni­ko­la Tes­la war Ös­ter­rei­cher, Ste­ve Jobs war der Sohn ei­nes sy­ri­schen Po­li­tik­stu­den­ten, Ser­gey Brin wur­de in Mos­kau ge­bo­ren und ei­ner der er­folg­reichs­ten In­ves­to­ren der Di­gi­ta­l­öko­no­mie, Pe­ter Thiel, wur­de in Frank­furt am Main ge­bo­ren. Auf ei­ner an­de­ren Ebe­ne hat auch Chi­na die­se Fä­hig­keit zur In­te­gra­ti­on: in Chi­na hat man es ge­schafft aus­län­di­sche Tech­nik und Tech­no­lo­gie so gut zu in­te­grie­ren, dass Chi­na zu ei­nem un­ver­zicht­ba­ren Teil in­dus­tri­el­ler und di­gi­ta­ler Lie­fer­ket­ten ge­wor­den ist. In Chi­na ad­ap­tiert man Tech­no­lo­gie und Tech­nik schnel­ler, als ein deut­scher Mi­nis­ter das Wort Struk­tur­wan­del auch nur aus­spre­chen kann.

Die In­te­gra­ti­on von Frem­den und Frem­dem, ge­paart mit ei­ner aus­ge­präg­ten Will­kom­mens­kul­tur, die Fä­hig­keit aus Vie­lem Ei­nes zu ma­chen — ohne die Viel­falt zu zer­stö­ren — dürf­te eine der wich­tigs­ten Ant­wor­ten auf die Fra­ge sein, wie Eu­ro­pa im welt­wei­ten Wett­be­werb mit den gros­sen Blö­cken USA, Chi­na und Russ­land be­stehen kann.

Das gröss­te Hin­der­nis auf dem Weg zu so et­was wie den Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Eu­ro­pa ist al­ler­dings die Über­win­dung ei­ner Art Denk­blo­cka­de: der Glau­be dass wir ver­lie­ren (Iden­ti­tät, Si­cher­heit), wenn wir uns Frem­des und Ver­än­de­run­gen zu ei­gen ma­chen und in­te­grie­ren. Aber das Ge­gen­teil ist der Fall, was be­reits die jün­ge­re Ge­schich­te der bis­her eher zag­haft ver­lau­fen­den eu­ro­päi­schen Ei­ni­gung zeigt. Wis­sen­schaft­li­che Er­fol­ge wie die Eu­ro­pean Space Agen­cy oder das CERN, wirt­schaft­li­che Er­fol­ge wie Air­bus oder po­li­ti­sche Er­fol­ge wie in­ner­eu­ro­päi­sche Grenz­öff­nun­gen und lang­an­hal­ten­der Frie­den, wer­den all zu schnell als Selbst­ver­ständ­lich­kei­ten ge­se­hen.

Die Skep­sis ge­gen­über grund­le­gen­den Ver­än­de­run­gen sitzt tief in uns al­len, wes­halb im­mer wie­der nach neu­en, bes­se­ren, mit­reis­sen­de­ren Vi­sio­nen für Eu­ro­pa und die eu­ro­päi­sche Ei­ni­gung ge­ru­fen wird. Aber viel­leicht reicht ja schon ein bild­li­cher Ver­gleich, zum Bei­spiel Eu­ro­pa als Misch­wald. Ein ge­sun­der Misch­wald ist nicht be­son­ders über­sicht­lich, bie­tet aber auch zar­ten Pflan­zen Ni­schen, ge­nau­so wie gros­sen Bäu­men. Und auch um­ge­fal­le­ne Bäu­me sind kei­ne Ka­ta­stro­phe, son­dern bil­den wei­te­re Ni­schen, in de­nen Neu­es und Fri­sches ent­ste­hen kann. Auch ein Misch­wald muss ge­hegt und vor all­zu in­va­si­ven Ar­ten ge­schützt, also re­gu­liert wer­den. Aber an­ders als ein rei­ner Fich­ten­forst, ist ein Misch­wald viel ro­bus­ter und kann auch mal ein paar Jah­re lang sich selbst über­las­sen wer­den.

Er­staun­li­cher­wei­se ist die För­de­rung von Misch­wäl­dern in­zwi­schen so­gar ein po­li­ti­sches Ziel im mul­ti­kul­tu­rell eher skep­ti­schen Bay­ern. Wenn man sich vor­stel­len kann, dass eine Ei­che auch in ei­nem Misch­wald kei­nes­falls ihre Ei­chen-Iden­ti­tät ver­liert, son­dern im Ge­gen­teil, viel bes­se­re Le­bens­be­din­gun­gen in der Viel­falt ei­nes Misch­wal­des vor­fin­det, müss­te man sich doch ei­gent­lich auch mit der Idee ei­nes ver­ein­ten Eu­ro­pas an­freun­den kön­nen, ein Eu­ro­pa, das aus Vie­len Ei­nes schafft und die Viel­falt als Wert an sich schätzt und schützt.

Wenn wir wirt­schaft­lich, di­gi­tal, so­zi­al und welt­po­li­tisch er­folg­reich sein wol­len, müs­sen wir uns, um es mit Kon­rad Ade­nau­er zu sa­gen, aus der Enge und Klein­heit Eu­ro­pas „her­aus­den­ken“.

So wie ein Wald mehr ist als die Sum­me der Bäu­me, ist auch Eu­ro­pa mehr als die Sum­me der eu­ro­päi­schen Staa­ten und Re­gio­nen — und funk­tio­niert doch dann am bes­ten wenn es ge­nau Eins ist.


New Work (t3n 55)

felix schwenzel in t3n

Die Dis­kus­si­on um New Work ist nicht neu, in den letz­ten Jah­ren pras­selt sie aber schlag­wort­ar­tig im­mer in­ten­si­ver auf uns ein: Work-Life-Ba­lan­ce, Work-Life-Blen­ding, Job-Sha­ring, Co-Working-Spaces, Ho­lo­cra­cy, Scrum, usw. Seit knapp 40 Jah­ren ver­sucht Fri­th­jof Berg­mann un­se­ren Be­griff von Ar­beit zu re­for­mie­ren, seit 15 Jah­ren dis­ku­tie­ren wir über ein be­din­gungs­lo­ses Grund­ein­kom­men, seit 80 Jah­ren ver­sucht die an­tro­po­so­phi­sche Cam­phill-Be­we­gung Ar­beits­mo­del­le ne­ben der klas­si­schen Lohn­ar­beit in Le­bens­ge­mein­schaf­ten prak­tisch an­zu­wen­den, bei de­nen nicht das Pro­du­zie­ren im Vor­der­grund steht, son­dern das Ent­de­cken ei­ge­ner In­ter­es­sen und Mög­lich­kei­ten.

Und doch schei­nen all die­se Be­mü­hun­gen und Dis­kus­sio­nen, all die­se, teils sehr er­folg­rei­chen, Le­bens­mo­del­le und Ex­pe­ri­men­te um neue For­men der Ar­beit aus­zu­pro­bie­ren, nichts an un­se­rer Sicht auf Ar­beit, ins­be­son­de­re auf die Stel­lung von Lohn­ar­beit, ge­än­dert zu ha­ben. Wir ha­ben es in den letz­ten 15, 40 oder 80 Jah­ren, in de­nen wir über neue For­men der Ar­beit nach­den­ken, nicht ge­schafft uns von ei­ner über­kom­me­nen, über 2000 Jah­re al­ten Vor­stel­lung von Ar­beit zu lö­sen.

Ein paar Jah­re nach Chris­ti Ge­burt schrieb der Apos­tel Pau­lus ei­nen Brief, in dem er un­ter an­de­rem schrieb: „Wer nicht ar­bei­ten will, der soll auch nicht es­sen.“ Die­se Vor­stel­lung von Ar­beit hat sich auf eine äus­serst bor­nier­te und bi­got­te Art im Ge­we­be un­se­rer Ge­sell­schaft fest­ge­fres­sen. Als Franz Münte­fe­ring noch Vi­ze­kanz­ler war, be­haup­te­te er so­gar ein­mal, dass die­ser Bi­bel­vers ein „ganz al­ter Spruch in der So­zi­al­de­mo­kra­tie“ sei. Ge­nau be­trach­tet dürf­te die­ser Spruch eine ganz al­ter Ge­dan­ke in un­ge­fähr al­len po­li­ti­schen Strö­mun­gen sein, ganz be­son­ders be­liebt ist die­se An­sicht aber aus­ge­rech­net in der SPD. An­drea Nah­les pf­lich­te­te ih­rem ehe­ma­li­gen Chef kürz­lich bei, als sie sämt­li­chen Al­ter­na­ti­ven zur Lohn­ar­beit in ei­nem ein­zi­gen Satz pau­schal eine Ab­sa­ge er­teil­te: „Die SPD steht für ein Recht auf Ar­beit — und nicht für be­zahl­tes Nichts­tun“.

Die Gest­rig­keit der SPD ist na­tür­lich nur eine Re­fle­xi­on der Sicht, die die Mehr­heit der Deut­schen auf Ar­beit hat. Un­se­re ge­samt­ge­sell­schaft­li­che In­ter­pre­ta­ti­on von Pau­lus’ Spruch lässt kaum Spiel­raum: wer für sei­ne Ar­beit kein Geld be­kommt, also kei­ner ge­re­gel­ten Lohn­ar­beit nach­geht, tut nichts und taugt nichts. Die Ver­lo­gen­heit die­ser In­ter­pre­ta­ti­on zeigt sich bei un­se­rem Blick auf Ar­beit, die nicht in Form von Lohn­ar­beit or­ga­ni­si­ert ist: Haus­ar­beit, Care-Ar­beit oder zum Bei­spiel künst­le­ri­sche Ar­beit. Ver­su­che Haus­halts­ar­bei­ten wie Kin­der­er­zie­hung, Wä­sche­wa­schen, Put­zen oder Ko­chen über­haupt als Ar­beit sicht­bar zu ma­chen oder gar zu ent­loh­nen, wer­den rou­ti­ne­mäs­sig mit öko­no­mi­schen Grün­den ab­ge­bü­gelt („Wer soll das denn al­les be­zah­len?“).

Ar­bei­ten, die aus dem Ras­ter der klas­si­schen Lohn­ar­beit fal­len, sind nicht nur für die SPD eine Art „Nichts­tun“. Sol­che Ar­bei­ten an­stän­dig zu be­zah­len oder als or­dent­li­che Ar­beit an­zu­er­ken­nen, scheint für uns als Ge­sell­schaft nicht in Fra­ge zu kom­men.

Das Pro­blem ist al­ler­dings, dass die Um­brü­che, die Dis­rup­tio­nen der klas­si­schen Ar­beits­be­rei­che, un­er­bitt­lich kommt. Wir wis­sen seit min­des­tens 40 Jah­ren, dass wir an­ge­sichts von im­mer weit­rei­chen­de­rer Au­to­ma­ti­sie­rung, Di­gi­ta­li­sie­rung und der Glo­ba­li­sie­rung nicht nur neue For­men des Zu­sam­men­le­bens und Zu­sam­men­ar­bei­tens fin­den müs­sen, son­dern auch, dass wir den Be­griff der Ar­beit neu den­ken müs­sen. Statt um­zu­den­ken und zu be­gin­nen die Ar­beits­welt um­zu­bau­en, ver­su­chen sich die USA un­ter Trump zu­rück in die „gu­ten, al­ten“ 50er Jah­re zu ka­ta­pul­tie­ren. In Deutsch­land schö­nen wir uns die Ar­beits­markt­zah­len, so wie VW sich die Ab­gas­wer­te über Soft­ware-Tricks ge­schönt hat. Auf die Idee et­was grund­le­gen­des zu ver­än­dern, kom­men wir of­fen­bar erst wenn’s brennt.

Dass es be­reits brennt, zei­gen un­ter an­de­rem die Gelb­wes­ten in Frank­reich. Trotz or­dent­li­cher Wirt­schafts­zah­len, von de­nen of­fen­bar nur et­was im obe­ren Drit­tel der Ge­sell­schaft hän­gen bleibt, ex­plo­die­ren in Frank­reich Pro­tes­te von Un­zu­frie­de­nen, Un­ter­pri­vi­le­gier­ten, von Men­schen die Ar­bei­ten, aber doch fürch­ten un­ter die Rä­der der Glo­ba­li­sie­rung und des Fort­schritts zu ge­ra­ten.

Wenn wir es als Ge­sell­schaft nicht schaf­fen un­ser Bild von Ar­beit zu über­den­ken, Struk­tu­ren oder Sys­te­me auf­zu­bau­en, die auf So­li­da­ri­tät und nicht nur auf Gier als trei­ben­de Wirt­schafts­kraft set­zen, bleibt New Work ein lee­res Schlag­wort, mit dem ein paar we­ni­ge gut aus­ge­bil­de­te Wis­sens­ar­bei­ter ihre gute alte (Büro-) Ar­beit ein biss­chen op­ti­mie­ren, an­ge­neh­mer ge­stal­ten und sich da­von auf New-Work-Kon­gres­sen ein­an­der vor­schwär­men.


Vol­le Kraft vor­aus (t3n 54)

felix schwenzel in t3n

Der Blick in die Zu­kunft fällt uns schwer, weil der Blick in fer­ne Zei­ten im­mer Re­fle­xi­on der Ge­gen­wart zeigt. Wir se­hen beim Blick nach vorn im­mer auch uns selbst. Wenn wir die Au­gen zu­sam­men­knei­fen, un­se­ren Blick ein biss­chen abs­tra­hie­ren, schaf­fen wir es ge­le­gent­lich, ei­nen flüch­ti­gen, un­ver­fälsch­ten Ein­druck von der Zu­kunft zu be­kom­men. Für so ei­nen abs­trak­ten Blick las­sen sich bei­spiels­wei­se Er­eig­nis­se oder Mus­ter aus der Ver­gan­gen­heit in die Zu­kunft pro­ji­zie­ren.

Wir wis­sen zum Bei­spiel, dass sich man­che Din­ge nie än­dern wer­den (Kla­gen über die Ju­gend, un­se­re Ab­hän­gig­keit von Tech­no­lo­gie). Au­ßer­dem kön­nen wir rote Fä­den im Ge­we­be der Mensch­heits­ge­schich­te er­ken­nen, die sich vom An­be­ginn der Zeit bis heu­te und wei­ter in die Zu­kunft zie­hen wer­den. Ei­ner die­ser ro­ten Fä­den ist Be­schleu­ni­gung, Del­ta v (Δv), oder ge­nau­er, die Än­de­rung von Ge­schwin­dig­keit. Durch Be­schleu­ni­gung, durch die Fä­hig­keit, Hand­lun­gen ein biss­chen schnel­ler aus­zu­füh­ren als Kon­kur­ren­ten, ha­ben Men­schen sich seit je­her evo­lu­tio­nä­re und wirt­schaft­li­che Vor­tei­le ver­schafft. Die Fä­hig­keit, uns schnel­ler von A nach B zu be­we­gen, hat uns zu Vor­tei­len ge­gen­über an­de­ren Tier­ar­ten ver­hol­fen und war spä­ter die Grund­la­ge von Im­pe­ri­en und po­li­ti­scher und wirt­schaft­li­cher Vor­herr­schaft.

Die Spa­ni­er – spä­ter die Eng­län­der – ver­dank­ten ihre Macht ih­ren See­flot­ten, mit de­nen sie sich schnel­ler (und frei­er) in der Welt be­we­gen konn­ten als ihre Nach­barn. Der Wohl­stand der mo­der­nen west­li­chen Welt und vor al­lem auch Deutsch­lands ba­siert zum gro­ßen Teil auf Mo­bi­li­täts­tech­no­lo­gien, die es je­dem Ein­zel­nen er­mög­li­chen, sich im­mer schnel­ler von A nach B zu be­we­gen.

Die­se ein­fa­che, vor­her­seh­ba­re Be­schleu­ni­gungs­ten­denz hat al­ler­dings auch schwer vor­her­seh­ba­re Fol­gen für die Welt. Die Spa­ni­er ha­ben im 17. Jahr­hun­dert halb Süd­eu­ro­pa ent­wal­det, um mit ih­ren Schif­fen schnel­ler um die Welt zu kom­men. Wir ha­ben gro­ße Tei­le des Bo­dens ver­sie­gelt und er­wär­men das Kli­ma mas­siv, um schnel­ler an­ders­wo­hin zu kom­men. Un­se­re Fä­hig­keit, ein­an­der im­mer schnel­ler und ein­fa­cher zu tö­ten, ist nicht nur eine Grund­la­ge un­se­res Wohl­stands, son­dern zu­gleich auch ein Bei­spiel da­für, wie wir ge­sell­schaft­lich ver­su­chen, die Fol­gen des Del­ta v, der ra­sen­den Tech­no­lo­gie­ent­wick­lung, ab­zu­fe­dern. Zu­min­dest in den letz­ten 70 Jah­ren gab es gro­ße, teil­wei­se er­folg­rei­che Be­mü­hun­gen, den Frie­den trotz wach­sen­der Tö­tungs­ar­se­na­le durch Ab­kom­men, Han­del und Ach­tung be­waff­ne­ter Kon­flik­te zu si­chern.

Ein be­son­ders kras­ses Del­ta v ha­ben wir in den letz­ten 30 Jah­ren im Be­reich der Di­gi­ta­li­sie­rung er­lebt. Auf Grund­la­ge von im­mer schnel­le­ren und ef­fi­zi­en­te­ren Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gien sind neue Im­pe­ri­en ent­stan­den und die Fol­gen die­ser Um­brü­che, die Zer­stö­rungs­kraft der noch kürz­lich ge­fei­er­ten Dis­rup­ti­on, wer­den uns lang­sam be­wusst. An den Pro­ble­men, die der ra­san­te Fort­schritt der Di­gi­ta­li­sie­rung und Ver­net­zung uns ein­ge­brockt ha­ben, ver­zwei­feln vor al­lem Pio­nie­re der Tech­no­lo­gie. Wer hät­te ge­dacht, dass Tech­no­lo­gien, die Men­schen nä­her­brin­gen, ver­net­zen, er­mäch­ti­gen soll­ten, zu so viel Hass, Spal­tung, Kon­flik­ten und ei­nem Wie­der­auf­flam­men des Fa­schis­mus füh­ren wür­den?

Das Mus­ter, der rote Fa­den, ist im Prin­zip be­stür­zend: Wir schaf­fen und ver­bes­sern Tech­no­lo­gien, mit de­nen wir un­ser Le­ben bei­spiel­los be­schleu­ni­gen, be­que­mer und güns­ti­ger ge­stal­ten kön­nen. Ma­chen sich ne­ga­ti­ve Fol­gen die­ser Be­schleu­ni­gung be­merk­bar, ver­su­chen wir tech­no­lo­gisch und ge­sell­schaft­lich ge­gen­zu­steu­ern – un­ter an­de­rem mit mehr, mit schnel­le­ren, mit bes­se­rer Tech­no­lo­gie.

Es ist nicht da­von aus­zu­ge­hen, dass sich das in na­her oder fer­ner Zu­kunft än­dert, auch weil wir Men­schen ohne Tech­no­lo­gie nur be­grenzt über­le­bens­fä­hig sind. Die­ser abs­trak­te Blick in die Zu­kunft ist na­tür­lich ziem­lich un­be­frie­di­gend.

Es gibt aber eine be­währ­te Tech­nik, ei­nen kon­kre­ten Blick in die nä­he­re Zu­kunft zu er­ha­schen: in­dem wir sie ge­stal­ten, oder uns zu­min­dest an ih­rer Ge­stal­tung be­tei­li­gen. Die Er­kennt­nis ist zwar tri­vi­al, aber wir den­ken viel zu sel­ten dar­an: Wir kön­nen die Zu­kunft durch un­ser Han­deln be­ein­flus­sen.

Mit an­de­ren Wor­ten: Frag nicht, was die Zu­kunft bringt, son­dern was du für die Zu­kunft tun kannst.