Geld oder Glück (t3n 72)

Der Drogerieunternehmer Dirk Roßmann, einer der reichsten Deutschen, hat unlängst im Interview mit dem Spiegel die Frage beantwortet, wie man reich wird. Er sagte unter anderem: „Sie müssen schon reich werden wollen.“ Es sei wichtig, dass man sich für Geld interessiere und dafür, wie wirtschaftliche Zusammenhänge funktionieren.
Für wirtschaftliche Zusammenhänge habe ich mich nie wirklich interessiert – und sie ehrlich gesagt auch nie ganz verstanden. Mich trieben in meiner Kindheit und Jugend ganz andere Fragen um. Warum wurde Rumpelstilzchen so wütend, wie parke ich meinen lenkbaren Spielzeugtraktor mit Anhänger rückwärts ein, warum ist Salz so salzig? Mein (kindliches) Desinteresse führte dazu, dass meine Vorstellung von Geld eher naiv war. Mir war schon klar, dass man es gelegentlich brauchte, wenn man etwas haben wollte. Zehnpfennigstücke zum Beispiel, um Hartplastikkugeln mit saurer Brause aus Kaugummiautomaten zu ziehen. Der Bäcker mit seinen Rosinenbrötchen, der Italiener mit seinen Eiskugeln – alle wollten sie Geld haben. Meine Eltern hatten immer Geld dabei, und wenn ich freundlich fragte, gaben sie mir meist etwas davon. Ab einem bestimmten Alter bekam ich sogar regelmäßig ein bisschen Geld zur eigenen Verwendung.
So richtig interessant oder faszinierend fand ich Geld trotzdem nie und dachte auch nicht viel darüber nach. Was mich allerdings wunderte: Obwohl meine Eltern regelmäßig darüber redeten, „kein Geld“ zu haben, hatten sie immer welches. Meine Mutter hatte sogar einen Block, mit dessen Blättern sie bezahlen konnte, indem sie einfach einen Betrag draufschrieb. Spätestens als ich das sah, hörte ich auf, das Geldgejammer meiner Eltern ernst zu nehmen, und beschloss, ich müsse mir nie Gedanken um Geld machen. Wenn man als Erwachsener solche „Eurocheques“ bekommt – warum sollte man sich dann sorgen?
Ich vermute, dass dieses naive Verständnis weiterhin tief in meinem Inneren verankert ist. Und ich weiß natürlich auch, dass ich privilegiert aufgewachsen bin. Auch wenn meine Eltern sich (zu recht oder unrecht) ums Geld sorgten, hatte ich nie finanziell bedingte Existenzängste. Vielleicht auch, weil ich in meiner Jugend in den 80ern so viele andere Existenzängste hatte: wegen eines möglichen Atomkrieges, des Waldsterbens, der Schule.
Kurz nachdem ich das Interview mit Dirk Roßmann gelesen hatte, fand ich im Internet einen Ratschlag des Musikers Nick Cave an den 13-jährigen Ruben aus Melbourne, Australien. Ruben hatte gefragt, wie man es schaffen könne, sich in einer Welt „voller Hass und Ungleichheit“ zu seinem vollen Potenzial zu entwickeln. Nick Cave empfahl ihm, nicht etwa reich zu werden, sondern grenzenlos neugierig sein zu wollen. Ruben solle das Staunen über die Welt zu einer Lebensgewohnheit machen und das tun, was ihm Spaß mache, seinen kreativen Neigungen nachgehen und die Welt mit positiver, „schelmischer“ Energie bereichern.
Dirk Roßmann hat in seinem Interview hingegen davon gesprochen, dass er es für Blödsinn halte, sein Leben danach auszurichten, was Spaß mache. Das sei der Grund, warum es so viele unglückliche, schlecht bezahlte Schauspieler gebe. Man solle in seinem Leben nicht das finden, was Spaß macht, sondern das, worin man gut sei.
Auch wenn Cave und Roßmann offenbar das Verständnis für den jeweils anderen Lebensentwurf fehlt und der eine sich mehr Künstler, der andere mehr Installateure in der Welt wünscht, glaube ich, dass beide recht haben – und beinahe das Gleiche meinen. Sie könnten sich sicherlich auf die Formel einigen, dass man lebenslang neugierig nach Inspiration suchen und nie damit aufhören sollte, die Zusammenhänge der Welt verstehen zu wollen und die eigenen Potenziale zu entfalten.
Witzigerweise haben beide Lebensentwürfe, die Cave und Roßmann beschreiben, nicht den besten Ruf. Wer Künstler werden will, muss sich aus der „gesellschaftlichen Mitte“ ständig anhören, dass es besser wäre, „was Anständiges“ zu lernen. Und Reichtum gilt in Deutschland auch irgendwie als unanständig. Dabei können beide Lebensentwürfe der Gesellschaft einiges zurückgeben und sie voranbringen.
Am Ende ist es aber wahrscheinlich egal, welchen Weg man wählt. Hauptsache, man ist auf dem Weg – denn der ist ja bekanntermaßen das Ziel.