Der Weg durchs Problem ist das Ziel (t3n 65)
Ich war die ersten zehn Jahre meiner Schullaufbahn ein schlechter Schüler. Möglicherweise weil ich nie eingesehen habe, was es bringen soll Regeln, Vokabeln oder historische Jahreszahlen auswendig zu lernen. Ich war offenbar schon als Schüler der Meinung, dass Lernerfolge sich von ganz alleine einstellen. Was wichtig ist ergibt sich von selbst, Regeln erschliessen sich durch Beobachtung, Vokabeln ergeben sich aus dem Zusammenhang.
Im Prinzip lag ich, glaube ich heute, mit dieser Einschätzung nicht ganz falsch. In den ersten zehn Jahren Schule fehlten mir allerdings die richtigen Werkzeuge und der Antrieb um autonom zu lernen. Ich hörte zwar überall, dass ich nicht für die Schule oder die Noten lernte, die Schule fühlte sich aber trotzdem wie ein bürokratischer Selbstzweck und nicht wie ein Türöffner in unbekannte Welten an. Um meine Neugier auf die Welt zu wecken, standen mir in der Rückschau viele meiner Lehrer eher im Weg, als mir zu helfen.
Neugier wecken ist weder bei Heranwachsenden noch ausgewachsenen Menschen einfach. Bei mir hat es erst Klick gemacht, als ich für ein Jahr auf eine amerikanische Highschool gewechselt bin. Dort bekam ich Aufgaben gestellt, die ich so aus Deutschland nicht kannte: suche dir ein Thema das dich interessiert und schreibe eine Semesterarbeit darüber. Arbeite dich in ein Thema so gut ein, dass du mit jemandem mit einem anderen Standpunkt öffentlich debattieren kannst.
Was mir half war mich nicht einfach zum Lernen anzuhalten, sondern meine Neugier und meine Eigeninitiative zu wecken. Vor komplexen Aufgaben zu stehen und selbständig lösen zu können befriedigte mich plötzlich. Zum ersten mal in meinem Leben wollte ich freiwillig vor Problemen stehen, um ein Ziel zu erreichen — und nicht weil es jemand von mir verlangte.
Anders gesagt, ich lernte dass Aufgaben oder Probleme die sich vor einem auftürmen um gelöst zu werden, als etwas positives zu sehen. Aufgaben und Probleme die sich einem stellen sind keine Schikane, sondern Wege zu mehr Wissen und Kompetenz.
Neugier hilft bei der Konfrontation mit Problemen. Sie drängt einen zu einer Art Problem-Affinität, zum Abarbeiten von Problemen, weil das Abarbeiten an Problemen befriedigt und Wissen akkumuliert. Meine Schwiegermutter hat sich kürzlich (wahrscheinlich nicht zum ersten mal) ein 5000 Seiten dickes Sudoku-Rätselbuch gekauft. In den letzten Monaten hat sie es zur Hälfte durchgearbeitet. Ich gehe fest davon aus, dass sie das Rätsel-, bzw. das mikrodosierte Problemlösen, tief befriedigt, obwohl hinter jeden Problem, hinter jedem Rätsel, ein neues wartet. So wie im echten Leben hinter jedem gelösten Problem ein Haufen neuer Probleme wartet.
Ich bin jetzt nicht mehr der jüngste und hatte Zeit zu beobachten dass es neben dem Tod eine weitere todsicher Konstante gibt: Aufgaben und Probleme türmen sich das ganze Leben lang vor einem auf — egal was man tut — sie sind unausweichlich. Sich davon weder die gute Laune, noch die Neugier auf das was hinter den Problemen liegt (Spoiler: noch mehr Probleme) verderben zu lassen hilft mindestens gegen Stillstand, Grumpiness und altersbedingte Starrköpfigkeit.
Das hört sich wie eine selbst für meine Verhältnisse sehr steile These an, aber ich glaube tatsächlich, dass Neugier gegen Obercheckertum hilft. Oder umgekehrt, dass verdörrende Neugier, der Irrglaube man habe ausgelernt, mit ein Grund dafür sind dass Boomer so verhasst sind — oder dass viele Menschen gar nicht wissen was Boomer sind.
Beruhigend finde ich auch die Erkenntnis, dass es kaum ein Problem gibt, das nicht schon mal gehabt worden ist. Je mehr man liest, je mehr man sieht, je mehr man neugierig, mit offenen Augen durch die Welt geht, desto deutlicher wird, dass die eigenen Probleme wenig exklusiv sind. Von Problemen (und Lösungen) Anderer zu lernen, hilft die Einstellung zu den eigenen Problemen zu justieren und den eigenen Wissensstand zu relativieren.
Vielleicht ist das das einzige was wir im Leben wirklich lernen müssen: sich auftürmende Aufgaben und Probleme als Freudenspender ansehen zu können. Unterwegs, beim Problemlösen, optimalerweise getrieben von optimistischer Neugierde, lernt man alles andere. Der Weg durchs Problem ist das Ziel.
diese kolumne ist im august 2021 in der t3n 65 und auf t3n.de erschienen.