Der Weg ist der Weg (t3n 58)

Viele Menschen sagen ja, der Weg sei das Ziel. Das stimmt natürlich nur bedingt. Wenn man auf dem Weg zur Arbeit ist, will man in der Regel nichts anderes, als zur Arbeit zu kommen und möglichst nicht über den Weg nachdenken. Wenn ich aber über diesen Spruch nachdenke, erkenne ich meinen Arbeitsweg als eine der wenigen Gelegenheiten in meinem Alltag, mich überhaupt zu bewegen oder körperlich zu betätigen.
Es gibt ja nicht wenige Menschen, die ihre körperlichen Aktivitäten, die Arbeit und den Weg dorthin entkoppeln. Sie stehen extra früh auf und laufen („joggen“) um ihren Wohnort herum, um sich dann wieder über mehr oder weniger viele Kilometer hinweg bewegungslos dasitzend in rollenden Stahlkästen zur Arbeit bringen zu lassen.
Ich habe mich schon immer gefragt: Warum laufen die Menschen um ihren Wohnort herum, warum fahren Menschen in Fitnessstudios und rennen dort auf Bändern oder fahren auf festgeschraubten Rädern, statt direkt zur Arbeit (und zurück) zu laufen oder Fahrrad zu fahren?
Ja, ja, ich weiß: Es kann sein, dass der Weg zur Arbeit einfach zu weit ist, es kann sein, dass es am Arbeitsplatz keine Möglichkeit gibt, sich umzuziehen oder zu duschen. Es kann sein, dass die meisten Menschen immer noch Sport und Arbeit sauber voneinander trennen wollen, auch wenn die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit zunehmend verschwimmen.
Der Neurowissenschaftler Shane O’Mara meint übrigens, dass unsere Gehirne dann am besten funktionieren, wenn wir in Bewegung sind. Unsere (und alle anderen) Gehirne hätten sich entwickelt, damit wir uns bewegen können, damit wir jagen, weglaufen, flüchten, migrieren oder zur Arbeit gehen können. Unsere Körper wurden konstruiert, um sich zu bewegen – nicht, um am Computer zu sitzen.
Im Prinzip sind wir Menschen perfekte biologische Laufmaschinen, deren kognitive und kreative Fähigkeiten beim Gehen zu Höchsttouren auflaufen. Friedrich Nietzsche ging sogar so weit, zu behaupten, dass „nur die ergangenen Gedanken“ Wert hätten.
Seitdem ich in Festanstellungen in Büros arbeite, beinhaltete mein Weg zur Arbeit immer auch längere Fußwege. Das größte Stück des Arbeitsweges lege ich mit der Bahn zurück, die letzten zwei bis drei Kilometer Anschlussstrecke laufe ich.
Seit ich diese gegangenen Arbeitswege elektronisch mit einer Smartwatch erfasse, sehe ich auch, dass ich mit diesen Fußstrecken mein Aktivitäts-Minimum erfülle. Die Uhr ordnet die Wege von der U-Bahn zur Arbeit als „Training“ ein, weil sich meine Herzfrequenz dabei ein bisschen erhöht.
Was meine Armbanduhr allerdings nicht messen kann, ist die Denkarbeit, die ich zu Fuß auf dem Weg zur (oder von der) Arbeit erledige. Meistens denke ich aus Versehen über den kommenden Arbeitstag nach, strukturiere ihn (manchmal unbewusst) ein bisschen vor oder rekapituliere.
Gerade weil mir diese Wege Gelegenheit geben, nachzudenken, mich zu sammeln und ich die Welt, die Jahreszeiten oder Veränderungen auf dem Arbeitsweg beobachten kann, habe ich sie nie als Belastung empfunden. Im Gegenteil, die Vorstellung, dass ich den Gang ins Fitnessstudio spare, weil ich ein paar Haltestellen früher aussteige und auf den Bus verzichte, befriedigt meinen Effizienz-Fetisch.
So mag ich dann auch die Effizienz des Gehens: Es bringt den Geist auf Touren — den Kreislauf auch ein bisschen —, spart potenziell den Umweg ins Fitnessstudio und lässt sich prima in den Alltag integrieren. Und Nietzsche befürwortete es.
Warum also auf dem Arbeitsweg nicht ein paar Haltestellen vorher aussteigen? Warum das Auto nicht zwei, drei Kilometer von der Arbeit entfernt parken? Warum nicht mit dem Fahrrad zur Arbeit? Warum beim Arbeitgeber nicht auf die Einführung von Umkleideräumen und Duschen drängen?
Der Weg zur Arbeit ist nicht das Ziel, aber vielleicht ein Weg, etwas mehr Bewegung und Gesundheit in den Büroalltag zu bringen.