Fan­ta­sie statt Head­set (t3n 67)

felix schwenzel in t3n

Man­che Tech­no­lo­gien schlum­mern sehr lan­ge, bis sie Main­stream wer­den. Gin­ge es nach den Mar­ke­ting­ab­tei­lun­gen gro­ßer Te­le­kom­un­ter­neh­men, wäre Vi­deo­te­le­fo­nie schon zu Zei­ten von ISDN der hei­ße Scheiß ge­we­sen. Tat­säch­lich hat sich aber bis zur Pan­de­mie kaum je­mand ernst­haft da­für in­ter­es­si­ert. Eben­so sind auch in Echt­zeit ge­r­en­der­te drei­di­men­sio­na­le Vi­sua­li­sie­run­gen – VR oder Vir­tu­al Rea­li­ty – jahr­zehn­te­lang kaum aus ih­rer Ni­sche ge­kom­men. In be­stimm­ten Spe­zi­al­ge­bie­ten oder tech­ni­schen An­wen­dun­gen wie Ar­chi­tek­tur­vi­sua­li­sie­rung, bei der Spe­zi­al­ef­fek­te-Pro­duk­ti­on für die Film­in­dus­trie oder bei Com­pu­ter­spie­len hat VR in den letz­ten 30 oder 40 Jah­ren be­ein­dru­cken­de Fort­schrit­te ge­macht. Aber au­ßer­halb die­ser Ni­schen sind die meis­ten Men­schen wei­ter­hin mit fla­chen oder leicht ge­krümm­ten Bild­schir­men ganz zu­frie­den und kön­nen auch ohne VR-Head­set in die Welt von Can­dy Crush oder vir­tu­el­len Ge­mein­schaf­ten ein­tau­chen. Es gibt so­gar Men­schen, die sich ganz ohne Com­pu­ter­un­ter­stüt­zung in aus­ge­dach­ten, vir­tu­el­len Wel­ten ver­lie­ren kön­nen — in­dem sie ein Buch auf­schla­gen oder den Fern­se­her ein­schal­ten.

Die Ob­ses­si­on der Un­ter­hal­tungs­in­dus­trie, dem Pu­bli­kum ihre Pro­duk­te drei­di­men­sio­nal zu prä­sen­tie­ren, ist le­gen­där und seit min­des­tens 60 Jah­ren im­mer wie­der am mas­si­vem Des­in­ter­es­se der Ziel­grup­pe ge­sch­ei­tert. Mir fällt nur ein er­folg­rei­ches Bei­spiel der Trans­for­ma­ti­on von Fan­ta­sie­wel­ten in eine drei­di­men­sio­na­le, vir­tu­el­le Welt ein: Dis­ney­land. Eine per­fek­te, vir­tu­el­le Welt, die ohne 3D-Bril­le oder VR-Head­set er­fahr­bar ist und seit fast 70 Jah­ren funk­tio­niert.

Die drei­di­men­sio­na­le Prä­sen­ta­ti­on von Film- oder Fern­seh­pro­duk­tio­nen hat bis­her nicht so gut funk­tio­niert. Zäh­ne­knir­schend er­kennt die Un­ter­hal­tungs­in­dus­trie, dass in der Pan­de­mie au­ßer ein paar Nerds kaum je­mand IMAX-3D-Ki­nos ver­misst und die meis­ten Men­schen ganz zu­frie­den sind, wenn sie Fil­me zu Hau­se ge­nie­ßen — ohne Arm­leh­nen­kämp­fe oder knis­tern­de Sitz­nach­barn. Plötz­lich brö­ckelt so­gar das ex­klu­si­ve Ver­mark­tungs­fens­ter der Ki­nos, und selbst Block­bus­ter sind am Start­tag auch le­gal zu Hau­se her­un­ter­lad­bar. Trotz­dem wol­len jetzt auch Si­li­con-Val­ley-Fir­men ei­nen An­lauf wa­gen, um ihre Pro­duk­te – sprich: Wer­bung, Markt­plät­ze – drei­di­men­sio­nal zu prä­sen­tie­ren. Al­len vor­an Face­book/Meta/Ocu­lus mit wahr­schein­lich sehr ho­hen In­ves­ti­tio­nen und ei­ner Neu­aus­rich­tung der Fir­ma aufs Wel­ten­bau­en. Ich habe mir für die­se Ko­lum­ne die Prä­sen­ta­ti­on von Me­tas Vor­stel­lun­gen die­ses Me­ta­ver­sums an­ge­schaut und fühl­te mich an die dunk­le Zeit des In­ter­nets er­in­nert, in der man auf vie­len Web­sites von ei­ner Tech­no­lo­gie aus der Höl­le emp­fan­gen wur­de: Flash.

Flash war mal dazu ge­dacht, Ani­ma­ti­on ins In­ter­net zu brin­gen. Ge­nutzt wur­de es, um Be­nut­zer mit selbst aus­ge­dach­ten, un­prak­ti­schen Be­dien-Schnitt­stel­len, gräss­li­chen Ani­ma­tio­nen oder Mu­sik­be­schal­lung in den Wahn­sinn zu trei­ben. „Flash-Web­sites“ wa­ren nicht nur um­ständ­lich zu be­die­nen und ver­ur­sach­ten Au­gen- und Oh­ren­krebs, sie wa­ren auch nicht rich­tig ver­link- und such­ma­schi­nen­in­de­xier­bar. Sie ent­spra­chen eher dem nar­ziss­ti­schen Geist der CD-ROM statt des In­ter­nets.

Mark Zu­cker­berg geht of­fen­bar – wie da­mals vie­le Flash-De­si­gner – da­von aus, dass das In­ter­net mit ei­ner pseu­do-plas­ti­schen Be­dien­ober­flä­che bes­ser wer­den kön­ne. Er er­weckt den Ein­druck, dass man die Pro­ble­me so­zia­ler Netz­wer­ke in 3D bes­ser lö­sen wol­le und kön­ne als in den be­ste­hen­den fla­chen Netz­wer­ken.

Als Zu­cker­berg in sei­ner Prä­sen­ta­ti­on be­haup­te­te, dass man im Me­ta­ver­se ein ein­zig­ar­ti­ges Ge­fühl von Prä­senz er­le­ben kön­ne – „Man be­kommt den Ein­druck, man sei wirk­lich mit an­de­ren Men­schen dort“ – frag­te ich mich: Ist das nicht ge­nau das, was das In­ter­net seit je­her aus­macht? Dass es Nähe und Prä­senz ver­mit­telt, Men­schen über die Di­stanz ver­bin­det und in frem­de Wel­ten ein­tau­chen lässt?

Ich glau­be, das Me­ta­ver­sum ist schon lan­ge da – plas­tisch und im­mersiv: „Als sei man mit an­de­ren Men­schen dort.“ So ins Netz ein­zu­tau­chen, ge­lingt den meis­ten Men­schen ganz ohne Head­sets, 3D-Bril­len oder Da­ten­hand­schu­he, nur mit ein biss­chen Fan­ta­sie.

Oder an­ders ge­sagt: Ich glau­be, es wird ver­dammt schwer, den Main­stream zum Tra­gen von VR-Head­sets zu be­we­gen, um Zu­gang zu Zu­cker­bergs Meta-Dis­ney­land zu er­lan­gen.