Reis­ko­cher hel­fen nicht beim Kli­ma­wan­del (t3n 66)

felix schwenzel in t3n

Ich ver­su­che aus­ge­spro­chen ger­ne mei­ne Pro­ble­me mit Tech­no­lo­gie zu lö­sen. Reis­ko­chen zum Bei­spiel. Im Koch­topf ist mir das nie zu­ver­läs­sig ge­lun­gen. Mal wur­de der Reis pam­pig, mal brann­te er an. Im Reis­ko­cher klappt’s im­mer. Un­ser Reis­ko­cher ist ex­trem bil­lig und low-tech, aber un­fass­bar klug ge­baut. Egal wie viel oder wie we­nig Reis und Was­ser im Topf sind: So­bald das Was­ser ver­kocht ist, springt der Reis­ko­cher in den Warm­hal­te­mo­dus, weil der Me­tall-Nüp­sel in der Mit­te des Reis­ko­chers bei Tem­pe­ra­tu­ren über 100 Grad sei­ne ma­gne­ti­schen Ei­gen­schaf­ten ver­liert und vom Koch­mo­dus in den Warm­hal­te­mo­dus klackt.

Trotz mei­ner un­bän­di­gen Tech­no­lo­gie­be­geis­te­rung bin ich si­cher, dass we­der Tech­no­lo­gie noch un­se­re in­di­vi­du­el­len Kon­sum­entsch­ei­dun­gen al­lein die Pro­ble­me der Welt lö­sen oder ge­gen den Kli­ma­wan­del hel­fen.

Das Nar­ra­tiv, dass in­di­vi­du­el­les Ver­hal­ten oder tech­no­lo­gi­sche Lö­sun­gen ent­sch­ei­dend bei der Lö­sung der Pro­ble­me der Welt sind, ist al­ler­dings be­liebt und weit ver­brei­tet – auch dank un­er­müd­li­cher Lob­by- und Öf­fent­lich­keits­ar­beit der In­dus­trie. Die Au­to­in­dus­trie war bei die­ser Art der PR erst­mals vor 100 Jah­ren ein Vor­rei­ter, um ei­ner­seits Re­gu­lie­rung ab­zu­wen­den und sich an­de­rer­seits aus der Ver­ant­wor­tung für Ver­kehrs­to­te her­aus­zu­win­den.

Das Kon­ter-Nar­ra­tiv der PR- und Lob­by-Ma­schi­ne der Au­to­in­dus­trie lau­te­te: Nicht Au­tos tö­ten, son­dern un­vor­sich­ti­ge Fuß­gän­ger sei­en für die sprung­haft ge­stie­ge­nen Ver­kehrs­to­ten ver­ant­wort­lich. Statt per Ge­setz den Au­to­ver­kehr ein­zu­schrän­ken, wur­den zum Bei­spiel über­all in Ame­ri­ka Ge­set­ze ver­ab­schie­det, die es ver­bo­ten, Stra­ßen zu über­que­ren – au­ßer an Fuß­gän­ger­über­we­gen.

Das Nar­ra­tiv wirkt bis heu­te. Statt zum Bei­spiel eine si­che­re Fahr­rad­weg-In­fra­struk­tur auf­zu­bau­en, ver­an­stal­tet das deut­sche Ver­kehrs­mi­nis­te­ri­um Blend­feu­er­wer­ke, in de­nen die Nut­zung von Sturz­hel­men zur Er­hö­hung der Fahr­rad-Si­cher­heit pro­pa­giert wird. So als ob es nicht Au­tos oder LKW sei­en, die Fahr­rad­fah­rer tö­ten, son­dern de­ren Un­acht­sam­keit oder ein feh­len­der Helm.

Der durch­schla­gen­de Er­folg die­ser PR-Stra­te­gie wur­de von an­de­ren In­dus­trie­zwei­gen ko­piert: Die Waf­fen­in­dus­trie trom­pe­tet bis heu­te die Er­zäh­lung in die Welt, dass nicht etwa Waf­fen tö­ten, son­dern Men­schen. Auch die Kunst­stoff­in­dus­trie – ein Zweig der Öl­in­dus­trie – kann seit Jahr­zehn­ten un­ge­bremst die Kunst­stoff­pro­duk­ti­on stei­gern, weil sie es schaff­te, das Müll­pro­blem als ein Pro­blem von un­ver­ant­wort­li­chen In­di­vi­du­en dar­zu­stel­len, die ih­ren Plas­tik­müll ein­fach in die Land­schaft wer­fen. Als die­se Er­zäh­lung nicht mehr griff, wur­de uns er­zählt, dass eine ma­gi­sche Tech­no­lo­gie na­mens „Re­cy­cling“ die Lö­sung ge­gen Plas­tik­müll­ber­ge sei. Auch hier wa­ren dann wie­der Ein­zel­ne, die den Müll nicht or­dent­lich trenn­ten oder ihre Jo­ghurt-Be­cher nicht sau­ber spül­ten, schuld, dass die Re­cy­cling-Milch­mäd­chen­rech­nung nicht auf­ging.

Lang­sam dreht sich al­ler­dings der Wind. In der Öf­fent­lich­keit reift die Er­kennt­nis, dass nicht bes­se­re Helm­tech­no­lo­gie das Fahr­rad­fah­ren si­che­rer macht, son­dern dass da­für der Au­to­ver­kehr zu­rück­ge­drängt oder ein­ge­hegt wer­den muss.

So­wohl beim Plas­tik­pro­blem als auch der Kli­ma­kri­se mer­ken im­mer mehr Men­schen, dass tech­no­lo­gi­sche Heils­ver­spre­chen oder in­di­vi­du­el­le Kon­sum­entsch­ei­dun­gen al­lein nicht hel­fen, son­dern nur ent­schlos­se­ne po­li­ti­sche Ent­sch­ei­dun­gen – und grund­le­gen­de ge­sell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen.

Tech­no­lo­gie hat uns jahr­hun­der­te­lang das Le­ben be­que­mer und si­che­rer ge­macht – und das Reis­ko­chen er­leich­tert – aber auch vie­le der Pro­ble­me, die wir jetzt ha­ben, über­haupt erst be­schert. So sehr ich an der Hoff­nung fest­hal­ten möch­te, dass Tech­no­lo­gie bei der Lö­sung mei­ner und der Pro­ble­me der Welt hel­fen könn­te, so si­cher bin ich auch, dass Tech­no­lo­gie al­lei­ne nicht hel­fen wird. Wich­ti­ger dürf­te sein, dass wir uns stär­ker po­li­ti­sie­ren, nicht mehr von den PR-Nar­ra­ti­ven der In­dus­trie aus dem Tritt brin­gen las­sen und die Heils­ver­spre­chen der Tech­no­lo­gie skep­ti­scher be­trach­ten.

An­ders ge­sagt, frei nach Ken­ne­dy: „Fra­ge nicht, was du oder Tech­no­lo­gie ge­gen den Kli­ma­wan­del tun kön­nen, son­dern was dein Land ge­gen den Kli­ma­wan­del tun kann.“