Mach es selbst! (t3n 75)

felix schwenzel in t3n

In Bo­lo­gna isst man kei­ne Spa­ghet­ti Bo­lo­gne­se. Das Ragù alla Bo­lo­gne­se wird in Bo­lo­gna aus­schließ­lich mit Ta­glia­tel­le ser­viert — und zwar am bes­ten frisch mit Ei ge­macht, mit ei­ner rau­en Ober­flä­che, da­mit die Sau­ce sich ap­pe­tit­lich an die Nu­deln schmiegt. Vie­len Men­schen sind sol­che In­for­ma­tio­nen wich­tig. Sie wol­len wis­sen, wie die ein­zig wah­ren Nu­deln alla Bo­lo­gne­se her­zu­stel­len sind, oder wie man ech­tes Su­shi, ori­gi­nal Sa­cher­tor­te oder tra­di­tio­nel­len nord­deut­schen Labs­kaus macht. Ich fin­de sol­che Fra­gen hin­ge­gen völ­lig un­in­ter­es­sant. In­ter­es­sant ist für mich zu ver­ste­hen, wie man es macht — um es dann selbst zu ma­chen.

Des­halb hal­te ich auch nichts von Er­näh­rungs­tipps: Beim Es­sen geht es nicht um rich­tig oder falsch oder gar um Per­fek­ti­on, son­dern ums Sel­ber­ma­chen. Und die­ses Sel­ber­ma­chen, das Ko­chen, hat über die Zeit eine ganz ei­ge­ne Dy­na­mik ent­wi­ckelt. Seit ich mich für Zu­ta­ten und Roh­stof­fe und die Fra­ge, was man dar­aus ma­chen kann, in­ter­es­sie­re, be­fin­de ich mich in ei­ner Art po­si­ti­ven, sich selbst ver­stär­ken­den Kreis­lauf. Aus ein biss­chen Neu­gier wur­de mit wach­sen­der Er­fah­rung und ver­mehr­ten Er­folgs­er­leb­nis­sen ir­gend­wann un­bän­di­ge Neu­gier. Dass sich die­se Neu­gier heut­zu­ta­ge dank In­ter­net, Fern­seh- und You­Tube-Kö­chen und fan­tas­ti­schen Re­zept­bü­chern vor­treff­lich be­frie­di­gen lässt, ver­stärkt den po­si­ti­ven Kreis­lauf ums Es­sen im­mer mehr.

Der Witz da­bei: Das gilt für al­les, was man selbst macht. Es hört sich wie eine Bin­sen­weis­heit an (ist es wahr­schein­lich auch), aber rei­ner Kon­sum be­frie­digt auf Dau­er nicht — Sel­ber­ma­chen schon.

Sel­ber­ma­chen sieht von au­ßen müh­se­lig und an­stren­gend aus, aber von in­nen be­trach­tet ist es pure Selbst­be­frie­di­gung. Wer et­was selbst macht, er­fährt und lernt zwangs­läu­fig, wie die Din­ge funk­tio­nie­ren und wie die ein­zel­nen Kom­po­nen­ten zu­sam­men­spie­len. Die­ser Neu­gier­kreis­lauf be­lohnt – im­mer aufs Neue – mit Din­gen, auf die man stolz sein kann, die man be­nut­zen oder es­sen kann — und die man nicht nur auf In­sta­gram tei­len kann. Mit selbst­ge­mach­ten Din­gen ver­schafft man nicht nur sich selbst Glück, son­dern auch an­de­ren.

Das Tol­le am Sel­ber­ma­chen ist auch das Stau­nen über sich selbst und über die Din­ge, die man her­zu­stel­len in der Lage ist. Ich stau­ne vor al­lem des­halb über mich selbst, weil mich selbst die un­ver­meid­li­chen Miss­er­fol­ge nicht ent­mu­ti­gen oder ernst­haft frus­trie­ren. Auch hier scheint ein po­si­ti­ver, sich selbst ver­stär­ken­der Mo­ti­va­ti­ons­kreis­lauf am Werk zu sein – weil die Er­fah­rung zeigt, dass ir­gend­wann auch schwie­ri­ge­re Auf­ga­ben klap­pen.

Zu­sätz­lich er­fül­len Ko­chen und Ba­cken mich mit Stolz. Stolz, aus ein­fa­chen Din­gen et­was Kom­ple­xes her­stel­len zu kön­nen – über­haupt Din­ge her­stel­len zu kön­nen, die dann auch noch schme­cken, schön an­zu­se­hen sind oder prak­tisch sind. Ins­be­son­de­re das Ba­cken mit Sau­er­teig wirkt wie Ma­gie. Ich kann es je­des Mal kaum glau­ben, was man aus Was­ser, Salz und Mehl zau­bern kann.

Ste­ve Jobs hat ir­gend­wann ein­mal ge­sagt, wir sind hier, um klei­ne Del­len in der Welt zu hin­ter­las­sen. Neu­lin­ge krat­zen Nach­rich­ten auf ih­ren Schul­tisch oder an Klo­wän­de, um Del­len in der Welt zu hin­ter­las­sen, Pro­fis wis­sen, dass selbst­ge­mach­te Nu­deln, die man Freun­den oder sei­nen Liebs­ten ser­viert, eben­falls eine klei­ne Beu­le im Uni­ver­sum hin­ter­la­sen. Und die Del­len, die selbst­ge­mach­te Sau­er­teig­bro­te hin­ter­las­sen, duf­ten auch noch köst­lich. So sind Ko­chen und Sel­ber­ma­chen der bes­te Weg zur prak­ti­schen Welt­ver­bes­se­rung.