Sel­ber schuld! (t3n 70)

felix schwenzel in t3n

Als ich jung war, habe ich kurz in ei­nem Pfle­ge­be­ruf ge­ar­bei­tet. Heu­te, sagt man, sei ne­ben dem Hand­werk ge­ra­de in Pfle­ge­be­ru­fen der Fach­kräf­te­man­gel be­son­ders hoch. Ich war da­mals zwar kei­ne Fach­kraft, son­dern Zi­vil­dienst­leis­ten­der, aber rück­bli­ckend kann ich über­haupt nicht ver­ste­hen, war­um die Pfle­ge­bran­che un­ter Nach­wuchs­man­gel lei­det.

Na­tür­lich ver­ste­he ich im Prin­zip schon, war­um die Pfle­ge- oder Ge­sund­heits­bran­che un­ter ei­nem Fach­kräf­te­man­gel lei­det, ich lebe ja nicht un­ter ei­nem Stein und kann die land­läu­fi­ge Er­klä­rung leicht er­goo­geln: „nied­ri­ge Be­zah­lung und schlech­te Ar­beits­be­din­gun­gen“. Schlecht be­zahl­te Ar­beit, die un­be­frie­di­gend oder gar frus­trie­rend ist, führt lo­gi­scher­wei­se zu we­nig In­ter­es­sen­ten. Die Pfle­ge­ar­beit wäh­rend mei­nes Zi­vil­di­ens­tes war auch nicht be­son­ders gut be­zahlt, aber ich emp­fand sie als enorm be­frie­di­gend. Mir hat die Ar­beit so viel Spaß ge­macht, dass ich zwi­schen­zeit­lich so­gar An­flü­ge ei­nes schlech­ten Ge­wis­sens be­kam und lern­te: An­de­ren zu hel­fen, kann sich mit­un­ter an­füh­len wie ego­zen­tri­sche Selbst­be­frie­di­gung.

Das Ge­heim­nis mei­ner Zu­frie­den­heit wa­ren die Ar­beits­be­din­gun­gen oder ge­nau­er, die Le­bens­be­din­gun­gen, de­nen ich wäh­rend mei­nes Zi­vil­di­ens­tes aus­ge­setzt war. Das Le­ben in der „Le­bens­ge­mein­schaft“, in der ich mei­nen Zi­vil­dienst leis­te­te, war in Fa­mi­li­en or­ga­ni­si­ert, in de­nen er­wach­se­ne Be­hin­der­te mit Be­treu­ern zu­sam­men­leb­ten. Ich wohn­te in ei­nem die­ser Häu­ser und war Teil der Ge­mein­schaft. Mor­gens half ich de­nen, die Hil­fe bei der Mor­gen­toi­let­te brauch­ten, wir früh­stück­ten zu­sam­men und alle gin­gen den Tag über ar­bei­ten; in ei­ner der Werk­stät­ten, in den Häu­sern, im Gar­ten oder der Land­wirt­schaft.

Ich hat­te kei­ne Se­kun­de das Ge­fühl, Le­bens­zeit zu ver­schwen­den. Die Ar­beit war äu­ßerst sinn­stif­tend und mach­te mir so viel Spaß, dass ich nach mei­nem Zi­vil­dienst noch ein paar Mo­na­te wei­ter als An­ge­stell­ter bei der Le­bens­ge­mein­schaft blieb. Aus mei­ner Zi­vil­dienst­zeit habe ich die Er­kennt­nis mit­ge­nom­men, dass „ver­meint­lich“ un­at­trak­ti­ve Be­ru­fe oder Tä­tig­kei­ten eine Per­spek­ti­ve für mich sein kön­nen. Ich konn­te mir durch­aus vor­stel­len, mein Le­ben so zu ver­brin­gen, wie ich es in der Le­bens­ge­mein­schaft ge­se­hen hat­te. Ge­blie­ben bin ich trotz­dem nicht, weil ich jung war und erst mal noch mehr von der Welt se­hen woll­te.

Rei­sen­de soll man nicht nur nicht auf­hal­ten – man kann sie auch nicht auf­hal­ten.
Aber – das wird oft über­se­hen – Rei­sen­de kom­men ziem­lich oft zu­rück und er­zäh­len ger­ne von ih­ren Tou­ren.

Was sich Ar­beit­ge­ber:in­nen un­ter Fach­kräf­ten vor­stel­len, ist so ziem­lich das Ge­gen­teil von Rei­sen­den. Men­schen, die am An­fang ih­rer Rei­se ste­hen, gel­ten als un­qua­li­fi­ziert, Men­schen, die schon ein paar Rei­sen auf dem Bu­ckel ha­ben, gel­ten als über­qua­li­fi­ziert oder als po­ten­zi­ell schwie­rig.

Wer von Fach­kräf­te­man­gel re­det, be­klagt ja ei­gent­lich, dass es nicht ge­nug Men­schen gibt, die ihre Aus­bil­dung (oder Rei­se) ex­akt auf die Be­dürf­nis­se der Ar­beit­ge­ber aus­ge­rich­tet ha­ben, und ma­ni­fes­tiert da­mit vor al­lem die man­geln­de Fä­hig­keit, un­ter­qua­li­fi­zier­te, über­qua­li­fi­zier­te, fach­frem­de oder quer­ein­stei­gen­de Kräf­te zu ab­sor­bie­ren und sich nach de­ren Be­dürf­nis­sen aus­zu­rich­ten.

Durch­zug, Sog oder At­trak­ti­on wer­den ge­schaf­fen, in­dem Tür und Tor ge­öff­net wer­den, nicht nur ge­gen­über Rei­sen­den, son­dern auch ge­gen­über de­nen, die ihre Rei­sen noch pla­nen.
Die Be­trie­be, bei de­nen ich als Schü­ler nach Fe­ri­en­jobs ge­fragt habe und mir sa­gen las­sen muss­te, „ma­chen wir nicht“, ge­hö­ren heu­te mög­li­cher­wei­se zu den Un­ter­neh­men, die jetzt über Fach­kräf­te­man­gel kla­gen.

Um In­ter­es­se zu we­cken und Rei­sen­de an­zu­zie­hen, muss ent­we­der et­was be­son­ders An­zie­hen­des, In­ter­es­san­tes ge­bo­ten wer­den, sich kon­se­quent nach den Be­dürf­nis­sen Rei­sen­der aus­ge­rich­tet oder da­für ge­sorgt wer­den, dass Durch­rei­sen­de min­des­tens das Ge­fühl ha­ben, wei­ter­zu­kom­men. Ga­ran­tiert un­be­hel­ligt von Frem­den, Rei­sen­den, Neu­gie­ri­gen und letzt­end­lich Nach­wuchs blei­ben alle, die dar­auf be­stehen, al­les so wei­ter­zu­ma­chen, wie es im­mer ge­macht wur­de. Die sich ge­gen Wan­del oder neue Struk­tu­ren sträu­ben und die Tü­ren nur für die ver­meint­lich „ge­nau Rich­ti­gen“ öff­nen.

Frei nach Kon­fu­zi­us: Gib ei­ner Bran­che Fach­kräf­te – und der La­den läuft ein paar Jah­re. Leh­re eine Bran­che, die Be­dürf­nis­se von Ar­beit­su­chen­den zu er­ken­nen und zu be­die­nen, und sie brummt über Ge­ne­ra­tio­nen hin­weg.