beilage zu: ela­bo­rier­te kul­tur­tex­te

(zu den re­ak­tio­nen sprin­gen)
chatgpt meint es kön­ne den text mit ei­ner „kla­re­ren The­se, sau­be­rer Struk­tur und we­ni­ger Be­haup­tungs­sch­len­kern“ schrei­ben. da hat es auf ne art durch­aus recht. hier mein text von chatgpt über­ar­bei­tet:


Ela­bo­rier­te Kul­tur­tex­te und die Il­lu­si­on der ver­lo­re­nen Reich­wei­te

Die Kla­ge ist ver­traut: Lan­ge, kom­ple­xe Kul­tur­tex­te hät­ten es heu­te schwer. Al­go­rith­men be­vor­zug­ten Kür­ze, Emo­tio­na­li­sie­rung, Ein­deu­tig­keit. Das Ela­bo­rier­te ver­schwin­de in der Platt­form­lo­gik.

Das klingt plau­si­bel. Aber stimmt es auch?

1. Wa­ren sol­che Tex­te je­mals mas­sen­kom­pa­ti­bel?

Zu­nächst lohnt sich ein Blick zu­rück. An­spruchs­vol­le Es­says, feuil­le­to­nis­ti­sche Lang­tex­te oder theo­re­ti­sche Re­fle­xio­nen wa­ren his­to­risch nie Mas­sen­wa­re. Auch im 19. oder 20. Jahr­hun­dert er­reich­ten sie nur ein ge­bil­de­tes, mo­ti­vier­tes Pu­bli­kum.

Der Un­ter­schied liegt we­ni­ger in der ab­so­lu­ten Reich­wei­te als in der Sicht­bar­keit im öf­fent­li­chen Dis­kurs. Frü­her exis­tier­ten Gate­kee­per: Re­dak­tio­nen, Feuil­le­tons, Ver­la­ge. Wer dort pu­bli­zier­te, er­hielt in­sti­tu­tio­nel­le Auf­merk­sam­keit. Heu­te kon­kur­rie­ren sol­che Tex­te im sel­ben Feed mit Kat­zen­vi­de­os, Re­els und Em­pö­rungs­zy­klen.

Die Reich­wei­te war frü­her nicht grö­ßer – sie war nur an­ders or­ga­ni­si­ert.

2. Platt­form­lo­gik ist kein Qua­li­täts­ur­teil

Al­go­rith­men op­ti­mie­ren auf En­ga­ge­ment-Me­tri­ken: Ver­weil­dau­er, In­ter­ak­ti­on, Wie­der­kehr. Das be­deu­tet nicht au­to­ma­tisch, dass lan­ge Tex­te chan­cen­los sind. Es be­deu­tet nur, dass sie struk­tu­rell im Nach­teil sind, wenn sie auf die­sel­ben Dis­tri­bu­ti­ons­me­cha­nis­men set­zen wie Kurz­for­ma­te.

Ein 4.000-Wör­ter-Es­say ist kein Feed-Ob­jekt. Er war es nie.
Er ist ein In­ten­ti­ons­me­di­um: Man liest ihn, weil man ihn le­sen will – nicht, weil man zu­fäl­lig dar­an hän­gen bleibt.

Das Pro­blem ist also we­ni­ger die Exis­tenz von Al­go­rith­men als die fal­sche Er­war­tung, über sie die „rich­ti­ge“ Öf­fent­lich­keit zu er­rei­chen.

3. Frag­men­tier­te Auf­merk­sam­keit ist kein neu­es Phä­no­men

Die Sor­ge um zer­streu­te Auf­merk­sam­keit ist alt. Schon im 19. Jahr­hun­dert wur­de das Feuil­le­ton als Zer­streu­ungs­in­stru­ment kri­ti­si­ert. Im 20. Jahr­hun­dert dia­gnos­ti­zier­te Neil Post­man eine me­dia­le Kul­tur der Un­ter­hal­tung.

Was sich ver­än­dert hat, ist die Be­schleu­ni­gung und Ver­dich­tung. Aber auch frü­her war kon­zen­trier­tes Le­sen eine be­wuss­te Pra­xis – kein De­fault-Zu­stand.

Ela­bo­rier­te Tex­te wa­ren im­mer schon Min­der­hei­ten­pro­gram­me. Das ist kein Ver­falls­sym­ptom, son­dern eine struk­tu­rel­le Ei­gen­schaft.

4. Die fal­sche Mess­grö­ße: Reich­wei­te statt Re­so­nanz

Der viel­leicht ent­sch­ei­den­de Punkt: Wer ela­bo­rier­te Tex­te schreibt, soll­te nicht Reich­wei­te als pri­mä­re Ka­te­go­rie ver­wen­den.

Reich­wei­te ist eine quan­ti­ta­ti­ve Grö­ße.
Kul­tur­tex­te funk­tio­nie­ren je­doch qua­li­ta­tiv – über Re­so­nanz, An­schluss­fä­hig­keit, Dis­kurs­bil­dung.

Ein Text, der von 200 Per­so­nen in­ten­siv ge­le­sen und wei­ter­ge­dacht wird, kann kul­tu­rell re­le­van­ter sein als ei­ner mit 20.000 flüch­ti­gen Klicks.

Die Platt­form­me­tri­ken ver­füh­ren dazu, kul­tu­rel­le Pro­duk­ti­on nach in­dus­tri­el­len Maß­stä­ben zu be­wer­ten.

5. Kon­se­quenz: Klei­ne, sta­bi­le Öf­fent­lich­kei­ten

Statt über ver­lo­re­ne Mas­sen­öf­fent­lich­keit zu kla­gen, ist es pro­duk­ti­ver, ge­zielt klei­ne­re Öf­fent­lich­kei­ten auf­zu­bau­en:

  • News­let­ter statt Feed-Op­ti­mie­rung
  • Blog-Öko­sys­te­me statt Platt­form­ab­hän­gig­keit
  • wech­sel­sei­ti­ge Ver­lin­kung statt al­go­rith­mi­scher Zu­falls­ver­tei­lung

Das be­deu­tet nicht Rück­zug, son­dern stra­te­gi­sche Rea­li­täts­an­pas­sung.

Ela­bo­rier­te Kul­tur­tex­te brau­chen kei­ne vi­ra­le Dy­na­mik. Sie brau­chen Kon­tex­te, in de­nen sie ernst­haft ge­le­sen wer­den.

Fa­zit

Die Dia­gno­se, dass an­spruchs­vol­le Tex­te es „heu­te schwe­rer“ hät­ten, ist nur halb rich­tig. Schwer hat­ten sie es im­mer.

Neu ist nicht ihre Rand­stän­dig­keit, son­dern die Er­war­tung, sie müss­ten im sel­ben Auf­merk­sam­keits­markt be­stehen wie Kurz­for­ma­te.

Viel­leicht liegt die ei­gent­li­che Ver­schie­bung nicht in der Kul­tur­pro­duk­ti­on, son­dern im Er­war­tungs­ma­nage­ment der Pro­du­zie­ren­den.


statistisches

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