heilbronner strasse
als ich im herbst 1994 in stuttgart einen studienplatz für architektur bekommen hatte und nach einem WG-zimmer suchte, war ich nicht besonders erfolgreich. also entschloss ich mich, selbst eine WG zu gründen. die wohnungssuche 1994 in stuttgart lief genauso wie heute in berlin: auf der strasse sammeln sich 30, 40 oder mehr wohnungssuchende vor einer haustür, der vermieter lässt sie irgendwann rein, alle stürmen die wohnung und wer geld, sicherheiten, ne bürgschaft oder glück hat, bekommt die wohnung.
warum ich die wohnung in der heilbronner strasse bekam, weiss ich nicht. in der rückschau vermute ich, dass sie niemand anders haben wollte. es gab keine heizung und die wohnung lag an einer der meistbefahrenen einfallstrassen stuttgarts. keine heizung ist nicht ganz richtig: in einem zimmer stand ein ölofen, in den man mit einer giesskanne stinkendes heizöl füllen und entzünden konnte. weil das mehr stank als wärmte, hatte die wohnung im prinzip und auch praktisch keine heizung.
während der wohnungsbesichtigung in der heilbronner strasse waren auch zwei andere rheinländer, die im gleichen semester wie ich mit einem architektur-studium anfingen. ich hielt das für eine glückliche fügung und schlug den beiden vor, die wohnung gemeinsam zu mieten und eine WG zu gründen.
pat sah mich entgeistert an und sagte: „aber wir kennen uns doch gar nicht!“
patachon schwieg.
ich war entgeistert.
meine jugendliche naivität bei der mitbewohnersuche führte dann aber trotzdem in den ersten drei jahren in stuttgart zu weiteren glücklichen fügungen. hannes war der perfekte mitbewohner. er studierte puppenspiel und war bereit mit mir über kunst und theater zu diskutieren und grandiose pläne zu schmieden, die man später vielleicht mal umsetzen könnte. jan war schauspieler. ich fühlte mich wie ein richtiger bohemien.
und natürlich fühlte ich mich darin bestätigt, dass mitbewohnerauswahl auf basis von bauchgefühl und einer grossen portion jugendlich-naivem menschenoptimismus funktioniert.
dann kam bernie.
wenn man hauptmieter in einer WG ist, muss man ständig neue mitbewohner auswählen. erst zog hannes zurück in die heimat und jan in sein zimmer. irgendwann kam axel dazu und als jan schwanger wurde und auszog, mussten axel und ich einen neuen mitbewohner suchen.
bernie schien nett, also bekam er jans zimmer. gleich am ersten tag nach seinem einzug fing er mit der renovierung an. neben sehr vielen kisten brachte er auch einen eimer blaue farbe und zwei sehr junge helferinnen mit.
ich habe die renovierungsarbeiten der drei nicht im detail verfolgt, aber im ergebnis waren in bernies neuem zimmer die wände stellenweise blau. die fensterscheiben und die gesichter der drei waren vollständig mit blauer farbe bestrichen. bernie und seine helferinnen waren aber nicht nur äusserlich blau, sondern hatten auch mehrere flaschen puschkin red intus. mit einer mischung aus puschkin red und magensäure haben sie später auch noch die innenseite der toilettentür gestrichen.
bevor bernie handlungsunfähig wurde, fragte er mich noch, ob er auch die wasser- und gasrohre in der küche blau streichen könne. ich verneinte das für meine verhältnisse sehr nachdrücklich. dieses erlebnis prägte unser weiteres verhältnis. er tat seitdem wirklich immer genau das, was ich ihm sagte oder um was ich ihn bat.
morgens um halb fünf machte er die musik sofort leiser, wenn ich ihn darum bat, seine exkremente in der schüssel spülte er selbst weg, wenn ich ihn darum bat, er spülte manchmal auch geschirr, wenn ich ihn darum bat, er zahlte die telefongebühren und die miete mitte des monats, wenn ich ihn darum bat, er unterliess es in meinem zimmer rumzustehen, wenn ich ihn darum bat und er gab mir meine sachen aus seinem zimmer zurück, wenn ich ihn darum bat.
einmal bedankte er sich sogar bei mir um drei uhr morgens, als ich ihn darum bat, die musik etwas leiser zu stellen. er fände es gut, wenn man über so etwas reden könne und nicht gleich die polizei hole.
bernie war nicht das hellste licht in der heilbronner strasse, aber er war auch nicht dumm. axel fand den geruch der räucherstäbchen, die bernie im flur abbrannte nicht besonders angenehm und fragte bernie, ob er den geruch gut fände. bernie mochte den geruch auch nicht: „deshalb brenne ich sie ja auch nicht bei mir im zimmer ab.“
alles in allem wurde mir durch bernie das wohnen etwas schwergemacht. aber er sorgte auch für unterhaltung. er hatte die seltene begabung, dinge aus völlig anderen perspektiven zu betrachten und sorgte für die erweiterung unseres sprachschatzes. so „bootete“ sein fernseher eines tages nicht mehr, meine schraubzwingen würde er sich leihen, wenn er sie „aktiv” bräuchte und anrufer, die fragten ob felix da wäre beschied er, dass er das nicht sagen könne, weil er gerade in seinem eigenen zimmer sei. als ihn ein anrufer einmal dazu drängte, doch nachzuschauen ob ich da wäre, vergass er auf dem weg zu meinem zimmer dass jemand am telefon war und machte sich erstmal was zu essen. einmal hat wohl eine frau angerufen, die total stinkesauer gewesen sein muss - wie er sagte.
neben seinen innovativen und täglich wechselnden anrufbeantwortersprüchen auf MEINEM anrufbeantworter – „ey, ich bin grad mal im keller“ - „hier ist die FelikschBönieAkselWehGeh“ – brachte er auch tagesaktuell ein erstaunlich diverses spektrum an frauen mit nach hause.
neben dem akustisch deutlich wahrnehmbaren vergnügen brachte ihm der häufig wechselnde geschlechtsverkehr aber auch probleme: einmal, relativ früh morgens, fragte er axel, ob er ihm einen ganz grossen gefallen tun könne. er hätte den namen der frau, die bei ihm im bett liege, vergessen. ob er nicht mal unauffällig nachfragen könne wie sie heisse. axel fragte, ob sie, solange bernie auf dem klo sitze, an einer tasse kaffee interesse hätte — und wie sie heissen würde.
sie hiess mareike und kam noch dreimal. eine andere frau war wohl etwas genervt von bernie und legte sich eines morgens um halb fünf zu mir ins bett. sie wies mich an weiter zu schlafen, was mir nicht schwer fiel. ich hatte wegen den geräuschen aus dem nebenzimmer noch nicht allzuviel geschlafen.
allerdings muss ich darauf hinweisen, dass mein bett sich damals in etwas über zwei metern höhe befand und nur 90 cm breit war. bis heute rätsel ich, wie sie überhaupt in mein bett kam, weil sie die seite des betts benutzte, an der keine leiter stand.
durch bernie bekam ich nicht nur besuch von fremden frauen, sondern auch sehr viel besuch von freundinnen und bekannten, die sich diesen menschen mal in echt anschauen wollten. meine schwester fand zum beispiel, dass bernie ganz gut aussehen würde „solange er die fresse hält“.
irgendwann, nachdem axel ausgezogen war und bernie einen kumpel in die WG geholt hatte, strich ich die segel, überliess den beiden den mietvertrag und die kaution und zog in eine frauen-WG mit zentralheizung.
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(alle reaktionen in der beilage)
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