Ueber die all­mähli­che Ver­fer­ti­gung der Ge­dan­ken beim Blog­gen

felix schwenzel in artikel

heu­te füh­le ich mich leicht grös­sen­wahn­sin­nig und habe mir ge­dacht, man könn­te kleist doch mal up­da­ten (ver­schwen­zeln).


wenn du über et­was nach­den­ken willst und dir auch durch in­ten­si­ves nach­den­ken oder dar­über me­di­tie­ren nichts sinn­vol­les ein­fällt, dann rate ich dir ein­fach drü­ber zu schrei­ben. das muss auch an nie­mand be­stimm­tes ge­rich­tet sein oder be­son­ders scharf­sin­nig sein, schreib ein­fach drü­ber, was dir durch den kopf geht.

auch wenn im­mer noch vie­le men­schen den­ken, man sol­le nur von din­gen re­den von de­nen man et­was ver­steht, hier geht es um et­was an­de­res als wis­sen­ver­mitt­lung oder *splai­nen. es geht dar­um beim schrei­ben um ei­nen ge­dan­ken her­um zu tan­zen. so wie der ap­pe­tit beim es­sen kommt, kom­men ei­nem im­mer auch ideen beim schrei­ben.

ich sit­ze oft am rech­ner oder lie­ge im bett und lese was an­de­re schrei­ben. manch­mal möch­te ich dem ge­le­se­nen wi­der­spre­chen, manch­mal möch­te ich es wei­ter­den­ken oder es an­ders be­trach­ten. mir schies­sen dann flüch­ti­ge ideen im kopf her­um, ich weiss das könn­te man wei­ter- oder ganz an­ders den­ken, aber ich weiss nicht wie, nur dass ich was dazu den­ken und sa­gen will. weil ich aber doch eine dunk­le vor­stel­lung von dem habe was ich viel­leicht sa­gen will, fan­ge ich ein­fach an zu schrei­ben und sät­ze zu kon­stru­ie­ren. sät­ze die ich an­ge­fan­gen habe, wol­len dann auch zu­en­de ge­führt wer­den. ich tas­te mich von wort zu wort, wie ein lar­ge lan­guage mo­del ver­su­che ich den satz so wei­ter­zu­füh­ren, wie er rich­tig klingt. ich ver­has­pel mich oft bei die­sem qua­si auto-ver­voll­stän­di­gen mei­ner sät­ze, aber das lässt sich dann meist beim spä­te­ren kor­rek­tur­le­sen aus­beu­len.

ge­le­gent­lich hilft es mich zu fra­gen wer das denn le­sen soll, ob die es auch nur im an­satz ver­ste­hen wür­den oder ob ich noch ein, zwei er­klä­ren­de sät­ze nach­schie­ben muss oder ein et­was zu luf­ti­ges ge­dan­ken­kon­strukt auf eine so­li­de­re ba­sis stel­len muss. der ge­dan­ke den text spä­ter zu ver­öf­fent­li­chen wirkt ein biss­chen wie ein stil­ler, trei­ben­der mo­tor. ob­wohl ich al­lei­ne vor dem rech­ner sit­ze und tip­pe, bin ich be­reits im dia­log mit ima­gi­nier­ten le­sern. ich weiss, dass der ge­dan­ke ei­nen text zu ver­öf­fent­li­chen auch wie eine brem­se wir­ken kann, aber ich glau­be die­se brem­se nutzt sich durch stän­di­ges, im­mer neu­es schrei­ben ab und kann sich dann zu ei­nem schwung­rad wan­deln das hel­fen kann im­mer wie­der neue ge­dan­ken los­zu­rüt­teln.

frü­her nutz­te ich oft noch ein zwei­tes schwung­rad: em­pö­rung. da­mit die em­pö­rung nicht aus­ufert, ent­wi­ckelt der ge­dan­ke der spä­te­ren ver­öf­fent­li­chung eine will­kom­me­ne brems­wir­kung. wie mit ei­nem ven­til kann man so das ent­wei­chen des em­pö­rungs­über­drucks ge­zielt steu­ern und ich fin­de in die­sem zu­stand aus schwung und brems­wir­kung plötz­lich wor­te und ge­dan­ken, auf die ich sonst wohl nie ge­kom­men wäre.

die­se mi­schung aus in­ne­rem dia­log, ab­wä­gen der schär­fe und den ima­gi­nier­ten le­sen­den führt im bes­ten fall zu bril­li­an­ten ge­dan­ken und im schlech­tes­ten fall zu et­was aus dem man ler­nen kann und rou­ti­ne beim ge­dan­ken-lo­ckern ge­win­nen kann. das ver­fas­sen schlech­ter tex­te, die viel­leicht eine oder meh­re­re gute ideen ent­hal­ten, aber es ir­gend­wie nicht zu­en­de ge­dacht in sät­ze ge­schafft ha­ben oder ein­fach un­ver­ständ­lich (wirr) sind, hilft viel­leicht nicht beim ge­winn von an­se­hen, aber bei ge­winn von rou­ti­ne im ba­lan­cie­ren und ge­ne­rie­ren von wor­ten und ge­dan­ken. man muss sich im­mer vor au­gen hal­ten: der meis­ter kann’s nur des­halb bes­ser, weil er mehr übung hat­te.

ich glau­be die­ser schrei­ben­de tanz um ei­nen ge­dan­ken her­um, der ideen aus dem hirn schüt­teln kann, funk­tio­niert auch ohne die kom­bi­nier­te schwung­rad­brem­se der spä­te­ren öf­fent­lich­ma­chung, wenn man nur für sich al­lein schreibt. so wie man rou­lette auch al­lei­ne, ge­gen sich selbst, ohne ech­ten ein­satz spie­len kann, kann man auch ohne den dro­hen­den klick auf den pu­blish-but­ton schrei­ben. aber der span­nungs­zu­stand, die er­re­gung, in den man sich ver­set­zen kann, wenn man et­was zu ver­lie­ren hat, ist viel­leicht ge­nau die en­er­gie die nö­tig ist, um vor­han­de­ne, fest­sit­zen­de ge­dan­ken zu lö­sen und in sät­ze zu gies­sen. so wie elek­tro­nen ihre bahn nur un­ter span­nung oder en­er­gie­zu­fuhr (oder en­er­gie­ent­zug) wech­seln kön­nen, tre­ten ge­dan­ken manch­mal erst dann aus dem un­ter­be­wuss­ten her­vor, wenn man sich in ei­nen ge­wis­sen span­nungs­zu­stand ver­setzt hat.

weil ich mit ei­nem rat an­ge­fan­gen habe, ende ich auch mit ei­nem rat. das ver­öf­fent­li­chen von tex­ten ist ein werk­zeug um eine ge­wis­se span­nung zu er­zeu­gen, die beim ern­ten von ge­dan­ken und ideen hilf­reich ist. der in­ne­re, ima­gi­nier­te dia­log mit le­sen­den ist ein werk­zeug, das auch beim schrei­ben­den den­ken hilft. das ge­fühl et­was zu ver­lie­ren, weil die re­zep­ti­on, die re­ak­tio­nen auf den ver­öf­fent­lich­ten text viel­leicht ne­ga­tiv aus­fal­len oder kaum je­mand den text zu le­sen scheint, ist eine täu­schung. mit dem schrei­ben ei­nes tex­tes tust du in ers­ter li­nie et­was für dich, hast du et­was ge­lernt und ge­won­nen. und mit je­dem neu­en ver­öf­fent­lich­ten text lernst du mehr.

die re­ak­tio­nen auf dei­nen text sa­gen we­ni­ger über dich oder dei­ne ge­dan­ken, son­dern al­les über die re­zi­pi­en­ten. schrei­be und du lernst zu den­ken, ver­öf­fent­li­che und du lernst sehr viel über men­schen.


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