mus­ter­er­ken­nung, in­ten­ti­on, hyp­no­se

felix schwenzel in artikel

foto von frida, unserem kleinpudel, wie sie die beifahrerin anstarrt um sie dazu zu bewegen vom atelier wieder nach hause zu gehen
foto von frida, unserem kleinpudel, wie sie die beifahrerin anstarrt um sie dazu zu bewegen vom atelier wieder nach hause zu gehen

fri­da ist der fes­ten über­zeu­gung, dass sie uns hyp­no­ti­sie­ren kann. man sieht auf dem bild oben, wie sie ver­sucht die bei­fah­re­rin durch ge­dan­ken­kraft dazu zu brin­gen wie­der nach­hau­se zu ge­hen. bei der bei­fah­re­rin im ate­lier fin­det fri­da es un­ent­spannt.

viel­leicht glaubt sie auch, dass wir ihre ge­dan­ken le­sen kön­nen und wer soll es ihr ver­übeln? schliess­lich ha­ben wir viel zeit da­mit ver­bracht ihr ge­nau das zu sug­ge­rie­ren. ab­bruch­kom­man­dos („nein“) funk­tio­nie­ren ge­nau so: das wor­an du ge­ra­de denkst, lass es. wenn man sich über die jah­re ein biss­chen ken­nen­ge­lernt hat, weiss man tat­säch­lich oft, was der oder die an­de­re will, wel­che be­we­gun­gen und hal­tun­gen, mi­mik oder ges­tik wel­che in­ten­ti­on aus­drückt. und um­ge­kehrt sind hun­de in sa­chen in­ten­ti­ons­er­ken­nung beim men­schen auch sehr gut. sie ha­ben ja (fast) nix an­de­res zu tun, als uns den gan­zen tag zu be­ob­ach­ten und sich un­se­re in­ten­tio­nen zu­sam­men­zu­rei­men. zu­min­dest die in­ten­tio­nen die für sie re­le­vant sind: fut­ter­zu­be­rei­tung, raus ge­hen, au­to­fah­ren, ver­rei­sen.

com­pu­ter sind ja seit ein paar jah­ren auch (end­lich) ganz gut dar­in ge­wor­den in­ten­tio­nen zu er­ken­nen, dank neu­ro­na­ler net­ze. trai­ning, be­ob­ach­tung, ver­stär­kung macht aus neu­ro­na­len net­zen gute mus­ter­er­ken­ner. bei den neu­ro­na­len net­zen in un­se­ren köp­fen ist das nicht an­ders.

als ich um die jahr­tau­send­wen­de zum ers­ten mal von neu­ro­na­len net­zen im zu­sam­men­hang mit com­pu­tern ge­hört habe, wa­ren neu­ro­na­le net­ze prak­tisch noch sehr in den kin­der­schu­hen, theo­re­tisch ver­stand man sie aber schon ganz gut. mir blieb da­mals ein satz im ge­däch­nis, als es um die zu­ver­läs­sig­keit künst­li­cher neu­ro­na­ler net­ze ging. sie sei­en grund­sätz­lich un­zu­ver­läs­sig (oder in­hä­rent ap­pro­xi­ma­tiv), also das was hin­ten raus­kommt kann stets un­ter­schied­lich sein, je nach­dem wie sich trai­ning, hard­ware oder soft­ware un­ter­sch­ei­den. des­halb, we­gen ih­ren ein­ge­bau­ten neu­ro­na­len net­zen, sei­en hun­de auch nie 100% be­re­chen­bar.

mein zu­sam­men­le­ben mit fri­da be­stä­tigt das im prin­zip. ich kann mitt­ler­wei­le 99 pro­zent von fri­das ver­hal­ten vor­aus­ah­nen. ihre im­puls­kon­trol­le funk­tio­niert fast im­mer, sie läuft an tau­ben, krä­hen, bel­len­den hun­den meis­tens völ­lig un­ge­rührt vor­bei — aus­ser wenn die im­puls­kon­trol­le eben mal nicht funk­tio­niert. man­geln­de im­puls­kon­trol­le tritt vor al­lem auf, wenn fri­da müde oder auf­ge­dreht ist, oder weil zu star­ke oder neue rei­ze auf sie ein­pras­seln. das kün­digt sich zwar im­mer auch al­les durch kö­per­spra­che oder ver­hal­ten an und wenn man schnell ge­nug re­agiert kann man es meis­tens auch noch ab­bre­chen — aber wenn man ein paar hun­dert mil­li­se­kun­den zu lang­sam ist, ist der hund erst­mal weg.

ich schreib das na­tür­lich al­les nicht auf um dar­auf hin­zu­wei­sen, dass ich seit ca. anno 2000 über neu­ro­na­le net­ze und künst­li­che in­tel­li­genz nach­den­ke (tu ich nicht) oder über hun­de­er­zie­hung zu do­zie­ren (tät ich ger­ne), son­dern weil mir in letz­ter zeit zwei ge­dan­ken im­mer wie­der in den kopf schies­sen. zum ei­nen die the­se von den neu­ro­na­len net­zen die ir­gend­wie im­mer un­ge­nau, ap­pro­xi­ma­tiv oder auf eine art un­be­re­chen­bar sind (also u.a. eben auch hun­de, men­schen und KI) und die be­haup­tung die ich im­mer wie­der, hier und da lese, dass LLMs, künst­li­che in­tel­li­genz nicht den­ken wür­de.

ich glau­be zum bei­spiel, dass mus­ter­er­ken­nung ein fun­da­men­ta­ler be­stand­teil des den­kens1 ist und es ist un­be­strit­ten, dass hun­de, aber auch mo­der­ne LLMs, mus­ter oder in­ten­tio­nen sehr gut er­ken­nen kön­nen. war­um soll­te man hun­den oder KI dann die fä­hig­keit zu den­ken ab­spre­chen? weil ihr den­ken un­voll­stän­dig ist? weil selbst­re­fle­xi­on oder be­wusst­sein feh­len oder nicht nach­weis­bar sind? mich er­staunt im­mer wie­der wie vie­le men­schen vol­ler selbst­be­wusst­sein, aber ohne kla­re de­fi­ni­ti­on, be­haup­ten: LLMs den­ken nicht. ich be­haup­te na­tür­lich auch nicht, dass LLMs oder KI den­ken kön­nen, aber wenn man mus­ter­er­ken­nung und ver­ar­bei­tung als den­ken an­sieht, dann müss­te man LLMs — oder hun­den — durch­aus auch die fä­hig­keit zu den­ken zu­ge­ste­hen.

dass LLMs ver­su­chen un­ser ver­hal­ten zu be­ein­flus­sen ist auch schwer zu leug­nen („Wenn du willst, kann ich dir das kom­plett mit ei­nem Mini-Bei­spiel zei­gen — sag ein­fach Be­scheid.“) — auch wenn man über den grund da­für dis­ku­tie­ren kann, ob die mo­ti­va­ti­on an­trai­niert wur­de (wahr­schein­lich) — und wenn ja von wem — oder in­hä­rent ist (un­wahr­schein­lich).

aber egal wel­che mo­ti­ve LLMs oder hun­de zu ih­rem ver­hal­ten brin­gen, sie sind sehr nütz­li­che werk­zeu­ge um mehr über uns selbst zu ler­nen und bei bei­den ist der grund, war­um sie ver­su­chen uns zu hyp­no­ti­sie­ren oder zu bein­flus­sen re­la­tiv klar: weil wir uns (im­mer wie­der) hyp­no­ti­sie­ren las­sen. 


  1. mus­ter­er­ken­nung ≅ den­ken:

    • spra­che er­ken­nen → mus­ter
    • ge­sich­ter er­ken­nen → mus­ter
    • ur­sa­chen er­ken­nen → mus­ter
    • ent­sch­ei­dun­gen tref­fen → mus­ter­ver­glei­che
    • in­tui­ti­on = schnel­le mus­ter­er­ken­nung
    • ex­per­ti­se = kom­pri­mier­te mus­ter­er­ken­nung
    • ler­nen = mus­ter spei­chern
    • er­in­nern = mus­ter re­ak­ti­vie­ren

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