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Das ist der ei­gent­lich ge­fähr­li­che Punkt: Menschen haben schon immer Unsinn gedacht. Das gehört einfach dazu. Aber digitale Platt­for­men haben aus fast jeder Ab­wei­chung, jeder Kränkung, jeder Wut und jeder Ver­schwö­rungs­fan­ta­sie sofort einen schein­ba­ren sozialen Raum gebaut.

das ist ein sehr schön dif­fe­ren­zier­ter und nach­denk­li­cher text von florian heinz über räume. räume im netz, in kneipen, im digitalen und im analogen. aber ich würde gerne etwas un­dif­fe­ren­ziert, bzw. kurz an­ge­bun­den wi­der­spre­chen.

die räume, in denen wir menschen in­ter­agie­ren, sind alle syn­the­tisch, also von uns menschen kon­stru­iert und mit regeln versehen. digitale räume sind lediglich eine weitere aus­prä­gung.

manche räume haben eine jahr­tau­sen­de­al­te ge­schich­te hinter sich, und alle un­ter­lie­gen einem steten wandel. ich war immer fas­zi­niert von der idee der kaf­fee­häu­ser, orte, an denen sich kluge menschen treffen, dis­ku­tie­ren, ideen ent­wi­ckeln und streiten. aber gibt’s das noch? starbucks und andere kaf­fee­haus­ket­ten leben zum teil von dieser nostalgie, aber ich würde sagen: so wie sich die digitalen räume ständig wandeln, wandeln sich auch die analogen räume, die gas­tro­no­mi­schen, po­li­ti­schen, kul­tu­rel­len orte.

ich sehe das problem eher darin, dass wir die digitalen räume noch nicht so­zia­li­siert haben, noch nicht die richtigen regeln, den richtigen umgang damit gelernt haben. in meiner jugend hatten wir ein gutes gefühl dafür, welche öf­fent­li­chen orte wir lieber meiden und in welche wir passen. ganz platt gesagt: nazi-kneipen gab’s auch schon vor dem internet. agitieren, ra­di­ka­li­sie­ren, ver­schwö­rungs­theo­re­ti­sie­ren geht, das zeigt die ge­schich­te, auch ganz gut mit analogen mitteln.

und, nur so ein gedanke: virtuelle soziale räume gab’s auch schon lange vor dem internet. die vir­tu­el­len, gedachten räume, die ge­spro­che­ne oder ge­schrie­be­ne er­zäh­lun­gen öffnen, un­ter­schei­den sich meiner meinung nach nicht sub­stan­zi­ell von den neuen digitalen räumen, die sich in den letzten 20–30 jahren geöffnet haben. es gab immer wieder ka­ta­ly­sa­to­ren, tur­bo­la­der, die die alten regeln über den haufen warfen und für aufregung, umbrüche und teils radikale ver­än­de­rung sorgten. die erfindung des buch­drucks oder kürzlich des internets und jetzt unsere fähigkeit, künst­li­che neuronale netze mit vorher gedachtem, gemachtem oder auf­ge­schrie­be­nem zu füttern — all diese umbrüche er­for­der­ten und erfordern an­pas­sun­gen von ge­sell­schaft­li­chen normen und regeln, um negative effekte ab­zu­schwä­chen.

ja, ich sehe auch, dass aus digitalen räumen viel toxisches, übel­rie­chen­des kommt und dass die brut­stät­ten der de­mo­kra­tie­feind­lich­keit und aus­län­der­feind­lich­keit sich zum großen teil in digitale räume verlagert haben. aber das muss nicht unbedingt an den struk­tu­rel­len ge­ge­ben­hei­ten der räume liegen, sondern in erster linie daran, dass wir als ge­sell­schaft den umgang mit diesen räumen noch nicht gelernt haben. oder dass die radikalen schneller lernen, an­pas­sungs­fä­hi­ger, flexibler sind als die moderaten.

trotzdem: man kann nicht zu viel darüber nach­den­ken oder dis­ku­tie­ren, wie unsere sozialen räume funk­tio­nie­ren oder funk­tio­nie­ren sollten.


In dem im März ver­öf­fent­lich­ten Statement der La­ger­ar­beits­ge­mein­schaft Bu­chen­wald-Dora und der La­ger­ge­mein­schaft Bu­chen­wald-Dora/Freun­des­kreis hieß es dazu: »Wir sind überzeugt davon, unsere An­ge­hö­ri­gen hätten auch zum Kun­den­kreis der drei Buchläden gehören können. Bei Ver­haf­tun­gen durch die Gestapo wurde bei ihnen nach­weis­lich linke Literatur be­schlag­nahmt.«

neben der kritik an wolfram weimer, berichtet der spiegel auch, dass hape kerkeling „durch­ge­hend richtige und wichtige Worte“ in seiner ge­denk­re­de in bu­chen­wald fand. die rede, den volltext, mag der spiegel aber nicht verlinken, obwohl die stiftung-ge­denk­staet­ten.de den volltext be­reit­hält. das finde ich völlig un­ver­ständ­lich. wenn man etwas richtig und wichtig findet, warum dann nicht auch ent­spre­chend handeln?