selbst­or­ga­ni­sie­ren­de so­zia­le netz­wer­ke

felix schwenzel in artikel

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tech­nisch ge­se­hen wa­ren es drei din­ge die an­fang der zwei­tau­sen­der­jah­re für das blog­dings ent­sch­ei­dend wich­tig wa­ren: der per­ma­links, RSS und blogrol­len. man konn­te, da­mals wie heu­te, ein­fach auf ei­ner hand­ge­klöp­pel­ten web­sei­te in in­ter­net schrei­ben, aber mit den an­fang der 2000er auf­kom­men­den con­tent ma­nag­ments­ste­men wie word­press (oder sei­nem vor­gän­ger b2), mit mo­va­ble type oder text­pat­tern, wur­de das gan­ze et­was ein­fa­cher und man konn­te bei­trä­ge ein­fach mit per­ma­nen­ten links ver­öf­fent­li­chen, die dann auch noch au­to­ma­tisch in ein ar­chiv ein­ge­ord­net wur­den oder sich ver­schlag­wor­ten lies­sen. man konn­te sich da­mit aufs schrei­ben kon­zen­trie­ren, der or­ga­ni­sa­to­ri­sche kram liess sich weit­ge­hend au­to­ma­ti­sie­ren.

anke grö­ners blog hat­te le­gen­dä­rer­wei­se bis ende 2004 kei­ne per­ma­links (so sah das aus). als sie das im no­vem­ber 2004 um­bau­te, freu­te ich mich, weil man dann end­lich ein­zel­ne bei­trä­ge von anke ver­lin­ken und sich dar­auf be­zie­hen konn­te. mit per­ma­links konn­te man ein­zel­ne bei­trä­ge emp­feh­len, kom­men­tie­ren oder er­gän­zen. als le­ser konn­te man sich so von bei­trag zu bei­trag und von blog zu blog han­geln. und wenn ei­nem ein bei­trag ge­fiel, abon­nier­te man das blog in sei­nem RSS-rea­der. se­ren­ti­pi­tät nann­te man das da­mals auch.

wei­te­ren stoff für den RSS-rea­der fand man in den sei­ten­leis­ten von blogs. lis­ten mit blogs, die der au­tor oder die au­torin des blogs emp­fahl oder selbst ger­ne las. die­se blogrol­len, die se­ren­ti­pi­tät, das von ei­ner emp­feh­lung zur nächs­ten hüp­fen und die abon­nier­bar­keit von blogs reich­ten aus, um aus web­sei­ten ein so­zia­les netz zu ma­chen. man las sich und lern­te an­de­re zu­erst durch das ge­schrie­be­ne wort und spä­ter auch durch durch tref­fen in der fleischwelt ken­nen, 2005 zum bei­spiel, auf der blog­mich-par­ty oder 2007 auf der ers­ten re­pu­bli­ca.

aber blogs wa­ren nicht der ein­zi­ge weg so­zia­le net­ze im web auf­zu­span­nen. fo­ren funk­tio­nier­ten un­ter um­stän­den ge­nau­so. le­gen­där ist da zum bei­spiel das höf­li­che pa­pa­raz­zi-fo­rum, bei dem es auch hier und da über­schnei­dun­gen zur blog-sphä­re gab. in der zeit zwi­schen un­ge­fähr 2001 und 2007 ka­men vie­le din­ge zu­sam­men, die das in­ter­net zu ei­nem ort der so­zia­len ver­net­zung mach­ten. die tech­nik, wie frei ver­füg­ba­re con­tent ma­nag­ment sys­te­me oder ge­hos­te­te blog­di­ens­te wie ant­ville, blog­ger.com und spä­ter blog­ger.de, die ins in­ter­net schrei­ben für vie­le ein­fach(er) mach­ten. per­ma­links und blogrol­len, die quer­ver­wei­se, ver­bin­dun­gen und emp­feh­lungs­pipe­li­nes zum ent­lang­sur­fen bil­de­ten und spä­ter von blog- und tag-such­di­ens­ten wie tech­no­ra­ti ver­stärkt wur­den, mit de­nen dann blogs mit da­mals ziem­lich off­nen platt­for­men wie del.icio.us ode flickr ver­zahnt wer­den konn­ten.

blog­ger­tref­fen wie die blog­mich-par­ty oder die fu­tu­ra-bold-ver­an­stal­tun­gen von spree­blick (und ab 2007 die re­pu­bli­ca), stärk­ten die­se bin­dun­gen zwi­schen leu­ten, die sa­chen im in­ter­net mach­ten (und in ber­lin wohn­ten), dann wei­ter.

der witz war da­mals, dass das al­les selbst­or­ga­ni­sie­rend war. mit ein paar, auf den ers­ten blick ob­sku­ren und un­ver­ständ­li­chen tech­no­lo­gien wie per­ma­links, RSS/XML, link­lis­ten/blogrolls, tags/schlag­wor­ten und ge­le­gent­li­chen ver­an­stal­tun­gen, bil­de­ten sich ech­te, dau­er­haf­te so­zia­le be­zie­hun­gen. auf­kom­men­de platt­for­men un­ter­stütz­ten das und ver­stärk­ten die­se netz­werk­ef­fek­te. ich glau­be ein wei­te­rer mei­len­stein war 2005 der goog­le rea­der. er mach­te es noch­mal ein­fa­cher blogs, über die man stol­per­te oder die man moch­te, zu ver­fol­gen. tech­no­ra­ti half bei­trä­ge und blogs über the­men zu fin­den.

aber der kern des gan­zen wa­ren emp­feh­lun­gen. wenn ich A mag und A mir B emp­fiehlt, kann ich da­von aus­ge­hen, das ich B auch mag. und weil links zu an­de­ren blogs oft in text­wüs­ten ver­bor­gen blie­ben, wa­ren blogrol­len so­zu­sa­gen der schnell­zu­gang zu die­sen emp­feh­lun­gen.

aus ei­ner for­schungs­ar­beit zu den „prak­ti­ken des blog­gens“ von jan schmidt von 2005:

Die „Blogroll“ ent­hält Ver­wei­se auf an­de­re Web­logs, meist als Le­se­emp­feh­lun­gen oder Lis­ten be­freun­de­ter oder re­gel­mä­ßig ge­le­se­ner Au­toren. Da die Blogroll in der Re­gel per­ma­nent auf der Start­sei­te ei­nes Web­logs sicht­bar ist, be­sit­zen die­se Re­la­tio­nen ei­nen stär­ke­ren Stel­len­wert ge­gen­über den ver­gleichs­wei­se flüch­ti­gen Ver­wei­sen in Ein­zel­bei­trä­gen, die nach ei­ner ge­wis­sen Zeit von der Start­sei­te ver­schwin­den und nur noch im Ar­chiv auf­zu­fin­den sind

dar­über schrieb 2024 auch ro­bert alex­an­der:

Sin­ce the ear­liest blogs were pu­blished, blogrolls hel­ped rea­ders dis­co­ver new blogs. Each blog­ger could pro­mo­te the blogs they fol­low by lis­ting them so­me­whe­re on their site (their blogroll). Rea­ders could dis­co­ver the­se sug­ges­ti­ons as they brow­sed, hel­ping them ex­plo­re the blogos­phe­re. A blogroll could be as simp­le as a list of hy­per­links, alt­hough re­cent too­ling has be­co­me more ad­van­ced.

und die­ses „more ad­van­ced re­cent too­ling“ ist ge­nau das, was ich ge­ra­de sehr span­nend fin­de. so wie es da­mals, an­fang der 2000er eine gros­se er­leich­te­rung war, dass con­tent ma­nag­ment sys­te­me die tex­te, die ich ins in­ter­net schrei­ben woll­te, au­to­ma­tisch in ar­chi­vier­ba­re, per­ma­nent­ver­link­te ein­zel­bei­trä­ge ar­ran­gie­ren konn­ten und ich bei ei­ner ak­tua­li­sie­rung nicht al­les neu in html stri­cken muss­te, gibt es jetzt tools die mir die pfle­ge, das an­zei­gen und die por­ta­bi­li­tät mei­ner le­se­emp­feh­lun­gen er­leich­tern.

frank west­pfahl von riv­va stiess uns/mich vor ein paar wo­chen auf die neu­en mög­lich­kei­ten für so­was, als er auf das (word­press) blogroll-plug­in von mat­thi­as pfef­fer­le hin­wies.

A blogroll is a list of the sites you read, put on your own site so other peo­p­le can find them. This plug­in adds one block for that. You coll­ect the links, the block ren­ders them on your page, and vi­si­tors can take the who­le list with them into their feed rea­der.

also mit an­de­ren wor­ten: so wie bis­her ein­fach eine lis­te mit emp­feh­lun­gen an­le­gen, nur dass die lis­te zu­sätz­lich noch et­was an­ge­rei­chert wird mit ei­nem icon, links zum feed und das gan­ze von an­de­ren (mit ein biss­chen RSS/OPML/XML-ma­gie) ein­fach in ih­ren RSS-rea­der mit­ge­nom­men wer­den kann. ich hab das schnell nach­ge­baut für mein kir­by und spie­le seit­dem be­geis­tert da­mit rum.

durch den ar­ti­kel von ro­bert alex­an­der hab ich dann ge­se­hen, dass die grund­idee vom glei­chen men­schen, wie die grund­idee von RSS (und pod­casts) kam: dave wi­ner hat das vor­ge­schla­gen und sein dienst feed­land macht das schon ei­nen gan­ze wei­le so: man kann sich dort an­mel­den und ent­we­der eine ei­ge­ne lis­te von blogs an­le­gen die man ger­ne liest, die lis­te aus sei­nem feed­rea­der im­por­tie­ren oder aus den blogrolls von an­de­ren ko­pie­ren.

ich hab das ges­tern mal aus­pro­biert: mei­ne star­ter­pack blogrol­le im­por­tiert er­gibt das glei­che in grün auf feed­land: eine lis­te von blogs die ich emp­feh­le oder eine lis­te der bei­trä­ge der blogs die ich selbst sehr ger­ne lese (feed­land / wir­res.net).

der vor­teil von die­ser for­ma­li­sier­ten, struk­tu­rier­ten oder eben ma­schi­nen­les­ba­ren lis­te ist, dass leich­ter zu pfle­gen ist und ich selbst und an­de­re auch gleich se­hen kön­nen, was aus den abos raus­kommt. ich sehe also, wenn ich will, nicht nur eine emp­feh­lungs­lis­te, son­dern auch gleich was drin­steckt, um­ge­kehrt chro­no­lo­gisch ge­ord­net.

seit kur­zem geht das auch mit fol­low.riv­va.de (wenn man riv­va un­ter­stützt).

die qua­li­tät oder der nut­zen eine blogrol­le hängt na­tür­lich nicht an der ma­schi­nen­les­bar­keit, aber die­se ma­schi­nen­les­bar­keit und por­ta­bi­li­tät öff­net vie­le neue, wie ich fin­de, span­nen­de mög­lich­kei­ten.

man könn­te vi­sua­li­sie­ren, wie blogs zu­sam­men­hän­gen, man könn­te feeds abon­nie­ren, die ei­nem nicht nur neue bei­trä­ge in den feed­rea­der spü­len, son­dern auch neue blog­emp­feh­lun­gen. oder man könn­te the­ma­ti­sche blogrol­len-pa­ke­te schnü­ren. oder sei­nen feed­rea­der zum bers­ten fül­len.

aber das ent­sch­ei­dens­te ist, blogrol­len könn­ten ge­nau­so wie gute blogs funk­tio­nie­ren die man ger­ne liest: sie kön­nen über­ra­schen, er­freu­en, nach­denk­lich ma­chen, ei­nem frem­de wel­ten er­schlies­sen und wei­ter­emp­foh­len wer­den.


auch le­sens­wert:

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