was frau klug­sch­eis­ser hier über das ok­to­ber­fest schreibt, er­in­nert mich an die rhei­ni­sche tra­di­ti­on des kar­ne­vals. ich bin im rhein­land auf­ge­wach­sen und habe das un­ge­fähr 20 jah­re mit­er­lebt und be­ob­ach­tet. im un­ter­schied zum ok­to­ber­fest, hat kar­ne­val auch ei­nen po­li­ti­schen hin­ter­grund, von dem man in der neu­zeit­li­chen aus­prä­gung zwar nicht mehr all­zu viel mit­be­kommt. die idee, im schutz von ver­klei­dung und hu­mor die ob­rig­keit zu ver­spot­ten und ge­sell­schaft­li­che zu­stän­de zu kri­ti­sie­ren, ist hier und da noch sicht­bar.

prak­tisch dient der kar­ne­val, wie das ok­to­ber­fest, aber vor al­lem als aus­re­de, sich mass­los zu be­sau­fen, sich ge­hen zu las­sen und ge­wis­se ge­sell­schaft­li­che kon­ven­tio­nen für eine wei­le aus­zu­set­zen. als ju­gend­li­cher im rhein­land fand ich das gut und habe die ge­le­gen­heit ger­ne ge­nutzt. ich habe er­fah­run­gen sam­meln kön­nen, zu de­nen ich im nor­ma­len le­ben kei­ne ge­le­gen­heit hat­te, wie zum bei­spiel ei­nen faust­schlag ins ge­sicht zu be­kom­men und die ge­le­gen­heit auf ei­ner abend­ver­an­stal­tung zu knut­schen.

bis zu mei­nem acht­zehn­ten le­bens­jahr fand ich kar­ne­val gut. ich habe die ta­ge­lan­ge ver­an­stal­tung ra­tio­na­li­si­ert und mir ge­dacht, dass es gut sei, wenn men­schen ein­mal pro jahr nar­ren­frei­heit be­kom­men und die­se zeit als ab­lass­ven­til nut­zen kön­nen und für eine ge­wis­se zeit ihre sor­gen, zwän­ge und hem­mun­gen ver­ges­sen könn­ten. dann fuhr ich mit 17 jah­ren für ein jahr als aus­tausch­schü­ler nach ame­ri­ka. dort bil­de­te ich mir kurz ein, den kar­ne­val zu ver­mis­sen, aber als ich als acht­zehn­jäh­ri­ger zu­rück­kam, war ich dem kar­ne­vals­trei­ben völ­lig ent­frem­det.

in mei­ner nach-aus­tausch­schü­ler-zeit fand ich kar­ne­val nur noch stö­rend, laut, über­grif­fig und al­bern. je­des jahr zur kar­ne­vals­zeit flüch­te­te ich aus dem rhein­land. das ist auch ei­ner der un­ter­schie­de zum ok­to­ber­fest, das ok­to­ber­fest, die the­re­si­en­wie­se, kann man viel­leicht um­fah­ren, auch wenn die aus­wir­kun­gen in der gan­zen stadt mün­chen spür­bar sind, ist der ei­gent­lich wahn­sinn ört­lich be­grenzt. dem kar­ne­val ent­kommt man in rhei­ni­schen städ­ten nicht. es wird über­all ge­sof­fen, froh­sinn in die welt ge­ru­fen und krach ge­macht. die gan­ze stadt steht im wahrs­ten sin­ne des wor­tes kopf, von don­ners­tag bis diens­tag. um dem wahn­sinn zu ent­kom­men, muss man das rhein­land ver­las­sen.

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