ze­dern­weg

felix schwenzel in rss club

ich mei­de den kon­takt zu nach­barn. ich hab nichts ge­gen nach­barn, im ge­gen­teil, aber ich habe auch kein be­son­de­res in­ter­es­se mit ih­nen ge­sprä­che zu füh­ren oder gar be­zie­hun­gen zu pfle­gen. die bei­fah­re­rin hat kon­takt zu je­dem ein­zel­nen haus­be­woh­ner über eine selbst auf­ge­bau­te whats­app-grup­pe.

als kind sah ich das an­ders, da kann­te ich auch alle be­woh­ner des hau­ses in dem wir leb­ten — aus­ser den leu­ten, die so wa­ren wie ich jetzt und kein in­ter­es­se an nach­bar­schaft­kon­takt hat­ten.

im ze­dern­weg ging ich zum fern­se­hen zu frau jo­nas, weil wir kei­nen fern­se­her hat­ten. zu frau re­bol ging ich wenn ich nachts al­lei­ne in der woh­nung auf­wach­te und ko­mi­sche ge­räu­sche hör­te. of­fen­sicht­lich war ich nachts oft al­lei­ne in der woh­nung, denn ich er­in­ne­re mich dar­an oft bei frau re­bol ge­we­sen zu sein. zu den ches ging ich haupt­säch­lich we­gen der toch­ter, mit der ich dann un­ten auf dem hof spiel­te. aber ich sass auch oft bei den ches in der kü­che.

das hat man dann of­fen­sicht­lich da­von, wenn man be­zie­hun­gen zu den nach­barn auf­baut, dann klin­geln die nach­bar­kin­der stän­dig bei ei­nem an der tür, wenn sie fern­se­hen oder spie­len möch­ten oder wenn sie hung­rig oder ängst­lich sind.

als kind ha­ben mich die nach­barn fas­zi­niert. bei ih­nen war al­les an­ders als bei uns zu­hau­se. die woh­nung von frau jo­nas war im­mer un­glaub­lich sau­ber und auf­ge­räumt. sie hat­ten im wohn­zim­mer ein rie­si­ges sofa und ei­nen rie­si­gen ses­sel die um ei­nen ge­ka­chel­ten tisch her­um stan­den. auch der wohn­zim­mer­bo­den war ge­ka­chelt. der fern­se­her war in ei­ner schrank­wand ver­steckt, zum fern­se­hen muss­te man zwei tü­ren öff­nen. frau jo­nas hat­te ei­nen bal­kon, auf dem sie sich stun­den­lang in der son­ne bräun­te und des­halb im­mer so aus­sah, als sei sie ge­ra­de aus dem ur­laub nach hau­se ge­kom­men.

der mann von frau jo­nas war bei der kri­mi­nal­po­li­zei, was mich noch stär­ker fas­zi­nier­te als der ge­ka­chel­te tisch und die ge­heim­nis­vol­le sau­ber­keit der woh­nung. in der re­gel sah ich bei frau jo­nas die se­sam­stras­se. frau jo­nas klapp­te mir dann im­mer den schrank auf, stell­te den fern­se­her und das pro­gramm ein und liess mich al­lei­ne auf dem rie­si­gen sofa. ich war sehr be­dacht dar­auf bei mei­nen be­su­chen bei frau jo­nas kei­ne un­ord­nung zu ver­ur­sa­chen und nichts an­zu­fas­sen.

ein­mal fing in der se­sam­stras­se ein kind an, den fern­se­her von frau jo­nas von in­nen mit grü­ner far­be zu be­ma­len. ich ge­riet in pa­nik — wie soll­te ich das frau jo­nas er­klä­ren?

frau re­bol hat­te auch ei­nen fern­se­her. aber zu ihr ging ich nicht um fern­se­hen zu gu­cken, son­dern weil sie (und ihr mann) fern­se­hen guck­ten. wenn der fern­se­her et­was zu laut war, bil­de­te ich mir ein, dass bei uns män­ner im wohn­zim­mer wa­ren. da mei­ne el­tern mich an­ge­wie­sen hat­ten nach ne­ben­an zu frau re­bol zu ge­hen, wenn ich al­lein zu­hau­se angst hät­te, schau­te ich dann eben ge­mein­sam mit den re­bols fern­se­hen bis mei­ne el­tern wie­der da wa­ren.

aus dem glei­chen grund habe ich dann auch mal eine sil­ves­ter­nacht bei den re­bols ver­bracht. mög­li­cher­wei­se war das die schöns­te sil­ves­ter­nacht mei­nes le­bens; im sehr ge­müt­li­chen und war­men wohn­zim­mer der re­bols hat­te ich ei­nen wun­der­ba­ren, nüch­ter­nen und di­stan­zier­ten blick aus de­ren gau­ben­fens­ter auf das feu­er­werk.

die woh­nung der ches roch an­ders als alle an­de­ren woh­nun­gen im haus. die ches wa­ren aus ko­rea und herr che be­ein­druck­te mich, weil er hart­ge­koch­te eier mit stäb­chen in klei­ne stü­cke zer­tei­len konn­te und mir von ko­rea­ni­schen es­sen er­zähl­te. bei den ches habe ich zum ers­ten mal ein blatt nori-al­gen ge­ges­sen.

als kind fiel es mir schwer, die re­ak­tio­nen von er­wach­se­nen men­schen zu­ver­läs­sig vor­her­zu­sa­gen. oder an­ders­rum, die re­ak­tio­nen von men­schen ha­ben re­gel­mäs­sig nicht mei­nen er­war­tun­gen ent­spro­chen. mir war zum bei­spiel der sinn vom haa­re­schnei­den nie ganz klar (bis heu­te). um das bes­ser zu ver­ste­hen, pro­bier­te ich es ir­gend­wann mit mei­ner bas­tel­sche­re selbst. als ich frau jo­nas mein werk prä­sen­tier­te, war ich sehr ent­täuscht, dass sie mich aus­lach­te, statt zu lo­ben.

hin­ter un­se­rem haus, ne­ben der esso-tank­stel­le, hat­te der „frit­ten­kö­nig“ ei­nen Im­biss. an­geb­lich war das die bes­te pom­mes-bude aa­chens. der frit­ten­kö­nig stell­te sei­ne pom­mes aus ro­hen kar­tof­feln kom­plett selbst her. man konn­te den gan­zen pro­zess vom kar­tof­feln-schnei­den mit ei­ner pom­mes-pres­se, über die ver­schie­de­nen frit­tie­run­gen, live be­ob­ach­ten. mei­ne el­tern schick­ten mich ge­le­gent­lich rü­ber um frit­ten für alle zu ho­len. mein va­ter war ein­mal un­der­whel­med von den pom­mes, wes­halb ich beim nächs­ten mal pom­mes ho­len zum frit­ten­kö­nig sag­te: „mein va­ter meint, ihr be­nutzt al­tes frit­tier­fett“. statt sich bei mir für das über­brin­gen die­ser wich­ti­gen in­for­ma­ti­on zu be­dan­ken, nann­te mich der frit­ten­kö­nig seit­dem durch­ge­hend „schlitz­ohr“.

ich ver­mu­te, das ist auch der grund, war­um ich bis heu­te kein in­ter­es­se an nach­barn habe. sie könn­ten ab­wei­chen­de mei­nun­gen ha­ben oder un­vor­her­ge­se­hen re­agie­ren. 

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