zedernweg
ich meide den kontakt zu nachbarn. ich hab nichts gegen nachbarn, im gegenteil, aber ich habe auch kein besonderes interesse mit ihnen gespräche zu führen oder gar beziehungen zu pflegen. die beifahrerin hat kontakt zu jedem einzelnen hausbewohner über eine selbst aufgebaute whatsapp-gruppe.
als kind sah ich das anders, da kannte ich auch alle bewohner des hauses in dem wir lebten — ausser den leuten, die so waren wie ich jetzt und kein interesse an nachbarschaftkontakt hatten.
im zedernweg ging ich zum fernsehen zu frau jonas, weil wir keinen fernseher hatten. zu frau rebol ging ich wenn ich nachts alleine in der wohnung aufwachte und komische geräusche hörte. offensichtlich war ich nachts oft alleine in der wohnung, denn ich erinnere mich daran oft bei frau rebol gewesen zu sein. zu den ches ging ich hauptsächlich wegen der tochter, mit der ich dann unten auf dem hof spielte. aber ich sass auch oft bei den ches in der küche.
das hat man dann offensichtlich davon, wenn man beziehungen zu den nachbarn aufbaut, dann klingeln die nachbarkinder ständig bei einem an der tür, wenn sie fernsehen oder spielen möchten oder wenn sie hungrig oder ängstlich sind.
als kind haben mich die nachbarn fasziniert. bei ihnen war alles anders als bei uns zuhause. die wohnung von frau jonas war immer unglaublich sauber und aufgeräumt. sie hatten im wohnzimmer ein riesiges sofa und einen riesigen sessel die um einen gekachelten tisch herum standen. auch der wohnzimmerboden war gekachelt. der fernseher war in einer schrankwand versteckt, zum fernsehen musste man zwei türen öffnen. frau jonas hatte einen balkon, auf dem sie sich stundenlang in der sonne bräunte und deshalb immer so aussah, als sei sie gerade aus dem urlaub nach hause gekommen.
der mann von frau jonas war bei der kriminalpolizei, was mich noch stärker faszinierte als der gekachelte tisch und die geheimnisvolle sauberkeit der wohnung. in der regel sah ich bei frau jonas die sesamstrasse. frau jonas klappte mir dann immer den schrank auf, stellte den fernseher und das programm ein und liess mich alleine auf dem riesigen sofa. ich war sehr bedacht darauf bei meinen besuchen bei frau jonas keine unordnung zu verursachen und nichts anzufassen.
einmal fing in der sesamstrasse ein kind an, den fernseher von frau jonas von innen mit grüner farbe zu bemalen. ich geriet in panik — wie sollte ich das frau jonas erklären?
frau rebol hatte auch einen fernseher. aber zu ihr ging ich nicht um fernsehen zu gucken, sondern weil sie (und ihr mann) fernsehen guckten. wenn der fernseher etwas zu laut war, bildete ich mir ein, dass bei uns männer im wohnzimmer waren. da meine eltern mich angewiesen hatten nach nebenan zu frau rebol zu gehen, wenn ich allein zuhause angst hätte, schaute ich dann eben gemeinsam mit den rebols fernsehen bis meine eltern wieder da waren.
aus dem gleichen grund habe ich dann auch mal eine silvesternacht bei den rebols verbracht. möglicherweise war das die schönste silvesternacht meines lebens; im sehr gemütlichen und warmen wohnzimmer der rebols hatte ich einen wunderbaren, nüchternen und distanzierten blick aus deren gaubenfenster auf das feuerwerk.
die wohnung der ches roch anders als alle anderen wohnungen im haus. die ches waren aus korea und herr che beeindruckte mich, weil er hartgekochte eier mit stäbchen in kleine stücke zerteilen konnte und mir von koreanischen essen erzählte. bei den ches habe ich zum ersten mal ein blatt nori-algen gegessen.
als kind fiel es mir schwer, die reaktionen von erwachsenen menschen zuverlässig vorherzusagen. oder andersrum, die reaktionen von menschen haben regelmässig nicht meinen erwartungen entsprochen. mir war zum beispiel der sinn vom haareschneiden nie ganz klar (bis heute). um das besser zu verstehen, probierte ich es irgendwann mit meiner bastelschere selbst. als ich frau jonas mein werk präsentierte, war ich sehr enttäuscht, dass sie mich auslachte, statt zu loben.
hinter unserem haus, neben der esso-tankstelle, hatte der „frittenkönig“ einen Imbiss. angeblich war das die beste pommes-bude aachens. der frittenkönig stellte seine pommes aus rohen kartoffeln komplett selbst her. man konnte den ganzen prozess vom kartoffeln-schneiden mit einer pommes-presse, über die verschiedenen frittierungen, live beobachten. meine eltern schickten mich gelegentlich rüber um fritten für alle zu holen. mein vater war einmal underwhelmed von den pommes, weshalb ich beim nächsten mal pommes holen zum frittenkönig sagte: „mein vater meint, ihr benutzt altes frittierfett“. statt sich bei mir für das überbringen dieser wichtigen information zu bedanken, nannte mich der frittenkönig seitdem durchgehend „schlitzohr“.
ich vermute, das ist auch der grund, warum ich bis heute kein interesse an nachbarn habe. sie könnten abweichende meinungen haben oder unvorhergesehen reagieren.
keine reaktionen
(alle reaktionen in der beilage)
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