wtf ist in­tel­li­genz?

felix schwenzel in artikel

nico:

Mir geht es um die Lüge von der In­tel­li­genz. Gut ra­ten, wel­ches Wort als nächs­tes in ei­nen Satz ge­hört scheint zu rei­chen, um das aus­zu­üben, was ich mir mehr oder we­ni­ger au­to­di­dak­tisch als Be­ruf bei­ge­bracht habe, das über­rascht mich jetzt nicht mal wirk­lich. Aber das ist kei­ne In­tel­li­genz.

Das wäre kein Pro­blem, wenn die­ser Irr­glau­be, wir hät­ten es hier mit In­tel­li­genz zu tun, nicht ge­ra­de dazu füh­ren wür­de, das al­les wa[s] wirk­li­che In­tel­li­genz aus­macht, ab­ge­wer­tet wird.

nico re­det hier — na­tür­lich — über so­ge­nann­te künst­li­che In­tel­li­genz, KIs, LLMs.

das lese ich seit vie­len jah­ren im­mer wie­der, all­über­all, die be­to­nung, dass das was LLMs, oder die lar­ge lan­guage mo­dels, die wir in der all­tags­spra­che meist als künst­li­che in­tel­li­gen­zen be­zeich­nen, eben kei­ne in­tel­li­genz sind, son­dern nur din­ger die wor­te an­ein­an­der rei­hen die ir­gend­wel­che wahr­schein­lich­kei­ten er­fül­len, also im prin­zip nur au­to­ver­voll­stän­di­ger sind.

cory doc­to­row:

AI isn’t “ar­ti­fi­ci­al” and it’s not “in­tel­li­gent.” “Ma­chi­ne lear­ning” does­n't learn. On this week’s Trash­fu­ture pod­cast, they made an ex­cel­lent (and pro­fa­ne and hi­la­rious) case that ChatGPT is best un­ders­tood as a so­phis­ti­ca­ted form of au­to­com­ple­te – not our new ro­bot over­lord.

ich bin kein phi­lo­soph und nicht be­son­ders gut im tie­fen nach­den­ken, wes­halb ich mich hüte sol­chen be­haup­tun­gen zu wi­der­spre­chen. was mir aber fehlt, ist eine de­fi­ni­ti­on was in­tel­li­genz denn nun ei­gent­lich ist. was macht „wirk­li­che In­tel­li­genz“ aus?

die bes­te ar­beits­hy­po­the­se dazu hat mir ho­imar von dit­furth von 40 jah­ren in den kopf ge­setzt. re­leativ weit vor­ne in sei­nem buch „im an­fang war der was­ser­stoff“ schreibt er:

[…] Geist und Ver­stand [sind] of­fen­sicht­lich nicht erst mit uns Men­schen in die­se Welt hin­ein­ge­kom­men […]. Die­se Ein­sicht ist, wie mir scheint, eine der wich­tigs­ten Leh­ren, die wir aus den Er­geb­nis­sen der mo­der­nen Na­tur­wis­sen­schaft zie­hen kön­nen. Ziel­stre­big­keit und An­pas­sung, Ler­nen und Pro­bie­ren, den schöp­fe­ri­schen Ein­fall eben­so wie Ge­dächt­nis und Phan­ta­sie, das al­les gab es, wie ich in die­sem Buch im ein­zel­nen zu zei­gen ver­su­chen wer­de, schon lan­ge, be­vor es Ge­hir­ne gab. Wir müs­sen um­ler­nen: In­tel­li­genz gibt es nicht des­halb, weil die Na­tur es fer­tig­brach­te, Ge­hir­ne zu ent­wi­ckeln, die das Phä­no­men »In­tel­li­genz« am Ende ei­ner lan­gen Ent­wick­lungs­rei­he schließ­lich er­mög­licht hät­ten.
[…]
Die Na­tur hat nur des­halb nicht bloß Le­ben, son­dern schließ­lich auch Ge­hir­ne und zu­letzt un­ser mensch­li­ches Be­wußt­sein her­vor­brin­gen kön­nen, weil es Geist, Phan­ta­sie und Ziel­stre­big­keit in die­ser Welt schon im­mer ge­ge­ben hat, vom ers­ten Au­gen­blick ih­res Be­stehens an.

sein ar­gu­ment ist, grob ver­kürzt, dass die evo­lu­ti­on, die na­tur, leis­tun­gen pro­du­ziert, die im prin­zip wie in­tel­li­gen­tes pro­blem­lö­sen aus­se­hen — ohne ein pla­nen­des sub­jekt. bei­spie­le die er nennt sind tar­nung, evo­lu­tio­nä­re an­pas­sungs­fä­hig­keit oder an­ti­bio­ti­ka­re­si­tenz. ein­fa­che re­geln in kom­ple­xen sys­te­men, wie bei bie­nen- oder amei­sen­völ­kern, mu­ta­ti­on und se­lek­ti­on er­we­cken „den Ein­druck von Lern­fä­hig­keit und in­tel­li­gen­tem Ver­hal­ten“.

Klam­mert man sich nicht mehr dar­an, daß eine in­tel­li­gen­te Re­ak­ti­on nur dann in­tel­li­gent ge­nannt wer­den darf, wenn es die Re­ak­ti­on ei­nes In­di­vi­du­ums ist, nicht da­ge­gen, wenn es sich um die Re­ak­ti­on ei­ner Art han­delt, dann be­stehen kei­ne Schwie­rig­kei­ten, sich die iso­lier­te Ent­ste­hung ein­zel­ner Leis­tun­gen vor­zu­stel­len, die in ih­rer Ge­samt­heit dann an ei­nem sehr viel spä­te­ren Punkt der Ent­wick­lung, durch in­di­vi­du­el­le Ge­hir­ne zu­sam­men­ge­faßt, den Be­ginn der »psy­chi­schen« Ent­wick­lungs­stu­fe mar­kie­ren.

Hier zeich­net sich folg­lich die Mög­lich­keit ab, das Ge­hirn zu be­grei­fen als ein Or­gan, des­sen ei­gent­li­che Leis­tung un­ter ei­nem evo­lu­tio­nis­ti­schen Aspekt dar­in zu se­hen sein könn­te, daß es be­stimm­te Re­ak­ti­ons­mög­lich­kei­ten, die un­ab­hän­gig von­ein­an­der ent­stan­den sind und fer­tig vor­lie­gen, zu ei­nem ge­schlos­se­nen, in­di­vi­du­el­len Ver­hal­tens­re­per­toire in­te­griert.

platt ge­sagt, habe ich ho­imar von dit­furth da­mals wie heu­te so ver­stan­den, dass der geist, die fä­hig­keit zur in­tel­li­gen­ten re­ak­tio­nen auf die welt, ein­fach da ist, im uni­ver­sum oder den na­tur­ge­set­zen steckt und sich im Lau­fe der evo­lu­ti­on in im­mer kom­ple­xe­ren for­men und ir­gend­wie, ir­gend­wann auch in un­se­ren ge­hir­nen ma­ni­fes­tie­ren konn­te.

ho­imar von dit­furth kann man zum glück nicht nach­sa­gen, er sei dem hype auf­ge­ses­sen oder an­thro­mor­phi­sie­re das uni­ver­sum. im ge­gen­teil, er er­mahn­te uns be­reits 1972 dazu, in­tel­li­genz nicht zu ei­ner ex­klu­siv mensch­li­chen fä­hig­keit zu ma­chen und ihre exis­tenz nicht an ge­hir­ne oder ein in­di­vi­du­el­les be­wusst­sein zu knüp­fen.

oder kurz ge­sagt: sät­ze wie

das ist kei­ne In­tel­li­genz

oder

AI is […] not “in­tel­li­gent.”

schei­nen mir ei­nen er­staun­lich ge­rin­gen er­kennt­nis­wert zu ha­ben, so­lan­ge un­ge­klärt ist, wtf in­tel­li­genz ei­gent­lich sein soll.

3 kommentare