morgenspaziergang 04.10.2026
gestern beim morgenspaziergang über dinge nachgedacht, die ich relativieren könnte. ich war ja vor ner weile mal genervt von einer kampagne die dazu aufrief weniger (filme und fernsehserien) zu streamen um die welt zu retten. abgesehen davon dass sich das shift project, das die studie damals veröffentlichte und zur internet-enthaltsamkkeit gegen die klimakatastrophe aufrief, sich ordentlich verrechnet hatte.
ich hab beim morgenspaziergang unter anderem darüber nachgedacht, dass die kino-vorführung eines films ja auch nicht gerade klimaneutral ist. so ein kinosaal wird klimatisiert, der projektor und der raum brauchen strom, nicht alle vorstellungen sind ausverkauft und zuschauer müssen anreisen. wenn sie das mit dem auto tun sind auch schnell ein paar kilogramm CO₂ produziert.
diese CO₂ rechnungen und unkenrufe ermüden mich nicht allein wegen ihrer unüberschaubarkeit und komplexität, sondern auch weil sie — und vor allem die berichterstatung über solche rechnungen — so selten den gewinn, die vorteile, die positiven entwicklungen mit in betracht ziehen.
mir fiel jedenfalls wieder ein, wie schwierig es früher™ überhaupt war an informationen zu kommen. ich hatte das glück in einem haushalt zu leben, in dem ständig sehr viel bedrucktes papier gekauft wurde und fand so relativ viel lesestoff vor. als ich so um die 15 jahre alt war entdeckte ich auch die stadtbibliothek aachen. ich erinnere mich noch gut daran, dass ich beim browsen in den regalen laufend potenzielle antworten auf die grossen fragen des lebens entdeckte. eins der ersten bücher, das ich mir als junger teenager dort auslieh, war ein buch über zufall und wahrscheinlichkeitsrechnung. ich kämpfte mich durch das buch und bekam damit eine grobe vorstellung der wahrscheinlichkeitsrechnung, der gaußschen normalverteilung und lernte ein paar tricks fürs spielkasino.
natürlich bekamen wir auch in der schule bücher, aber wirklich mit büchern zu arbeiten, mir themen aus büchern zu erarbeiten oder das was man recherche nennt, das hab ich erst 18 jahre nach meiner geburt in einer amerikanischen highschool gelernt. die highschool die ich dort besuchte war eigentlich nicht besonders gross oder fancy, aber sie hatte eine jederzeit zugängliche, gut sortierte bibliothek mit einer eigenen bibliothekarin. das kannte ich aus deutschland nicht. im prinzip habe ich dank der bibliothek und der möglichkeit, ein term-paper zu einem frei wählbaren thema zu schreiben, in der amerikanischen highschool das recherchieren und schreiben gelernt.
diese bibliothek an der steilacoom highschool war damals genauso wie heute das internet ein angebot das man wahrnehmen oder ignorieren konnte. so wie ich mich heute im internet zu einem thema durchschlängeln kann — zum beispiel von einem veritasium video zu bayes theorem zu einem wikipedia artikel zu nate silvers the signal and the noise oder zu weiterer literatur — genauso kann ich mich auch in meinem instagram-feed dummscrollen.
abgesehen davon, dass ich froh bin nicht mehr jung zu sein, wenn ich nochmal jung sein müsste, würde ich eine jugend in unserer internet- und KI-welt meiner jugend in der papier- und gatekeeper-welt vorziehen. gezielte informationsbeschaffung und ungezielte neugierbefriedigung sind in unserer vernetzten welt potenziell so viel besser, zugänglicher und vielfältiger. sogar bibliotheken sind durch die vernetzung besser geworden.
aber eigentlich wollte ich ja relativieren.
mir fiel beim querlesen des archiv des pessimismus wieder auf, wie wir mit dem aufkommen fast jeder neuen technologie und mit jeder neuen generation das schlimmste erwarten: verdummung, krankheit, verarmung, zerstörung der welt. pessimismus hat oft einen wahren kern, genau wie populismus sich auch oft an tatsächlichen problemen kristallisiert. genauso haben werkzeuge und technologien meistens sowohl das potenzial zum zerstören als auch zum kreieren. ich habe jahrelang als schreiner mit grossmaschinen gearbeitet mit denen man sich und anderen furchtbare verletzungen zufügen könnte. aber weil ich einerseits (ein bisschen) in ihre bedienung eingearbeitet wurde und ich andererseits um ihre gefährlichkeit wusste, habe ich sie mit respekt und umsicht bedient.
messer, schere, licht, sind für kleine kinder nicht ist kein besonders nützlicher tipp. meideverhalten ist nicht immer die beste lösung. besser ist oft den umgang mit vermeintlich gefährlichen dingen zu verändern oder pragmatisch anzugehen. licht ist mittlerweile extrem kindersicher seit wir es nicht mehr in öllampen mit streichhölzern einschalten, es gibt kinderscheren und kindern den respektvollen und umsichtigen umgang mit messern (unter aufsicht) beizubringen scheint mir klüger und erfolgversprechnder als ein pauschalverbot.
richtig — glaube ich zumindest — ist es, fortschrittpessimismus mit geanau so viel skepsis zu begegnen wie fortschrittsoptimismus. aber bei skepsis sollten wir, wie bei allem anderen im leben, mass halten. gutgläubigkeit ist genauso ungünstig wie absolute ablehnung, zuviel salz genauso ungeniessbar wie keins.
ich frage mich immer ob menschen, die der jugend von heute dummheit oder faulheit oder verweichlichung oder radikalität (oder das gegenteil, je nachdem was gerade in der pessismus-szene en vogue ist) andichten, eigentlich merken, dass sie sich mit ihrer einschätzung in eine jahrtausende alte tradition einreihen. natürlich kann man die jugend kritisieren, natürlich muss die gesellschaft grenzen setzen und (immer wieder neu) ausloten wohin wir uns bewegen wollen und was wir bewahren wollen und was wir bereit sind aufzugeben. aber dabei sollte man nie die neugier aufs neue und unbekannte verlieren, nur weil das alte, bekannte so bequem oder eben bekannt ist.
steve jobs sagte in seiner stanford commencement speech von 2005 sinngemäss, dass der tod wahrscheinlich die beste erfindung des lebens sei: er schaffe platz für neues, indem das alte verschwinde. insofern könnte man die geringschätzung der jugend oder von neuen formen der sprache oder neuen technologien und medien sicherlich auch als furcht vor der eigenen bedeutungslosigkeit sehen. also letztenendlich als furcht vor dem tod.
andererseits kann man furcht vor stillstand oder rückschritt natürlich genauso als furcht vor bedeutungslosigkeit sehen; schnell mal was neues/grosses/irres schaffen um mich unvergessen zu machen. aber mein punkt ist glaube ich eher, dass ich extremen gewissheiten aus prinzip misstraue. wobei wir wieder bei der gaußschen normalverteilung sind und ich am ende meiner überlegungen vom morgenspaziergang.

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