plötz­lich ist das ori­gi­nal wich­tig

felix schwenzel in artikel

beim bild­blog wies lo­renz mey­er heu­te auf die­ses 40 mi­nu­ten lan­ge vi­deo hin. das vi­deo ist über syn­chron­spre­cher und wie sie sich von KI be­droht füh­len.

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ich habe mich durch das gan­ze vi­deo ge­quält und kann es nicht emp­feh­len. aber wenn ich über das vi­deo schrei­be, dach­te ich, muss ich da durch.

ich bin kein fan von syn­chro­ni­sa­ti­on, im ge­gen­teil. ich ver­mei­de so gut ich kann. in den letz­ten 20 jah­ren ist mir das dank des tech­ni­schen fort­schritts auch ganz gut ge­lun­gen. die ers­ten 30 jah­re mei­nes le­bens war ich der syn­chro­ni­sa­ti­on von fil­men und fern­seh­se­ri­en hilf­los und al­ter­na­tiv­los aus­ge­lie­fert. je­der film, jede fern­seh­se­rie wur­de aus­schliess­lich mit deut­schen stim­men über­bü­gelt.

mit dem auf­kom­men der DVD wur­den ori­gi­nal­ver­sio­nen leich­ter zu­gäng­lich. wenn ich mich recht er­in­ne­re, wan­del­ten sich vi­deo­the­ken so um 2003 bis 2005 lang­sam aber si­cher zu DVD­the­ken und mit DVDs hat­te ich end­lich eine wahl mir fil­me und se­ri­en auch end­lich im ori­gi­nal an­zu­schau­en.

auf eine art bin ich den 30 jah­ren zwangs­syn­chro­ni­sa­ti­on dank­bar. al­les was ich in den ers­ten 30 jah­ren an me­di­en kon­su­miert habe, kann ich jetzt noch­mal völ­lig neu im ori­gi­nal ent­de­cken. vor ei­nem jahr hab ich mir alle fol­gen der mup­pet show an­ge­se­hen, da­vor ma­gnum PI. vor 15 jah­ren war ich er­staunt dar­über was für eine wei­che, erns­te, sym­pa­thi­sche stim­me eddi mur­phy hat und dass er eben kein af­fi­ger schrei­hals ist.

im vi­deo oben ma­chen ei­ni­ge deut­sche syn­chron­spre­cher dar­auf auf­merk­sam, dass das was sie tun kunst sei. dem möch­te ich nicht wi­der­spre­chen, aber die­se kunst ist eine kunst mit der ich nichts zu tun ha­ben will. so wie ich nicht auf ein auf ein in­dus­tri­al me­tal kon­zert ge­hen möch­te oder in die oper. ich habe nichts da­ge­gen wenn syn­chron­spre­cher ih­rer kunst nach­ge­hen, so­lan­ge sie mich mit ih­rer kunst in ruhe las­sen. da sie mich 30 jah­re mei­nes le­bens nicht in ruhe da­mit ge­las­sen ha­ben, habe ich in die­ser zeit — und da­nach — al­ler­dings ein emo­tio­na­les mei­nungs­bild über die­se kunst ent­wi­ckelt. kurz ge­sagt: ich er­tra­ge die­se stim­men nicht, weil sie so glatt und gleich­zei­tig über­zeich­net, ge­stelzt und auf­ge­tra­gen sind. kein mensch auf der welt re­det so, wie syn­chron­spre­cher re­den. ich den­ke im kunst­kon­text ist das auch OK, nie­mand singt so wie opern­sin­gen­de sin­gen, nie­mand malt so wie ma­le­rin­nen ma­len, nie­mand tanzt so wie bal­let­tän­ze­rin­nen tan­zen.

der witz ist: als ich vor ei­ner wei­le mal test­wei­se die stim­me der chatgpt-app ak­ti­viert habe, dach­te ich so­fort an syn­chron­spre­cher: viel zu viel pa­thos, emo­ti­on, mühe. al­les et­was zu doll auf­ge­dreht und eine durch­gän­gi­ge nu­schel-pho­bie.

im vi­deo sagt pe­ter flecht­ner, der un­ter an­de­rem ben af­fleck syn­chro­ni­si­ert, an ei­ner stel­le:

ich glau­be die leu­te wer­den ir­gend­wann auch ge­nervt sein wie­der von den ki stim­men.

das glau­be ich auch, aber ich glau­be auch das vie­le leu­te von den syn­chron stim­men ge­nervt sind. be­stimmt nicht alle, im ge­gen­teil, ganz of­fen­sicht­lich mö­gen die vie­le auch, aber ich fand es frap­pie­rend wie in dem vi­deo die gan­ze zeit dar­auf hin­ge­wie­sen wird wie scheis­se und pa­ra­si­tär KI ist, aber an kei­ner stel­le fest­ge­stellt wird dass syn­chro­ni­sie­rung das ori­gi­nal ver­zerrt und um­in­ter­pre­tiert. ich ver­mu­te, dass vie­le fil­me­ma­cher syn­chro­ni­sa­ti­on ih­rer wer­ke nur we­gen kne­bel­ver­triebs­ver­trä­gen zu­las­sen. ich kann mir zu­min­dest nicht vor­stel­len, dass je­mand der jah­re­lang für ei­nen di­rec­tors cut kämpft es toll fin­det, wenn das werk dann noch­mal von syn­chron­stu­di­os neu in­ter­pre­tiert wird.

hol­ly­wood­schau­spie­ler sind zu pro­fes­sio­nell um sich on the re­cord ne­ga­tiv über syn­chro­ni­sa­ti­on aus­zu­las­sen. jo­die fos­ter hat in ei­nem in­ter­view mal dar­auf hin­ge­wie­sen, dass sie sich selbst in fran­zö­sisch syn­chro­ni­si­ert. das sei ein schwie­ri­ger, an­stren­gen­der job.

So, I wish more ac­tors could do it, but I got to tell you it's re­al­ly hard. It's re­al­ly hard.

aber sie weist auch dar­auf hin, dass die fil­me eben um­in­ter­pre­tiert wer­den:

I was […] su­per­vi­sing the Ita­li­an and the Ger­man and the Spa­nish and all of that. It was so in­te­res­t­ing to see how all the dif­fe­rent ro­mance lan­guages would in­ter­pret and how the cha­rac­ter ch­an­ges in some ways in all tho­se lan­guages.

jo­die fos­ter fin­det das auf eine art auf­re­gend, ich find es eher scha­de. vie­le leu­te fin­den es auch auf­re­gend ihre au­tos tie­fer zu le­gen oder spoi­ler dran­zu­kle­ben oder kaf­fee mit sprüh­sah­ne zu trin­ken. ich fin­de meis­tens das ori­gi­nal auf­re­gend ge­nug.


wenn es tat­säch­lich so ist, dass die men­schen ihre syn­chron­stim­men lie­ben, dar­auf wei­sen die syn­chron­spre­cher und spre­che­rin­nen mehr­fach im vi­deo hin, dann gibt es ja ei­gent­lich kei­nen grund zur sor­ge für die bran­che. dann lehnt die mehr­heit ar­ti­fi­zi­el­le stim­men ab und die gros­sen strea­ming­an­bie­ter, film­stu­di­os, ver­mark­ter müs­sen nach­zie­hen und wei­ter schau­spie­ler fürs syn­chro­ni­se­ren zah­len.

mei­ne ver­mu­tung ist al­ler­dings dass es den meis­ten men­schen egal ist. zu­min­dest den men­schen die jetzt schon syn­chro­ni­sier­te fil­me und se­ri­en ak­zep­tie­ren oder dem ori­gi­nal (mit un­ter­ti­teln) vor­zie­hen. die von den syn­chron­spre­chern viel­be­schwo­re­ne „deut­sche syn­chron­spre­cher-kul­tur“ hat über vie­le jahr­zehn­te im wört­li­chen sin­ne das ori­gi­nal mar­gi­na­li­si­ert und ent­wer­tet. war­um soll­te sich die­se mehr­heit — der das ori­gi­nal egal ist — jetzt plötz­lich da­für in­ter­es­sie­ren, dass die stim­men ori­gi­nal und nicht ma­schi­nen­ge­ne­riert sind?

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