Ich kann den Jubel über das Abservieren von Jens Spahn nicht so recht teilen. Der Anlass dafür war so armselig und die Empörung so scheinheilig, dass ich mir gut vorstellen könnte, dass er in nicht allzu ferner Zukunft wieder zurück ist und dann nur umso fester wieder im Sattel sitzt. Mit der Aura des zu Unrecht Verfolgten. Denn die Scheinheiligkeit, die ihm (zu Recht) zur Last gelegt wurde, ist die Scheinheiligkeit unsere gesamten Gesellschaft, mindestens aber die der CDU FDP SPD: Reproduktive Technologie wird flächendeckend genutzt, aber niemand gibt es zu. Analog zu: Alle gehen in den Puff aber niemand gibt es zu. Oder: Alle beenden ungewollte Schwangerschaften (oder helfen ihren Frauen/Töchtern/Geliebten dabei), aber niemand gibt es zu. Spahn wurde jetzt stellvertretend dafür vom Hof gejagt, weil er es zu ungeschickt und offensichtlich gemacht hat. Aber das ändert nichts daran, dass er hier nur das Gesicht unserer gesamten Kultur ist. Übrigens #postpatriarchalesChaos in Reinform: Die alte Ordnung (in dem Fall der binär-heterosexuellen Kleinfamilie) existiert nicht mehr, zu einer neue können wir uns aber noch nicht offen durchringen. Stattdessen spielen wir ein Theater.
PS: Die AfD ist genauso scheinheilig, aber ihr schadet es nicht, weil sie sozusagen "Offen" scheinheilig ist, was das Rezept von Trump und Co ist. Während die Linken und Grünen etc. immerhin zaghaft versuchen, an sowas wie einer neuen Ordnung zu arbeiten.