bett-sensoren-anamnese — was meine sensoren über mich verraten

felix schwenzel, in artikel    

ich bin immer wieder selbst erstaunt was passiert, wenn man mit daten nicht sparsam umgeht und die einfach alle sammelt. je mehr daten man aggregiert, zum beispiel mit sensoren in der wohnung, desto mehr erkennt man, was diese daten alles über einen verraten (können).

das ist ein bild einiger der sensoren die ich unter meiner bettseite untergebracht habe. einen gewichtssensor, von dem ich die bett-belegung ableite, einen (relativen) luftfeuchtigkeitssensor und temperatur-sensor (nicht im bild) und zum vergleich einen luftfeuchtesensor im raum.

heute nacht habe ich sehr stark geschwitzt

man erkennt allgemein dass ich meisten nicht länger als sechs stunden schlafe und dass ich meinen schlaf regelmässig nachts kurz unterbreche, meisten für einen toilettengang, manchmal auch um zu sehen, ob jemand im internet etwas falsches geschrieben hat. man sieht, dass wir das wochenende in der rhön waren (und ich nicht in meinem bett) und dass ich donnerstag einen freien tag hatte (und mittagsschlaf gemacht habe).

ausserdem sieht man ab dienstag den typischen verlauf eines grippalen infekts: ich lag seit dienstag fast die ganze zeit im bett, schlief dienstag und mittwoch nie länger als 2 stunden, dafür schlief ich aber nach 2 tagen infekt, in der nacht von mittwoch auf donnerstag wieder länger, dafür sehr, sehr stark schwitzend.

ich finde das enorm faszinierend, gleichzeitig aber auch beunruhigend. denn das sind nur die werte der sensoren die ich selbst kontrolliere und lokal, bei mir zuhause speichere. all die anderen sensorwerte die in dieser zeit von anderen gesammelt wurden, dürften ähnliche schiussfolgerungen erlauben (felix schwenzel war vom 24. bis zum 26. september bettlägerig):

  • google maps hat drei tage lang keine aktivitäten festgestellt
  • ich habe heute hausärzte gegoogelt
  • netflix und unser fire tv haben tagsüber mehr aktivitäten festgestellt als sonst unter der woche üblich
  • meine apple watch und mein telefon haben kaum (körperliche) aktivität von mir festgestellt und durchgehend eher niedrigen puls gemessen
  • amazon dürfte in den letzten tagen zum ersten mal seit längerer zeit wieder e-book-downloads in meinen kindle apps beobachtet haben

tado auto-assist per API, statt ABO

felix schwenzel, in artikel    

vor etwas über einem jahr hat mich tado zu einer veranstaltung im vorfeld der ifa eingeladen, in dem tado seine v3-heizungsventile vorstellte und (unter anderem) einen „auto assist skill“ einführte. auto assist sollte das, was eine der herausragendsten und angenehmsten qualitäten der tado heizungssteuerung ist, zu einem kostenpflichtigen abo machen.

statt dass man wie bisher seine heizungssteuerung nach der installation von tado vergessen konnte und sich auf die wirklich gute präsenzerkennung und anwesenheitsgesteuerte heizungssteuerung verlassen konnte, dachte sich tado: das kann man doch komplizierter machen.

wenn alle bewohner mit dem neuen system die wohnung verlassen haben, schaltet sich die heizung nicht einfach ab, sondern die tado app schickt einem eine nachricht und fragt, ob man nicht die heizung abschalten wolle. kommt ein bewohner umgekehrt nach hause, sagt tado per mitteilung: „Willkommen zu Hause“ und fragt ob man vielleicht die heizung einschalten möchte. das kann man dann machen, indem man die app öfffnet und — i shit you not — einen button klickt.

für 25 euro pro jahr oder 3 euro mpro monat kann man sich von dieser last befreien und auto assist aktivieren.

tado auto-assist-kauf-dialog

tado hat diese praxis nach einiger empörung für bestandskunden (halb) zurückgezogen und nachdem ich zweimal nachhakte, ob ich als v2-bestandskunde den auto-assist-skill künftig wieder ohne abo nutzen könnte, hatte mir die pressestelle am 15. mai 2019 versprochen das zu tun, das sei kein problem.

ich hatte vor der ifa 2018 von tado ein v3-thermostat zum testen geschenkt bekommen, was mich für die v3-app-version qualifizierte und mir die automatikfunktionen in der app abdrehte. weil das noch vor dem vor dem rückzieher war und ich das natürlich auch testen wollte, hatte ich mir ein jahresabo gekauft. letzten monat, pünktlich zur diesjährigen ifa, lief mein auto-assist-abo aus und meine tado-installation funktionierte seitdem wie für einen neukunden: nicht mehr vollautomatisch. die versprochene freischaltung seitens tado blieb offenbar aus, wofür ich verständnis habe, da hat irgendwer was vergessen oder irgendein technischer grund wird verhindert haben, das bereits im mai zu konfigurieren.

mir war das aber trotzdem zu blöd hier nochmal nachzuhaken, weil ich das gefühl habe eh viel zu oft bei tado nachzuhaken. ausserdem habe ich mir gedacht, das müsste sich doch auch kostenlos automatisieren lassen.

tatsächlich ist die inoffizielle tado-API recht gut dokumentiert und für alle grossen heimautomatisierungplattformen gibt es implementierungen um tado-thermostate per API, also mit eigenen automatisierungslösungen, zu steuern (zum beispiel mit home-assistant). allerdings ist die auto-assist steuerung per API bisher nirgendwo dokumentiert, das musste ich also selbst rausfinden, was dank tado web-anwendung auch nicht allzu schwer ist. ich habe einfach beobachtet, was die web-app im hintergrund macht, wenn ich den „ich bin zuhause“-button in der (web-) app klicke.

tado presence-api-aufruf

es ist also eigentlich nichts weiter als ein „PUT“ aufruf der API unter dem API-endpunkt

https://my.tado.com/api/v2/homes/123456/presence

mit einem payload

{"homePresence":"HOME"}

oder

{"homePresence":"AWAY"}

weil pytado diesen endpunkt und diese methode noch nicht kennt, habe ich meine kopie von pytado entsprechend erweitert und kann der tado-API für meine home-id (die nicht 123456 lautet) den home-presence-status per kommandozeile mitteilen.

das problem ist allerdings, dass die API den AWAY-status nicht akzetiert, wenn das system sich gerade im HOME-status befindet. dann liefert die API einen HTTP Error 422 zurück, sagt also: das geht so nicht. tatsächlich kann man den präsenz-status erst auf „AWAY“ stellen, wenn alle tado-nutzer (oder deren handys) die wohnung verlassen haben.

dann, wenn alle „AWAY“ sind, liefert ein GET-request an

https://my.tado.com/api/v2/homes/123456/state

statt

{"presence":"HOME"}

folgendes:

{"presence":"AWAY","showHomePresenceSwitchButton":true}

um den auto-assist-skill zu simulieren mache ich also folgndes:

  • ich frage alle 10 minuten https://my.tado.com/api/v2/homes/123456/state ab und
  • lasse den status HOME oder AWAY in einen home-assistant-sensor fliessen und
  • immer dann, wenn sich der wert von HOME zu AWAY ändert (oder umgekehrt), kann ich eine automation triggern, die per https://my.tado.com/api/v2/homes/123456/presence den homePresence-status umschaltet
meine neue tado-präsenz-steuerung

interessant ist, dass ich den homePresence-status offenbar immer auf HOME stellen kann, AWAY lässt sich nur aktivieren, wenn alle nutzer auch wirklich weg sind, bzw. showHomePresenceSwitchButton true ist.

damit man das ohne fummelei umsetzen kann, müssen die gängigen tado-API-bibliotheken noch um die beiden endpunkte /presence und /status angepasst werden, ich werde in den nächsten wochen mal probieren, ob ich für pytado einen entsprechenden pull-request gebacken bekomme.

* * *

ich verstehe, dass der auto-assist-skill eine (wahrscheinlich) wichtige einnahmequelle für tado ist, die ihr geschäft wohl nicht alleine durch hardware-verkäufe oder service-angebote finanzieren können oder wollen. aber ich glaube auch, dass leute, die sich die mühe machen eine anbindung an die tado-API zusammenzufrickeln oder es schaffen eine heimautomatisierungslösung wie home-assistant bei sich zuhause zum laufen zu bringen, nicht diejenigen sind, auf die der auto-assist-skill zielt.

jeder der seine lebens-prioritäten einigermassen im griff hat und nicht, wie ich, jeden tag 3-8 stunden lebenszeit an seiner automatischen wohnung frickelnd verschwendet, wird für 25 euro/jahr den skill kaufen und glücklich mit einem vollautomatischen tado sein.

neuer, leiser wlan-ventilator aus china

felix schwenzel, in artikel    

wir brauchten einen neuen ventilator, weil die sommer zu heiss geworden sind und mir der alte ventilator zu laut und der beifahrerin zu energie-fressend wurde. das angebot im sommer in deutschland ist enttäuschend. billiger mist, für den man viel geld zahlen soll. keine vernetzungsfähigkeiten oder fernsteuerungen der ventilatoren im preissegment unter 1000 euro.

also, nach langem hin und her, habe ich mir einen ventilator in china bestellt, für 77,00 € ohne zusätzliche versandkosten. heute kam der ventilator an, er wurde aus england geliefert.

der zusammenbau war wie bei ikea: nicht ganz trivial, aber gut erklärt und sauber und verständlich abgepackte einzelteile. der ventilator lässt sich mit ein paar knöpfen bedienen und überzeugte auch die beifahrerin, die fürchete, dass er nicht gut genug wind machen könne. der direkte vergleich überzeugte sie: der alte bläst genau wie der neue in einem ziemlich engen strahl, aber beide blasen gleich stark, obwohl der alte grösser und lauter ist.

mit der mi-app lassen sich nach dem verbinden des ventilators mit dem wlan ein paar mehr features am ventilator bedienen: man kann den winkel, in dem er ozilliert einstellen (in schritten von 140° bis 30°), man kann einen „natürlichen wind“-modus einschalten, in dem der ventilator auch auf höchster stufe nur leise und wenig bläst, bis auf manchmal, wenn er eine oder zwei leichte böen simuliert. sehr angenehm, sehr verspielt. eine timer-funktion ist über die app, aber auch die tasten am ventilator bedienbar.

in der fritzbox meldete sich der ventilator als „ESP-5AB785“ an, xiaomi/mi hat hier also einen esp8266 verbaut. später, sobald ich das zugangstoken aus einem iphone-backup extrahiert habe, überlasse ich die steuerung und fernbedienung home-assistant, mit dieser komponente.

in der fritzbox habe ich dem wlan-ventilator allerdings gleich den internetzugang gesperrt. die chinesische firmware muss ja nicht unbedingt nach hause telefonieren.

ich bin jetzt schon sehr glücklich mit dem teil. die feine justierbarkeit der windstärke, der wind-simulationsmodus, die beinahe unbemerkbare geräuschentwicklung, die wlan-fähigkeit und (hoffentlich) problemlose lokale steuerbarkeit ohne app, per wlan. der ventilator ist zwar zum grossen teil aus plastik gefertigt, mit ein bisschen metal im fussbereich, der stange und im motorbereich, wirkt aber trotzdem, wie alle anderen xiaomi-produkte die ich bisher gekauft habe, ziemlich solide und fein und genau gearbeitet.

* * *

die integration in home-assistant war ein (kleines) bisschen fummelig, weil das model (dmaker.fan.p5) noch nicht von der komponente unterstützt wird. aber weil der github-nutzer bieniu die komponente angepasst hat, geht’s.

damit konnte ich den ventilator in die haus-automatisierung integrieren, snips sagen, dass sie den ventilator für x minuten oder stunden anstellen soll, den ventilator ausschalten wenn das zimmer leer ist oder den ventilator, wenns sein muss, über homekit oder das steuerungs-dashboard-tablet im zimmer steuern.

die beifahrerin legt wert darauf zu vermerken, dass sie einen punktabzug vergibt, weil der ventilator so niedrig ist und sich nicht mit der stange weiter hoch stellen kann. ich hingegen möchte gerne mehr als die volle punktzahl vergeben: ich bin sehr zufrieden. die letzte chance, dass der ventilator jetzt noch einige meiner sympathie-punkte verliert wäre der stromverbrauch. den messen wir demnächst.

* * *

eben den stromverbrauch gemessen, der ventilator braucht, wie vom hersteller angegeben, auf der nidrigsten stufe unter 2 watt und auf der höchsten ca. 5 watt. wenn der „natprliche windmodus“ aktiviert ist, also die stärke variert, schwankt der verbrauch auf höchster stufe zwischen 2 und 5 watt. das ist ziemlich beeindruckend, wenn man bedenkt, dass das alte metallmonster wohl gut das zehnfache verbraucht hat.

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paket
paket
paket
paket inhalt
paketinhalt: rotor
motor
rotor halter
rotor
beide ventilatoren

enthaltsamkeit gegen die klimakatastrophe?

felix schwenzel, , in artikel    

mich macht das unreflektierte wiederkauen von vermeintlichen studienergebnissen immer ein bisschen aggressiv, aber journalisten scheinen studien zu lieben. früher auf papier, jetzt im netz oder in emails, reissen journalisten für eine knackige überschrift, einen schlussgag oder aufhänger, sätze aus zusammenfassungen aus dem zusammenhang und werfen sie dem leser oder zuschauer vor. so auch heute im tagesspiegel checkpoint:

[…] Gerade veröffentlichte Zahlen eines französischen Think Tanks sollen belegen, dass Videostreaming jedes Jahr 305 Millionen Tonnen Kohlendioxid verursacht – was fast ein Prozent des weltweiten Ausstoßes sei (laut „The New Scientist“).

lobend erwähnen muss ich natürlich, dass der checkpoint die quelle verlinkt und mit der formulierung „sollen belegen“ darauf hinweist, dass zahlen aus studien, reports oder schlussabsätzen immer mit vorsicht oder ein paar gramm salz zu geniessen sind. auf die furchtbar verunglückte und verklemmte porno-schlusspointe von björn seeling möchte ich eigentlich nicht gesondert hinweisen, weil die pointen von björn seeling immer klemmen. aber ich zitiere sie trotzdem kurz, weil nicht nur die pointe klemmt, sondern auch der inhalt:

Vorschlag des Think Tanks, um CO₂ einzusparen: die Datenmenge durch geringere Auflösung der Videos verkleinern. Gilt natürlich nicht nur für die ganz scharfen.

(2 von mir tiefergesetzt, fettungen von björn seeling)

die studie, oder der report, wie the shift project die veröffentlichung nennt, schlägt nämlich gar nicht vor auflösungen von online-videos zu verkleinern, sondern man schlägt digitale enthaltsamkeit („Digital sobriety“) vor. um den report zu ergänzen, liefert the shift tank the shift project allerdings drei „werkzeuge,“ um nutzerïnnen und bürgerïnnen die versteckten umweltbelastungen von digitalen technologien zu zeigen („to reveal the hidden environmental impact of digital technology to users and citizens“):

ich bezweifle, dass björn seeling oder das shift projekt glauben, dass eine dreiseitge pdf-anleitung etwas ist, auf das youtube, netflix oder amazon prime gewartet haben, um das gewicht ihrer angebote zu reduzieren. tatsächlich stecken die plattformen bereits seit einigen jahren geld und entwicklung in die optimierung von komprimierungsalgorithmen und effizientere auslieferung — nicht nur aufmerksamkeit bedeutet geld für die platformen, auch optimierte geschwindigkeit und resourcennutzung. das pdf richtet sich eher an leute die ihre eigenen pornos drehen ihre selbstgemachten videos erstmal selbst optimieren möchten, bevor sie sie auf youtube oder vimeo laden, um sie dort nochmal optimieren zu lassen und ausliefern zu lassen. im pdf wird übrigens auch erklärt, wie der autor des pdf es schaffte 16 seiner vimeo-videos so zu optimieren, dass er am ende im schnitt 25% der video-dateigrösse einsparte: 11 wurden erfolgreich um 50 bis 90 prozent in der grösse reduziert, zwei liessen sich nicht weiter optimieren und drei hat er gelöscht: „Reducing the weight of videos online therefore begins by asking the question of the usefulness of their online presence.“

das ist die haltung, bzw. der lösungsansatz, der sich durch den ganzen report „The Unsustainable Use Of Online Video“ zieht: digitale, persönliche enthaltsamkeit. statt mit dem SUV mal zu fuss zum supermarkt gehen um quinoa zu kaufen, mülltrennung und das eine oder andere video bei youtube löschen, um das klima zu retten.

mich erinnert das fatal an die narrative die uns die ölindustrie, die autoindustrie oder die kunstoff produzierende industrie ins kollektive gewissen gehämmert haben: das elend der welt ist kein politisches problem, sondern ein problem individueller schuld. fahradfahren und zu fuss gehen wird sicherer, wenn wir vorsichtiger und umsichtiger sind und uns beispielsweise mit helmen schützen, nicht etwa durch tempolimits, fahrverbote, getrennte fahrradwegnetze. müllberge aus kunstoff sind ein problem weil wir den müll nicht gut genug trennen, zu verpackungsintensiv einkaufen oder unsere plastikzahnbürsten schon nach 6 wochen wechseln, nicht etwa weil die industrie jede regulierung der kunstoffproduktion weglobbyiert hat oder sich mit grünen punkten jahrzehntelang weissgewaschen hat.

und der klimawandel: natürlich auch die schuld eines jeden einzelnen, wer netflix guckt, mal in den urlaub fliegt oder wegen nicht vorhandenem oder nicht funktionierenden öffentlichem nahverkehr mit dem auto pendelt ist schuld am klimawandel. dass mehr oder weniger alle politischen fragestellungen und initiativen zum klimawandel seit jahrzehnten ausgeklammert, ausgesessen, verharmlost oder ignoriert wurden ist sekundär.

ganz ironielos beschreibt dieser artikel der klimaaktivistin mary annaise heglar, dass das problem nicht individuelle schuld ist, sondern dass die klimakatastrophe eben nur politisch gelöst werden kann: »Stop obsessing over your environmental sins. Fight the oil and gas industry instead.«

* * *

dass das internet ungeheuer viel energie verbraucht steht ausser frage, ebenso, dass video-streaming mittlerweile mehr als die hälfte des gesamten netzwerkverkehrs ausmacht. der report spricht auch themen an, die in aller breite diskussionswürdig sind, wie „dunkle design muster“ (dark design patterns), die benutzer möglichst lange auf den jeweiligen platformen halten sollen: autoplay, endlos-scrolling, eine athmosphäre von dringlichkeit. nur sind diese design-muster eben nichts neues, auch das alte fernsehen nutzt bis heute autoplay, setzt alles daran, den zuschauer so lange wie möglich am schirm zu halten und die aufmerksamkeit einzufangen. auch sendemasten und analoge fernsehgeräte verbrauchten strom und tageszeitungen (wie der tagesspiegel) sind, selbst nach einer studie die die papierverarbeitende industrie in auftrag gegeben hat, eher keine CO₂-musterknaben:

Die Printzeitung verbraucht im Vergleich zur Online-Zeitung deutlich mehr Primärenergie. Der Carbon Footprint ist ebenfalls größer. Die Gesamtumweltbelastung ist bei der gedruckten Zeitung auch höher. Das alles spricht gegen die gedruckte Zeitung.

(wenn man eine gedruckte zeitung länger als eine halbe stunde liest oder sie noch von 2,2 anderen leuten lesen lässt verbessert sich die ökobilanz der gedruckten zeitung.)

dass videostreaming jedes jahr „305 Millionen Tonnen Kohlendioxid“ verursacht, dass die produktion von zeitungen auch CO₂ verursacht, oder, previously, dass bitcoin-mining irre viel strom verbraucht, sind feststellungen die dem klimaschutz nicht helfen, weil sie strohmann-argumente sind. sie suggerieren dass es leicht identifizierbare schuldige gibt, leute die bitcoins abbauen, leute die netflix oder pornos gucken oder sich nachrichten auf gebleichtem altapapier kaufen. sie suggerieren, dass wir, jeder einzelne von uns, selbst schuld sind und dass erziehung, aufklärung und enthaltsamkeit lösungen sein können.

dabei liegt die lösung auf der hand: sie ist politischer, gesellschaftlicher natur. die politik muss dafür sorgen ihre viel zu bescheidenen und niedrigen klimaschutzziele zu erfüllen, wir müssen weg vom verbrennungsmotor, wir müssen den individualverkehr mit regulierung reduzieren (weniger autos wagen) und bessere, viel bessere öffentliche verkehrslösungen schaffen. die maschinenräume des internets müssen mit politischen mitteln dazu gebracht werden energetisch effizienter zu werden und aus mehr und mehr regenerativen energiequellen gespeist zu werden. google rühmt sich damit bereits 30% ihrer „anlagen“ mit erneuerbarer energie zu versorgen. mit entsprechendem poltischen druck und ernsthaften schritten in richtung einer energiewende sollte da noch einiges zu machen sein.

wir alle müssen am grossen politischen rad drehen, statt nur enthaltsamer zu leben. nichts gegen enthaltsamkeit, wer sich dafür entscheidet seinen ökologischen fussabdruck zu reduzieren, sei es durch verzicht, vernunft oder sparsamkeit, verdient respekt. mir geht das wort nachhaltigkeit nur schwer über die lippen, aber wenn wir unseren konsum, unser eigenes leben etwas mehr auf resourcenschonung und verträglichkeit mit der zukunft abstimmen, ist das kein schritt in die falsche richtung — solange es eben nicht der einzige schritt ist und wir nicht die politische dimension aus den augen verlieren.

und zum thema digitale enthaltsamkeit: ich glaube, dass es wirklich sehr, sehr wenige erfolgsgeschichten der enthaltsamkeit gibt. die katholische kirche dürfte das beste beispiel dafür sein, denn sie hat einen mehrere tausend jahre langen feldversuch unternommen, der ziemlich deutlich zu zeigen scheint, dass enthaltsamkeit gesellschaftlich und politisch keine lösung ist, sondern im gegenteil, die probleme nur verlagert und verschärft.

* * *

ich habe versucht den ganzen report von the shift project zu lesen. das wurde erschwert durch eine ungemein sperrige sprache und ermüdende wiederholungen. ich kann aber guten gewissens behaupten, dass ich die studie sorgfältiger gelesen habe als die autoren selbst. hätten die ihr konvolut nochmal vor der veröfentlichung als PDF gelesen, wären ihnen vielleicht auch absätze wie dieser aufgefallen:

streaming sites, of “tube” type (cf. Erreur ! Source du renvoi introuvable..Erreur ! Source du renvoi introuvable..Erreur ! Source du renvoi introuvable. “Erreur ! Source du renvoi introuvable.”, p. Erreur ! Signet non défini.), have revolutionized the consumption of pornography by making access to it by any smartphone, including by children and adolescents, simple and free.

mir graust es auch vor argumentationsmustern wie diesem, dass mich an die politische spindoktor-dreherei der telekommunikations-industrie zur abschafffung der netzneutralität erinnert:

Not choosing means potencially allowing pornography to mechanically limit the bandwidth available for telemedicine, or allow the use of Netflix to limit access to Wikipedia.

die ähnlichkeit der argumentationsmuster des shift project mit denen grosser industrie-lobby-vereinen macht mich stutzig. wie sich das projekt finanziert habe ich auf theshiftproject.org nicht herausfinden können. die wikipedia deutet lediglich an, woher das geld kommt: „The Shift Project is funded by corporate sponsors.“

wahrscheinlich sind die argumente des shift projects aber einfach nur so schwach, weil man nicht genug industriegeld einsammeln konnte um sich über enthaltsamkeit hinausgehende gedanken zu machen. positiv ist übrigens zu vermerken, dass das video des projekts mit bisher lediglich knapp 4000 views auf youtube beinahe klimaneutral ist und damit erst 35 kilogramm CO₂ ausgestossen hat. allerdings könnte das verlinken des videos nach ansicht des shift-projekts einer klimasünde gleichkommen.

influencer am hof

felix schwenzel, , in artikel    

schlosspark von sanssouci

heute waren wir in potsdam im schlosspark von sanssouci. die beifahrerin wollte dort in den botanischen garten, weil sie gewächshäuser gerade super findet und wir die gewächshäuser im botanischen garten von berlin und kiel und auf dem bundesgartenschau-gelände schon gesehen haben. ausserdem wollte sie, nachdem wir kürzlich mal im chinesischen teehaus auf dem bundesgartenschaugelände waren, auch ins teehaus im park von sanssouci.

(das teehaus auf dem buga-gelände in marzahn ist sehr toll und erschien uns sehr authentisch — und vor allem lecker.)

die tropenhäuser in potsdam waren toll, dort standen sogar unbewachte coca-sträucher und andere drogen-pflanzen. die farne und luftwurzler waren faszinierend und die einheimischen insekten mögen auch die tropischen pflanzen.

luftfarn
wespe

ausserdem gibts in potsdam die „merkwürdigste pflanze der welt“, der in ihrem ganzen leben nur zwei blätter wachsen, aber bequem mehrer tausend jahre alt werden kann. das exemplar in potsdam war erst 40 jahre alt.

ungewöhnlichste pflanze der welt
die angeblich „merkwürdigste pflanze der welt“

nach den gewächshäusern liefen wir dann zum chinesischen teehaus und unterwegs kamen wir unter anderem am lustgarten vorbei. was denn ein „lustgarten“ wäre, fragte die beifahrerin. ich meinte, dass das der ort gewesen sei, wo sich die adeligen am hof amüsieren könnten, rumspazierten um zu gucken und gesehen zu werden, fangen spielen und so. dank moderner technologie kann man solche fragen ja heutzutage auch gleich wenn sie aufkommen nachschlagen. ich las aus der wikipedia:

Der Lustgarten ist ein (oft parkähnlicher) Garten, der vorrangig der Erholung und Erfreuung der Sinne dient. Er enthält häufig auch zusätzliche Einrichtungen (Gartenlustbarkeiten) wie Konzertsäle, Pavillons, Fahrgeschäfte, Zoos oder Menagerien.

was denn eine menagerie sei, fragte die beifarerin dann noch:

Die Menagerie ist eine historische Form der Tierhaltung und als solche der Vorläufer des zoologischen Gartens, der sich erst im Laufe des 19. Jahrhunderts entwickelte.

nachdem die lustgarten- und menagerie-fragen aufkamen, musste ich jedenfalls an die knapp 200 adelsfilme und -serien denken, die ich in den letzten 40 jahren konsumiert hatte (bemerkenswert in den letzten beiden jahren übrigens versailles und the favourite). so ein hof war ja neben dem politischen gedöns vor allem ein ort an dem sich die frühen influencer versammelten und trafen. man verbrachte dort einen nicht unerheblichen teil seiner zeit damit über mode zu reden und mode und sein eigenes exquisites verständnis von mode zur schau zu tragen, schminktipps zu tauschen und ein gefühl von zugehörigkeit zu exklusiven kreisen zu feiern. selfies waren damals noch etwas aufwändiger in der herstellung, die verbreitung ging zunächst nicht über die eigenen, exklusiven kreise hinaus und vor allem konnte man die selfies nicht selbst herstellen.

das promi-selfies oft gar nicht selbst hergestellt werden ist allerdings auch heute, seit mindestens vier jahren noch so.

selfie von christian ulmen, collien ulmen-fernandes, mirko lang und zwei anderen
selfie von christian ulmen, collien ulmen-fernandes und anderen (Bildrechte: BR/PULS/Sebastian Wunderlich)

neben den influencern waren an diesen adelshöfen aber vor allem auch viele promi-gaffer. der niedere adel hatte es — vermeintlich — zu etwas gebracht, zu privilegien und ein bisschen vermögen, und suchte jetzt am hof vor allem gelegenheit das eigene selbstwertgefühl durch promi-exposition aufzuwerten. der aufenthalt am hof muss irre langweilig und eintönig gewesen sein, aber die möglichkeit sich vom ruhm der promis bescheinen zu lassen, sich selbst zu vergewissern zum erlauchten kreis dazu zu gehören, machte die langeweile wohl wett.

daran musste ich, wie gesagt, heute im schlosspark denken — und als ich eben den blogartikel der beifahrerin von heute las (celebrity-art), schloss sich der kreis: diese leute, deren lebenszweck es zu sein scheint in bestimmten kreisen gesehen zu werden, denen es wichtig ist einen bestimmten, vermeintlichen status nicht nur zu haben, sondern offensiv zu zeigen, die gibt’s heute mehr denn je. die springen auf kunst-messen rum, droppen names in interviews oder schlürfen austern in stehtisch-restaurants in hamburg, düsseldorf, sylt oder münchen.

dank der massenmedien und der noch massigeren netzmedien, hat zwar jeder theoretisch die chance auf 15 minuten teilnahme am hofzeremoniell, aber prominenz, veradelung durch prominenz oder exklusivität, ist immer noch eine wertvolle und nicht ganz leicht zu erlangende währung im gesellschaftszirkus.

wenn wir uns heute lustig machen über die hofzerionielle von vor 100, 200 oder 300 jahren, sollten wir bedenken, dass die filme in 200, 300 jahren genauso unbarmherzig mit unseren gesellschaftritualen umgehen werden.

das teehaus im schlosspark von sanssouci serviert übrigens keinen tee. das ist nur ein ausstellungsraum. ganz hübsch, aber trocken.

chinesisches teehaus im schlosspark von sanssouci

ownroombatracks

felix schwenzel, , in artikel    

eins der wenigen geräte denen ich erlaube sich in die cloud zu verbinden (nach hause zu telefonieren) ist unser reinigungsroboter markus. damit bekommt man nach jeder „mission“ eine karte in der irobot-app serviert. lokale karten oder sogar „live-maps“ sind über die homeassistant roomba komponente, bzw. die python-bibliothek von nick waterton auch möglich, aber ziemlich resourcen-fressend. der server auf dem die roomba-bibliothek ausgeführt wird, muss ständig ein bild generieren, was bei meinen letzten versuchen zu einer stetigen server-auslastung von 80 prozent geführt hat. das ist nicht wirklich praktikabel.

weil die bibliothek aber die koordinaten des roomba ständig erfasst, dachte ich diese koordinaten könnte man doch auch vielleicht meiner seit jahren auf dem server laufenden owntracks-recorder-instanz übergeben. owntracks läuft immer im hintergrund auf meinem (und dem beifahrerinnen) handy und erfasst unsere position. das nutze ich vor allem für die anwesenheitserkennung der automatischen wohnung. wenn wir beide weg sind, gehen alle lichter aus, die heizung fährt runter und eine kamera, die die balkontür erfasst, schaltet sich ein. mit dem recorder kann man unsere positionsdaten permanent, lokal, speichern. so sieht das für meine positionsdaten der letzten zwei jahre aus:

zwei jahre meiner positionsdaten

für meine berlin-daten eignet sich das tool ganz gut, um die schwarzen flecken zu finden, in denen ich mal die stadt kennenlernen könnte oder spazieren gehen könnte.

zwei jahre meiner berliner positionsdaten

für ausflüge in fremde städte eignet sich das tool ganz gut, um zu sehen, wo man überall war — und wo nicht.

positionsdaten eines ausflugs nach antwerpen

und warum sollte ich das tool nicht auch benutzen, um die fahrten des putzroboters zu erfassen? die roomba komponnete/bibliothek gibt koordinaten aus, die sich immer relativ zum startpunkt befinden, in millimetern, positiv oder negativ zum startpunkt (oder zur ladestation). die relativen roomba-koordinaten lassen sich relativ leicht in geokoordinaten umrechnen. owntracks erwartet mindestens werte für lon und lat, nimmt aber auch die orientierung dankend an, die der roomba auch liefert. wenn die koordinaten in sensordaten vorhanden sind, kann ich eine automation bauen, die diese daten umrechnet und an den owntracks recorder schickt:


      - service: mqtt.publish
        data_template:
          topic: "owntracks/ix/roomba"
          payload: >-
              {% set dx = states.sensor.roomba_x.state|int %}
              {% set dy = states.sensor.roomba_y.state|int %}
              {% set cog = states.sensor.roomba_theta|int %}
              {% set home_lat = 52.550506591796875 %}
              {% set home_lon = 13.346857977076406 %}
              {% set earth_r_mm = 6378000000 %}
              {% set earth_r_mm = 6378 %}
              {% set lat = (home_lat + (dy/earth_r_mm) * (180 / pi)) %}
              {% set lon = (home_lon + (dx/earth_r_mm) * (180 / pi) / cos(home_lat * pi/180)) %}
              {% set tst = as_timestamp(now()) %}
              {"lon":{{lon}},"lat":{{lat}},"cog": {{cog}},"acc":0.001,"conn":"w","tst":{{tst}},"_type":"location","tid":"roomba"}

(kleines technisches problem: die homeassistant komponente aktualisiert die koordinaten nur alle 20 sekunden. weil die bibliothek von nick waterton aber auch die roomba-daten kontinuierlich per mqtt versenden kann — und da alle 1-2 sekunden aktualisiert — greifen die koordinaten-sensoren die daten dort ab.)

nehme ich die variable, die den radius der erde speichert (earth_r_mm) mit einen millimeter-wert, bekäme ich im recorder eine korrekt skalierte bewegungskarte. ich fand den kilometerwert aber anschaulicher, mit dem aus den roomba millimeter-werten kilometer werden. dann sieht eine „spot-reinigung“ des roomba in owntracks so aus:

eine „spot-reinigung“ des roomba

normale reinigungsvorgänge sollten dann von schweden, über polen bis nach bayern reichen. das beste ist aber, dass hier zwar sehr viele daten anfallen, aber, soweit ich sehe, passiert das äusserst resourcenschonend — und zur not lässt sich die datenübertragung zum owntracks recorder auch deaktivieren.

roomba-steuerung in homeassistant

* * *

ok, das schlafzimmer reicht nicht ganz bis schweden. aber bis dänemark.

Schlafzimmerreinigung über owntracks recorder visualisiert
Schlafzimmerreinigung über die irobot-app visualisiert

* * *

ups, gerade gemerkt, das bild hatte die falsche zeiteinstellung. markus ist natürlich viel gründlicher, als es auf dem vorherigen bild scheint.

schlafzimmer reinigung komplett

rp19, dritter tag

felix schwenzel, , in artikel    

erste session am letzten tag war die von luca caracciolo (der für meine kolumne im t3n-magazin zuständig ist), dessen vortrag über hypes und das verständnis neuer technologhien ich auch ohne diese soeben offengelegte verbindung zu ihm gut gefunden hätte. denn:

vergessen habe ich im tweet oben noch, dass sein vortrag auch „selbstkritisch“ war. ich weiss wie schwierig das thema ist, weil ich mich auch schon mehrfach daran abzuarbeiten versucht habe, vor vielen jahren mal auf der republica in der kalkscheune. sein vortrag war gut strukturiert, pragmatisch und hilfreich, um künftig hypes und technologien besser einschätzen zu können. das mit dem „mangelnde witz“ fiel dann vor allem im kontrast zum folgenden vortrag von theobald fuchs auf.

der hatte sich auch ein dankbareres thema ausgesucht, nämlich das ridikülisieren von vergangenen zukunftsvisionen. auch wenn das allgemein schon nicht allzu schwer ist — meistens reicht es einfach nur die zukuntsvisonen zu zeigen um lacher zu bekommen — wies er immer wieder gekonnt auf einzelne details hin, die besonders witzig waren. aber details waren auch theobald fuchs selbst nicht so wichtig, weil er wiederholt die doofheit von elon musk herauszuarbeiten versuchte, der seiner meinung bei seinem hyperloop-projekt wichtige pysikalische details ausser acht liess oder zur späteren lösung verschob. das problem ist allerdings, dass elon musk mit der hyperloop-projekt, bzw. dessen umsetzung so gut wie nichts zu tun hat und die illustrationen die fuchs nutzte ein ganz anderes musk-projekt zeigten.

danach kam felix hartenstein 15 minuten zu spät, um über amazons rolle als städtebauer zu reden. darin erfuhr ich zwar nicht viel neues, aber das nachdenken darüber, wie amazon mit seinem vergangenen und aktuellen agieren städte verändert, wie grossunternehmen städte formen, und ob und wie wir das als gesellschaft mitgestalten oder ertragen wollen, scheint mir wichtiger denn je. von daher: inspirierender vortrag.

felix hartenstein

danach ein vortrag, dessen ankündigung („Klein gedruckt und grob gehackt – Worüber sich Verbraucher*innen in der digitalen Welt ärgern“) sich nach einem lustigen screenshot-ritt anhörte, im prinzip aber die vorstellung und „partner“-veranstaltung der „marktwächter“-initiative der verbraucherzentralen entpuppte. die marktwächter machen und kümmern sich durchaus um sinnvolle und wichtige dinge, witzig war der vortrag aber nicht. immerhin kann ich mir vorstellen, den marktwächtern mal das eigenartige verhalten von o₂ beim DSL-anbieterwechsel vorzustellen, dass ärgerlich und systematisch zu sein scheint. und zu dem sich o2 mir gegenüber nicht äussern will.

sven scharioth

nachdem ich 20 minuten lang leute auf dem hof beobachtete, habe ich vergeblich versucht interesse an einem panel zur digitalisierung und wiederbesiedlung brandenburgs zu entwickeln. das funktionierte aber nicht so recht und ich landete im letzten achtel des vortrags von johan rockström: „Safe Future for Humanity on Earth“. das was er zeigte und auch die anschliessende diskussion war sehr interessant und kenntnisreich und ich werde es mir definitiv später auf youtube in gänze ansehen.

johan rockström

danach blieb ich natürlich sitzen, weil danach die frage „Raumfahrt und Gesellschaft – wohin geht die Reise?“ von alexander gerst und seinem chef diskutiert werden sollte. der chef von gerst, jan wörner, der generaldirektor der european space agency, ist eine ziemlich lustige und manchmal ein bisschen nervige rampensau. im kontrast zu gersts tiefenentspannter art und mit den moderationsversuchen von chiara manfletti wurde das aber zu einer sehr unterhaltsamen und bewegenden veranstaltung. fürs bewegen der raumfahrzeuge sind manfletti und wörner zuständig, fürs herz gerst. und wie letztes mal, als er auf der republica sprach, bewegte mich gerst tief. nicht mit den bildern aus dem nahen erdorbit oder aus der saturn-umlaufbahn (auch), sondern mit der art wie er nachwuchsfürderung praktiziert. seine aufgabe sehe er hauptsächlich darin, jungen menschen, jungen mädchen, frauen und kindern (männer sind mitgemeint) klar zu machen: das was der gerst kann, kann ich schon lange oder besser. diese selbstmarginalisierung seiner leistungen fand ich so sympathisch, so beeindruckend, dass mir kurz (beinahe) die tränen kamen.

alexander gerst, jan wörner, chiara manfletti

am ende wurde mir klar, dass das grösste kompliment, was ix der #rp19 machen kann lautet: dass trotz immer grösser, immer mehr, immer prominenter alles wie immer war.

es ist erstaunlich, wie die republica ständig wächst, dieses jahr auch noch die tincon mit aufnahm, immer diverser wird, im publikum wie auf den bühnen und es doch weiter schafft eine art safespace zu sein, in dem sich alle wohl fühlen, respektiert oder geschätzt fühlen. was sich allerdings verändert hat: auf der republica wird nicht mehr nur das wesen ursprünglich digital entstandener blasen und gemeinschaften gesucht, nicht mehr nur die räume des digitalen exploriert oder versucht die grenzen der digitalen räume zu verschieben. auf der republica versuchen die anwesenden, wir, gemeinsamkeiten und verbindendes zu finden, statt unterschiede oder trennendes zu konstruieren. und das über immer mehr gesellschaftsschichten hinweg.

rp19, zweiter tag

felix schwenzel, , in artikel    

anders als gedacht fing das streitgespräch zwischen axel voss und markus beckedahl nicht um 10:15, sondern um 11:15 an. so früh an bühne 2 zu sein war aber sehr gut, einerseits weil ich mir dann ein panel über „made in europe“ ansehen konnte und vor allem weil ix so überhaupt in die voss vs. beckedahl veranstaltung reinkam. die türen wurden nämlich schon kurz nach dem ende des made-in-europe-panels wegen überfüllung verrammelt. aus dem made in europe-panel blieb nicht viel hängen, ausser dass china einen plan hat und europa nicht (felix lee) oder dass man in europa ja (quell) offene, modulare, „nachhaltige“ hardware fördern könnte und damit einen offenbar bestehenden bedarf bedienen könnte (anke domscheid-berg). anke domscheid berg zitierte in anderem zusammenhang auch gregor gysi mit „opposition ist zeitgeist“ (so habe ichs verstanden), meinte aber wahrscheinlich: „In Opposition kann man Zeitgeist verändern.“ wenn ich mir die derzeitige opposition im bundestag so angucke, zumindest die rechts sitzende, hoffe ich doch sehr dass das entweder nicht stimmt oder zeitgeist stärker aus der gesellschaft verändert wird, als aus dem parlament. die vertreterin der telkom auf der bühne, claudia nemat (verantwortet im vorstand der telkom das ressort technologie und innovation), stimmte grundsätzlich allem und jedem zu, sogar zwei kritsch fragenden aus dem publikum. die kunst des lauten „ja“, kombiniert mit einem leisen „aber“ habe ich jetzt schon mehrfach auf der republica beobachtet und sie wird ausschliesslich von frauen beherrscht.

das streitgespräch voss vs. beckedahl begann mit einer dreifach anmoderation; zuerst der bühnen-moderator, dann der gesprächsmoderator jo schück, der erklärte dass das gespräch als zdf-kultur-sendung aufgezichnet würde und dass er gleich, „absurderweise“, nochmal auf die bühne kommen würde, als würde er das zum ersten mal tun. das tat er auch und moderierte das panel dann wirklich brilliant, gut vorbereitet und unterhaltsam durch.

neben mir sass jens schröder und sagte vor dem voss vs. beckedahl-gespräch, dass er ein bisschen angst vor dem gespräch habe. diese angst, dass das publikum all zu höhnisch und unfair mit axel voss umgehen könnte teilte ich mit ihm, es zeigte sich aber, dass sie unbegründet war. bei markus beckedahl brachen zwar ein, zwei mal kurz emotionen und polemische ansätze durch, aber das gespräch empfand ich als zivilisiert und erhellend — und das publikum als fair. anders als erwartet, brabbelte axel voss nicht nur unzusammenhängendes zeug vor sich hin, sondern schaffte es beinahe eine schlüssige argumentation dafür abzuliefern, warum artikel 13 eben so verabschiedet wurde, wie er verabschiedet wurde. der artikel, der das urheberrecht beträfe sei eben nur eine grobe vorgabe (richtline), die, im gegensatz zu verordnungen, eben nicht eins zu eins, sondern mit grossem spielraum national umgesetzt werden könnten. man muss mit dem inhalt und dem geist der richtlinie nicht übereinstimmen, aber dass es spielraum bei der umsetzung gibt ist relativ unbestreitbar. dass auch gut geschriebene gesetze rechtsunsicherheiten schaffen, und nicht nur schlecht geschriebene wie die von ihm begleitete richtlinie, hat er leider nicht gesagt, aber auch das dürfte relativ unbesteritbar sein. ganz abgesehen davon zog markus beckedahls kernargument wesentlich besser, nämlich dass das urheberrecht ganz grundsätzlich an das digitale zeitalter angepasst werden müsste und grosszügigere, explizitere schrankenregelungen umfassen müsste, damit das kreieren, dass publizieren im netz unkomplizierter, verständlicher und nachvollziehbarer wird.

axel voss beharrte im gespräch auch darauf, dass die ausnahmeregelungen die man in der richtlinie festgelegt habe (artikel 5?), auch ausnahmen im zitatrecht von bildern („memes“) beinhalten würde: wenn das nicht so umgesetzt würde, meinte voss zu beckedahl, könne man sich mnochmal zusammensetzen und das dann wieder ändern. das ist aus dem mund von jemandem, der in der zeit behauptete, dass man fremde texte auf privaten homepages in gänze veröffentlichen dürfe (weil „privatkopie“) nicht so irre beruhigend, aber immerhin eine deutliche festlegung. der passend zynische kommentar, der in etwa lautete: „anpassungen lassen sich dann ja problemlos vom europaparlament verabschieden“ kam dann glaube ich von jo schück.

splange das urheberrecht aber kaputt ist, kann man hier bei der bundeszentrale für politische bildung immerhin zwei broschüren mit jeweils ungefähr 400 seiten zur einführung in die thematik runterladen.

danach blieb ich für bernhard pörksen sitzen. eigentlich ertrage ich dessen vortragsstil nicht — auch wenn er den vorteil gegenüber vielen anderen vortragenden hat, dass er sich sorgfältig vorbereitet, bzw. seinen text auswändig lernt.

danach in der mittagspause gesehen wie flexibel werbung sein kann und kai biermann im makerspace getroffen.

flex werbung 1
flex werbung 2
flex werbung 3
flex werbung 4

beim „The Algorithmic Boss“ von alex rosenblat wurde auf eine art davon abgeraten für uber zu fahrenZzu arbeiten, aber das problem, das sie beschrieb, dürfte uns allen noch im alltag begegnen; nicht nur dass wir in der einen oder anderen form anweisungen von algorithmen erhalten werden, sondern eben auch, dass wir künftig hilfestellungen eher von algorithmen als menschen bekommen werden. und wenn wir doch mal an menschen geraten, dürften das meist menschen sein, die sehr weit von uns und unseren problemen sitzen und auch algorithmische chefs haben.

alex rosenblat

bei „Building Joyful Futures“ von alexis hope habe ich dann wieder geschlafen, obwohl das thema eigentlich gut und wichtig ist. nämlich dass apparate, maschinen, hilfsmittel oft von menschen gebaut werden, die sie gar nicht benutzen. diese apparate und maschinen dann gemeinsam selbst zu entwickeln ist auch meiner meinung nach eine der grössten chancen der digitalisierung und weht natürlich auch schon länger unter dem label maker-movement durch das netz, die welt und die republica. letztendlich sehe ich auch das bloggen als ein ergebnis dieser bewegungen. wenn nicht über die welt, die blasen, die gemeinschaften berichtet wird, deren teil man ist, macht man es eben selbst. so ist das bloggen entstanden und diese idee steht eben auch hinter facebook und twitter (wenn man das werbegedöns mal ausblendet).

alexis hope

nach einer weiteren kurzen pause im hinterhof, bzw. der hinteren freifläche, ging ich in christian mio loclairs vortrag artificial vanity. den vortrag hielt er aus gründen der eitelkeit besseren werbewirkung/reichweite auf englisch, obwohl das nicht seine stärkste muttersprache ist.

seine arbeiten und das was sein studio walz binaire macht sind grösstenteils wirklich wunderschön, sehr digital, sehr cutting edge, aber zum teil eben auch sehr inszeniert, leer und willkürlich. was mir aber sehr gefallen hat, war die kurve die er am ende hinbekommen hat. nachdem er zwei drittel seines vortrags damit zugebracht hat zu zeigen, wie maschinen — oder genauer systeme zum maschinellen lernen — offenbar schöpferisch tätig sein können, wie man sie auf bestimmte stile oder ziele trainieren kann — mit teilweise erstaunlichen ergebnissen — zeigte er am ende eben auch die grenzen dieser technologie auf. die waren nämlich genau dann erreicht, als er und sein team versuchten die systeme auf kinderbilder zu trainieren. weil kinder eben keinen stil haben, oder besser, die bilder von kindern eben alles sein können, kinder eben keine lieblingsfarbe haben (sondern alle farben mögen), keine bestimmte art tiere zu malen (sondern alle vorstellbaren und unvorstelbaren arten tiere zu malen nutzen), ist das was aus dem trainingsset von tausenden (millionen?) kinderbildern herauskam einfach nur farb-matsch. diese magie der kindlichen, der menschlichen kreativität, diese potenzielle unberechenbarkeit des menschlichen geistes, die maschinen zur verzeiflung bringen kann und die auch schon charlie chaplin visualisiert hat, waren ein starkes fazit von loclairs vortrag, das jeden vorhergehenden pathos entschuldigt und wett macht. wenn das video online ist: unbedingt nachschauen!

danach torsten kleinz …

… und die podcast-aufzeichnung der lage der nation geschaut. das gespräch mit christina schmidt war super interessant, aber mit jedem weiteren gast wurde ich schläfriger und ging dann, als leonhard dobusch auf die bühne kam.

cory doctorow habe ich mir gespart, auch wenn er sicherlich interessantes gesagt hat und alex matzkeit verspreche ich nachzugucken.

obwohl ich eigentlich zu müde war, hab ich mir zuhause dann noch eine folge killing eve angesehen.

rp19, erster tag

felix schwenzel, , in artikel    

ich war relativ früh auf dem republica gelände, das sich gefühlt mittlerweile über die halbe stadt erstreckt. auf dem hof jens scholz getrofffen, der sich fragte, warum sich überhaupt jemand die rede des bundespräsidenten anschauen wolle. darauf hatte ich auch keine antwort, verabschiedete mich und ging los, um mir den bundespräsidenten anzusehen. der eingang zur bühne 1 war abgesperrt, davor eine ziemlich grosse menschentraube. weil ich mich mittlerweile gerne an langen schlangen anstelle wartete ich. es zeigte sich, dass ich zwar für meine verhältnisse früh war, aber die grosse halle mittlerweile voll war. die menschentraube in der ich wartete wurde dann zur liveübertragung am lokschuppen im park des technikmuseums geleitet. die bestuhlung dort bestand aus (bereits belegten) liegestühlen und bierbänken, aber die idee, mir veranstaltungen der republica im park anzusehen gefiel mir.

die rede von steinmeier war dann ein sehr gute mittelmässige rede. man merkte, dass er und seine redenschreiberïnnen sich mit der materie beschäftigt hatten, er sagte nichts doofes, war entspannt, wich auch mal vom manuskript ab, aber euphorisierend oder mitreissend war an seiner rede nichts. dafür gab’s soliden, pathosfreien und vernünftigen verfassungspatriotismus und eine freundliche aufforderung die konsruktiven debatten der letzten jahre fortzusetzen. hängen blieb ein testimonial satz, der die trockene sprödigkeit der rede steinmeiers ganz gut subsummiert: „nicht etwa die digitalisierung der demokratie, sondern die demokratisierung des digitalen ist aus meiner sicht die drängenste aufgabe.“

notiert habe ich mir auch, dass steinmeier meinte, dass es in der politik um verbundenheit gehe, und eben nicht nur um vernetzung. jetzt wo ich das nachträglich in meinen notizen lese, regt es mich fast ein bisschen auf, weil es ein falscher gegensatz ist, wenn man vernetzt und verbunden als unterschiedliche kategorien darstelt, wenn vernetzung doch eigentlich eine voraussetzung für verbundenheit und gemeinsamkeit ist

danach sprach nanjira sambuli und der platz um die liveübertragung lichtete sich. immerhin, so sah man es im livestream, blieb steinmeier noch im publikum sitzen und hörte nanjira sambuli grinsend zu. ich hörte ihr eher fasziniert zu, weil ihr englisch so präzise war und sie mich an emilia clarke erinnerte. oberflächlich hörte sich nanjira sambuli rede im ersten teil leicht algemeinplatzig an, aber wenn man konzentriert zuhörte und sich auf ihre beobachtungen einliess, hatten sie etwas augenöffnendes; nämlich dass wir unsere haltung zur digitalisierung, zu den verwerfungen der digitalisierung oder wem wir expertise in diesen feldern zuordnen, gründlich überdenken müssen. algorithmen nannte sie „merchants of convenience“ und auch wenn es eigentlich eine selbstverständlichkeit sein sollte, ist es gut dass sie es nochmal so deutlich sagte: technologie (und regierungen) müssen der gesellschaft dienen. dieser grundsätzlichere, tiefere blick auf die digitalisierung, die digitalisierte gesellschaft und die mechaniken dahinter, wäre etwas gewesen, was die rede des bundespräsidenten gut statt mittelgut gemacht hätte. so war es aber auch gut, weil es zeigte, dass wir die gestaltung der digitalisierung (und ihrer demokratisierung) weder alten weissen männern, noch ihren jüngeren weissen redenschreiberïnnen und erst recht nicht jüngeren amerikanischen CEOs allein überlassen dürffen.

später, auf bühne 4 sagte sina kamala kaufmann, auf einem von geraldine de bastion moderierten panel (sinngemäss), dass sie überhaupt nicht einsehe, warum sie sich von alten weissen männern auf bühne eins ratschläge für die zukunft geben lassen sollte. de bastion, die den bundespräsidenten vorher mit anmoderiert hatte, ja,-aber!-te das elegant, indem sie darauf hinwies, dass nach dem alten weissen mann eine junge, schwarze afrikanerin geredet hätte und dabei die hälfte des publikums den saal verliess.

um 12:30 fiel mir auf der bühne 3 zum erste mal auf, dass die republica sich dieses mal mit semikolon statt doppelpunkt schreibt, was mir, wie überhaupt die ganze #rp19-gesteltung, sehr gefiel.

was mich dann aber langweilte war das panel. christoph keese referierte dort über die geniale online-srategie des springer verlags, dass sich die balken bogen. der moderator ralf glaser war im harmoniemodus und machte keine anstalten keeses weihrauch zu stoppen oder zu wenigsten ein bisschen zu fächeln. auch susanne hahn beweihräucherte lediglich ihren arbeitgeber daimler, wenn auch etwas weniger ausladend als der business kasper keese. nach 15 minuten verliess ich das panel, weil ich die hoffnung, dass es noch kontrovers werden würde oder dass erkenntnisgewinn abfallen würde aufgab. was ich hätte mitnehmen können, aber lieber liegen liess: wir müssen die business-strategien aus dem silicon valley kopieren.

danach wurde ich kurz in den schlussakkord von mikael colville-andersens vortrag gespült, dessen vortragsstil mir ein bisschen zu jung für sein alter war, aber neben dem zu häufigen „it’s cool man, yeah, cool“ wirklich gut und substanziell war. definitiv ein kandidat für späteres youtube-nachgucken. hängen blieb aber schon aus dem schlussakkord einiges: wenn man viele, sehr viel und gute daten hat, lassen sich radwege und autofreie zonen auch gegen rechtspopulisten und rechtspublizisten wie poschard durchsetzen. städte, aktivismus in und daten aus städten können und werden einen urbanen wandel zu mehr klimaschutz vorantreiben.

danach habe ich mich erstmal, im sinne von christoph keese, mit dem ersten bier selbst disruptiert. dankenswerter weise gibt es dieses jahr auf der republica nicht nur ekel-bier, sondern auch weizenbier. mit diesem bier habe ich mich dann zu einem meiner lieblingsnetzmenschen kosmar (der vor zehn jahren schon mal gepeakt hat) und herrn braun gestellt. dabei standen noch ein anderer brite und tim pritlove, die aber lediglich über den krieg redeten. kosmar und ich wurden dann noch fotografiert.

danach habe ich mir mads pankow (ja, aus berlin) angesehen, wie er mit seinem laptop kämpfte und über arbeit als simulation sprach. das war interessant, steile thesen gespickt und inspirierend, aber auch ein bisschen frustrierend, weil er relativ schlüssig nachwies, dass die arbeit von vielen menschen eigentlich überflüssig ist. wenns ich mich irgendwann mal zu euphorisch oder zufrieden erwische, google ich einfach bullshit jobs und lese mir alle suchergebnisse durch.

als ich die bühne 4 verliess, wurde ich auf die bühne eins gespült, auf der markus beckedahl gerade das letzte jahr netzpolitik zusammenfasste, steinmeier zitierte und den boden für sein streitgespräch mit axel voss heute früh bereitete. ich glaube ich muss mich jetzt sputen mit der zusammenfassung des ersten #rp19-tages, weil das gespräch mit voss live wahrscheinlich amüsanter ist, als aus der youtube-konserve.

nach dem (sehr guten) mitagessen dann mit don dahlmann gelaudert und gemerkt, welchen enormen redebedarf ich eigentlich bei dem thema, dass ich dieses jahr für die #rp19 einreichen hätte wollen, habe. den vorgezogenen call for papers hatte ich dieses jahr verpasst, meine bitte um nachnominierung habe ich dann aber aus irgendwelchen gründen bis in den märz aufgeschoben, wo ich mir dann dachte, dass eine republica ohne vortrag von mir doch auch entspannend wäre (für mich). hätte ich mich beworben, hätte ich nämlich über meine erkenntnisse zur heimautomatisierung gesprochen, ein feld in dem ich seit über zwei jahren intensiv forsche und von dem ich glaube, dass es nicht nur enormen spass macht, sondern auch politisch und gesellschaftlich so viele rlevante fragen aufwirft, dass ich zum ersten mal wirklich eine stunde (statt immer nur einer halben stunde) darüber sprechen kann. nächstes jahr dann.

danach habe ich vor der bühne eins einen intensiven mittagsschlaf gemacht, während sybille krämer redete. ich hoffe sehr, dass mich dabei niemand fotografiert hat, aber der schlaf war sehr erholsam und der vortrag von sybille krämer war auch nicht schlecht — soweit ich das beurteilen kann.

danach war ich dafür im panel Designing Tomorrows - Science Fiction as a Method relativ hellwach. das panel war hervorragend von geraldine de bastion moderiert, die technik sponn auch hier ein bisschen, aber ich habe einiges zur späteren vertiefung mitgenommen: die four futures method als werkzeug zum voraussehen oder imaginieren von zukunftsszenarien will ich unbedingt nochmal nachlesen, das buch von sina kamala kaufmann will ich unbedingt lesen und das konzept des madhome (statt smarthome) werde ich irgendwann auch auf michelle christensens website (oder anderswo) zur vertiefung finden.

aber richtig interessant wurde es eigentlich erst nach den kurzen impuls-präsentationen und fragen in kleiner runde, als die diskussion geöffnet wurde und mein geheimtipp aus 2018, den ich mir schon damals auf eine grössere bühne gewünscht habe, eden kupermintz, auf die bühne kam. er fasste mal eben, ganz nonchalant die essenz von science fiction zusammen und zwar so gut, dass ich das jetzt nicht ad-hoc selbst wieder zusammenbekomme. aber sein auftritt im panel erinnerte mich dann daran, dass er auch noch einen vortrag halten würde, und zwar um viertel nach sieben auf bühne acht: heavy metal und klimawandel (mein titel). wie auch im letzten jahr war sein vortrag herrlich unkonventionell, mit herz und viel weitherholen. hängen geblieben ist: heavy metal is „in your face“, konfrontativ, disharmonisch und läuft nicht weg. ausserdem hatte er die beste, rationale panikmache im angebot: die welt wird nicht untergehen, aber viele teile der welt werden es. das thema rationale panikmache war am ersten tag sowieso das vorherrschende thema, sascha lobo beliess es in seinem vortrag auch nicht bei einem „tut was, verdammt“ wie in den letzten drei jahren, sondern wies auch darauf hin, dass er sich späer nicht von seinen enkeln vorwerfen lassen würde wollen, damals (heute) keine ordentliche panikmache verbreitet zu haben. und auch sascha lobo überliess es nach einem eher zähen anfang, einem furiosen mittel- und end-drittel, einer jungen frau das eigentliche thema der republica zu setzen:

* * *

bild von der prebulica
bundespräsident liveübertragung ins aussengelände des technikmuseums
das ist ein laptop der re;publica 19.
from smarthome to madhome
das ende
google ohne internetverbindung

werkseinstellungen

felix schwenzel, , in artikel    

gegen drei uhr gestern früh kurz aufgewacht und gesehen, dass im flur licht brannte. das bedeutet nie etwas gutes, also entschied ich mich lang aufzuwachen und der sache nachzugehen. tatsächlich war die automatische wohnung kaputt, nichts ging mehr automatisch, kein nachtlich im flur, auf dem klo, in der küche. die batteriebetriebenen lichtschalter gingen nicht mehr (ausnahme: die genialen ikea-tradfri-fernbedienungen, die direkt mit den birnen sprechen). das wlan war weg und die esp8266-mikroprozessoren blinkten immer wieder auf, weil sie sich offenbar nicht mehr mit der zenttrale verbinden konnten und immer wieder neustarteten.

mir fiel ein, dass anfang mai der DSL-anbieter-wechsel angesetzt war. vorgestern abend ging noch alles, eine umschaltung mitten in der nacht? hut ab.

die fritzbox lief, aber keins meiner geräte konnte sich mit ihr verbinden. weil das wlan nun wirklich so gut wie nie ausfällt, fiel mir als einzige erklärung ein: irgendwer, irgendwas hatte die fritzbox auf die werkseinstellungen zurückgesetzt. mit dem hinten auf die fritzbox gedruckten wlan-kennwort konnte ich mir tatsächlich wieder wlan-zugang verschaffen und per knopfdruck das DSL und die telefonie vom neuen anbieter (telekom) automatisch neu einrichten lassen.

als ich wieder internet hatte, trudelten auch meine mails ein, unter anderem diese:

„Die Einstellungen der FRITZ!Box [wurden] auf die Werkseinstellungen zurückgesetzt.“

WTF? das mein „Internet-Anbieter“ meine fritzbox zurücksetzen kann ist bereits beunruhigend, aber das er das auch tut ist eine extreme schweinerei. schliesslich ist auf meiner fritzbox nicht nur der internet-anschluss des „Anbieters“, sondern alle möglichen anderen daten: telefon-bücher, -blacklists, meine komplette heimnetzwerkkonfiguration, alle langwierig konfigurierte IP-adressen und hostnamen meiner geräte, internetzugangssperrungen für hubs und andere geräte die potenziell nach hause telefonieren möchten und persönlich relevante anruf-historien und sicherheitsrelevante aufzeichnungen (logs). mein „Internet-Anbieter“, ich vermute mein alter anbieter (o₂), meint allen ernstes er könne darüber verfügen und das ungefragt alles löschen?

mir kommt das ungefähr so vor, als würde ein verleger nach der kündigung eines abos bei mir in die wohnung kommen und die zeitungen per flammenwerfer „zurücksetzt“. mitten in der nacht und ohne rücksicht auf kollateralschäden.

klar: backups der fritzbox-konfiguration hatte ich auch, allerdings waren die ein paar wochen alt und ich entschied mich das mal eben alles schnell neu aufzusetzen. gegen halb sieben war ich fertig, die automatische wohnung funktionierte wieder automatisch, das lokale netzwerk und der fernzugriff waren wieder korrekt konfiguriert und die telefone und anrufbeantworter und rufumleitungen und ein telefonbuch, mit den wenigen menschen die uns noch auf dem festnetz anrufen, waren eingerichtet.

aber die tatsache, dass einerseits ein „Internet-Anbieter“ in meiner privatshäre, an meiner informations-infrastruktur rumfummeln kann, log-dateien, einstellungen, filligrane konfigurationen einfach löschen kann und das dann auch noch tut, lässt mich sprachlos zurück. mir fehlen zwar nicht die worte, im gegenteil, aber die spare ich mir, weil diese worte justiziabel sein könnten.

(ich vermute sehr, dass das eine aktion von o₂ war, wobei es natürlich auch möglich ist, dass die fritzbox sich selbst zurücksetzt, wenn der konfigurationsserver des alten anbieters verschwindet, bzw. den anschluss für erloschen erklärt. das wäre dann ein veritabler bug in der fritzbox firmware von avm. dass die telekom das zurücksetzen veranlasst haben könnte ist nahezu auszuschliessen, der anschluss war ja noch nicht eingerichtet und damit auch kein zugriff für die telekom möglich. 100%ig auszuschliessen ist das natürlich nicht. aber aus vergangenen schlechten erfahrungen mit o₂ richte ich meinen ärger jetzt zunächst voll auf o₂.)

mich würde natürlich interessieren ob das anderen auch schon beim DSL-anbieterwechsel passiert ist, ob das ein standard-vorgehen ist oder ob das gar eine art digitaler hausfriedensbruch sein könnte. von mir aus kann mein „Internet-Anbieter“ alle daten löschen, die er über mich gesammelt hat, aber doch nicht meine daten und meine von mir vorgenommenen einstellungen.

* * *

ein kitzkleine recherche hat ergeben, dass zumindest die sätze:

Durch Ihren Internet-Anbieter wurden die Einstellungen der FRITZ!Box auf die Werkseinstellungen zurückgesetzt. Dabei wurden die bisherigen Einstellungen gelöscht

nur im zusammenhang mit o₂ im netz zu finden sind. in diesem strang diskutieren nutzer, denen o₂, teilweise mehrfach, bei der ersteinrichtung die fritzbox zurückgesetzt hat. unter dem werkseinstellungsreset liegend ist, soweit ich das verstehe, das TR-069-protokoll, dass „Internet-Anbietern“ erlaubt, bestimmte konfigurationen an kundenroutern vorzunehmen. und offenbar „Internet-Anbietern“ auch erlaubt, kundendaten auf fritzboxen nach belieben zu löschen.

avm dokumentiert zwar das implementierte TR-069-protokoll — und auch wie man das deaktivieren kann — dass „Internet-Anbieter“ diese funktion aber auch nutzen können, um alle persönlichen daten und einstellungen von der fritzbox zu löschen, ist dort nicht erwähnt.

Eine FRITZ!Box, die von einem Internetanbieter zur Verfügung gestellt wird, ist so eingestellt, damit der Anbieter die Erstkonfiguration vornehmen und Updates von FRITZ!OS einspielen und Ferndiagnosen durchführen kann.