ko­bol­de und but­ler

felix schwenzel in artikel

vor un­ge­fähr 35 jah­ren wur­de wäh­rend ei­nes strand­ur­laubs un­ser auto auf­ge­bro­chen und ein paar sa­chen dar­aus ge­klaut. so­weit ich mich er­in­ne­re, war nichts wich­ti­ges oder wert­vol­les da­bei, wir hat­ten ja nichts da­mals. aber auch mein adress­buch ver­schwand an die­sem tag und das war sehr schmerz­haft. seit­dem füh­re ich mei­ne adress­bü­cher nur noch red­un­dant, ich habe seit­dem im­mer ein back­up. in den spä­ten acht­zi­ger jah­ren wa­ren das wahr­schein­lich noch pho­to­ko­pien, aber seit­dem ich zu­griff auf ei­nen PC und dru­cker hat­te, führ­te ich mei­ne kon­tak­te mit com­pu­ter­hil­fe. mein mo­bi­les adress­buch be­stand vie­le jah­re aus ge­fal­te­ten, klein be­druck­ten DIN-A4-blät­tern. mei­ne adres­sen er­fass­te ich dann, glau­be ich, mit­te der neun­zi­ger jah­re für den palm-pi­lot erst­mals struk­tu­riert. seit­dem le­ben mei­ne adres­sen in ir­gend­ei­nem com­pu­ter und sind im­mer ir­gend­wo ge­si­chert.

ich hole so weit nach anno da­zu­mal aus, um zu be­grün­den, war­um die ers­ten smart­pho­nes mich von an­fang an be­geis­ter­ten und ich sie tat­säch­lich smart fand. weil vor­her war das mit adres­sen und ter­mi­nen ein­fach mist. man soll­te die filo- oder pa­pier­fa­xen zu de­nen wir da­mals ge­zwun­gen wa­ren nicht ver­herr­li­chen. selbst das pri­mi­tivs­te smart­pho­ne da­mals (bei mir un­ter an­de­rem der palm pre) war um län­gen prak­ti­scher und smar­ter als der vor­he­ri­ge pa­pier­kram.

vor drei­zehn jah­ren schrieb ich, dass smart­pho­nes na­tür­lich nicht im sin­ne von in­tel­li­genz smart sei­en:

mein smart­pho­ne weiss ei­ni­ges über mich: alle mei­ne adres­sen, mei­ne ter­mi­ne, mei­nen auf­ent­halts­ort, mit wem ich te­le­fo­nie­re und schrei­be. na­tür­lich weiss mein te­le­fon das al­les nicht, son­dern es spei­chert die­se da­ten erst­mal nur. der pro­zess, die­se in­for­ma­tio­nen zu ech­tem wis­sen um­zu­wan­deln, steckt noch ziem­lich am an­fang.

mir fiel da­mals auf, dass die­se zen­tra­le ag­gre­ga­ti­on von da­ten (oder di­gi­ta­le sam­mel­wut) ei­gent­lich auch nichts neu­es war. leu­te, die es sich leis­ten konn­ten, hat­ten schon im­mer as­sis­ten­ten oder die­ner, die das für sie er­le­dig­ten.

ein gu­ter but­ler (oder as­sis­tent) soll­te mei­ne kon­tak­te, kor­re­spon­denz-me­ta­da­ten und ter­mi­ne ken­nen, je­der­zeit mei­nen auf­ent­halts­ort so ge­nau wie mög­lich be­stim­men kön­nen und so viel wie mög­lich über mei­ne vor­lie­ben und ab­nei­gun­gen wis­sen. die­se da­ten soll­te sich ein but­ler auch gut mer­ken kön­nen, da­mit ihm das al­les nicht je­den mor­gen neu er­klärt wer­den muss.

mitt­ler­wei­le sind smart­pho­nes und un­se­re an­de­ren di­gi­ta­len hel­fer sehr viel wei­ter als vor 13 jah­ren. wir er­fas­sen und spei­chern noch mehr un­se­rer da­ten auf ih­nen, es fal­len un­men­gen an me­ta­da­ten an und die mög­lich­kei­ten, die­se da­ten mit soft­ware zu ver­knüp­fen, wur­den im lau­fe der jah­re im­mer bes­ser. und jetzt ste­hen alle in den start­lö­chern und wol­len die­sen da­ten­schatz mit künst­li­cher in­tel­li­genz auf­be­rei­ten, ver­knüp­fen und aus­wer­ten. vor­geb­lich zu un­se­rem nut­zen und vor­teil.

da­mals wie heu­te stellt sich vor al­lem die fra­ge der loya­li­tät: ist mein smart­pho­ne loy­al? von but­lern er­war­ten wir nicht nur loya­li­tät, son­dern auch dis­kre­ti­on. im prin­zip er­war­ten wir das auch von un­se­ren di­gi­ta­len as­sis­ten­ten. in den ju­gend­jah­ren un­se­rer smart­pho­nes wur­de die­ses ver­trau­en ge­le­gent­lich ge­bro­chen, wenn man ir­gend­wann er­fuhr, dass bei der an­mel­dung bei ei­nem on­line-dienst auch gleich un­ser adress­buch auf die ser­ver die­ses on­line-diens­tes über­tra­gen wur­de.

mitt­ler­wei­le ha­ben die smart­pho­ne-her­stel­ler an der loya­li­tät ih­rer pro­duk­te und den mög­lich­kei­ten der loya­li­täts­kon­trol­le ge­ar­bei­tet. mo­der­ne smart­pho­nes wei­sen dar­auf hin, wenn frem­de zu­griff auf per­sön­li­che da­ten er­lan­gen wol­len, und fra­gen bei uns nach. teil­wei­se so oft, dass wir uns schon wie­der as­sis­ten­ten wün­schen, die die­se an­fra­gen au­to­ma­tisch und in un­se­rem sinn be­ant­wor­ten wür­den. aber grund­sätz­lich ha­ben die meis­ten men­schen mitt­ler­wei­le ein mit­tel­gut be­grün­de­tes ver­trau­en in die loya­li­tät ih­rer elek­tro­ni­schen hel­fer. bis auf die tat­sa­che, um im bild zu blei­ben, dass die­se hel­fer oder but­ler alle ame­ri­ka­ner sind und des­halb et­was un­be­re­chen­bar sind. aber das ist ein an­de­res pro­blem als das, über das ich ei­gent­lich schrei­ben woll­te.

das pro­blem ist künst­li­che in­tel­li­genz (KI). vie­le men­schen (ich auch) er­hof­fen sich prak­ti­sche vor­tei­le da­von, wenn sie KI-sys­te­men zu­griff auf all ihre da­ten ge­ben. vie­le stöp­seln sich mit open­claw oder an­de­ren pro­gram­mier­knech­ten sys­te­me zu­sam­men, die zu­griff auf all ihre da­ten be­kom­men und auch noch in ih­rem na­men han­deln kön­nen. bild­lich ge­spro­chen ist die tech­no­lo­gi­sche lage mo­men­tan so, als ob sich die stras­sen plötz­lich über­all mit ko­bol­den fül­len, die uns ver­spre­chen, alle mög­li­chen auf­ga­ben für uns zu er­le­di­gen, kos­ten­los güns­tig und schnell. da­mit sie gut für uns ar­bei­ten kön­nen, öff­nen wir nicht nur un­ser haus und un­se­re woh­nungs­tü­ren, son­dern ent­fer­nen oft gleich alle schlös­ser und tü­ren kom­plett, da­mit die ko­bol­de un­ge­stört ar­bei­ten kön­nen.

das ist das gute recht al­ler er­wach­se­nen men­schen, so zu han­deln, und wir wer­den alle sehr viel aus den er­fah­run­gen mit den ko­bol­den ler­nen, was pas­siert wenn sie au­to­nom agie­ren oder wenn sie lai­en­haft mit scrip­ten wie open­claw in­stru­iert wer­den.

ap­ple hat an­fang der wo­che sei­ne vor­stel­lun­gen for­mu­liert, wie die zu­sam­men­ar­beit mit die­sen ko­bol­den aus­se­hen soll. ap­ple sucht die ko­bol­de für uns aus und will sie ri­go­ros auf un­se­ren ap­ple-te­le­fo­nen ein­sper­ren. den schlüs­sel zu den ko­bol­den will ap­ple auf dem ipho­ne nicht aus der hand ge­ben. auf dem mac dür­fen wir nach wie vor ma­chen, was wir wol­len, und be­lie­big ko­bol­de ein­las­sen. auf das ipho­ne dür­fen nur ap­ple-ap­pro­ved ko­bol­de in den da­ten wüh­len.

die ge­setz­ge­ber in der eu­ro­päi­schen uni­on fin­den das nicht gut und mei­nen, dass auch an­de­re ko­bol­de im ipho­ne in da­ten wüh­len dür­fen soll­ten. ap­ple sagt, das gin­ge gar nicht, weil man nur die ei­ge­nen, aus­ge­wähl­ten ame­ri­ka­ni­schen ko­bol­de kon­trol­lie­ren kön­ne. ap­ple sagt (mit ganz an­de­ren wor­ten), dass man die ko­bol­de der­zeit ein­fach ein­mau­ert, um tü­ren, fens­ter, ein­lass- und aus­gangs­kon­trol­len, über­wa­chung und ko­bold-aus­wahl­kri­te­ri­en zu kon­zi­pie­ren und zu bau­en, brau­che man noch min­des­tens 18 mo­na­te.

des­halb gibts jetzt wohl in der EU min­des­tens zwei jah­re lang kei­ne ko­bol­de auf ipho­nes.


ich hät­te ger­ne mit den ap­ple-ko­bol­den auf mei­nem ipho­ne rum­ge­spielt. aber noch lie­ber hät­te ich ein ipho­ne, auf dem ich wie auf mei­nem mac das ma­chen kann, was ich will. ein sys­tem, auf dem ich, wenn ich mal ko­bol­de ein­la­de, ge­nau be­ob­ach­ten kann, was die ko­bol­de ma­chen, und sie je­der­zeit wie­der raus­schm­eis­sen kann oder ih­nen fein­gra­nu­lar be­stimm­te rech­te ge­ben kann, wenn es mir mal ex­pe­ri­men­tier­freu­dig zu­mu­te ist. aber ap­ple will das mo­men­tan nicht auf ipho­nes und ipads ma­chen und wehrt sich mit hän­den und füs­sen und viel schlüpf­ri­ger re­si­li­enz ge­gen ge­set­ze, die das ei­gent­lich so vor­se­hen.


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2 kommentare
Dostoevskij

@ix Gleich der zweite Blogpost, den ich heute lese, ein Knaller. THX!