gefällt mir, die deprimierte rede von von richard gutjahr auf den journalismustagen in wien. ich frage mich aber, warum er sich nicht als robert smith verkleidet hat.
Machen wir uns nichts vor. Allzu gut ist es um den Journalismus nicht bestellt. Und wir haben selbst dazu beigetragen. Wir haben uns nicht im gleichen Maße weiterentwickelt, wie unser Publikum das getan hat. Wir googeln und nennen das Recherche. Die harte Wahrheit: Googlen können unsere Leser auch! Ich gehe sogar soweit zu behaupten: Viele unserer Leser, Hörer und Zuschauer googlen sogar besser als wir das oft tun - stoßen im Netz auf Quellen und Originaldokumente, die uns in der Eile entgangen waren, halten uns unsere eigene Unzulänglichkeit vor Augen.
Der Jongleur Alex Barron hat es 2012 geschafft 11 Bälle für eine Weile in der Luft zu halten und 23 mal hintereinander aufzufangen. 2013 schaffte er mit einem Ball weniger, die Bälle 30 mal hintereinander aufzufangen. Möglicherweise wird dieser Rekord in den nächsten Jahren noch um einen Ball verbessert, aber Alex Baron’s Rekord scheint die Kapazitätsgrenze bei der Balljonglage ganz gut zu markieren: Menschen können maximal 10 bis 11 Bälle jonglieren.
Wir kennen auch die Kapazitätsgrenze beim Management von Großprojekten ganz gut. Sie wurde in den letzten Jahren sichtbar, als (wieder mal) diverse Großprojekte scheiterten oder zu scheitern drohten.
Schon das erste Großprojekt, das ich in meiner Jugend verfolgte, der Klinikumsneubau in Aachen, kostete statt der ursprünglich geplanten 550 Mio. Mark am Ende mindestens 1,5 Mrd. Mark. Auch der Termin für die Fertigstellung wurde stückweise von 1976 auf 1979, dann auf 1982 und dann schließlich auf 1985 verschoben. Die Kosten des Berliner Kongresszentrums stiegen in den siebziger Jahren um das siebenfache (von ursprünglich rund 120 Mio. Mark auf ungefähr 800 Mio. Mark). Damit ist der neue Berliner Großflughafen Schönefeld noch im klassischen Berliner Kostensteigerungsrahmen: Aktuelle Planungen gehen vom achtfachen der ursprünglich geplanten Bausumme aus.
Warum verlaufen Großprojekte immer wieder in den gleichen Bahnen?
Eigenartigerweise erklären wir das Scheitern von Großprojekten oft mit Führungsschwäche („Der Wowereit war’s!“) oder Planungsfehlern. In dieser Erklärung steckt die Überzeugung, dass Projekte beliebiger Komplexität mit den richtigen Planungswerkzeugen und Führungsmethoden in den Griff zu bekommen seien. Auch unzählige gescheiterte Großprojekte dämpfen nicht etwa den Größenwahn, sondern inspirieren die Planer lediglich zu immer ausgefeilteren Planungsmethoden. Der neue heiße Scheiß für Bauprojekte lautet jetzt Building Information Modeling (BIM). Bei BIM planen und arbeiten alle am Bau Beteiligten vernetzt an einem einzigen Gebäudemodell. Damit, behaupten Experten, sollen misslungene Bauprojekte wie die Hamburger Elbphilharmonie oder der Berliner Großflughafen „in absehbarer Zeit der Vergangenheit angehören.“
Dass diese Projekte aber vielleicht nicht nur wegen unzureichender Werkzeuge oder Verfahren scheitern, sondern weil sie dem Versuch gleichen, mehr als 11 Bälle gleichzeitig in der Luft zu halten, kommt uns nicht in den Sinn. Kann es nicht sein, dass Projekte ab einem gewissen Komplexitätsgrad einfach nicht effizient vorab planbar sind? Zumindest nicht mit genauen Zeit- und Kostenvorgaben?
Vielleicht sollten wir einfach grundsätzlich etwas kleiner denken? Oder bestimmte Projekte eher wachsen und spriessen lassen, statt sie mit oft jahrzehntelangem Vorlauf vermeintlich durchzuplanen? Dezentralität fördern, viele, statt große Projekte unterstützen und die, die sich bewähren, ausbauen und wachsen lassen. Das hat mit bestimmten Technologien bereits gut funktioniert. In Deutschland gibt es mittlerweile 25.000 kleinere Windkraftanlagen, während in den achtziger Jahren noch ein Windanlagengroßprojekt (Growian) kläglich an seiner Überdimensionierung und planerischem Größenwahn scheiterte.
Das ist auch das Prinzip nach dem das Silicon Valley groß wurde; viele der amerikanischen Firmen, die wir heute als Giganten wahrnehmen, waren ursprünglich nicht als Großprojekte angelegt, sondern starteten als Kleinstprojekte, in Garagen oder Universitätswohnheimen. Die Wachstumsimpulse im Silicon Valley funktionieren auch weiterhin nach diesem Gärtner-Prinzip: die meisten Kapitalgeber haben viele kleine Projekte im Portfolio und hegen die Erfolgversprechensten, bis diese ausgewachsen sind oder von Größeren geschluckt werden.
Statt den Größenwahn in den Anfang, in die Planung, zu stecken, sollten wir den Größenwahn vielleicht eher in das Wachstum, in die Weiterentwicklung, stecken.
anmerkung: das ist der text meiner kolumne im (gedruckten) t3n-magazin nummer 39 (kolumne aus ausgabe #38 hier). in ein paar wochen kommt die neue ausgabe, mit einer neuen kolumne von mir. die taucht dann wiederrum in ca. drei monaten hier auf. einen absatz aus der kommenden kolumne hab ich gestern schon veröffentlicht.
weil ich für die kolumne bezahlt werde, enthält sie auch gross- und kleinschreibung.
angemessene würdigung der neuen sehr guten mittelguten serie daredevil (deutsch auch der dävil). vor allem kann man die darstellung des superschurken wilson fisk von vincent d'onofrio gar nicht genug loben („D'Onofrio's performance is the one truly great thing about a generally pretty-good show.“), aber wer das sehen will, muss erstmal durch 3 oder 4 folgen die zwar gut geschrieben und gefilmt sind, aber eben auch (im besten sinne) fernsehstandardkost sind.
das problem mit fernsehkritiken wie dieser von alex pappademas ist allerdings, dass man sie nicht vorher lesen kann und wenn man dann alle folgen gesehen hat — ihm nur noch zustimmen kann. deshalb: daredevil ist solides superhelden-fernsehen — aber eben auch nicht für jeden.
Wie unangemessen und aufgebauscht die Berichterstattung über den Trainer-Rücktritt war, führte die taz-Redaktion am Donnerstag den Berufskollegen in Deutschlands Leitmedien vor: Über die gesamte Titelseite der Tageszeitung erschien eine Todesanzeige [...].
das problem mit uhren ganz allgemein ist meiner unbedeutenden meinung nach, dass sie um den arm geschnallt einfach doof aussehen. auch bei karl lagerfeld. ich weiss nicht ob ich meine uhr-am-arm-aversion mit der apple watch überwinden kann. vielleicht schnall ich sie mir — wenns so weit ist — ums bein?
das beste am neuen fotos für os x ist, dass die fotos.app nicht extra startet, wenn man bilder hinzufügen möchte. auch wenn das nicht im verlinkten artikel steht, gibt's dort viele andere gute hinweise zu fotos.app.
ich habe ne kolumne für die ausgabe 40 der t3n geschrieben (erscheint am 27.05.2015). das thema ist eigentlich „nachhaltigkeit“, aber ich komme ja immer vom hölzchen aufs stöckchen und deshalb auch auf das thema „qualitätsjournalismus“. und weil ich über eine kleine erkenntnis selbst lachen musste veröffentliche ich sie hier vorab:
Journalisten dürften übrigens sehr traurig darüber sein, dass sie das Wort Nachhaltigkeit nicht zum Eigenmarketing verwenden können. Wenn Sie sich selbst als aufrichtig, verantwortungsbewusst und zukunftsfähig darstellen möchten, müssen sie das leicht abgewetzte und peinliche Wort „Qualitätsjournalismus“ verwenden. Selbst Politiker sind nicht schamlos genug, ihre Arbeit Qualitätspolitik zu nennen.
weil die veranstalter der nebenan hamburg konferenz sich überlegt haben, dass ich mal was zum indyweb und reclaim sagen könne, hab ich mich auf anregung von hendrik mans nochmal mit diesem webmention-gedöns beschäftigt. und siehe da, mit ein paar ergänzungen am quellcode (unter anderem h-entry formate hinzufügen) und ner anmeldung bei webmention.io und brid.gy läuft das:
was man dort sieht ist ein gePOSSEtetes instagrambild. durch einen backlink auf instagram mit rel="syndication" erkennt brid.gy das auf instagram mein bild ist und pingt die likes und (leider nicht alle) kommentare per webmention zu mir. diese pings/webmentions empfängt webmention.io für mich und ich frage sie dort ab und stelle sie unter dem blog-eintrag dar (wenn der reiter trackbacks aufgeklappt ist.
bin angetan, auch wenn’s noch immer ne ganz schöne frikelei ist und man sich sehr einarbeiten muss.
peter glaser mit ein „paar Anmerkungen zum Kulturpessimismus“:
KULTURPESSIMISMUS IST Revolution für Faule. Das Ende vom Lied möchte der Kulturpessimist gern geliefert bekommen, am liebsten von einer ultimativen Übermacht. Der Deutsche etwa liebt den pompösen Untergang, das Wagnerianische, auch wenn es furchtbar eitel ist („Die Welt geht unter und ICH bin dabei“), während der Amerikaner die Apokalypse nach Art der Erweckungstheologie bevorzugt, die Hilfe gegen die maßlose Überschätzung der Vernunft verspricht.
wie immer eine brilliante variation des themas: eigentlich hat sich in den letzten paar tausend jahren in sachen zukunftsangst und kulturpessimismus nicht das geringste verändert — ausser der farbe.
mein kulturpessimismus lautet übrigens: ich fürchte wir sind unfähig aus der vergangenheit zu lernen und kultivieren immer wieder die gleichen zukunftsängste wie unsere vorfahren. nur dass wir heute nicht mehr blitze und gewitter fürchten, sondern algorithmen.
seth godin mit einem faszinierendem gedanken: unsere firmware ist fehlerhaft:
One reason we easily dismiss the astonishing things computers can do is that we know that they don't carry around a narrative, a play by play, the noise in their head that's actually (in our view) 'intelligence.'
It turns out, though, that the narrative is a bug, not a feature.
wobei es natürlich gerade die fehlerhaftigkeit unsererer denkapparate, unserere biologisch determinierten emotions- und belohnungssysteme und die damit verbundenen verschrobenen vorstellungen von intelligenz, realität und gefahr sind, die uns so liebenswert machen.
mal gucken, ob ich es mit einem instagram schaffe das kind und die beifahrerin in die küche zu locken.
schönes portrait von christoph amend zu lena meyer-landrut.
Mitten in dieser Phase des Nachdenkens, im Laufe des Jahres 2011, setzt das ein, was ihr von erfahrenen Kollegen vorausgesagt worden ist: der Gegenwind, der immer irgendwann kommt, wenn man sehr lange in der Öffentlichkeit steht. Er bläst heftig.
boris rosenkranz erklärt nochmal, warum die krise des journalismus kein vermittlungsproblem ist, sondern ein henne-ei-problem: halten (zu) viele journalisten ihre leser für blöd oder sind (zu) viele journalisten einfach blöd?
meine erfahrung mit fast allen studien zu ernährung und studien zu ernährungs-gesundheits-und-kranheits-korrelationen sagt, dass die maximale lebensdauer ihrer schlussfolgerungen so um die 10 jahre liegt. dann kommt eine andere studie, die das gegenteil behauptet.
bis wir die komplexen zusammenhänge unsereres verdauungstrakts verstanden haben, dürften noch so um die 200 jahre vergehen. bis dahin gilt analog zum guten alten grundsatz die dosis macht das gift („Dosis sola venenum facit“): es ist egal was man isst, entscheidend ist das mass und dass man den verdauungsapparat ausreichend bewegt.
sean raymond beantwortet seine selbst gestellte frage, ob leben auf planeten ohne sonne existieren kann, sehr gut lesbar, verständlich und analogie-reich.
The Sun gets a lot of good press. Nearly everyone likes sunny days and rainbows. Solar panels are virtuous. Sunlight drives photosynthesis, which produces the oxygen we breathe. Our bodies make such mood-improving substances as vitamin D from sun exposure. Sun worship and solar deities appear throughout recorded history. We love our Sun.
nik afanasjew über drei kreuzberger jugendliche mit migrationshintergrund. sehr lang (druckversion auf einer seite), sehr nah und persönlich und absolut unprätentiös geschrieben.
tim teeman fifferenziert und angemessen sympathisierend über den dermatologen fredric brandt, der von martin short in unbreakable kimmy schmidt parodiert wurde. auch wenn im vorhergehenden satz zwei witzige namen vorkommen, bleibt einem beim lesen des artikels das lachen ein bisschen im halse stecken.
ich habe mit meinem ersten iphone bis zum iphone 4S gewartet. erst dann fand ich den preis und den funktionsumfang attraktiv genug. 2008 hatte ich nichts als spott für das macbook air übrig; bis ich das macbook air gut fand musste apple vier oder fünf jahre entwicklungsarbeit reinstecken. aber ich habe bereits vor einer weile erkannt, dass apple’s neue produkte immer ein paar jahre brauchen, bis sie in die zeit passen. oder wie nick heer es ausdrückt:
Apple's unique skill is in understanding the roadmap for several years into the future, and building according to that.
das ist übrigens auch einer meiner indikatoren für gutes design: wenn es einem sofort, auf den ersten blick gefällt, wenn es zu gefällig ist, ist es meistens müll, den man nach ein paar tagen oder monaten nicht mehr sehen mag. gutes, langwährendes design ist gewöhnungsbedürftig. es nimmt die zukunft vorweg (und formt sie gleichzeitig mit).
der teaser-trailer für die neue staffel true detective sieht leider nach gequirlter pathos-scheisse aus. aber man soll ja weder ein buch nach seinem cover, noch eine fernsehserie nach ihrem teaser-trailer beurteilen.
ich habe ja kürzlich darüber geschrieben, dass die zeitgenössische architekturkritik es sich teilweise zu einfach macht und für meinen geschmack oft zu oberflächlich oder geschmäcklerisch urteilt. dieser artikel, der daran erinnert dass die franzosen den eiffelturm anfangs abgrundtief gehasst und rundheraus abgelehnt haben, ist ein untrügliches zeichen dafür, dass architekturkritiker aus der geschichte nicht lernen. sie schaffen es oft nicht die wahren qualitäten zu erkennen und machen ihr urteil von ihrem ersten blick und (ästhetischen) erwartungen abhängig, statt weiter, über den tellerrand hinaus zu denken.
marco arment ist auch zu duckduckgo als standard-suchmaschine gewechselt. ihm gefallen, wie mir, vor allem die !bangs, mit denen man im zweifel auch schnell wieder aus duckduckgo rauskommt und zum beispiel zu google (!g), google deutschland (!gde) oder zur imdb (!imdb) oder rotten tomatoes (!rt) kommt.
überhaupt scheint mir die grundvoraussetzung für eine standard-seite zu sein, dass man dort wieder gut wegkommt. das hat google früh erkannt; (das alte) google ist das paradebeispiel für eine seite zu der man gerne wiederkommt, weil man sie im besten fall nach wenigen sekunden wieder verlässt. duckduckgo verlasse ich meist noch schneller, weil ich mein ziel mit !bangs bereits in der browser-adresszeile angeben kann. oder anders gesagt: nichts ist nerviger als eine webseite die versucht ihre besucher am weggehen zu hindern. oder nochmal anders gesagt: google nervt (auch) deshalb, weil es immer mehr versucht, seine besucher auf google oder google-diensten zu halten, statt sie schnell wieder wegzuschicken.
bei meinem nächsten besuch im rheinland steht diese kapelle von peter zumthor auf meiner besuchsliste. eine google-bildersuche erklärt warum das ding sehenswert ist.
markus kompa hat das leistungsschutzrecht durchgespielt. und er wertet das leistungsschutzrechts-gesetz mit null von fünf sternen:
Wäre das Gesetz von Juristen und nicht von Koksnasen geschrieben worden, hätte man den beschränkten Anwendungsbereich bereits von vorne herein definiert.