die welt ist scheisse — und das ist auch gut so
(vortrag auf der republica am 19.05.2026)
die titel meiner republica-sessions sind ja oft (mittel) steile thesen, aber ich glaube, zu behaupten, die welt sei scheisse, ist keine steile these. ich gehe davon aus, dass die meisten menschen die welt irgendwie scheisse finden oder zumindest der ansicht sind, dass die welt aus den fugen ist.
katia, meine frau, stimmt dem ersten teil des titels voll und ganz zu. zum zweiten teil meinte sie, da hätte ich mir ziemlich viel vorgenommen. warum soll das denn gut so sein? es sei doch offensichtlich, dass es schon lange — oder noch nie — so schlimm gewesen sei wie jetzt.
für den fall, dass ich höre: „es ist noch niee so schlimm gewesen“ hab ich immer dieses bild dabei.

ich sag dann immer: „1933, pocken, pest, kuba, hiroshima, 9/11 — oder frag mal die dinosaurier …“
oder — muss man sich mal vorstellen, noch vor 2000 jahren hat man leute ans holz genagelt, nur weil sie sagten, wie schön es doch wäre, wenn die menschen zur abwechslung mal nett zueinander wären.
wenn ich frida, unseren pudel, fragen würde, was sie von der welt hält, würde sie möglicherweise sagen:
die welt ist gut so.
hunde nehmen die welt, wie sie ist, und halten sich mit urteilen und bewertungen zurück.
apropos scheisse, ist euch schon mal aufgefallen, dass hunde gerne an scheisse riechen?
sie haben die fähigkeit scheisse nicht eklig zu finden und können die interessanz und komplexität von scheisse erkennen.
hunde können scheisse differenzieren!
das hunde sich mit urteilen über die welt zurückhalten, kann daran liegen dass sie differenzieren oder daran, dass sie keine nachrichten verfolgen oder dass sie sehr langsam denken.
dass hunde nicht urteilen und bewerten, ist wahrscheinlich der hauptgrund dafür, dass sie so beliebt sind.
für uns menschen ist es sehr wohltuend, nicht bewertet oder beurteilt zu werden.
hunde nehmen das leben, wie es ist — und uns wie wir sind.
eigentlich kann ich jetzt schon das erste zwischenfazit ziehen: wenn man seine beliebtheit steigern will — einfach mal das urteilen lassen.
als ich frida vor einer weile mal mit ins büro genommen habe, ist mir noch etwas anderes aufgefallen. wir sassen in einer besprechung und frida war etwas unruhig. ich sagte ihr: „frida, entspann dich.“
meine kollegin sue erinnerte mich daran, dass sowas noch nie bei einer frau funktioniert habe. in der tat kann man wohl behaupten, dass sowas noch nie bei irgendwem funktioniert hat.
emotionen, erwartungshaltungen, unzufriedenheiten lassen sich nicht per imperativ oder kommando abschalten.
andererseits lag frida zwei minuten später ausgestreckt und entspannt auf dem boden und schlief.

der witz an der geschichte ist, dass zwei dinge zugleich wahr sein können und beide aus guten gründen.
alles ist immer komplizierter, als man denkt, und man kennt nie alle hintergründe — zum beispiel, ob frida und ich das trainiert haben.

dass dinge sich nicht immer eindeutig beurteilen lassen, kann man auch gut mit einer geschichte illustrieren, die der religionsphilosoph alan watts gern erzählte.
in der geschichte läuft einem bauern sein pferd davon. die nachbarn sagen: wie schade, das ist wirklich ein grosses unglück. er sagt: „vielleicht“.
am nächsten tag kommt das pferd zurück und bringt sieben wildpferde mit. jetzt sagen die nachbarn: „oh, was für ein glück! was für eine grossartige wendung der ereignisse“, er sagt: „vielleicht“.
am nächsten tag versuchte sein sohn, eines dieser wildpferde zuzureiten. er wurde abgeworfen und brach sich ein bein. und alle sagten: „oje, das ist ja schrecklich, was für ein pech!“ und der bauer sagte: „vielleicht“
am darauffolgenden tag kamen offiziere der armee vorbei, um junge männer für den krieg einzuziehen. sie lehnten den sohn ab, weil er ein gebrochenes bein hatte. und alle leute kamen herbei und riefen: „ist das nicht grossartig! was für ein glück du hast!“ und der bauer sagte: „vielleicht“
watts wollte damit nicht nur gleichmut illustrieren, sondern auch zeigen, dass man nie genau wissen kann, ob etwas wirklich gut oder schlecht ist. und das nicht im moralischen sinn, sondern erkenntnistheoretisch. so wie sokrates sagte:
Ich weiß, dass ich nichts weiß.
als ich die geschichte vom bauern vor ein paar monaten bei konstantin fand, schrieb konstantin unter die geschichte:
Ich wünschte ich würde mehr von dieser Haltung an den Tag legen.
ich glaube, das ist gar nicht mal so schwer, „mehr von dieser haltung“ an den tag zu legen. diese haltung nennt man in der psychologie auch ambiguitätstoleranz.
ambiguitätstoleranz ist die fähigkeit, mit unsicherheit, widersprüchlichen informationen und komplexen situationen umzugehen, ohne in panik zu geraten oder voreilige schlüsse zu ziehen.
diese haltung ist sozusagen ein werkzeug, das uns hilft, handlungsfähig zu bleiben, ohne die nerven zu verlieren.

forrest gump hat sein leben danach ausgerichtet. was für den bauern das „vielleicht“ war, ist für forest gump die weisheit, die ihm seine mutter beigebracht hat:
Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen.
Man weiß nie, was man kriegt.
oder, wenn wir uns forrest gump als einen kölner vorstellen, wird’s noch deutlicher:
et kütt, wie et kütt.
wir alle ahnen, dass sich das leben nicht immer unserem willen beugt, dass das leben immer überraschungen bereithält.
aber forrest gump, die kölner und der bauer haben begriffen, dass es sich nicht lohnt, SICH ÜBER JEDEN SCHEISS AUFZUREGEN.
wir neigen ja dazu, vermeintlich einfach gestrickten leuten wie forrest gump oder den kölnern naivität, scheuklappen oder eine eher eindimensionale weltsicht anzudichten.
aber eigentlich ist es umgekehrt. vielleicht ist es einfältig zu glauben, dass wir schon wissen, welche pralinen die guten sind — und dass wir sie bekommen sollten.
diese einfalt verleitet uns dazu, zu glauben, dass wir die welt mit patentrezepten oder dem vermeintlich gesunden menschenverstand in den griff bekommen.
wir denken oft: wir müssen uns nur genug anstrengen, genug geld verdienen, um dann vom leben mit glück, erfolg und zufriedenheit belohnt zu werden.
forrest gump ist ein naturtalent im selbstregulierenden erwartungsmanagement. er zeigt uns, dass es möglich ist, das glück im unglück zu finden.

und dass man nicht das hellste licht am tisch sein muss, um zu begreifen, dass glück und unglück zusammengehören, sadness und joy, vielleicht sogar einander bedingen.
wenn wir die pralinenschachtel ohne überhöhte erwartungen öffnen, kann das der erste schritt dahin sein, mehr von der haltung des bauern an den tag zu legen.
erwartungsmanagment, gleichmut — sind die ersten schritte dahin, nicht ständig vom leben enttäuscht zu sein.
nur mal so als beispiel: wenn friedrich merz sein erwartungsmanagment in den griff bekäme, wäre er vielleicht irgendwann nicht mehr enttäuscht von deutschland, der deutschen arbeitsmoral und gemeinheiten gegen ihn.
zu glauben, dass leistung allein zu glück und einem funktionierenden gemeinwesen führt — das ist ja irgendwie auf eine art ne konservative büllerbü-ponyhof-utopie.

mark manson hat ein buch mit dem grandiosen titel „the subtle art of not giving a fuck“ geschrieben. auch wenn die eher derbe ausdrucksweise das suggeriert, argumentiert und plädiert er nicht für gleichgültigkeit, sondern, genau wie forrest gump und alan watts, für gleichmut und eine entspannte herangehensweise ans leben, egal ob’s gerade gut läuft oder weniger gut.
in seinem buch (und diesem video) hat manson ein paar prinzipien von alan watts zu einem umkehr-prinzip verdichtet.
alan watts backwards law according to mark manson
- the more you chase a positive emotion, that chasing in and of itself is a negative experience.
- the more you accept a negative experience, the more that acceptance itself is a positive experience.
er sagt: je mehr wir dem glück hinterherlaufen, je mehr wir das glück suchen, uns selbst optimieren, besser werden wollen, desto frustrierter, unglücklicher sind wir am ende. schon das (glücks-) streben selbst macht uns unglücklich.
wenn wir dagegen negative erlebnisse akzeptieren und damit umgehen, hat allein diese akzeptanz eine befriedigende, positive wirkung auf uns.
das wirkt auf den ersten blick paradox oder eben falsch herum, aber wenn man es genau bedenkt, sieht man, dass wir bestimmte ziele nicht allein durch willen, fleiss oder zielstrebigkeit erreichen können.
unsere intuition, was gut für uns sei, täuscht uns ständig.
zeit sparen — keine zeit mehr
wenn wir z.b. versuchen, zeit zu sparen, rinnt sie uns noch schneller durch die finger. wenn wir unsere zeit dagegen etwas widmen, jemandem zeit schenken, zeit verbringen mit dingen, für die wir eine echte leidenschaft haben, dann bleibt die zeit. dann speichern wir erinnerungen.
liebe suchen — liebe geben
oder wenn wir versuchen „liebe zu finden“, haben wir es auch oft falschherrum. das mit der liebe funktioniert viel besser, wenn wir liebe geben, statt sie zu suchen.
(dazu hab ich mal nen ganzen vortrag gehalten.)
eindruck schinden — selbstzweifel
wo wir uns auch oft täuschen: der versuch andere zu beeindrucken hilft so gut wie nie gegen selbstzweifel oder mangel an selbstbewusstsein.
ich muss dazu einen kurzen exkurs, einen kleinen schwenker machen …
wenn es etwas gibt, was ich meinem jugendlichen ich gerne sagen würde, dann wäre es erstens: „mein gott, bin ich froh nicht mehr jung zu sein und deine probleme zu haben!“
und zweitens: du bist keine schneeflocke, du bist nicht einmalig. du bist mit deinen problemen und ängsten nichts besonderes, im gegenteil. wir haben alle die gleichen probleme, ängste und unsicherheiten — nur die farbe und der kontrast unterscheidet sich gelegentlich.
wenn man das versteht, lässt das bedürfnis leute zu beeindrucken oder grosskotzig aufzutreten, um eigene unsicherheiten zu kaschieren, schlagartig nach.

was erstaunlich gut funktioniert, ist eine gewisse egalness (oder gleichmut oder not giving a fuck). diese egalness ist gelegentlich ein geschenk des alters, manchmal aber auch nicht. manchen menschen ist auch im alter nix egal.
reichtum anstreben — verlustangst
und noch ein exkurs: ich bin denkbar ungeeignet hier zu stehen und zu behaupten geld macht nicht glücklich.
ich bin mit dem privileg aufgewachsen, immer genug geld zu haben. zwar hatten meine eltern immer geldsorgen, aber irgendwie war auch immer ausreichend da.
ich habe viele sorgen und ängste meiner eltern übernommen — aber die nicht. sorgen um geld hatte ich nie. da war ich wie forrest gump, meine konten waren für mich immer wie pralinenschachteln: ich wusste nie, was drin ist.
diese egalness gegenüber geld könnte an meiner privilegierten kindheit und jugend liegen, genetisch bedingt sein oder ein psychischer defekt sein, das glaubt zumindest katia, meine frau, insbesondere nachdem sie vor ein paar tagen in meinen alten kisten dutzende, zwanzig jahre alte, ungeöffnete briefe vom finanzamt fand — die mit den roten, grünen und gelben briefumschlägen.
deshalb bin ich wohl ungeeignet, hier zu stehen und zu behaupten, dass die intuition trügt, wenn wir glauben — dass wir möglichst viel geld verdienen müssen, um glücklich zu sein.
oder zu behaupten: je mehr geld man hat, desto grösser die angst, es zu verlieren.
weil: was weiss ich denn schon?
ich weiss allerdings, dass es eigenartig wirken könnte als privilegierter, alter, weisser mann — oder als jüngerer weisser mann wie mark manson — ein paar psychotricks vorzuschlagen, um das elend der welt erträglicher zu machen.
und es stimmt wahrscheinlich, dass armut, strukturelle ungerechtigkeit, benachteiligung, machtmissbrauch, rassismus sich nicht allein durch modifikation der eigenen haltung ändern lassen, vor allem wenn man selbst von ihnen betroffen ist.
aber — und das ist zumindest meine arbeitshypothese — um strukturen, die gesellschaft oder die gesellschaftliche haltung zu verändern, müssen wir uns erstmal selbst reparieren und handlungsfähig machen.
flucht vor problemen — probleme kleben
wir lassen uns als gesellschaft — aber auch als einzelne — von problemen lähmen. das doofe ist, dass ungelöste probleme kleben.
je mehr wir versuchen, problemen aus dem weg zu gehen, desto mehr bestimmen sie das leben.
es gibt ja die schöne figur von michael ende vom scheinriesen.
je näher man einem scheinriesen kommt, desto kleiner wird er. dinge, die bedrohlich erscheinen, wirken dann plötzlich aus der nähe harmlos.
analog dazu gibt’s auch scheinglück. wenn man ständig nur dem glück hinterherläuft und vor negativen gefühlen wegläuft und sie nicht konfrontiert, wirkt der frust mit zunehmender distanz immer grösser und bedrohlicher. das gilt möglicherweise für alle probleme, vor denen man wegläuft.
mein held und der meister der glücksfindung durch loslassen — ist hans im glück.
ich habe hier vor acht jahren mal dafür plädiert, dass wir uns hans im glück nicht als jemanden vorstellen sollten, der durch schlechte tauschgeschäfte alles verloren hat.
im gegenteil: hans im glück kümmert sich nicht um gesellschaftlich konstruierte werte.
er befreit sich schritt für schritt von allem, was ihm als last erscheint, zuerst das gold, dann das pferd, die kuh und am ende den schleifstein. am ende fühlt er sich leicht, frei und glücklich.
nicht hans ist der dumme, sondern wir, weil es uns so schwer fällt, glück jenseits von leistungslogik und besitz zu erkennen.
hans hat erkannt, dass man durch loslassen das glück besser greifen kann.

oder nochmal anders gesagt: bestimmte dinge
- glück
- sinn
- gelassenheit
lassen sich nicht direkt herstellen, sondern sind nebenprodukte. nebenprodukte vom loslassen, von gleichmut, von optimismus im angesicht von schwierigkeiten.
oder wie mark manson sagt: not giving a fuck.
statt dem glück hinterherzulaufen, ist es ergiebiger, sich dem scheiss, den problemen, die uns die welt in den weg legt, wie einem scheinriesen zu nähern: optimistisch, dass die probleme aus der nähe handhabbar und lösbar erscheinen.
wenn man das negative als teil des lebens, als bedingung für das positive akzeptiert, wirkt die scheisse, die einem die welt entgegenwirft, plötzlich — vielleicht — wie scheinscheisse.

dirk von gehlen hat vor ein paar monaten einen tedx-talk gehalten, in dem er (sinngemäss) behauptet: „Ohne Optimismus funktioniert Demokratie nicht.“
ich erwähne das auch nur, damit ihr nicht denkt, dass ich der einzige quatschkopf bin, der angesichts der aktuellen politischen lage für optimismus plädiert.
die begründung, warum das so ist, will ich etwas anders als dirk von gehlen herleiten. und zwar mit einer idee, die j. m. barrie schon 1904 in peter pan formuliert hat, und mit einer leichten umdefinition von optimismus.
barrie schrieb in peter pan:
jedes mal, wenn ein kind sagt „ich glaube nicht an feen“, stirbt irgendwo eine fee.
der satz impliziert, dass aufmerksamkeit und emotionale bindung etwas — oder jemanden — mit bedeutung und macht aufladen können — und dass bedeutung und macht vergehen, wenn der glaube daran schwindet.
aufmerksamkeit = macht = existenz
je mehr menschen etwas bedeutung geben, desto realer und mächtiger wird es.
wenn sich das zu abstrakt anhört, oder zu märchenhaft: so wie feen nur existieren weil kinder dran glauben, kann geld nur funktionieren (und eine unheimliche macht ausüben), weil wir alle dran glauben. geld kann genau wie feen sterben, wenn wir aufhören dran zu glauben. das haben wir in der weimarer republik gesehen oder kürzlich in venezuela.
nationalstaaten, den weihnachtsmann, mode, trends, hollywoodstars oder sowas wie „nächstenliebe" — alles kollektive glaubensakte.
das ist aber auch der grund, warum donald trump dort steht, wo er (momentan) noch steht.
so wie die grauen männer in momo den menschen die zeit stehlen, indem sie sie davon überzeugen, zeit zu sparen — genauso stiehlt donald trump unsere aufmerksamkeit und konvertiert sie in macht — und das in solch einem kolossalen ausmass, dass wir es noch nicht mal merken, dass es unsere aufmerksamkeit ist, die ihn nährt.
zurückhaltung beim vorschnellen urteilen, loslassen, gleichmut, not giving a fuck — das ist, vereinfacht, nichts anderes als gefühlsregulation. und — vielleicht — auch ein weg zu einer etwas realistischeren wahrnehmung der welt.
wir machen uns gerne über kinder lustig, weil die ihre gefühle nicht im griff haben. die kinderpsychologin becky kennedy erklärt, warum kinder so emotional auf alles reagieren.
kids are born with all of the emotions and none of the skills.
kinder werden mit allen gefühlen geboren, aber keinem einziges werkzeug um damit umzugehen.
erwachsen werden bedeutet diese fähigkeit nach und nach zu lernen — oder beigebracht zu bekommen — oder werkzeuge dafür zu sammeln.
im internet werden wir allerdings fast täglich zeuge davon, dass viele, sehr viele erwachsene, gefühlsregulation nicht mal im ansatz meistern und sich mehr oder weniger wie kinder am quengelregal aufführen.
populisten wissen das zu nutzen.
ihr geschäftsmodell ist emotionale überforderung: sie peitschen emotionen auf, sie vereinfachen, spalten, verbreiten alarmismus — und bieten dafür das gefühl von klarheit. das funktioniert genau dann besonders gut, wenn wir nicht gelernt haben, mit uneindeutigkeit umzugehen.
ein gegenmittel ist die fähigkeit, innezuhalten, bevor man urteilt — und zu akzeptieren, dass manche dinge komplizierter sind, als sie im ersten moment erscheinen.
populisten hassen ambiguität und differenzierung. deshalb hassen sie kunst und nennen sie entartet, wenn sie vieldeutig ist.

propaganda ist niemals vieldeutig, hat keine metaebenen. alles ist klar und eindeutig.
wo war ich? ich wollte ja über feen reden.
während das mit den feen bei barrie wie ein märchen klingt — feen, die sterben, wenn niemand mehr an sie glaubt — ist das mit der demokratie, solidarität, versöhnung, menschlichkeit ganz konkret: wenn niemand daran glaubt, dass sie funktionieren, dann sterben sie.
wir retten die demokratie nicht allein mit einer rosaroten brille oder indem wir uns zu mehr gleichmut stupsen oder nudgen, aber es würde möglicherweise schon helfen, wenn wir aufhörten zu glauben, dass das eh alles nichts bringt, alles immer nur schlimmer wird und man eh nichts ändern kann.
demokratie — und optimismus — leben davon, dass wir glauben
- dass die dinge besser werden können
- und unser handeln wirkung hat
ich plädiere eben nicht für eine rosarote brille, sondern dafür, dass wir die schwarzmalerische brille abnehmen.

es geht auch nicht darum, die rote oder blaue pille zu wählen, sondern darum, uns den blick auf die möglichkeiten nicht durch vorschnelles urteilen zu verstellen.
wir müssen die welt nicht so sehen, als wäre schrödinger’s katze immer tot. sobald wir uns eine bessere zukunft vorstellen können, kann diese zukunft potenziell entstehen.
das ist der entscheidende punkt, dass wir lernen und erkennen, dass die welt weder schlecht noch gut ist.
sie ist erstmal reines potenzial.
sie ist das, was wir in ihr für möglich halten.
(und) sie wird das, was wir glauben, was sie sein könnte.
oder mit weniger pathos:
wie wir die welt sehen, ist nicht egal.

pessimisten und populisten sagen: das glas ist halb leer.
aber optimismus ist nicht zu sagen: „das glas ist halb voll“.

optimismus ist die überzeugung, dass man das glas auffüllen kann.
diese optimismus-definition erklärt übrigens auch die offene frage, warum es denn jetzt gut sei, dass die welt scheisse ist.
ein volles glas kann man nicht auffüllen.
- der trick ist — wie der bauer — sich nicht von der scheisse beeindrucken zu lassen.
- wie forrest gump das richtige zu tun.
- wie sisyphos den felsen fröhlich den berg hochzuschieben.
- wie frida und hans das leben nehmen wie es ist und loslassen.
das schlechte sehen und an das gute glauben.
die welt ist scheisse — das ist nicht egal und auch nicht wirklich gut — aber das ist so gedacht.
it’s not a bug, it’s a feature