die welt ist scheis­se — und das ist auch gut so

felix schwenzel

(vor­trag auf der re­pu­bli­ca am 19.05.2026)

die ti­tel mei­ner re­pu­bli­ca-ses­si­ons sind ja oft (mit­tel) stei­le the­sen, aber ich glau­be, zu be­haup­ten, die welt sei scheis­se, ist kei­ne stei­le the­se. ich gehe da­von aus, dass die meis­ten men­schen die welt ir­gend­wie scheis­se fin­den oder zu­min­dest der an­sicht sind, dass die welt aus den fu­gen ist.

ka­tia, mei­ne frau, stimmt dem ers­ten teil des ti­tels voll und ganz zu. zum zwei­ten teil mein­te sie, da hät­te ich mir ziem­lich viel vor­ge­nom­men. war­um soll das denn gut so sein? es sei doch of­fen­sicht­lich, dass es schon lan­ge — oder noch nie — so schlimm ge­we­sen sei wie jetzt.

für den fall, dass ich höre: „es ist noch niee so schlimm ge­we­sen“ hab ich im­mer die­ses bild da­bei.

präsentationsfolie mit jahreszahlen und zeiträumen an denen historische katastrophen stattfianden

ich sag dann im­mer: „1933, po­cken, pest, kuba, hi­ro­shi­ma, 9/11 — oder frag mal die di­no­sau­ri­er …“

oder — muss man sich mal vor­stel­len, noch vor 2000 jah­ren hat man leu­te ans holz ge­na­gelt, nur weil sie sag­ten, wie schön es doch wäre, wenn die men­schen zur ab­wechs­lung mal nett zu­ein­an­der wä­ren.

wenn ich fri­da, un­se­ren pu­del, fra­gen wür­de, was sie von der welt hält, wür­de sie mög­li­cher­wei­se sa­gen:

die welt ist gut so.

hun­de neh­men die welt, wie sie ist, und hal­ten sich mit ur­tei­len und be­wer­tun­gen zu­rück.

apro­pos scheis­se, ist euch schon mal auf­ge­fal­len, dass hun­de ger­ne an scheis­se rie­chen?

sie ha­ben die fä­hig­keit scheis­se nicht ek­lig zu fin­den und kön­nen die in­ter­ess­anz und kom­ple­xi­tät von scheis­se er­ken­nen.

hun­de kön­nen scheis­se dif­fe­ren­zie­ren!

das hun­de sich mit ur­tei­len über die welt zu­rück­hal­ten, kann dar­an lie­gen dass sie dif­fe­ren­zie­ren oder dar­an, dass sie kei­ne nach­rich­ten ver­fol­gen oder dass sie sehr lang­sam den­ken.

dass hun­de nicht ur­tei­len und be­wer­ten, ist wahr­schein­lich der haupt­grund da­für, dass sie so be­liebt sind.

für uns men­schen ist es sehr wohl­tu­end, nicht be­wer­tet oder be­ur­teilt zu wer­den.

hun­de neh­men das le­ben, wie es ist — und uns wie wir sind.

ei­gent­lich kann ich jetzt schon das ers­te zwi­schen­fa­zit zie­hen: wenn man sei­ne be­liebt­heit stei­gern will — ein­fach mal das ur­tei­len las­sen.


als ich fri­da vor ei­ner wei­le mal mit ins büro ge­nom­men habe, ist mir noch et­was an­de­res auf­ge­fal­len. wir sas­sen in ei­ner be­spre­chung und fri­da war et­was un­ru­hig. ich sag­te ihr: „fri­da, ent­spann dich.“

mei­ne kol­le­gin sue er­in­ner­te mich dar­an, dass so­was noch nie bei ei­ner frau funk­tio­niert habe. in der tat kann man wohl be­haup­ten, dass so­was noch nie bei ir­gend­wem funk­tio­niert hat.

emo­tio­nen, er­war­tungs­hal­tun­gen, un­zu­frie­den­hei­ten las­sen sich nicht per im­pe­ra­tiv oder kom­man­do ab­schal­ten.

an­de­rer­seits lag fri­da zwei mi­nu­ten spä­ter aus­ge­streckt und ent­spannt auf dem bo­den und schlief.

frida liegt auf dem boden und schläft

der witz an der ge­schich­te ist, dass zwei din­ge zu­gleich wahr sein kön­nen und bei­de aus gu­ten grün­den.

al­les ist im­mer kom­pli­zier­ter, als man denkt, und man kennt nie alle hin­ter­grün­de — zum bei­spiel, ob fri­da und ich das trai­niert ha­ben.

freigestelltes portrait von alan watts

dass din­ge sich nicht im­mer ein­deu­tig be­ur­tei­len las­sen, kann man auch gut mit ei­ner ge­schich­te il­lus­trie­ren, die der re­li­gi­ons­phi­lo­soph alan watts gern er­zähl­te.

in der ge­schich­te läuft ei­nem bau­ern sein pferd da­von. die nach­barn sa­gen: wie scha­de, das ist wirk­lich ein gros­ses un­glück. er sagt: „viel­leicht“.

am nächs­ten tag kommt das pferd zu­rück und bringt sie­ben wild­pfer­de mit. jetzt sa­gen die nach­barn: „oh, was für ein glück! was für eine gross­ar­ti­ge wen­dung der er­eig­nis­se“, er sagt: „viel­leicht“.

am nächs­ten tag ver­such­te sein sohn, ei­nes die­ser wild­pfer­de zu­zu­rei­ten. er wur­de ab­ge­wor­fen und brach sich ein bein. und alle sag­ten: „oje, das ist ja schreck­lich, was für ein pech!“ und der bau­er sag­te: „viel­leicht“

am dar­auf­fol­gen­den tag ka­men of­fi­zie­re der ar­mee vor­bei, um jun­ge män­ner für den krieg ein­zu­zie­hen. sie lehn­ten den sohn ab, weil er ein ge­bro­che­nes bein hat­te. und alle leu­te ka­men her­bei und rie­fen: „ist das nicht gross­ar­tig! was für ein glück du hast!“ und der bau­er sag­te: „viel­leicht“

watts woll­te da­mit nicht nur gleich­mut il­lus­trie­ren, son­dern auch zei­gen, dass man nie ge­nau wis­sen kann, ob et­was wirk­lich gut oder schlecht ist. und das nicht im mo­ra­li­schen sinn, son­dern er­kennt­nis­theo­re­tisch. so wie so­kra­tes sag­te:

Ich weiß, dass ich nichts weiß.

als ich die ge­schich­te vom bau­ern vor ein paar mo­na­ten bei kon­stan­tin fand, schrieb kon­stan­tin un­ter die ge­schich­te:

Ich wünsch­te ich wür­de mehr von die­ser Hal­tung an den Tag le­gen.

ich glau­be, das ist gar nicht mal so schwer, „mehr von die­ser hal­tung“ an den tag zu le­gen. die­se hal­tung nennt man in der psy­cho­lo­gie auch am­bi­gui­täts­to­le­ranz.

am­bi­gui­täts­to­le­ranz ist die fä­hig­keit, mit un­si­cher­heit, wi­der­sprüch­li­chen in­for­ma­tio­nen und kom­ple­xen si­tua­tio­nen um­zu­ge­hen, ohne in pa­nik zu ge­ra­ten oder vor­ei­li­ge schlüs­se zu zie­hen.

die­se hal­tung ist so­zu­sa­gen ein werk­zeug, das uns hilft, hand­lungs­fä­hig zu blei­ben, ohne die ner­ven zu ver­lie­ren.

freigestelltes foto aus dem film forrest gump mit forrest auf einer parkbank mit eienr schachtel pralinen in der hand

for­rest gump hat sein le­ben da­nach aus­ge­rich­tet. was für den bau­ern das „viel­leicht“ war, ist für fo­rest gump die weis­heit, die ihm sei­ne mut­ter bei­ge­bracht hat:

Das Le­ben ist wie eine Schach­tel Pra­li­nen.
Man weiß nie, was man kriegt.

oder, wenn wir uns for­rest gump als ei­nen köl­ner vor­stel­len, wird’s noch deut­li­cher:

et kütt, wie et kütt.

wir alle ah­nen, dass sich das le­ben nicht im­mer un­se­rem wil­len beugt, dass das le­ben im­mer über­ra­schun­gen be­reit­hält.

aber for­rest gump, die köl­ner und der bau­er ha­ben be­grif­fen, dass es sich nicht lohnt, SICH ÜBER JE­DEN SCHEISS AUF­ZU­RE­GEN.

wir nei­gen ja dazu, ver­meint­lich ein­fach ge­strick­ten leu­ten wie for­rest gump oder den köl­nern nai­vi­tät, scheu­klap­pen oder eine eher ein­di­men­sio­na­le welt­sicht an­zu­dich­ten.

aber ei­gent­lich ist es um­ge­kehrt. viel­leicht ist es ein­fäl­tig zu glau­ben, dass wir schon wis­sen, wel­che pra­li­nen die gu­ten sind — und dass wir sie be­kom­men soll­ten.

die­se ein­falt ver­lei­tet uns dazu, zu glau­ben, dass wir die welt mit pa­tent­re­zep­ten oder dem ver­meint­lich ge­sun­den men­schen­ver­stand in den griff be­kom­men.

wir den­ken oft: wir müs­sen uns nur ge­nug an­stren­gen, ge­nug geld ver­die­nen, um dann vom le­ben mit glück, er­folg und zu­frie­den­heit be­lohnt zu wer­den.

for­rest gump ist ein na­tur­ta­lent im selbst­re­gu­lie­ren­den er­war­tungs­ma­nage­ment. er zeigt uns, dass es mög­lich ist, das glück im un­glück zu fin­den.

bild der beiden pixar figuren sadness und joy aus pixars film „inside out“

und dass man nicht das hells­te licht am tisch sein muss, um zu be­grei­fen, dass glück und un­glück zu­sam­men­ge­hö­ren, sad­ness und joy, viel­leicht so­gar ein­an­der be­din­gen.

wenn wir die pra­li­nen­schach­tel ohne über­höh­te er­war­tun­gen öff­nen, kann das der ers­te schritt da­hin sein, mehr von der hal­tung des bau­ern an den tag zu le­gen.

er­war­tungs­ma­nag­ment, gleich­mut — sind die ers­ten schrit­te da­hin, nicht stän­dig vom le­ben ent­täuscht zu sein.

nur mal so als bei­spiel: wenn fried­rich merz sein er­war­tungs­ma­nag­ment in den griff be­kä­me, wäre er viel­leicht ir­gend­wann nicht mehr ent­täuscht von deutsch­land, der deut­schen ar­beits­mo­ral und ge­mein­hei­ten ge­gen ihn.

zu glau­ben, dass leis­tung al­lein zu glück und ei­nem funk­tio­nie­ren­den ge­mein­we­sen führt — das ist ja ir­gend­wie auf eine art ne kon­ser­va­ti­ve bül­ler­bü-po­ny­hof-uto­pie.


titelseite von mark mansons „the subtle art of not giving a fuck“

mark man­son hat ein buch mit dem gran­dio­sen ti­tel „the subt­le art of not gi­ving a fuck“ ge­schrie­ben. auch wenn die eher der­be aus­drucks­wei­se das sug­ge­riert, ar­gu­men­tiert und plä­diert er nicht für gleich­gül­tig­keit, son­dern, ge­nau wie for­rest gump und alan watts, für gleich­mut und eine ent­spann­te her­an­ge­hens­wei­se ans le­ben, egal ob’s ge­ra­de gut läuft oder we­ni­ger gut.

in sei­nem buch (und die­sem vi­deo) hat man­son ein paar prin­zi­pi­en von alan watts zu ei­nem um­kehr-prin­zip ver­dich­tet.

alan watts back­wards law ac­cor­ding to mark man­son

  • the more you cha­se a po­si­ti­ve emo­ti­on, that cha­sing in and of its­elf is a ne­ga­ti­ve ex­pe­ri­ence.
  • the more you ac­cept a ne­ga­ti­ve ex­pe­ri­ence, the more that ac­cep­tance its­elf is a po­si­ti­ve ex­pe­ri­ence.

er sagt: je mehr wir dem glück hin­ter­her­lau­fen, je mehr wir das glück su­chen, uns selbst op­ti­mie­ren, bes­ser wer­den wol­len, des­to frus­trier­ter, un­glück­li­cher sind wir am ende. schon das (glücks-) stre­ben selbst macht uns un­glück­lich.

wenn wir da­ge­gen ne­ga­ti­ve er­leb­nis­se ak­zep­tie­ren und da­mit um­ge­hen, hat al­lein die­se ak­zep­tanz eine be­frie­di­gen­de, po­si­ti­ve wir­kung auf uns.

das wirkt auf den ers­ten blick pa­ra­dox oder eben falsch her­um, aber wenn man es ge­nau be­denkt, sieht man, dass wir be­stimm­te zie­le nicht al­lein durch wil­len, fleiss oder ziel­stre­big­keit er­rei­chen kön­nen.

un­se­re in­tui­ti­on, was gut für uns sei, täuscht uns stän­dig.

zeit spa­ren — kei­ne zeit mehr

wenn wir z.b. ver­su­chen, zeit zu spa­ren, rinnt sie uns noch schnel­ler durch die fin­ger. wenn wir un­se­re zeit da­ge­gen et­was wid­men, je­man­dem zeit schen­ken, zeit ver­brin­gen mit din­gen, für die wir eine ech­te lei­den­schaft ha­ben, dann bleibt die zeit. dann spei­chern wir er­in­ne­run­gen.

lie­be su­chen — lie­be ge­ben

oder wenn wir ver­su­chen „lie­be zu fin­den“, ha­ben wir es auch oft falsch­her­rum. das mit der lie­be funk­tio­niert viel bes­ser, wenn wir lie­be ge­ben, statt sie zu su­chen.

(dazu hab ich mal nen gan­zen vor­trag ge­hal­ten.)

ein­druck schin­den — selbst­zwei­fel

wo wir uns auch oft täu­schen: der ver­such an­de­re zu be­ein­dru­cken hilft so gut wie nie ge­gen selbst­zwei­fel oder man­gel an selbst­be­wusst­sein.

ich muss dazu ei­nen kur­zen ex­kurs, ei­nen klei­nen schwen­ker ma­chen …

wenn es et­was gibt, was ich mei­nem ju­gend­li­chen ich ger­ne sa­gen wür­de, dann wäre es ers­tens: „mein gott, bin ich froh nicht mehr jung zu sein und dei­ne pro­ble­me zu ha­ben!“

und zwei­tens: du bist kei­ne schnee­flo­cke, du bist nicht ein­ma­lig. du bist mit dei­nen pro­ble­men und ängs­ten nichts be­son­de­res, im ge­gen­teil. wir ha­ben alle die glei­chen pro­ble­me, ängs­te und un­si­cher­hei­ten — nur die far­be und der kon­trast un­ter­sch­ei­det sich ge­le­gent­lich.

wenn man das ver­steht, lässt das be­dürf­nis leu­te zu be­ein­dru­cken oder gross­kot­zig auf­zu­tre­ten, um ei­ge­ne un­si­cher­hei­ten zu ka­schie­ren, schlag­ar­tig nach.

portrait von louis XIV, via wikimedia commons, louvre
lou­is XIV

was er­staun­lich gut funk­tio­niert, ist eine ge­wis­se egal­ness (oder gleich­mut oder not gi­ving a fuck). die­se egal­ness ist ge­le­gent­lich ein ge­schenk des al­ters, manch­mal aber auch nicht. man­chen men­schen ist auch im al­ter nix egal.

reich­tum an­stre­ben — ver­lust­angst

und noch ein ex­kurs: ich bin denk­bar un­ge­eig­net hier zu ste­hen und zu be­haup­ten geld macht nicht glück­lich.

ich bin mit dem pri­vi­leg auf­ge­wach­sen, im­mer ge­nug geld zu ha­ben. zwar hat­ten mei­ne el­tern im­mer geld­sor­gen, aber ir­gend­wie war auch im­mer aus­rei­chend da.
ich habe vie­le sor­gen und ängs­te mei­ner el­tern über­nom­men — aber die nicht. sor­gen um geld hat­te ich nie. da war ich wie for­rest gump, mei­ne kon­ten wa­ren für mich im­mer wie pra­li­nen­schach­teln: ich wuss­te nie, was drin ist.

die­se egal­ness ge­gen­über geld könn­te an mei­ner pri­vi­le­gier­ten kind­heit und ju­gend lie­gen, ge­ne­tisch be­dingt sein oder ein psy­chi­scher de­fekt sein, das glaubt zu­min­dest ka­tia, mei­ne frau, ins­be­son­de­re nach­dem sie vor ein paar ta­gen in mei­nen al­ten kis­ten dut­zen­de, zwan­zig jah­re alte, un­ge­öff­ne­te brie­fe vom fi­nanz­amt fand — die mit den ro­ten, grü­nen und gel­ben brief­um­schlä­gen.

des­halb bin ich wohl un­ge­eig­net, hier zu ste­hen und zu be­haup­ten, dass die in­tui­ti­on trügt, wenn wir glau­ben — dass wir mög­lichst viel geld ver­die­nen müs­sen, um glück­lich zu sein.

oder zu be­haup­ten: je mehr geld man hat, des­to grös­ser die angst, es zu ver­lie­ren.

weil: was weiss ich denn schon?

ich weiss al­ler­dings, dass es ei­gen­ar­tig wir­ken könn­te als pri­vi­le­gier­ter, al­ter, weis­ser mann — oder als jün­ge­rer weis­ser mann wie mark man­son — ein paar psy­cho­t­ricks vor­zu­schla­gen, um das elend der welt er­träg­li­cher zu ma­chen.

und es stimmt wahr­schein­lich, dass ar­mut, struk­tu­rel­le un­ge­rech­tig­keit, be­nach­tei­li­gung, macht­miss­brauch, ras­sis­mus sich nicht al­lein durch mo­di­fi­ka­ti­on der ei­ge­nen hal­tung än­dern las­sen, vor al­lem wenn man selbst von ih­nen be­trof­fen ist.

aber — und das ist zu­min­dest mei­ne ar­beits­hy­po­the­se — um struk­tu­ren, die ge­sell­schaft oder die ge­sell­schaft­li­che hal­tung zu ver­än­dern, müs­sen wir uns erst­mal selbst re­pa­rie­ren und hand­lungs­fä­hig ma­chen.

flucht vor pro­ble­men — pro­ble­me kle­ben

wir las­sen uns als ge­sell­schaft — aber auch als ein­zel­ne — von pro­ble­men läh­men. das doo­fe ist, dass un­ge­lös­te pro­ble­me kle­ben.

je mehr wir ver­su­chen, pro­ble­men aus dem weg zu ge­hen, des­to mehr be­stim­men sie das le­ben.

es gibt ja die schö­ne fi­gur von mi­cha­el ende vom schein­rie­sen.
je nä­her man ei­nem schein­rie­sen kommt, des­to klei­ner wird er. din­ge, die be­droh­lich er­sch­ei­nen, wir­ken dann plötz­lich aus der nähe harm­los.

ana­log dazu gibt’s auch schein­glück. wenn man stän­dig nur dem glück hin­ter­her­läuft und vor ne­ga­ti­ven ge­füh­len weg­läuft und sie nicht kon­fron­tiert, wirkt der frust mit zu­neh­men­der di­stanz im­mer grös­ser und be­droh­li­cher. das gilt mög­li­cher­wei­se für alle pro­ble­me, vor de­nen man weg­läuft.

mein held und der meis­ter der glücks­fin­dung durch los­las­sen — ist hans im glück.

ich habe hier vor acht jah­ren mal da­für plä­diert, dass wir uns hans im glück nicht als je­man­den vor­stel­len soll­ten, der durch schlech­te tausch­ge­schäf­te al­les ver­lo­ren hat.

im ge­gen­teil: hans im glück küm­mert sich nicht um ge­sell­schaft­lich kon­stru­ier­te wer­te.

er be­freit sich schritt für schritt von al­lem, was ihm als last er­scheint, zu­erst das gold, dann das pferd, die kuh und am ende den schleif­stein. am ende fühlt er sich leicht, frei und glück­lich.

nicht hans ist der dum­me, son­dern wir, weil es uns so schwer fällt, glück jen­seits von leis­tungs­lo­gik und be­sitz zu er­ken­nen.

hans hat er­kannt, dass man durch los­las­sen das glück bes­ser grei­fen kann.

besser greifen durch loslassen

oder noch­mal an­ders ge­sagt: be­stimm­te din­ge

  • glück
  • sinn
  • ge­las­sen­heit

las­sen sich nicht di­rekt her­stel­len, son­dern sind ne­ben­pro­duk­te. ne­ben­pro­duk­te vom los­las­sen, von gleich­mut, von op­ti­mis­mus im an­ge­sicht von schwie­rig­kei­ten.

oder wie mark man­son sagt: not gi­ving a fuck.

statt dem glück hin­ter­her­zu­lau­fen, ist es er­gie­bi­ger, sich dem scheiss, den pro­ble­men, die uns die welt in den weg legt, wie ei­nem schein­rie­sen zu nä­hern: op­ti­mis­tisch, dass die pro­ble­me aus der nähe hand­hab­bar und lös­bar er­sch­ei­nen.

wenn man das ne­ga­ti­ve als teil des le­bens, als be­din­gung für das po­si­ti­ve ak­zep­tiert, wirkt die scheis­se, die ei­nem die welt ent­ge­gen­wirft, plötz­lich — viel­leicht — wie schein­sch­eis­se.


screenshot von dirk von gehlens TEDx talk über optimismus. überlagert mit der aussage: „ohne optimismus funktioniert demokratie nicht“

dirk von geh­len hat vor ein paar mo­na­ten ei­nen tedx-talk ge­hal­ten, in dem er (sinn­ge­mäss) be­haup­tet: „Ohne Op­ti­mis­mus funk­tio­niert De­mo­kra­tie nicht.“

ich er­wäh­ne das auch nur, da­mit ihr nicht denkt, dass ich der ein­zi­ge quatsch­kopf bin, der an­ge­sichts der ak­tu­el­len po­li­ti­schen lage für op­ti­mis­mus plä­diert.

die be­grün­dung, war­um das so ist, will ich et­was an­ders als dirk von geh­len her­lei­ten. und zwar mit ei­ner idee, die j. m. bar­rie schon 1904 in pe­ter pan for­mu­liert hat, und mit ei­ner leich­ten um­de­fi­ni­ti­on von op­ti­mis­mus.

bar­rie schrieb in pe­ter pan:

je­des mal, wenn ein kind sagt „ich glau­be nicht an feen“, stirbt ir­gend­wo eine fee.

der satz im­pli­ziert, dass auf­merk­sam­keit und emo­tio­na­le bin­dung et­was — oder je­man­den — mit be­deu­tung und macht auf­la­den kön­nen — und dass be­deu­tung und macht ver­ge­hen, wenn der glau­be dar­an schwin­det.

auf­merk­sam­keit = macht = exis­tenz

je mehr men­schen et­was be­deu­tung ge­ben, des­to rea­ler und mäch­ti­ger wird es.

wenn sich das zu abs­trakt an­hört, oder zu mär­chen­haft: so wie feen nur exis­tie­ren weil kin­der dran glau­ben, kann geld nur funk­tio­nie­ren (und eine un­heim­li­che macht aus­üben), weil wir alle dran glau­ben. geld kann ge­nau wie feen ster­ben, wenn wir auf­hö­ren dran zu glau­ben. das ha­ben wir in der wei­ma­rer re­pu­blik ge­se­hen oder kürz­lich in ve­ne­zue­la.

na­tio­nal­staa­ten, den weih­nachts­mann, mode, trends, hol­ly­wood­stars oder so­was wie „nächs­ten­lie­be" — al­les kol­lek­ti­ve glau­bens­ak­te.

das ist aber auch der grund, war­um do­nald trump dort steht, wo er (mo­men­tan) noch steht.

so wie die grau­en män­ner in momo den men­schen die zeit steh­len, in­dem sie sie da­von über­zeu­gen, zeit zu spa­ren — ge­nau­so stiehlt do­nald trump un­se­re auf­merk­sam­keit und kon­ver­tiert sie in macht — und das in solch ei­nem ko­los­sa­len aus­mass, dass wir es noch nicht mal mer­ken, dass es un­se­re auf­merk­sam­keit ist, die ihn nährt.

zu­rück­hal­tung beim vor­schnel­len ur­tei­len, los­las­sen, gleich­mut, not gi­ving a fuck — das ist, ver­ein­facht, nichts an­de­res als ge­fühls­re­gu­la­ti­on. und — viel­leicht — auch ein weg zu ei­ner et­was rea­lis­ti­sche­ren wahr­neh­mung der welt.


wir ma­chen uns ger­ne über kin­der lus­tig, weil die ihre ge­füh­le nicht im griff ha­ben. die kin­der­psy­cho­lo­gin be­cky ken­ne­dy er­klärt, war­um kin­der so emo­tio­nal auf al­les re­agie­ren.

kids are born with all of the emo­ti­ons and none of the skills.

kin­der wer­den mit al­len ge­füh­len ge­bo­ren, aber kei­nem ein­zi­ges werk­zeug um da­mit um­zu­ge­hen.

er­wach­sen wer­den be­deu­tet die­se fä­hig­keit nach und nach zu ler­nen — oder bei­ge­bracht zu be­kom­men — oder werk­zeu­ge da­für zu sam­meln.

im in­ter­net wer­den wir al­ler­dings fast täg­lich zeu­ge da­von, dass vie­le, sehr vie­le er­wach­se­ne, ge­fühls­re­gu­la­ti­on nicht mal im an­satz meis­tern und sich mehr oder we­ni­ger wie kin­der am quen­gel­re­gal auf­füh­ren.

po­pu­lis­ten wis­sen das zu nut­zen.

ihr ge­schäfts­mo­dell ist emo­tio­na­le über­for­de­rung: sie peit­schen emo­tio­nen auf, sie ver­ein­fa­chen, spal­ten, ver­brei­ten alar­mis­mus — und bie­ten da­für das ge­fühl von klar­heit. das funk­tio­niert ge­nau dann be­son­ders gut, wenn wir nicht ge­lernt ha­ben, mit un­ein­deu­tig­keit um­zu­ge­hen.

ein ge­gen­mit­tel ist die fä­hig­keit, in­ne­zu­hal­ten, be­vor man ur­teilt — und zu ak­zep­tie­ren, dass man­che din­ge kom­pli­zier­ter sind, als sie im ers­ten mo­ment er­sch­ei­nen.

po­pu­lis­ten has­sen am­bi­gui­tät und dif­fe­ren­zie­rung. des­halb has­sen sie kunst und nen­nen sie ent­ar­tet, wenn sie viel­deu­tig ist.

gul dukat heilt einen kranken bajoraner, gefunden bei anmutunddemut.de

pro­pa­gan­da ist nie­mals viel­deu­tig, hat kei­ne me­ta­ebe­nen. al­les ist klar und ein­deu­tig.

wo war ich? ich woll­te ja über feen re­den.

wäh­rend das mit den feen bei bar­rie wie ein mär­chen klingt — feen, die ster­ben, wenn nie­mand mehr an sie glaubt — ist das mit der de­mo­kra­tie, so­li­da­ri­tät, ver­söh­nung, mensch­lich­keit ganz kon­kret: wenn nie­mand dar­an glaubt, dass sie funk­tio­nie­ren, dann ster­ben sie.

wir ret­ten die de­mo­kra­tie nicht al­lein mit ei­ner ro­sa­ro­ten bril­le oder in­dem wir uns zu mehr gleich­mut stup­sen oder nud­gen, aber es wür­de mög­li­cher­wei­se schon hel­fen, wenn wir auf­hör­ten zu glau­ben, dass das eh al­les nichts bringt, al­les im­mer nur schlim­mer wird und man eh nichts än­dern kann.

de­mo­kra­tie — und op­ti­mis­mus — le­ben da­von, dass wir glau­ben

  • dass die din­ge bes­ser wer­den kön­nen
  • und un­ser han­deln wir­kung hat

ich plä­die­re eben nicht für eine ro­sa­ro­te bril­le, son­dern da­für, dass wir die schwarz­ma­le­ri­sche bril­le ab­neh­men.

rote und  blaue pille

es geht auch nicht dar­um, die rote oder blaue pil­le zu wäh­len, son­dern dar­um, uns den blick auf die mög­lich­kei­ten nicht durch vor­schnel­les ur­tei­len zu ver­stel­len.

wir müs­sen die welt nicht so se­hen, als wäre schrö­din­ger’s kat­ze im­mer tot. so­bald wir uns eine bes­se­re zu­kunft vor­stel­len kön­nen, kann die­se zu­kunft po­ten­zi­ell ent­ste­hen.

das ist der ent­sch­ei­den­de punkt, dass wir ler­nen und er­ken­nen, dass die welt we­der schlecht noch gut ist.

sie ist erst­mal rei­nes po­ten­zi­al.
sie ist das, was wir in ihr für mög­lich hal­ten.
(und) sie wird das, was wir glau­ben, was sie sein könn­te.

oder mit we­ni­ger pa­thos:

wie wir die welt se­hen, ist nicht egal.

ein halb volles glas

pes­si­mis­ten und po­pu­lis­ten sa­gen: das glas ist halb leer.

aber op­ti­mis­mus ist nicht zu sa­gen: „das glas ist halb voll“.

ein volles glas

op­ti­mis­mus ist die über­zeu­gung, dass man das glas auf­fül­len kann.

die­se op­ti­mis­mus-de­fi­ni­ti­on er­klärt üb­ri­gens auch die of­fe­ne fra­ge, war­um es denn jetzt gut sei, dass die welt scheis­se ist.

ein vol­les glas kann man nicht auf­fül­len.

  • der trick ist — wie der bau­er — sich nicht von der scheis­se be­ein­dru­cken zu las­sen.
  • wie for­rest gump das rich­ti­ge zu tun.
  • wie si­sy­phos den fel­sen fröh­lich den berg hoch­zu­schie­ben.
  • wie fri­da und hans das le­ben neh­men wie es ist und los­las­sen.

das schlech­te se­hen und an das gute glau­ben.

die welt ist scheis­se — das ist nicht egal und auch nicht wirk­lich gut — aber das ist so ge­dacht.

it’s not a bug, it’s a fea­ture

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