bahn­hofs­vor­platz um sechs: ein fuchs auf der su­che nach fress­ba­rem, eine hun­de­hal­tern die ih­ren hund für ein biss­chen aus­lauf an­leint und dann schrei­end ha­ben me­ter ihm her­läuft: „nein! nein!“ 

(fuchs ne hund be­mer­ken sich al­ler­dings nicht)



Dass Angst ein Mit­tel zur Ver­hal­tens­kon­trol­le ist, weiß je­der der sich schon mal mit der Ge­schich­te der Kir­chen be­schäf­tigt hat. Aber den ro­man­ti­schen Glau­ben, dass Men­schen durch Ver­nunft, po­si­ti­ve Ver­stär­kung oder Vor­bil­der zur Ein­sicht zu brin­gen sind, ha­ben nicht nur längst die Kir­chen und Re­li­gio­nen auf­ge­ge­ben, son­dern of­fen­bar wir alle, die wir uns ei­gent­lich als Teil ei­ner li­be­ra­len, de­mo­kra­tie- und ver­nunft­ba­sier­ten Ge­sell­schaft se­hen. Auch Leu­te die vor ein paar Mo­na­ten noch dar­über klag­ten, dass Rechts­po­pu­lis­ten ihre Un­ter­stüt­zung durch das Be­feu­ern von Ängs­ten und Vor­ur­tei­len er­rei­chen, freu­ten sich dar­über, dass welt­weit Re­gie­run­gen ein­schnei­den­de Maß­nah­men ge­gen die Aus­brei­tung des Co­ro­na-Vi­rus be­schlos­sen – auch weil dann an­geb­lich end­lich alle den Ernst der Lage be­grei­fen wür­den. Wenn Angst und Pa­nik als le­gi­ti­me Mit­tel der po­li­ti­schen Kom­mu­ni­ka­ti­on und des po­li­ti­schen Han­deln an­ge­se­hen wer­den, soll­ten wir drin­gend in­ne­hal­ten und min­des­tens noch­mal nach­den­ken.

Angst, Pa­nik, das Be­grei­fen des Ernst der Lage, scheint un­se­re Ge­sell­schaft im­mer noch als le­gi­ti­mes Mit­tel an­zu­se­hen, um die Un­ein­sich­ti­gen, die „Dum­men“, die Mas­sen zu ei­nem er­wünsch­ten Ver­hal­ten zu brin­gen. Dar­auf ha­ben sich nicht nur die üb­li­chen Pa­nik-Me­di­en und Pa­nik-Mul­ti­pli­ka­to­ren ein­ge­schos­sen, son­dern auch die sonst eher zu­rück­hal­ten­den Me­di­en und Mul­ti­pli­ka­to­ren.

Das Pa­ni­k­le­vel das mitt­ler­wei­le welt­weit er­reicht wur­de zeigt zwei Din­ge:

  • Wir alle las­sen uns — auf die eine oder an­de­re Art — von un­se­ren Ängs­ten trei­ben, vor al­lem weil wir sie nicht kon­fron­tie­ren oder ver­ar­bei­ten (wol­len/kön­nen), was in die­sem von Mar­cus von Jor­dan ge­pi­q­ten gross­ar­ti­gem Text über­deut­lich wird.

  • Wir alle er­näh­ren uns von viel zu viel angst- und pa­nik­hal­ti­ger Me­di­en­nah­rung, was der hier ge­pi­q­te Text (weit aus­ho­lend) zeigt.

In al­ler Kür­ze fasst Seth Go­din den Text, bzw. die Idee da­hin­ter zu­sam­men:

Be­ing up-to-date on the news is a trap and a scam. Five mi­nu­tes a day is all you need.

Ich habe in der Ver­gan­gen­heit im­mer wie­der ge­gen „Di­gi­tal De­tox“ oder Me­di­en­diä­ten ar­gu­men­tiert, weil ich glau­be, dass wir (Fil­ter-) Pro­ble­me an­ge­hen, be- und ver­ar­bei­ten soll­ten, statt ih­nen durch Ent­halt­sam­keit ein­fach aus­zu­wei­chen, aber in der der­zei­ti­gen Nach­rich­ten­la­ge scheint mir die Selbst­iso­lie­rung von me­dia­len Angst­ge­ne­ra­to­ren eine ef­fek­ti­ve Stra­te­gie.

Bes­ser, und das schreibt auch Mar­go Aa­ron deut­lich, scheint mir al­ler­dings die an­stren­gen­de­re Va­ri­an­te der Acht­sam­keit auch beim Me­di­en­kon­sum. Auch wenn Acht­sam­keit Auf­merk­sam­keit und En­er­gie kos­tet, kann sie sich po­si­tiv aus­wir­ken sei es auf un­se­re Er­näh­rung, un­se­rem Um­gang mit an­de­ren und uns selbst, aber eben auch un­se­re In­for­ma­ti­ons­di­ät.

Put ef­fort into your con­sump­ti­on of in­for­ma­ti­on.

Ver­nunft, Ge­sund­heit und Ge­las­sen­heit er­for­dern stän­di­ge Ar­beit, Mühe, Acht­sam­keit und wohl auch den Glau­ben ans Gute, bzw. die Ver­nunft im Men­schen. All das soll­ten wir in der Kri­se nicht ver­lie­ren, auch wenn un­se­re In­for­ma­ti­ons­ka­nä­le mit Hi­obs­bot­schaf­ten ver­stop­fen und die Sicht ver­stel­len.

 



Photo by felix schwenzel on August 26, 2021. Keine Fotobeschreibung verfügbar..

un­ter an­de­rem toll an fri­da (und pu­deln) ist, dass sie nicht haa­ren. aber wenn die bei­fah­re­rin fri­da schert, ver­liert sie da­nach über­all pu­del­haar­bü­schel. 













Der Weg durchs Pro­blem ist das Ziel (t3n 65)

felix schwenzel in t3n, teil der sammlung: t3n

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Ich war die ers­ten zehn Jah­re mei­ner Schul­lauf­bahn ein schlech­ter Schü­ler. Mög­li­cher­wei­se weil ich nie ein­ge­se­hen habe, was es brin­gen soll Re­geln, Vo­ka­beln oder his­to­ri­sche Jah­res­zah­len aus­wen­dig zu ler­nen. Ich war of­fen­bar schon als Schü­ler der Mei­nung, dass Lern­erfol­ge sich von ganz al­lei­ne ein­stel­len. Was wich­tig ist er­gibt sich von selbst, Re­geln er­schlies­sen sich durch Be­ob­ach­tung, Vo­ka­beln er­ge­ben sich aus dem Zu­sam­men­hang.

Im Prin­zip lag ich, glau­be ich heu­te, mit die­ser Ein­schät­zung nicht ganz falsch. In den ers­ten zehn Jah­ren Schu­le fehl­ten mir al­ler­dings die rich­ti­gen Werk­zeu­ge und der An­trieb um au­to­nom zu ler­nen. Ich hör­te zwar über­all, dass ich nicht für die Schu­le oder die No­ten lern­te, die Schu­le fühl­te sich aber trotz­dem wie ein bü­ro­kra­ti­scher Selbst­zweck und nicht wie ein Tür­öff­ner in un­be­kann­te Wel­ten an. Um mei­ne Neu­gier auf die Welt zu we­cken, stan­den mir in der Rück­schau vie­le mei­ner Leh­rer eher im Weg, als mir zu hel­fen.

Neu­gier we­cken ist we­der bei Her­an­wach­sen­den noch aus­ge­wach­se­nen Men­schen ein­fach. Bei mir hat es erst Klick ge­macht, als ich für ein Jahr auf eine ame­ri­ka­ni­sche High­school ge­wech­selt bin. Dort be­kam ich Auf­ga­ben ge­stellt, die ich so aus Deutsch­land nicht kann­te: su­che dir ein The­ma das dich in­ter­es­siert und schrei­be eine Se­mes­ter­ar­beit dar­über. Ar­bei­te dich in ein The­ma so gut ein, dass du mit je­man­dem mit ei­nem an­de­ren Stand­punkt öf­fent­lich de­bat­tie­ren kannst.

Was mir half war mich nicht ein­fach zum Ler­nen an­zu­hal­ten, son­dern mei­ne Neu­gier und mei­ne Ei­gen­in­itia­ti­ve zu we­cken. Vor kom­ple­xen Auf­ga­ben zu ste­hen und selb­stän­dig lö­sen zu kön­nen be­frie­dig­te mich plötz­lich. Zum ers­ten mal in mei­nem Le­ben woll­te ich frei­wil­lig vor Pro­ble­men ste­hen, um ein Ziel zu er­rei­chen — und nicht weil es je­mand von mir ver­lang­te.

An­ders ge­sagt, ich lern­te dass Auf­ga­ben oder Pro­ble­me die sich vor ei­nem auf­tür­men um ge­löst zu wer­den, als et­was po­si­ti­ves zu se­hen. Auf­ga­ben und Pro­ble­me die sich ei­nem stel­len sind kei­ne Schi­ka­ne, son­dern Wege zu mehr Wis­sen und Kom­pe­tenz.

Neu­gier hilft bei der Kon­fron­ta­ti­on mit Pro­ble­men. Sie drängt ei­nen zu ei­ner Art Pro­blem-Af­fi­ni­tät, zum Ab­ar­bei­ten von Pro­ble­men, weil das Ab­ar­bei­ten an Pro­ble­men be­frie­digt und Wis­sen ak­ku­mu­liert. Mei­ne Schwie­ger­mut­ter hat sich kürz­lich (wahr­schein­lich nicht zum ers­ten mal) ein 5000 Sei­ten di­ckes Su­do­ku-Rät­sel­buch ge­kauft. In den letz­ten Mo­na­ten hat sie es zur Hälf­te durch­ge­ar­bei­tet. Ich gehe fest da­von aus, dass sie das Rät­sel-, bzw. das mi­kro­dosier­te Pro­blem­lö­sen, tief be­frie­digt, ob­wohl hin­ter je­den Pro­blem, hin­ter je­dem Rät­sel, ein neu­es war­tet. So wie im ech­ten Le­ben hin­ter je­dem ge­lös­ten Pro­blem ein Hau­fen neu­er Pro­ble­me war­tet.

Ich bin jetzt nicht mehr der jüngs­te und hat­te Zeit zu be­ob­ach­ten dass es ne­ben dem Tod eine wei­te­re tod­si­cher Kon­stan­te gibt: Auf­ga­ben und Pro­ble­me tür­men sich das gan­ze Le­ben lang vor ei­nem auf — egal was man tut — sie sind un­aus­weich­lich. Sich da­von we­der die gute Lau­ne, noch die Neu­gier auf das was hin­ter den Pro­ble­men liegt (Spoi­ler: noch mehr Pro­ble­me) ver­der­ben zu las­sen hilft min­des­tens ge­gen Still­stand, Grum­pi­ness und al­ters­be­ding­te Starr­köp­fig­keit.

Das hört sich wie eine selbst für mei­ne Ver­hält­nis­se sehr stei­le The­se an, aber ich glau­be tat­säch­lich, dass Neu­gier ge­gen Ober­che­cker­tum hilft. Oder um­ge­kehrt, dass ver­dör­ren­de Neu­gier, der Irr­glau­be man habe aus­ge­lernt, mit ein Grund da­für sind dass Boo­mer so ver­hasst sind — oder dass vie­le Men­schen gar nicht wis­sen was Boo­mer sind.

Be­ru­hi­gend fin­de ich auch die Er­kennt­nis, dass es kaum ein Pro­blem gibt, das nicht schon mal ge­habt wor­den ist. Je mehr man liest, je mehr man sieht, je mehr man neu­gie­rig, mit of­fe­nen Au­gen durch die Welt geht, des­to deut­li­cher wird, dass die ei­ge­nen Pro­ble­me we­nig ex­klu­siv sind. Von Pro­ble­men (und Lö­sun­gen) An­de­rer zu ler­nen, hilft die Ein­stel­lung zu den ei­ge­nen Pro­ble­men zu jus­tie­ren und den ei­ge­nen Wis­sens­stand zu re­la­ti­vie­ren.

Viel­leicht ist das das ein­zi­ge was wir im Le­ben wirk­lich ler­nen müs­sen: sich auf­tür­men­de Auf­ga­ben und Pro­ble­me als Freu­den­spen­der an­se­hen zu kön­nen. Un­ter­wegs, beim Pro­blem­lö­sen, op­ti­ma­ler­wei­se ge­trie­ben von op­ti­mis­ti­scher Neu­gier­de, lernt man al­les an­de­re. Der Weg durchs Pro­blem ist das Ziel.


die­se ko­lum­ne ist im au­gust 2021 in der t3n 65 und auf t3n.de er­schie­nen.