das wich­ti­ge schwimmt

felix schwenzel in artikel

ein korbstuhl der kpfüber im berliner schifffahrtskanal schwimmt. man sieht in der reflektion des wassers den sehr blauen himmel.

ich wünsch­te ich könn­te das john ir­ving zi­tat „sor­row floats“ öf­ter be­nut­zen, aber es passt nie und nir­gend­wo.

das ge­nia­le an „sor­row floats“ ist das bild­haf­te, der nach sei­nem tod aus­ge­stopf­te fa­mi­li­en­la­bra­dor sor­row, der nach ei­nem flug­zeug­un­glück ir­gend­wo zwi­schen den trüm­mern treibt. und gleich­zei­tig ist „sor­row floats“ eine me­ta­pher da­für, dass trau­er nie ganz ver­schwin­det und im­mer wie­der zwi­schen trüm­mern auf­taucht.

aber es ist eben nicht nur die trau­er die schwimmt, ei­gent­lich ist es al­les wich­ti­ge. das mei­ne ich zu­min­dest im lau­fe der jah­re im­mer wie­der be­ob­ach­tet zu ha­ben. und wenn ich schon nicht mein le­ben nach die­ser er­kennt­nis aus­rich­te, so habe ich zu­min­dest mei­nen me­di­en­kon­sum da­nach aus­ge­rich­tet.

lei­der hört sich „im­portance floats“ nicht halb so gut an wie „sor­row floats“.

je­den­falls muss­te ich da heu­te wie­der dran den­ken, weil ich ge­ra­de hier und da lese, dass man­che leu­te von ih­rem RSS rea­der ge­stresst sind. klar, le­sen soll­te kein stress sein und RSS zu le­sen erst recht nicht.

die app cur­rent hat sich zur auf­ga­be ge­macht das le­sen von rss feeds wie­der schön zu ma­chen:

Every RSS rea­der tre­ats your feeds as a to-do list. Cur­rent does­n't.

The­re are no un­read counts. No badge of phan­tom ob­li­ga­ti­on. Just a ri­ver.

New ar­tic­les flow in at the top. Old ones drift down­stream. Not­hing is owed.

ich hab cur­rent ge­kauft und aus­pro­biert aber mir war das zu stres­sig. cur­rent ver­such­te mich wie ein gut­mei­nen­der on­kel, der nichts von mir weiss, da­bei zu un­ter­stüt­zen „wert­vol­le“ feeds zu iden­ti­fi­zie­ren (von „aut­hors“) und aus mei­nen ver­meint­li­chen le­se­ge­wohn­hei­ten fil­ter zu bau­en.

ich habe ge­merkt: mei­ne ei­ge­nen, ein­ge­bau­ten fil­ter funk­tio­nie­ren ganz gut ohne app-hil­fe und dass mich eine on­ke­li­ge app nervt, die stän­dig in mei­ne ge­wohn­hei­ten grätscht.

ich habe auf ei­nem as­te­ro­iden (von uber­space) mi­ni­flux in­stal­liert und nut­ze ent­we­der das web­front­end von mi­ni­flux oder den ree­der clas­sic auf dem te­le­fon um mei­ne 435 feeds zu le­sen. das oben drü­ber „un­ge­le­sen 7238“ steht ist mir egal. ich lese das was oben steht zu­erst und sprin­ge wei­ter, wenn mich we­der die über­schrift, noch die ers­ten paar sät­ze in­ter­es­sie­ren.

das ist nicht an­ders als frü­her die ta­ges- oder wo­chen­zei­tung zu le­sen. da la­gen auch meh­re­re hun­dert ar­ti­kel vor mir und wenn mich we­der die über­schrift, noch die ers­ten paar sät­ze in­ter­es­sie­ren, sprang ich wei­ter in die nächs­te spal­te oder sei­te.

war­um soll­te mich das stres­sen wenn ich ein paar hun­dert un­ge­le­se­ne ar­ti­kel vor mir lie­gen habe? ge­le­gent­lich hab ich zei­tun­gen in der mit­te auf­ge­schla­gen oder am ende, weil ich wuss­te dass dort ka­te­go­rien the­men oder ko­lum­nen la­gen die mich in­ter­es­sier­ten.

so ma­che ich das auch mit RSS. ein paar blogs, ein paar au­toren habe ich ir­gend­wann in ei­nen ord­ner ge­legt, den ich, wenn mir da­nach ist, ge­zielt an­steu­ern und le­sen kann.

sonst gehe ich aus­schliess­lich um­ge­kehrt chro­no­lo­gisch vor. ich lese das un­ge­le­se­ne und sprin­ge mit der tas­ta­tur (j/k) oder wisch­ges­ten wei­ter.

man ver­gisst ja schnell, dass chro­no­lo­gie be­reits eine form von ku­ra­tie­rung ist. die zeit sorgt da­für, dass wich­ti­ges wie­der auf­taucht und das be­lang­lo­se vor­bei treibt.

apro­pos zeit. ich habe vor vie­len jah­ren, als nach­rich­ten noch mehr­heit­lich auf pa­pier ver­trie­ben wur­den, mal be­haup­tet, dass die welt bes­ser wäre wenn es nur wo­chen­zei­tun­gen gäbe. wenn nach­rich­ten ein biss­chen ge­trock­net sind und ihre atem­lo­sig­keit nach­lässt, wenn der oder die eine oder an­de­re au­torin zeit hat­te nach­zu­den­ken, ge­win­nen nach­rich­ten an in­ter­ess­anz und das wich­ti­ge bleibt, schwimmt auf.

wenn zei­tun­gen das äqui­va­lent zum feed-rea­der sind, dann wä­ren ma­ga­zi­ne das äqui­va­lent zu in­sta­gram oder tik­tok. die ma­ga­zin-ma­cher ha­ben auch schon da­mals ver­sucht die le­sen­den emo­tio­nal zu pa­cken, zu skan­da­li­sie­ren und über­spit­zen. doom­scrol­ling nann­te man da­mals ein­fach blät­tern.

aber ich kom­me vom the­ma ab. was ich an mei­ner chro­no­lo­gi­schen samm­lung von über 400 quel­len so sehr mag ist ge­ra­de die an­zahl der un­ge­le­se­nen bei­trä­ge. be­un­ru­higt bin ich, wenn mein feed­rea­der leer wäre.

der un­ge­le­sen-zäh­ler ist kei­ne auf­for­de­rung, son­dern ent­span­nen­des weis­ses rau­schen.

wenn ich mal tie­fer mei­nen selbst „ku­ra­tie­ren“ nach­rich­ten­strom ein­stei­ge (und da­bei nicht ein­schla­fe oder mir was bes­se­res ein­fällt) und ein­fach im­mer wei­ter lese, be­stä­tigt sich ir­gend­wann die the­se von oben. das in­ter­es­san­te, das wich­ti­ge war oben, nach un­ten wird meis­tens lang­wei­li­ger und ich den­ke zu­neh­mend: „kenn ich schon.“ oder „schon an­ders­wo drü­ber ge­le­sen“

mög­li­cher­wei­se ist die sicht auf ei­nen strom auch ein­fach mit et­was di­stanz bes­ser, als wenn man mitt­drin steht. si­cher ist: wenn man die strö­me auch mal an sich vor­bei­zie­hen lässt, ver­passt man trotz­dem nix.

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