das wichtige schwimmt

ich wünschte ich könnte das john irving zitat „sorrow floats“ öfter benutzen, aber es passt nie und nirgendwo.
das geniale an „sorrow floats“ ist das bildhafte, der nach seinem tod ausgestopfte familienlabrador sorrow, der nach einem flugzeugunglück irgendwo zwischen den trümmern treibt. und gleichzeitig ist „sorrow floats“ eine metapher dafür, dass trauer nie ganz verschwindet und immer wieder zwischen trümmern auftaucht.
aber es ist eben nicht nur die trauer die schwimmt, eigentlich ist es alles wichtige. das meine ich zumindest im laufe der jahre immer wieder beobachtet zu haben. und wenn ich schon nicht mein leben nach dieser erkenntnis ausrichte, so habe ich zumindest meinen medienkonsum danach ausgerichtet.
leider hört sich „importance floats“ nicht halb so gut an wie „sorrow floats“.
jedenfalls musste ich da heute wieder dran denken, weil ich gerade hier und da lese, dass manche leute von ihrem RSS reader gestresst sind. klar, lesen sollte kein stress sein und RSS zu lesen erst recht nicht.
die app current hat sich zur aufgabe gemacht das lesen von rss feeds wieder schön zu machen:
Every RSS reader treats your feeds as a to-do list. Current doesn't.
There are no unread counts. No badge of phantom obligation. Just a river.
New articles flow in at the top. Old ones drift downstream. Nothing is owed.
ich hab current gekauft und ausprobiert aber mir war das zu stressig. current versuchte mich wie ein gutmeinender onkel, der nichts von mir weiss, dabei zu unterstützen „wertvolle“ feeds zu identifizieren (von „authors“) und aus meinen vermeintlichen lesegewohnheiten filter zu bauen.
ich habe gemerkt: meine eigenen, eingebauten filter funktionieren ganz gut ohne app-hilfe und dass mich eine onkelige app nervt, die ständig in meine gewohnheiten grätscht.
ich habe auf einem asteroiden (von uberspace) miniflux installiert und nutze entweder das webfrontend von miniflux oder den reeder classic auf dem telefon um meine 435 feeds zu lesen. das oben drüber „ungelesen 7238“ steht ist mir egal. ich lese das was oben steht zuerst und springe weiter, wenn mich weder die überschrift, noch die ersten paar sätze interessieren.
das ist nicht anders als früher die tages- oder wochenzeitung zu lesen. da lagen auch mehrere hundert artikel vor mir und wenn mich weder die überschrift, noch die ersten paar sätze interessieren, sprang ich weiter in die nächste spalte oder seite.
warum sollte mich das stressen wenn ich ein paar hundert ungelesene artikel vor mir liegen habe? gelegentlich hab ich zeitungen in der mitte aufgeschlagen oder am ende, weil ich wusste dass dort kategorien themen oder kolumnen lagen die mich interessierten.
so mache ich das auch mit RSS. ein paar blogs, ein paar autoren habe ich irgendwann in einen ordner gelegt, den ich, wenn mir danach ist, gezielt ansteuern und lesen kann.
sonst gehe ich ausschliesslich umgekehrt chronologisch vor. ich lese das ungelesene und springe mit der tastatur (j/k) oder wischgesten weiter.
man vergisst ja schnell, dass chronologie bereits eine form von kuratierung ist. die zeit sorgt dafür, dass wichtiges wieder auftaucht und das belanglose vorbei treibt.
apropos zeit. ich habe vor vielen jahren, als nachrichten noch mehrheitlich auf papier vertrieben wurden, mal behauptet, dass die welt besser wäre wenn es nur wochenzeitungen gäbe. wenn nachrichten ein bisschen getrocknet sind und ihre atemlosigkeit nachlässt, wenn der oder die eine oder andere autorin zeit hatte nachzudenken, gewinnen nachrichten an interessanz und das wichtige bleibt, schwimmt auf.
wenn zeitungen das äquivalent zum feed-reader sind, dann wären magazine das äquivalent zu instagram oder tiktok. die magazin-macher haben auch schon damals versucht die lesenden emotional zu packen, zu skandalisieren und überspitzen. doomscrolling nannte man damals einfach blättern.
aber ich komme vom thema ab. was ich an meiner chronologischen sammlung von über 400 quellen so sehr mag ist gerade die anzahl der ungelesenen beiträge. beunruhigt bin ich, wenn mein feedreader leer wäre.
der ungelesen-zähler ist keine aufforderung, sondern entspannendes weisses rauschen.
wenn ich mal tiefer meinen selbst „kuratieren“ nachrichtenstrom einsteige (und dabei nicht einschlafe oder mir was besseres einfällt) und einfach immer weiter lese, bestätigt sich irgendwann die these von oben. das interessante, das wichtige war oben, nach unten wird meistens langweiliger und ich denke zunehmend: „kenn ich schon.“ oder „schon anderswo drüber gelesen“
möglicherweise ist die sicht auf einen strom auch einfach mit etwas distanz besser, als wenn man mittdrin steht. sicher ist: wenn man die ströme auch mal an sich vorbeiziehen lässt, verpasst man trotzdem nix.