Maciej Ce­głow­ski ist ei­gent­lich der Be­trei­ber des groß­ar­ti­gen on­line Le­se­zei­chen­ver­wal­tungs­di­ens­tes Pin­board, macht aber ge­le­gent­lich mit groß­ar­ti­gen Blog­tex­ten oder Vor­trä­gen (auch auf der Re­pu­bli­ca) auf sich auf­merk­sam.

An­fang Mai sprach Ce­głow­ski vor ei­nem Ko­mi­tee des ame­ri­ka­ni­schen Kon­gres­ses über Pri­vat­sphä­re und Da­ten­samm­lung im Zeit­al­ter der di­gi­ta­len Öko­no­mie. Ich bin si­cher, dass er für die­sen Kurz­auf­tritt vor dem Kon­gress lan­ge nach­ge­dacht hat, um sei­ne Aus­sa­gen auf den Punkt zu brin­gen.

Der Punkt ist nicht neu: die Re­gu­lie­rung der Da­ten­sam­mel­wut der gro­ßen In­ter­net­kon­zer­ne ist völ­lig un­zu­rei­chend und die An­ga­ben der Platt­for­men, wel­che Da­ten sie sam­meln und wie ver­wen­den, sind in­trans­pa­rent und teils hin­ter­lis­tig. Die Da­ten­ber­ge sind po­ten­zi­ell so ge­fähr­lich oder to­xisch wie Atom­müll, weil das Miss­brauchs­po­ten­ti­al der ge­sam­mel­ten Da­ten so groß ist. In sei­nem State­ment vor dem Kon­gress fürch­tet Ce­głow­ski, dass die­ser un­re­gu­lier­te Ver­trau­ens­bruch die Dy­na­mik und In­no­va­ti­ons­freu­de der Di­gi­ta­li­sie­rung und Ver­net­zung brem­sen könn­te.

I worry about this be­cau­se Si­li­con Val­ley has been a force of dy­na­mism. It's one of the gre­at suc­cess sto­ries of Ame­ri­can ca­pi­ta­lism, and we'­re put­ting it at risk right now by not ha­ving sen­si­ble re­gu­la­ti­on in place that crea­tes the con­di­ti­ons for in­no­va­ti­on.

Dann hat Ce­głow­ski aber of­fen­bar noch­mal in­ten­si­ver nach­ge­dacht und sei­ne Ge­dan­ken zu ei­nem der wich­tigs­ten Grund­satz­tex­te über Re­gu­lie­rung, Pri­vat­sphä­re und den Über­wa­chungs-Ka­pi­ta­lis­mus ge­schärft.

Er schafft es in die­sem Text ein ak­tu­el­les Pa­ra­do­xon auf­zu­lö­sen, in­dem er ein klaf­fen­des De­fi­zit in un­se­rer Wahr­neh­mung sicht­bar macht.

Ein Grund, dass In­ter­net­kon­zer­ne gleich­zei­tig bei­spiel­los Da­ten mit Ras­ter­fahn­dungs­me­tho­den ab­grei­fen, sich aber trotz­dem ge­ra­de in den letz­ten Mo­na­ten auch als Da­ten­schutz­mus­ter­schü­ler po­si­tio­nie­ren kön­nen, ist un­ser ver­al­te­ter Be­griff von Pri­vat­sphä­re, der dem Zeit­al­ter der Mas­sen­über­wa­chung nicht mehr ge­wach­sen sei.

Der­zeit re­gu­lie­ren und de­fi­nie­ren wir Pri­vat­sphä­re als Schutz vor Of­fen­le­gung be­stimm­ter per­sön­li­cher Da­ten oder der Kom­mu­ni­ka­ti­on zwi­schen Ein­zel­nen. Das macht es den In­ter­net­kon­zer­nen leicht sich als Schüt­zer der von ih­nen ge­hor­te­ten Da­ten dar­zu­stel­len. Kaum ei­ner kann mit den hoch­ska­lier­ten Si­cher­heits­maß­nah­men und -Stan­dards der gro­ßen Platt­for­men noch kon­kur­rie­ren, kaum je­mand kann so viel Geld und Res­sour­cen zur si­che­ren Ver­wah­rung von Be­nut­zer­da­ten auf­wen­den. Was im Üb­ri­gen auch er­klärt, war­um Face­book und Goog­le (oder auch Ap­ple) neu­er­dings im­mer lau­ter nach Re­gu­lie­rung und stren­ge­ren Da­ten­schutz­richt­li­ni­en ru­fen: das hält die her­an­wach­sen­de Kon­kur­renz auf Di­stanz und öff­net den Gro­ßen ei­nen Wett­be­werbs­vor­teil.

Aus der Re­gu­lie­rungs­per­spek­ti­ve, zu­min­dest nach dem alt­her­ge­brach­ten Be­griff der Pri­vat­sphä­re, ist der Da­ten­schutz der gro­ßen Kon­zer­ne grund­sätz­lich in Ord­nung — sie schüt­zen die Da­ten vor Fremd­zu­grif­fen und vor Of­fen­le­gung. Al­ler­dings ist die grund­sätz­li­che Fra­ge, die wir stel­len müs­sen, eben nicht ob die Da­ten si­cher ge­la­gert sind, son­dern war­um auf ein­mal über­haupt so un­glaub­lich vie­le schüt­zens­wer­te Da­ten da sind.

Wäre Goog­le ein Dra­che und Be­nut­zer­da­ten Gold, soll­te uns nicht vor­ran­gig in­ter­es­sie­ren wie und ob der hor­ten­de Dra­che die Gold­hal­de schützt, son­dern war­um er so ei­nen rie­si­gen Ap­pe­tit hat.

Um die Sam­mel­wut und die öko­no­mi­schen Grund­la­gen des Über­wa­chungs-Ka­pi­ta­lis­mus bes­ser zu ver­ste­hen, schlägt Ce­głow­ski ei­nen Ar­beits­be­griff vor: Um­ge­bungs­pri­vat­sphä­re (am­bi­ent pri­va­cy).

Um­ge­bungs­pri­vat­sphä­re be­schreibt un­se­re all­täg­li­chen In­ter­ak­tio­nen mit­ein­an­der, die klei­nen De­tails un­se­res All­tags, die bis­her ein­fach ver­ges­sen wur­den, sich in Luft auf­lös­ten und eben nicht in je­dem De­tail auf­ge­zeich­net wur­den. Jetzt wo sich gro­ße Tei­le un­se­res ana­lo­gen Fleisch­le­bens di­gi­ta­li­sie­ren, kleins­te In­ter­ak­tio­nen spei­cher­bar wer­den — und hem­mungs­los und dau­er­haft ge­spei­chert wer­den — ver­än­dert sich die Lage. Au­to­ri­tä­re Staa­ten wie Chi­na oder Sau­di-Ara­bi­en ha­ben den Wert die­ser Auf­zeich­nun­gen er­kannt und nut­zen sie zur so­zia­len Kon­trol­le, in der west­li­chen Welt wer­den sie ge­nutzt um ver­kack­te Wer­bung aus­zu­spie­len.

Ent­sch­ei­dend ist: die gro­ßen In­ter­net­un­ter­neh­men ha­ben den Wert die­ser Da­ten er­kannt, wir als Ge­sell­schaft und Ein­zel­ne hin­ken mit dem Ver­ständ­nis der Reich­wei­te, den Aus­wir­kun­gen und den Miss­brauchs­mög­lich­kei­ten die­ser Da­ten­hal­den hoff­nungs­los hin­ter­her.

Be­cau­se our laws frame pri­va­cy as an in­di­vi­du­al right, we don’t have a me­cha­nism for de­ci­ding whe­ther we want to live in a sur­veil­lan­ce so­cie­ty. Con­gress has re­main­ed si­lent on the mat­ter, with both par­ties con­tent to watch Si­li­con Val­ley make up its own ru­les. The lar­ge tech com­pa­nies point to our wil­ling use of their ser­vices as pro­of that peo­p­le don’t re­al­ly care about their pri­va­cy. But this is like ar­guing that in­ma­tes are hap­py to be in jail be­cau­se they use the pri­son li­bra­ry. Con­fron­ted with the rea­li­ty of a mo­ni­to­red world, peo­p­le make the ra­tio­nal de­cis­i­on to make the best of it.

That is not con­sent.

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