tl;dr: Es scheint ein wirk­lich gu­ter Leit­satz zu sein, kein Geld von Arsch­lö­chern an­zu­neh­men und gute Arsch­loch­de­tek­to­ren zu ha­ben.

er­in­ne­rung an mich selbst: nimm kein geld von und in­ves­tie­re nicht mit arsch­lö­chern

Das schrieb der In­ves­tor Joi Ito 2008 auf Twit­ter. In sei­ner Funk­ti­on als Lei­ter des MIT Me­dia Lab nahm er spä­ter dann doch Geld für das MIT Me­dia Lab von min­des­tens ei­nem Arsch­loch, näm­lich vom da­mals be­reits (recht mil­de) rechts­kräf­tig ver­ur­teil­ten Se­xu­al­straf­tä­ter Jef­frey Epstein.

Als die Spen­den Epsteins ans Me­dia Lab be­kannt wur­den und Ito eine Ent­schul­di­gung ver­öf­fent­lich­te, wa­ckel­te sein Stuhl als Lei­ter des Me­dia Labs be­reits ge­hö­rig, wes­halb Freun­de von Ito eine Un­ter­stüt­zer­lis­te ver­öf­fent­lich­ten, de­ren Un­ter­zeich­ner for­der­ten: „Plea­se do not step asi­de.“

Kurz da­nach ver­öf­fent­lich­te Ro­nan Far­row im New Yor­ker ei­nen Ar­ti­kel, der auf­zeig­te, dass das MIT und Ito Epsteins Spen­den ver­tuscht ha­ben sol­len, wor­auf­hin Joi Ito zu­rück­trat und die Un­ter­stüt­zer­lis­te ge­löscht wur­de.

Weil das In­ter­net manch­mal doch nicht ver­gisst und nicht alle Leu­te im Netz im­mer dif­fe­ren­zie­ren, gab es An­lass zur Häme. So nann­te der von mir ge­schätz­te Maciej Ce­głow­ski die Un­ter­schrif­ten­lis­te eine frei­wil­lig aus­ge­füll­te Lis­te der größ­ten Arsch­lö­cher aus dem Tech­no­lo­gie­be­reich.

Auf die Lis­te hat­te sich auch Law­rence Les­sig ein­ge­tra­gen, der mit Joi Ito be­freun­det ist. Les­sig mag ich ei­gent­lich sehr ger­ne, er hat nicht nur jah­re­lang wich­ti­ge An­stö­ße im Ur­he­ber­recht ge­lie­fert, son­dern auch mei­ne Art, Vor­trä­ge zu hal­ten, in­spi­riert. Im oben ge­nann­ten Twit­ter­strang fand ich dann auch ei­nen Link auf die­sen Recht­fer­ti­gungs­text von Les­sig, den er ei­nen Tag nach Itos Rück­tritt schrieb und ver­öf­fent­lich­te.

Der Text ist sehr lang, aber ich möch­te ihn aus meh­re­ren Grün­den zur Lek­tü­re emp­feh­len. Der Text zeigt näm­lich gleich­zei­tig die Macht und die Macht­lo­sig­keit der Dif­fe­ren­zie­rung und dass al­les, wirk­lich al­les, noch viel kom­pli­zier­ter ist als wir uns das vor­stel­len. Les­sig gibt im Text ei­ge­ne Feh­ler zu, weist auf Feh­ler Itos hin und dif­fe­ren­ziert die in­sti­tu­tio­nel­len Pro­ble­me, die sich aus spen­den­fi­nan­zier­ter For­schung er­ge­ben. Vor al­lem aber il­lus­triert Les­sig noch mal ein­drück­lich das Per­fi­de des se­xu­el­len Miss­brauchs aus Macht­po­si­tio­nen her­aus, als er in ei­nem Ne­ben­satz auf sei­ne ei­ge­nen Miss­brauchs­er­fah­run­gen als Chor­kna­be linkt. Auch wenn der Text im ny­mag.com über den „Chor­kna­ben“ Law­rence Les­sig lan­ge vor #me­too ent­stan­den ist, macht der Text das schlei­chen­de Gift von Miss­brauch schmerz­haft deut­lich, nicht nur weil sich die Tä­ter frü­her (und heu­te wei­ter­hin) fast im­mer durch Be­zie­hungs­ge­flech­te und in­sti­tu­tio­nel­le Ver­tu­schung ge­schützt füh­len kön­nen, son­dern auch, weil die­se Art von Macht- und Be­zie­hungs­miss­brauch die Op­fer in un­lös­ba­re Kon­flik­te stürzt.

Durch den ak­tu­el­len Text von und den 2008er Text über Les­sig fühl­te ich mich ge­zwun­gen, Ab­stand von ein­fa­chen, be­que­men Ur­tei­len zu neh­men. Auch wenn es ein­fach scheint, Ito als kor­rum­pier­tes Arsch­loch und Pä­do­phi­len-Freund zu se­hen und Les­sig als ei­nes der 250 größ­ten Arsch­lö­cher der Tech­no­lo­gie­sze­ne, scheint die Rea­li­tät bei dif­fe­ren­zier­tem Licht eben doch kom­ple­xer.

Und trotz­dem, trotz Les­sigs rhe­to­ri­scher Bril­lanz, all den Dif­fe­ren­zie­rungs­be­mü­hun­gen, hat Les­sigs Text nicht ganz funk­tio­niert und ei­ni­ges an Ge­gen­wind er­zeugt. Und das wie­der­um ar­bei­ten Chris Kö­ver und Alex­an­der Fan­ta in die­sem Ar­ti­kel und (re­la­tiv) kur­zem Ge­spräch mit Les­sig über Ito und sei­nen Text (ab ca. 10'10") noch mal raus.

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