Dem, was Nico Brün­jes hier über die dä­ni­sche Fern­seh­se­rie Rag­na­r­ök schreibt, möch­te ich nicht wi­der­spre­chen:

Nor­di­sche My­tho­lo­gie nach heu­te ver­pflanzt ist ja im­mer so eine Sa­che, aber das ty­pisch ru­hi­ge dä­ni­sche Kon­zept und die haupt­säch­lich nor­we­gi­schen Schau­spie­ler, so­wie die fan­tas­ti­sche Aus­stat­tung ma­chen ei­nen gu­ten Job. Die Sto­ry hat mir in­so­fern gut ge­fal­len, dass sie mich aus­ge­spro­chen amü­siert und ge­kurz­weilt hat.

Aber weil er sich so kurz fasst, dass sei­ne Kurz­kri­tik ei­gent­lich gar nicht pi­q­bar ist, möch­te ich ihn er­gän­zen und vor al­lem der Fra­ge nach­ge­hen, war­um Nor­di­sche My­tho­lo­gie in der Pop­kul­tur „so eine Sa­che“ ist.

Eine der mög­li­chen Ant­wor­ten lau­tet wohl, dass Hol­ly­wood, vor al­lem Dis­ney/Mar­vel, Nor­di­sche (und an­de­re) My­tho­lo­gien durch Ver­kit­schung, Ame­ri­ka­ni­sie­rung und bru­ta­le Tri­via­li­sie­rung völ­lig ent­zau­bert und leert. Die zwei Co­mic­ver­fil­mun­gen von Thor und spä­te­re Fort­füh­rung der Fi­gu­ren in Mar­vels fil­mi­schem Uni­ver­sum sind zwar auf ihre Art auch kurz­wei­lig und amü­sant, aber eben auch bom­bas­tisch auf­ge­bla­se­ne Tri­via­li­täts-Feu­er­wer­ke. Schaut man sich sol­che Fil­me an, bleibt au­ßer dem Ge­fühl, ein biss­chen un­ter­hal­ten wor­den zu sein, so gut wie nichts hän­gen. Mit der Sub­ti­li­tät und dem Zau­ber von Mär­chen und My­then, de­ren Bil­der ei­nem oft noch ta­ge­lang nach­hän­gen, ha­ben Hol­ly­wood-Pro­duk­tio­nen, die sich aus dem Fun­dus der al­ten Er­zäh­lun­gen frei­zü­gig be­die­nen, nichts mehr ge­mein.

Dazu kommt, dass Hol­ly­wood sich nicht nur aus dem Ge­mein­gut der Mär­chen und My­then be­dient und die­se dann auf sei­ne Art tri­via­li­si­ert und ba­g­ate­li­si­ert, son­dern den mit Stars ge­spick­ten, auf­ge­bläh­ten Kitsch dann auch noch zur Ka­pi­tal­ex­trak­ti­on als so­ge­nann­tes geis­ti­ges Ei­gen­tum um­deu­tet.

Der Kon­trast der dä­ni­sche Fern­seh­se­rie Rag­na­r­ök zu die­ser Art von Hol­ly­wood­pro­duk­tio­nen ist sehr wohl­tu­end. Rag­na­r­ök han­delt nicht von ab­ge­ho­be­nen, su­per­hel­di­gen Göt­tern, die in ei­nem kit­schi­gen, cin­de­r­el­la-ar­ti­gen As­gard rum­tur­nen, son­dern von All­tags­kon­flik­ten, Lie­be, Freund­schaft und Zwei­feln die im­mer nach­voll­zieh­bar und ge­er­det aus der All­tags­per­spek­ti­ve ei­nes nor­we­gi­schen Dor­fes er­zählt wer­den. Auch wenn man Zeu­ge von Su­per­kräf­ten und Über­men­schen­tum wird, ver­liert man nie die ge­fühl­te Nähe und Ver­traut­heit zum im­mer wie­der selbst­zwei­feln­den und ver­zwei­feln­den Hel­den.

Rag­na­r­ök wirkt auf den ers­ten Blick fast wie ein Kam­mer­spiel oder eine High­school-Se­rie und auch das wirkt wohl­tu­end ge­er­det, bzw. schafft es im Ge­gen­teil zu den Hol­ly­woodschin­ken viel bes­ser, Aspek­te der nor­di­schen My­tho­lo­gie in ei­nen ak­tu­el­len, nach­voll­zieh­ba­ren Kon­text zu stel­len — ohne al­les zu über­gei­gen oder schön­zu­pu­dern.

Die wirk­lich in­ter­es­san­ten Hel­den­ge­schich­ten und My­then er­zäh­len von nor­ma­len Men­schen, mit de­nen wir uns in ir­gend­ei­ner Form iden­ti­fi­zie­ren und mit­füh­len kön­nen. Hän­sel und Gre­tel, Aschen­put­tel, Rot­käpp­chen schei­tern am All­tag und der Ge­sell­schaft, um am Ende doch ir­gend­wie zu sie­gen – des­halb kann man sich nor­ma­ler­wei­se so gut mit die­sen Fi­gu­ren iden­ti­fi­zie­ren und mit­füh­len. Die Fi­gu­ren aus Hol­ly­woodschin­ken, die sich aus der My­tho­lo­gie be­die­nen, schaf­fen es bes­ten­falls, dass man ihre Hel­den un­ter­halt­sam, sym­pa­thisch, doof oder böse fin­det.

Ein wei­te­rer Kon­trast, der mir nach dem Rag­na­r­ök-Gu­cken auf­fiel: wie der Tod oder das Tö­ten dar­ge­stellt wird. Wäh­rend das Tö­ten in Hol­ly­wood­fil­men meist ju­gend­frei, sau­ber und ohne wei­te­re Kon­se­quen­zen – oft so­gar ganz ohne Lei­chen – statt­fin­det, zeigt Rag­na­r­ök, dass so­gar das Tö­ten von Mons­tern im All­tag erns­te Kon­se­quen­zen ha­ben kann und dass je­mand, der sich zum Hel­den be­ru­fen fühlt, aus an­de­rer Per­spek­ti­ve auch als Wahn­sin­ni­ger ge­se­hen wer­den kann und wird.

Rag­na­r­ök läuft auf Net­flix.

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