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SFO looks a bit like TXL once looked.
»Ich wäre Ihnen einfach dankbar, wenn Sie Ihrem Kind bessere Beleidigungen beibringen würden. Eine gute Beleidigung erfordert Vorbereitung und Beschäftigung mit dem Sujet. Es ist gewissermaßen eine Wertschätzung. Und fetter Sack ist einfach keine gute Beleidigung. Die zielt ausschließlich auf Äußerlichkeiten ab. Ist mir auch zu unpersönlich. Da wird noch nicht mal erwähnt, dass ich auch stinke! Sie können sich ja melden. Sobald Ihnen etwas einfällt. Sie wissen ja, wie Sie mich erreichen können. Gute Nacht!«
Wenn dagegen auch alte Leute unbesorgt durch den Schnee radeln wie in Oulu, weiß man: Wir sind auf dem richtigen Weg. Und den bei Weitem höchsten Radfahreranteil haben Kinder, die das ganze Jahr auf zwei Rädern zur Schule kommen, auch bei minus 30 Grad – ganz selbstverständlich ohne Eltern. So gewöhnen sie sich an einen gesunden, unabhängigen Lebensweg.
Auf der Website der Stadt kann man in Echtzeit sehen, welche Wege die Schneepflüge zuletzt geräumt oder gestreut haben. Die Stadt hat drei verschiedene Klassen von Rad- und Fußwegen festgelegt und garantiert dafür eine bestimmte Qualität im Winterdienst.
ich habe mich kürzlich gefragt, was das über eine stadt aussagt, die sich im winter, bei schnee, eis und glätte nur um die strassen kümmern will. die nachrichten sprachen in der vorletzten woche davon, dass die notaufnahmen voller menschen mit gebrochenen knochen waren — weil die gehwege nicht ausreichend geräumt waren.
in deustchland ist den städten das wohl der menschen im winter offenbar egal, ausser sie fahren auto. für diese menschen, bzw. den winterdienst für strassen, stehen in berlin um die 60 bis 70 millionen euro zur verfügung. die reinigung der gehwege schiebt der senat, wie die meisten deutschen städte, auf die hauseigentümer ab — was ganz offensichtlich nicht funktioniert. radwege scheinen auch nicht mit priorität geräumt zu werden, der fokus liegt klar darauf autos freie und sichere fahrt zu verschaffen.
fahrradfahrer und fussgänger müssen mit ausreden und ausflüchten vorlieb nehmen, statt sich bei schnee und eis sicher fortbewegen zu können.
selbst die simple idee, kindern jederzeit einen sicheren schulweg zur verfügung zu stellen, den sie mit dem fahrrad, zu fuss bei jeder witterung nutzen können scheint den meisten menschen ein absurdes ansinnen zu sein. geld für solche ansinnen will niemand investieren — kinderschutzmassnahmen die etwas kosten schaffen es selten in politkerreden oder schlagzeilen, ganz anders als massnahmen die nichts kosten. und bei autos sieht das sowieso ganz anders aus. dafür scheint immer geld da zu sein.
Müntefering war fast alles: Stadtrat, SPD-Generalsekretär, Fraktionsvorsitzender, Verkehrsminister, Sozialminister, SPD-Parteivorsitzender, Präsident des Arbeiter-Samariter-Bundes, Vorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisation.
Er war sicher flexibel und taktisch versiert, sonst hätte er es nicht fast ganz bis an die Spitze geschafft. Auch beherrschte er die alte SPD-Folklore: von „Glück auf!“ bis zu den Heuschrecken. Aber er konnte stehen, standhalten. War ohne Ansehen der Person loyal: gegenüber Gerhard Schröder, gegenüber Angela Merkel, die ihm beide fremd waren. Ein Partei- wie ein Staatsdiener.
ich wundere mich immer wie menschen wie franz müntefering (oder jochen vogel oder helmut schmidt) entstanden sind. dieses pflichtbewusstsein und dieses kompromisslose staatsdienerische. sich ohne unterlass für das allgemeinwohl einsetzen, ständig im kampfmodus um seine überzeugungen durchzusetzen.
ich war politisch nicht immer einer meinung mit dem was müntefering durchzusetzen versuchte, aber ich habe ihm immer abgenommen, dass er immer das beste für das staats- und allgemeinwohl erreichen wollte — und dass es ihm nicht darum ging, das beste für sich rauszuholen oder macht um der macht willen zu sammeln. er und einige andere politiker seiner bauart waren für mich immer eine art personifikation für den beschwerlichen und dienenden marsch durch die institutionen. keine abkürzungen, immer mit respekt vor dem demokratischen staatswesen. kein zündeln, kein hetzen gegen minderheiten um mehrheiten zu erreichen, keine maskendeals, bei denen man sich oder seine bekannten auf kosten des staates bevorteilt.
das war zumindest überwiegend mein gefühl, wenn ich franz müntefering sah, dass ich ihm gerne ein mandat geben würde und glaubte, dass er keinen schabernack damit treiben würde.
sascha lobo schreibt jetzt seit 14 jahren kolumnen im spiegel.
mir sind saschas kolumnen auf spiegel.de mittlerweile grösstenteils zu kompliziert. vielleicht brauche ich auch das eine wort, um sascha besser zu verstehen.
in der hier verlinkten kolumne führt sascha den begriff „Racket“ von max horkheimer ein, vermeintlich um — wie angekündigt — trump besser zu verstehen. das ist nicht uninteressant, aber auch wenig erhellend. dass trump ein gauner, lügner, betrüger und jemand ist, der seine macht gewissenlos zu seinem vorteil ausspielt, ahnte ich auch, bevor ich die kolumne gelesen habe.
früher hatte ich in saschas kolumnen gelegentlich diesen aha-moment oder so einen euphorie-blitz, den man bei guten texten, guten reden, filmen, serien oder anderen lebessituationen hat. man könnte vielleicht sagen saschas kolumnen sind schwer geworden, in mehrfacher hinsicht: ihnen fehlt leichtigkeit und humor, sie sind anspruchsvoller, dunkler, schlechter gelaunt als sie es einmal waren. vielleicht liegt es aber auch daran, dass sascha irgendwann aufgehört hat ans ende seiner kolumne ein tl;dr zu setzen.
das archiv von saschas kolumnen hat derzeit 39 seiten mit je 20 kolumnen. 20 kolumnen × 39 seiten = 780 kolumnen. das ist erstaunlich, weil 14 jahre ungefähr 728 wochen haben, das heißt er hat 1,07 kolumnen pro woche geschrieben. allein das nötigt natürlich respekt ab. ich kam schon aus der puste, als ich nur quartalsweise eine kolumne schreiben sollte, die gewissen qualitätsmasstäben genügt (mein t3n-archiv).