Als ich jung war, habe ich kurz in einem Pflegeberuf gearbeitet. Heute, sagt man, sei neben dem Handwerk gerade in Pflegeberufen der Fachkräftemangel besonders hoch. Ich war damals zwar keine Fachkraft, sondern Zivildienstleistender, aber rückblickend kann ich überhaupt nicht verstehen, warum die Pflegebranche unter Nachwuchsmangel leidet.
Natürlich verstehe ich im Prinzip schon, warum die Pflege- oder Gesundheitsbranche unter einem Fachkräftemangel leidet, ich lebe ja nicht unter einem Stein und kann die landläufige Erklärung leicht ergoogeln: „niedrige Bezahlung und schlechte Arbeitsbedingungen“. Schlecht bezahlte Arbeit, die unbefriedigend oder gar frustrierend ist, führt logischerweise zu wenig Interessenten. Die Pflegearbeit während meines Zivildienstes war auch nicht besonders gut bezahlt, aber ich empfand sie als enorm befriedigend. Mir hat die Arbeit so viel Spaß gemacht, dass ich zwischenzeitlich sogar Anflüge eines schlechten Gewissens bekam und lernte: Anderen zu helfen, kann sich mitunter anfühlen wie egozentrische Selbstbefriedigung.
Das Geheimnis meiner Zufriedenheit waren die Arbeitsbedingungen oder genauer, die Lebensbedingungen, denen ich während meines Zivildienstes ausgesetzt war. Das Leben in der „Lebensgemeinschaft“, in der ich meinen Zivildienst leistete, war in Familien organisiert, in denen erwachsene Behinderte mit Betreuern zusammenlebten. Ich wohnte in einem dieser Häuser und war Teil der Gemeinschaft. Morgens half ich denen, die Hilfe bei der Morgentoilette brauchten, wir frühstückten zusammen und alle gingen den Tag über arbeiten; in einer der Werkstätten, in den Häusern, im Garten oder der Landwirtschaft.
Ich hatte keine Sekunde das Gefühl, Lebenszeit zu verschwenden. Die Arbeit war äußerst sinnstiftend und machte mir so viel Spaß, dass ich nach meinem Zivildienst noch ein paar Monate weiter als Angestellter bei der Lebensgemeinschaft blieb. Aus meiner Zivildienstzeit habe ich die Erkenntnis mitgenommen, dass „vermeintlich“ unattraktive Berufe oder Tätigkeiten eine Perspektive für mich sein können. Ich konnte mir durchaus vorstellen, mein Leben so zu verbringen, wie ich es in der Lebensgemeinschaft gesehen hatte. Geblieben bin ich trotzdem nicht, weil ich jung war und erst mal noch mehr von der Welt sehen wollte.
Reisende soll man nicht nur nicht aufhalten – man kann sie auch nicht aufhalten. Aber – das wird oft übersehen – Reisende kommen ziemlich oft zurück und erzählen gerne von ihren Touren.
Was sich Arbeitgeber:innen unter Fachkräften vorstellen, ist so ziemlich das Gegenteil von Reisenden. Menschen, die am Anfang ihrer Reise stehen, gelten als unqualifiziert, Menschen, die schon ein paar Reisen auf dem Buckel haben, gelten als überqualifiziert oder als potenziell schwierig.
Wer von Fachkräftemangel redet, beklagt ja eigentlich, dass es nicht genug Menschen gibt, die ihre Ausbildung (oder Reise) exakt auf die Bedürfnisse der Arbeitgeber ausgerichtet haben, und manifestiert damit vor allem die mangelnde Fähigkeit, unterqualifizierte, überqualifizierte, fachfremde oder quereinsteigende Kräfte zu absorbieren und sich nach deren Bedürfnissen auszurichten.
Durchzug, Sog oder Attraktion werden geschaffen, indem Tür und Tor geöffnet werden, nicht nur gegenüber Reisenden, sondern auch gegenüber denen, die ihre Reisen noch planen. Die Betriebe, bei denen ich als Schüler nach Ferienjobs gefragt habe und mir sagen lassen musste, „machen wir nicht“, gehören heute möglicherweise zu den Unternehmen, die jetzt über Fachkräftemangel klagen.
Um Interesse zu wecken und Reisende anzuziehen, muss entweder etwas besonders Anziehendes, Interessantes geboten werden, sich konsequent nach den Bedürfnissen Reisender ausgerichtet oder dafür gesorgt werden, dass Durchreisende mindestens das Gefühl haben, weiterzukommen. Garantiert unbehelligt von Fremden, Reisenden, Neugierigen und letztendlich Nachwuchs bleiben alle, die darauf bestehen, alles so weiterzumachen, wie es immer gemacht wurde. Die sich gegen Wandel oder neue Strukturen sträuben und die Türen nur für die vermeintlich „genau Richtigen“ öffnen.
Frei nach Konfuzius: Gib einer Branche Fachkräfte – und der Laden läuft ein paar Jahre. Lehre eine Branche, die Bedürfnisse von Arbeitsuchenden zu erkennen und zu bedienen, und sie brummt über Generationen hinweg.