Gemeinsam ist besser als einsam

felix schwenzel, , in artikel    

Es ist leicht, sich über Konzepte wie Coworking oder Coliving lustig zu machen – so wollte ich das in dieser Kolumne eigentlich auch machen. Coworking oder Coliving wirken wie fluffige, unscharfe Marketingbegriffe für Ideen, die ungefähr so alt wie die Menschheit sind. Was ist so neu an Wohngemeinschaften oder Menschen, die Wohn- und Lebensraum aus wirtschaftlichen Gründen teilen, dass man sie umbenennen sollte? Schon in der Steinzeit zeigte sich, dass Cohunting und Coliving Vorteile bieten. Menschen haben sich immer schon in Gemeinschaften zum Leben, Arbeiten oder Schutz gemeinsamer Interessen zusammengeschlossen. Oft waren diese Gemeinschaften aus der Not oder wirtschaftlicher Notwendigkeit geboren, und manche dieser Zusammenschlüsse waren über Jahrhunderte hinweg sehr erfolgreich.

So bekannt einem das Konzept auch vorkommen mag – ist es nicht sensationell, dass es plötzlich möglich ist, sich spontan und für überschaubare Kosten einfach ein voll ausgestattetes Büro in jeder größeren Stadt zu mieten? Oder einen Konferenzraum? Dass man sich einfach in ein Auto am Straßenrand setzen und losfahren kann?

Die Privilegien, die sich früher erst genießen ließen, wenn man sich einer Gruppe anschloss, lassen sich jetzt auch von Einzelnen nutzen, ohne dass sie sich fest binden müssen. Der Fortschritt erlaubt plötzlich Einzelgängern, beides zu haben: die Vorteile der Selbstständigkeit und gleichzeitig die von geschlossenen Gruppen.

Auf t3n.de weiterlesen, meine andern t3n-kolumnen.

die waschmaschine ist fertig!

felix schwenzel, , in artikel    

früher sass ich manchmal stundenlang vor der waschmaschine und beobachtete den waschvorgang durch das bullauge. jetzt sitze ich manchmal stundenlang vor dem monitor und beobachte den waschvorgang durch die daten eines strommessgeräts.

gemessener waschgang

(das ist die fortsetzung von „stromverbrauch messen“)

auf dem bild sieht man die gesammelten daten der 14 euro teuren revolt SF-436 (NC-5461) strommessfunksteckdose während einer 60°-wäsche. der waschvorgang dauerte 70 minuten, begann mit ein bisschen gerödel, wahrscheinlich der pumpe, und einer 13-minütigen aufheizphase die stolze verbrauchswerte um die zwei kW zeigt. darauf folgen drei oder vier waschvorgänge, abpumpen und schleudern. nach 70 minuten ist die wäsche fertig. was man auch (schlecht) sieht: eine wäsche verbraucht in etwa 0,48 kWh, was in etwa 12 cent entspricht (siehe auch).

dieses verbrauchsprofil eignet sich prima um daraus eine anzeige von waschaktivität und eine benachrichtigung nach dem waschvorgang per home-assistant (oder anderen heimautomatisierungssystemen) zu generieren. denn auch wenn die waschmaschine im standbymodus geringe strommengen zieht, zeigt das messgerät null watt an. der waschvorgang-sensor kann also mit dem ersten anstieg des verbrauchswerts ausgelöst werden. während des waschvorgangs fällt der verbrauch gelegentlich wieder zurück auf null watt, allerdings nie länger als zwei minuten. also löst der sensor für „waschmaschine ist fertig!“ aus, wenn der verbrauch mindestens vier minuten auf null ist. das scheint ziemlich zuverlässig zu funktionieren, vor allem implizit, also ohne dass man mehr als die start-taste der waschmaschine drücken müsste. wenn die wäsche fertig ist, werden wir benachrichtigt.

ich hatte mir das eigentlich komplizierter vorgestellt, als ich vor monaten im internet las, dass eine stromverbrauchsmessung an der waschmaschine eher ungenaue werte für eine benachrichtigungsfunktion liefert. deshalb hatte ich überlegt einen reed-sensor in die tür einzubauen oder den zustand der waschmaschineneigenen „fertig“-LED auszulesen oder abzugreifen. selbst einen rüttelsensor hatte ich in betracht gezogen.

umgesetzt ist das alles mit drei komponenten. der strommessfunksteckdose, dem rfxtrx-funkempfänger und decoder und dem home-assistant, der für die einbindung der dose als sensor die pyRFXtrx-bibliothek benutzt. nachdem ich durch ein firmwareupdate dem rfxtrx das entsprechende protokoll beigebracht hatte, fehlte das entsprechende protokoll aber leider in der pyRFXtrx-bibliothek. der pfleger der bibliothe wies mich, auf meine frage ob man das nachrüsten könne, freundlich drauf hin, dass ich das selber machen könne.

tatsächlich war das dann weniger kompliziert als zuerst gedacht. die pakete die der rfxtrx in einen bytestring decodiert waren bereits in dieser bibliothek entschlüsselt und ich musste das nur noch für die python-bibliothek umformulieren. also habe ich einen pull-request gestellt und den code per github erweitert.

bei der gelegenheit muss ich auch mal, ganz allgemein, open source software und open-source-werkzeuge loben. versionsverwaltungssysteme, in diesem fall git, bzw. github sind immer noch kompliziert komplex und gewöhnungsbedürftig, aber mit der weboberfläsche von github auch ganz schön toll. wenn man erstmal hinter die kryptischen begriffe und konzepte wie commit, pull request oder das konzept von automatisierten tests gestiegen ist, macht das hinzufügen von teilen zu einem komplexen softwareprojekt genausoviel spass wie das lösen eines kreuzworträtsels. der gewinn, wenn man das rätsels gelöst hat, ist zusätzliche funktionalität für einen selbst und andere. jedenfalls habe ich nun auch einen winzigen teil zur weiterentwicklung des home assistant beigetragen.

jeder der den home-assistant und einen rfxtrx betreibt, kann jetzt für 14 euro einen strommesssensor zu seinem system hinzufügen. die benachrichtigungsfunktion im home assistant habe ich so gebaut, wie @rpitera das vorgeschlagen hat.


# input boolean
input_boolean:
  waschmaschine_status:
    name: Status Waschmaschine
    initial: off
# sensor
sensor:
  platform: template
    washer_pwrdn:
    value_template: "{{ states('sensor.revolt_1_watt') | int < 3.4 }}" # automation start automation:   - alias: 'Waschmaschine Start'     trigger:       platform: state       entity_id: sensor.washer_pwrdn       from: 'True'       to: 'False'     action:       service: input_boolean.turn_on       entity_id: input_boolean.waschmaschine_status # automation fertig   - alias: 'Waschmaschine fertig'     trigger:       platform: state       entity_id: sensor.washer_pwrdn         from: 'False'         to: 'True'         for:           minutes: 4     condition:       condition: state       entity_id: input_boolean.waschmaschine_status       state: 'on'     action:       - service: notify.notify           data:           message: 'Waschmaschine ist fertig!'       - service: shell_command.play_bike_horn       - service: input_boolean.turn_off           entity_id: input_boolean.waschmaschine_status

jetzt will ich natürlich mehr von diesen funkstrommessdingern haben, eines um zu messen was unser serverpark verbraucht, in dem der home-assistant, plex, diverse festplatten auf einem mac-mini, der dsl-router, die fritz-telefonanlage, sensoren, hubs und brücken (hue, tado) laufen. für die spülmaschine wäre das eventuell auch nett, aber da hätte ich gerne zusätzlich zur benachrichtigung eine (oder mehrere) rote LED, die die den betrieb visuell anzeigt.

* * *

am ende nochmal werbung. den revolt funkstrommesser kann man bei pearl kaufen oder bei [-werbelink] amazon. bei amazon schwanken die preise heftig, ich habe ihn dort versandkostenfrei (per prime) für 14 euro (so viel wie bei pearl) gekauft, derzeit kostet er bei anmazon knapp 17 euro. geliefert wird er in beiden fällen direkt von pearl. wenn man direkt bei pearl bestellt, muss man allerdings eventuell noch versandkosten bezahlen.

100 jahre hausautomatisierung

felix schwenzel, in artikel    

die optimale hausautomatisierung ist implizit oder gestengesteuert. das grundprinzip ist wahrscheinlich um die 100 jahr alt und in jedem kühlschrank verbaut: wenn ich die türe öffne, geht das licht an, schliesse ich die türe geht’s aus. eigenartig, dass sich dieses prinzip nur für kühlschränke durchgesetzt hat. alle anderen schränke blieben bei öffnung mehr oder weniger dunkel, bis ikea die striberg leuchte auf den markt brachte. die kann man in pax- oder anderen schränken anbringen, so dass der schrank wie ein kühlschrank funktionieren — minus der kühlung.

auch für zimmer hat sich das prinzip bisher kaum durchgesetzt. um ein zimmer zu beleuchten muss man in der regel nicht nur die tür öffnen, sondern auch noch einen schalter betätigen.

wie sehr die haustechnik den eigentlichen bedürfnissen der menschen hinterher ist, zeigt dieser uralte witz:

— wo warst du denn?
— auf dem klo. irre. ich bin zum klo, hab die tür aufgemacht und das licht ging automatisch an! automatisch!
— ach hermann, hast du wieder in den kühlschrank gepinkelt?

(sorry)

* * *

ich habe bei uns in der wohnung mittlerweile in fast jedem raum bewegungsmelder angebracht. im flur geht (auch tagsüber) ein nachtlicht an — und bleibt so lange an, wie jemand dort ist. in der küche geht die arbeitsplattenbeleuchtung an. auf dem klo und nachts im wohnzimmer geht ebenfalls ein nachtlicht an. meine letzte grosstat war die beleuchtungsmässige aufrüstung der speisekammer zum kühlschrank. wenn die tür aufgeht, geht das licht an und 30 sekunden später wieder aus. ausser jemand bewegt sich in der kammer, dann bleibt’s an.

das bewegungsdetektieren funktioniert seit monaten zuverlässig, ausser wenn das wlan zickt. aber wenn die bewegungsmelder ausfallen sollten, gibt es als notbehelf immer noch in jedem zimmer funktionierende lichtschalter.

natürlich zählen auch wasch- oder spülmaschinen zur heimautomatisierung: schmutzige sachen rein, knopf drücken, ein, zwei stunden später saubere sachen wieder rausholen. ebenso ein klassiker der hausautomatisierung: der türsummer. dank türsummern muss ich (oder mein diener) nicht mehr runter zur haustür laufen, um sie zu öffnen (auch wenn das genaugenommen eine fernbedienung ist und keine automatisierung).

aber ganz besonders mag ich implizite automatisierungen. mein telefon fängt eine tonaufnahme an, wenn ich es im chatmodus ans ohr halte — oder es spielt eine empfangene tonaufnahme ab, wenn ich’s ans ohr halte. es gibt autos, die öffnen den kofferraum wenn ich den schlüssel in der tasche habe und einen tritt unter die stossstange andeute. manche autos öffnen die verriegelung, wenn ich mich mit dem schlüssel in der tasche nähere. im coffeemamas hat man mir eine grosse melange gemacht, wenn ich vor 10 jahren den laden betrat — ohne dass ich ein wort sagen musste. bei real öffnen sich die türen, wenn ich den laden betrete.

* * *

gestern auf dem weg nachhause hatte ich eine idee, wie ich den kaputten dash-button durch eine implizite geste ersetzen könnte. bisher mussten wir den dash button, einen button in der home-app drücken oder mit siri kämpfen, damit der ventilator nach einem grossen geschäft anging. beim duschen geht er, dank luftfeuchtigkeitssensor, alleine an. jetzt habe ich eben ausprobiert einen bewegungsmelder hinter dem klo zu positionieren, der auf die klobürste blickt. beim kleinen geschäft schlägt der bewegungsmelder nicht aus. beim grossen, wenn man wie vorgesehen, kurz mit der klobürste wischt, geht die lüftung an. das finde ich ungefähr zweitausend mal besser als einen knopf zu drücken.

ausserdem neu: wenn die firetv-fernbedienung gedrückt wird, schaltet sich automatisch der fernseher und der verstärker ein. der verstärker wählt ausserem den richtigen eingabekanal.

* * *

was ich eigentlich sagen möchte: ich glaube die zukunft der hausautomatisierung ist nicht sprache, sondern implizite, subtile automatisierung. ich will nicht ausschliessen, dass ich hier zu sehr von meinem befindlichkeiten ausgehe und die verallgemeinere, aber ich bin sicher, dass ich nicht der einzige bin, der jedem navigationsgerät zuerst das sprechen verbietet. ich möchte in meinem stammkaffee nicht jeden morgen das gleiche bestellen, sondern das was ich ohnehin jeden morgen zu mir nehme still serviert bekommen. sinnvolle automatisierung sollte lernen können, muster in meinem (und anderer) verhalten erkennen. wie ein guter butler.

wenn ich schon sprechen muss, möchte ich das implizite botschaften erkannt werden und sie nicht explizit ausführen müssen.

siri, es stinkt

runter vom eis

felix schwenzel, , in artikel    

so dürfte es momentan relativ vielen menschen gehen. was mir derzeit aber wirklich sorge bereitet: ich möchte am liebsten vom verlauf der weltgeschichte allein gelassen werden. eigentlich geht mir das seit der wahl von trump so. ich habe das gefühl, die welt richtet sich mehr und mehr darauf aus, mich zu provozieren, mich aufzuregen, als sei der kampf um meine (und aller anderen) aufmerksamkeit plötzlich die parole des jahres. trump provoziert durch versprechen, ankündigungen und seit ein bis zwei wochen durch dekrete, damit sich alle welt aufregt und ein paar seiner anhänger sich freuen. die trumpschen aufregungswellen werden verstärkt durchs medienecho und weil medien mittlerweile überall sind, nicht mehr nur im fernseher, radio oder auf papier, sondern auch an den plätzen an denen ich freunde sehe und treffe, vibriert alles.

ich bin aber müde geworden und mag nicht mehr über jedes aufregungsstöckchen springen, das mir in den weg gehalten wird, oder das nach mir ausschlägt. einmal aus prinzip, bzw. der mir eigenen reaktanz: wenn alle sich aufregen, mag ich mich allein deshalb nicht aufregen, weil es ohnehin schon alle tun. dann aber auch aus kalkül: wer ist dieser trump, dass er die themen vorgeben können soll, über die ich mich derzeit echauffiere, die probleme über die ich nachdenke oder über die ich diskutiere?

nur weil ein aufmerksamkeitsgestörter narziss gerade politiker spielt und den eindruck zu erwecken versucht, er habe uneingeschränkte macht und durchsetzungskraft, soll ich mir jetzt gedanken um innere sicherheit machen?

das ärgerliche ist: ich mache es, ich verspüre das bedürfnis mitzudiskutieren, falschwahrnehmungen zu korrigieren, andere von ihren überzeugungen abzubringen. ein amerikanischer freund von mir, den ich lange aus den augen verloren habe und mit dem ich jetzt dank facebook wieder in kontakt stehe, schrieb vorgestern, dass er blumen gekauft habe und mit diesen blumen in eine moschee gegangen sei, einfach nur um ein zeichen zu sezten und solidarität und gemeinsinn zu zeigen.

gestern vermerkte er, dass in seattle eine moschee in flammen aufgegangen sei, kurz nach der unterzeichnung der einreisestopp-dekrete. unter dem artikel entspann sich eine diskussion über die potenzielle kriminalität von muslimen und ob sie die moschee nicht auch selbst angezündet haben könnten. in meinem kopf brodelte es und ich formulierte eine antwort an einen der diskussionsteilnehmer (mit dem ich ebenfalls ein jahr gemeinsam zur schule gegangen bin):

here’s a thought. if you think about patterns you’ll find plenty of patterns that endanger american lives and kill thousands of people a year. there’s one very obvious pattern that kills 30 to 40 thousands americans a year. it’s traffic. if you really care about making american cities safe “again” why not ban cars? why not ban tobacco, firearms, which kill even more americans a year than traffic?

the answer is probably that more safety means less freedom and opportunity. eliminating risk also eliminates freedom. society always strives to balance this in reasonable ways. eliminating some risk, without taking away to much freedom or opportunity. it’s always been a process, aiming to find a reasonable middle ground.

my guess is, what trump is trying to achive is not about a safer country, saving american lives or safety at all, it’s about blame. putting the blame to others, blaming people that look different, have the “wrong” faith or skin color. it’s about dividing the country and the people into “us” and “them” stirring up hate, creating chaos. it’s about eliminating the process of finding a reasonable middle ground, which i believe is the heart of democracy. democracy is not so much about the will or rule of the people (which might quickly lead to mob mentality), it’s about balance; balance of power, balance of interests and rule of law, justice and reason. trump is working hard to make all of that disapear, while giving you the illusion of safety.

ich habe diesen kommentar aber nicht abgeschickt, weil ich keine weitere lust auf folgediskussionen habe.

ich mag sportliche diskussionen, die auseinandersetzung mit anderen argumenten und ich führe die auch oft so weit, dass ich am ende der einzige bin der weiterdiskutieren möchte. ich bin extrem fasziniert von tyler cowens idee um eigene filterblasen zu durchbrechen: er schlug vor ein paar tagen vor, das es nicht reiche andere meinungen zu lesen, sondern dass man sich eigentlich, zeitweilig, die schuhe der anderen anziehen müsse und aktiv argumente der gegenseite sammeln und gegen seine eigenen überzeugungen ausformulieren solle.

Keep a diary, write a blog, or set up a separate and anonymous Twitter account. And through that medium, write occasional material in support of views you don’t agree with. Try to make them sound as persuasive as possible. If need be, to keep your own sense of internal balance, write a dialogue between opposing views, just as Plato and David Hume did in some of their very best philosophical works.

um die (vermeintlich) andere seite zu verstehen, sollte man lernen wie sie zu denken. es geht nicht um immunisierung gegen andere überzeugungen oder ansichten, sondern um verständnis, durchdringung.

wie gesagt, als übung, als intellektuelle strategie finde ich das faszinierend und richtig. aber meine reaktanz setzt ein, sobald ich das gefühl habe, dass ich provoziert werde, dass jemand mit mir spielt und mich gezielt aufs eis führt. auf dem eis stehend mag ich dann alles richtig machen, stechende argumente hervorbringen, vielleicht sogar das gefühl haben, die andere seite in einzelnen aspekten überzeugt oder geöffnet zu haben. aber ich stehe auf dem eis, auf das mich jemand gezielt geführt hat. und genau da werde ich bockig. ich diskutiere gerne, aber den ort, die themen, die regeln möchte ich mir nicht vorgeben lassen von einem kränkbaren irren mit orangenen haaren, der auf anstand, regeln und würde scheisst.

* * *

trump ist nicht zu schlagen, wenn wir nach seinen regeln spielen, wenn wir auf seine aktionen lediglich reaagieren. das was rechte in diesem land immer wieder erzählen, die mär einer gleichegeschalteten presse, die zentral gesteuert stimmung mache, hat trump absurderweise auf gewisse weise weltweit geschafft: die presse, unsere diskussionen, unsere sorgen, wir, sind gleichgeschaltet — auf trump. statt über politik und lösungen, reden wir über seine politik, seine absurden lösungsvorschläge und seine provokative symbolpolitik. er zieht alle aufmerksamkeit auf sich. er hat uns alle im intellektuellen schwitzkasten. unsere waffen sind stumpf, weil er die regeln diktiert, weil er und seine anhänger es schaffen, uns zum diskutieren aufs eis zu ziehen und die regeln des spiels zu kontrollieren.

* * *

ich will nicht ausschliessen, dass das was ich hier schreibe nichts weiter als eine rechtfertigung meines eskapismus ist, eine erklärung dafür, dass ich mir seit monaten die augen, die ohren und den mund zuhalte. vielleicht ist mein unbehagen der versuch die kognitiven dissonanzen ausklingen zu lassen und endlich wieder zu klarem denken zu kommen. klar ist aber so oder so, dass wir am grossen bild zeichnen müssen, an unserem bild, welche gesellschaft wir uns wünschen. wir sollten nicht am trumptower rütteln, sondern bessere buden bauen. wir sollten trump nicht ignorieren, sondern mehr aufmerksamkeit auf alternativen lenken, praktisch und intellektuell.

ich bin auch nicht zufrieden mit dem derzeitigen „Verlauf der Weltgeschichte“, ich bin desillusioniert und erstaunt und sehr, sehr müde. aber ich werde mich sammeln. wir werden uns sammeln.

altkundenverarschung

felix schwenzel, , in artikel    

schöne musik haben sie bei 1und1 in der warteschleife wirklich. nach 10 minuten musik, meldet sich jemand der mich fortan herr wenzel nennt und sein mikrofon offenbar vor dem nasenloch montiert hat. ich höre jeden einzelnen atemzug und, das bilde ich mir zumindest ein, auch verdauungsgeräusche.

ich erzähle, dass ich gestern bei meiner schwiegermutter gewesen sei und updates für ihren rechner über mein handy runtergeladen hätte, weil das DSL so lächerlich langsam gewesen sei. sie hat einen „1&1 Doppel-Flat 6.000“-vertrag für den sie jeden monat 30 euro zahlt, und von dessen 6 mbit/s an der fritzbox gerade mal 2,3 mbit/s ankommen. das ist die geschwindigkeit, mit der andere DSL-anbieter ihre kunden bestrafen, wenn sie ihr download-kontingent erschöpft haben.

also frage ich nach möglichkeiten den vertrag in einen normal nutzbaren anschluss umzuwandeln. leider macht mich die antwort aus dem call-center sehr aggressiv. meine schwiegermutter könne eine doppelflat 50.0000 für 29,99 haben, bekäme für eine einmalzahlung von 24,89 eine neue fritzbox und für eine monatliche zahlung von 10 euro, bekäme sie fernsehgedöns übers internet und da würde er auch noch einen fernseher von samsung und einen chromecast drauflegen. jetzt hört er sich tatsächlich wie ein kirmesansager an, die halten ihre mikrofone auch oft vors nasenloch oder in den mund.

dass der vertrag alleine, nach der mindestvertragslaufzeit von 2 jahren, fast 40 euro kostet, erwähnt die pflanze am telefon nicht, bestätigt das aber auf nachfrage.

ich bin auf 50.

neukundenangebote bei 1und1

ob es auch etwas günstiger gehe, mit 16tausend vielleicht. tatsächlich betet er mir das unattraktive angebot runter, dass mir auch schon die 1und1 webseite als wechseloption angeboten hat: zwei jahre würde meine schwiegermutter 30 euro zahlen, danach 35 euro. ich weise den mann mit dem mikro vor dem nasenloch darauf hin, dass neukunden dieses paket sehr viel günstiger angeboten bekommen (nämlich für ein jahr zu 15, danach für 30 euro). das sei richtig, bläst er mit der nase ins mikro. ob er da nichts machen könne, ob die einzige möglichkeit ein günstiges angebot zu bekommen eine kündigung sei? auch das bejaht er.

ich bin auf 100.

altkundenangebote bei 1und1

und ich frage mich, was für ein verkacktes, unmoralisches geschäftsmodell die grossen DSL-anbieter fahren (macht ja nicht nur 1und1 so); alt- und neukunden werden mit irreführenden, schwer verständlichen und mit sternchentexten durchsääten angeboten geködert, die an sich schon saftig bepreist sind, aber für altkunden nochmal einen ticken teurer. die anbieter rufen einem zwischen den zeilen zu: wer länger als zwei jahre unser kunde bleibt ist ein vollidiot. auch auf explizite nachfrage, liess mich die telefonpflanze von 1und1 wissen, dass anpassungen des vertrags auf den stand der technik oder das aktuelle preisniveau nicht vorgesehen sind: „wieso sollten wir irgendwas ändern, wenn der kunde zufrieden ist?“ die korrekte antwort, die mir während des telefonats leider nicht eingefallen ist lautet natürlich: „ihre kunden sind nicht zufrieden, wenn sie einen anschluss kaputtdrosseln und für ein technisch minderwertiges produkt premiumgebühren kassieren.“

aber vielleicht ist meine logik, dass man sein produkt, auch bei langer vertragslaufzeit, ohne aufpreis und bohei an den stand der technik anpassen könnte auch einfach nicht mit der logik von betriebswirten kompatibel. betriebswirte glauben vielleicht tatsächlich, dass ein kunde der noch nicht gekündigt hat, zufrieden sei.

und vielleicht sollte man der logik der betriebswirte tatsächlich einfach folgen und alle ein bis zwei jahre seinen DSL-vertrag kündigen und woanders neu abschliessen. solange bis die pappnasen irgendwann einmal verstehen, dass bestandskunden auch der pflege bedürfen — und das auch zu schätzen wüssten.

das neuabschliessen eines neuen DSL-vertrags für meine schwiegermutter, inklusive telefonnummern-umzugsbeauftragung ging dann übrigens schneller als das unerfreuliche telefonat mit der kundenverarschungshotline von 1und1.

trådfri, vernetzbare lampen von ikea

felix schwenzel, , in artikel    

im oktober ging eine pressemitteilung durchs netz, dass ikea ab sofort in 4 ländern (belgien, tschechien, schweden, italien) eine art hue-alternative verkaufen würde. im rest der welt (und deutschland) würde die trådfri-reihe ab april 2017 verkauft. ich habe mir eine lampe aus belgien besorgen lassen und von meiner mutter zu weihnachten schenken lassen.

trådfri

es handelt sich um eine LED-lampe mit 980 lumen (und 12 watt), die drei verschiedene weiss-töne darstellen kann (grün-bläuliches weiss, rot-gelbliches weiss und weiss-gelbliches weiss).

die 3 weisstöne der trådfri

dazu kommt eine fernbedienung mit der man die helligkeit einstellen kann, den farbton verstellen kann und die lampe schalten kann (wenn sie an eine stromversorgung angeschlossen ist). die fernbedienung wird von einer knopfzelle versorgt und soll laut ikea zwei jahre halten. gekostet hat das set aus lampe und fernbedienung 35 euro.

das ist in etwa der preis, den philips [-werbelink] für ein set aus schalter und reinweisser („warmweisser“) lampe ohne farbvarianten nimmt. bei ikea bekommt man für 35 euro dann eben noch einstellbare weisstöne dazu.

die einzelpreise sind bei ikea unterm strich einen ticken günstiger: 15 euro für den schalter ([-werbelink] 23 euro bei philips), 25 euro für die lampe ([-werbelink] 19 euro bei philips), teuer wird’s bei philips, wenn man die „[-werbelink] ambience white“ lampen kaufen will, bei denen man die weisstöne wählen kann: 30 bis 35 euro für die lampe alleine.

in erster linie war ich gespannt ob die trådfri-lampe und der trådfri-schalter sich mit der hue-bridge verbinden liessen und damit über mein wohnungsautomatisierungssystem steuern liessen. ein paar leuten ist das mit älteren firmwareversionen der hue-bridge gelungen, mit aktueller firmware weigert sich die hue-bridge (noch) die lampen oder schalter zu registrieren. ich habs ausprobiert, die einzige reaktion die man der hue-bridge abgewinnen kann ist ein kurzes aufleuchten beim versuch den schalter zu verbinden. alles andere ignoriert sie stoisch. lampe und schalter lassen sich hingegen problemlos verbinden — und genauso leicht wieder lösen (lampe sechs mal hintereinander ein und ausschalten).

in einem diskussionsstrang im hue-entwicklerforum kann man auch die offizielle stellungnahme von philips dazu lesen:

The non-interoperability between the newly launched IKEA smart lighting products and the Philips Hue bridge has been analyzed. One of the issues found is that the IKEA bulbs report their ProfileID as corresponding to the ZigBee Home Automation (ZHA) profile rather than the ZigBee Light Link (ZLL) profile. As the IKEA bulbs do not behave fully compliant with the ZLL standard, they are rejected by the Hue bridge. IKEA is aware of this and informed us their intent is to have the IKEA smart lighting bulbs to work with the Philips Hue bridge. We offer our support to realize this in the future.

für mich hört sich das ein bisschen vorgeschoben an und ich vermute, dass es noch viele monate dauern wird, bis hier einigung darüber herrscht, wie der offene zigbee-standard, dem angeblich sowohl philips, wie auch ikea folgen, zu interpretieren ist. in absehbarer zeit soll es von ikea auch eine eigene bridge geben, die aber wohl mit ziemlicher sicherheit, im gegenteil zur hue-bridge, keine offene API bieten wird.

für meine automatisierungsambitionen ist das einerseits sehr schade, andererseits gefällt mir die lampe sehr und ich habe auch einen weg gefunden, sie doch, indirekt automatisierbar zu machen. kürzlich habe ich ja die küchenbeleuchtung ein bisschen umgebaut und den lichtschalter für die deckenbeleuchtung mit diesem unterputz funkschalter aufgerüstet. mit dem ding hinter dem lichtschalter lässt sich die deckenbeleuchtung weiterhin per lichtschalter schalten, aber auch per 433mhz-funk-signal. bis jetzt war in der deckenleuchte eine dimmbare LED, deren helligkeit sich per ein/aus-schalten regeln liess. das war in mehrfacher hinsicht albern. manchmal standen wir am lichtschalter und schalteten den mehrfach ein und aus, bis die gewünschte intensität erreicht war, mal klickte ich wie wild auf meinen telefon rum, um die lampe per homekit ein und auszuschalten. besonders doof: die LED merkte sich die vorherige einstellung nicht — wie auch die hue-lampen es nicht können: sobald sie von der stromzufuhr abgeschnitten sind vergessen sie alle licht-einstellungen. die trådfri merkt sich die lichtfarbe und die helligkeit, auch wenn sie stundenlang vom stromnetz getrennt ist.

das ist in der tat ziemlich praktisch und qualifiziert die lampe für viele anwendungen mit vorhandenen leuchten; die lassen sich wie bisher schalten und zusätzlich permanent oder flexibel dimmen und färben, oder auch per fernbedienung schalten. hue-lampen hingegen sind in kombination mit herkömmlichen lichtschaltern mehr oder weniger unbrauchbar.

trådfri puck-schalter

der mitgelieferte schalter gefällt mir auch, er besteht aus zwei teilen, einem magnetischem tellerchen, das man an die wand kleben oder schrauben kann, in das das fernbedienungsteil einschnappen kann. so macht das auch der hue-schalter, er sieht gut auf der wand aus, man kann ihn aber auch als mobilteil benutzen. die liebe zum detail bei ikea zeigt sich aber auch hier: auch das tellerchen hält selbst auf metall, so kann man es statt an die wand zu kleben oder schrauben, eben auch einfach auf den kühlschrank pappen. die fernbedienung macht auch einen stabilen eindruck, ist an den seiten und hinten gummiert und mir auch schon zweimal runtergefallen. sie reagiert sehr schnell, die leuchte schaltet schon, bevor der schalter klickt, beim ausschalten lässt sich die leuchte einen moment zeit. beim ersten klick, nach dem einschalten per wandschalter, hängt die fernbedienung gelegentlich, spätestens beim zweiten klick reagiert die trådfri dann aber. das schalten der weisstöne, helligkeit, alles lässt sich gut bedienen. wobei die form und ergonomie der trådfri fernbedienung natürlich an den unseeligen „puck“-maus-ergonomieunfall erinnert.

apple puck-mäuse
bild: CC BY 2.0, @raneko

wie bei der puck-maus lässt sich der schalter nicht ohne hinsehen bedienen.

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ich mag die trådfri, auch wenn sie sich nicht besonders weit runterdimmen lässt und sich noch nicht automatisieren lässt, bzw. per api ansprechen lässt, trotz standard zigbee-protokoll. ich hoffe ikea und philips raufen sich hier zusammen, zum nutzen der kunden. oder das ding wird bald mal gehackt. das killerfeature ist trivial aber genial: die trådfri merkt sich ihre lichteinstellungen, ist kinderleicht einzurichten und mehrere leuchten dürften sich ähnlich einfach um eine fernbedienung gruppieren lassen. insgesamt scheint ordentlich bewegung im markt der vernetzbaren, „intelligenten“ beleuchtung gekommen zu sein.

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nachtrag: ich sollte das eigentlich gelernt haben: lampen nennt man die birnen oder leuchtmittel die eine leuchte beleuchten. ich hatte das im text oben teilweise umgekehrt geschrieben und jetzt korrigiert. (leuchten werden in der alltagssprache zwar oft lampen genannt, aber das ist genaugenommen falsch. lampen bezeichnen eigentlich nur das leuchtmittel.)

[werbung] heizungssteuerung mit tado, update

felix schwenzel, , in artikel    

anderthalb monate ist die tado-heizungssteuerung jetzt bei uns im einsatz (hier mein erster eindruck) und ich komme meinem ziel, mich nicht um die heizung kümmern zu müssen, immer näher. der hauptgrund die tado-heizungssteuerung anzuschaffen, war unser wunsch nach mehr komfort. energiesparen ist bei unseren heizkosten kaum noch möglich, wir zahlen im monat ca. 30 euro fürs gas, womit wir heizen und kochen.

unsere hoffnung war endlich auch im bad komfortable temperaturen zu haben, bzw. heizleistung auf abruf zur verfügung zu haben. das war mit unserer alten, leitraumgesteuerten heizungssteuerung nicht, bzw. nur auf umwegen (dauerheizen) möglich. mit den zwei heizkörperthermostaten und dem „smarten“ raumthermostat, die uns tado kostenlos zum testen (und behalten) überlassen hat (weshalb über dem artikel auch werbung steht), funktioniert das jetzt einwandfrei — mit ein bisschen verspätun.

(eins der ursprünglich gelieferten heizkörperthermostate war defekt, ersatz haben wir nach zwei wochen bekommen. seitdem lässt sich die temperatur sowohl im wohnzimmer, als auch im bad flexibel regeln.)

die kurzversion dieses textes lautet also: ich bin jetzt, mit zwei heizkörperthermostaten, sehr beeindruckt von der flexiblen und gezielten tado-temperatursteuerung in allen wichtigen räumen. sie funktioniert genauso gut, wie ich mir das erhofft habe.

die längere version:

weil wir noch auf unsere bestellung von zwei weiteren heizkörperthermostaten warten (mehr dazu weiter unten), steuern wir derzeit lediglich zwei räume über tado: das bad und das wohnzimmer. das schlafzimmer haben wir seit monaten, wenn nicht sogar jahren nicht geheizt, dort liegen die temperaturen, seit ich sie messe, konstant um die 18, 19°. die küche heizen wir auch nicht, der boiler der gasetagenheizung und der herd sorgen für mehr als genug wärme, auch im tiefsten winter. auch das kinderzimmer funktioniert derzeit gut ohne tado-steuerung, das heizungsventil ist seit wochen zwischen 2 und 3 gestellt, was eine konstante temperatur von um die 21° zur folge hat. werden wohnzimmer oder bad geheizt, profitiert das kinderzimmer von der produzierten wärme.

am wichtigsten: unser junkers-boiler funktioniert jetzt auch (endlich) wieder zuverlässig. seit ungefähr zwei jahren meldete der boiler gelegentlich einen fehler (A2) und deaktivierte sich dann, meisten, zum glück, nur kurz. beunruhigenderweise meldet der A2-fehler (eigentlich) (ab-) gasaustritt. ich vermutete schon länger einen sensorfehler. der erste heizungstechniker den uns die hausverwaltung nach sehr langem warten vorbeischickte empfahl eine regelmässige wartung und reinigte den boiler erstmal gründlich von innen, etwas das seit unserem einzug vor drei jahren noch nie gemacht wurde. mitte november schickte uns die hausverwaltung (nach weiterem sehr langem warten) einen heizungstechniker vorbei, der auch die brennkammer reinigte, wasser nachfüllte, nochmal alles reinigte und nachdem auch nach der wartung der fehler weiterhin beim aufheizen über 50° auftauchte, ankündigte, demnächst vorbeizukommen um den sensor auszutauschen. leider half auch der sensortausch nicht, weshalb er eine woche später gleich die ganze steuerungselektronik austauschte. auch das half nichts und er kündigte uns einen besuch eines werkseigenen junkers-techniker in den nächsten wochen an. statt des junkers-technikers kam dann aber nochmal unser techniker vorbei und meinte, der junkers support hätte ihm gesteckt, dass es noch einen zweiten sensor gäbe. ob der undokumentiert ist, oder nur im fehlerbehebungsflowchart fehlte hab ich nicht erfahren können. jedenfalls behob dieser sensortausch dann endlich den A2-fehler.

tado wollte mich auf nachfrage nicht wissen lassen, was man heizugstechnikern, vermietern oder anderen technik-skeptikern sagen könnte, wenn die der fremd-heizungssteuerung von tado nicht trauen oder gar behaupten, das würde die elektronik „durcheinanderbringen“. wie die heizungshersteller zu tado stehen, die ja behaupten zu nahezu allen heizungssystem kompatibel zu sein, würde mich nach wie interessieren. fragen nach zertifizierungen oder stellungnahmen von heizungsherstellern liefen bei tado leider (bis jetzt) ins leere.

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meine zufriedenheit mit der tado-heizungssteuerung kommt vor allem daher, weil ich ihre funktion jetzt über wochen sehr genau beobachtet habe. anfangs hat das system zwar etwas arg früh angefangen für den „early start“ morgens zu heizen, aber nachdem ich mich ein bisschen darüber lustig gemacht habe, wurde die heizkurve promt angepasst. eigentlich sollte das system sowas mit der zeit selbst lernen und vielleicht tut es das ja auch bereits, wenn man ihm ein bisschen zeit lässt. ein bisschen mühsam war die anpassung der thermostate an die raumcharakteristik. temperatur-messwerte, die direkt am heizkörper gemessen werden haben ja nicht unbedingt etwas mit der raumtemperatur zu tun. im kinderzimme misst das raumthermostat an der wand gegenüber des heizkörpers und zeigt mehr oder weniger exakt die werte an, die ich auch mit meinem eigenen thermometer messe.

temperaturverlauf im kinderzimmer in den letzten 7 tagen

allerdings musste ich die vom tado-raumthermostat erfasste temperatur um ein grad nach unten korrigieren, damit die kurven sich so abdecken. im bad musste ich die temperatur gleich um drei grad nach unten korrigieren, damit die temperatur sich ungefähr mit meinem thermometer (hängt ca. 2 meter entfernt vom heizkörper) deckt.

temperaturverlauf im bad in den letzten 7 tagen

was man nicht so deutlich sieht: tado schafft es tagsüber die eingestellte temperatur von 20° konstant zu halten. die temperatur oszilliert sanft um die 20° marke. die nachtabsenkung misst tado mit ca. drei grad, mein thermometer misst gerade mal ein grad absenkung was ich für akzeptabel halte. ab morgens um sechs ist die temperatur nach kurzem aufheizen dann wieder auf 20°.

um die raumtemperatur konstant auf 20° zu halten muss die heizung über den tag verteilt nicht besonders stark heizen. der kessel heizt sich alle paar stunden auf 30-40° auf und das reicht dann auch, lediglich wenn es der beifahrerin kalt ist und sie das thermostat hochdreht, geht die angeforderte heizleistung etwas stärker in die höhe. grösster vorteil des nun konstant warmen bads: nach dem duschen beschlägt der spiegel kaum noch und die relative luftfeuchtigkeit ist konstant niedriger als in vor-tado-zeiten.

komplizierter war die raum-kalibrierung im wohnzimmer. das ist etwas grösser als das bad und tado berechnet die heizleistung nicht nach der raumtemperatur, sondern nach der temperatur am heizkörperventil unter dem fenster. am fenster und am heizkörper fluktuiert die temperatur natürlich etwas stärker als in der raummitte oder -ecke. aber mit eine temperaturkorrektur von minus 3 grad zeigen sowohl das tado-thermometer als auch mein eigenes thermometer in der raumecke ungefähr analoge werte an.

temperaturverlauf im wohnzimmer in den letzten 7 tagen

auch hier sieht tado die nachtabsenkung krasser als mein thermometer, dass in den 8 stunden heizpause von 23 bis 7 uhr gerade mal ein grad absenkung misst. am fenster misst tado vier grad verlust. jedenfalls ist das ergebnis von den tagsüber eingestellten 22° eine mehr oder weniger konstante temperatur zwischen 22 und 23° in der raumecke. ein billiges, unvernetztes thermometer in der raummitte, zeigt konstant um die 22° an.

mir sind die 22° im wohnzimmer zu warm, aber die beifahrerin fühlt sich bei der temperatur offenbar wohl.

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offline-modus

vor drei tagen fiel bei uns das internet aus (die beifahrerin hatte ausversehen — und unbemerkt — das DSL-kabel aus der TAE-dose gerissen). die frage, was die tado-steuereinheit ohne verbindung in die cloud machen würde hatte ich bis dahin noch nicht eindeutig beantworten können, am donnerstag konnte ich es aber genau nachvollziehen: die eingestellte zieltemperatur in allen zonen/räumen wurde konstant gehalten, die temperaturkurven fluktuierten auch im offline-modus langsam auf und ab. lediglich eine änderung der zieltemperatur über die app war im offline-modus nicht möglich.

API und bridgeausfälle

die graphen zeichne ich übrigens mit grafana. hier hatte ich das schonmal beschrieben, wie ich die webapi, die auch von der tado web- und ios-app genutzt wird, inoffiziell auslese. dieses auslesen hatte ich im verdacht, dass es durch irgendwelche schutzmassnahmen oder abfragelimits rote flaggen bei tado auslöst und irgendwie dazu führt, dass die tado-internet-bridge bei uns nicht mehr erreichbar ist. das passierte in den ersten sechs wochen ziemlich regelmässig: fast jeden morgen wachte ich auf und die tado-app meldete mir, dass meine geräte offline seien. das problem liess sich mit einem neustart der tado-bridge beheben, aber um ein hardware-problem auszuschliessen, meldete ich den fehler bei tado. die tauschten meine bridge auch promt aus, aber das problem der gelegentlichen bridge-ausfälle blieb bestehen. dann hatte ich die rettende idee: hausautomatisierung! ich lasse home-assistant ohnehin regelmässig scans unseres netzwerks durchführen, weshalb home-assistant stets weiss, welche geräte online und offline sind. warum nicht einfach eine automatisierung schreiben, die die bridge bei einem ausfall automatisch neustartet? mit home-assistant und einer schaltbaren steckdose war das schnell umgesetzt. seitdem musste ich mich um das problem nicht mehr kümmern. in den letzten zwei wochen sind die ausfälle allgemein sehr viel weniger geworden, nur noch alle 3-4 tage, und in den letzten 4 tagen gar nicht mehr.

qualitätskontrolle, verfügbarkeit und support

was ich tado positiv anrechne ist der kompetente und freundliche support. manchmal dauert die bearbeitung ein paar tage, aber alle meine technischen anfragen wurden bisher befriedigend beantwortet. am häufigsten bezogen sich meine technischen anfragen allerdings auf gerätedefekte. nachdem das erste heizungsthermostat bei uns dead on arrival ankam, hatte das ersatzgerät ein so schwergängiges temperatureinstellungsdrehrad, dass die beifahrerin das heizungsthermostat dreimal vom heizkörper riss (die zusendung eines ersatzgeräts wurde nach der monierung promt zugesagt). die tado-geräte sind im prinzip super, sauber verarbeitet und tadellos gestaltet, aber bei der qualitätskontrolle scheint es ein bisschen zu hapern.

aber auch bei der befriedigung der nachfrage scheint sich tado übernommen zu haben. die tado-twitter- und facebook-konten liefen in den letzten monaten über von kommentaren, in denen sich kunden bitterlich über ausbleibende oder erheblich verzögerte lieferungen beklagten. die kommunikation von tado zu diesem thema war lange eher hinhaltend, mitte november begann man dann vielen kunden eine lieferung vor weihnachten zu versprechen. ich habe ende september zwei weitere heizkörperthermostate bestellt (und bezahlt), noch bevor die testgeräte bei mir eintrafen und ausser einer bestellbestätigung nichts mehr zu der lieferung gehört. bis vor ein paar wochen eine mail bei mir ankam, die mir anbot auf eine lieferung bis februar zu verzichten und dafür 20% rabatt zu bekommen. weil wir soweit gut versorgt sind und die flexible steuerung des kinder- und schlafzimmers nicht drängt, habe ich mich gerne auf diese deal eingelassen.

verwunderlich finde ich das aber schon, weil tado seine produkte teilweise sehr aggressiv bewirbt und das marketing ganz offenbar auf höchsttouren läuft. so produziert man sich aber doch eine menge unzufriedener early adopter, die monatelang auf ihre lieferung warten — und das gerade im winter. genauso verwunderlich fand ich die offensive bewerbung von tados homekit-integration in den späten sommermonaten, die, soweit ich mich erinnere, auch noch weiterlief, als ich meine testgeräte bekam, die auch mit der tado-bridge der dritten generation ausgeliefert wurden. zu meiner sehr grossen verwunderung war die homekitintegration meiner tado-testgeräte miserabel gelöst (funktionierte nicht) und vor ein paar wochen verschwanden plötzlich alle hinweise auf homekit aus dem marketingmaterial von tado. plötzlich hiess es, dass der homekit-zertifizierungsprozess gemeinsam mit apple noch nicht abgeschlossen sei und tado verschickt die thermostate auch nur mit der internetbridge der zweiten generation (mit einem gutschein für ein kostenloses upgrade auf die dritte generation, sobald die zertifizierung abgeschlossen ist). ich bin gespannt, wann dieser prozess abgeschlossen sein wird und noch gespannter, ob die homekitintegration von tado dann funktionieren wird.

obwohl ich wirklich zufrieden mit meinem tado-setup bin, einen kauf kann ich zur zeit nicht wirklich empfehlen, weil die lieferung wahrscheinlich erst im frühjahr erfolgen wird und ich bei der derzeitigen angespannten liefersituation das gefühl habe, dass weniger auf tadellose qualität geachtet wird, als das eigentlich geboten ist. wer hingegen keine scheu hat regelmässig mit dem wirklich freundlichen und gut erreichbaren tado-support zu telefonieren um defekte zu melden, wer geduldig mit lieferverzögerungen umgehen kann und wer kein problem mit hausdaten in der (tado) cloud hat, dem kann ich tado uneingeschränkt empfehlen. es funktioniert und durch regelmässige softwareupdates wird es auch stetig besser.

home drinking

felix schwenzel, , in getrunken    

zum ersten dezember habe ich einen whisky+cigars-adventskalender (ohne zigarren, nur mit whisky-proben) vom kind und der beifahrerin geschenkt bekommen. der wahrscheinlich beste adventskalender, den ich seit 43 jahren bekommen habe.

jeden tag ein kleines fläschchen whisky zur blindverkostung. der zettel, auf dem die whiskysorte und eine kleine beschreibung steht, ist umgekehrt auf die flasche geklebt. jetzt kann ich whisky tastings zuhause machen.

6 whisky etiketten von whisky + cigars

1. dalmore 12y

ich kann mich schon nicht mehr genau erinnern, ist schliesslich schon 5 tage her. ich erinner mich aber an einen fruchtigen geschmack und einen milden, reichen geruch. auf dem zettel steht, dass der whisky je zur hälfte in bourbon-fässern und sherry-fässern lag. eine gute eröffnung, nach der ich gerne noch zwei weitere gläser dalmore getrunken hätte.

2. hyde no.5, aras casks

an den geruch erinnere ich mich gut. etwas spitz, alkoholisch, oder wie mein vater sagen würde: u-boot-treibstoff. der geruch ist nicht störend, ein bisschen vanille kommt auch durch, aber mir fiel auf: eher kein klassischer schotte. und tatsächlich war’s ein irischer whisky. hab ich noch nie bewusst getrunken, irischen whisky. der geschmack war runder als der geruch ahnen liess, lecker, aber einen ticken anders als die aus schottland, aber fan werde ich wohl erst, wenn ich mal nach irland reise.

3. elijah craig 12y

auch dieser whisky hatte einen etwas spitzen, alkoholischen geruch. angenehm, interessant, leicht nach frisch desinfiziertem jungem leder. der geschmack war weniger malzig, was kein wunder ist, denn der elijah craig ist ein bourbon. weniger gerstenmalz und ich meinte das rausschmecken zu können. vielleicht habe ich auch zu schnell auf den beipackzettel geschaut, nachdem ich wusste, dass dieser whiskey mit e geschrieben wird, schmeckte ich es jedenfalls eindeutig raus. keine frage, das war ein sehr guter whiskey, aber ne ganze flasche würde ich davon nicht unbedingt kaufen.

4. benrinnes 18y

der geruch war schön voll und rund. das musste wieder ein schotte sein. ist es auch. auf dem beipackzettel stand: „nicht einen hauch von rauch, stattdessen mit in honig getauchtem eichenwald mit blumenwiese.“ das bild inspirierte mich nicht, aber süffig und leicht blumig war er dann schon, der benrinnes.

5. laphroaig select

schon beim einschenken traf mich eine heftige torfnote. „toll!“, rief ich der beifahrerin zu. beim schnüffeln konnte ich leichte bittere teernoten rausdifferenzieren. für einen moment dachten die beifahrerin und ich, dass das ein talisker sein könnte, der hatte auch so einen ganz leichte verdünner-note. der geschmack: wie ich es am liebsten mag, sehr rund, der rauchige torf intensiv, aber auch rund, kein brennen, keine spur von süsse und frucht. ich freute mich sehr, dass ich mich auch schon blind in den whisky verliebte, als ich den beipackzettel las: meine lieblingsbrennerei!

der select enthält laut whisky.de „Anteile aller bekannten Laphroaig-Abfüllungen (10 Jahre, PX Cask, Quarter Cask und Triple Wood)“ — also eine mischung ohne altersangabe die auf milde und rundheit getrimmt ist. toll ist, dass hier weiterhin der charakter des laphroaig durchscheint, aber ich mags lieber ein bisschen direkter. der 10 jahre alte, reguläre laphroaig, bleibt mein absoluter favorit. aber vielleicht ist der select ein guter einstieg für andere?

6. auchroisk 24y

angenehmer geruch, hat mir aber nicht mal in ansätzen geschmeckt. ich habe mich gefühlt wie der 24 jährige felix, der in schottland erstmals bei einem brennereibesuch einen whisky probierte: unwohl, nicht angetan: zu viele spitzen, leicht metallischer geschmack, keine wärme. nicht mein ding. eine flasche des 24 jahre alten auchroisk konnte ich auf die schnelle nicht ergoogeln, aber ähnlich alte auchroisk sind sehr, sehr teuer. hilft nichts, dass das zeug teuer ist, ich mag den nicht.

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die links habe ich erratisch ausgewählt. gerne hätte ich öfter whiskyandcigars.de verlinkt, die meisten whisky habe ich aber dort nicht finden können oder keine geduld für die langen ladezeiten der seite. whisky.de hingegen ist erstaunlich gut suchmaschinenoptimiert, schnell und übersichtlich. aber whisky + cigars ist wohl auch eher ein laden zum hingehen.

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nachträge:

„real issues“

felix schwenzel, , in artikel    

beeindruckender auftritt von bernie sanders bei conan o’brien, nicht nur wegen sanders und den dingen die er sagte, sondern weil conan o’brien (zeitweilig) ungewöhnlich ernst war und die richtigen fragen stellte.

was sanders sagte, machte mich nachdenklich und wühlte mich auf mehreren ebenen auf. einerseits, weil ich im sommer durchaus ein gespaltenes verhältnis zu sanders hatte und ihn, inspiriert durch mein medienmenü nicht für den geeigneten kandidaten hielt. die medien die ich lese, wurden nicht müde, sanders als populisten oder sozialisten zu bezeichnen, den man weder ernst nehmen könne und der erst recht keine chance haben würde gewählt zu werden, weil er so weit links stehe. mich haben diese vergleiche immer gestört, die trump und sanders in den gleichen populistentopf warfen, weil ich sanders durchaus als vernünftig und verantwortungsvoll empfand.

trotzdem blieb bei mir hängen: dass es unvorstellbar wäre, dass sanders sich gegen einen republikaner durchsetzen können würde und dass das nur die etabliertere, moderatere und mainstreamigere hillary clinton könne. der unglaubliche rückhalt von sanders bei jungen menschen, seine sorge um die wachsende einkommensungleichheit und grosse sozial benachteiligte und mit sorge in die zukunft blickende bevölkerungsschichten, wurden von den medien, die ich lese und in ansätzen ernst nehme, als nicht wahlentscheidend dargestellt. die stabilität und kontinuität, für die clinton stünde, hingegen schon.

heute snd wir alle klüger. die unzufriedenheit mit dem etablierten, teilweise verfilzten und gelähmten system war wohl auch wahlentscheidend und clinton scheint es nicht geschafft zu haben, dieses moment im linken spektrum zu mobilisieren.

weshalb mich der auftritt von sanders ebenfalls aufrührte war seine medienkritik. eigentlich bin ich kein grosser fan von pauschaler medienkritik oder der haltung, „die medien“ seien schuld an trump, genauso wie ich es dämlich finde, sanders als populisten zu bezeichnen oder sanders zusammen mit trump in den demagogen-eimer zu werfen. aber sanders medienkritik hatte substanz, die mich zumindest nachdenklich machte. zu recht kritisiert er, dass die medien sich auf leicht verdauliche, sensationsheischende aspekte konzentrieren würden, weil die garantiert leser- oder zuschauerinteresse generieren würden. die „real issue“, die themen die unsere zukunft, den fortbestand unserer demokratischen gesellschaften betreffen, werden gerne ignoriert oder in die randspalten gedrängt.

ein gedanke der mir in den sinn kam, war eine parallele zur werbung. grosse agenturen saugen die talentiertesten und besten jungen köpfe ein, um für grösstenteils trivialen scheiss manipulative werbung zu bauen. die ganze kreative energie, der gestaltungswillen ganzer generationen, fliesst in die konsumentenerregung, statt in die (politische) gestaltung unseres zusammenlebens und gerechte organisation unserer gesellschaften. genauso fliesst die energie ganzer journalisten-jahrgänge in die aufarbeitung von skandälchen, ausrutschern, die aufarbeitung von privat- und intimkram von politikern oder anderen prominenten, statt in die konstruktive aufarbeitung der krisen und herausforderungen, denen wir uns gegenübersehen.

auch deshalb habe ich mich vor ein paar monaten dafür entschieden, perspective daily zu unterstützen, die sich zumindest vorgenommen haben, diesen missstand konstruktiv und wortreich anzugehen. aber hier ist das problem: obwohl ich abonnent und unterstützer von perspective daily bin, lese ich dort kaum. die themen und artikel schaffen es kaum über meinen tellerand, wenn ich mal einen artikel lese langweile ich mich oft oder vermisse substanz. immerhin: beim aufruf der startseite lächelte mich dieser artikel an, der in etwa das gleiche thema hat, wie das was ich hier zu behandeln versuche. noch nicht gelesen, aber immerhin meine aufmerksamkeit gewonnen und auf meiner leseliste gelandet:

perspective-daily.de: Für das Volk, gegen den Populismus

es ist eine elenede zwickmühle: viele medien können es sich aus verschiedenen gründen nicht leisten substanziell über die „real issue“, die wichtigen themen zu schreiben, entweder weil sie nicht die mittel haben, oder wissen, dass sich diese art artikel niemals refinanzieren wird. entstehen solche artikel, ist es schwer sie an den mann und die frau zu bringen, weil sie sich nicht so leicht und emotinal konsumieren lassen. das meta-, tralala- und empörungsgedöns lässt sich einfacher herstellen und spült (dringend benötigtes) geld in die kassen.

so oder so, ich glaube es gibt durchaus wege abseits des platten populismus, abseits der ausgelatschten medienpfade, gegen den wahnsinn zu steuern, den trump und seine kumpels uns auf der weltbühne vorspielen. auf mich hatte der auftritt von sanders jedenfalls eine inspirierende wirkung. ich, wir, alle, denen die parlamentarische demokratie am herzen liegt, müssen — und können — etwas tun um das irrsinnige und hohle gegenseitige aufschaukeln von politik und medien aufzubrechen. sei es durch die (finanzielle) unterstützung von entsprechenden medienangeboten oder durch die aktive besetzung von klaffenden lücken, wie es christoph kappes hier vorschlägt. es ist möglich die wirklich drängenden themen anzupacken, sichtbar zu machen, zu diskutieren und lösungen zu finden. der ruck und der druck sind da.

youtube-video
youtube

lesetipp: sascha lobo rollt das thema medienkritik von einer anderen seite auf.

Die Gehirn-Alchemisten

felix schwenzel, , in artikel    

Künstliche Intelligenz ist dem Flughafen Berlin Brandenburg (BER) ziemlich ähnlich. Der bevorstehende Durchbruch wird immer wieder lautstark und überoptimistisch angekündigt — und dann doch wieder ein paar Jahre nach hinten verschoben. Seit über fünfzig Jahren kommt die KI-Forschung nicht richtig aus dem Quark. Schon vor vielen Jahrzehnten prognostizierten optimistische KI-forscher die baldige Fertigstellung lernender Maschinen, die dem menschlichen Geist weit überlegen sein würden. Die spektakulärsten Ergebnisse jahrzehntelanger Forschung halten viele von uns jetzt in den Handy-Händen: persönliche Assistenten, die datenhungrig sind, einfache Aufgaben erfüllen können und uns manchmal sogar verstehen.

Im Umfeld der Forschung zur künstlichen Intelligenz sind brillante Menschen tätig, und die KI-Forschung und ihre Anwendung hat beeindruckende Fortschritte gemacht. Aber ich bin den Ankündigungen eines baldigen Durchbruchs bei der künstlichen Intelligenz gegenüber sehr skeptisch — nicht nur wegen Siri.

Ich glaube, dass wir bei allem Größenwahn, der uns Menschen prägt, bei der Beurteilung unserer kognitiven Fähigkeiten und bei der Erklärung unserer Gehirnfunktionen die Komplexität des Geistes regelmäßig sträflich unterschätzen. Unser Modell der Gehirnfunktion ist meist geprägt vom aktuellen Stand der Technologie. Als die aufkommende Wasserwirtschaft vor 2000 Jahren die Landwirtschaft revolutionierte, glaubten viele Gelehrte, unser Gehirn sei ein komplexes System aus Strömen von Säften, die es für Gesundheit und Wohlbefinden ins Gleichgewicht zu bringen gelte. Im 16. Jahrhundert, als es Menschen immer besser gelang, komplexe Automaten und Maschinen zu bauen, wirkte es logisch, den Menschen als komplexe Maschine zu betrachten. Als Chemie und Elektrizität im 18. Jahrhundert die Welt veränderten, erschien es folgerichtig, das Leben und die Funktion des Menschen mit chemischen und elektrischen Vorgängen zu erklären. Als Mitte des 19. Jahrhunderts die Kommunikationstechnologie rasante Fortschritte machte, verglich der Physiologe Hermann von Helmholtz das Gehirn mit einem Telegrafen. Heute ist alles Software und Kommunikation. Also, klar, muss auch das Gehirn wie eine hochkomplexe, vernetzte Software funktionieren.

Unsere Versuche, das Gehirn zu verstehen, sind ganz offenbar größtenteils metaphorisch und von gerade aktuellen technologischen Trends geprägt. Oder anders gesagt: wer einen Hammer hält, sieht überall und in allem Nägel. Im Moment beschäftigen sich die großen Geister gerne mit Software — und jeder, der sich die letzten 20 Jahre nicht unter einem Stein versteckt gehalten hat, weiß, wie komplex und weltverändernd Software, insbesondere in einer vernetzten Welt, mittlerweile wirkt.

Und trotzdem wissen wir immer noch nicht, wie das Gehirn funktioniert. Das Gehirn, den Menschen an sich, als komplexe Software zu betrachten, ist nach Ansicht des Neurophysiologen Robert Epstein eine genauso primitive und kurzsichtige metaphorische Herangehensweise wie die Gehirnfunktionserklärungsmetaphern der letzten Jahrhunderte. Er sagt klipp und klar: das Gehirn verarbeitet keine Informationen, speichert keine Erinnerungen — unser Gehirn ist kein Computer. Epsteins Argumentation erscheint mir schlüssig, aber auch, wenn man seinen Ausführungen nicht folgen mag, sollte mindestens dieser eine Gedanke hängenbleiben: unser Gehirn allein mit komplexen chemischen, elektrischen oder informationsverarbeitenden Vorgängen zu erklären ist naiv und wird der Wirklichkeit nicht gerecht.

Mein Gefühl sagt mir vor allem, dass wir nicht nur die Komplexität unserer eigenen kognitiven Fähigkeiten unterschätzen, sondern auch den Rest unserer Körperfunktionen. So fortgeschritten die medizinische Forschung uns heute auch erscheinen mag, wir sollten uns davor hüten, zu glauben, dass wir allein deshalb bessere Autos bauen können, weil wir ein paar mal den Motor mit einem gezielten Hammerschlag auf den Anlasser wieder zum Laufen gebracht haben.
Fortschritte in der medizinischen Forschung zeigen immer wieder, wie wenig wir eigentlich über den menschlichen Körper und die Verschränkung von Körper und Geist wissen. Am spektakulärsten erscheinen mir die Erkenntnisse aus der Forschung zu den sogenannten Mikrobiomen in unserem Körper. Nicht nur das Verdauungssystem beherbergt ein komplexes, fast komplett unerforschtes System aus hunderten Billionen Mikroorganismen, das sowohl unsere Physiognomie entscheidend zu prägen scheint, als auch unsere Stimmungen und Launen beeinflusst — und wohl auch mit der Entstehung von Krebs in Zusammenhang steht.

Wir sollten uns nicht blenden lassen von unserem heutigen Wissensstand. Auch wenn wir viele Vorgänge in der Welt mittlerweile in Ansätzen verstehen und erklären können, gibt es noch sehr viel zu entdecken. Wir sind insofern alle ein bisschen Jon Snow und wissen so gut wie gar nichts über die Welt.

Mir erscheinen die Transhumanisten ein wenig wie die Alchemisten der letzten Jahrtausende. Sie suchen, wie viele Alchemisten es taten, nach dem ewigen Leben und dem Stein des Weisen. Der Glaube, den Menschen nicht nur in Software abbilden, sondern auch gleich verbessern zu können, erscheint mir ähnlich ambitioniert wie die Idee, Gold synthetisieren zu wollen.

Aber auch wenn die Alchemisten größtenteils im Dunkeln stocherten, legten sie mit ihrer Forschung eine Basis, auf der weiter geforscht werden konnte. Auch wenn die Transhumanisten, wie ich glaube, auf dem Holzweg sind, der Wissenschaft und dem Erkenntniszugewinn wird’s nicht schaden. Denn der Wissenschaft helfen auch gut ausgeleuchtete und erforschte Holzwege. Die Erkenntnisse und das absehbare Widerlegen von falschen oder vereinfachenden Hypothesen kann und wird die Grundlage für weitere Forschergenerationen sein. Von daher kann ich den Transhumanisten auf ihrem Weg zur Unsterblichkeit und digitalen Ewigkeit nur zurufen: Nur zu, immer voran; euer Scheitern wird uns alle klüger machen.

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