screenshot von #ownyourgram mit #instagram, von instagram mit ownyourgram (per #micropub) aufs blogg geschoben, von dort syndiziert mit bridgy.

wollte ich nur mal festhalten wie toll ich das finde und dass ich das im urlaub intensiv nutzen werde, aber die bilder auf wirres.net nur in der unterkategorie bilder auftauchen werden. in den nächsten zwei wochen gibt’s hier also wenig rauschen und kaum links (zumindest auf der startseite) …

linksammlung vom 24.07.2015

felix schwenzel,    

* zeit-magazin.de: Nacktheit: Das Paradies wird abgeschafft

annabel wahba zitiert den britischen soziologe frank furedi:

„Erwachsene wenden ihre eigenen sexuellen Normen auf Kinder an, und plötzlich bekommt etwa das kindliche Doktorspiel eine sexuelle Konnotation, die es gar nicht hat.“ Zugleich setze sich immer mehr der Verdacht durch, Pädophile seien überall. „In unserer Vorstellung lauern sie hinter jeder Ecke – das verkennt die Realität bei Weitem.“ Es gibt nicht mehr Fälle von Kindesmissbrauch, wir haben nur mehr Angst davor.

mir scheint das bei mehr oder weniger allen gefühlten gefahren der fall zu sein: wir schaffen es kaum noch realistisch risiken einzuschätzen. vielleicht konnten wir das auch noch nie. unsere ängste vor gift im essen, islamistischem terror oder dem fliegen allgemein sind so extrem vom wahren risiko entfernt, dass man an allgemein vorhandener vernunft und rationalität zweifeln könnte.

umgekehrt ist es nicht besser: unsere hoffnung sind oft so unrealistisch (hoffnung auf einen lottogewinn, der glaube der fussball würde wieder gut, wenn nur der blatter schnell zurücktreten würde) dass wir uns eigentlich generalisierte angst- und hoffnungsstörungen attestieren müssten. oder platt ausgedrückt: ein bisschen impfgegner-irrationalität steckt in uns allen.

* jezebel.com: When a Magazine Only Wants You If You're Willing to Pose Nude

die schauspielerin und feministin caitlin stasey über ihre website herself.com (nsfw) und ein paar arschlöcher, die das was sie tun wohl journalismus nennen.

* mentalfloss.com: 10 Fascinating Facts About Ravens

When it comes to intelligence, these birds rate up there with chimpanzees and dolphins. In one logic test, the raven had to get a hanging piece of food by pulling up a bit of the string, anchoring it with its claw, and repeating until the food was in reach. Many ravens got the food on the first try, some within 30 seconds. In the wild, ravens have pushed rocks on people to keep them from climbing to their nests, stolen fish by pulling a fishermen’s line out of ice holes, and played dead beside a beaver carcass to scare other ravens away from a delicious feast.

If a raven knows another raven is watching it hide its food, it will pretend to put the food in one place while really hiding it in another. Since the other ravens are smart too, this only works sometimes.

würde mich irgendeine macht dazu zwingen mich für ein haustier zu entscheiden, ich entschiede mich nicht für einen hund oder eine katze, sondern einen raben. ersatzweise ein graupapagei. (via)

* priceonomics.com: How to Charge $1,000 for Absolutely Nothing

die geschichte der „i am rich“-app.

* well.blogs.nytimes.com: How Walking in Nature Changes the Brain

A walk in the park may soothe the mind and, in the process, change the workings of our brains in ways that improve our mental health, according to an interesting new study of the physical effects on the brain of visiting nature.

ich bin ja immer skeptisch wenn irgendwo steht „new studies have shown“ oder „wissenschaftler an einer universität haben herausgefunden“. hier auch. es scheint aber so zu sein, dass es uns eher beruhigt durch einen grünen park zu laufen, als an der autobahn entlangzulaufen. gut zu wissen.

* * *

* * *

* thisisnthappiness.com: Barbie goes to art school, Catherine Théry

ein bisschen wie „Malkovich, Malkovich, Malkovich“ von sandro miller, aber eben mit barbie.

* * *

youtube-video

direkt youtube-link

(via)

“first openly asshole president”

felix schwenzel,    

in den letzten tagen wurde ja viel über beleidigungen geredet, zumindest in den diskussionssträngen (insbesondere auf facebook) zu diesem artikel.

gestern habe ich mal wieder jon stewarts daily show gesehen und mich erneut gewundert, mit welcher inbrunst jon stewart seine intimfeinde beschimpft und beleidigt. im fall von donald trump ist das natürlich total berechtigt, aber über die asshole-frequenz in einem teil der sendung (video) war dann sogar ich baff.

rollingstone.com:

In a second segment dedicated to Trump, Daily Show senior election correspondent Jordan Klepper talks about how The Donald, if elected, could be “our first openly asshole President.” Klepper then says that while Nixon was a “gaping asshole, but closeted,” Trump “says it loud and proud.” The segment also featured a cameo appearance by noted “asshole” Paul Rudd.

in deutschland finden viele (auch komiker), dass kritik in erster linie „sachlich“ vorgebracht werden solle. und in der tat kann man hierzulande eigentlich nur eine person arschloch nennen ohne mit einer abmahnung zu rechnen: sich selbst. das mache ich dann auch gelegentlich; bleibt mir ja kaum was anderes übrig, als mich selbst als arschloch zu bezeichnen.

das soll jetzt übrigens auch nochmal eine erinnerung sein, wie ahnungslos matthias matussek ist, der vor einer weile schrieb:

Ich empfehle dringend, sich andere Late-Nights reinzuziehen, Formate wie die Daily Show mit Jon Stewart, die besonders die junge Zielgruppe binden - die sind tatsächlich unterhaltsam und intelligent, ohne „Arschloch“ und Puff-Witze.

Warum? Weil hier von Könnern und Profis an Pointen gearbeitet wird und an Recherchen über die Gäste, statt auf Momente des Fremdschämens zu hoffen. Weil Gespräche geführt werden, mal mehr, mal weniger geistreich, statt den Mob grölen zu lassen.

(in diesem artikel schonmal zitiert und durch-dekliniert)

ich schreibe das jetzt nochmal auf, weil ich einerseits ein bisschen neidisch auf jon stewart bin und es mir ausserdem auffällt, dass personen des öffentlichen interesses vor allem dann in deutschland „mob“-probleme diagnostizieren, wenn sie nicht austeilen, sondern selbst in der kritik stehen oder sich beleidigt fühlen.

linksammlung mit videos vom 23.07.2015

felix schwenzel,    

»The idea that something might work fine the way it is has no place in tech culture.«
— maciej cegłowski
idlewords.com/talks/web_design_first_100_years.htm

das ist die verschriftliche version eines vortrags von maciej cegłowski über die grenzen des wachstums (meine worte). wahrscheinlich das beste und lohnenswerteste lesestück dass man diese woche finden kann. es geht darum, wieso flugzeuge sich in den letzten 60 jahren kaum verändert haben, warum wir in der zivilen luftfahrt nicht mit überschall fliegen und wie die zukunft des webs aussehen könnte und sollte. und wenn ich jetzt den schlusssatz zitiere, könnte man sich fragen: was zum teufel hat das mit luftfahrt zu tun? das findet man dann erst nach dem klick raus.

The web we have right now is beautiful. It shatters the tyranny of distance. It opens the libraries of the world to you. It gives you a way to bear witness to people half a world away, in your own words. It is full of cats. We built it by accident, yet already we're taking it for granted. We should fight to keep it!

* * *

* popularmechanics.com: How Apollo Astronauts Took Out the Trash

lisa ruth rand:

Approximately five minutes before Armstrong took his first historic step, he and Aldrin undertook some housekeeping familiar to all Americans. Aldrin handed Armstrong a white bag known as a "jettison bag," or "jett bag" for short, full of things the astronauts no longer needed–the banal detritus of spaceflight, from food wrappers to containers of human waste. Armstrong dropped the jett bag to the surface, and later kicked it under the lunar module to get it out of the way. Like the garbage we throw away on Earth, however, it didn't just magically disappear. The first photograph that Neil Armstrong took during his historic moonwalk featured the garbage bag prominently in the foreground.

* zeit-magazin.de: Willemsens Jahreszeiten: Es wird Sommer!

sehr wortspielreiche sommer-tirade von roger willemsen gegen so ungefähr alles. (vielleicht sogar ein paar wortspiele zu viel.)

(bei monarchie und alltag gefunden)

* * *

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kleinschreibung FAQ

felix schwenzel,    

ma lik:

Du, Felix, wieso schreibst Du alles klein und so komma-arm? Macht mir das rezipieren schwer.

ix:

oh, sorry. hätte ich gewusst dass du kommst und das liest, hätte ich natürlich grösser und mit mehr kommata geschrieben.

ma lik:

Die Frage war ernst gemeint :)

ix:

auch wenn die frage ernst gemeint ist, kann ich sie nicht beantworten. ausser mit: ich finde nicht dass konsequente kleinschreibung die rezeption erschwert und dass ich ausreichend viele kommata setze.

ma lik:

Als Kommunikationsdesigner könnte ich auf ergonomische Untersuchungen hinweisen, aber darum geht es mir gar nicht. Ich finde es schwieriger und dabei interessiert mich doch, was du zu sagen hast. Aus irgend einem Grund suchst du dir das aber aus, und der hätte mich interessiert.

ix:

ich habe die frage unzählige male beantwortet. auf gewisse weise ist das auch anstrengend. ich such dir nachher mal ein paar antworten raus. bis dahin eine vorab: seit ich otl aicher gelesen habe, finde ich kleinschreibung nicht nur schön, sondern auch angenehmer zu lesen. das was die grimms über kleinschreibung gesagt haben kennst du sicher auch?

* * *

hier jetzt also mal eine zusammenfassung der diksussionen der letzten jahre zu diesem thema, bzw. was ich so darüber denke oder die antworten auf das warum.

praktische gründe

in meinem (ziemlich alt gewordenen) FAQ habe ich auf die frage warum ich alles kleinschreibe geantwortet: „weil es einfach ist und ich es schon immer gemacht habe.“

tatsächlich erleichtert es meinen schreibfluss alles klein zu schreiben. ich kann so schneller und rotziger schreiben. mein hinrotzen von texten gefällt nicht jedem, aber manche sehen gerade das als meine stärke. wenn man mir geld gibt für meine schreiberei, schreibe ich auch gerne gross, wenn das gewünscht ist.

grimm und aicher

an anderen stellen habe ich als erklärung für meine konsequente (oder „penetrante“) kleinschreibung auf meine ersten begegnungen mit otl-aicher-büchern hingewiesen. hier oder bei fuenfbuecher.de:

abgesehen davon hat mich aichers kleinschreibung angesteckt. es gibt einige gründe, warum ich (relativ) konsequent kleinschreibe, der wichtigste war, dass ich otl aichers konsequent kleingeschriebenes, in rotis gesetztes buch, wunder, wunderschön fand.

mathias wellner über otl aichers position zur konsequenten kleinschreibung:

eine radi­kale posi­tion besetzt otl aicher, der sich gegen groß­buch­sta­ben gene­rell wehrt. seine begrün­dung ist, dass diese rein reprä­sen­ta­ti­ven cha­rak­ter haben, wäh­rend sich die klein­schrift als gebrauchs­schrift ent­wi­ckelt hatte, deren zweck die mit­tei­lung selbst war und nicht die form. außer­dem kri­ti­siert er das mit der groß­schrei­bung ein­her­ge­hende welt­bild, wel­ches für ihn cha­rak­te­ri­siert wird durch den sieg des adels über die städte.

wikipedia über jocob grimms position zur grossschreibung:

Jacob Grimm äußerte sich bereits 1854 als Gegner der Großschreibung: „den gleichverwerflichen misbrauch groszer buchstaben für das substantivum, der unserer pedantischen unart gipfel heiszen kann, habe ich [...] abgeschüttelt.”

lesefluss

oft habe ich behauptet (hier zum beispiel oder hier), dass ich nicht glaube, dass konsequente kleinschreibung die rezeption erschwert. wenn man der wikipedia glauben möchte, lässt sich dass leider schwer halten:

Im Versuch wurden den Testpersonen Texte in ihrer Muttersprache sowohl in der üblichen Kleinschreibung als auch mit Großschreibung nach deutschem Muster vorgesetzt.

„Die Untersuchungen brachten überraschende Ergebnisse: Auch für die niederländischen Versuchspersonen stellten die Regeln der deutschen Großschreibung eine Hilfestellung dar, die den Leseprozess beschleunigten. Sie konnten Texte in ihrer eigenen Muttersprache mit den fremden satzinternen Großbuchstaben ohne Verständnisprobleme schneller lesen als solche mit der ihnen vertrauten gemäßigten Kleinschreibung. Detailanalysen der Augenbewegungsmuster ließen den Schluss zu, dass in der Tat der Orientierungscharakter der Großbuchstaben dafür verantwortlich war.“

– Köbes: Kölner Beiträge zur Sprachdidaktik (1/2005).

welche behauptung sich allerdings halten lässt: ich persönlich lese sehr gerne in kleinschreibung und finde das weglassen von grossbuchstaben nicht hinderlich beim lesefluss. was mich beim lesen stört sind holprige formulierungen, prahlerische wortwahl, pluralis majestatis, zu lange absätze und zu geringer zeilenabstand. franz josef wagner finde ich zum beispiel unlesbar, obwohl er auch grossbuchstaben verwendet.

kadekmedien hat das hier über die optimale lesbarkeit von text aufgeschrieben:

Um die optimale Lesbarkeit eines Textes zu gewährleisten, beachtet der Layouter vor allem folgende fünf Kriterien: Schriftgrad, Laufweite, Zeilenabstand, Zeilenlänge und Kontrast.

ich finde bei diesen 5 kriterien gebe ich mir grosse mühe.

stil, markenzeichen

als ich vor vier jahren mal testweise auf gross und kleinschreibung umgestellt habe, gab es in den kommentaren mehrheitlich wortmedungen die zur rückkehr zur gewohnten kleinschreibung aufriefen. kurz danach schrieb ich wieder alles klein.

tatsächlich erwarten viele leser hier die kleinschreibung, oder genauer: viele finden dass es sich nicht richtig anfühlt wenn ich „normal“ schreibe. das kann man als aufgesetzt und arrogant enmpfinden, aber ich finde es passt zu meinem schreibstil. ich finde form und inhalt passen so gut zusammen.

vorschriften, regeln

die taz schrieb anlässlich der rechtschreibreform vor ein paar jahren eine ganze ausgabe in (gemässigter) kleinschreibung. dieser satz gefiel mir damals sehr:

Die kleinschreibung in der heutigen ausgabe ist selbstverständlich nicht kategorisch vorgeschrieben, der anspruch jedes menschen auf seine eigene rechtschreibung bleibt unangetastet.

der anspruch jedes menschen auf seine eigene rechtschreibung. sehr gut. nehme ich hiermit in anspruch.

ich reisse mich nicht um leser, die auf ordentlicher ortographie bestehen. solche leute neigen oft zu wut und aggression oder unangehmer pedanterie. ich bin in der komfortablen lage nicht auf ein grosses publikum angewiesen zu sein, um mein tun hier zu finanzieren. was ich hier schreibe und tue muss nicht jedem gefallen. mit meinem stil und meinenr schreibweise kann ich (auch) leser gezielt filtern.

nicht für alle

auch wenn ich nicht für jeden schreibe, so freue ich mich doch über jeden leser der sich die mühe macht meine seite oder meine feeds (ausströmungen) aufzufinden und sich mit meinen texten oder witzchen auseinanderzusetzen.

das hier schrieb ich vor 10 jahren:

deshalb möchte ich mich heute bei allen bedanken, die sich trotz meiner rechtschreibschwäche, meiner konsequenten kleinschreibung, der völlig unleserlichen schrift, meinem hang zum brutalen, fäkalen und schlechten witz, meiner ignoranz, meiner dilletierenden inkompetenz, meiner arroganz und überheblichkeit zahlreich und regelmässig hier blicken lassen. durch die vielzahl von lesern und guten seelen die auf mich linken oder mich in ihrer blogroll aufbewahren, habe ich ein wahrnehmungsniveau erreicht das mich stolz erröten lässt. tausend leser pro tag und kein bisschen rechtschreibung

arschlochfilter

das hier schrieb ich vor 4 jahren:

Dann wiederum, habe ich nie das Bedürfnis verspürt, das zu machen was andere von mir erwarten, im Gegenteil, ich schreibe hier genau das was mich interessiert — was ja auch der Reiz an diesem Blogdings ist. Etwas zu polemisch vielleicht, habe ich die Kleinschreibung auch hin und wieder als hocheffektiven „Arschlochfilter“ wahrgenommen. Mit anderen Worten, hier lesen (vermutlich) vor allem Leute mit, die das was ich schreibe interessiert und nicht wie gross oder klein ich es schreibe.

witz

einen witz zur grossschreibung hab ich vor 10 jahren auch mal gemacht:

„ICH KANN DAS ALLES NICHT LESEN.“ — „WIESO? IST DOCH ALLES GROSS GESCHRIEBEN …“

Nachhaltigkeit?

felix schwenzel,    

„Nachhaltig“ ist das neue, seriöse Universalwort für „supergeil“. Supergeil zu sagen war schon in den Achtzigerjahren ein bisschen peinlich. Jetzt kann jeder bessere Unternehmenssprecher sein Unternehmen, jeder Politiker sein Parteiprogramm mit dem Allzwecksynonym „nachhaltig“ als supergeil bezeichnen ohne sich eine Achtzigerjahreblösse zu geben oder unbescheiden zu wirken.

Das Wort „Nachhaltigkeit“ erfüllt die höchsten Ansprüche bei der Selbstdarstellung. Es wirkt bescheiden, seriös und glaubwürdig und kann mit fast jeder beliebigen positiven Bedeutung aufgeladen werden. Negative Konnotationen von „Nachhaltigkeit“ sind mir nicht bekannt, wer das Wort benutzt spielt mit einem einzigen Griff einen vielstimmigen Akkord positiver Assoziationen: nachhaltige Unternehmen sind arbeitnehmerfreundlich und fair, klimaneutral, ungiftig, umweltbewusst — und selbstverständlich tierlieb.

„Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst und handeln nachhaltig“ — so steht es in den Unternehmensleitlinien von Rewe — und mit Abwandlungen wahrscheinlich bei hunderten anderen Unternehmen. Liest sich gut und glaubwürdig — ist aber mindestens so unkonkret als ob ich meinen Beruf mit den Worten „ich sitze am Computer“ beschreiben würde.

Die Frage was „nachhaltig“ denn nun für das konkrete Handeln bedeutet kommt einem aber gar nicht in den Sinn, weil das Wort so aufrichtig und glaubwürdig klingt. Klopft man auf das Wort, klingt es leider hohl. Das ist auch kein Wunder, weil es ursprünglich (im achtzehnten Jahrhundert) dafür benutzt wurde eine zukunftsfähige Forstwirtschaft zu beschreiben. Also eine Bewirtschaftung, die sich nicht durch unkontrollierten und gierigen Raubbau den Teppich unter den Füssen wegzieht. Eigentlich eine Selbstverständlichkeit: eine Bewirtschaftung die länger als als nur kurz funktioniert.

Genauso definieren Wörterbücher und Volker Hauff, der Vorsitzende des Rates für Nachhaltige Entwicklung (gibt’s wirklich), Nachhaltigkeit: „Nachhaltigkeit bedeutet Zukunftsfähigkeit“. Der Witz ist, dass man das Wort Nachhaltigkeit ausnahmslos mit Zukunftsfähigkeit ersetzen kann. Probieren Sie es aus, in diesem Heft oder im Internet kommt das Wort ja gehäuft vor. Obwohl „Zukunftsfähigkeit“ quasi bedeutungsgleich mit „Nachhaltigkeit“ ist, will es niemand benutzen. Es ist nicht unscharf genug und lässt sich nicht mit beliebigen Bedeutungen verwässern.

Journalisten dürften übrigens sehr traurig darüber sein, dass sie das Wort Nachhaltigkeit nicht zum Eigenmarketing verwenden können. Wenn Sie sich selbst als aufrichtig, verantwortungsbewusst und zukunftsfähig darstellen möchten, müssen sie das leicht abgewetzte und peinliche Wort „Qualitätsjournalismus“ verwenden. Selbst Politiker sind nicht schamlos genug, ihre Arbeit Qualitätspolitik zu nennen.

Produkte deren Qualität so fraglich ist, dass sie in der Produktbezeichnung ihre Qualität thematisieren, sind immer ein bisschen mitleidserregend. In den Worten „frischer Fisch“ schwingt für mich immer die Assoziation von Fischgestank mit, bei „Qualitätswein“ zwängt sich in meinem Geist immer das Wort „süß“ zwischen die Zeilen, eine „Qualitätsoffensive“ erinnert inhärent an die minderwertige Beschaffenheit der letzten Produktgeneration.

Ich persönlich halte Schaumworte wie Nachhaltigkeit oder „Qualitätsjournalismus“ nicht für zukunftsfähig.

Vielleicht sollte man, bevor sich der Glanz dieser Begriffe durch inflationäre und willkürliche Nutzung abgewetzt hat, wieder die Liebe zu einer plastischen, konkreten Sprache kultivieren um die Qualitäten der eigenen Arbeit oder Arbeitgebers herauszustellen. Einfach das Suffix „Qualität-“ aus Selbstbeschreibungen streichen, so wie das jeder gute Journalist mit Adjektiven in Pressemitteilungen macht. Auf generische, modische und wachsweiche Füllwörter komplett verzichten und sagen was ist. Offen legen wie man arbeitet, erklären warum man Dinge tut, Fehler vermeiden, aber offen mit ihnen umgehen.

Benehme dich anständig, tu Gutes und nenne es nicht „Qualitätsirgendwas“ oder „nachhaltiges Handeln“.

Werner von Siemens hat das schon 1884 hinbekommen, als er sagte:

Für augenblicklichen Gewinn verkaufe ich die Zukunft nicht.

* * *

anmerkung: das ist der text meiner kolumne im (gedruckten) t3n-magazin nummer 40. in ein paar wochen kommt die neue ausgabe, mit einer neuen kolumne von mir. die taucht dann wiederrum in ca. drei monaten hier auf. einen absatz aus dieser kolumne hab ich vor drei monaten bereits veröffentlicht.

weil ich für die kolumne bezahlt werde, enthält sie auch gross- und kleinschreibung.

vorherige kolumnen: