wie sigmar gabriel die frage „Warum lügen Sie?“ beantwortet

felix schwenzel,    

sigmar gabriel bessert bei seinem loblied auf die vorratsdatenspeicherung im ARD-brennpunkt am 27. november 2013 ein bisschen nach. damals hatte er noch gesagt (zitat nach kai biermann):

… durch die dortige Vorratsdatenspeicherung, wusste man sehr schnell, wer in Oslo der Mörder war (…). Das hat sehr geholfen.

jetzt sagt er, damals wie heute gelte in norwegen eine maximale dreiwöchige sperrfrist für „Telekommunikationsverbindungsdaten“. was im übrigen etwas ganz anderes ist, als eine anweisung verbindungsdaten zwangsweise mindestens für einen bestimmten zeitraum zu speichern. diese anweisung, daten maximal drei wochen zu speichern, meint gabriel, hätte geholfen „wertvolle Hinweise etwa auf [Breiviks] Kommunikation“ zu erlangen. zitat:

Durch die bereits und auch weiterhin bestehende Möglichkeit der kurzen Vorratsdatenspeicherung bei den norwegischen Providern ist mit Sicherheit davon auszugehen, dass die zum Tatzeitpunkt (22. Juli 2011) gespeicherten Daten von und über Anders Breivik den ErmittlerInnen wertvolle Hinweise etwa auf dessen Kommunikation in den Wochen vor seinen Anschlägen geliefert haben.

tatsächlich ist das was sigmar gabriel in seiner antwort als „kurze Vorratsdatenspeicherung“ bezeichnet etwas ganz anderes. es ist eben eine anweisung der datenschutzbehörde, die daten spätestens nach drei wochen zu löschen und keine anweisung die daten auf vorrat zu sichern. 2009 galt diese anweisung in norwegen als sieg der datenschützer und der privatsphäre. die polizeibehörden empfanden diese regelung als gefährlich und warnten davor, dass norwegen damit zu einem rückzugsort für computerkriminelle werde. (den aftenposten-artikel habe ich über netzpolitik gefunden.)

mit seiner antwort auf abgeordnetenwatch räumt sigmar gabriel also offenbar ein, dass die vorratsdatenspeicherung nicht entscheidend war, um zu ermitteln wer in oslo der mörder war, sondern, dass es in norwegen möglicherweise die möglichkeit gab „wertvolle Hinweise“ auf irgendwas zu erlangen.

mich erinnert das an einen weltuntergangspropheten der vorhersagt, dass morgen die sonne nicht aufgehen würde. wenn dann am nächsten tag die sonne hell am himmel steht und ihn alle der lüge bezichtigen, sagt er einfach: „aber es ist doch die erdrotation die lediglich den eindruck macht, die sonne wäre aufgegangen! die sonne ist auch heute nicht aufgegangen, ihr ungebildeten fickgesichter!“

rebound-effekt vs. effizienzsteigerung

felix schwenzel,    

kürzlich habe ich darüber geschrieben, dass ikea zwar hart daran arbeitet, den eindruck eines resourcenschonenden und nachhaltig wirtschaftenden konzerns zu erwecken. dass verbrauchseinsparungen allerdings nicht immer ökologisch und volkswirtschaftlich sinnvoll sein müssen, habe ich versucht an ikeas umgang mit wassersparenden produkten beim marketing in deutschland aufzuzeigen. obwohl es in deutschland wenig sinnvoll ist, pauschal zum wassersparen aufzurufen und ikea diese problematik bekannt ist, vermarktet ikea seine wassersparenden produkte in deutschland exakt genauso wie beispielsweise in wasserarmen ländern wie saudi-arabien, portugal oder spanien.

ikea zeigt sich unwillig länderspezifisch zu differenzieren, was auch auf ein resourcenproblem bei ikea deutet: das marketing wird offenbar zentral gesteuert und die anpassung an lokale märkte scheint nicht aus mehr als übersetzungen zu bestehen.

2012 hat ikea seine globale nachhaltigkeitsstrategie mit einem aufwändig produzierten werbespot vorgestellt. das factory-magazin rezitiert die strategie ausführlich, weist am ende des artikels aber noch auf ein weiteres problem hin, dass ich erahnt hatte, aber bisher nicht erfolgreich googlen konnte, weil mir der fachbegriff dafür fehlte: der rebound-effekt.

das nachhaltigkeitslexikon erklärt den effekt so:

Der Rebound-Effekt bezeichnet den mengenmäßigen Unterschied zwischen den möglichen Ressourceneinsparungen, die durch bestimmte Effizienzsteigerungen entstehen, und den tatsächlichen Einsparungen. Somit führt der Rebound-Effekt dazu, dass das Einsparungspotenzial von Effizienzsteigerungen nicht oder nur teilweise realisiert wird.

das heisst, die neuanschaffung von effizienteren geräten, kann die erwarteten einspareffekte marginalisieren oder anfangs sogar gegenteilig wirken.

interessant fand ich, dass das wort rebound nirgendwo im ikea-website-kosmos auftaucht (stand 8.12.2013). noch nicht einmal die langfristig angelegte globale nachhaltigkeitsstrategie (pdf) erwähnt das wort. eigentlich kein wunder, weil das hauptziel von ikea, möglichst viele konsumgüter weltweit zu verkaufen, natürlich nur partiell zum nebenziel passt, sich als nachhaltig wirtschaftendes unternehmen darzustellen.

besonders eklatant fand ich beispielsweise ikeas scheissegal-haltung, als wir letztes jahr eine küchenabzugshaube kauften und ikea bereits nach 7 monaten nicht mehr in der lage war, dafür verbrauchsteile zu liefern. nachhaltigkeit ist leicht zu papier zu bringen, aber eben nicht so leicht umzusetzen. das gilt natürlich vor allem für unternehmen wie ikea, die einen nicht unerheblichen umsatz mit wegwerfprodukten machen.

ich finde die nachhaltigkeitsstrategie von ikea durchaus sinnvoll, finde aber beeindruckend wie löchrig die umsetzung bereits bei ein oder zwei oberflächlichen blicken erscheint. ich glaube dass man hier noch interessante lücken zwischen anspruch und wirklichkeit finden könnte, wenn man hier weiter nachbohrt.

oldboy

felix schwenzel,    


gestern abend habe ich mir für 3 dollar oldboy im amerikanischen itunes store geliehen und angesehen. hätte ich danach einen tweet verfasst, lautete er wie folgt:

was für ein grässlicher, aber unbedingt sehenswerter film.

aber gestern stand ich noch unter schock. der letzte film der mir so eindringlich (und grässlich) ins bewusstsein eingedrungen ist, war vor fast 20 jahren se7en. den film als dunkel zu beschreiben ist eine verniedlichung. der film packt einen auf einem existenzialistischen niveau, bei dem satre und camus einpacken können.

dazu kommt, dass der film unfassbar intensive und kompromisslose bilder produziert, ohne auch nur ein einziges mal überinszeniert oder aufgesetzt zu wirken. in den momenten, in denen er überinszeniert zu wirken droht, steuert der regisseur chan-wook park sehr gekonnt mir humor gegen. ich habe tatsächlich mehrfach während des films laut aufgelacht. bei der szene, in der choi min-sik einen lebenden tintenfisch verspeist, habe ich zwar nicht gelacht, musste sie mir aber mehrfach hintereinander ansehen. bei anderen szenen musste ich zur sicherheit meine augen bedecken.

wenn man die handlung des films jemandem anders erzählt, hört sie sich unfassbar blöd und absolut unverfilmbar an (ich habs ausprobiert), aber wenn man den film sieht, zweifelt man nicht einen augenblick an dem was man sieht und kann der wucht der geschichte unmöglich ausweichen.

ich frage mich allerdings, warum ich fast 10 jahre gebraucht habe, um über den film zu stolpern. gestern bin ich, glaube ich, über den film gestolpert, weil gerade ein (schlimmes) remake des films von spike lee in die kinos gekommen ist und ich dazu wohl etwas aufgeschnappt haben muss oder die redakteure des itunes store den film aus ebendiesem grund nach vorne geholt haben.

natürlich ist der film nicht im deutschen itunes-store zu finden und wäre er das, wahrscheinlich nur in grässlicher deutscher synchronisierung. im us-store ist der film selbstverständlich im koreanischen original mit englischen untertiteln zu haben, was ehrlichgesagt ein grosses vergnügen war. für diesen film alleine lohnt es sich übrigens ein us-account im itunes-store einzurichten. wie das geht lässt sich gut googlen, wenn genügend leute nachfragen, schreibe ich aber auch gerne nochmal drüber.

[foto: iwdrm.tumblr.com]

reingedrückte werbung

felix schwenzel,    

eigentlich ist mir werbung egal. es gibt aber in letzter zeit öfter fälle, in denen ich das gefühl habe, dass werbung mich anspricht — allerdings nicht in dem sinne, dass sie mir besonders gefällt, sondern in dem sinne, dass sie bei mir zuhause klingelt und „hallo“ sagt. werber haben dafür sicherlich ein fachwort, mir fällt dazu keine angemessene bezeichnung ein.

die funktionsweise solcher werbung ist unterschiedlich, aber oft funktioniert sie, indem sie einen boten nutzt, der meinen inneren werbeblocker umgehen kann. das gibt es im prinzip schon länger und für diesen mechanismus kenne ich sogar das fachwort: testimonial. die werber nutzen einen menschen, den die zielgruppe sympathisch findet oder gar bewundert oder besonders toll oder vertrauensvoll findet. ein beispiel dafür war manfred krug, der 1996 werbung für den börsengang der telekom machte. die telekom nutze das vertrauen und die vertrautheit die viele menschen in deutschland manfred krug entgegenbrachten und folgten seiner empfehlung t-aktien zu kaufen. viele t-aktien-käufer bereuten nach einer weile den kauf der aktien, weil sie damit teilweise enorme verluste machten. manfred krug bereute die werbung später, wohl auch, weil die kritik an der telekom sich auch persönlich gegen ihn richtete.

ein anderes beispiel von werbung, die sich in mein privatleben einschlich und mir am ärmel zog, war die vodafone-kampagne 2009. an ihrer entstehung waren einige leute aus meinem bekannten- und freundeskreis beteiligt, ich bekam auf verschiedenen privaten kanälen informationen zu ihrer entstehung eingespeist — alles vorbei an meinem inneren werbeblocker. in der regel reagiere ich auf werbung, insbesondere auf schlechte werbung mit einem schulterzucken. diese werbung war aber personalisiert. offiziell richtete sich die kampagne an die „Generation Upload“. im eigens eingerichteten blog, wanzte sich vodafone wie folgt an mich heran:

Doch wer ist das eigentlich, die „Generation Upload“? Die Antwort ist denkbar einfach: Du bist die „Generation Upload“. Warum? Weil alles, was Du startest, heute die Welt bewegen kann!

mein freund sascha lobo als testimonial, einige blogger, die ich mehr oder weniger gut kannte, vor und hinter der kamera; die werbung war ein volltreffer und sprach mich voll an. sie stand vor meiner tür. es gab nur ein problem. sie kam in form von freunden und bekannten, war aber genauso verlogen, undifferenziert und auf verblödung angelegt, wie werbung nunmal fast immer ist.

die werber hatten eines ihrer ziele erreicht: sie hatten die volle aufmerksamkeit von bloggern, menschen die sich im internet zuhause fühlen oder die schonmal eine datei irgendwo hochgeladen haben. und sie nutzten diese chance, um diesen menschen den üblichen scheiss zu erzählen und zu versuchen, ihnen überteuerte produkte anzudrehen. das hatte dann bemerkenswert negative effekte.

* * *

werbung die sich an den inneren abwehrmechanismen vorbei drängt ist der neue heisse scheiss. in den sozialen netzwerken werden einem die sachen die freunde oder bekannte gut finden empfohlen, blogger verlosen waren die sie von firmen zur verfügung gestellt bekommen haben, bekannte twittern oder teilen werbelinks. oft funktioniert das sehr gut, vor allem wenn die produkte für sich selbst sprechen können und nicht in schönformulierten lügen, irreführung oder libidokitzel eingepackt werden müssen. auch subtilere botschaften erreichen so die zielgruppe: der laden kann ja nicht schlecht sein, schliesslich würde der dings ja sonst nicht mit denen kooperieren oder mir die empfehlen.

if your friends talked to you the way advertising talks to you, you should facepalm.

* * *

ikea hat derzeit auch meine volle aufmerksamkeit. ein paar blogger die ich mag und schätze bloggen derzeit für ikea. das blog habe ich deshalb abonniert und so fliessen jetzt neben ikea-familiy-newslettern, ikea infomails, aufforderungen der ikano-bank bei ihnen einen kredit aufzunehmen, auch ikea werbebotschaften durch meinen feedreader in mein hirn. in den strom der blogger-geschichten, flechtet ikea hin und wieder seine werbebotschaften ein. ikea findet das sicherlich super, dass sie so meine volle aufmerksamkeit bekommen. so habe ich gelernt, dass ich bei ikea „Geschirr, Küchenutensilien und Textilien in vielen verschiedenen Farben und Mustern“ finde — und dass die nicht nur hübsch aussehen, sondern auch „gute laune machen“. das ist sicherlich der grund, warum in psychiatrischen kliniken vor allem ikea-küchenutensilien und -textilien benutzt werden. ebenso habe ich gelernt, dass kochen, backen, spülen und kühlen nicht so ohne weiters funktionieren:

Kochen, Backen, Spülen, Kühlen – ohne Strom und Wasser geht das nicht.

so nutzt man die aufmerksamkeit der werberelevanten gruppe optimal: praktische tipps und tricks in interessanter, nicht allzu blöder sprache in lesenswerte, kleine geschichten verpackt:

Wir glauben: In jedem Geldbeutel ist Platz für die Traumküche.

ich bin meistens schon froh, wenn ich alle kredit- und ec-karten und die von ikea und ein bisschen schein- und kleingeld in meinem geldbeutel unterbringe. in schweden schleppen die leute also ihre traumküche mit ins theater oder kino. man kann beim konsum von werbebotschaften also durchaus etwas über fremde länder lernen.

über wassersparen kann man auch allerhand in der ikea-werbung lesen:

Wusstest du, dass ein Geschirrspüler mit Abstand die sparsamste Methode ist, dein Geschirr zu spülen? Vorausgesetzt, du packst ihn voll. So kannst du im Vergleich zum Handspülen hunderte Liter Wasser im Jahr sparen – und natürlich jede Menge Arbeit. Außerdem kannst du mit einer Mischbatterie von IKEA deinen Wasserverbrauch zusätzlich um bis zu 30% senken – dank integriertem Strahlregler und ohne Wasserdruckverlust.

anderswo formuliert ikea das noch beeindruckender:

Der Wechsel zu einer Mischbatterie für Küche oder Badezimmer von IKEA kann deinen Wasserverbrauch um bis zu 50% senken. Das Geheimnis? Ein Strahlregler im Innern der Mischbatterie sorgt für einen geringeren Wasserdurchfluss bei gleichem Druck. So sparst du Wasser und hoffentlich auch etwas Geld.

als ich das las, kamen mir texte in den sinn, die nicht allein den verkauf von konsumgütern dienten. zum beispiel dieser von christoph drösser, der wassersparen auf diesen kurzen nenner bringt:

Jeden Tag nutzt der Durchschnittsdeutsche 130 Liter Wasser, die Zahl ist rückläufig und liegt unter dem Weltdurchschnitt. Sie weiter zu senken ist ökologisch nicht besonders sinnvoll.

differenzierter und deutlicher wird, ebenfalls in der zeit, wird pierre-christian fink:

Hans-Jürgen Leist vom Hannoveraner Umwelt-Institut Ecolog sagt: »Die Deutschen nehmen das Wasser viel zu wichtig. Sie verleihen ihm fast eine heilige Aura.« Und sie sparen an jedem Tropfen. Das Ergebnis: Kaum ein anderes Industrieland verbraucht pro Kopf so wenig Wasser wie Deutschland.

Leist findet das »absurd«. Denn Wasser ist hierzulande im Überfluss vorhanden. Die Deutschen könnten mit gutem Gewissen mehr Wasser verbrauchen, findet er, und ihre Sparwut könne der Umwelt sogar schaden statt nützen. Ähnlich sieht das Ingrid Chorus, Wasserexpertin im Umweltbundesamt : »Wassersparen gibt den Verbrauchern das Gefühl, dass sie der Umwelt etwas Gutes tun. Aber wenn man das mal rational betrachtet, kommt das dabei in Deutschland nicht heraus.«

mir ist natürlich klar, dass unternehmen die konsumgüter in deutschland verkaufen, ein gespaltenes verhältnis zum differenzieren haben. diese unternehmen hassen es in ihrer werbung zu differenzieren, schliesslich geht es ja um den verkauf von produkten und nicht um verbraucherinformation. da ist jede information oder differenzierung potenziell geschäftsschädigend. deshalb hat die lebensmittelindustrie die einführung einer lebensmittelampel verhindert, deshalb bietet ikea verbrauchern, wie vor ein paar hundert jahren beim ablasshandel, ein reines gewissen, wenn sie wassersparende geräte oder mischbatterie kaufen. differenzierung wünschen sich unternehmen meisten nur dann, wenn über sie berichtet wird. da ist es dann plötzlich wichtig ganz genau zu unterscheiden und alle möglichen aspekte zu betrachten, statt grob zu vereinfachen.

trotzdem hat es mich interessiert, warum ikea, das ja grossen wert darauf legt als unternehmen das nachhaltig und umweltschonend wirtschaftet wahrgenommen zu werden, in deutschland das wassersparen propagiert, obwohl es ja bekannt und relativ unstrittig ist, dass wassersparen in deutschland „unsinn“ ist (zitat hans-jürgen leist). ein pressesprecher von ikea sagte mir auf meine frage wie sich die undifferenzierte propagierung dieses ökologischen unsinns mit ikeas versuchen sich als ein nachhaltiges unternehmen darzustellen vertrage, dass ikea „die Herausforderungen, die auf die Wasserversorger zukommen und die durch verschiedene Ursachen entstanden sind“ durchaus bewusst seien:

Jedoch betrachten wir die Technik und Weiterentwicklung von Produkten hin zu mehr Effizienz als positiv, ein ineffizienter Umgang mit Wasser scheint keine langfristige Lösung. Weiterhin geht die Wassernutzung und das Wasser sparen im Haushalt häufig einher mit Energieverbrauch bzw. -einsparung und ist betrachtet unter diesem Aspekt ebenfalls sinnvoll. Denn weniger Nutzung von (Warm-)Wasser bedeutet auch weniger Energieverbrauch. Die Vorteile von effizienteren Produkten und Geräten, u.a. zum Wasser sparen, kommunizieren wir.

übersetzt heisst das, dass ikea aus prinzip (effizienz!) zum wassersparen aufruft und die lösung der probleme (herausforderungen!) den wasserversorgern und kommunen in deutschland überlassen möchte. langfristig sollten also die wasserversorgungs- und abwassersysteme umgebaut werden, die für die derzeit aufs wassersparen versessenen deutschen zu gross ausgelegt wurden, weil nur effizienter umgang mit wasser eine „langfristige Lösung“ verspricht.

ich weiss nicht wer zynischer ist

  • der pressesprecher von ikea, der die probleme die auf die wasserversorger zukommen einfach auf andere abwälzt, um kantenfreie werbung und effizientes image-weisswaschen zu rechtfertigen
  • oder ich, der so tut als sei ikea die einzige organisation die unsinn verbreitet um sich gleichzeitig ein grünes image und saftige umsätze zu sichern.

schliesslich lebt eine ganze industrie davon, den deutschen einzureden, wassersparen sei nach dem gelben sack und bio-huhn das drittbeste was man für die rettung der welt tun könne, ohne seinen lebenswandel grossartig zu ändern oder auf den urlaubsflug auf die malediven oder nach katar zu verzichten.

aber: wer an meiner tür klingelt oder sich mit hilfe meiner bekannten an meinen internen werbeblockern vorbeimogelt und mich so direkt und persönlich anspricht, muss schon gute argumente haben, wenn er mich von irgendwas überzeugen will. und eben damit rechnen, dass ich stinkig werde, wenn ich das gefühl habe, dass da jemand versucht mich zu verschaukeln.

ich vermute das ist ein sträflich vernachlässigtes problem beim empfehlungsmarketing und ranwanzen über soziale netzwerke: wenn das produkt oder die argumente nicht einwandfrei sind, kann das marketing ruck-zuck nach hinten los gehen.

* * *

was ich wirklich schade finde: zwei fragen hat mir der pressesprecher nicht beantwortet:

die eine war, dass mir auffiel, dass ikea kunden auf der ganzen webseite (und dem katalog) duzt, journalisten aber nicht. wahrscheinlich ist der gleiche grund, warum einen niemand in den ikea-läden in deutschland duzt: man traut sich das einfach nicht.

die andere frage hätte ich wahrscheinlich auch ignoriert: die nachhaltigkeitsseite von ikea ist auffälligerweise mit eine englischen, sprechenden URL ausgestattet. tatsächlich scheint sie global identisch zu sein. sowohl die amerikanische, die italienische, portugisische und sogar die japanische und saudiarabische variante scheinen textlich, bis hin zu den bildern, inhaltsgleich zu sein. da beantwortet sich diese frage wahrscheinlich von selbst:

Dürfen Sie möglicherweise die Texte die Ihnen vom globalen Marketing vorgelegt werden, gar nicht für das jeweilige Land anpassen, sondern nur übersetzen?

das prinzip effizienz scheint ikea unter keinen umständen zu opfern bereit zu sein. selbst wenn das bedeutet, dass man hier und da unsinn kommuniziert.

[bildidee: gapingvoid]

demut

felix schwenzel,    

ich mag das wort demut. die beifahrerin hasst es. das kann natürlich auch an unterschiedlichen interpretationen der bedeutung liegen. für mich spielt der bedeutungsaspekt der unterwürfigkeit weniger eine rolle, als die bescheidenheit. und zwar nicht bescheidenheit im sinne von understatement, sondern im sinne eines eingeständnisses der eigenen fehlbarkeit. deshalb sehe ich demut nicht nur als hübsches wort, sondern vor allem als eine haltung, die den austausch und die kommunikation mit anderen menschen erleichtert, aber auch den umgang mit und das verständnis der welt.

vor einer weile schrieb ich mal:

wahrheit ist immer ein kompromiss.

das ist natürlich ein potenziell sehr missverständlicher satz, zumal ich mein zitat völlig aus dem zusammenhang gerissen habe. auf facebook versuchte ich den satz auf nachfrage von carsten herkenhoff etwas zu präzisieren und sagte, dass es natürlich wahrheit gebe, sie uns menschen aber nicht vollumfänglich zugänglich sei. carsten herkenhoff wies darauf hin, dass man wahrheit natürlich immer an der menschlichen erkenntnisfähigkeit ausrichtet und nicht an dingen die sich der menschlichen erkenntnisfähigkeit entziehen. man könne also durchaus wahrheiten festestellen oder die richtigkeit von theorien prüfen. carsten herkenhoff hat da sicherlich recht und die diskussion um den begriff der wahrheit und zumindest mein umgang mit sprache ist alles andere als präzise. aber in der sache ging es mir darum, sogenannten wahrheiten immer differenziert, skeptisch und mit demut zu begegnen. denn ich bin überzeugt davon, dass menschen, die glauben im besitz der wahrheit zu sein, die welt zur hölle machen.

jedenfalls dachte ich an das, was ich im vorherigen absatz schrob, als ich diesen artikel über demut von wolfgang lünenbürger-reidenbach heute früh las.

Manchmal frage ich mich dann […] woher sonst die Vorstellung kommen mag, das Leben, die Gesellschaft, das Netz, die Politik oder was auch immer durchplanen zu können. Ob es wirklich und ernsthaft Menschen geben kann die sich nicht nur einzureden versuchen […], sie könnten die Zukunft vertraglich regeln oder die Funktionsweise von irgendwas mit Menschen oder der Natur mithilfe von Gesetzmäßigkeiten erklären und vorhersagen.

Witzigerweise habe ich noch nie eine Naturwissenschaftlerin getroffen, die das Konzept "Naturgesetz" für ihren Expertisebereich für existent gehalten hätte. Sondern allenfalls für eine Näherung, die so lange plausibel ist, bis sie widerlegt wird.

mir gefällt die idee, demut als eine art eingeständnis zu sehen, dass wir fehlbar und grösstenteils machtlos sind, ohne dadurch unterwürfig oder trübselig zu werden. im gegenteil; das eingeständnis von fehlbarkeit bedeutet keinesfalls, dass man nicht felsenfest von etwas überzeugt sein kann. solange man diese überzeugung, wie ein guter wissenschaftler, als hypothese betrachtet, die durch neue fakten, andere blickwinkel oder perspektiven neu evaluiert oder formuliert werden muss. spasseshalber habe ich meine aversion gegen bestimmte menschen immer als praktische temporäre vorurteile angesehen. ich bin der festen überzeugung, dass viele von den menschen die ich als arschlöcher wahrnehme auch wirklich arschlöcher sind. aber ich bin jederzeit bereit die perspektive zu wechseln, oder neue erkenntnisse in ein neues temporäres vorurteil einzuarbeiten. viele leute die ich früher mal als arschlöcher bezeichnet habe, sind jetzt beste freunde.

genaugesehen sind alle unsere urteile vorurteile. wir können versuchen unsere urteile auf eine möglichst breite basis zu stellen, aber niemals ausschliessen, dass wir etwas übersehen oder vergessen haben. das einzugestehen sehe ich übrigens als einen der wenigen erfolgreichen schritte, die ich in richtung erwachsenwerden unternommen habe. die meisten kinder sind unerträgliche klugscheisser. zumindest ich war das. alles was ich von einer person, der ich grösste autorität zugestand, aufschnappte, war für mich die wahrheit. eine wahrheit die vehement gegen anderslautende behauptungen verteidigt werden musste.

demut muss man lernen. sie ist ein erkenntnisprozess und nichts schwermütiges oder trübsinniges. und: das eingeständis von fehlbarkeit und machtlosigkeit, kann einem durchaus sicherheit geben.

was ich aber eigentlich sagen wollte: ich freue mich, dass ein theologe und überzeugter kirchgänger wie wolfgang lünenbürger auf die gleichen erkenntnisse wie ein überzeugter atheist kommen kann und dass ich als atheist, die gleichen sinnsprüche überzeugend und bedeutend finden kann, wie ein theologe. wolfgang lünenbürger zitiert am ende seines artikels den theologen karl barth:

Die einzig mögliche Antwort auf die wirklich gewonnene Einsicht in die Vergeblichkeit alles menschlichen Werkes ist, sich frisch an die Arbeit zu machen.

wunderbar!

[bild: entwurf für das denkmal für demut zur deutschen einheit von stephan balkenhol: „der knieende“, © bundesamt für bauwesen und raumordnung]

ketten-fragebogen

felix schwenzel,    

floyd celluloyd hat mir ein paar fragen gestellt und ich beantworte auch gleich ein paar fragen mit, die er beantwortet hat und die er mir gar nicht gestellt hat. ausserdem breche ich die kette hiermit, indem ich niemandem neue frage stelle. das können andere besser.

Auf einer Skala von 1 – 10 wie Scheiße findest Du Stöckchen und warum?
den namen finde ich scheisse. stöckchen. das hört sich mindestens genauso doof an wie blogparade. warum benennt man sowas nicht als das was es ist? ein backlink-generator oder google-safter oder kettenfragebogen. oder einfach fragebogen?

Warum bloggst du? Könntest du deine Zeit nicht sinnvoller nutzen?
nein. für mich ist bloggen eine art verdauung. und darauf möchte ich nicht verzichten, weil ich dann verstopfung bekäme. ich verstehe dinge besser, wenn ich über sie schreibe, sie kommentiere oder um sie streite. ich streite sehr gern und auch wenn es nicht immer so aussieht, ich lerne sehr viel dadurch. meine meinung ist wandelbarer und durch gegenargumente formbarer als man denken mag, wenn man mich liest. oder anders ausgedrückt, es gibt nichts interessanteres, als leute dabei zu beobachten, wie sie auf kritik reagieren. und ich beobachte mich auch gerne selbst dabei.

Butter bei die Fische, welches Blog ist so richtig schlimm?! Und warum ist es okay das innerhalb dieses Stöckchen Fragebogens zu verkünden?
ich finde pauschalkritik doof. auch wenn man ein muster erkennen kann, sollte kritik immer konkret sein. meistens finde ich auch keine blogs doof, sondern die leute die sie schreiben. oder genauer, ich finde manchmal sachen doof, die leute schreiben. meistens sage ich das dann auch. und ich versuche das auch bei menschen zu tun, die ich gerne mag: öffentlich sagen was man doof findet und warum.

Welcher Artikel aus anderen Blogs ist dir spontan im Kopf geblieben?
genauso wie es mir unmöglich ist mein lieblingsblog zu benennen, ist es mir unmöglich einzelne artikel herauszupicken. mir ist aber aufgefallen, dass ich beispielsweise von kathrin passig noch nie etwas langweiliges gelesen habe. immer nur zu kurzes. ich erinnere mich allerdings an eine geschichte bei don dahlmann die mich damals, vor fast 10 jahren, tief beeindruckt hat und die halbe familie zum weinen gebracht hat, als ich sie beim abendbrot vorgelesen habe. ebenso blieben mir einige artikel von brainfarts.de im gedächnis. das blog gibt es aber leider seit 2007 nicht mehr.

Dein absoluter Lieblings-Artikel in deinem Blog?
ich mag manche meiner witze ganz gerne: den oder den zum beispiel.

Welchem Blog wird aus deiner Sicht zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt?
sascha lobos blog. dem wird von sascha lobo zu wenig aufmerksamkeit geschenkt.

Stelle dir vor, du müsstest über ein tiefgründiges Thema schreiben. Worüber schreibst du?
gar nicht. ich bewundere an einigen autoren die fähigkeit, über scheinbar profane dinge zu schreiben und dabei tiefgründig zu werden. bestes beispiel dafür ist david foster wallace, der über soetwas profanes wie eine kreuzfahrt, ein ungeheuer tiefgründiges buch schrob. ich hoffe, dass ich das manchmal auch ansatzweise schaffe: über profanes ein bisschen tiefgründig zu schreiben.

Freundschaft. Hast du mehr Freunde im Internet, oder in deinem Zimmer neben dir?
ich fürchte ich verstehe die frage nicht. neben mir sitzt gerade niemand. ich denke aber, dass ich viele freunde habe. manche davon habe ich auch im internet kennengelernt.

Ganz ehrlich und unter uns: wie oft checkst du die Statistik deines Blogs? (falls du eine hast)
vier bis fünfmal täglich. vor allem um zu sehen ob ich mehr besucher habe als üblich und wenn ja, wo sie herkommen. ganz einfach weil ich es mitbekommen möchte, wenn sich jemand die mühe macht, auf etwas das ich geschrieben habe, zu reagieren.

Klar gekennzeichnete Werbung in anderen Blogs? Ja oder nein?
schwierige frage. grundsätzlich ja. warum auch nicht? aber die dosis macht das gift.

Verhältst du dich manchmal noch wie ein Kind? Wenn ja, in welcher Situation?
ständig. ich sehe mir beispielsweise regelmässig die sendung mit der maus an. das mache ich einerseits, weil die dinge die dort gezeigt werden manchmal wirklich interessant sind, aber auch, weil ich die didaktik, die erzählstrucktur faszinierend finde. oder anders gesagt, ich finde es faszinierend, anderen leuten dabei zuzusehen komplizierte dinge, die ich möglicherweise schon kenne, allgemeinverständlich zu erklären. ausserdem halte ich mich für ziemlich neugierig und versuche ständig neue sachen zu lernen. das gelingt mir leider oft genauso schlecht, wie es mir als kind gelungen ist. aber neugier ist glaube ich die wichtigste kindliche eigenschaft, die sich jeder mensch bis ans lebensende bewahren sollte.

Was macht dich als Mensch liebenswert und wertvoll?
das zu beurteilen überlasse ich gerne anderen. ich halte mich allerdings für relativ gleichmütig und unaufgeregt, was durchaus manche dazu veranlassen kann, mich zu hassen.