the tonight show starring jimmy fallon vom 11. januar 2016

felix schwenzel, , in gesehen    

(mit donald trump, ken jeong und cam)

ich frage mich, warum ich mir immer wieder sendungen mit donald trump ansehe. ich glaube es ist das bedürfnis zu verstehen. zu verstehen wer das eigentlich ist und was er will und wie er arbeitet. wie er (rhetorisch) arbeitet, hat nerdwriter1 kürzlich auf youtube gezeigt (hier verlinkt). und, wenig überraschend, trump hielt sich an seine bewährte strategie:

Trump's answers consist mainly of one-syllable words, and are at a forth grade reading level. He structures his sentences with a powerfully rhythmic cadence, and ends them on a strong word.

und: wiederholungen, wiederholungen und wiederholungen. eigentlich redet er auch nur stuss, aber eben mit einem ernsten gesicht vorgetragen und mit gelegentlicher, defensiver selbstironie ergänzt („i’m a very good looking guy“).

trump kann man nicht verstehen, weil er für nichts steht, ausser für floskeln, mit denen er ein einziges produkt verkauft: sich selbst. persil wäscht porentief, trump macht amerika wieder gross und bedeutend, colgate schützt gegen karies. alles ganz einfach.

faszinierend ist die orange hautfarbe von trump. aus seinem orangenen gesicht quellen zwei reinweisse augen heraus. obwohl: faszinierend ist nicht das richtge wort: beunruhigend passt hier besser.

ken jeong kam tanzend auf die bühne und sprangg dann auch die ganze sendung weiter herum wie ein quirliger gummiball. obwohl er ziemlich laut und eben quirlig war, wirkte er total ruhig, so wie er auch tanzt: der oberkörper verbleibt unbewegt, während die beine sich unten rhytmisch bewegen.

youtube-video
youtube
youtube-video
youtube

sehr schön auch, dass ken jeong auch irgendwann bezug auf trump nahm, ohne ihn direkt zu nennen:

what makes america great is diversity.
— ken jeong

nachdem jimmy fallon trump im gespräch kein einziges mal unter druck setzte, widersprach oder sich über ihn lustig machte, war das sehr wohltuend.

musikalischer gast war die coutry-sängerin cam. ich mag country-musik ja gelegentlich, aber mit so einer theatralischen, aufgedonnerten stimme wie „cam“ das in dieser sendung vorführte, ist das leider auch nichts anderes als müllpop. country sollte, finde ich, mit gebrochenen stimmen — oder der fieps-stimme von dolly parton, vorgetragen werden. dann geht’s, so nicht.

weil der standup am anfang so schwach war und fallon trump nicht mal ansatzweise versuchte einzufangen nur 2 punkte.

kabarettistischer jahresrückblick 2015

felix schwenzel, , in gesehen    

seit 1997 treten bov bjerg, horst evers, manfred maurenbrecher, christoph jungmann und hannes heesch wochenlang auf, um 2 stunden vor publikum auf das vergangene jahr zurückzublicken. seit sechs oder sieben jahren schauen wir uns das im januar an. normalerweise, bzw. das jahr über, habe ich wenig interesse an kabarett oder veranstaltungen auf denen menschen singen und tanzen, aber diese veranstaltung schaue ich mir jedes jahr aufs neue gerne an. auch weil der ablauf jedes jahr gleich ist:

christoph jungmann und hannes heesch plaudern als angela merkel und franz münteferig, peer steinbrück oder (dieses jahr) als wolfgang schäuble ein bisschen über das vergangene jahr, dann gibt es einzelauftritte von bov bjerg und horst evers in denen sie meistens relativ witzige texte vortragen, ein oder zwei einzelauftritte von manfred maurenbrecher, in denen er meistens relativ emotionale texte am klavier vorträgt, mindestens einen auftritt von hannes heesch in dem er einen politiker parodiert und relativ witzig aufs jahr zurückblicken lässt und ein, zwei oder gar drei gemeinsame auftritte, in denen gesungen wird.

würde man mich unter aufzählung dieser veranstaltungsvektoren fragen, ob ich mir eine solche veranstaltung ansehen wollte, würde ich spontan immer eindeutig nein sagen. weil bov bjerg uns aber jedes jahr unverdrossen und freundlich zu dieser veranstaltung einlädt, gehe ich jedes jahr aufs neue mit der beifahrerin hin, ein paar jahre lang sogar in hamburg. ich habe es nie bereut und war jedes mal hoch amüsiert und bestens unterhalten — etwas das ich mir in der theorie nie vorstellen häte können.

angenehm ist neben den reizenden (und lustigen) darstellern, vor allem die berechenbarkeit des formats. maurenbrecher erzählt jedes jahr (am klavier) ein weiteres kapitel seiner geschichte, bov bjerg trägt jedes jahr eine gut gedrechselte, angenhem distanzierte und nie zu konkrete tirade vor, die auch in seinem blog stehen könnte und horst evers plaudert, genauso witzig wie in seinen büchern, über seinen alltag und wie er die welt sieht. dabei tut er immer ein bisschen naiv, nicht nur weil es seine masche ist, sondern weil es so doppelbödig witzig und subtil hinterfotzig wirkt. dieses jahr hat er angenehm absurd abstrahierend über den berliner flughafen geplaudert und, dass er das publikum, trotz der abgenudeltheit des themas, zu lachtiraden inspirierte, ist ein kleines kunststück.

bovs auftritt als yanis varoufakis war ebenso grandios, vor allem wegen seines phantasiegriechisch und seiner perfekten varoufakisfrisur. die ersten paar sekunden war ich beeindruck von der perfekten maske — ich brauchte ein paar minuten um zu merken, dass bov die haare jetzt auch sonst so trägt.

manfred maurenbrecher wich dieses jahr ein bisschen von seiner routine ab und erzählte seine geschichte (quasi) im duett mit helmut schmidt. ich mag maurenbrechers lieder sehr gerne, obwohl (auch) das in der theorie eher unwahrscheinlich ist. aber jedes jahr berührt mich maurenbrecher erneut auf irgendeiner ungeschützten emotionalen ebene — dieses jahr waren mir seine lieder aber, glaube ich, zu konkret, um mich emotional zu berühren. nächstes jahr dann wieder.

wie jedes jahr, war ich von der wandlungsfähigkeit von hannes heesch beeindruckt, der dieses jahr, glaube ich, gleich zwei neue, perfekte parodien spielte. ich kann mich bisher jedenfalls nicht an ihn als schäuble oder seehofer erinnern, die er beide auf den punkt imitierte, bzw. auf ihre kernmerkmale runterkochte. christoph jungmanns darstellung von angela merkel ist übrigens jedes jahr erneut tief beeindruckend, vor allem weil er nichts, wirklich nichts tut um sie zu imitieren. er ist wahrscheinlich nur er selbst, mit einer perücke und einem bunten kostüm. das meiste was er dann als angela merkel sagt, wirkt improvisiert und vor allem, als ob ihm das allergrösstes vergnügen bereiten würde. wie die echte merkel, ist er in dieser rolle ungreifbar, über den dingen schwebend. eine eigenschaft die offenbar optimal zur moderation oder kanzlerschaft qualifiziert.

horst evers als xavier naidoo beim kabarettistischen jahresrückblick

horst evers als xavier naidoo beim jahresrückblick.

apropos improvisation. in der pause konnte das publikum wunschthemen für ein lied einreichen, was dazu führte, dass es zu einer uraufführung eines lieds über WLAN in der bahn kam, in dem auch die einkommenssituation von psychoanalytikern thematisiert wurde. auch das hört sich in der theorie alles andere als unterhaltsam an, war in der praxis aber grandios.

ich glaube so kann man den kabarettistischen jahresrückblick auch gut zusammenfassen: in der theorie eher unwahrscheinlich, in der praxis aber höchst unterhaltsam und angenehm. nächstes jahr gerne wieder.

(titelfoto von david baltzer, agentur zenit, rückblicke noch bis zum 17. januar in der komödie am kurfürstendamm)

schulz und böhmermann s01e01

felix schwenzel, , in gesehen    

gleich am anfang eskaliert die sendung. pampige, aggressive antworten von gert postel, der sich über doofe fragen und insinuierungen ärgert, die technik streikt bei den einspielern von sibylle bergs bildlos gesprochenen kurzportraits (die erstaunlicherweise gar nicht schlecht sind und ein gutes mass an beleidigungen und komplimenten enthalten) und jan böhmermann fällt mehrfach beinahe hinten vom stuhl, als er sich fallon-mässig über doofe witzchen euphorisiert. wenn die sendung ausser kontrolle gerät, macht sie am meisten spass. und ausser kontrolle (der beiden moderatoren) schien sie durchgehend zu sein. und das ist auch gut so.

alles was ich an roche und böhmermann mochte ist auch im neuen schulz und böhmermann vorhanden. alles was ich weniger mochte fehlt. ich mag das licht, die musik, das bühnenbild (sogar die kameralinsenkästen sind schwarz furniert und ständig absichtlich im kamerabild), ich mag die rauchschwaden, den whisky auf dem tisch, aber vor allem mag ich die bereitschaft der moderatoren auch das eigene scheitern zuzulassen und im fernsehen zu zeigen.

die chemie zwsichen schulz und böhmermann und ihren gästen stimmte vorne und hinten nicht. im prinzip gab es nur ein einziges gespräch auf augenhöhe, zwischen felix „kollegah“ blume und oliver schulz. alle anderen gesprächspartner waren entweder gerade in anderen sphären (gert postel, jörg kachelmann) oder interessierten die moderatoren kaum (anika decker, die vor allem nach til schweiger gefragt wurde). aber auch das war ok, weil die wortwechsel immer noch als stichwortgeber für witzchen und spontane wortspielchen dienen konnte.

warum jörg kachelmann in der sendung einen schal trug ist genau unerklärlich, wie sein hang alles mindestens sechsmal zu wiederholen.
warum gert postel in eine talksendung geht, obwohl er gar keine lust hat fragen zu beantworten ist weniger ein rätsel: er erhofft sich offenbar anerkennung für seine hochstaplerleistungen, die er geschickt hinter seiner alibimotivation versteckt, angeblich mit seinem hochstapeln die schwachsinnigkeit der psychiatrie zu entlarven.
kollegah blume hat magische fähigkeiten, er kann nämlich sympathisch und smart wirken und zur gleichen zeit unsympathisch und doof. das ist eine seltene begabung. kann aber auch sein, dass es sich hier nicht um zauberei handelt, sondern um mein privates problem mit asi-rappern wie ihm. die will ich unter keinen umständen sympathisch finden, aber im laufe einer solchen sendung, kriecht dann doch plötzlich sympathie in mir hoch, die ich gar nicht haben will.

meine lieblingsrubrik bei roche und böhmermann hat es auch zu schulz und böhmermann geschafft: die gäste gehen, das publikum geht und die beiden moderatoren bleiben und sprechen noch 2, 3 minuten über die sendung, kommentieren sich selbst kritisch oder leise lobend. das wirkte schon bei roche und böhmermann eigentümlich echt und aufrichtig — und jetzt auch zwischen schulz und böhmermann.

guck ich mir gerne wieder an.

(zdf-mediathek)

berliner fischmarkt

felix schwenzel, , in artikel    

berliner fischmarkt

heute Abend wollen wir, wie zu jedem jahreswechsel, entspannt zuhause sitzen und früh ins bett. und sushi soll ich heute abend machen. auch wenn der frische lachs von aldi bereits ein paar mal in unser selbstgemachtes sushi gewandert ist und wir den gut vertragen haben, wollten wir den diesmal etwas frischer kaufen. die beifahrerin hat recherchiert wo es in berlin guten fisch gibt und ist auf den berliner fischmarkt gekommen. da sind wir heute hingefahren und haben nicht besonders günstigen fisch gekauft und eine ziemlich günstige und gute fischsuppe im bistro gegessen. allein wegen der fischsuppe lohnt sich die fahrt zum berliner fischmarkt.

fischsuppe im berliner fischmarkt
fischsuppe im berliner fischmarkt — ich hatte schon davon gegessen, bevor ich das foto schoss.

aber auch aus einem anderen grund lohnt die fahrt: wegen der klobude des fischmarkts. die ist offenbar noch aus der zeit von vor 1989, also waschecht DDR — und riecht auch so. also nicht nur nach fäkalien, sondern vor allem nach DDR lösungsmitteln oder plaste-weichmachern. ein geruch wie ich ihn zuletzt im kino international vor 10 jahren gerochen habe.

klohäuschen am berliner fischmarkt

the ridiculous 6

felix schwenzel, , in artikel    

das ist glaube ich der schlechteste film, den ich seit 20 jahren zu ende gesehen habe. der film wird zusammengehalten von überdehnten kacka-, pipi- und pimmelwitzen. ich bin ja ein grosser fan von absurden geschichten und von fäkalhumor. aber gerade fäkalhumor sollte ein bisschen halt haben, oder ein paar gegengewichte. in the ridiculous 6 hängen die witze meisten einfach in der luft oder kommen aus dem nichts.

der film ist auch nur auf den ersten blick absurd. in wahrheit haben die drehbuchautoren tim herlihy und adam sandler einfach nur ein paar genreregeln, western-stereotypen, kacka-, pipi- und analhumor in eine kiste geworfen, wild geschüttelt und die bruchstücke in der kiste dann verfilmt.

erstaunlich ist die teilweise hochkarätige besetzung in den nebenrollen: ein erstaunlich frischer harvey keitel, ein aufgedunsener, zungengelähmter nick nolte und ein lustlos ass-to-mouth-gags runterspielender steve buscemi.

die einzige verteidigungslinie die mir für den film einfällt wäre ironie-trash. das funktioniert aber nicht, weil gags, ironie und trash nicht mit faul hingeworfenen bruchstücken funktionieren, sondern mühsam zusammengepuzzelt und in einen kontext gehängt werden müssen. der einzige kontext in the ridiculous 6 waren blödsinnige western-klischees.

um in die ehrenvolle kategorie des trashs gehoben zu werden, fehlt dem film die sorgfalt und ernsthaftigkeit, die guten trash ausmacht.

aber immerhin ein gutes hat der film. man erkennt, dass die beteuerungen von netflix, ihren künstlern, produzenten oder drehbuchautoren nicht in ihre arbeit zu pfuschen, wahr sind. einmal unter vertrag, scheinen filmemacher in der tat machen zu können, was sie wollen.

bei rotten tomatoes hat der film von den kritiker nur verrisse geerntet, unverständliche 33% der zuschauer mochten den film. zu sehen ist der film bei netflix. ich würde das aber niemandem empfehlen.

warum ich the leftovers so gerne mochte

felix schwenzel, , in artikel    

damon lindelof hat zwar das ende von lost verkackt, aber mit the leftovers hat er sein meisterstück abgeliefert. mir haben die beiden ersten staffeln sehr, sehr gut gefallen. das lag glaube ich vor allem daran, dass die serie vor ambiguität nur so tropft.

vordergründig geht es um ein mysteriöses ereignis, das zwei prozent der weltbevölkerung spurlos verschwinden lässt. die erste staffel spielt drei jahre nach dieser „sudden departure“, die zweite im darauf folgenden jahr und zeigt, wie die übriggebliebenen menschen (die leftovers), mit verlust und der trauer umgehen. das würde an sich schon für ein paar staffeln gute fernsehunterhaltung reichen.

durch die erzählerische distanz, also die beschreibung eines ereignisses, das wir in der realität und den medien so noch nicht erlebt haben, kann die darstellung der trauer, der ängste und dem umgang damit, viel freier und zugänglicher erzählt werden, als wenn es sich um eine konkrete, bekannte katastrophe handeln würde. so ähnlich funktionierte ja auch star trek (oder von mir aus auch star wars): menschen in einem völlig anderen kontext darstellen, um einen distanzierten, abstrahierten blick auf deren und unsere gesellschaftliche situation zu werfen. star trek spielt in der zukunft, aber im kern geht es um rassismus, fremdenhass, ethik und die suche nach dem wesen der menschlichkeit.

so ähnlich funktionierte für mich auch the leftovers: eine reflektion über das, was uns menschen ausmacht, wie menschen mit trauer umgehen und was mit einer gesellschaft passiert, die es nicht schafft mit verlusten, ängsten und trauer umzugehen.

zusätzlich wendet the leftovers noch einen erzählerischen trick an, indem es mystery-elemente in die geschichten einbaut und suggeriert, das alles könne einen grund oder einen sinn haben. die zuwendung zum übernatürlichen, diese flucht ins spirituelle wird in der serie mit konsequenter ambiguität oder ambivalenz dargestellt. man weiss nie, sind die menschen die sich ins spirituelle flüchten nun totale deppen oder weise hellseher? sind die weissager und heiler, die an allen ecken und kanten der seriengesellschaft auftauchen, schwindler oder tatsächlich begabt? auch wenn die ambiguität im laufe der zweiten staffel immer weniger wird und die serie zum staffelende hin andeutet, dass es in der serienrealität tatsächlich das eine oder andere übernatürliche phänomen gibt, kann man die ereignisse die die serie darstellt immer noch als psychologische oder philosophische analogien verstehen. man kann the leftovers, wenn man so will, als profanisierte, fürs fernsehpublikum aufbereitete c.-g.-jung-lehrstunde verstehen.

oder man kann eine einfache lehre aus der serie ziehen. in einer der schlüsselszene am staffelende unterhalten sich zwei der hauptfiguren über die jüngsten ereignisse:

john murphy: „i don’t understand what’s happening.“
kevin garvey: „me neither. [lange pause] it’s ok.“

loslassen, die ereignisse akzeptieren, widersprüche aushalten, ambiguitätstolerant leben. die widersprüche die sich nicht auflösen lassen widersprüche sein lassen, das unerklärliche akzeptieren, then it’s ok.

* * *

die ganz besondere stärke von the leftovers lag meiner meinung nach in der inszenierung und erzählweise. jede folge hatte mehr oder weniger das leben einer der hauptpersonen im fokus, erzählte hintergründe und ereignisse aus der vergangenheit. die einzelnen folgen wurden auch nur grob chronologisch erzählt, die meisten folgen waren zeitlich leicht verschoben und ineinander verkeilt, viele ereignisse wurden immer wieder aus verschiedenen perspektiven erzählt und betrachtet. das führte am ende zu einem etwas klareren bild, aber nie zu einem abschluss oder zu einer erklärung der ereignisse.

wie das alles über zehn folgen in der zweiten staffel zusammengebaut wurde, fand ich extrem beeindruckend. zusammengehalten wurde alles von der immer wiederkehrenden melodie von „where is my mind“ von den pixies (youtube-video).

ich bleibe dabei, die zweite staffel leftovers war mit das beste, was ich je im fernsehen gesehen habe, auch wenn das staffelende vielleicht etwas pathetisch war. aber gerade die etwas pathetische schlussszene sollte natürlich zeigen: wenn du loslässt und deine inneren konflikte löst, passieren wunderbare dinge.

oembed, wordpress 4.4 und mein eigener endpunkt

felix schwenzel, in artikel    

ich mag einbettungen eigentlich nicht. auch wenn der einbettcode, den zum beispiel twitter vorschlägt, gar ncht mal so schlecht ist:


<blockquote class="twitter-tweet" lang="en">
<p lang="de" dir="ltr">
Ich benutze das alte und das neue Twitter noch parallel.
<a href="https://t.co/jAKxoZ2x7S">
pic.twitter.com/jAKxoZ2x7S
</a>
</p>
— Ahoi Polloi (@ahoi_polloi)
<a href="https://twitter.com/ahoi_polloi/status/661589305576550401">
November 3, 2015
</a>
</blockquote>
<script async src="//platform.twitter.com/widgets.js"
charset="utf-8"></script>

der code rendert ein zitat (<blockquote>) mit einer urheberangabe und einem link zum original. damit ist er auch in RSS-feeds lesbar, bzw. ohne javascript. das javascript das an den code unten gehängt ist, reichert das zitat mit CSS-stilen und dem bild an, so dass aus dem hier

das hier wird:

nativer twitter embed

zwei dinge gefallen mir an dem offiziellen embedcode von twitter nicht: die links sind nicht im klartext, sondern per t.co-gekürzt und eventuell an den tweet gehängte bilder fehlen. deshalb habe ich mir meinen eigenen einbettcode gebaut, der diese beiden nachteile ausbügelt. so sieht eine solche einbettung dann aus:

* * *

der vorteil des offziellen twitter-embedcodes ist natürlich seine einfachheit. das HTML-geraffel oben muss man in modernen CMS gar nicht kopieren und einsetzen, in der regel reicht es aus, die tweet-URL zu kopieren und in den CMS-editor einzusetzen. das CMS holt sich dann bei twitter den einbettcode und wandelt die URL selbst um. das funktioniert mit den meisten plattformen so, instagram, youtube, tumblr und, seit wordpress 4.4, auch mit x-beliebigen wordpress-blogs.

wenn ich beispielsweise diese url (http://notizblog.org/2015/12/07/10-jahre-notizblog/) in den wordpress-4.4-editor kopiere, macht wordpress das hier draus:

nativer wordpress embed

technisch ist das alles das gleiche, nämlich oembed. das CMS schaut in einer liste oder auf der seite selbst nach, ob die site einen oembed-endpunkt hat und fragt den dann nach dem einbettcode.

medium.com hat sich hier übrigens eine extrawurst gebraten, sie bieten echte, native embeds nur für twitter an, bzw. benutzt für youtube einen etwas modifizierten player, der bei aktivierter do-not-track-anweisung im browser erst einen OK-klick benötigt, bevor er nativ geladen wird.

medium do-not-track-warnung bei einem youtube-embed

für alle anderen embeds benutzt medium.com einen eigenen einbettmechanismus, der sich titel, artikelbild und die kurzbeschreibung direkt bei der eingebetteten URL holt. damit funktioniert die einbettung im prinzip von jeder beliebigen webseite.

medium embeds

* * *

wie gesagt, ich benutze auf wirres.net, so gut es geht, eigene einbettcodes, die man zum beispiel auf meiner favoritenseite sehen kann. das html erzeuge ich mir automatisch oder semi-automatisch, vor allem, damit einbettungen auch ohne javascript und ohne das laden von trackern oder scripten der originalseiten funktionieren — und vor allem auch im RSS-reader anständig angezeigt wird. das gilt auch für alle youtube-videos, die ich hier einbette (ähnlich wie bei medium.com, siehe oben) und funktioniert analog zu oembed: ich frage, wie oembed, alle möglichen APIs ab, nutze aber eben deren vorgeschlagenen, tracker- und script-infizierten einebttcodes nicht, sondern selbstgebaute.

trotzdem möchte ich aber beim einbettspiel mitspielen, vor allem jetzt, wo wordpress mit der 4.4-version das so einfach gemacht hat eigene inhalte einbettbar zu machen und beliebige andere inhalte (von wordpress 4.4-nutzerinnen) einzubetten.

also hab ich mir gestern einen oembed-endpunkt selbst geschrieben (code hier auf github) — auf wirres.net läuft ja bekanntlich kein wordpress.

das script funktioniert mit allen vielen sites, die mf2-microformate benutzen, indem es die seite nach microformaten absucht und aus den daten eine oembed-antwort, bzw. einen embedcode baut. beispiele:

weil im kopf aller wirres.net-artikel diese zeile steht, können oembed-fähige clients (CMS) den oembed-endpunkt selbst finden:


<link rel="alternate" type="application/json+oembed" href="http://wirres.net/oembed/?url=http://wirres.net/article/articleview/8788/1/6/"/>

damit klappt dann im prinzip auch das einbetten von wirres.net-artikeln in wordpress ≥ 4.4

* * *

wordpress traut x-beliebigen blogs allerdings nicht über den weg. nur oembed-anbieter die in der wordpress-eigenen weissen-liste stehen, dürfen iframes nutzen die auch links ausserhalb ihrer selbst öffnen dürfen. wordpress sandboxed aus sicherheitsgründen iframes von allen oembed-anbietern, die nicht in der liste sind. damit, wusste ich vorher auch nicht, sind viele features wie popups oder einfache links ins aktuelle, obere fenster („_top“) nicht mehr möglich. wordpress umgeht das, indem es iframes mit einem „secret“, also passwort versieht und wenn der iframe dieses secret auslesen kann, können sich der iframe und die einbettende seite nachrichten schicken. so kann dann via javascript wieder auf links in den eingebetteten iframes geklickt werden. allerdings mit der einschränkung, dass nur auf die domain auf der der iframe liegt gelinkt werden darf. deshalb habe ich in meinen iframe javascript-code aus dem wordpress-core kopiert, der diese kommunikation mit der einbettenden seite übernimmt und den gesanboxten embed erst klickbar macht.

hört sich kompliziert an und isses auch. im prinzip könnte jede website (mit microformaten) meinen oembed-endpunkt benutzen und sich von ihm embeds und iframes mit einem teaser erzeugen lassen, aber diese wären dann (in wordpress) nicht klickbar, weil der wordpress-code darauf besteht, dass iframe-quelle und link-ziel auf der gleichen domain liegen. wer also kein wordpress hat und meinen oembed-endpunkt benutzen will, muss ihn sich also auf der eigenen site installieren.

wirres.net embed in wordpress 4.4

das auseshen der embeds orientiert sich (offensichtlich) an den twitter-cards, die twitter gelegentlich unter tweets anzeigt, um eine vorschau auf einen link zu visualisieren. das HTML und CSS ist grösstenteils von twitter ausgeliehen, bis mir eine bessere lösung einfällt.

der code ist alles andere als elegant und ist stark verbesserungswürdig. es soll aber auch nicht mehr als ein erster versuch, eine kleine studie sein.

griffelkunst

felix schwenzel, , in artikel    

heute mussten konnten wir wieder zur griffelkunst-abholung und aussuchung. ich entscheid mich wieder dorthin zu laufen, die beifahrein wollte per bahn nachkommen. ich bin dann vom naturkundemuseum durch mitte zur s-bahn frankfurter allee gelaufen. das wetter war eher trübe, aber fast frühlingshaft warm. ausser am alex, da zogs ein bisschen.

gegenüber des escados am alexanderplatz wurde ein plattebau so grässlich renoviert, dass die platte jetzt aussieht wie ein mehrfamilienhaus in einem vorort von oberursel. ich konnte das nicht fotografieren. mich reizen da eher die realsozialistischen bausünden von damals™.

alexanderplatz

eins der gebäude dort steht kurz vor dem abriss. die fenster sind schon fast alle raus, bald kommt da sicherlich der bagger mit den kräftigen zangen.

alexanderplatz

ein bisschen weiter wird man quasi aufgefordert döner zu essen. wenn man die öffnungszeiten kennen würde.

iss döner!

das kino international beschäftigt tatsächlich noch einen plakatmaler. auf der frontfassade durfte der ein filmplakat gross aufziehen. ich mag den bau ja sehr gerne, auch weil man ihm von aussen ansieht, welchem zweck er dient. als ich vor vielen jahren einmal dort einen film sah, war ich sehr bezaubert vom alten DDR-klebstoff-geruch, den ich aufs innigste mit meiner kindheit verbinde, in der wir öfter unsere ost-verwandtschaft besucht haben. in deren haus roch es auch immer nach diesem wahrscheinlich nicht besonders gesunden chemie-cocktail. ich gehe aber davon aus, dass der geruch mittlerweile wegsaniert wurde.

kino international

was mir auch auffällt: die spuren die politik überall in der stadt hinterlässt.

spuren der macht: kabelbinder

fürs abknipsen der kabelbinder reicht nach dem wahlkampf wahrscheinlich das geld nicht mehr.

irgendwann bin ich an einem laden vorbeigekommen, in dessen schaufenster ein fernseher hochkant stand, auf dem ein bild der golden gate bridge zu sehen war.

golden gate bridge

ich war dann ziemlich pünktlich, wie verabredet gegen 14 uhr an der frankfurter allee. da ich bei apple mit der beifahrerin befreundet bin, kann ich mit meinem iphone und der freunde-app ihren aufenthaltsort nachverfolgen. ich war ziemlich verwirrt, als sie mit der sbahn an mir vorbeifuhr. also rief ich sie an und bat sie wieder zurückzufahren. um viertel nach zwei war sie dann auch da.

* * *

bei der griffelkunst standen heute, unter anderem, ein paar arbeiten von peter piller zur auswahl. wir haben uns ein bild aus der serie bereitschaftgrad ausgesucht. in der bildergalerie hier bei capitan petzel kann man es sehen, das das letzte bild mit fallschirmjägern und einer pusteblumenpionierin. eine gute wahl, wie wir beide finden.

zurück sind wir dann mit der sbahn gefahren und immer rechtzeitig um- und ausgestiegen.

Home, sweet Office

felix schwenzel, , in artikel    

Präsenz ist relativ. Ich glaube, es ist nicht übertrieben zu sagen, dass sich Präsenz, wie fast alles heutzutage, fragmentarisiert. Als ich mit 16 Jahren mit zwei Freunden per Mitfahrzentrale nach Frankreich zu einem zweiwöchigen Campingurlaub aufbrach, war meine Präsenz in Frankreich nahezu unfragmentiert: Ich war für meine Eltern nicht ohne Weiteres erreichbar. Es gab keine Mobiltelefone und eigentlich konnte nur die schneckenlangsame Briefpost oder der eine oder andere Münzfernsprecher meine totale Frankreichpräsenz ansatzweise aushebeln.

Wenn man früher verreiste, war man wirklich weg. Wenn man heute mit seinem Mobiltelefon verreist, sind nicht nur die Postkarten via Instagram et al. innerhalb von Sekunden in der Heimat, man ist auch per SMS oder Messenger so gut erreichbar, dass man ohne Weiteres von Multipräsenz reden könnte; wir können dank Technologie gleichzeitig an vielen Orten sein.

Manche sehen das, was moderne Kommunikationstechnologien uns heute ermöglichen, als den Horror der ständigen Erreichbarkeit an. Mich entspannt es, weil mir die Technologie – zumindest theoretisch – die Wahl lässt. Ich kann mein Mobiltelefon oder meinen Laptop schließlich immer noch abschalten.

Schon in den 90ern empfand ich meine Nichterreichbarkeit bei Abwesenheit von meinem Festnetzanschluss als umständliches Grauen. Ich hatte zwar, um meine Präsenz am Festnetz zumindest ansatzweise zu simulieren, eine Reihe Workarounds installiert, zum Beispiel durch den Anschluss eines Anrufbeantworters mit Fernabfragefunktion. Ich hätte damals alles gegeben (mein Lachen, meine Aufmerksamkeit oder ungeteilte Präsenz), um besser und entspannter erreichbar zu sein und auf den Fernabfragequatsch in Telefonzellen verzichten zu können.

Jetzt, fast 30 Jahre später, bin ich ständig erreichbar und freue mich jeden Tag darüber – auch, weil ich mir sicher bin, mit den heutigen Technologien meine Präsenz besser und flexibler gestalten und kontrollieren zu können als jemals zuvor.

Der Witz ist natürlich, dass diese Präsenztechnologien es mir nicht nur erlauben, viel flexibler und zufriedener zu leben und zu arbeiten. Sie haben auch einen Preis. Wenn ich an mehreren Orten zugleich sein kann, muss ich auch meine Aufmerksamkeit und meine Konzentration verteilen. Meine Arbeitsleistungen sind nicht mehr nur an einem Ort, im Büro, überwachbar, sondern überall und fast immer. Ich flexibilisiere nicht nur meinen Alltag, ich halse mir auch Verantwortung und vermeintliche Pflichten für meine Arbeit auf, die ich früher™ bequem im Büro hätte zurücklassen können. Ich verteile meine Aufgaben nicht mehr auf eine Acht­-Stunden-­Periode, sondern auf meinen gesamten Alltag. Plötzlich arbeite ich auch am Wochenende – weil es geht.

Technologie bringt uns ungeahnte Fähigkeiten, Bequemlichkeit und Flexibilität – aber neben diesen Segen auch jede Menge Flüche, die mehr oder weniger unbemerkt in unseren Alltag kriechen.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht Home­ oder Präsenzoffice, Flexibilisierung oder Konsolidierung, sondern wie wir die Vor­ und Nachteile ausbalancieren, wie wir unsere Arbeits-­ und Lebensbedingungen so gestalten und verhandeln, dass am Ende alle etwas gewinnen und am Ende doch die Vorteile überwiegen.

Ich versuche in letzter Zeit übrigens wieder, regelmäßig ins Büro zu gehen. Das hilft zwar kaum dabei, meine Präsenz zu defragmentarisieren, aber es erleichtert mir, zwischen Arbeit und Freizeit zu trennen. Morgens, nach einem sehr frühen Frühstück, versuche ich ein paar Stunden lang das Internet leer zu lesen und ins Internet zu schreiben, um dann, mit einem frühen Mittagessen, mein Arbeits-­Arbeitspensum zu erledigen.

Gerade weil ich weiß, dass ich ins Homeoffice könnte, gehe ich besonders gerne ins Büro, erst recht, wenn ich die Flexibilität, die mir mein Arbeitgeber gewährt, gerade gar nicht benötige. Mir reicht (derzeit) die Flexibilität als Potenzial. Zumal im Büro sehr fleissige und freundliche Kolleginnen und Kollegen und ein genauso freundlicher Bürohund rumlaufen.

Was ich allerdings im Büro sehr vermisse: die Möglichkeit zu einem kurzen Mittagsschlaf.

* * *

auch auf t3n.de veröffentlicht

empfehlungsgedöns

felix schwenzel, , in artikel    

im prinzip fing alles mit yahoo an. 1994, sagt die wikipedia, stellten die yahoo-gründer david filo und jerry yang eine seite mit links ins netz, die sie „Jerry and David’s Guide to the World Wide Web“ nannten. auf der liste waren tipps für webseiten aufgezählt, die man sich ansehen konnte. 1995 fing ich ebenfalls mit solchen listen an. auf meiner „homepage“, aber auch mit anderen, zum beispiel meinem kommilitonen thomas kemmer, der eine liste mit interessanten architektur-links erstellte und die ich mitpflegte: die gelbe seite.

früher nannte man das guide, wegweiser, homepage, später dann weblog und heute heisst der vorgang leseempfehlungen auszusprechen kuratierung. die kuratierung war jedoch für einige jahre auf dem absteigenden ast, weil ein paar ingenieure einen kosten- und zeitgünstigeren ansatz gefunden hatten, um das wissen der welt zu erschliessen: algorithmen, also suchmaschinen die das web wie kuratoren durchforsteten, ihre relevanzwertung allerdings nicht nach gefühl oder expertise durchführten, sondern durch das zusammenrechnen von verschiedenen messbaren signalen. damit überholte google yahoo irgendwann mehr oder weniger uneinholbar.

aber das kuratieren, also die manuelle relevanzbewertung von sachen im internet, hat in den letzten jahren eine gewisse rehabilitierung erfahren. sowohl in den sozialen netzwerken, als auch in blogs wird zum grossen teil auf zeug im netz verlinkt. es gibt unzählige newsletter, die einem morgens die nachrichtenlage und links dorthin anbieten. und es gibt eine wachsende zahl komerzieller und professioneller — oder sollte ich sagen hauptberuflicher — anbieter dieser dienstleistung: niuws in form einer app mit „handkuratierten“ inhalten in themenboxen (ich mach da mit), blendle mit empfehlungsmenschen und ressorts wie interviews, medien oder politik (ich mach da mit) oder jetzt, ganz neu, mit piqd.de (ich hab da nen „premium“-zugang zum testen, mach da aber nicht mit).

kuration, empfehlungen, linklisten, hinweistweets, geteilte artikel überall. mittlerweile kann man den eindruck bekommen, dass es bald mehr empfehlungswebseiten gibt, als seiten die originäre inhalte produzieren. oder dass es bald meta-kuratoren gibt, die nicht ausgewählte, relevante inhalte empfehlen, sondern kuratoren, also die empfehler selbst empfehlen.

aber nicht nur die unübersichtlichkeit der medienlandschaft ist ein problem, ein viel grösseres ist die begrenzte aufmerksamkeit und zeit die man als konsument hat. oder anders gefragt: wie gut können sich aggregatoren im medienmix behaupten? wie schaffen sie es, sich in unseren alltag zu drängen?

ich hol mal kurz aus:

blendle fühlt sich für mich wie eine gigantische sonntagszeitung an. wenn ich früher™ meinte nicht viel zu tun zu haben, also zeit hatte, habe ich mir oft eine sonntagszeitung gekauft in der erwartung damit eine angenehme zeit verbringen zu können und interessante sachen zu lesen zu bekommen. so ist das bei blendle im moment auch: ich gehe zu blendle, im wissen, dass ich dort wohl einige zeit verbringen werde und mich festlesen werde. umgekehrt, gehe ich eben nicht „mal eben“ zu blendle, vor allem nicht, wenn meine todo-liste mich anschreit: tu was! ebenso wenig öffne ich meine niuws-app oder piqd.de um in einer arbeitspause mal kurz auf andere gedanken zu kommen oder kurz zu prokrastinieren. das mache ich meist mit spiegel.de um einen kurzen überblick über die vorgefilterte weltlage zu bekommen — oder werfe einen kurzen blick auf meine twitter- oder facebook-timelines.

all die empfehlungsmaschinen, niuws, piqd, blendle und meinetwegen auch die linksektion auf dieser website haben eigentlich keinen platz im alltag, sondern sind soetwas wie sofa-angebote. oder bahnfahrangebote — aber da sitzt man ja auch im sofa, quasi. ich erwische mich immer wieder dabei, wie ich mich gegen einen besuch dieser webseiten entscheide oder den besuch auf einen späteren zeitpunkt verschieben möchte, weil ich weiss, dort verliere ich jetzt zu viel zeit, die ich gerade nicht verlieren möchte. mir fiel das auf, als ich gestern in einem wartezimmer sass und dort eine alte ausgabe des stern aufschlug. dadrinnen waren tatsächlich einige lesenswerte artikel, bzw. interviews. zum beispiel dieses mit max mosley [blendle-bezahllink, 0,65€]. das interview erschien in der ausgabe vom 1. oktober und wurde auf blendle einige male heftigst empfohlen. würde ich mehr zeit auf blendle verbringen, wäre es mir vielleicht schon vorher aufgefallen. isses aber nicht. und einer der gründe dafür dürfte sein, dass meine/unsere zeit eben nicht beliebig verfügbar ist.

die konkurenz um unsere aufmerksamkeit oder um unsere „sofa-zeit“ tobt gerade mit besonderer intensität. es prasseln so viele günstige und hochqualitative angebote auf mich ein, dass ich mich ständig fragen muss: soll ich mich jetzt vom fernseher berieseln lassen? meine lieblingsserien weitergucken? das angefangene buch weiterlesen? oder sollte ich mich gar mit anderen treffen und ein bisschen zeit mit anderen menschen auf sofas oder barhockern verbringen? oder doch lieber meine feeds weglesen? twitter und facebook durchlesen? mal bei blendle, niuws oder jetzt piqd vorbeischauen?

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weil mich frederik fischer eingeladen hat mir piqd.de anzusehen, habe ich mich gestern entschieden mal ein wenig zeit dort zu verbringen. alles sehr schön aufgeräumt und übersichtlich dort! aha:

piqd ist ein Aggregator.
Wir respektieren unsere Quellen und feiern unsere Fundstücke.

Jedes unserer Schwerpunktthemen wird von einer kleinen Redaktion aus Fachjournalisten, Wissenschaftlern und Politikern betreut. Jeder Experte kann pro Tag maximal einen Link posten.

gut, nur ein link pro tag, eine dankenswerte einschränkung, die es vielleicht leichter macht sich durch den informationsüberfluss durchzukämpfen. andererseits sind 66 „experten“ dann auch wieder ne menge.

was ich sehr mag ist die möglichkeit der experten einen link wortreich zu empfehlen. auf twitter oder niuws ist die zeichenzahl des empfehlungstextes eingeschränkt (niuws hat das limit für die empfehlungstextlänge gerade kräftig nach oben korrigiert), auf facebook und in blogs geht das schon lange so. wobei sich leider wenige die mühe machen, längere erklärungstexte, einschätzungen oder gründe den text zu lesen an den link zu heften. bei piqd.de sind die „experten“ offenbar dazu angehalten.

die empfehlungstexte sind teilweise so gut, dass ich den link gar nicht mehr klicke (zum beispiel).

im kanal „literarischer journalismus“ habe ich auch schon eine perle geborgen, dieses interview mit boris becker. das ist zwar 5 jahre alt und steht in der würg welt, aber ist (natürlich) ein tolles lesestück. beim punkt datum habe ich auch die einzige kritik an piqd.de; die empfehlungstexte der „piqer“ haben kein datum, die „original-artikel“ nur gelegentlich. immerhin sind die kommentare unter den artikel verdatumt.

ansonsten gibt es an piqd.de nix zu meckern: die gestaltung ist anmutig, die site funktioniert auf allen geräten, die ich ausprobiert habe, einwandfrei, die kanal- und themenauswahl ist so zeitgeistig dass einem beim piqd.de-besuch beinahe ein dutt auf dem kopf wächst. sehr geschickt auch nicht von „netzpolitik“ zu reden, sondern von politik und netz.

ausser dem unterstreichungs-design (zu eng an den buchstaben nach meinem gefühl) hab ich tatsächlich nichts an piqd.de auszusetzen. na gut, es ist etwas irritierend sich von aktiven politikern texte empfehlen zu lassen, ich beobachte mal, wie das auf dauer auf mich wirkt, aber ansonsten ist piqd.de eine willkommene bereicherung in meinem ohnehin schon völlig überladenen medien-menü.

p.s.: meine lieblingsempfehlungsquelle ist übrigens der digg-RSS feed. ich habe schonmal vor ein monaten aufgeschrieben warum. natürlich ist das ausschliesslich englischsprachig, aber mir gefällt, wie der feed in mein medienmenü passt: die empfehlungen schwimmen in meiner informationsquelle nummer eins, meinem RSS-reader. keine separate app, kein separates ansurfen einer webseite, kein trara (das gleiche gilt übrigens für rivva und seinen RSS feed). und in aller bescheidenheit, ich glaube genau das ist auch der grund, warum es nicht wenige leute gibt, die meine (fast) täglichen links schätzen. eine übersicht an dingen die möglicherweise interessant sein könnten, ein kommentar dazu, der bei der einschätzung der relevanz hilft (oft auch nicht) und sonst nichts.