randall munroe’s sorgfältige radikalität

felix schwenzel, , in gesehen    

randall munroe bild: republica/jan zappner CC BY 2.0

randall munroe’s vortrag gestern abend war, in gewisser weise, der radikalste vortrag den ich auf der republica je gesehen habe. der vortrag war den comics, die randall munroe auf xkcd.com veröffentlicht, nicht ganz unähnlich. diese comics handeln ausschliesslich von dingen, die randall munroe interessieren. sie halten sich an keine konventionen, ausser denen, die er sich selbst ausgedacht hat. das ist an sich nicht wirklich radikal, sondern eine haltung, die ich mir eigentlich von jedem blogger, jeder publizierenden wünsche: dem massengeschmack, trends, nicht nur nicht zu folgen, sondern den massengeschmack und trends gar nicht erst beachten. nicht nur „bloggen als würde niemand zusehen“, sondern publizieren, als wären alle so wie ich. das klingt hermetisch, ist es aber nicht, denn das jeweilige ich ist ja der welt zugewandt, aber eben fokussiert. wird diese haltung leidenschaftlich und konsequent durchgezogen, können wunderbare untrendige, unoptimierte, eigene werke entstehen, die vielleicht nicht jedem gefallen, aber wenigen dann um so mehr.

das ist, so ungefähr, die radikalität von xkcd.com. nicht jeder versteht auf den ersten blick um was es geht, viele interessiert es erst gar nicht, aber wenn man sich doch interessiert und sich mit den dingen beschäftigt, zur not mit hilfe von hilfreichen erklärungen, entdeckt man wunderbare welten, gedanken, leidenschaft und — bei xkcd ganz besonders — sorgfalt.

diese radikalität hat randall munroe in seinem vortrag eins zu eins vom netz auf die stage 1 der republica übertragen. munroe kümmert sich um so gut wie keine regel für erfolgreiches, engagierendes öffentliches reden, er klebt hinter dem pult, die folien fliessen über mit unlesbaren informationen und er widmet sich den details, die ihn faszinieren, bis ins wirklich allerkleinste element. in diesem fall, sogar im wahrsten sinne des wortes.

(gefühlt) eine dreiviertel stunde widmet er sich der frage, was passieren würde, wenn man aus den elementen des periodensystems eine mauer bauen würde. er geht die einzelnen elemente und reihen sorgfältig durch, begeistert sich über einzelheiten und macht keinerlei anstalten irgendetwas zusammenzufassen.

das ist radikal, aber nicht mal ansatzweise elitär oder feindselig. es ist einfach das, was randall munroe begeistert, und wer ihm folgen möchte, bitte schön, kann das tun, und wer ihm nicht folgen möchte, kann das unterlassen.

die zweite (gefühlte) dreiviertelstunde beschäftigt sich munroe mit drei unübersichtlichen zeichnungen, in denen er komplexe zusammenhänge mit den 1000 meistbenutzten wörtern der englischen sprache erklärt. auch hier geht er ausführlich auf jedes noch so kleine detail ein und verzichtet auf jede art von zusammenfassung oder metaebene.

randall munroe kann sich das erlauben, sein publikum mit details zu langweilen, weil seine details eben (für viele, sehr viele) nicht langweilig sind. sie sind geladen mit witz und humor, aber eben randall munroes, ganz eigenem, sehr speziellen, subtilen humor, der sich eben nicht um irgendwelche humor-richtlinien oder -trends kümmert.

dass randall munroe überhaupt so eine grosse folgschaft, so viele fans seiner arbeit gefunden hat, verdankt er (und wir) in erster linie dem netz. er hat seinen eigenen stil und seine folgschaft über etwa ein jahrzehnt aufgebaut, über seine website und sehr, sehr viel detailversessene, kleinteilige, liebevolle und sorgfältige arbeit. kein verlag hätte diese aufbauarbeit leisten können oder wollen, vor allem aber hätte kein verlag munroes talent und leidenschaft erkennen können. so funktioniert das wohl nur im internet, dass winzige ein-personen-echokammern sich über jahrzehnte langsam füllen, bis plötzlich millionen menschen in ihr stehen und sich plötzlich die echo-qualitäten, auch in anderen echokammern, herumsprechen.

randall munroes thematische klammer im vortrag war (neben fluor) das kindlich, naive fragen. mir gefiel die aufforderung sehr gut, darauf hinzuarbeiten sich nicht für dinge zu schämen die man nicht weiss und schamlos danach zu fragen. neugier, naivität sei wichtiger als bildungsprotzerei, das war so ungefähr das fazit von munroe’s vortrag.

mein fazit von munroes vortrag ist: tu das was dich interessiert, publiziere das mit leidenschaft, detailliebe und sorgfalt, entwickle dich immer weiter, arbeite an deinem stil und bleib dir treu.

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den talk wollte randall munroe nicht aufgezeichnet sehen, es gibt aber eine aufzeichnung, wo er über die mauer aus elementen aus dem periodensystem redet:

youtube-video
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#rpten tag 2

felix schwenzel, , in artikel    

nachdem ich gunter dueck verpasst habe (zu früh), war mein erster programpunkt alina fichter im gespräch mit morgan wandell. wandell ist zuständig für die entwicklung von drama- und fernsehserien auf amazon und macht sein ding bei amazon wohl ganz gut.

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leider fand ich morgan wandall sehr unsympathisch und glatt, ein typischer fensehmensch, der sehr viele wohlklingende adjektive benutzt, ohne jemals irgendetwas zu sagen. richtig interessante antworten kann man aber eh nicht von jemandem erwarten, der die meiste zeit im verborgenen arbeitet um in ruhe projekte entwickeln zu können und den rest der zeit mit promotion des fertigen gedöns verbringt. ebenso wenig hat sich die hoffnung bewahrheitet, dass er irgendwelche geheimrezepte oder unerwartete anküdigungen parat hätte — oder die auch noch mit dem publikum teilen würde. kurz: das war eher langweilig, auch wenn die sachen die künftig auf amazon gezeigt werden, durchaus spannend werden könnten.

alina fichter und morgan wandell

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der käsestand der gestern für käsigen geruch auf dem hinterhof sorgte, ist heute nicht mehr da. das ist schade, weil der käse wirklich lecker war. dafür gibt der burger-food-truck einen lastwagen.

„we give a truck“

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youtube-video
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zweiter programpunkt: friedemann karig mit der pubertären gesellschaft und dem netz. weil ich schonmal einen vortrag von friedemann karig gesehen habe, konnte ich einige folien vorhersehen aber trotzdem dem vortrag nicht zu 100 prozent folgen. es ist gut möglich dass das mein fehler war, aber ebenso ist es möglich, dass friedmann karig es nicht geschafft hat, dem vortrag eine sinnvolle struktur zu geben.

was er definitiv nicht geschafft hat: seinem vortrag im 16-zu-9-format zu präsentieren, dafür hat er aber einen schönen neologismus gezeigt.

ähm-pörung

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kathrin passig auf dem weg zum hof getroffen und mich, als sie „hallo“ sagte, wegen ihrer gesichtblinheit, mit meinem namen (felix) vorgestellt. sie meinte das sei nicht nötig und dass sie zufällig gerade über mich nachgedacht hätte und mich für eine vortrags- oder workshop-idee für die nächste republica gerne etwas fragen würde: sie bräuchte für den vortrag (oder workshop) ein paar penisbilder. ob ich ihr helfen könne?

#rpten snapchat penisbild von heiko bielinski
#rpten snapchat penisbild von heiko bielinski

genau wie allen anderen die auf der republica mit mir über snapchat oder penisbilder reden, empfahl ich ihr (natürlich) das snapchat-konto von heiko bielinski (he1b1e). sie meinte aber „ernste“ penisbilder. ich erklärte ihr dass ich für sowas zu genant sei und sowas noch nicht mal für den privaten gebrauch machen würde. aber über meinen tipp mal das post-privacy-gethese von michael seemann auf praktische anwendbarkeit zu prüfen und ihn zu fragen, erfreute sie sehr.

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alle anderen programmpunkte die ich heute auf dem plan hatte sind gescheitert. entweder weil ich zu spät kam, der saal überlief, ich im falschen saal sass oder der referent (thomas fischer) den flug verpasst hat. heute nachmittag steht dann noch um 18:45 uhr netz-publizisten im gespräch mit philip banse an und natürlich um 20 uhr randall munroe.

the age of trotzdem

felix schwenzel, , in gesehen    

sascha lobo nahm sich dieses jahr die freiheit, seine grundsatzreden-themen nicht auf der republica-seite anzukündigen, sondern in diversen interviews. ich hab zwar nur das wired-interview dazu gefunden, aber es gibt bestimmt noch andere. in der wired kündigte er an, dieses jahr auf die publikumsbeschimpfung zu verzichten, was er im vortrag aber schnell als lüge bezeichnete. natürlich beschimpfte er sein publikum, und sich selbst gleich mit. er versuchte dieses jahr die ihr-und-ich-dualität aufzulösen, die sich thematisch durch seine vorträge der letzten jahren zog, als er betonte, dass die vorwürfe die er „uns“ in den letzten jahren machte, eigentlich projektionen seiner eigenen unzulänglichkeiten gewesen seien.

andererseits funktionieren die meisten seiner gags eben nur mit einer klaren trennung des lobo-ichs und des publikum-ihrs, weshalb der vorsatz der selbstbeschimpfung im laufe der vierstündigen predigt der andertalbstündigen grundsatzrede (natürlich) versandete. rhetorisch war das alles ziemlich brilliant und geschliffen und ich mag den leicht pastoralen ton, den sacha lobo auf seinen republica-reden anschlägt. mir gefällt es auch von sascha lobo beschimpft zu werden, einerseits weil er meist recht hat und andererseits, weil das (eben) rhetorisch meist brilliant ist und seine analysen (natürlich) das ergebnis langen nachdenkens sind und (leider) meist auf den punkt sind. trotzdem neige ich traditionsgemäss dazu, ihm in seinen schlussfolgerungen zu widersprechen, weil ich im gegenteil zu ihm, nie bereit war meinen internetoptimismus (oder genauer, weltoptimismus) aufzugeben.

das wollte er, mit ankündigung, in diesem jahr ändern, und seinen (unseren?) internetoptimismus wiederfinden. leider gelang ihm das nur so halb, mit dem halbironischen schlagwort TROTZDEM. ganz schlimm gescheitert ist sein versuch „uns“, das publikum beim TROTZDEMen miteinzubeziehen, auch wenn es zu mindestens einer guten überleitung zum thema müdigkeit führte. als rhetorisches werkzeug war das „TROTZDEM“ ziemlich gut geeignet, wenn sascha lobo es alleine von der bühne rief, als kollektiver aufschrei, als publikums- oder gemeindeecho, gings in die hose.

was mir in diesem jahr mehr als sonst auffiel, war das recycling von vorhandenem material. neben etlichen themen aus seinen spiegel-online-kolumnen, kam mir auch sein ausflug zum thema snap cash bekannt vor, den pia kleine wiesenkamp vor ein paar wochen von einer oracle-veranstaltung ins internet geströmt hatte. diese wiederverwendung ist natürlich mehr als legitim, zumal das material von lobo fast ausnahmslos brilliant ist (keine ironie). allein für seinen hinweis darauf, dass fast alle identifizierten islamistischen attentäter bereits polizeibekannt waren oder auf antiterrorlisten standen, verdient sascha lobo einen journalistenpreis (oder mindestens einen kolumnistenpreis). was mir aber, trotz aller mühen, die sich sascha lobo ganz offensichtlich gemacht hat, fehlte, war eine inhaltliche klammer, die aus all den schrecklichen erkenntnissen und hiobsanalysen, die er über die jahre brilliant herausarbeitet, tatsächlichen optimismus oder lösungsansätze aufzeigt.

aber da ist sascha lobo wieder bei uns oder bei seinem „ihr“, und genauso suchend und ratlos wie alle anderen.

natürlich ist sein lösungsansatz, etwas zu unternehmen, wirtschaftlich erfolgreich etwas gutes, hilfreiches, weltverbessererndes zu machen, ein pragmatischer, gangbarer weg (von vielen), aber andererseits hat er das (leicht variiert) bereits vor zwei und vor drei und wahrscheinlich auch vor vier jahren gefordert. das macht nichts von dem was er sagt falsch, aber es macht deutlich, dass sascha lobo’s weg zum optimisten noch sehr weit ist. sein weg zu jemandem, der, trotz all der verkommenheit und niedertracht sigmar gabriels der welt, optimismus verbreiten kann, ist noch viel weiter.

youtube-video
youtube

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andere über sascha lobos vortrag:

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bild von re:publica/jan zappner CC BY 2.0

#rpten tag 1

felix schwenzel, , in artikel    

erster programmpunkt heute, marcus richter, „what’s in a game?“. sehr schöne präsentation die sich explizit an nicht-gamer (wie mich) richtete, um ihnen ein paar der genres vorzustellen. neugieriger auf (computer-) spielen war ich nach dem vortrag nicht, aber dafür weiss ich jetzt, dass man eine wii-fernbedienung auch als präsentationsklicker benutzer kann.

marcus richter

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wichtigster hashtag dieses jahr dürfte #ballonselfie sein. oder mindestens das ballonselfie-motiv.

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youtube-video
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zweiter programpunkt: dooce aka heather armstrong mit the courage of compassion: transforming your experience with criticism. leider völlig unterbesucht, aber ich fand es toll heather armstrong mal in echt zu sehen, ihren subtilen, nicht ganz offensichtlichen humor gesprochen zu erleben. stage 1 scheint mir ein bisschen kleiner als letztes jahr zu sein, also sowohl die bühne selbst, als auch der zuschauerraum.

publikum bei heather armstrong
heather armstrong

sehr präsent auch die kameramenschen, für die bedienung dieses kamerawagens werden übrigens drei menschen benötigt. einer der die kamera führt, einer der den wagen zieht und drückt und einer der sich um die kabel kümert.

kameramenschen, kabelträger nicht im bild
kameramenschen, kabelträger nicht im bild

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auffällig auf dem gelände der republica, ist dieses jahr die extreme räumliche entdichtung. in der halle in der früher neben der stage 2 noch zwei andere bühnen untergebracht waren, ist dieses jahr nur eine bühne (und die gaderobe).

stage 2
stage 2

das kühlhaus neben dem eingang wird bespielt, hinter dem komlex, quasi auf dem hinterhof wurde die freifläche geöffnet und mit essensständen, sonnenstühlen und liegebänken vollgestellt. dank des sandigen untergrunds kommt hier wirklich die viel beschworene festivalstimmung auf. leider ist es dort für meine verhältnisse viel zu hell.

der republica hinterhof
der republica hinterhof

offensichtlich findet dort abends auch das party-gedöns statt und extra für die party gibt es einen separaten zugang zum partygelände.

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youtube-video
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dritter programmpunkt: moritz metz mit fliegende computer und ihre tollkühnen piloten. das war eine sehr angenehme präsentation zum, auf den ersten blick, eher drögen thema drohnen, aber weil moritz metz sehr vielschichtiges material zeigte, war das in keiner sekunde langweilig. im gegenteil, mit einer etwas aufgeräumteren erzählart hätte moritz metz die präsentation auch locker auf eine stunde ausdehnen können, ohne dass es langweilig geworden wäre.

mir gefiel die parallele die moritz metz vom internet zu drohnen, bzw. zum luftraum zog auch sehr gut. wie das internet vor 10, 15 jahren, ist jetzt auch der luftraum, dank moderner technologien, für jedermann zugänglich und derzeit noch mehr oder weniger unreguliert.

so lange die aufzeichnung des vortrags nicht online ist, aber auch einfach so, kann man sich das deutschlandradio-feature von moritz metz zu drohnen ansehen oder anhören.

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auf der republica gibt es eigene toiletten für DJs.

DJ toilette

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heute ist mir günther oettinger zweimal über den weg gelaufen. zweimal habe ich ihn versucht zu fotografieren, fotos von oettinger kann man ja immer gut gebrauchen, zweimal bin ich gescheitert, ein brauchbares foto zu schiessen. es sei denn, jemand findet ein foto von günther oettinger, wie er telefonierend in sein auto einsteigt, brauchbar.

günther oettinger steigt in ein auto ein
günther oettinger steigt in ein auto ein

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vierter programmpunkt, julia reda mit ending geoblocking: this content really ought to be available in your country. julia reda ist blitzgescheit, redet geschliffen wie ein wasserfall und ist auf eine ganz bestimmte art sehr nerdig. das meiste was sie in ihrem vortrag besprach, war mir nicht wirklich neu, aber wie sie es besprach und aufarbeitete, fand ich mindestens so interessant wie die sendung mit der maus oder eine stunde rhetoriktraining.

julia reda

und, sollte es irgendeine gelegenheit dazu geben, julia reda nach dieser legislaturperiode wieder ins europaparlament zu bringen, ich wäre bereit auch wieder (ausnahmsweise) piraten zu wählen. sie ist wirklich eine gute, die man nach kräften unterstützen sollte. auch wenn das nur minimal unterstützend ist, hier ein link zu ihrem blog.

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selfies sind, wie gesagt, nach wie vor ein grosses thema.

gold auch.

goldener container

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ach ja: gutes interview mit sascha lobo in der wired, in dem vorankündigt wird, dass er vorankündigen würde, über was er heute abend ab 19:45 uhr reden wird. stimmt vielelicht zum teil sogar.

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[nachtrag 03.05.2016]
meine kurz-rezension von sascha lobos vortrag

ia, amp, rss, syndikation, bloggen

felix schwenzel, , in artikel    

viele leute glauben ja, dass facebook das bloggen zerstöre, oder bloggern zumindest so viel zeit und aufmerksamkeit nehme, dass sie sich kaum noch um ihre eigenen gärten kümmern, sondern in facebooks „eingemauerten garten“ schreiben.

(den begriff des „eingemauerten gartens“ habe ich beim schockwellenreiter aufgenommen.)

vermutlich ist da was dran, ich bin zum beispiel immer (leicht) entäuscht, wenn peter breuer facebook mit seinen kleinen, witzigen geschichten vollschreibt, statt seines blogs. immerhin, ab und zu, schreibt er dann auch in sein blog. viele leute halten facebook wohl auch für eine inkarnation des bösen, oder zumindest für etwas furchtbares:

Facebook versucht, das Internet zu sein und Blogs zu ersetzen bzw. in sein Universum einzuverleiben. Das ist furchtbar […].

dieser kommentar stand unter meiner kurzen lobeshymne der instant articles von facebook. die laufen jetzt seit knapp einer woche hier mit, dass heisst alle etwas längeren artikel, die ich auf wirres.net ins internet schreibe, werden per RSS auch in facebooks datencenter eingespeist und dann angezeigt, wenn jemand einen link auf einen dieser artikel in der mobilen facebook app klickt. wer ohne app auf links zu den artikeln klickt, landet, nach wie vor, hier im blog.

die technik funktioniert erfreulich zuverlässig. facebook liest den feed alle drei bis vier minuten ein und wenn ich einen artikel veröffentliche, liegt er spätestens ein paar minuten später auch als optimierte, gecachte version in der facebook app vor. änderungen an den artikeln werden klaglos synchronisiert, dass heisst die originalversion hier und die kopie in der facebook-app sind immer auf dem gleichen stand.

dass ich mich neben der initialen einrichtung um nichts kümmern muss, genauso wenig wie mit allem anderen was mit RSS zu tun hat, ist äusserst angenehm und erfüllt alle erwartungen, die ich bereits vor knapp einem jahr hatte:

instant articles sind eigentlich nichts anderes als „Publish (on your) Own Site, Syndicate Elsewhere“, kurz „POSSE“. POSSE beschreibt eine indieweb-technik, bei der man (obviously) inhalte zuerst auf seiner eigenen webseite veröffentlicht und sie dann auf beliebige weitere seiten syndiziert. das indiewebcamp-wiki drückt den entscheidenden punkt so aus:

POSSE lets your friends keep using whatever they use to read your stuff (e.g. silo aggregators like Facebook, Tumblr, Twitter, etc.).

seit ein, zwei jahren habe ich das bloggen für mich neu — oder schärfer — definiert. ich sehe mein blog konsequent als offene sammelstelle und verteiler. alles was ich ins internet oder auf papier schreibe, kopiere ich auch hierhin, oder, noch lieber, ich schreibe es auf wirres.net und verteile es dann nach irgendwo. filmkritiken schreibe ich zuerst hier und kopiere sie dann (derzeit) zu letterboxd.com. instagramme kopiere ich zunächst (automatisch) hierhin und verteile sie dann (automatisch) von hier zu facebook und twitter. statusnachrichten schreibe ich hier und kopiere sie dann voll oder semiautomatisch zu twitter oder facebook. checkins mache ich per swarm-app, kopiere sie aber automatisch hier hin. favoriten setze ich per bookmarklet so, dass sie im jeweiligen social network landen und hier.

wer will kann sich alles was ich schreibe hier ansehen, für alle anderen pumpe ich meine inhalte dahin, wo ich es für sinnvoll erachte, oder glaube, die leute zu erreichen, die ich erreichen möchte.

und damit bin ich wieder beim anfangsgedanken: zerstört facebook blogs — oder gar das („freie“, „wilde“) internet?

ich glaube nein, auch wenn es irre viel aufmerksamkeit an sich zieht. aber das prinzip der instant articles, hat meiner ansicht nach sogar das zeug dazu, blogs zu einer renaissance zu verhelfen. denn um einen instant article zu erstellen, muss ich erstmal einen originalartikel im netz ausserhalb von facebook erstellen: auf meinem eigenen blog, auf wordpress oder wo auch immer. derzeit ist die plugin-installation oder instant-article-konfiguration wohl noch etwas kompliziert für viele, bzw. die plugins noch nicht ganz ausgereift, aber das wird sich ändern. facebook unterstützt mit den instant articles im prinzip den indieweb-gedanken des „Publish (on your) Own Site, Syndicate Elsewhere“, des syndizierens.

eigentlich hatte ich die hoffnung, dass andere technologiekonzerne so etwas auch machen. medium hat das seit knapp einem jahr sehr halbherzg umgesetzt: auch an sein medium-konto, kann man einen RSS-feed flanschen, aber artikel werden nur einmal initial eingelesen und dann nie wieder aktualisiert. auch die umsetzung von speziellen gestaltungselementen, wie es die instant articles erlauben, unterstützt medium nicht. twitter hat vor einem halben jahr angekündigt, die google AMP-initiative zu unterstützen. das hätte zum beispiel den vorteil, dass in twitter verlinkte artikel, in der twitter-app vorgerendert und -gecached werden könnten und sich so anfühlen würden, als wären sie teil der twitter-app und keine langsam ladenden externen webseiten. google selbst scheint den rollout von AMP wieder massiv zurückgefahren zu haben, zumindest für kleine publisher oder blogger. vielleicht war das doch alles zu kompliziert, für eine massenhafte nutzung.

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bereits letztes jahr schrieb ich, dass die instant articles sich nicht von RSS, wie ich es nutze, unterscheiden. ich lese per RSS 1200 quellen, die mein heissgeliebter RSS-reeder vorlädt, auf dem telefon zwischenspeichert und mir in sekundenschnelle, perfekt lesbar und befreit von allem tand, anzeigt. facebook wird so zu etwas, was bisher ausschliesslich technisch versierte menschen per RSS genutzt haben: ein einfacher, von allen leicht zu bedienender feed-reader.

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natürlich ist da was dran, was ich oben zitiert habe, facebook versuche, „das Internet zu sein“ oder zumindest die leute dazu zu bringen, maximal viel lebenszeit auf facebook zu verbringen. dagegen kann jeder etwas tun, nicht indem man facebook meidet oder nicht mehr mit inhalten beliefert, sondern indem man einen fallback schafft — oder besser, eine alternative. oder um im gartenbild zu bleiben: wir sollten unser gemüse vor allem in unseren gärten anpflanzen, die kulturtechniken des gartenbaus weiter pflegen — ohne unsere gärten selbst zuzumauern. aber warum sollten wir unser selbst angebautes gemüse nicht auch auf dem grossmarkt anbieten, wenn dort die meisten interessenten sind? wenn es süsse trauben nur auf dem grossmarkt und nicht in den nachbargärten gibt, warum darauf verzichten?

oder anders gefragt, wie sollen wir andere leute davon überzeugen, dass es alternativen zu facebook gibt, wenn wir unser wohlduftendes gemüse nicht auch zu facebook bringen oder uns in unserer exklusivtät einmauern? ich glaube, die ideen des indiewebs können helfen, blühende landschaften neben den blauen giganten entstehen und fortexisieren zu lassen. aber dafür müssen wir (wieder) alle mehr im eigenen garten bloggen.

bruder klaus kapelle

felix schwenzel, , in artikel    

gute architektur lenkt den blick, schlechte leider auch. das ist im prinzip wie beim film. sind regie- und kameramensch wirklich gut, wählen sie ausschnitte, perspektiven und bewegungen so, dass sie der szene oder dem gesamtwerk dienen. bei filmen können wir diese qualitäten gut erkennen, einerseits, weil wir gut geschult in der wahrnehmung und rezeption von filmkunst sind, andererseits, weil wir die perspektive nicht erst finden müssen, sondern sie uns fertig präsentiert wird.

bei architektur ist das anders. in und um bauten können wir die perspektive beliebig verschieben und wechseln, indem wir uns bewegen. öffnungen, rahmen oder achsen helfen uns zwar dabei, uns zu orientieren, da aber architektur vom kontext (der umgebung) und der nutzung abhängt, wird es nochmal schwieriger qualitäten zu erkennen. manchmal helfen uns fotografien bei der orientierung, fotografien von leuten die sich mit perspektiven auskennen und uns helfen können qualitäten zu erkennen, die wir vorher nicht erkannt haben.

der schweizer architekt peter zumthor macht es uns relativ leicht die qualitäten seiner arbeiten im raum zu erkennen. ich glaube das funktioniert vor allem deshalb, weil er sich intensiv mit den orten auseinandersetzt, an denen er baut und seine architektur — auch wenn sich das abgegriffen anhört — in einen dialog treten lässt. ich bin den bauten von peter zumthor schon oft hinterhergereist, unter anderem nach graubünden, wo ich mir vor gut 20 jahren die wunderbare kapelle des heiligen benedikt oberhalb von sumvitg angesehen habe, oder das thermalbad in vals. in östereich hab ich mir mal das kunsthaus in bregenz angesehen und demnächst™ möchte ich unbedingt das kunstmuseum des erzbistums köln besichtigen.

vor etwa einem jahr hatte ich mir vorgenommen, die bruder klaus kapelle in wachendorf von peter zumthor aufzusuchen. vor knapp einem monat war ich dort und habe bisher nur ein bild vom besuch dort geinstagramt.

bruder klaus kapelle

die kapelle thront auf einem acker, der sich quasi am arsch der welt befindet, in einem kleinen eifeldorf. um zur kapelle zu gelangen muss man ungefähr einen kilometer von einem parkplatz über äcker laufen.

fussweg kapelle

man sieht die kapelle den ganzen weg über, sie steht wie ein in den acker gerammtes bauklötzchen oben am hügel. an dem tag an dem wir in wachendorf waren, blies ein heftiger wind, was zu wunderbaren lichtwechseln führte.

die kapelle macht auf den ersten blick nicht viel her, sie sieht in der tat aus wie ein kompliziertes bauklötzchen oder ein beton-bunker, aber sie hat eine faszinierende eigenschaft. sie lenkt den blick. beim anmarsch auf die kapelle, setzt man sie ständig in relation zur landschaft, staunt über das changierende, stechende braun der ackerböden, setzt die hügel und den himmel in beziehung, bzw. staunt über den grandiosen eifelhimmel und die weite die sich öffnet, wenn man die kapelle aus der entfernung betrachtet. aus der nähe, beim herumlaufen um den bau, schneiden die scharfen kanten der kapelle wieder sichtachsen zurecht und geben der landschaft halt.

blick von der kapelle auf wachendorf
blick von der kapelle auf wachendorf

der innenraum der kapelle ist zeltförmig zum himmel geöffnet, oben ist einfach ein loch in der decke, durch das licht und regen fällt. auf dem boden der kapelle steht das wasser an ein paar stellen, es ist russig dunkel und relativ eng. in den wänden befinden sich kleine löcher die mit glas gefüllt sind und die die wände mit lichtpunkten strukturieren.

das innere der bruder klaus kapelle in wachendorf

auch wenn man auf dem weg zur kapelle die ganze zeit den himmel gesehen hat, erzwingt das loch in der decke, eine ganz neue perspektive auf den himmel. in der theorie wissen wir alle, dass die perspektive vom standpunkt abhängt, aber das zu erleben, in dieser form, ist wirklich faszinierend und nur ansatzweise in diesem verwackelten video zu erkennen.

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aus diesem lesenswerten zeit-interview, habe ich folgendes zumthor-zitat kopiert:

Ich habe an der Universität in Mendrisio den Studenten immer gesagt: „Ihr habt jetzt die Aufgabe, Häuser zu machen, die auf eine Stadt, eine Landschaft reagieren. Das Wichtigste dabei ist, dass ihr auf eure eigenen inneren Bildern von Schönheit oder Stimmigkeit reagiert.“ Es geht um den Prozess von Schauen und Fühlen, aus dem sich Formen ergeben, deren Wirkung man prüfen muss. Das ist eine künstlerische Arbeit. Beim Bauen selbst kommt viel Theoretisches und Technisches dazu. Aber der Anfang ist derselbe wie beim Maler oder Schriftsteller, es ist Autorenarbeit. Und dann gibt es Glücksmomente, in denen etwas Überraschendes entsteht.

 

prince

felix schwenzel, , in notiert    

albumrückseite „parade“

was peter breuer hier über prince schreibt, insbesondere im ersten absatz, über musik, kann ich sehr gut nachvollziehen:

Popmusik fängt an, wenn das Verlieben beginnt. Das ist Teil der menschlichen DNA. Die Bands oder Musiker, für die man sich in dieser Zeit entscheidet, sind wie die erste unglückliche Liebe, der erste Kuss und der erste Sex – Vergessen unmöglich. Man kann vieles irgendwie mögen, aber dieser Flash, schon nach drei Takten zu wissen, dass diese Geschichte jetzt etwas Ernstes wird, ist ein Moment, der mit den Jahren leider seltener wird. Ob die Musiker, die diese Takte spielen, mit 27 sterben oder mit 57, ist egal, sie werden ohnehin für immer 27 bleiben. Prince starb gestern mit 27 Jahren und über 30 Jahre nach dem ersten Kuss.

können wir uns wahrscheinlich im ersten absatz alle als musikopfer rezipienten von musik identifizieren, werden die folgenden vier absätze, die er schreibt, prince selbst und seinem wirken sehr gerecht.

aber es ist natürlich alles noch viel komplizierter. denn wirklich gute musiker sterben im laufe ihres lebens mehrfach, weniger gute seltener. prince war, als ich (zum beispiel) parade zu lieben begann, schon lange weitergezogen, zu neuen ufern. so eine musikalische phase fühlt sich aus der perspektive des musiker wahrscheinlich an, wie eine häutung. der häutungsprozess ist langwierig und anstrengend, aber am ende bleibt totes gewebe.

dieses tote gewebe ist, was wir als fans bewundern. dank moderner technik ist es millionenfach reproduzierbar, oft ist es wunderschön, edel und im besten fall können wir es jahrzehntelang nutzen, um schöne gefühle in uns hervorzurufen. der musiker, der es produziert hat, ist längst gewachsen (oder geschrumpft) und mit der nächsten häutung beschäftigt.

mit der abgelegten haut beschäftigen wir uns teilweise sehr intensiv, kennen jede einzelne schuppe und verwechseln sie oft mit dem- oder derjenigen, die sie vor vielen jahren abgelegt hat. manche musiker beherrschen das häuten sehr gut, und produzieren ständig neue häute, die uns immer wieder erneut begeistern können. andere beherrschen das weniger gut und versuchen jahrelang in ihre alten häute zurückzukriechen oder sind enttäuscht, dass ihre neu abgelegten häute niemanden mehr zu begeistern vermögen.

musik ist ein spiel mit dem leben und dem tod — oder weniger dramatisch, ein hit, ein volltreffer, kann hauptgewinn und höchststrafe zugleich sein. wenn man sich von aufmerksamkeit oder applaus ernährt, fühlt sich ausbleibende aufmerksamkeit, oder aufmerksamkeit für längst vergangenes und abgelegtes, mutmasslich wie ein dolchstoss an.

oder nochmal anders: der prince, von dem ich fan bin, war schon tot, als prince noch lebte. mit seinem neueren werk, konnte ich nichts anfangen, auch wenn ich es mehrfach probiert habe. ausserhalb meiner subjektiven wahrnehmungsblase, war prince aber (natürlich) alles andere als tot, sondern quicklebendig und aktiv. und dass es, um das zu bemerken, des echten, endgültigem, grausam unerbitterlichen todes bedurfte, macht mich jetzt doppelt traurig und erinnert mich daran, wie wichtig es ist, zuneigung, freundschaft, liebe und beziehungen vor dem tod zu leben; wie wichtig es wäre, hin und wieder an die vielen menschen in meinem leben zu denken, die ich vergessen oder aus den augen verloren habe. es sollte eigentlich nicht der tod sein, der uns an unsere lieben, die lebenden oder unsere leidenschaften erinnert. aber, das muss man dem tod lassen, er funktioniert da in seiner unerbitterlichkeit, ziemlich gut.

Schöner Schaum

felix schwenzel, , in artikel    

grosser saal der kalkscheune 2007

Nach der ersten Republica im Jahr 2007, prophezeihte Martin Schöb in der FAZ der Republica (und Blogs allgemein) eine düstere Zukunft: sie würden konsequent „unterhalb der Aufmerksamkeitsschwelle“ all jener bleiben, die „ihr Leben nicht im Netz verbringen“. Ausserdem würden „meinungsführende Blogs“ ohne die „Bezugsgröße Print“ zusammenfallen, wie ein „Heißluftballon ohne Flamme“.

Neun Jahre später zeigt sich, dass Schöb gleichzeitig recht hatte und fürchterlich daneben lag. Tatsächlich sind viele der „meinungsführenden Blogs“, um die sich die Republica 2007 kristallisierte, in sich zusammengefallen, aber ebenso bröckelt die „Bezugsgröße Print“. Was aber überhaupt nicht bröckelt oder unter Aufmerksamkeitsdefiziten leidet, ist die Republica, sie ist selber zu einer Bezugsgröße geworden und brennt auf höchster Flamme. Waren es 2007 noch 600 bis 700 Teilnehmende, kamen 2015 bereits 7000 Internetnutzer, zehn Prozent davon übrigens als akkreditierte Journalisten und Journalistinnen. Dieses Jahr werden nochmal rund 1000 Menschen mehr erwartet.

Die Republica war von Anfang an eine Gesellschaftskonferenz, auch wenn sie zunächst als nerdige Bloggerversammlung wahrgenommen wurde. Im Laufe der Zeit kamen immer mehr Menschen, die mit dem digitalen Wandel in Berührung kamen, und sprachen aus unterschiedlichsten Perspektiven darüber, wie das Netz Ihr Leben beeinflusst. So spricht der Mathematiker und Wirtschaftsphilosoph Gunter Dueck dieses Jahr schon zum vierten mal darüber, wie der digitale Wandel die Arbeitswelt umkrempelt. 2012 sprach der Regierungssprecher Steffen Seibert darüber, wie das Netz die Regierungsarbeit beeinflusst, der ausgebildete Telefonseelsorger und Aktivist Raúl Krauthausen erzählte im gleichen Jahr, wie er das Netz nutzt, um für gleichbrechtigte Teilhabe zu kämpfen und die Bloggerin und Autorin Anne Wizorek beschrieb im Jahr darauf, wie das Netz und Hashtags den Feminismus verändern.

Über das Leben im Netz, die Arbeitswelt, den digitalen und gesellschaftlichen Wandel, Teilhabe und Gerechitgkeit zu reden, galt vor neun Jahren noch als skandalös selbstreferenziell. Natürlich sind die Themen der Republica nach wie vor selbstreferenziell, aber mittlerweile ist das Themenspektrum der Republica so stark aufgefächert, dass selbst Journalisten, Politiker oder Unternehmer Themen finden, die sie verstehen oder die sie interessieren. Sobald man sich für ein Thema interessiert oder davon betroffen ist, stört Selbstreferenzialität bekanntlich nicht mehr.

Dass der Vorwurf der Selbstreferenzialität mittlerweile überwunden ist, nimmt die Republica in diesem Jahr zum Anlass, sie zum offiziellen Motto zu machen. Auf ihrer Website kündigt die Republica gemeinsames „Zurückblicken und Reflektieren“ an und will allen Gästen „dankend den Spiegel“ reichen: „Du bist die re:publica. TEN ist NET.

Bei oberflächlicher Betrachtung erschliesst es sich vielleicht nicht direkt, aber die Welt — und das Netz ganz besonders — besteht aus Menschen, die sich in vielen verschiedenen (Filter-) Blasen zusammenballen. Normalerweise ist der Austausch zwischen diesen Blasen eingeschränkt, aber einmal im Jahr, wenn Repräsentanten unzähliger Blasen sich in Berlin treffen, bilden sie einen wunderbaren Schaumteppich, der die Republica erst interessant macht.

Dieser Republica-Schaum ist wie das Netz: da ist alles drin, Interessantes, weniger Interessantes, Relevantes und Irrelevantes, Angenehmes und Abstossendes. Der Witz ist, dass man sich das Richtige rauspickt oder besser: einfach reinspringt. Oder noch besser: einfach auf den Hof stellen, Bier trinken und abwarten was passiert. Funktioniert immer. Auf der Republica, im Netz und im Rest der Welt.

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der artikel erscheint parallel (gekürzt und redigiert) in der aktuellen-ausgabe (09/16) der tip berlin, die dafür auch ein honorar gezahlt hat — deshalb enthält der artikel grossbuchstaben. den (schönen) titel hat sich der tip-redakteur erik heier ausgedacht.
wie alle meine artikel, steht auch dieser artikel unter einer cc-lizenz (CC BY-SA 3.0) und kann damit auch von anderen verwendet werden.

mein programm für die #rpTEN

felix schwenzel, , in notiert    

ich habe mir aus dem offiziellen programm die veranstaltungen herausgepickt, die ich unbedingt ansehen möchte. die veranstaltungen habe ich in einem google-kalender (html-, ics-version) gelegt.

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HEATHER ARMSTRONG

The Courage of Compassion: Transforming Your Experience With Criticism

dooce lese ich zwar nicht allzu viel, aber es gehört schon seit vielen jahren zu meinen lieblingsblogs. egal über was sie redet, ich will das sehen.

SARAH WILLIAMS

Keynote Sarah Williams

auch egal über was sie redet, architektinnen und städteplanerinnen höre ich fast immer sehr, sehr gerne zu. andererseits, eine zeile text zur keynote, wäre nicht schlecht gewesen. aber wenn die keynote-ankündigung keine beschreibung enthält, ist das ein zeichen, dass das rpTEN organisationsteam diese speakerin unbedingt haben wollte und so vielversprechend findet, dass sie sich an keine regeln halten muss.

MORITZ METZ

Fliegende Computer und ihre tollkühnen Piloten

moritz metz kann ich stundenlang zuhören, ausser im radio, wo er arbeitet (weil ich kein radio höre). aber wenn er auf der republica spricht, möchte ich ihn hören, zumal er sehr schöne vorträge hält und zeigt.

SASCHA LOBO

The Age of Trotzdem

er hat ein jahr pause gemacht und ich bin sicher, diesmal werden wir kein zeuge technischer pannen, sondern zeugen steiler thesen und guter unterhaltung.

JULIA REDA

Ending geoblocking: This content really ought to be available in your country

langweiliges thema, aber das ist die spezialität von julia reda, langweilige themen verständlich, spannend und nachvollziehbar aufzuarbeiten. so macht sie das jedenfalls in ihrem blog. julia reda ist piratin und ein guter grund, zur europaparlamentswahl nochmal zu erwägen piraten zu wählen, wenn sie bis dahin nicht die partei gewechselt hat.

JOERG HEIDRICH

Was tun gegen den Hass im Netz?
joerg heidrich ist justiziar des heise-verlags und sein vortrag wird möglicherweise sehr formal-juristisch, aber wenn das zu schlimm wird, kann ich ja immer noch rausgehen und mich auf den hof stellen.

GUNTER DUECK

Cargo-Kulte

weder mit dem titel noch der kurzthese kann ich etwas anfangen, aber auch wenn gunter dueck jedes jahr über das gleiche redet (die dummheit der menschen), kann es passieren, dass ich hin und wieder doch interessiert zuhöre. auch wenn das in den letzten zwei jahren nicht passiert ist.

THORSTEN SCHRÖDER, FRANK RIEGER

Ad-Wars – Ausflug in die Realität der Online-Werbung

das thema ist eigentlich durch, aber dieser satz in der kurzthese vermag meine neugier dann doch (ganz milde) zu wecken: „Wir berichten aus der Perspektive des technisch sensibilisierten Klickviehs und haben vielleicht den Ansatz einer verbraucherfreundlichen Alternative im Gepäck.“

FRIEDEMANN KARIG

Die pubertäre Gesellschaft und das Netz

mit der themanwahl zeigt friedemann karig wieder einmal, dass er das gras wachsen hört und behandelt den megatrend, der in den letzten neun jahren durch die republica gejagt wurde: wie verändert das netz die gesellschaft? aber weil friedemann karig ein begnadeter vortrags-vorbereiter ist, wird das nicht nur unterhaltsam, sondern auch erkenntnisreich.

PATRICIA CAMMARATA, NICOLAS SEMAK, PHILIP BANSE

Netz-Publizisten im Gesprach

wenn philip banse zum gespräch lädt, passieren oft magische dinge: man findet plötzlich leute, die man vorher nicht oder kaum kannte, ganz toll und interessant. philip banse kann sehr gut fragen stellen und auf den republica-bühnen ganz besonders.

LAURIE PENNY

Change The Story, Change The World

ein thema, das friedemann karig bereits vor zwei jahren behandelt hat, das aber so zentral und wichtig ist, dass man dazu gut und gerne 200 vorträge halten oder sehen kann: wie verändern narrative die welt?

RUTH DANIEL

Art: What is it good for?

vorträge über kunst können ganz schlimm in die hose gehen oder super-spannend sein. ich guck mir diesen vortrag an, um danach sagen zu können, ob dieser vortrag in die hose ging oder super-spannend war.

SASCHA STOLTENOW, MIRIAM SEYFFARTH, THOMAS WIEGOLD

Terror Ernst nehmen, Terroristen auslachen

super thema, guter vortragstitel, tolle vortragende, die mehrfach gezeigt haben, dass sie ihr handwerk und thema beherrschen. kann ich mir leider nicht ansehen, weil ich mir journelle ansehen werde, die im gleichen zeitraum spricht.

JOURNELLE

Das Internet hat mich dick gemacht

ich empfehle (und sehe) diesen vortrag nicht nur aus nepotismus: ich bin der festen überzeugung, dieser vortrag wird sehr unterhaltsam und augenöffnend. aus der vortragsbeschreibung:

Oft fragte ich mich, woher die gesellschaftliche Obsession mit Diäten, Fitness und Gesundheit kommt. Und ob uns ein schlankerer Körper, eine Entgiftung mit grünen Säften und ein Runtastic-Lauf wirklich zufriedener macht.

Aber um mich herum wurde diätet, gesportelt und selbstoptimiert. Meine Zweifel mussten falsch sein, es können sich ja nicht alle irren.

Dann stieß ich im Internet auf Menschen, die wie ich hinterfragten, warum eine sehr eng definiere Körpermasse als erstrebenswert und ideal festgelegt wurde. Und die versuchen - häufig begleitet von wüsten Beschimpfungen -, die Mythen um unseren absurden Körper- und Gesundheitskult zu entlarven.

KATHRIN PASSIG

Clash of Cultures – Bewegungen und formale Organisationen

kathrin passig schaue ich mir auch an, wenn sie mit mehreren auf der bühne steht und wenn das vortragsthema sich staubtrocken anhört.

RANDALL MUNROE

Thing Explainer: Complicated Stuff in Simple Words

ich fürchte, der vortrag wird ein bisschen zur werbeveranstaltung zu randall munroes neuerem buch. aber das macht nichts, weil randall munroe ist grandios, auf sehr vielen ebenen. und ich vermute, der saal wird noch einen ticken voller als bei sascha lobo werden.

THOMAS FISCHER

Strafrecht, Wahrheit und Kommunikation

gelegentlich lese ich die kolumne von thomas fischer in der zeit und gelegentlich gefällt sie mir auch. ich bin sicher, der vortrag wird nicht langweilig.

ALINA FICHTER, MORGAN WANDELL

In Creative Control: A Conversation with Morgan Wandell

letztes jahr hat alina fichter reed hastings von netflix auf der bühne 1 interviewt. dieses jahr kommt amazons „Head of Drama Development“ morgan wandell dran. dürfte interessant werden und will ich auf keinen fall verpassen. ich hoffe an der bühne 5 wirds im zuschauerraum nicht zu eng. ich fürchte aber doch.

BERNHARD PÖRKSEN

Viral! Die Macht des Storytelling

ich mag den professoralen ton von pörksen nicht, aber was er sagt ist manchmal nicht dumm, im gegenteil. deshalb werde ich mir das dieses jahr wieder antun.

FRIEDRICH LIECHTENSTEIN

Film and TV Made in Germany – Meet the Teams

ich mag friedrich liechtenstein sehr — und deutsche filme und deutsches fernsehen weniger. aber anschauen kann man sich das ja mal, auch wenn mattias schweighöfer (und andere) mit auf der bühne sitzen.

irgendwann am ende der republica gibt’s auch ein liechtenstein-konzert. mal schauen, ob ich so lange ausharren werde.

JOHANNES KORTEN

Das Netz ist ein guter Ort, wenn wir es gemeinsam dazu machen

die schlussthese meines #rp11 vortrags lautete: zukunft ist was wir aus der gegenwart machen. das gilt nicht nur für die zukunft, sondern auch für das wohlbefinden aller.

MICHAEL SEEMANN

Netzinnenpolitik – Grundzüge einer Politik der Plattformgesellschaft

michael seemann ist einer der besten netz-theoretiker die ich kenne. ich kenne allerdings nicht viele netztheoretiker. ich möchte diesen vortrag nicht verpassen, aber sollte ich es tun, werde ich ihn als videoaufzeichnung oder in der verschriftlichten version ansehen.

peaky blinders s01e03 bis e06 (staffel-fazit)

felix schwenzel, , in gesehen    

gleich in der ersten folge hatte ich das gefühl, dass peaky blinders sehr nach sons of anarchy schmeckt. tatsächlich ist das grundmotiv von peaky blinders dem von sons of anarchy ziemlich ähnlich. beide erzählen die geschichte einer brutalen verbrecherbande aus der pespektive der gang. das gibt der erzählung die chance, die charaktere der gang-mitglieder schön auszudifferenzieren. dazu kommt in beiden serien die perspektive eines ermittlers, der versucht die verbrecher zu fall zu bringen.

das läuft dann zwangsläufig auf ein dauerpimmelfechten kräftemessen zwischen den anführern der verbrecher und den ermittlern heraus. das kräftemessen spielt sich nach einem einfachen schema-f ab: nach ein, zwei offenen, teilweise brutalen konfrontationen, fangen die gegenspieler an deals zu machen und sich gegenseitig auszumanövrieren. im laufe dieses prozesses korrumpiert sich der ermittler langsam aber stetig und alle gegenspieler reiten sich, trotz gelegentlicher taktischer erfolge, mehr und mehr in die scheisse.

youtube-video
youtube

bei sons of anarchy fand ich das ein paar staffeln lang äusserst spannend, zumal die ermittler von staffel zu staffel wechselten und teilweise grandios besetzt waren. nach einer weile wurde das wiederkehrende muster dann aber langweilig, auch wenn das motiv immer leicht variert wurde. von peaky blinders hab ich jetzt die erste staffel gesehen und bin überhaupt nicht gelangweilt, im gegenteil. einerseits gefallen mir die charaktere hier sehr viel besser. die hauptfigur, der peaky-blinders-anführer thomas shelby, gespielt von cillian murphy, hat gegenüber dem etwas stumpfen SAMCRO-anführer jax teller (enorm dumpf gespielt von charlie hunnam) ein paar entscheidende vorteile: er ist klug, (meistens) kontrolliert und fähig ordentlich zu kommunizieren. das sekundär-motiv von sons of anarchy ist meiner meinung nämlich die unfähigkeit der führungsriege, entscheidende informationen auszutauschen. nicht wenige der katastrophalen ereignisse in sons of anarchy, lassen sich genau darauf zurückführen. bei sons of anarchy war das natürlich weniger ein motiv, als ein dramaturgisches mittel, um die story überhaupt in gang zu halten. peaky blinders bekommt die dramaturgie aber auch ohne diese stütze gut hin. überhaupt, ist sowohl die relativ verschachtelte geschichte, als auch die motivation von thomas shelby, viel nachvollziehbarer.

ich bin ja ein grosser fan von nachvollziehbarkeit. wenn hauptfiguren aus dramaturgischen gründen, schlecht begründete, bescheuerte entscheidungen treffen, sitze ich vor dem bildschirm und schlage mir die stirn wund. nicht so bei peaky blinders. selbst die amourösen elemente der serie bleiben nachvollziehbar, auch wenn sie, wie immer, furchbar kompliziert angelegt sind.

ich kann über diese erste staffel wenig schlechtes sagen. neben dem guten, aber irritierenden, eher inadäquaten soundtrack, haben mich eigentlich nur die etwas eindimensional bespielten kulissen gestört. sowohl die nebelmaschinen, als auch die funkensprüher wurden viel zu dick aufgetragen. ausserdem war einer der hauptspielorte, die stammkneipe der peaky blinders (the garrison) total überbeleuchtet. eher erfreulich fand ich, dass das gewummere der stahlpressen im hintergrund nie aufhörte, auch bei bettszenen lief das gewummere einfach subtil weiter im hintergrund. schauspielerisch kann ich nichts aussetzen, auch nicht am schauspiel von annabelle wallis, die die zweischneidige grace burgess spielt — ausser, dass sie, wie der soundtrack, hoffnungslos aus der zeit gefallen zu sein scheint. sie wirkte auf mich in jeder szene wie eine zeitreisende aus den 90er jahren. nichts an ihr fühlte sich nach den 1920er jahren an, in denen die serie eigentlich spielt.

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die erste staffel hat auf rotten tomatoes sehr gute wertungen, die zweite noch bessere. hier meine anmerkungen zur ersten und zur zweiten folge. sehen kann man die erste staffel auf netflix, die zweite leider (noch?) nicht. ich habe die letzten vier folgen beinahe am stück gesehen, was im prinzip ein gutes zeichen sein sollte. kann aber auch daran liegen, dass ich am wochenende ne sturmfreie bude hatte. weil ich so wenig an der serie auszusetzen habe, gebe ich nach ganz leichtem zögern auch die volle punktzahl.