links vom 22.06.2014

felix schwenzel,    

max schrems, kämpf um deine daten

felix schwenzel,    

max schrems ist zu etwas berühmtheit gelangt, weil er einer der ersten menschen der welt war, der facebook nervte (zitat sz):

Der Mann, der Facebook nervt
Der Österreicher Max Schrems wollte wissen, welche Informationen Facebook über ihn speichert - und löste damit das größte Datenschutzverfahren in der Geschichte des Unternehmens aus. (auf sueddeuschte.de lesen)

in einer der letzten wochen kam sein buch mit dem titel „kämpf um deine daten“ raus. ich habs kostenlos zugeschickt bekommen und gelesen.

der verlag sieht das buch wie folgt:

Jetzt legt der Student mit der Gabe, den Datenwahnsinn so einfach zu erklären wie Jamie Oliver das Kochen, sein Wissen und seine Erfahrungen aus erster Hand als Buch vor.
Ohne Panikmache und mit ungebrochener Lust an Technologie, erklärt er, wie Konzerne ihre Kunden durchleuchten, auch ohne dass die ihre Daten angeben.

uwe ebbinghaus ist in der faz vom „Erzähltalent“ schrems begeistert und fand die art und weise, in der schrems „die Mythen der IT-Industrie“ durchleuchte „ein intellektuelles Vergnügen“.

ich bin da in meinem meinungsbild eher gespalten. weder erklärt schrems den „Datenwahnsinn“ einfach, noch verzichtet er auf panikmache, noch ist die lektüre des buches ein „intellektuelles Vergnügen“.

schrems quält sich und seine leser in den ersten hundertfünfzig seiten an der frage ab, warum privatshäre „doch etwas wert“ sei. eigentlich müsse man das ja gar nicht erklären, sagt er in der einleitung, aber er hätte da „einige Elemente, Hintergründe und Gedanken, die auch für bereits Überzeugte interessant sein könnten“. leider fehlt es diesen elementen und hintergründen teilweise an argumenten, interessanz und differenziertheit. natürlich ist das nicht alles quatsch, was schrems da zusammengetragen hat, aber so richtig rund ist das buch eben auch nicht.

am sauersten ist mir tatsächlich aufgestossen, dass max schrems nirgendwo klar definiert was er eigentlich mit „meinen daten“ meint, für die ich kämpfen soll. auch um den begriff der privatsphäre dribbelt er ständig herum und landet dann irgendwann auch bei der geistlosen und wenig hilfreichen analogie von privatsphäre und dem unbeobachteten benutzen der toilette.

das mit der definition (oder problematisierung des begriffs) von daten hat jürgen geuter (auch anlässlich des buchs von schrems) hier aufgeschrieben: „Wem gehört mein digitaler Zwillig?

apropos definitionen; auch witzig, dass ausgerechnet sergey brin kürzlich eine sehr kompakte, brauchtbare definition von privatsphäre geliefert hat: die erwartung das dinge die man geheimhalten möchte, auch geheim bleiben.

was an den ersten 150 seiten neben der begriffsunschärfe und vielen ungenauigkeiten besonders nervt, ist das undifferenzierte überspitzen, das schrems zu allem überfluss auch noch mit flapsigkeit und sarkasmus würzt.

[Es gibt] immer noch Nutzer, die Unmengen an persönlichen Daten offen ins Netz stellen. Die meisten von ihnen sind meiner Beobachtung nach aber vor allem süchtig nach menschlicher Zuneigung, ausgedrückt in Likes, Retweets und Kommentaren. Die Designer dieser Dienste sprechen hier von einer »positiven Nutzererfahrung«. Die Stimmlage erinnert dabei oft an Drogenhändler […].

bei solchen abschnitten, in denen arroganz und verachtung bei schrems durchscheint, habe ich mich immer wieder gefragt, warum (offenbar) niemand das manustript gegengelesen und korrigiert hat. möglicherweise sind solche absätze auch köder für papier-feuilletonisten wie ebbinghaus, die in solchen absätzen dann ihr intellektuelles vergnügen finden und das buch positiv rezensieren. ich finde solche passagen vor allem überflüssig und der sache nicht dienlich. benutzer als dämliches klickvieh, dass sich von der industrie mit „roten Zuckerln“ in „Pawlowsche Hunde“ verwandeln lässt oder in „total willenlose Zombies“ findet max schrems dann nach vier, fünf seiten wortschwall auch irgendwie „überspitzt“ und relativiert seine beschimpfungen dann als anregung zum „überdenken“.

auch die paternalistisch angehauchte panikmache in sachen filterblasen kommt nicht zu kurz:

[D]ie Algorithmen [schneiden] jene Seiten weg, die Sie selten lesen. Politik? Weg damit! Sie blättern eh immer nur darüber. Dafür gibts jetzt 25 Seiten Sport und Chronik. Wenn Sie glauben, jeder bekommt die gleichen Ergebnisse bei Google, die gleichen Updates bei Facebook oder die gleichen Vorschläge bei Amazon, dann liegen Sie falsch. Es wird alles anhand Ihrer Daten gefiltert und angepasst. […] Andere Meinungen und neue Dinge, für die wir uns bis dato nicht interessiert haben, werden weggefiltert. Demokratiepolitisch ein Wahnsinn.

ein wahnsinn, wie schwierig es ist ein differenziertes buch zu schreiben, in dem andere meinungen und neue dinge nicht einfach weggefiltert werden. noch schwerer ist es natürlich ein buch zu schreiben, in dem man bei einer meinung bleibt:

auf seite 88 erzählt schrems wie nutzlos anonymisierung und pseudonymisierung von benutzerdaten ist und zählt mehrere beispiele auf, wie man aus ano- oder pseudonymisierten daten auf identäten zurückschliessen kann. unter anderem erzählt er von der berühmten AOL-datenspende vor acht jahren, aus der sich (natürlich) zahlreiche persönliche daten rekonstruieren liessen.

auf seite 194 schlägt schrems dann plötzlich im kapitel „was tun?“, bzw. „Privacy by Design“ vor, künftig einfach „viele Daten auch anonymisiert oder zumindest pseudonymisiert zu speichern“, um sie zu schützen.

auf seite 94 behauptet schrems, dass auf der seite des ORF „keine Daten der Nutzer“ gesammelt werden:

Jedenfalls funktioniert das, wie bei den meisten klassischen Webseiten, ohne irgendwelche Überwachung und Datensammelei.

das stimmt eben auch nur so halb. die vier externen tracker die beim aufruf von orf.at aufgerufen werden, sammeln nach eigenen angaben anonyme („Ad Views, Browser Information, Hardware/Software Type, Interaction Data , Page Views“) und pseudonyme („IP Address (EU PII)“) daten, die sie wiederum auch mit dritten teilen (xaxis) oder nicht sagen ob sie das tun (adition, meetrics, owa). so oder so preisen sich sowohl adition, als auch xaxis dafür an, targeting, also personalisierte, auf datensammelei basierende werbung anzubieten.

zugegebenermassen findet das „Ausspähen für Werbeklicks“ (zitat uwe ebbinghaus) beim ORF in geringerem umfang als auf vielen anderen werbefinanzierten nachrichtenseiten statt, aber zu behaupten, die meisten klassischen webseiten funktionierten ohne „irgendwelche Überwachung und Datensammelei“ ist quatsch. zumal schrems am ende des buches seinen lesern auch explizit „Plug Ins für […] Browser“ (schreibweise schrems) empfiehlt, „die Tracking so weit wie möglich unterbinden“. also plugins wie ghostery oder donottrackme oder disconnect oder priv3.

die ungenauigkeiten, die fehler, die auslassungen, der unwillen zu differenzieren und bindestriche zu benutzen macht die ersten zwei teile des buches wirklich schwer und unvergnüglich zu lesen. natürlich stimmt vieles was schrems sagt, das eine oder andere ist sogar ganz interessant, aber für ein buch reicht das nicht. oder besser: hätte jemand das buch um mindestens die hälfte eingedampft, ein paar fehler rauskorrigiert und schrems dazu gedrängt sich auf das konkrete zu konzentrieren, hätte das ein lesenswertes buch werden können. (wenn ich, ausgerechnet ich, übermässig viele fehler finde, ist das immer ein ganz schlechtes zeichen. CO² mit hochgestellter zwei schreiben? „Lösungsfristen“?)

denn wenn schrems über die juristischen und fiskalen tricks von facebook redet, die hilflosigkeit des gesetzgebers, der datenschützer und die absurditäten des europäischen rechts beschreibt, liest sich das buch ganz gut. auch seine konkreten vorschläge am ende des buches, was einzelne, was alle tun könnten, wo auswege zu finden sein könnten, sind anregend und beinahe inspirirend.

kurz vor ende schreibt schrems im kapitel „Bewusstseinsbildung“:

Ein großes Problem ist dabei, dass wir von sehr abstrakten, nicht greifbaren Problemen sprechen. Wie mich der östereichische Fersehmoderator treffend fragte: »Wie filmen Sie Datenschutz? Wie zeigen Sie verlorene Freiheit? Wie werden solche abstrakten Begriffe für den Durchschnittsnutzer sichtbar?« Die Vermittlung dieser Probleme braucht viel Aufwand, viel Können und Engagement.

an aufwand und engagement fehlt es schrems jedenfalls nicht.

baumeister vorher und nachher

felix schwenzel,    

baumeister vorher und nachher

vor ein paar wochen hat mir stefan niggemeier zwei ausgaben des baumeisters in die hand gedrückt, weil er keine zeit oder lust hatte etwas über den heft-relaunch des baumeisters zu schreiben. die eine ausgabe war vom september 2011, also noch im alten design, die andere ausgabe vom november, die erste im neuen design. wolfgang jean stock war schonmal alles andere als begeistert vom redesign: er hält die neugestaltung des heftes für eine art selbstmord des baumeisters:

Was sich nun darbietet, ist das reine Desaster. Schon beim Titel […] ein Schriftensalat sondergleichen - mal linksbündig, mal auf Mittelachse gesetzt - umrahmt ein rätselhaftes Foto, das für alles und nichts stehen kann. Im Heft selbst, das bislang übersichtlich, sehr leserfreundlich gegliedert war, macht das hanebüchene Layout selbst die wenigen seriösen Beiträge zunichte.

ich habe mir das november-heft vor ein paar wochen auf dem weg von berlin nach hamburg im zug durchgelesen. andertalb stunden reichen dicke um die knapp hundert seiten durchzulesen. tatsächlich ist mir nicht viel vom heft in erinnerung geblieben. begeisterung erregten gerade mal ein, zwei bilder, eins von vom MVRDV balancing barn und ein eins vom „magic mountain“ in duisburg. die texte waren OK, nett fand ich einen text über eine studie zum selbstverständnis und berufsbild des architekten, der mich vor allem in meiner entscheidung bestärkte, nicht architekt geworden zu sein. in dem text fanden sich auch die einzigen zwei stellen die ich mir mit einem stift und eselsohren markiert habe. eine stelle war ein zitat von fritz schumacher vom anfang des letzten jahrhunderts. schumacher war damals baudirekttor in hamburg und deutete an, dass schon vor hundert jahren der architekt als knecht von unternehmern galt. schumacher klagte:

Nicht der „Konsument“ der Wohnungen ist Bauherr, sondern eine neutrale Macht, der Unternehmer …

hat sich nichts geändert. jan kleihues formuliert das heute so:

Leider gibt es fast nur noch Investorengruppen, die mehr Interesse daran haben, dass sich das Projekt schnell dreht, als an Qualität.

auch hanno rautenberg beklagte das jüngst in der zeit.

ganz anders ging es mir mit der september-ausgabe die ich donnerstag im zug von berlin nach hamburg las. schon nach wenigen seiten fing ich an im heft rumzukrizeln. ich liebe es in rezensionsexemplaren rumzukritzeln und notizen reinzuschmieren, etwas was ich in gekauften heften (der baumeister kostet happige 15 euro) oder büchern nie machen würde. gleich mehrere texte, bildstecken und selbst ein paar anzeigen begeisterten mich und weckten das bedürfnis in mir mich mit den jeweiligen themen näher zu beschäftigen oder selbst etwas drüber zu schreiben oder im web informationen zu suchen, um sie zu teilen. das fing gleich auf seite 6 mit einem unglaublich tollen bild von bernhard ludewig von der moskauer u-bahn an (bild hier, im website-kontext leider nicht verlinkbar, aber hier ist die ganze bildstrecke) und gleich im ersten interview mit vier architekten über die folgen von 9/11 für die architektur, strich ich mehrere absätze an. marc kushner sagte darin unter anderem über new york:

New York gehört auch nicht nur den New Yorkern, sondern letztlich eher der ganzen Welt. Ich unterhielt mich darüber kürzlich mit Neil Denari: Er sagte dass sein Gebäude an der Highline eine Reaktion auf 9/11 ist. Es ist ein Mittelfinger, der Gefahr entgegengereckt.

lauter inspirierendes zeug stand in der septemberausgabe, so viel, dass es mich völlig vom thema abbringt, das neue heft zu beurteilen, weshalb ich das weiter unten fortführe.

fakt ist: die september-ausgabe ist ein ziemlich tolles und inspirierendes heft. der neugestaltete baumeister, zumindest die november-ausgabe ist dagegen ziemlich langweilig. offenbar ist die energie der heftmacher vollkommen in das neue design geflossen und für tolle inhalte war keine kraft mehr da. anzeigen und sonderwerbeformen, oder wie der verlag das ausdrückt, advertorials waren in der september ausgabe auch sehr viel mehr vorhanden, was darauf hindeutet, dass die anzeigenkunden dem relaunch eher kritisch und zurückhaltend gegenüber standen. 29 solche seiten gabs in der september-ausgabe, im november keine einzige. kein gutes zeichen, oder vielleicht doch, denn bei solchen texten läuft es mir kalt den rücken runter:

BAUMEISTER-Portfolio-Advertorials
[…] Die Advertorials werden individuell und passend zum Werbeträger BAUMEISTER gestaltet. Es besteht eine Kennzeichnungspflicht als „ANZEIGE“. Sie liefern uns PR-Texte und Bildmaterial und wir prüfen die Realisierbarkeit. Das Advertorial wird über uns erstellt und direkt mit dem Werbetreibenden abgestimmt. Bitte geben Sie hierfür bei Buchung immer eine entsprechende Kontaktperson an.

Vorteile von Advertorials:
Durch die redaktionelle Anmutung wird ein hohes Maß an Glaubwürdigkeit [sic] erzielt und der Leser erhält die Informationen innerhalb seines gewohnten redaktionellen Umfeldes präsentiert.

die neue gestaltung würde ich nicht wie wolfgang jean stock „hanebüchen“ nennen, sondern eher „irritierend“. man sieht das alles und fragt sich: warum? das design tut so als sei es minimalistisch und arbeitet weniger mit grafik als mit typographie- und layout-spielchen. die sind aber, betrachtet man sie genau, nicht viel mehr als überflüssiges ornament. wem hilft es, wenn der anfangsbuchstbe eines absatzes aus dem absatz herausgezogen und grotesk vergrössert zentriert über dem absatz abgestellt wird? plötzlich prangt da ein A unnütz über einem absatz und fehlt am satzanfang: „lain de Botton ist ein Tausendsassa.“ (der tausendsassa heisst alain de botton.)

ich frage mich auch, warum der fliesstext unbedingt fett gesetzt sein muss. das hat den vorteil, dass die anzeigen neben den fliesstexten plötzlich leicht und gekonnt gesetzt wirken, aber das kann ja nicht der sinn von heftgesatltung sein. bildunterschriften sind mal nach links, mal nach recht gedreht, so dass man mal den kopf nach links, mal nach rechts neigen muss, um zu lesen, was auf dem bild zu sehen ist.

ich würde sehr gerne wolfgang jean stocks kritik widersprechen, vor allem weil ich immer erstmal alles neue grundsätzlich gut finden möchte. ich schätze experiemntierfreude und sehe lesbarkeit, klassische typographische tugenden oder erwartungserfüllung keinesfalls als die topprioritäten bei gestaltung oder layout an (wie man an diesem blog und meiner art zu schreiben gut erkennt). aber das design des baumeisters ist leider total in die hose gegangen. und das schlimmste: offenbar hat die neugestaltung auch das niveau der beiträge mit in den abgrund gerissen.

am ärgerlichsten fand ich tatsächlich die, bzw. eine der titelgeschichten über den spiegel-neubau in hamburg. ein öder, anbiedernder und liebloser text der mit acht PR-fotos des spiegels illustriert ist. sorry, aber sowas ist echt fürn arsch. nein, es ist eine zumutung, denn die baumeister-redaktion ist sich nicht zu schade über die vom spiegel gestellten, von andreas gehrke prima gemachten bilder drüberzuschreiben:

Wir bringen die ersten Bilder des Henning-Larsen-Neubaus in Hamburg — und kontrastieren diese mit Architektur-Headlines aus dem Nachrichtenmagazin.

alexander gutzmer behauptet im editorial, dass sich die neu-konzeption des heftes an drei kernbegriffen orientierte: „Inspiration, Orientierung, Beratung“. das stimmt insofern, als das sicher besser geklappt hätte wenn man sich hätte beraten lassen, nicht die orientierung verloren hätte und inspiration nicht mit typographischem tand verwechselt hätte.

so ist der baumeister eher zu einem sanitärmagazin geworden, dass einen dicken griff ins klo illustriert.

* * *

im september-heft war sogar die werbung inspirierender als die inhalte des november-hefts. eine anzeige des entwässerungsspezialisten aco zeigte diesen grandiosen entwurf eines cruise terminals von koen olthuis.

der text über den vater des plattenbaus, ernst may, anlässlich einer ausstellung im deutschen architekturmuseum in frankfurt war interessanter als die gesamte november-ausgabe (ich übertreibe jetzt ein bisschen) und ganz grandios war die fotostreckte und der text über die „norwegischen Landschaftrouten“, für die 18 landstrassen mit hilfe von meist norwegischen architekten an markanten stellen mit zeitgenössischer architektur und installationen aufgehübscht werden, um „Touristen Norwegen als ein noch attraktiveres Reiseziel zu präsentieren“. im heft waren tolle fotos zu sehen, die zumindest auf den ersten blick auch nicht alle einfach PR-fotos der norwegischen tourismusbehörden zu sein scheinen (aber wahrscheinlich doch sind). sie sind nämlich viel besser und aufregender als die die man auf der offiziellen seite sieht.

toll auch das interview mit der architekturtheoretikerin saskia sassen, die zwar auffällig oft die firma cisco erwähnte, aber unter anderem auf die frage der fragen „Wo sind Architekten heute noch gefragt“ antwortete:

Sie können und sollten die vielfältigen räumlichen Formen sichtbar machen, in denen die neuen technologien opereien — sie also für Passanten verständlich machen. Ich bin der Ansicht, dass alle wesentlichen Infrastrukturen vom Abwasser über Elektrizität zu Telekommunikationsverbindungen durch transparente Wände und Flure sichtbar gemacht werden sollten, zum Beispiel an Busahltestellen und Bahnhöfen, in Schulen und Universitäten; überall dort eben, wo Menschen Zeit verbringen. Während man zum Beispiel auf den Bus wartet, kann man zusehen, wie die Stadt funktioniert. Man beginnt so, sich einbezogen zu fühlen. Wenn unsere Wände schon voll mit Computertechnologie sind, warum soll man das nicht transparent machen? Unsere computerisierten Systeme müssen sichtbarer und transparenter werden.

auch schön, die idee das „kritikerpaar“ elisabeth blum und peter neitzke auf zwei grundverschiedene bauten loszulassen, einmal das organische unstudio in groningen von ben van berkel und einmal den eckigen, mies van der rohe weiterdenkenden gebäudekomplex „romeo und julia“ in frankfurt am main von max dudler. zwei solide, in die tiefe gehende und liebevoll geklöppelte auseinandersetzungen mit zeitgenössischer architektur. was mir besonders gefallen hat ist wie peter neitzke die zitate von ben van berkel mit fussnoten belegt:

1 Hier und passim zitiert nach einem Telefonat mit dem Architekten (2. August 2011)
2 http://bit.ly/mTrVv7
3 Ben van Berkel, zitiert nach: ICON. International Design, Architecture & Culture, Heft 097, Juli 2011

ben van berkel rechnet wunderbar mit dem moderenen parametrischen entwurfsmüll ab:

Digital design labs all over the world spew out an interminable stream of inchoate compositions in the form of hectically curvy spaghetti, impenetrable blobs, and, as a last resort, the dune-like shapes that result from morphing blobs into spaghetti. It makes no difference if the topic of the parametric design study is a museum, a school, a railway station, or a rich person’s house; it makes no difference if it is supposed to be situated on a beach, in a city, or in a post-industrial periphery. Spaghetti is always on the menu.

neitzke hat das sauber übersetzt und verfazitet:

Zeitgemäss entwirft, wer Themen und Parameter projektbezogen auswählt, wer deren Zusammenspiel kunstvoll zu organisieren und sie in einem architektonischen Projekt komplex zusammenzuführen weiss.

so gilt das übrigens auch für gestaltung auch in allen anderen bereichen.

etwas unentschlossen und wirr schroben david selbach und sibylle schikora über die neubauten der unternehmenszentralen von google und apple. vor allem ist der titel etwas irreführend und aufbauschend: „So baut das Internet“. nun denn.

einerseits beklagen sich die beiden, dass die pr-abteilung von apple nichts zum neubau sagen möchte, nutzen dann aber nur eins der fünftausend bilder die die stadt cupertino zur planung veröffentlichte. und sie beklagen sich, dass apple nicht mal den architekten nennen möchte und schreiben: „Insider spekulieren, dass bei Norman Foster Seniorpartner Stefan Behling für die Planung verantwortlich zeichnet“ und beschriften eine visualisierung des baus mit „Rendering des Apple-Rondells von Foster + Partners“. was denn jetzt? geheimes insiderwissen oder nicht? thomas knüwer darf in dem artikel auch ein, zwei sätze zu seinem silicon valley insiderwissen sagen: „[In den USA] wachsen Unternehmen nicht in die Höhe, sondern in die Breite, meist indem sie bestehende Gebäude kaufen.“ das gleiche hat steve jobs auch in diesem video gesagt, von dem david selbach und sibylle schikora aber nur screenshots zeigen.

sauber übersetzt und überarbeitet von einer dame die daniela reinsch heisst (sorry, den gag konnte ich mir nicht verkneifen: diesen satz auf KEINEN FALL LAUT VORLESEN!) wurde dieser grandiose und irre lange text von greg lindsay über die gigantische koreanische retortenstadt „new songdo“ (readbility-link). in beiden versionen, der original- und der baumeister-version, sehr lesenswert.

auch beachtenswert, das BMW guggenheim lab in new york.

* * *

ich wiederhole nochmal: das alte heft erschien mir vollgepackt mit interessanz und inspiration, das neue heft wie leergesaugt. man kann dem baumeister nur wünschen, dass er wieder seine spur findet. ich schau, wenn es den baumeister dann noch gibt, gerne in einem jahr nochmal rein (wenn ich ein rezensionsexemplar bekomme).

nerdattack!

felix schwenzel,    

christian stöcker hat vor ungefähr zwei jahren einen vielbeachteten artikel über die generation C64 vs. ursula von der leyen geschrieben. ich habe ihn damals auch beachtet und gelobt. spätestens seit dem generation C64-Artikel bin ich bekennender stöcker-fan.

im prinzip hat christian stöcker seinen artikel von damals mit einer ordentlichen einführung über sechs oder sieben kapitel versehen und am ende den bogen aufgespannt um seine kernthese an aktuellen beispielen zu illustrieren. die kernthese, die essenz des buches steht bereits im zwei jahre alten spigel-online-artikel, nämlich: die dinge die wir heute im internet beobachten können, sind alle mehr oder weniger eine direkte folge der hacker- und cracker-kultur die rund um den C64 entstanden ist.

stöcker 2009:

Gleichzeitig leben in diesem Land an die 20 Millionen Menschen zwischen 15 und 35 (um mal eine willkürliche Grenze für die Angehörigen der Generation C64 zu ziehen), in deren Leben digitale Technologie eine zentrale, eine vor allem selbstverständliche Rolle spielt. Für die das Internet nicht "der Cyberspace" ist, sondern ein normaler Teil ihres Alltags, ebenso wie Telefone für die Generationen davor.

in seinem buch steht auf seite 264:

Gleichzeitig leben in diesem Land mehr als 20 Millionen Menschen, die jünger sind als 35 oder 40 (um mal eine willkürliche Grenze für die Angehörigen der Generation C64 und der nachfolgenden Generationen zu ziehen), in deren Leben digitale Technologie eine zentrale, eine vor allem selbstverständliche Rolle spielt. Für die das Internet nicht »der Cyberspace« ist, sondern ein normaler Teil ihres Alltags, ebenso wie Telefone für die Generationen davor. Die Computerspiele seit ihrer Jugend kennen und deshalb nicht für gefährliche Amoktrainer halten. Die wissen, was ein Browser ist.

das was stöcker über seine jugend, also unsere jugend, bzw. die jugend der menschen um die 40 schreibt liest sich gut und füllte mir beim lesen so manche gedächnislücke. teilweise wurde ich sehr nostalgisch und stellte mal wieder erschütert fest, wie ähnlich die lebensläufe von mittelstandkindern im westen der bundesrepublik verliefen. eine generation der erlebnis-klone.

und stöcker zieht kluge schlüsse, bzw. erklärt schlüssig wie sich hacker- und cracker-ethik, kinderzimmer-disketten-kopiererei (die man heute raubkopiererei nennt) vermischten und haltungen schufen die wir heute im internet beobachten können. er spannt den bogen von crackern, die ohne kommerzielle interessen den kopierschutz von spielen entfernten, zur heutigen demo- und open-source-szene, von john perry barlow, zu julian assange und zensursula-protesten, vom C64-kopierprogramm „fastcopy“ zur piratebay.

Der C64 und das um ihn herum wuchernde Ökosystem installierten in unseren Köpfen ein Gefühl von nahezu unbegrenzter Machbarkeit, der Kalte Krieg, die drohende Umweltkatastrophe eines von nahezu absoluter Ohnmacht. Vieles von dem, was den heute 30- bis 40-Jährigen von den Älteren vorgeworfen wird – politische Apathie, ein Mangel an gesellschaftspolitischen Visionen, eine laxe Einstellung zum Urheberrecht und nicht zuletzt die Bereitschaft, sich technologischen Wandel ohne Rücksicht auf Geschäftsmodelle, gesellschaftliche Konventionen oder rechtliche Fragen zunutze zu machen – sind mittelbare oder unmittelbare Folgen dieser paradoxen Kombination aus Ohnmacht und grenzenlosen Möglichkeiten.

die beiden ersten kapitel in denen stöcker seine schlüsse vorbereitet hat er jetzt auch stark gekürzt auf spiegel online veröffentlicht. das liest sich alles sehr gut und beim lesen kommt man aus dem kopfnicken kaum raus.

man liest das und fühlt sich gebauchpinselt. wir waren schon tolle checker damals — und sind es heute im internet immer noch! wobei diese eher unkritische eigenbauchpinselei natürlich auch problematisch ist: wer soll das bitte lesen, ausser leute die jetzt um die 40 sind und damals ihren eltern mit der platten lüge damit hausaufgaben zu machen einen homecomputer aus dem bauch geleiert haben? deren eltern vielleicht, die jetzt von ihren kindern stöckers buch zu weihnachten geschenkt bekommen, damit sie mit 20 jahren verspätung erfahren, was sich damals im kinderzimmer wirklich abgespielt hat?

stöcker hat ein buch geschrieben, dass bei den angehörigen der generation C64 offene türen einrennt und sie bauchpinselt und für den rest der welt den erklärbär macht. wenn der rest der welt sich denn dafür interessieren würde. beim lesen fühlte ich mich wie ein heisses messer, dass durch butter schneidet. hängengeblieben ist nicht viel, ausser ein bisschen fett, ein paar vorgefertigte argumente die künftige diskussionen etwas schmieren und aufladen könnten.

das buch hat mir ausserordenlich gut gefallen — und das ist auch ein bisschen das problem. am ende sagt man „ja“ und vermisst das was wirklich gute bücher in einem hinterlassen: ein kleines inspirations-pflänzchen das man weiter hegen und pflegen und grossziehen kann.

immerhin habe ich jetzt ein weihnachtsgeschenk für meine eltern.

* * *

der umschlag sieht aus, als hätte christian stöcker ihn höchstpersönlich gezeichnet — mit dem mund. auf dem umschlag fand ich dann nach einigem suchen auch den urheber der gräslichen illustration (ein krakelig gezeichneter tisch mit einem fernseher, einer datasette, einem joystick und einem c64): www.buero-jorge-schmidt.de

bevor ich den link in meinen browser eingab, schloss ich eine wette mit mir selbst ab. wetten das die büro jorge-schmidt-site eine voll-flash-site ist? in der tat, vollflash es war. nachdem ich den flash-blocker deaktiviert hatte: musik. gräslich. immerhin, wenn man in der flashdatei ein bisschen rumklickt rettet das büro jorge-schmidt seinen ruf ein bisschen: die haben nicht nur scheussliche buchumschläge gestaltet, sondern auch ein paar ganz ansehnliche.

david foster wallace: „schrecklich amüsant - aber in zukunft ohne mich“

felix schwenzel,    

vor ein paar tagen hat mir die beifahrerin ein buch von david foster wallace auf den nachttisch gelegt. auf dem nachttisch sind bücher bei mir nicht sonderlich gut aufgehoben, weil ich beim im bett lesen immer einschlafe. als ich es dann mal mit in die badewanne nahm, hab ich es in einem rutsch halb durchgelesen (zuende gelesen habe ich es an einem anderen tag in der badewanne). es ist mit 183 kleinen seiten aber auch nicht sonderlich umfangreich. der inhalt des buches lässt sich ebenfalls flott zusammenfassen: david foster wallace begibt sich im märz 1995 für eine woche an bord eines kreuzfahrtschiffes und schreibt darüber.

das buch liest sich auch deshalb so flüssig, weil es grossartig von marcus ingendaay übersetzt wurde. mir ist das überhaupt noch nie passiert, dass ich beim lesen dachte: „was für ein schönes deutsch!“ und mir plötzlich auffiel, dass das gar kein deutscher autor ist, den ich da lese. ingendaay hat das buch so toll übersetzt, dass wallace glatt als deutscher autor durchgehen würde. ich würde sogar so weit gehen und sagen, ingendaay übersetzt und schreibt noch einen ticken besser als carl weissner.

wallace schreibt unprätentiös, aber unfassbar scharf und genau beobachtend, lästert unerbittlich gegen gäste oder bedienstete die er nicht mag, wirkt aber nie misanthrop, im gegenteil, er schreibt extrem subjektiv, wertet aber vielmehr durch die art wie er menschen und zustände neutral beschreibt als durch urteile. ähnlich wie jochen reineckes „geister abschütteln“, erinnert mich „schrecklich amüsant - aber in zukunft ohne mich“ an einen zu lang geratenen blogartikel. wallace nennt sich im buch auch einmal selbst „verkappter journalist“, etwas was heutzutage nur noch blogger tun (oder so von musikanten genannt werden). statt hyperlinks nutzt wallace fussnoten, insgesamt weit über 136 stück. fussnote 136 ist die letzte fussnote, da manche fussnoten aber auch mit fussnoten versehen sind, dürften es so um die 150 fussnoten sein.

natürlich schweift wallace teilweise irre weit ab, bleibt aber selbst in diesen abschweifungen akribisch. in einer dieser abschweifungen, widmet er sich über ca. 10 seiten der werbung und der PR. er regt sich furchtbar über einen bezahlten PR-text des von ihm hochgeschätzten amerikanischen schriftstellers frank conroy auf, der im katalog der kreuzfahrtlinie, mit der auch wallace unterwegs war, erschienen ist.

Das Hauptübel des Projekts «Meine Celebrity-Kreuzfahrt» ist seine Scheinheiligkeit. Wie dreist hier Product-Placement betrieben wird, zersetzt jede literarische Seriosität und übertrifft in dieser hinsicht alles, was man in den vergangenen Jahren erleben musste. Conroys «Essay» erscheint in einer Art Sonderteil in der Mitte des Heftes, auf dünnerem Papier und mit einem anderen Layout, und erweckt dadurch den Eindruck eines Auszugs aus einem eigenständigen literarischen Werk. Doch das ist keineswegs der Fall. Tatsächlich handelt es sich um eine reine Auftragsarbeit, bezahlt von Celebrity, nur wird das nirgendwo erwähnt. […]

Kurz, Celebrity Cruises verkauft uns Conroys Reisebericht als Essay und nicht als Werbung. Dies jedoch ist von Übel. Warum? Weil ein Essay, unabhängig von der darin zum Ausdruck gebrachten Wertung des Celebrity-Produkts, eben zuallererst dem Leser verpflichtet ist und nicht dem Auftraggeber. Und ob er sich dessen bewusst ist oder nicht, der Leser verlässt sich auf diese Selbstverpflichtung des Autors und begegnet dem Essay mit einem hohen Grad an Vertrauen. Werbung funktioniert dagegen völlig anders. Werbung hat sich, was ihren Wahrheitsgehalt angeht, nur an bestimmte formaljuristische und mit etwas rhetorischem Geschick leicht zu umgehende Regeln zu halten — und kennt darüber hinaus nur ein einziges Ziel: Umsatzsteigerung. Ganz gleich, was die Werbung zur Ergötzung des Lesers alles inszeniert, es geschieht nie zu dessen Nutzen. Und der Leser weiß das natürlich, er weiß dass der Unterhaltungswert von Werbung einem Geschäftskalkül folgt und wird ihr entsprechend mit Vorsicht begegnen. Wir alle nehmen Werbung gewissermaßen nur gefiltert wahr38.

Im Fall des Conroy-«Essays» setzt Celebrity Cruises alles daran, diesen Filter durch den Kunstanspruch des Textes zu deaktivieren. Doch Werbung, die vorgibt, Kunst zu sein, gleicht im günstigsten Fall dem gewinnenden Lächeln dessen, der etwas von einem will. Das ist nicht nur unaufrichtig, die dubiose Ausstrahlung solcher Erzeugnisse kann sich in uns anreichern wie ein Umweltgift. Die aus Berechnung unternommene Simulation zweckfreier Freundlichkeit bringt langfristig alle unsere Maßstäbe durcheinander und führt dazu, dass irgendwann auch das echte Lächeln, die genuine Kunst, die wahre Freundlichkeit unter Kommerzverdacht stehen. Andauernder Vertrauensbruch macht ratlos und einsam, hilflos und wütend und ängstlich. Er ist die Ursache von Verzeiflung.

* * *

(38) Aus diesem Grund wird selbst wirklich schöne, intelligente oder mitreißende Werbung (und die gibt es) niemals echte Kunst sein können. Ihr fehlt nämlich der Geschenkcharakter (d.h. sie wurde nie für ihren Adressaten gemacht).

[seite 65 ff., fettungen von mir]

die fussnote 38 hat es meiner meinung nach in sich. in einigen blogartikeln der letzen tage habe ich genau über dieses thema gelesen, wenn auch meist in etwas anderem zusammenhang. so schreibt michael seemann auf faz.net, dass blogtexte (in der regel) „geschenke“ seien:

Man setzt sich hin, schreibt und veröffentlicht ohne die Intention, irgendetwas dafür zurück zu bekommen. Antje Schrupp hat das auf ihre unnachahmlich persönliche Art erzählt, wie das Bloggen für sie funktioniert und ich kann mich ihrer Erfahrung nur anschließen. Für sie funktioniert Bloggen über eine Form des "Begehrens" nach dem Ausdruck für ein Thema. Dieser Ausdruck, würde ich hinzufügen, ist ein Begehren des Schenkens, des Teilens der Information mit der Welt.

dieser geschenkcharakter von blogs (oder auch literatur oder kunst) ist wohl auch der grund, warum einige so empfindlich oder übersensibel auf werbung in blogs reagieren. wie ich mir vor einer weile schon mal länglich überlegt habe, auch nicht ganz zu unrecht. vertrauen und aufmerksamkeit der leser sind, ebenso wie blogtexte, geschenke, die man gar nicht hoch genug schätzen kann. vor allem wenn man so schreibt wie ix.

um die pathos-skala noch eine stufe höherzudrehen: heute habe ich bei ralf schwartz ein video über einem todkranken mann gesehen, der seine ganze sozialhilfe und restlebenszeit für musikinstrumente und kostenlosen musikuntericht ausgibt die er kindern schenkt. unter anderem sagt er in diesem film: „music is a gift.“

bleibt eigentlich nur eine frage: ist das werbung wenn ich zum kauf des david foster wallace-buches auffordere?

markus reiter verschenkt sein buch, findet das aber gefährlich

felix schwenzel,    

markus reiter meint in dumm 3.0 (unter anderem), dass „die Kostenlos-Mentalität“ des internets die „Kreativwirtschaft auf Dauer“ austrockne. über sein buch und andere geistige leistungen sagt er:

Ich befürworte weder, dass [mein Buch] aus Buchhandlungen geklaut wird, noch dass es jemand elektronisch kopiert, ohne dass mein Verlag und ich davon profitieren. Es steckt ein gutes Jahr Arbeit darin, ein durchgearbeiteter Sommer, schlaflose Nächte, die Geduld meiner Mitmenschen, einiger Schweiß und viel Mühe. Wenn wir nicht wollen, dass wir bald nur noch über geistige Arbeiten verfügen können, die irgendjemand aus irgendeinem unbekannten Grunde sponsort, werden wir uns daran gewöhnen müssen, auch im Internet für geistige Leistungen zu bezahlen. Das ist auf den kürzesten Nenner gebracht, die zentrale Botschaft dieses Buches.

was mich aber wundert: die pr-agentur die reiters buch vermarktet, schrob mir vor einiger zeit einen brief, in dem sie mir anbot, den „debatten-beitrag“ (gemeint ist das buch) von markus reiter kostenlos zur rezension zuzusenden. keine elektronische kopie, sondern eine gedruckte version, die normalerweise 18 euro kostet. wenn ich die intention richtig verstehe, sieht markus reiter diese art der „Kostenlos-Mentalität“ nicht als gefahr für die „Kreativwirtschaft“, sondern als hilfreich für die vermarktung und den verkauf seiner „geistigen Leistung“ an.

dass also das verschenken von büchern durchaus die „Kreativwirtschaft“ fördern könnte, weiss reiter also, sagt es aber nicht. und dafür, dass das verschenken von büchern über rezensionsexemplare hinaus den verkaufszahlen gut tun könnte, gibt es zumindest schlüssige hinweise: „Free ebooks correlated with increased print-book sales“.

gut dass ich das buch nicht gekauft habe. es ist so einseitig geschrieben, dass man es nur mit zwei händen lesen kann. und das macht mir gerade keinen spass. für eine komplette rezension muss ix erstmal meine gleichmut-battereien aufladen.

susanne gaschkes strategien gegen verdummung

felix schwenzel,    

susanne gaschke mag das internet nicht. das ist nichts neues, wenn man schonmal über einen text von gaschke oder ihr autorenregister auf zeit.de gestolpert ist:

wenn man ihr buch liest, erfährt man, dass sie auch computerspiele, fernsehen, „konsumismus“, zeitverschwendung und „überflüssige kommunikation“ nicht mag. was sie mag sind bücher, literatur, kunst, musik und „erfahrungen mit sozialem engagement“.

„Ich glaube nicht, dass das Netz mehr Demokratie, klügere Wissenschaft, verantwortlicheren Journalismus und mehr soziale Gerechtigkeit hervorbringen wird. Und ich meine, einige Anhaltspunkte dafür zu haben, dass die digitale Kultur diesen Zielen an bestimmten Stellen sogar entgegensteht.“

noch weniger als das internet, mag gaschke allerdings die leute, die das internet gut finden. alle die das internet nicht entschieden ablehnen, nennt sie „Digitalisten“ oder „Internet-Apologeten“. sie wirft alle in einen topf: techniker, unternehmer, industrielle, blogger, twitterer, suchmaschinenoptimierer, netzpolitik-aktivisten, marketing-fuzzis, netzpolitik-aktivisten — selbst differenzierenden kritikern des internet oder seiner auswüchse unterstellt sie oppurtunismus oder konfliktscheu, wenn sie nicht, wie sie, das internet undifferenziert, klar und deutlich verurteilen. sie wirft alle zusammen in einen eimer mit der aufschrift „Digitalisten“. man muss sich nur mal vorstellen wer sich alles in diesem eimer wiederfindet, brin und page neben lawrence lessig, stefan niggemeier neben kai dieckmann, bill gates neben linus thorvald, barack obama neben angela merkel, jeff jarvis und hubert burda. alles „Digitalisten“.

gaschke ist nicht nur extrem undifferenziert, was das internet angeht, ihr ist auch nichts recht zu machen:

  • einerseits beklagt sie die durchkommerzialisierung des netzes und seine aufdringlichen marketingstrategien, schimpft aber auch darüber, dass internet-kolumnisten („blogger“) ihre beiträge kostenlos, oder wie sie vieldeutig sagt, „umsonst“ ins internet stellen. „blogger“ nennt sie interessanterweise auch nicht „autoren“, sondern meist „nutzer“.
  • einerseits beklagt sie, dass durch das internet und moderne „medien“ die literalität und fähigkeiten zu lesen abnehme, geisselt die im internet ablaufende schrift-kommunikation von menschen untereinander aber gerne als profane oder überflüssige „sinnloskommunikation“.
  • einerseits beklagt sie die aggressivität und die determiniertheit der netzbefürworter („Digitalisten“) und welch verheerende folgen die erfolgreiche propagierung der netzideologie habe (sie sieht hier eine „Ideologiemaschine“ am werk), andererseits bezweifelt sie rundheraus, dass aus dem netz überhaupt etwas politisch wirksames kommen könne und behauptet, dass das netz entpolitisiere.
  • einerseits beklagt sie sich über leute die geschichten aus ihrem leben mit anderen teilen („Wer sich in »sozialen Netzwerken« selbst weltöffentlich entblättert, ist nur eins: selber schuld.“), andererseits fordert sie, dass geschichten aus dem leben anderer die auf papier gedruckt sind („Bücher“) mehr gelesen werden sollten.

auf der anderen seite hat mir auch einiges von dem was sie schreibt auch ein kopfnicken abgerungen. wer würde einem satz wie diesem widersprechen?

Ich bin fest davon überzeugt, dass es keine zweite Fähigkeit gibt, die für das Zurechtkommen in modernen Gesellschaften so wichtig ist wie das flüssige, souveräne Lesen, Verstehen und Beurteilen von Texten.

„Leseförderung“, offenbart gaschke, sei eines der themen, das sie beruflich am meisten interessiere und für das sie sich in ihrem erwachsenenleben am meisten engagiert habe. auch das sieht man recht deutlich, wenn man die liste der artikel die sie in den letzten drei jahren für die zeit schrob kurz durchsieht (1, 2, 3, 4, 5, 6). natürlich hat sie recht; ohne lesen zu können, kann man auch nicht im internet lesen. ohne souveränität im umgang mit texten, wird das mit der urteilsfähigkeit und dem aufgeklärten, mündigen bürger schwierig.

allerdings behauptet gaschke steil, dass die „Digitalisten“ das anders sähen, bzw. lesefeindlich seien. einerseits weil die netzapologeten nicht (an)erkennen, dass es zwischen dem guten lesen (bücher, „die zeit“) und dem schlechten lesen (am bildschirm) eine konkurenzsituation besteht, also die neuen medien dem buch zeit und aufmerksamkeit entziehen. andererseits, weil die „Digitalisten“ mit ihrer forderung nach freiem und unlimitierten zugang zu informationen „die geistige Haltung für die ein gefülltes Bücherregal steht“ bekämpften: „die Bereitschaft Mühe auf sich zu nehmen, um Freude zu erlangen; eine Aufschub statt einer Sofortismuskultur.“ — und so das interesse am konzentrierten lesen und verstehen-wollen rapide abnehme.

im kern mag die analyse ja stimmen, auch wenn gaschkes überzeugungskraft stark darunter leidet, dass sie eine 13 jahre alte studie von jakob nielsen hervorkramt um zu belegen, dass niemand längere texte am bildschirm liest und ausser acht lässt, dass sich mittlerweile vieles verändert hat; webseiten sind lesbarer und lesefreundlicher geworden (siehe zeit.de), die bildschirme sind besser, flackerfreier, kleiner und hochauflösender geworden (vergleichen sie mal nen 17" röhrenmonitor mit dem bildschirm eines iphones oder eine palm pre. die sind mittlerweile so scharf, dass man millimetergrosse buchstaben lesen kann).

trotzdem. selbst wenn man gaschkes analyse folgt, fällt es schwer ihren schlussfolgerungen zu folgen. sie stellt fest, dass das interesse und die fähigkeit zu lesen abnehmen und fordert als konsequenz eine konzentration auf das medium papier? sie stellt fest, dass die konzentrationsfähigkeit beim lesen abnimmt und fordert als therapie eine zugangserschwerung oder verknappung von informationen?

der gesunde menschenverstand oder genauer, der gesellschaftliche konsens, den ich zu diesem thema bisher wahrnahm, fordert eine verbesserung des bildungssystems und eine schulung in medienkompetenz. „medienkompetz“ ist allerdings eines der reizwörter die gaschke in rage bringen. sie vermutet auch hinter der forderung nach mehr medienkompetenz ideologische motive der „Digitalisten“ und ihrer verdummungsstrategien. zumal natürlich auch die schulung zur medienkompentenz zeit und mühe kostet, die wiederum zu lasten des buches, der zeitung, der literatur und des wahren lebens („real life“ nennt gaschke das) gehen.

gaschkes analyse ist alles andere als widerspruchsfrei. so jubelte sie noch im oktober 2007 darüber, dass „wir dem Triumphzug eines Buches beiwohnen“ („Die Welt liest“) und beobachtet, wie „plötzlich […] allein in Deutschland Hunderttausende von Lesern, unter ihnen viele Jugendliche, in Kauf [nehmen], einen 1000-Seiten-Wälzer auf Englisch zu lesen.“ 2009 ist ihre analyse wieder vom pessimismus überdeckt und ihr harry-potter-jubel abgeflaut: „Bücher und Lesen verlieren an Popularität, und dies besonders bei Jugendlichen.“ schuld sind vor allem die netzapologeten, mit ihrer teuflischen ideologie der wissensgesellschaft.

könnte es nicht auch umgekehrt sein? verlieren „Bücher und Lesen“ vielleicht nicht deshalb leser an die digitalen medien, weil die jugendlichen sich nicht mehr mühen oder durch lange texte durchbeissen wollen, sondern weil die inhalte auf papier so schlecht geworden sind? ist die zeitungskrise nicht eher ein qualitätsproblem, als ein technologieproblem? warum lesen junge menschen rowling, aber nicht gaschke? ich war siebzehn, als ich neil postmans „wir amüsieren uns zu tode“ gelesen habe. wieso kann ich mir heute keinen siebzehnjährigen vorstellen der gaschkes „strategien gegen die digitale verdummung“ liest? richtig. weils kreuzöde und flach wie ein bügelbrett ist.

apropos bedürfnisse zurückhalten und mühe in kauf nehmen. stellen wir uns vor, gaschke würde die erfindung des kühlschranks oder der tiefkühltruhe mit der erhöhung des durchschnittlichen gewichts der einwohner westeuropas und nordamerikas in verbindung bringen. wahrscheinlich läge sie gar nicht so falsch damit, dass die sofortige befriedigung kulinarischer genüsse, die so ein kühlschrank ermöglicht, die leute dazu animiert mehr zu essen. wer mag noch die mühe auf sich nehmen, eine kuh zu melken, wenn er milch im kühlschrank stehen hat? nur: verfetten uns kühlschränke deshalb, so wie das internet „uns“ laut gaschke verblödet?

ich glaube der mensch ist lernfähig und anpassungsfähig. wir werden lernen die probleme die mit neuen technologien aufkommen (sei es ernährung, informationsüberflutung) in den griff zu bekommen, indem wir kulturtechniken entwickeln um die negativen folgen zu dämpfen. der umgang mit alkoholkonsum in der westlichen welt zeigt das exemplarisch. obwohl die negativen folgen des alkoholkonsums nicht zu leugnen sind, haben wir kulturtechniken und tabus entwickelt, um damit umzugehen. besser zumindest, als es die nordamerikanischen indianer können, in deren kultur alkoholkonsum nicht verankert war (und ist). alkoholkonsum ist so tief in unserer gesellschaft verankert, dass sogar die altehrwürdige, gesellschaftskritische wochenzeitung „die zeit“ der droge alkohol, die jährlich allein in deutschland ungefähr 40.000 menschen das leben kostet, breiten raum zur verherrlichung einräumt.

solche prozesse in der gemeinschaften mit gefahren und risiken umzugehen lernen dauern mitunter sehr lange, aber was ist die alternative? die zeit können wir nicht zurückschrauben, wir können weder alkohol, noch fertigessen, noch den freien fluss der informationen verbieten (bzw. wenn wir es versuchten, wären die negativen folgen vermutlich weitaus ausgeprägter als die positiven). wir können nur versuchen möglichst vernünftig mit neuen problemen („digitalisten“-sprech: „herausforderungen“) umzugehen.

„Typisch für den Diskurs über das Internet scheint mir zu sein, dass seine Protagonisten stets extrem überzeugt auftreten. Skeptiker hingegen sichern sich nach allen Seiten ab und betonen fast immer mit großem Aufwand, was an der neuen Technik selbstverständlich ganz ausgezeichnet ist, bevor sie (zaghafte) Kritik anbringen.“

gaschke mag pragmatische ansätze aber nicht. sie polemisiert, überspitzt und spaltet lieber: wer nicht gegen das internet ist, ist dafür, ist ein digitalist, ein ideologe. pragmatische und differenzierte betrachtungsweisen kanzelt gaschke als feige und oppurtunistisch ab. sie unterstellt differenzierenden kritikern des internets, dass sie nicht kulturpessimistisch oder altmodisch wirken wollen oder konfliktscheu seien.

gaschke gibt sich kampfeslustig und aggressiv. genau betrachtet ist gaschke aber gar nicht kampfeslustig. sie sehnt sich nur nach anerkennung. anerkennung für ihre lebensart, ihre haltung. sie möchte nicht mehr als kulturpessimist gesehen werden, sondern als prophetin. sie will um die deutungshoheit ringen, dafür kämpfen, „Technik benutzen zu dürfen, ohne sie anbeten zu müssen.“ nur, wer zwingt gaschke dazu, technik „anbeten zu müssen“? mann kann sich doch enthalten. man muss die neuen medien nicht lieben. und wenn man sie liebt, heisst das nicht, dass man ihnen völlig kritiklos gegenüberstehen müsste. ich vermute, sie will einfach ihre ruhe (und recht) haben, sie will das dieses geschnatter weggeht, dass ihre und die stimmen ihrer intellektuellen mitstreiter wieder da sind, wo sie hingehören: ganz oben, da wo die deutungshoheit und relevanz sie sanft umwehen. weg mit dem pöbel-geschnatter!

ich kann gaschke aber auch verstehen. wenn ich morgens im balzac sitze und am bildschirm hochphilosophische texte und emails lese, dann stört es schon, dass in dem laden jeder sprechen darf. teilweise bellen sogar hunde. jeder meint was zu sagen zu haben — in der öffentlichkeit! es ist anstrengend und es macht aggressiv, wenn man fremde, ungebetene meinungsäusserungen nicht einfach ausfiltern kann.

was ich aber nicht verstehe, ist gaschkes ablehnung von verfügbarmachung von wissen oder (genauer) informationen durch das netz. sie lehnt es ja nicht nur deshalb ab, weil die „Digitalisten“ information und wissen oft synonym benutzen, sondern weil allgegenwärtige information eine „Sofortismuskultur“ fördere. nur, was ist beispielsweise der unterschied zwischen der altertümlichen bibliothek von alexandria und dem internet heute? der hauptunterschied den ich erkenne ist, dass in alexandria das wissen der damaligen welt nur einigen wenigen priviligierten zur verfügung stand. und zwar — wie in jeder ordentlich geführten bibliothek — sofort, nur ein paar regale weiter, quasi „information at your fingertips“. im internet steht das wissen plötzlich allen zur verfügung. ob es sich alle anzueignen vermögen, ob alle etwas damit anzufangen vermögen, ist natürlich eine ganz andere frage, übrigens genau wie in einer bibliothek.

aber gaschke stört tatsächlich dass nun plötzlich alle zugriff haben. besonders für kinder sei es besonders schädlich, wenn es keine geheimnisse, keine tabus mehr gäbe. auch die erwachsenen würden durch die „Sofortismus-Kultur“ infantilisiert: „Der digital native aber will nicht ringen, er will klicken“. vermutlich rotiert neil postman angesichts solcher hausmacher-makramee-philosophie, die sich auch noch explizit auf ihn beruft, in seinem grabe.

apropos makramee-philosophie. ein gutes drittel ihres buches verwendet gaschke darauf, darzulegen wie schädlich, konzentrations-, lese- oder bildungsfeindlich das internet gerade für kinder und heranwachsende sei. dass auch sport, vor allem leistungssport, das potenzial hat jugendliche zu verblöden oder von einer umfassenen bildung im gaschke’schen klasischen sinne abhält, weiss jeder der schonmal sportler-interviews im fernsehen gesehen hat. die probleme des bildungssystems, meinetwegen auch, um es mal gaschkesque auszudrücken, die verblödungstendenzen unserer gesellschaft sind kein technologisches problem, genauso wie die lösung nicht rein technologisch möglich ist. niemand wird ernsthaft behaupten, dass fernseher oder computer kinder besser aufziehen können als engagierte eltern, die ihren kindern zeit und aufmerksamkeit und liebe schenken. (obwohl ich durchaus leute kenne, die die ersten 20 jahre ihres lebens vor dem fernseher verbracht haben und aus denen durchaus etwas respektables geworden ist.) die mischung machts und gaschke scheint die jugend für blöder zu halten als sie ist. jugendliche können sehr gut zwischen der angeblichen scheinwelt der sozialen netze im internet und denen im „wahren leben“ unterscheiden, ihr sensorium ist wahrscheinlich sehr viel ausgeprägter als gaschke es ihnen zutraut. es ist gar nicht mal so unwahrscheinlich, dass „das Internet keine negativen Auswirkungen auf die Sozialbeziehungen von Jugendlichen hat – sondern positive“. aber selbst wenn gaschke recht hätte und das internet, oder die modernen medien, nicht förderlich für die entwicklung von jugendlichen sind, wieso soll eine gesellschaft, frei nach mark twain, kein steak essen, nur weil babies es nicht kauen können?

aber gaschke unterschätzt nicht nur die jugendlichen, sondern auch die internetnutzer. für sie sind das alles hirnlose und vereinsamte auf-den-bildschirm-glotzer, die einer scheinwelt erliegen. die positiven folgen die die vernetzung von menschen (und informationen) hat, blendet gaschke einfach aus. schlimmer noch, sie nimmt sie gar nicht wahr. wäre ihr buch eine restaurantkritik, wäre es die erste restaurant-kritik, die ohne das betreten des besprochenen restaurants entstanden wäre. sie hätte dann zwar mit den gästen vor der tür geredet, tagelang das geschehen durch die fenster beobachtet und unzählige bücher und untersuchungen von restaurant-kritikern zitiert, aber selbst im restaurant gegessen hätte sie nicht. sie hätte all die erfahrungen die sie an imbissständen, gulaschkanonen oder ihrer eigenen küche gemacht hätte in ihr buch einfliessen lassen, aber ihr urteil durch einen eigenen, intensiven restaurantbesuch trüben lassen, das hätte sie wohl nicht gewollt.

„[Politik braucht] Nähe, Begegnung, Streit, Diskussion; die Erfahrung, leibhaftig für ein Anliegen zu kämpfen, bei Abstimmungen zu unterliegen, gewählt oder nicht gewählt zu werden, Rücksicht zu nehmen, Kompromisse zu schließen. Das ist eine ganzheitliche Erfahrung, die echter Menschen bedarf, die einander kennen. Sie kann online unterstützt und ergänzt werden, aber niemals ersetzt werden.“

anders kann ich mir zumindest nicht erklären, warum sie die kultur die an vielen ecken und enden des internets wächst und gedeiht nicht wahrnimmt oder eben nicht als kultur anerkennt, warum sie soziale netzwerke im internet als unpersönliche, oberflächliche „Ersatz-Gemeinschaften“ bezeichnet und steif und fest behauptet, das netz entpolitisiere. meine erfahrungen zeigen das gegenteil. wir haben es im internet nicht nur mit maschinen zu tun, sondern auch mit menschen. vor allem das social-web könnte, nein, bringt bereits völlig neue kultur-techniken zutage. natürlich gibt es schund und schrott und abzocker und scharlatane und idioten und perverse und doofe im internet. so wie das in jeder zeitungsredaktion, stadt oder auch schule ist. allerdings behaupten deshalb nur ganz wenige, dass zeitungen, städte oder schulen uns deshalb verblödeten.

aber: gaschkes buch hat meine wahrnehmung verändert. neuerdings erwische ich mich manchmal beim lesen eines längeren textes am bildschirm, wie ich plötzlich das interesse am text verliere. ich denke dann an gaschke und ihre these, dass man bildschirm nicht ordentlich lesen könne, reisse mich zusammen und lese trotzig den text zuende. später fällt mir dann manchmal auf, dass mir das ebenso oft mit zeitungen oder büchern passiert. entweder bin ich schon total verblödet oder gaschke hat es tatsächlich geschafft meine aufmerksamkeit zu schärfen.

[nachtrag]
ein paar 2009er-rezensionen zu gaschkes buch bei buecher.de.

wirnennenesarbeit

felix schwenzel,    

wenn man einen liter milch kauft und eine weile stehen lässt, wird sie schlecht. mir gelingt das sogar mit h-milch. so ist das auch mit texten fürs internet. wenn man sie zu lange lagert, werden sie schlecht. denn eigentlich wollte ich die ultimative lobhuddelei auf dieses buch verfassen. nur so eine lobhuddelei schreibt sich nicht von alleine. ix schob sie also vor mir her, die lobhuddelei und wusste tief im innern, das wird nix. also rotze ich hier einfach ein wenig lobenden schleim ab, ohne doll in die tiefe zu gehen, wie man das im internet ja so gerne macht.

denn dieses buch hat schleim verdient. viel schleim. weil es, ganz kurz gesagt, das was was ich die letzten sechs, sieben jahr tat, zuerst mit einem schlüssigen theoretischen fundament erklärt und danach anhnd praktischen beispielen vertieft. mir erklärt, meinen eltern erklärt, meinen freunden erklärt. nur wenn man es kurz zusammenzufassen versucht beleiben schmierige schlagwörter übrig: digitale bohème, digitales prekariat, generation praktikum, sankt oberholz, laptop, urbane penner. bei oberflächlicher wahrnehmung bleibt fast ein neoliberaler schmutzrand am zeitungsleser zurück, der sich aber meiner meinung in wohlgefallen auflöst, wenn man das buch liest oder die beiden autoren auf einer lesung erlebt.

so genial auch die reduktion auf diese schlagworte marketingtechnisch funktioniert, sie greift zu kurz. das wort „digitale bohème” kann man bereits nach der dritten rezension nicht mehr hören, aber es funktioniert, jeder benutzt es, wie man hört redet selbst hubert burda von nichts anderem mehr. aber es ist ein marketing schlagwort, der zaunpfahl um das buch im gespräch zu halten.

man sollte es einfach lesen und nicht nur darüber lesen. ausserdem ist es das erste buch, in dem ich in der danksagung zweimal vorkomme.

eigentlich wollte ich, dass mein gastautor georg das buch niedermacht und darüber ablästert. leider fand er es auch gut. isses aber auch. wiederhole ich mich?

[das oben gesagte gilt vollumfänglich übrigens auch für diese buch, das ebenso wie das oben genannte ein lesenswertes blog zum buch hat.]

die arbeit der nacht

felix schwenzel,    

jochen hatte mich so neugierig gemacht, dass ich das [amazon-werbelink] buch gleich gekauft habe. [amazon-werbelink] thomas glavinic hat mich dann wirklich gefesselt. jochen sprach von „horror“ und da ist was dran. selten hat mir ein buch auf so eindringliche weise abgründe des menschen vor augen geführt und zwar genau so, dass der horror haften bleibt. haften bleibt, wenn man das buch zugeschlagen hat. es hat zu tag-alpträumen geführt. kein happy-end. es hängt mir ähnlich lange hinterher wie damals se7en. kurz. ein lecker buch, in 3 tagen zu verschlingen.

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für mich bei dir

felix schwenzel,    

kerleone hat auf der blogmich ein heftchen mit kurzgeschichten von sich verteilt. ein kleines blaues heftchen mit dem titel „für mich bei dir“:

zwölf kurze texte über einige sonderlinge.
zur einsortierung in die gleiche schublade gedacht, in die du mich einsortierst.
damit ich ein wenig gesellschaft habe, bei dir, in deiner schublade.

ich habe das heftchen jetzt längere zeit in meinem jacket umhergetragen, bis ich mich daran erinnerte und es wieder rauszog, vorgestern in der ubahn.

die geschichten sind kurz und sehr lesbar. ich habe sie in einem zustand emotionaler schwäche gelesen, morgens um halb sechs in der ubahn, auf dem weg nachhause, nach einer durchgemachten nacht im büro. diese zeit und die bahn sind bestens geeignet um geschichten zu lesen. trotz der müdigkeit war ich hellwach, war begeistert von dem bild des lebens in „ukw-leben“ die eine wunderbare parallele zeichnete: das leben sei eine art frequenzband auf dem radio, man suche nach dem richtigen sender. solange man keinen sender habe, rauscht es schmerzhaft, man haste zur deshalb nächsten station bei der man immer wieder hoffte, dass sie endlich das richtige lied spiele. aber nach einigen takten erkenne man albekanntes, verhasstes, unerträgliches und drehe deshalb weiter am knopf um sich wieder in das rauschen zu stürzen, auch wenn es wehtäte. bei herrn talwek, der sich verpupppen wollte, schlief ich dann doch ein, wachte aber zum glück an der schönhauser allee wieder auf.

schönes büchlein, kann man sicher auch ausgeschlafen lesen (fragt kerleone ob ihr auch eins bekommt, er hat glaube ich noch welche).

[apropos in der bahn lesen: ich habe immer wieder die schweizer um ihr „generalabonement“ für die bahn bewundert (quasi bahncard 100), mit der man sich in eienn zug nach irgendwo setzen konnte, am besten in den speisewagen, in irgendwo in die gegenrichtung umsteigen und weiterlesen. in bewegung leist man glaube ich am besten.]