(vor­be­mer­kung: die links in die­sem ar­ti­kel sind lei­der alle tot. sie zei­gen zwar auf die way­back-ma­chi­ne, aber die hat die links lei­der nicht ar­chi­viert.)

Ich spre­che frem­de Leu­te ei­gent­lich nie an, schon gar nicht in ei­ner Stadt. Der Haupt­grund da­für dürf­te ne­ben Co­ro­na und mei­ner Ver­klemmt­heit wohl sein, dass ich es auch nicht mag in der Stadt an­ge­spro­chen zu wer­den. Kon­takt­auf­nah­me in der Stadt zwingt mich, mich zu die­ser Kon­takt­auf­nah­me zu ver­hal­ten, mir eine Re­ak­ti­on zu über­le­gen, eine Ein­schät­zung zur Si­tua­ti­on zu er­stel­len.

Mein Ver­ständ­nis von Stadt­be­nut­zung ist: ir­gend­wo hin­kom­men, die We­sen der Stadt be­ob­ach­ten und Kon­takt­auf­nah­me auf streng cho­reo­gra­fier­te In­ter­ak­tio­nen zu be­schrän­ken („Eine mitt­le­re Lat­te bit­te.“, „Vier Fünf­zig!“, „WTF?“). Die­se et­was stei­fe Stadt­nut­zung hat sich zwar in den letz­ten 4 Mo­na­ten dra­ma­tisch ge­än­dert, weil ich jetzt re­gel­mä­ßig mit ei­nem fröh­lich hüp­fen­den, reh­glei­chen Pu­del un­ter­wegs bin, der Kon­takt­auf­nah­men qua­si er­zwingt (selbst in Co­ro­na-Zei­ten) — aber ich und mei­ne Stadt­nut­zung sind ein an­de­res The­ma.

Bran­don Stan­ton nutzt Städ­te ganz an­ders als ich, zum Leu­te fo­to­gra­fie­ren, oder bes­ser, um Leu­ten nä­her zu kom­men. Auch vor Co­ro­na war das nicht im­mer ein­fach, aber die Er­geb­nis­se sind in Stan­tons Fall be­ein­dru­ckend. Ein (mehr oder we­ni­ger) zu­fäl­lig aus­ge­wähl­tes Bei­spiel ist die­se äl­te­re Dame, die in drei Tei­len aus ih­rem Le­ben, un­ter an­de­rem als Strip­pe­rin, er­zählt (Teil eins, zwei und drei)

Wie Bran­don Stan­ton das macht, Fo­tos und Ge­schich­ten aus frem­den Men­schen her­aus­zu­kit­zeln, hat er hier mal selbst er­klärt (You­tube-Vi­deo, 15 Mi­nu­ten), hier ein Vi­deo-Por­trait über ihn (You­tube-Vi­deo, 3 Mi­nu­ten).

Ich habe Bran­don Stan­tons Hu­mans of New York in mei­nem Feed­rea­der abon­niert und bin im­mer wie­der be­ein­druckt von den zu­tiefst hu­ma­nen Por­traits, die er dort auf­zeich­net und be­bil­dert. Ei­gent­lich habe ich eine stark aus­ge­präg­te Pa­thos-All­er­gie, aber die Posts von Bran­don Stan­ton pas­sie­ren mei­nen Pa­thos­fil­ter mü­he­los, weil sie nicht auf die Trä­nen­drü­se, son­dern auf die Em­pa­thiedrü­se drü­cken.

Ak­tu­ell pos­tet @hu­man­sof­ny (na­tür­lich) vor­nehm­lich #qua­ran­ti­nes­to­ries, aber die äl­te­ren Sto­ries wär­men das selbst­iso­lier­te Herz. Zum Bei­spiel die Ge­schich­te des ent­flo­he­nen Häft­lings Bob­by, der vie­le Jah­re un­ent­deckt blieb und hei­ra­te­te, ohne sei­ner Frau von sei­ner Ver­gan­gen­heit zu er­zäh­len: Teil eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sie­ben, acht, neun, zehn und elf.

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