als co-autor bin ich jetzt vierfacher grimme online mitpreisträger.
so gesehen bin ix als beischreiber erfolgreicher als als autor.

Noch mal gesonderte Glückwünsche an alle @riesenmaschine / @techniktagebuch GOA-Doppelpreisträger: @regulargonzales @dalcashdvinsky, @freelancepolice, @saschalobo, @clemensetz, @mjutabor, @spitshine, @diplix, Lukas Imhof, Jochen Schmidt, @genista, @GabrielBerlin und @moritzmetz! twitter.com/kathrinpassig/…
Warum wir über Datenhalden und Privatsphäre anders nachdenken müssen
Maciej Cegłowski ist eigentlich der Betreiber des großartigen online Lesezeichenverwaltungsdienstes Pinboard, macht aber gelegentlich mit großartigen Blogtexten oder Vorträgen (auch auf der Republica) auf sich aufmerksam.
Anfang Mai sprach Cegłowski vor einem Komitee des amerikanischen Kongresses über Privatsphäre und Datensammlung im Zeitalter der digitalen Ökonomie. Ich bin sicher, dass er für diesen Kurzauftritt vor dem Kongress lange nachgedacht hat, um seine Aussagen auf den Punkt zu bringen.
Der Punkt ist nicht neu: die Regulierung der Datensammelwut der großen Internetkonzerne ist völlig unzureichend und die Angaben der Plattformen, welche Daten sie sammeln und wie verwenden, sind intransparent und teils hinterlistig. Die Datenberge sind potenziell so gefährlich oder toxisch wie Atommüll, weil das Missbrauchspotential der gesammelten Daten so groß ist. In seinem Statement vor dem Kongress fürchtet Cegłowski, dass dieser unregulierte Vertrauensbruch die Dynamik und Innovationsfreude der Digitalisierung und Vernetzung bremsen könnte.
I worry about this because Silicon Valley has been a force of dynamism. It's one of the great success stories of American capitalism, and we're putting it at risk right now by not having sensible regulation in place that creates the conditions for innovation.
Dann hat Cegłowski aber offenbar nochmal intensiver nachgedacht und seine Gedanken zu einem der wichtigsten Grundsatztexte über Regulierung, Privatsphäre und den Überwachungs-Kapitalismus geschärft.
Er schafft es in diesem Text ein aktuelles Paradoxon aufzulösen, indem er ein klaffendes Defizit in unserer Wahrnehmung sichtbar macht.
Ein Grund, dass Internetkonzerne gleichzeitig beispiellos Daten mit Rasterfahndungsmethoden abgreifen, sich aber trotzdem gerade in den letzten Monaten auch als Datenschutzmusterschüler positionieren können, ist unser veralteter Begriff von Privatsphäre, der dem Zeitalter der Massenüberwachung nicht mehr gewachsen sei.
Derzeit regulieren und definieren wir Privatsphäre als Schutz vor Offenlegung bestimmter persönlicher Daten oder der Kommunikation zwischen Einzelnen. Das macht es den Internetkonzernen leicht sich als Schützer der von ihnen gehorteten Daten darzustellen. Kaum einer kann mit den hochskalierten Sicherheitsmaßnahmen und -Standards der großen Plattformen noch konkurrieren, kaum jemand kann so viel Geld und Ressourcen zur sicheren Verwahrung von Benutzerdaten aufwenden. Was im Übrigen auch erklärt, warum Facebook und Google (oder auch Apple) neuerdings immer lauter nach Regulierung und strengeren Datenschutzrichtlinien rufen: das hält die heranwachsende Konkurrenz auf Distanz und öffnet den Großen einen Wettbewerbsvorteil.
Aus der Regulierungsperspektive, zumindest nach dem althergebrachten Begriff der Privatsphäre, ist der Datenschutz der großen Konzerne grundsätzlich in Ordnung — sie schützen die Daten vor Fremdzugriffen und vor Offenlegung. Allerdings ist die grundsätzliche Frage, die wir stellen müssen, eben nicht ob die Daten sicher gelagert sind, sondern warum auf einmal überhaupt so unglaublich viele schützenswerte Daten da sind.
Wäre Google ein Drache und Benutzerdaten Gold, sollte uns nicht vorrangig interessieren wie und ob der hortende Drache die Goldhalde schützt, sondern warum er so einen riesigen Appetit hat.
Um die Sammelwut und die ökonomischen Grundlagen des Überwachungs-Kapitalismus besser zu verstehen, schlägt Cegłowski einen Arbeitsbegriff vor: Umgebungsprivatsphäre (ambient privacy).
Umgebungsprivatsphäre beschreibt unsere alltäglichen Interaktionen miteinander, die kleinen Details unseres Alltags, die bisher einfach vergessen wurden, sich in Luft auflösten und eben nicht in jedem Detail aufgezeichnet wurden. Jetzt wo sich große Teile unseres analogen Fleischlebens digitalisieren, kleinste Interaktionen speicherbar werden — und hemmungslos und dauerhaft gespeichert werden — verändert sich die Lage. Autoritäre Staaten wie China oder Saudi-Arabien haben den Wert dieser Aufzeichnungen erkannt und nutzen sie zur sozialen Kontrolle, in der westlichen Welt werden sie genutzt um verkackte Werbung auszuspielen.
Entscheidend ist: die großen Internetunternehmen haben den Wert dieser Daten erkannt, wir als Gesellschaft und Einzelne hinken mit dem Verständnis der Reichweite, den Auswirkungen und den Missbrauchsmöglichkeiten dieser Datenhalden hoffnungslos hinterher.
Because our laws frame privacy as an individual right, we don’t have a mechanism for deciding whether we want to live in a surveillance society. Congress has remained silent on the matter, with both parties content to watch Silicon Valley make up its own rules. The large tech companies point to our willing use of their services as proof that people don’t really care about their privacy. But this is like arguing that inmates are happy to be in jail because they use the prison library. Confronted with the reality of a monitored world, people make the rational decision to make the best of it.
That is not consent.
idlewords.com: The New Wilderness
The need to regulate online privacy is a truth so universally acknowledged that even Facebook and Google have joined the chorus of voices crying for change.
standard-curry
vor ner weile kam die beifahrerin mit einem low-carb-kochbuch an. an den ersten rezepten die wir ausprobiert haben gabs nichts auszusetzen und auf reis kann ich schon mein leben lang verzichten.
früher musste ich zu allem immer reis zubereiten, selbst zu thai-suppen bestand die beifahrerin auf eine grossen portion reis. dass das jetzt wefällt, macht es mir sehr leicht dieses low-carb-gedöns zu akzeptieren.
wir, also ich, mache jetzt seit monaten regelmässig ein curry aus diesem buch, das sich wunderbar varieren lässt. es besteht im prinzip aus zwei komponenten, einer „gremolata“ und gelbem curry mit fisch und gemüse. im rezept werden auch garnelen empfohlen, auf die verzichten wir aber meistens und nutzen je ein TK-filet tilapia (soweit erkennbar aus aqua-kultur). der lässt sich in kaltem wasser auch gut schnell auftauen und wird in handliche stücke geschnitten in limettensaft und sojasosse mariniert, während ich die anderen sachen zubereite.
für die gremolata soll man eigentlich viele xthai-basilikum-blätter (gibts im asiamarkt) nehmen, ich habe ersatzweise aber schon alles von normalem basilikum, rauke oder petersilie genommen. also irgendwelchen würzigen kräuter in streifen geschnitten mit einer geriebenen limettenschale, ein paar (zwei esslöfel) grob gehakte erdnüsse und ein paar ein gewürfelte rote chilis zusammenrühren. meisten nehme ich die kleinen roten chilis aus dem asia markt, die ich halbiere und entkerne. das ist immer wieder ein erlebnis, bei dem ich wegen der aufsteigenden ätherischendie öle gerne hustenanfälle und später, wenn ich meine chili-finger vergesse und mir ans auge fasse, brennende augen bekomme. mittlerweile haben wir uns an 4-6 kleine chilis rangetastet, ans gremolata kommt aber nur die hälfte.
die andere hälfte kommt mit einem guten, fein gewürfelten stück ingwer in die pfanne (mit eine bisschen öl). manchmal schmeiss ich auch noch knoblauch oder ganz fein gewürfelte zitronengrasstängel dazu, zwiebeln würden hier eigentlich auch passen. die ingwer-chili-würfel werden dann mit dem dickeren teil der kokosmilch abgelöscht, mit einem guten esslöffel gelber fertigcurrypaste verrührt. danach die restliche kokosmilch dazu, und falls man das mag ein bisschen einkochen.
damit hat man eigentlich die grundlage, jetzt kann man peu a peu gemüse und fisch dazuschmeissen und köcheln lassen. im rezept wird folgendes vorgehen empfohlen:
die festen, weissen teile von pak-choi-stauden (in streifen oder ringe geschnitten) 1 minute garen. an dieser stelle habe ich heute neben den pak chois ein paar kleingeschnittene spargel-stangen dazugeworfen, andere kohl-sorten dürften hier auch funktionieren, möhren, paprika oder was auch immer man an festem gemüse da hat. im rezept sind auch, zusätzlich zum pak-choi, in striefen geschnittene zuckerschoten (100 gramm) vorgesehen.
nach der ersten minute kommt der fisch dazu, den kippe ich meist mitsamt der sojasossen- und limettensaft-marinade dazu. der fisch kann jetzt 4 minuten lang köcheln, danach kommen die schnell garenden zutaten: das feine grün der pak-choi-schoten, mangowürfel oder dünne mangoscheiben sind im rezept vorgesehen, ich habe heute auch ein paar erbsen dazugeworfen.
nach eeiner weiteren minute ist das curry gut, wenns noch nicht gut ist, können noch limettensaft oder sojasosse dazu.



Differenzieren, differenzieren, differenzieren …
Differenzieren ist mühsam, aber noch mühsamer ist es zu akzeptieren, dass es sich immer lohnt zweimal oder zumindest genauer hinzuschauen. Leider leiden wir alle, nicht nur Jasper von Altenbockum, an angeborenem confirmation bias [eigentlich Bestätigungs-Befangenheit, offiziell aber „Bestätigungsfehler“, bei dem es uns leicht fällt Quatsch als Fakt zu akzeptieren, wenn er in unser Weltbild passt] — und das einzige was dagegen hilft ist Mühe, genauer Hinschauen oder Recherchieren.
[Recherchieren ist übrigens eine Tätigkeit die dem Prokrastinieren nicht unähnlich ist. Recherche, genaues Hinsehen, hinerfragen wird übrigens müheloser und niedrigschwellig, wenn man dafür andere wichtige Tätigkeiten auf später verschiebt.]
Manchmal macht sich auch jemand anders die Mühe zu recherchieren, dann muss man nur noch lesen:
Ende April lauteten bereits die Schlagzeilen vieler Medien „AfD jetzt stärkste Partei im Osten“. Auch in den letzten Tagen wird immer wieder vermeldet, dass die AfD in Brandenburg die stärkste Kraft sei. Das ist besonders bedeutend, da in Brandenburg, Sachsen und Thüringen in diesem Jahr gewählt wird. Die AfD hofft auf und alle andere befürchten einen „blauen Herbst“, wie es die Tagesschau gestern schrieb. Man könnte meinen, zumindest in den ostdeutschen Bundesländern würde die AfD immer stärker werden.
Doch das Gegenteil ist der Fall. Wie wir bereits vor ein paar Wochen erklärten: Dass die AfD im Osten stark und auch die stärkste Partei ist, ist nichts Neues. Bereits im Sommer 2018 war die AfD im Osten die stärkste Partei. Die Berichterstattung täuscht darüber hinweg, dass die AfD in einem halben Jahr in Wahrheit 4 Prozentpunkte (2018: 27% – 2019: 23%) verlor.
[Es kann natürlich sein, dass ich hier auch einem Bestätigungsfehler erliege und Thomas Laschyks Analyse Quatsch ist, und ich mir nur wünsche, dass es im Osten keinen Rechtsruck, sondern Wählerwanderungen nach Links gibt. Sicher aber ist: übersichtlich und klar ist die politische Lage nicht.]
volksverpetzer.de: Warum keiner den Linksruck im Osten bemerkt hat – und den Niedergang der AfD
Mit den anstehenden Wahlen in Sachsen und Brandenburg und der Berichterstattung, die sich vor allem um die AfD dreht, könnte man meinen, die Rechtsextremen würden im Osten immer stärker werden. Dabei ist das Gegenteil der Fall. Tatsächlich könnte man sogar eher von einem Linksruck sprechen.

seit gestern sehe ich haufenweise stadtführungen, angeführt von gelb-fliegen und gefolgt von gelbwesten („security guide“). allein heute früh #aufdemwegzurarbeit 5 gruppen überholt.

heute salat aus der speisekammer. #ikeaväxer #växer

#speisekammergarten stand nach 13 wochen: die normale kopfsalat-produktion hab ich runtergefahren: nimmt zuviel platz weg, wächst gut, ist aber nur mittelbefriedigend. sehr schön nach wie vor der alte mangold, seit wochen ernte ich den immer wieder ab. pak chois sehen gut aus, passen in alle salate, die rauke schmeckt am besten, will aber nicht so brutal spriessen wie der mangold. die basilikum-anzuchten kommen langsam, der supermarkt-basilikum lebt und spriesst auch nach 10 wochen noch. koriander kommt auch langsam. #ikeaväxer #växer





#rp19: Nicht nur in der Politik ist das wirklich Wichtige oft staubtrocken
Dieser Auftritt der EU-Wettbewerbskomissarin Margarethe Vestager auf der Republica-Bühne war einer der langweiligsten, aber vielleicht auch einer der thematisch wichtigsten Auftritte dieses Jahr. So wie ihr Job als Wettbewerbskomissarin eben auch irre langweilig & -wierig ist — aber gleichzeitig einer der wichtigsten und effizientesten Jobs gegen die überbordende Macht und Einfluss großer Konzerne zu sein scheint.
Vestager ist aktuell wohl das einzige scharfe Messer das Europa gegen die Übermacht und die strukturelle Zerstörungswut („Disruption“) amerikanischer Plattformkonzerne in Betrieb hat.
Vestager hat sich in den vergangenen 5 Jahren erfolgreich mit vielen Großkonzernen angelegt und Milliardenstrafen verhängt, sie hat sich mit ihren kartellrechtlichen Bemühungen aber auch unbeliebt gemacht. (In Deutschland vor allem, als sie eine Fusion von Siemens und Alstom verhinderte, in der Befürworter »eine Chance auf ein europäisches Großunternehmen, ein „Airbus für die Schiene“« sahen.)
Vestager weist wiederholt darauf hin, dass es an der Zeit sei, dass unsere Demokratien die Möglichkeiten in die Zukunft unserer Gesellschaften selbst formen, die derzeit in fast allen Bereichen in der Hand von Firmen liegen, die oft außerhalb demokratischer Kontrolle agieren.
Ich hoffe Vestager hat noch lange Einfluss auf die Ausrichtung der EU-Politik, nicht nur weil sie angstfrei und unabhängig zu sein scheint, sondern weil sie auch als eine der wenigen EU-Spitzenpolitikerïnnen den Ernst der Lage begreift und entsprechend pragmatisch agiert.
Nur: auch wir müssen mit unseren Konsumentscheidungen mitwirken & mitsteuern — und dabei unter Umständen auch lieb gewonnene Bequemlichkeiten aufgeben und viel intensiver nach Alternativen zu den Diensten der großen Plattformen suchen.
Ich empfehle, sich dieses (oder dieses) teilweise schmerzhaft trockene Gespräch reinzuziehen oder sich zumindest mit Lobeshymnen und Kritik an Vestager auseinander zu setzen. Weil: „This is now.“
faszinierend. nach dem #RezoVideo, schallt es aus der #CDU aus allen ecken: „ungenau! undifferenziert!“
wenn die vorsitzende der CDU was sagt, muss die halbe CDU ausrücken und erklären, was genau sie gemeint haben könnte.
genauigkeit predigen aber selbst schwadronieren & raunen.
| schwadronieren, ʃvadroˈniːrən |
HERKUNFT
eigentlich = beim Fechten wild und planlos um sich schlagen
wortreich, laut, lebhaft, unbekümmert, oft auch aufdringlich reden von seinen Heldentaten schwadronieren

einigermassen gutes automatisieren ist schwer und braucht viele daten, hier am beispiel unserer speisekammer. sensor-ebene eins: ein tür-sensor, der das licht an und aus macht, wie beim kühlschrank. wenn aber mindestens eine person (zweite ebene: anwesenheits-zähl-sensor) in der kammer ist, geht das licht nicht aus, wenn die tür zu geht. wenn ich die kammer verlasse, oder genauer, alle aus der kammer rausgehen, geht das licht aus, auch wenn die tür offen ist. ein bewegungssensor in der kammer ist die dritte sensor-ebene: sollten der anwesenheits-zähl-sensor oder der tür-sensor versagen, schaltet sich das licht nach 10 minuten ohne bewegung aus. die vierte ebene ist der lichtschalter: wird das licht ausgeschaltet, geht nicht nur das licht aus, sondern auch der zählsensor zurückgesetzt. anschalten kann man das licht natürlich auch mit dem lichtschalter.
beim kühlschrank ist das alles einfacher, weil man da nicht reingehen kann. (der anwesenheits-zähl-sensor ist ein einzelner time-of-flight-laser-sensor an einem arduino-nano der per mysensors kommuniziert. es gibt ein kommerzielles produkt, das so ähnlich funktioniert und das man für $160 vorbestellen kann. meine lösung, mit hilfe vieler toller leute und open-source-projekten im internet — und einem freien wochenende und viel geduld— kostet um die €15.)
Politikerïnnen, die sich wünschen, die Jugend wäre politikverdrossen
2009 dachte ich, wir wären wütend. Ursula von der Leyen wollte das Internet sperren, die Vorratsdatenspeicherung wurde durchgepeitscht und „wir“, Menschen, die im Internet lebten, politisierten uns (ein bisschen). Viele, ich auch, setzen Hoffnungen auf die 2006 gegründete Piratenpartei und dieser Tweet von Max von Webel, fasste das vorherrschende Gefühl damals perfekt zusammen:
Ihr werdet euch noch wünschen wir wären politikverdrossen.
Meine leisen Hoffnungen auf Wandel, auf eine kluge Digital- und Gesellschaftspolitik, zerbrachen bei der Bundestagswahl 2009 am „weiter so!“ der Mehrheit. Die Piraten landeten bei 2 % und damit in der Bedeutungslosigkeit (mit mindestens einer erfreulichen Ausnahme).
Jetzt habe ich wieder Hoffnung, weil sehr viele junge Menschen sehr wütend sind — auf eine konstruktive Art. Diesmal geht es nicht nur um verfehlte Digitalpolitik, sondern auch um realitätsverachtende, shruggige Klimapolitik. Der aktuelle Höhepunkt dieser Jugendwut ist ein einstündiges Video, das derzeit durch alle Timelines rauscht und viele Politikerïnnen wieder eine politikverdrossene Jugend herbeiwünschen lässt. Jugendwut äußert sich, ganz anders als vor 40 Jahren mit introvertierter Wut und No Future, jetzt extrovertiert, konstruktiv und fordernd unter dem Motto For Future.
Das Video des 26-jährigen YouTubers Rezo erzürnt derzeit Groß und Klein in der CDU, aber Hannes Schrader erklärt auf Zeit Campus warum Politikerïnnen der CDU sich genau überlegen sollten, „wie sie damit umgehen, dass ein junger Mensch mit seiner Kritik an ihnen sehr erfolgreich ist“. (Tipp von mir: die Kritik Ernst nehmen.)
Hannes Schrader erklärt auch, was an der Kritik Rezos „überspitzt, wütend und unfair“ ist — und warum das gut so ist:
Seine Zuschauer [sind] junge Menschen, die das Gefühl haben, die alten Politiker, die keine Ahnung von ihrem Leben haben, machen ihnen das Internet und ihre Zukunft kaputt. Sie sind Teil einer Generation, die gemerkt hat: Nur wenn wir wütend sind, hört uns jemand zu.
zeit.de: Auch Rezo ist das Volk
Ein YouTuber macht ein Video, in dem er nach eigenen Angaben die CDU zerstört. Seine Kritik ist überspitzt, wütend und unfair. Zum Glück.
In Vielfalt geeint (t3n 56)

dank der html5-vorschau der @t3n kann man meine kolumne am ende des hefts auch dieses mal vor erscheinen des hefts lesen. @papierjunge fand, dass es eine meiner besseren kolumnen sei. ix auch.
Auch unter Präsident Donald Trump lautet das offizielle Staatsmotto der USA: „aus den Vielen das Eine“. So steht es seit 1776 (auf Latein) im Staatswappen der USA: „E pluribus unum“. Aus den folgenden knapp 250 Jahren amerikanischer Geschichte kann man ablesen, dass sich dieses Motto als eine Art Zauberformel für wirtschaftlichen und politischen Erfolg bewiesen hat.
Diese Zauberformel, Stärke durch Einheit und Vielfalt, ist ein universelles Prinzip. Komplexe, diverse Ökosysteme funktionieren stabiler als Monokulturen, Staatsgebilde, die offen, pluralistisch und integrativ organisiert sind, die das Gemeinsame, statt Unterschiede betonen, sind stärker — und innovativer — als solche die Vielfalt zu ersticken versuchen.
Nationalisten, Protektionisten und Spalter haben nie verstanden wie Stärke (und Innovation) entsteht: sie entsteht nicht durch Gleichschaltung, Ordnung, Trennung, Reinheit oder Entschlossenheit, sondern, im Gegenteil, durch Vielschichtigkeit, kontrolliertes, kreatives Chaos und das richtige Mass an Unordnung und Freiheit.
Eine der Stärken der Vereinigten Staaten von Amerika war und ist ihre Fähigkeit zur Integration. Nur zur Erinnerung, Elon Musk wurde in Südafrika geboren, Nikola Tesla war Österreicher, Steve Jobs war der Sohn eines syrischen Politikstudenten, Sergey Brin wurde in Moskau geboren und einer der erfolgreichsten Investoren der Digitalökonomie, Peter Thiel, wurde in Frankfurt am Main geboren. Auf einer anderen Ebene hat auch China diese Fähigkeit zur Integration: in China hat man es geschafft ausländische Technik und Technologie so gut zu integrieren, dass China zu einem unverzichtbaren Teil industrieller und digitaler Lieferketten geworden ist. In China adaptiert man Technologie und Technik schneller, als ein deutscher Minister das Wort Strukturwandel auch nur aussprechen kann.
Die Integration von Fremden und Fremdem, gepaart mit einer ausgeprägten Willkommenskultur, die Fähigkeit aus Vielem Eines zu machen — ohne die Vielfalt zu zerstören — dürfte eine der wichtigsten Antworten auf die Frage sein, wie Europa im weltweiten Wettbewerb mit den grossen Blöcken USA, China und Russland bestehen kann.
Das grösste Hindernis auf dem Weg zu so etwas wie den Vereinigten Staaten von Europa ist allerdings die Überwindung einer Art Denkblockade: der Glaube dass wir verlieren (Identität, Sicherheit), wenn wir uns Fremdes und Veränderungen zu eigen machen und integrieren. Aber das Gegenteil ist der Fall, was bereits die jüngere Geschichte der bisher eher zaghaft verlaufenden europäischen Einigung zeigt. Wissenschaftliche Erfolge wie die European Space Agency oder das CERN, wirtschaftliche Erfolge wie Airbus oder politische Erfolge wie innereuropäische Grenzöffnungen und langanhaltender Frieden, werden all zu schnell als Selbstverständlichkeiten gesehen.
Die Skepsis gegenüber grundlegenden Veränderungen sitzt tief in uns allen, weshalb immer wieder nach neuen, besseren, mitreissenderen Visionen für Europa und die europäische Einigung gerufen wird. Aber vielleicht reicht ja schon ein bildlicher Vergleich, zum Beispiel Europa als Mischwald. Ein gesunder Mischwald ist nicht besonders übersichtlich, bietet aber auch zarten Pflanzen Nischen, genauso wie grossen Bäumen. Und auch umgefallene Bäume sind keine Katastrophe, sondern bilden weitere Nischen, in denen Neues und Frisches entstehen kann. Auch ein Mischwald muss gehegt und vor allzu invasiven Arten geschützt, also reguliert werden. Aber anders als ein reiner Fichtenforst, ist ein Mischwald viel robuster und kann auch mal ein paar Jahre lang sich selbst überlassen werden.
Erstaunlicherweise ist die Förderung von Mischwäldern inzwischen sogar ein politisches Ziel im multikulturell eher skeptischen Bayern. Wenn man sich vorstellen kann, dass eine Eiche auch in einem Mischwald keinesfalls ihre Eichen-Identität verliert, sondern im Gegenteil, viel bessere Lebensbedingungen in der Vielfalt eines Mischwaldes vorfindet, müsste man sich doch eigentlich auch mit der Idee eines vereinten Europas anfreunden können, ein Europa, das aus Vielen Eines schafft und die Vielfalt als Wert an sich schätzt und schützt.
Wenn wir wirtschaftlich, digital, sozial und weltpolitisch erfolgreich sein wollen, müssen wir uns, um es mit Konrad Adenauer zu sagen, aus der Enge und Kleinheit Europas „herausdenken“.
So wie ein Wald mehr ist als die Summe der Bäume, ist auch Europa mehr als die Summe der europäischen Staaten und Regionen — und funktioniert doch dann am besten wenn es genau Eins ist.
#rp19 vortragsempfehlungen
auf piqd.de poste ich in unregelmässigen abständen meine liebsten republica-vorträge. in den letzten tagen diese beiden:
sollte ich irgendwann in die politik gehen, dürfte das an diesem #rp19-vortrag gelegen haben. pragmatismus, praxis und daten sind glaube ich mächtige und schwer unterschätzte politische werkzeuge.
wegen erreichen der maximalen zeichenzahl passte dieser link, dieses video und 2000 andere gedanken nicht mehr in den piq. aber dieses beispiel zeigt einleuchtend, was gutes design bewirken kann (das eingebettete video fasziniert mich seit tagen, es ist fast meditativ. „meditativ“ als adjektiv für eine grossstadt-kreuzung ist gewagt, passt aber in diesem fall).
piqd.de: #rp19: Weniger Autos wagen!
ausserdem, von vorletzter woche:
piqd.de: #rp19: Die Ästhetik und die Grenzen des Machine Learning
#rp19: Weniger Autos wagen!
Auf der republica wurde dieses jahr (zu Recht) viel über Aktivismus geredet. Ein paar Stunden bevor Sascha Lobo seinen Vortrag mit Greta Thunbergs Aktivismus-wirkt-Zitat beendete, zeigte Mikael Colville-Andersen was Aktivismus erreichen kann. Er skizzierte nicht nur die Zukunft der Stadt, sondern zeigte sie auch, unter anderem am Beispiel Kopenhagens.
Ich fand es extrem inspirierend und augenöffnend, wie Anderson von den ziemlich erfolgreichen Bemühungen erzählte, um das Auto in Kopenhagen und anderen Städten zurückzudrängen und damit die Lebensqualität für alle zu heben. Er zeigte keine politischen Visionen, sondern seit Jahrzehnten erprobte Erfahrungen, best practices und Erfolge. Kopenhagen ist so fahrradfreundlich, dass sogar im Winter über 70 Prozent der Fahrradfahrer weiter mit dem Rad zur Arbeit fahren. Fast zwei Drittel der Politiker in Kopenhagen nutzen Fahrräder, um zur Arbeit zu kommen.
Anderson setze bei seinem Vortrag weniger auf Wut als Motor um Aktivismus zu säen, sondern tatsächlich auf Inspiration, beinahe Wehmut — und Daten. Er zeigte, dass Städte und Straßen wieder zu demokratischen Räumen werden können, statt Spielwiesen für Straßenbauingenieure und Verkehrslenker und dass man, um schnell von A nach B zu kommen, eben nicht unbedingt ein Auto braucht, sondern kluge Infrastruktur, die allen nützt und nicht nur ein paar Autofahrern.
Alles was Anderson zeigte war schlüssig, logisch und keine Spur radikal. Nach dem Vortrag war ich überzeugt, dass die Zukunft der Städte nicht im Hofieren des Autoverkehrs liegt und das Zurückdrängen des Autoverkehrs aus Städten auf eine Art alternativlos und zwangsläufig ist.
Eine gewisse Dosis Wut kam dann doch noch in mir auf, vor allem angesichts der Tatsache, dass sich in unseren Nachbarländern die Bürger schon seit Jahrzehnten die Städte und Strassen von den Autos zurückholen und wir uns hier aus unerfindlichen Gründen weiter scharenweise von Autos von den Fahrrädern fegen lassen und das offenbar als normal empfinden.









