nachträglich vom csu-parteitag: jubelperser (teil 3)

(ursprünglich im „wahlblog“ veröffentlicht)
in der faz steht heute ein artikel von johannes leithäuser, übertitelt „In drei Wellen“:
Angeblich sind unterdessen knapp 20 000 mögliche Mitstreiter des „TeAMs“ registriert. Sie hatten ihren augenfälligsten Einsatz am Parteitagssonntag der CDU in dewr Dortmunder Westfalenhalle, wo mehrere 1000 von ihnen das Gerüst der orangenfarbenen Jubelkulisse bildeten, sie sind aber auch bei allen größeren öffentlichen Auftritten der Kanzlerkanditatin und anderer CDU-Spitzenpolitiuker präsent, schirmen sie bei ihrem Einzug auf öffentlichen Plätzen ab und versuchen gezielt und vorbereitet, die erwarteten Störattacken von Aktivisten der Linkspartei oder anderer Initiativen einzudämmen.
diese CDU/TeAM jubelperser (ich benutze das wort immer lieber, immer wenn ich es sage, grinst mich mein gegenüber an) sind heute nicht da. es ist auch kein orange zu sehen. auch keine roten teppiche. die veranstaltung ist recht übersichtlich und komplett in blau gehalten, sogar das blumenwasser ist blau eingefärbt. in der hallle im plenum sind ca. 30 sitzreihen, gefüllt mit delegierte, dahinter ein paar gäste, dahinter wiederum, oben auf einer tribüne, die fernsehsender. vorne reden bayerische politiker und die delegierten werden wie bei der bahn, von 1 euro-jobbern die mit wägelchen durch die gänge fahren, gefüttert.
insgesamt hat man das gefühl einer familiären veranstaltung beizuwohnen. man kennt sich halt. klein, übersichtlich, gemütlich. hier muss keiner fremdeln.
immer wieder fragt mich die radio-tante nach meiner motivation. warum ich hierher gefahren bin. warum ich blogge, warum ich parteitagsblogge. recht hat sie. es ist völlig unverständlich, warum ein gutausehender typ wie ich an einem solchen tag nicht ins freibad geht oder ins kino. nun, zum thema freibad ist die antwort natürlich leicht, im freibad mit einem kompressionsstrumpf rumzulaufen ist nämlich eher peinlich, auf parteitagen, zudem einem der csu, fällt man damit kaum auf.
warum also auf parteitage fahren? bin ich politisch? sind parteitage politisch? welchen sinn hat ein parteitag? ich hatte ja bereits beim linksparteitag gemutmasst, dass es ausschliesslich um „wortproduktion“ geht. mittlerweile bin ich aber zur überzeugung gekommen, dass parteitage eine art selbstreferenzielle endlosschleife sind. zugleich sind sie eine arbeitsbeschaffungsmassnahme erster güte, für „eventagenturen“, veranstaltungsorte, fernsehsender und journalisten. und natürlich für blogger.
auf so einem parteitag versichern sich leute die sich gut finden, dass sie sich gut finden. sie legitimieren sich in mehr oder weniger aufwenigen legitimationsverfahren die sie sich vorher ausgedacht haben. dabei beobachten und applaudieren sie sich gegenseitig und werden auch „von aussen“ heftig beobachtet. manche leute die das sich-gegenseitig-gutfinden beobachten werden wiederum beobachtet und gefragt was sie denn da beobachtet hätten. wer die besten worte findet hat gewonnen und kommt mit diesen worten auch ins fernsehen oder die zeitung. juriert werden die worte von beobachtern auf der tribüne. wer viele gute worte hat und damit am ende oft genug ins fernsehen kommt (und so „die themen“ setzen kann) wird am ende kanzler. oder kanzlerin.
das ist alles ein grosses und unglaublich aufwendiges spiel, von dem man nur ganz wenige, kleine teile sieht. um politik geht es nicht wirklich. es geht um stimmung, um die inszenierung, um bilder, um gesten und symbole.
ich gebe zu, ich habe den reden nicht allzu aufmerksam zugehört, räusper, kann ich ja morgen in der zeitung nachlesen. nur als die merkel sprach bin ich einmal ganz nah an sie (und die führungsriege der csu) rangegangen. angela merkel hat ganz kleine füsse die hinten ein bisschen aufgebockt sind, damit die beine länger wirken. sie trug (wieder) was rosa/flieder/orangiges und redet erstaunlich flüssig, in genau der richtigen lautstärke, mit fester stimme, die nicht so keifig, schrill und aufgeregt rüberkommt wie bei manchen spd- oder pds-politikern. komisch. ich empfinde sympathie. sie wirkt sympathisch wie sich einen abgrinst als sie den saal mit einer kirchhof-schmähungs-retourkutsche an schröder zum brodeln bringt. sie freut sich! das ist nicht das mühsam antrainierte ich-will-noch-fröhlicher-werden-grinsen das ich letztlich ständig im fernsehen sah. das ist echte freude.
überhaupt. die stimmung. cdu und csu strahlen siegesgewissheit und selbstbewusstsein aus. auch wenn ich überall las, dass schröder die genossen (und genossinen) mit seiner rede „mitriss und euphorisierte“, gegen die stimmung bei den unions-parteitagen war der spd-parteitag eine trauerveranstaltung ganz furchtbar sachlich. im herzen haben die anhänger der union die wahl schon gewonnen. ich kann mir vorstellen, stoiber macht heute abend wieder mal ein glas sekt auf. ich frage mich ob schröder, wenn er bald ins fernsehen kommt, noch irgendein ruder herumwerfen kann. die spd (nicht schröder) wirkt müde, cdu und csu hingegen wirken unglaublich euphorisiert und selbstbewusst und setzen auch noch die themen.