vom cdu-par­tei­tag: wo die uni­on re­giert läufts bes­ser? (teil 3)

felix schwenzel in artikel, teil der sammlung: #wahl05

(ur­sprüng­lich im „wahl­blog“ ver­öf­fent­licht)

die west­fa­len­hal­le ist sehr, sehr gross. nach mei­nem be­such im pres­se­zen­trum, das ein biss­chen ab­seits lag, be­gab ich mich erst­mals in die hal­le selbst. wie be­reits er­wähnt lief dort eine ab­grund­tief schlech­te show aus dem re­per­toire des welt­be­kann­ten eu­ro­pa park rust. da­vor spiel­te eine co­ver­band alte queen-lie­der. „we are the cham­pi­ons“, „we will rock you“ und „wir wer­den kanz­le­rin“ und son zeug. die bei­den shows de­mons­trier­ten ein­drucks­voll wor­um es bei die­sem par­tei­tag ging: ein­hei­zen und auf­hei­zen, die rei­hen schlies­sen, sich „wie ein mann“ hin­ter an­ge­la mer­kel stel­len. der satz „wie ein mann“ hin­ter an­ge­la mer­kel stel­len stammt von cars­ten-cars­ten cars­ten­sen, oder wie der heisst. ach ja, pe­ter-har­ry cars­ten­sen glau­be ich. die­ser satz aus sei­nem mund, scherz­te er, habe ge­wicht.

apro­pos scher­ze. die cdu-mi­nis­ter­prä­si­den­ten die alle, qua­si zur er­öff­nung des par­tei­ta­ges, eine klei­ne an­spra­che („gruss­wor­te“) hal­ten durf­ten, streng­ten sich alle sehr an, min­des­tens ein, zwei witz­chen in ihre re­den ein­zu­bau­en. so ge­se­hen war der cdu-par­tei­tag im ver­gleich zum links­par­tei­tag bei­na­he lus­tig. wenn die wit­ze nicht alle so grot­ten­schlecht ge­we­sen wä­ren. ich hat­te zeit­wei­lig das ge­fühl bei oleo­leo­le.de live on stage da­bei zu sein. an­bei ein bei­spiel von chris­ti­an wulff, dem mi­nis­ter­prä­si­den­ten von nie­der­sach­sen und der­zeit, an­geb­lich, be­lieb­tes­ten deut­schen spit­zen­po­lit­ker. sein witz soll­te die un­glaub­lich ef­fek­ti­vi­tät sei­ner re­gie­rung un­ter­mau­ern, die er kurz vor­her wort­reich und mit sicht­li­chem stolz vor­trug: wenn ich mich recht er­in­ne­re trug er den witz in der ich-form vor. er er­zähl­te wie er einst bei ei­ner jagd zu­ge­gen war. ei­ner der jä­ger hat­te ein wild­schwein er­legt und zog es hin­ter sich her. er, wulff, frag­te den jä­ger war­um er denn das schwein ge­gen den strich, ge­gen die bors­ten hin­ter sich her­zö­ge? das sei doch viel an­stren­gen­der als es an­ders­her­um zu zie­hen. als er, wulff, den jä­ger kurz dar­auf wie­der­traf frag­te er, wulff, ihn, wie es denn jetzt gin­ge, das schwei­ne­zie­hen. der jä­ger sag­te es gehe jetzt viel bes­ser, nur fän­de er es doof, dass er jetzt von sei­nem auto weg­lau­fen wür­de. rie­sen brül­ler, der saal koch­te. apro­pos ko­chen. ro­land koch war mei­ner mei­nung nach der bes­te ein­peit­scher. schon sein be­grüs­sungs­ap­plaus war der lau­tes­te und hef­tigs­te (nach hel­mut kohl), ob­wohl er mei­ner fes­ten über­zeu­gung nach von der ze­re­mo­nien­meis­te­rin anet­te scha­van mit der „häss­li­che mi­nis­ter­prä­si­dent“ vor­ge­stellt wur­de.

ro­land koch war er­staun­lich prag­ma­tisch und liess sich so­gar dar­auf ein kon­kre­te for­de­run­gen an eine künf­ti­ge bun­des­re­gie­rung zu stel­len, so müss­ten ge­neh­mi­gungs­ver­fah­ren be­schleu­nigt wer­den und dem eu­ro­päi­schem stan­dard an­ge­passt wer­den. selbst mit staub­tro­cke­nen the­men peitscht die­ser mann die men­ge auf. da­nach griff er zwar noch­mal in die ganz alte, stau­bi­ge mot­ten­kis­te und bash­te hol­ger bör­ner („ein mi­nis­ter­prä­si­dent wie ein dach­lat­te“) da­für, dass er vor 250 jah­ren mal ge­sagt habe nicht mit den grü­nen zu ko­alie­ren und das dann kurz dar­auf doch ge­macht habe. das par­tei­volk liebt ro­land „schlab­ber­lip­pe“ koch. ich wür­de jetzt ger­ne ei­nen ab­satz lang spe­ku­lie­ren und fa­bu­lie­ren, kann man also über­sprin­gen, den nächs­ten ab­satz.

koch ist ziem­lich klug. wenn ich für die ful­da­er zei­tung schrei­ben wür­de, hät­te ich so­gar ge­sagt, er ist ein „schlitz­ohr“. er kann sei­nen ehr­geiz und macht­wil­len aber viel bes­ser ver­ber­gen als der un­ge­schick­te, ner­vö­se und fah­ri­ge ed­mund stoi­ber, bei dem man im­mer das ge­fühl hat er plat­ze gleich vor ehr­geiz. koch platzt auch vor ehr­geiz, aber er zeigt es kei­nem. er ist po­li­tisch und mit dem was er so von sich gibt auch we­ni­ger un­ge­schickt als stoi­ber. sein po­li­ti­sches meis­ter­stück be­steht im üb­ri­gen dar­aus, dass er eine be­zugs­quel­le für tef­lon­haut ge­fun­den hat, er be­nutzt sie seit­dem ähn­lich ge­schickt wie bill clin­ton. vor­wür­fe und skan­da­le per­len an ihm ab als sei er stän­dig in la­tex ge­klei­det. sein gröss­ter vor­teil ge­gen­über stoi­ber (und mer­kel) ist, dass er die spra­che der ba­sis spricht. nicht nur der ba­sis, er schafft es auch, ähn­lich wie schrö­der, stim­mun­gen in letz­ter mi­nu­te zu sei­nen guns­ten zu mo­bi­li­sie­ren. und da­für braucht er noch nicht­mal eine flut, ihm reicht es ein paar un­ter­schrif­ten­lis­ten aus­zu­tei­len und auf der ge­ne­rier­ten wel­le von em­pö­rung und emo­tio­na­li­sie­rung zu rei­ten. soll­te es mer­kel nicht schaf­fen die bun­des­tags­wahl zu ge­win­nen, der nächs­te kan­di­dat der uni­on wird ro­land koch sein. soll­te an­ge­la mer­kel ge­win­nen wird er ihr schlimms­ter alp­traum.

ro­land koch scheint üb­ri­gens eine weib­li­che per­so­nen­schüt­ze­rin zu ha­ben. sie stand bei ei­nem in­ter­view im flur der west­fa­len­hal­le hin­ter ihm, knopf im ohr, klein, zier­lich, na­del­strei­fen­an­zug, blon­der pfer­de­schwanz, knopf im ohr. es gab üb­ri­gens meh­re­re weib­li­che per­so­nen­schüt­ze­rin­nen. ei­gen­ar­ti­ge at­trak­ti­on die die­se ver­steck­te, po­ten­zi­el­le weib­li­che bru­ta­li­tät auf ver­wirr­te wie mich aus­üben.

zu­rück zum the­ma. die mi­nis­ter­prä­si­den­ten. alle durf­ten re­den. auch die die es nicht kön­nen, gün­ther h. oet­tin­ger zum bei­spiel, der typ der mich an ei­nen von den bei­den mtv-stars von da­mals, bea­vis und but­thead, er­in­nert. oet­tin­ger re­det nicht, er bellt. das ist im­mer noch ele­gan­ter als der re­de­stil von sei­nem ba­den-würt­tem­ber­gi­schen lands­mann vol­ker kau­der, der nach je­dem wort ei­nen punkt setzt und ver­sucht jede mo­du­la­ti­on der stim­me zu ver­mei­den. oet­tin­ger bellt also sei­ne rede. ich fra­ge mich was es mit dem schwar­zen stoff­pan­ther auf sich hat, den er mit auf die büh­ne ge­bracht hat. er spannt das pu­bli­kum und mich bis zum ende auf die fol­ter. als er auf­hört zu bel­len, über­reicht er den pan­ther tat­säch­lich an­ge­la mer­kel, weil kein tier so „gut und ziel­ge­nau“ sprin­ge wie ein pan­ther. aha. bea­vis hät­te noch ein „hähä“ dran­ge­hängt. oet­tin­ger geht still von der büh­ne.

beim mi­nis­ter­prä­si­den­ten mül­ler stau­ne ich ein we­nig. er fängt an eine art schwanz­ver­gleich un­ter den mi­nis­ter­prä­si­den­ten zu in­i­tie­ren: er be­haup­tet, als er im saar­land die amt­ge­schäf­te von der spd über­nahm, sei das saar­land das land mit der bun­des­weit elft-höchs­ten ar­beits­lo­sen­quo­te ge­we­sen. jetzt sei man be­reits auf platz fünf und wol­le schau­en wer bay­ern zu­erst über­ho­le, das saar­land oder sach­sen. auch herr mil­brandt, der mi­nis­ter­prä­si­dent von sach­sen, hat ein fai­ble fürs schwanz­ver­glei­chen. gleich am an­fang sei­ner un­glaub­lich lang­wei­li­gen rede ver­kün­de­te er stolz: sach­sen ist num­mer zwei bei pisa! ei­nen ext­gem lau­ten und be­geis­ter­ten ju­bel­sturm konn­te mül­ler üb­ri­gens noch mit ei­nem ex­trem schlech­ten witz aus­lö­sen. os­kar la­fon­taine ge­rie­re sich ja in letz­ter zeit als wil­li brands en­kel. das habe er über­prü­fen las­sen und kön­ne ver­si­chern, dass das auf gar kei­nen falll stim­me. nicht mit ab­so­lu­ter si­cher­heit aus­schlies­sen kön­ne er al­ler­dings, dass os­kar la­fon­taine der sohn von erich hon­ecker sei. bei sol­chen wit­zen beb­te die gan­ze hal­le.

als gros­sen kämp­fer ver­such­te sich jür­gen rütt­gers dar­zu­stel­len. er hat ganz of­fen­sicht­lich ei­nen gu­ten re­den­schrei­ber, die rede lief wie heis­se but­ter durch sämt­li­che kon­ser­va­ti­ven kli­schees, liess über­all ein biss­chen fett hän­gen. lei­der be­merk­ten aber auch die cdu-an­hän­ger, dass rütt­gers ei­nen leich­ten sprach­feh­ler hat und äff­ten ihn stän­dig nach. wäh­rend der rede zi­schel­te und ki­cher­te es von den rän­gen — wenn nicht fre­ne­tisch ge­brüllt wur­de. rütt­gers pin­sel­te den de­le­gier­ten und cdu-fans ihre bäu­che und brüll­te ih­nen gut ver­ständ­li­che po­pu­lis­ti­sche pla­ti­tü­den ent­ge­gen: ehr­lich­keit und an­stand, leis­tung müs­se sich „wie­der“ loh­nen, ehr­lich­keit und an­stand, ehr­lich­keit und an­stand, aus­ser­dem sei­en pünkt­lich­keit, fleiss und di­zi­plin kei­ne se­kun­där­tu­gen­den, son­dern „not­wen­dig“. dass er da­nach nach links­par­tei.pds-mus­ter so­zi­al­neid schür­te und den rent­nern für ihre stim­men in den end­darm sprang fand ich ein biss­chen ek­lig; zum ar­beits­lo­sen­geld zwei sag­te er, dass es nicht sein kön­ne das der­je­ni­ge der 30 jah­re „ein­ge­zahlt“ habe bei alg2 das glei­che raus­be­kom­me wie „ei­ner der noch nie eine schip­pe in der hand ge­habt habe“.

weil ich rütt­gers rede so aso­zi­al fand, bin ich jetzt auch mal ganz un­kor­rekt. im ta­ges­spie­gel las ich heu­te, dass es ein un­ge­schrie­be­nes ge­setz ist, kei­ne wit­ze über na­men von po­li­ti­kern zu ma­chen. schon gar kei­ne schlech­ten. fi­scher habe das ge­bot ge­bro­chen und ge­sagt: „auf die­sem kirch­hof liegt der so­zi­al­staat be­gra­ben.“ ich hin­ge­gen wer­de jetzt das ge­bot bre­chen, sich nicht über be­hin­de­run­gen lus­tig zu ma­chen, aber ich habe jür­gen rütt­gers heu­te die­sen satz sa­gen hö­ren: „bei der cdu kön­nen die men­schen si­cher sein, dass das was man ih­nen schuh ge­sagt hat auch um­ge­setzt wird.“

den ham­mer­gag brach­te jür­gen rütt­gers re­den­schrei­ber am ende, of­fen­sicht­lich wur­de die rede ge­schrie­ben, be­vor das rah­men­pro­gramm für die bun­des­par­tei­tags­show (mit tän­zern, tra­pez­künst­ler, gauk­lern, viel und we­nig licht, la­ser­show, ei­ner co­ver­band mit queen-lie­dern, ei­nem lied der rol­ling stones und ei­nem „lied der deut­schen“) fest­stand. denn rütt­gers las vor, was sich in deutsch­land un­ter der cdu än­dern wer­de: „[…] er­wirt­schaf­ten statt aus­zah­len […], sub­stanz statt show.“

kei­ne show mehr, doo!

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