vom cdu-parteitag: wo die union regiert läufts besser? (teil 3)

(ursprünglich im „wahlblog“ veröffentlicht)
die westfalenhalle ist sehr, sehr gross. nach meinem besuch im pressezentrum, das ein bisschen abseits lag, begab ich mich erstmals in die halle selbst. wie bereits erwähnt lief dort eine abgrundtief schlechte show aus dem repertoire des weltbekannten europa park rust. davor spielte eine coverband alte queen-lieder. „we are the champions“, „we will rock you“ und „wir werden kanzlerin“ und son zeug. die beiden shows demonstrierten eindrucksvoll worum es bei diesem parteitag ging: einheizen und aufheizen, die reihen schliessen, sich „wie ein mann“ hinter angela merkel stellen. der satz „wie ein mann“ hinter angela merkel stellen stammt von carsten-carsten carstensen, oder wie der heisst. ach ja, peter-harry carstensen glaube ich. dieser satz aus seinem mund, scherzte er, habe gewicht.
apropos scherze. die cdu-ministerpräsidenten die alle, quasi zur eröffnung des parteitages, eine kleine ansprache („grussworte“) halten durften, strengten sich alle sehr an, mindestens ein, zwei witzchen in ihre reden einzubauen. so gesehen war der cdu-parteitag im vergleich zum linksparteitag beinahe lustig. wenn die witze nicht alle so grottenschlecht gewesen wären. ich hatte zeitweilig das gefühl bei oleoleole.de live on stage dabei zu sein. anbei ein beispiel von christian wulff, dem ministerpräsidenten von niedersachsen und derzeit, angeblich, beliebtesten deutschen spitzenpolitker. sein witz sollte die unglaublich effektivität seiner regierung untermauern, die er kurz vorher wortreich und mit sichtlichem stolz vortrug: wenn ich mich recht erinnere trug er den witz in der ich-form vor. er erzählte wie er einst bei einer jagd zugegen war. einer der jäger hatte ein wildschwein erlegt und zog es hinter sich her. er, wulff, fragte den jäger warum er denn das schwein gegen den strich, gegen die borsten hinter sich herzöge? das sei doch viel anstrengender als es andersherum zu ziehen. als er, wulff, den jäger kurz darauf wiedertraf fragte er, wulff, ihn, wie es denn jetzt ginge, das schweineziehen. der jäger sagte es gehe jetzt viel besser, nur fände er es doof, dass er jetzt von seinem auto weglaufen würde. riesen brüller, der saal kochte. apropos kochen. roland koch war meiner meinung nach der beste einpeitscher. schon sein begrüssungsapplaus war der lauteste und heftigste (nach helmut kohl), obwohl er meiner festen überzeugung nach von der zeremonienmeisterin anette schavan mit der „hässliche ministerpräsident“ vorgestellt wurde.
roland koch war erstaunlich pragmatisch und liess sich sogar darauf ein konkrete forderungen an eine künftige bundesregierung zu stellen, so müssten genehmigungsverfahren beschleunigt werden und dem europäischem standard angepasst werden. selbst mit staubtrockenen themen peitscht dieser mann die menge auf. danach griff er zwar nochmal in die ganz alte, staubige mottenkiste und bashte holger börner („ein ministerpräsident wie ein dachlatte“) dafür, dass er vor 250 jahren mal gesagt habe nicht mit den grünen zu koalieren und das dann kurz darauf doch gemacht habe. das parteivolk liebt roland „schlabberlippe“ koch. ich würde jetzt gerne einen absatz lang spekulieren und fabulieren, kann man also überspringen, den nächsten absatz.
koch ist ziemlich klug. wenn ich für die fuldaer zeitung schreiben würde, hätte ich sogar gesagt, er ist ein „schlitzohr“. er kann seinen ehrgeiz und machtwillen aber viel besser verbergen als der ungeschickte, nervöse und fahrige edmund stoiber, bei dem man immer das gefühl hat er platze gleich vor ehrgeiz. koch platzt auch vor ehrgeiz, aber er zeigt es keinem. er ist politisch und mit dem was er so von sich gibt auch weniger ungeschickt als stoiber. sein politisches meisterstück besteht im übrigen daraus, dass er eine bezugsquelle für teflonhaut gefunden hat, er benutzt sie seitdem ähnlich geschickt wie bill clinton. vorwürfe und skandale perlen an ihm ab als sei er ständig in latex gekleidet. sein grösster vorteil gegenüber stoiber (und merkel) ist, dass er die sprache der basis spricht. nicht nur der basis, er schafft es auch, ähnlich wie schröder, stimmungen in letzter minute zu seinen gunsten zu mobilisieren. und dafür braucht er noch nichtmal eine flut, ihm reicht es ein paar unterschriftenlisten auszuteilen und auf der generierten welle von empörung und emotionalisierung zu reiten. sollte es merkel nicht schaffen die bundestagswahl zu gewinnen, der nächste kandidat der union wird roland koch sein. sollte angela merkel gewinnen wird er ihr schlimmster alptraum.
roland koch scheint übrigens eine weibliche personenschützerin zu haben. sie stand bei einem interview im flur der westfalenhalle hinter ihm, knopf im ohr, klein, zierlich, nadelstreifenanzug, blonder pferdeschwanz, knopf im ohr. es gab übrigens mehrere weibliche personenschützerinnen. eigenartige attraktion die diese versteckte, potenzielle weibliche brutalität auf verwirrte wie mich ausüben.
zurück zum thema. die ministerpräsidenten. alle durften reden. auch die die es nicht können, günther h. oettinger zum beispiel, der typ der mich an einen von den beiden mtv-stars von damals, beavis und butthead, erinnert. oettinger redet nicht, er bellt. das ist immer noch eleganter als der redestil von seinem baden-württembergischen landsmann volker kauder, der nach jedem wort einen punkt setzt und versucht jede modulation der stimme zu vermeiden. oettinger bellt also seine rede. ich frage mich was es mit dem schwarzen stoffpanther auf sich hat, den er mit auf die bühne gebracht hat. er spannt das publikum und mich bis zum ende auf die folter. als er aufhört zu bellen, überreicht er den panther tatsächlich angela merkel, weil kein tier so „gut und zielgenau“ springe wie ein panther. aha. beavis hätte noch ein „hähä“ drangehängt. oettinger geht still von der bühne.
beim ministerpräsidenten müller staune ich ein wenig. er fängt an eine art schwanzvergleich unter den ministerpräsidenten zu initieren: er behauptet, als er im saarland die amtgeschäfte von der spd übernahm, sei das saarland das land mit der bundesweit elft-höchsten arbeitslosenquote gewesen. jetzt sei man bereits auf platz fünf und wolle schauen wer bayern zuerst überhole, das saarland oder sachsen. auch herr milbrandt, der ministerpräsident von sachsen, hat ein faible fürs schwanzvergleichen. gleich am anfang seiner unglaublich langweiligen rede verkündete er stolz: sachsen ist nummer zwei bei pisa! einen extgem lauten und begeisterten jubelsturm konnte müller übrigens noch mit einem extrem schlechten witz auslösen. oskar lafontaine geriere sich ja in letzter zeit als willi brands enkel. das habe er überprüfen lassen und könne versichern, dass das auf gar keinen falll stimme. nicht mit absoluter sicherheit ausschliessen könne er allerdings, dass oskar lafontaine der sohn von erich honecker sei. bei solchen witzen bebte die ganze halle.
als grossen kämpfer versuchte sich jürgen rüttgers darzustellen. er hat ganz offensichtlich einen guten redenschreiber, die rede lief wie heisse butter durch sämtliche konservativen klischees, liess überall ein bisschen fett hängen. leider bemerkten aber auch die cdu-anhänger, dass rüttgers einen leichten sprachfehler hat und äfften ihn ständig nach. während der rede zischelte und kicherte es von den rängen — wenn nicht frenetisch gebrüllt wurde. rüttgers pinselte den delegierten und cdu-fans ihre bäuche und brüllte ihnen gut verständliche populistische platitüden entgegen: ehrlichkeit und anstand, leistung müsse sich „wieder“ lohnen, ehrlichkeit und anstand, ehrlichkeit und anstand, ausserdem seien pünktlichkeit, fleiss und diziplin keine sekundärtugenden, sondern „notwendig“. dass er danach nach linkspartei.pds-muster sozialneid schürte und den rentnern für ihre stimmen in den enddarm sprang fand ich ein bisschen eklig; zum arbeitslosengeld zwei sagte er, dass es nicht sein könne das derjenige der 30 jahre „eingezahlt“ habe bei alg2 das gleiche rausbekomme wie „einer der noch nie eine schippe in der hand gehabt habe“.
weil ich rüttgers rede so asozial fand, bin ich jetzt auch mal ganz unkorrekt. im tagesspiegel las ich heute, dass es ein ungeschriebenes gesetz ist, keine witze über namen von politikern zu machen. schon gar keine schlechten. fischer habe das gebot gebrochen und gesagt: „auf diesem kirchhof liegt der sozialstaat begraben.“ ich hingegen werde jetzt das gebot brechen, sich nicht über behinderungen lustig zu machen, aber ich habe jürgen rüttgers heute diesen satz sagen hören: „bei der cdu können die menschen sicher sein, dass das was man ihnen schuh gesagt hat auch umgesetzt wird.“
den hammergag brachte jürgen rüttgers redenschreiber am ende, offensichtlich wurde die rede geschrieben, bevor das rahmenprogramm für die bundesparteitagsshow (mit tänzern, trapezkünstler, gauklern, viel und wenig licht, lasershow, einer coverband mit queen-liedern, einem lied der rolling stones und einem „lied der deutschen“) feststand. denn rüttgers las vor, was sich in deutschland unter der cdu ändern werde: „[…] erwirtschaften statt auszahlen […], substanz statt show.“
keine show mehr, doo!