vom fdp-parteitag: westerwelle singt (teil 5)

(ursprünglich im „wahlblog“ veröffentlicht)
die delegierten haben sich vor westerwelles rede einen hübschen trick ausgedacht: um ihn vom reden abzuhalten applaudieren und schreien sie einfach bis er wieder geht. leider haben die delegierten das nur 5 minuten durchgehalten und westerwelle blieb. wie bereits hundertfach geübt, kam er ohne jacket, im weissen hemd an das rednerpult. als der applaus anhielt, krempelte er langsam die hemdsärmel nach oben. das sieht wahrscheinlich bei jeder wahlkampfveranstaltung gleich aus.

in echt, wenn man so neben westerwelle steht, wirkt westerwelle wie der nette, ordentliche streber von nebenan. er möchte aber wirken wie der schutzengel und heilsbringer von nebenan. deshalb macht er erstmal einen auf menschlich, so als jürgen-„unbarmherzig“-trittin-gegenpol: „ich habe gestern einen brief von einer jungen frau bekommen …“ — der saal brüllt und lacht. guido bleibt ernst, der saal versteht, das sollte nicht witzig sein. „diese frau sitzt im rollstuhl und versucht seit …“ — es folgt ein erschütterndes, mit tieftrauriger westerstimme geschildertes einzelschicksal von einer frau, die sich im kampf mit den deutschen bürokraten beinahe aufrieb und der guido westerwelle und seine fdp nun helfen wollen: „das wollen wir ändern!“ ich glaube es folgen noch ein, zwei weitere schlimme einzelfälle, die die fdp sofort, am nächsten sonntag, anpacken und ändern wird. denn die fdp ist sich ganz sicher, dass heute der letzte sonntag sei, an dem rot-grün noch regiere.
im fernseher wirkt westerwelle komischerweise noch streberhafter, obwohl er offenbar ein heftiges redetraining mitgemacht hat. manchmal redet er so melodiös, dass man meinen könnte er singe. dazu tanzen seine arme, immer streng im takt. er beherrscht auch die modulation seiner sprache in extremste pianissimo- und forte-passagen. das kommt bei der journalie sehr gut an: „der wird aber wirklich pinselig“ fand eine dame vom irgendeiner zeitung. sehr beliebt sind bei der fdp offenbar eisenbahn-analogien. nachdem herr gehardt bereits vom schlafwagen in die lokomotive wechseln wollte, will westerwelle nun auch noch ganz deutschland von einem wirtschaftlichen „bremsklotz“ in eine lokomotive verwandeln.
der herr neben mir hat seinen (leit-)artikel bereits seit über 30 minuten fertig. er will ihn aber noch nicht abschicken, telefonierte er eben in seine redaktion, bevor westerwelle fertig mit seiner rede sei. als westerwelle sein „kompetenzteam“ vorstellt schickt er den artikel doch schon ab, macht den computer aus und feierabend: „ein leitartikel darf sich eh nicht nur um das gerede während so eines parteitages drehen. da gehts ein bisschen mehr ums grosse ganze.“
dieser parteitag scheint nicht eine einzige neuigkeit gebracht zu haben. nachdem der leitartikler bereits zusammengepackt hatte, murmelte er die namen und ressorts der kompetenzteamler mit, er wusste sie alle vorher. konnte man ja vorher auch schon in den zeitungen lesen.
westerwelle schien seine rede offenbar so abzuspulen wie bei jedem wahlkaumpfauftritt der letzten wochen. auch heute bekam niels annen wieder eins druff: wer sein eigenes leben nicht im griff hat (in diesem fall keinen studienabschluss), dürfe über das leben von anderen nicht entscheiden (in diesem fall ein bundestagsmandat). offenbar ist westerwelle fleissiger „bild“-zeitungsleser. auch ein paar andere seiner „argumente“ waren erstaunlich bildzeitungig und doof.
nach westerwelles rede strömten organisierte jubelperser auf die bühne, in der hand steuern hoch (oder runter) plakate. das sollte wohl als eine art fototapete dienen [nachtrag: hat funktioniert]. beim applaudieren fiel mir auf, dass die einzige die dieses gelbe „freiheit und verantwortung“-bändchen trug frau pieper war. alle anderen fdp-alphatierchen hatten nur das blaue band der freundschaft und zum magen-vollschlagen an.