alles
27.09.2026
christoph hat sein 13 jahre altes tagebuch von einem 22 tage langen USA roadtrip in sein blog übertragen. ich habe das sehr gerne gelesen und die fotos sind grandios.
die beifahrerin brauchte heute comfort food, deshalb hab ich heute wieder frittiert und krautsalat gemacht.

beim morgenspaziergang mein handy vergessen, war trotzdem gut.
es ist sonntag abend und ich bin im gegenteil zu normalen sonntag abenden extrem gut gelaunt. obwohl morgen montag ist, habe ich noch 6 sonntage und einen samstag vor mir. urlaub ist toll.
ich sitze hier und denke nach was ich heute gemacht habe und mir fällt nichts ein. ok, sendung mit der maus geguckt, morgenspaziergang, mittagsschlaf, in der küche das silikon zwischen arbeitsplatte und kacheln erneuert. aber sonst? nix. toll. kann ich auch nix schreiben.
the kids are alright
ich bin grosser fan staatlicher regulierung. die grossen krisen, die uns gegenüberstehen oder auf uns zukommen, lösen wir nicht allein durch individuelle umstellung unserer lebensweise. es ist lobenswert, das auto stehen zu lassen (am besten gleich beim autohändler, vor dem kauf) und das fahrrad zu benutzen. aber der ausbau von fahrradwegen, der umbau unserer städte zu menschenfreundlichen statt autofreundlichen lebensräumen ist eine politische und gesellschaftliche aufgabe. genau wie die umstellung der energieversorgung auf erneuerbare energiequellen, um unsere abhängigkeit von fossilen energiequellen und schurkenstaaten zu reduzieren, oder die reduzierung zum beispiel von verpackungsmüll. fast 60 jahre jute statt plastik haben den verpackungsmüll kaum reduziert, genauso wie schaufensterpolitische stunts wie der grüne punkt oder trittins pfandgedöns.
es gibt unmengen brennender fragen (im wahrsten sinn des wortes) und krisen, die wir politisch lösen müssen. das ist kompliziert und funktioniert nicht immer im ersten wurf, aber anders als mit staatlicher, gesellschaftlicher regulierung, also gesetzen und regeln für alle, kommen wir da nicht weiter.
andererseits gibt es regulierungen, die von anfang an zum scheitern verurteilt sind, also nachgewiesenermassen nicht funktionieren. das sind vor allem jugendschutzregeln und betäubungsmittelverbote. alles, was solche regulierungen bewirken, sind gewisse reibungsverluste bzw. leichte schwierigkeiten bei der beschaffung. wer trinken, kiffen oder rauchen will, egal wie alt er ist, egal wie legal, illegal oder teuer die beschaffung ist, findet wege. auch das social-media-verbot in australien wirkt so gut wie gar nicht:
Die bisherigen Daten zeigen, dass das australische Social-Media-Mindestalter die Nutzung durch Unter-16-Jährige bislang nur begrenzt reduziert hat und die Altersbeschränkungen in großem Umfang umgangen werden.
-- quelle
natürlich bin ich der meinung, dass wir staatliche regulierung von social media und tech-plattformen brauchen, aber eben für alle. dark patterns, suchtfördernde designmuster oder moderationsdefizite auf öffentlich zugänglichen plattformen müssen genau wie schädliche substanzen oder gesundheitsgefährdende produkte reguliert oder mit regulatorischen mitteln so verteuert werden, dass sie sich für die betreiber weniger lohnen.
aber das mit dem jugendschutz allein durch verbote können wir uns abschminken. oder weniger polemisch formuliert: regulierung sollte nicht bei den nutzenden ansetzen, sondern bei den angeboten und anbietern. und die beste jugendschutzgrundlage ist immer noch, jugendliche dabei zu unterstützen, stark, autonom und selbstständig werden zu können. nicht vornehmlich die jugend vor potenziellen gefahren und risiken schützen, sondern ihnen das rüstzeug an die hand geben, um mit den risiken umzugehen oder sie zu vermeiden.
ich habe grosses vertrauen in die jugend. nicht weil ich zu einem milden onkel geworden bin, sondern weil ich selbst mal jugendlicher war und mich daran erinnere, dass ich meinen eltern dankbar bin, dass sie mich dumme fehler haben machen lassen und ich mir selbst aussuchen konnte, welche risiken ich eingehen wollte. ich hatte zum beispiel keine zeit, zu der ich am wochenende spätestens zu hause sein musste, solange ich montagmorgens in einem akzeptablen zustand zur schule ging.
regulierung, die verantwortung von der gesellschaft auf den einzelnen verschiebt und das dann jugendschutz nennt, nervt mich. genauso wie leute, die jungen menschen kein vertrauen schenken und unter dem deckmantel des jugendschutzes entscheidungen für sie treffen wollen. leute, die jugendliche für narzisstisch, fast-food-, nikotin-, spiel-, porno-, gadget-, aufmerksamkeits- oder konformitätssüchtig halten, haben mich schon als jugendlicher genervt. und sie nerven mich immer noch. insbesondere wenn ich ausgerechnet auf netzpolitik kolumnen wie diese von ihnen lesen muss.
nachtrag 28.09.2026:
jannis schakarian hält fest, was der psychologe peter gray über die „Diskussion um Social Media und mögliche Auswirkung auf Teenager und Kinder [die zum Großteil durch] den Bestseller „The Anxious Generation“ von Jonathan Haidt bestimmt [wurde]“ zu sagen hat.
Peter Gray sagt, dass sich der Anstieg von Anxiety und Suizidzahlen eher durch gestiegenem schulischen Druck in den USA erklären ließe. Insbesondere führt er an, dass seit den 1980er-Jahren die Selbstständigkeit von Kindern immer weiter eingeschränkt wurde und das fehlen von freiem, unstrukturiertem Spiel deren Resilienz schadet. Während früher Kinder unbeaufsichtigt miteinander spielten, ist das heute seltener geworden. Darin sind sich Haidt und Gray sogar einig.
der artikel ist schon neun tage alt, ich hab ihn aber erst jetzt in meinem feedreader gesehen.
Statt die eigene Persönlichkeit auszudrücken, etikettieren Nutzer:innen alles, was sie tun und was sie sind, mit einem der zahllosen Labels, die über ihre Bildschirme fliegen. Dabei passen sie sich allzu geschmeidig wöchentlich wechselnden Trends an. Sie schreiben über sich selbst, ohne etwas über sich auszusagen.
Social-Media-Trends bestimmen, was Menschen über sich selbst sagen, wie sie sich kleiden und welche Musik sie hören, nicht aber das eigene Interesse oder der eigene Geschmack. So verschwinden sie im Gleichstrom der Clean-Girl-Ästhetik oder in Cowboystiefeln und Miniröcken in irgendeiner Bar. Chic.
was für ein quatsch. diese kolumne hätte genauso gut vor 20, 30, 40 oder 60 jahren erscheinen können. dann hätte man statt von social-media-plattformen von massenmedien oder medienkonglomeraten geredet. oder statt tech-bros hätte man zeitungsbarone, rechtskonservative medienmogule, medien- oder studiobosse gesagt. die „gleichschaltung“ von geschmack, trends und moden wäre dann statt von „grossen techplattformen“ aus zeitungen, zeitschriften, film und fernsehen „diktiert“ worden. davor waren es weltliche und kirchenfürsten, die uns in die „konformität“ drängen wollten.
alles, was carla siepmann hier über trends, mode, konformität, individualität und darüber, wie „die jugend“ damit umgeht, schreibt, wird seit jahrhunderten genauso über „die jugend“ geschrieben. in der regel sind das allerdings alte, weisse männer, die der jugend fehlende stärke, schwache persönlichkeiten oder einen mangel an autonomie, willen und individualität vorwerfen.
buch: „die wahrscheinliche wahrheit“ von mads pankow
ich habe mir mads pankows buch „die wahrscheinliche wahrheit“ auf der verlagsseite gekauft, nachdem er mich zu seiner buchvorstellung einlud, und gleich angefangen darin zu lesen. bis zur buchvorstellung hatte ich die hälfte durch. mir gefiel mads pankows art zu schreiben von der ersten seite an. er schreibt verständlich und nachvollziehbar und an keiner stelle fühlt man sich überfordert oder irritiert1. ich habe bei vielen autoren das ungute gefühl, dass sie komplexe sachverhalte absichtlich kompliziert aufschreiben und das als distinktionsmerkmal sehen. vielleicht weil sie glauben, dass sie dann besonders intelligent wirken. bei mads pankow hatte ich dieses gefühl nicht ein einziges mal. es scheint ihm nicht wichtig zu sein, intelligent zu wirken, sondern es scheint ihm wichtig, verständlich zu schreiben. dazu kommt eine unaufgeregtheit und sachlichkeit, die ich bei den meisten texten über künstliche intelligenz in den letzten monaten immer wieder vermisst habe.
auch wenn der untertitel des buchs
Wie KI unsere Wirklichkeit, Moral und Gesellschaft neu berechnet
lautet, ist das buch nicht wirklich über künstliche intelligenz. es ist ein buch über relativität, die relativität von wahrheit — oder die geschichte und zukunft der wahrheit.
ich habe über das thema seit jahren auch (relativ) intensiv nachgedacht. 2015 stellte ich als teilfazit eines republica-vortrags die steile these auf, dass die wahrheit immer ein kompromiss oder relativ sei. das ist so zusammenhangslos ein sehr missverständlicher satz, und auch wenn ich später präzisierte, dass es mir darum ging, der sogenannten „wahrheit“ immer differenziert, skeptisch und mit demut zu begegnen. vor allem deshalb, weil die wahrheit — die welt — unserer wahrnehmung nicht vollumfänglich zugänglich ist.
ich habe mich gefreut, bei mads pankow ähnliche thesen zu lesen, die aber um ein vielfaches eleganter und solider begründet sind als mein rumgeeiere vor 11 jahren. hier zum beispiel über die „pragmatische wahrheit“ und eine „alte These des Konstruktivismus“:
Die Welt weiß nichts von unseren Beschreibungen und Theorien. Sie bleibt letztlich unzugänglich. Eine letzte Wahrheit gibt es nicht, nur bessere und schlechtere Modelle. Wahr ist, was funktioniert, Prognosen erlaubt.
mads pankow ordnet die verschiedenen ausprägungen von wahrheit in die mediengeschichte ein. mündlichkeit, schrift und buchdruck haben je eigene massstäbe dafür gesetzt, was als wahr, belegbar und allgemeinverbindlich gilt. soziale medien und neuerdings „probabilistische maschinen“ (wie mads pankow KI oft nennt2), relativieren unseren wahrheitsbegriff noch einmal.
EINE KLEINE GESCHICHTE DER WAHRHEIT
Neue Kommunikationstechnologien verändern die Art und Weise, wie wir die Welt beschreiben und verstehen. Mit der Schrift setzte sich die lineare Argumentation durch und erforderte eine Ordnung der Wirklichkeit in Kategorien und Regeln. Der Buchdruck vervielfältigte nicht nur Texte, sondern auch Perspektiven – und schuf damit einen öffentlichen Diskurs, in dem Wahrheiten um Gültigkeit konkurrieren. Mit den digitalen Technologien entstehen nun zwei neue Wissensordnungen: die gefühlsbezogene der sozialen Medien und die wahrscheinlichkeitsbasierte der Künstlichen Intelligenz.
wie gesagt, mads pankow leitet seine mediengeschichte der wahrheit gut lesbar und nachvollziehbar her, und das zu lesen hat mir grosses vergnügen bereitet. er verzichtet auf jargon und nutzt fremdworte nur, wenn es wirklich nötig ist oder passt. ich lese zu ähnlichen themen auch sehr gerne die texte von michael seemann (zum beispiel diesen), aber gerade der kontrast zu seemanns texten macht deutlich, welche mühe sich pankow macht, sein buch auch nicht-insidern zugänglich zu machen. er setzt nichts voraus, man muss kein wissen über cartesianismus, anthropomorphismus oder relationalen materialismus mitbringen, aber man merkt, dass pankow das wissen mitbringt. aber statt es dem leser ins gesicht zu klatschen, packt er es in die anmerkungen und läuft die extra meile, bleibt im deutschen, definiert begriffe, bevor er sie benutzt, deutet nicht an, sondern formuliert aus. aber er vereinfacht auch nicht so weit, dass die differenzierung und präzision verloren gehen. das eine oder andere wissenhäppchen hatte ich bei der lektüre schon intus und immer wenn ich beim lesen mal kurz dachte, dass eine erklärung zu kurz griff, differenzierte pankow ein paar sätze später.
das buch ist ein medien- und gesellschaftstheoretischer essay, der mich thematisch stark an meine lektüre von vor 40 jahren von neil postmans „wir amüsieren uns zu tode“ erinnert. aber ohne den ganzen pessimismus und die technophobie. die wahrscheinliche wahrheit sprudelt im kontrast nur so vor optimismus und dem glauben, dass wir als gesellschaft die herausforderungen der neuen medien und probabilistischen maschinen schon meistern und die chancen ergreifen werden — obwohl „sprudelnder optimismus“ vielleicht etwas übertrieben ist. immerhin lautet das fazit des buchs: „Die Medienkatastrophe“. aber wie ein guter optimist sieht er das glas weder als halb voll noch als halb leer an, sondern als glas, das man füllen kann. die katastrophe sieht er als gestaltbar an, vom kulturpessimismus lässt er die finger.
so solide mir seine kulturtheorie der wahrheit vorkam, scheint mir der zweite teil des buches auf weicheren, hypothetischen füssen zu stehen. oder umgekehrt, vielleicht war ich auch einfach vom zweiten teil überfordert. aber das ist wohl weniger mads pankows schuld, als die komplexität der herausforderungen vor die uns diese neuen probabilistischen systeme stellen, die uns gerade von den technologie-unternehmen übergestülpt3 werden.
die verwerfungen der sozialen medien, die uns gerade mal 20 jahre begleiten, ziehen gerade in unsere parlamente ein. den umgang mit diesen affektiven wahrheiten haben unsere gesellschaften noch nicht mal im ansatz gemeistert — und schon drohen die wahrscheinlichkeitsbasierten medien die gesellschaftliche ordnung nochmal in ihren grundfesten zu erschüttern. mads pankow sieht chancen in der katastrophe und hält sie für gestalbar. ich frage mich, ob die gestaltung mehr zeit braucht, als der fortschritts-takt uns derzeit lässt und ob wir diesen takt mit etwas mehr fortschrittpessimismus und regulierung ausbremsen sollten.
so oder so brauchen wir mehr denkarbeit zum gesellschaftlichen wandel in den uns der rasende technologische fortschritt so oder so schleudert. und im constantin seibt’schen sinne4 liefert mads pankow auf 284 seiten 5 unmengen an denkarbeit zum weiterdenken.
zum weiterlesen und weitere rezensionen::
- interview mit vera dünninger auf technologiestiftung-berlin.de und aufzeichnung des vortrags „Das Ende von Recht und Ordnung“
- katharina teutsch in der faz
- katja kullmann in der taz

Mads Pankow
Die wahrscheinliche Wahrheit.
Wie KI unsere Wirklichkeit, Moral und Gesellschaft neu berechnet.
Matthes & Seitz Berlin, 2026.
e-book 19,99 € · gebunden 25,00 €
verlag epub/gebunden | amazon | thalia
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was mich ein bisschen irritierte war mads pankows nutzung des generischen maskulinum und femininum und der klassischen dopplung (autorinnen und autoren, bürgerrinnen und bürger). auch wenn die dopplung das häufigste mittel ist, pendelt der text wild zwischen doppelung, maskulinum und femininum. ↑︎
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auch: probabilistische systeme/modelle/algorithmen ↑︎
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siehe jeremy keith: „The majority consensus amongst actual regular people is that this is being forced down our throats and stuffed into our eyes and ears.“ ↑︎
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constantin seibt über komprimierte zeit: „Das Konzept von komprimierter Zeit ist auch das der Grund, warum Leute gern lesen: Sie machen ein blendendes Geschäft. In einer Minute haben sie eine Stunde fremde Denkarbeit oder mehr gewonnen.“ quelle: tagesanzeiger.ch/deadline (in 404 versiegt) ↑︎
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in meinem e-book reader waren es 936 seiten ↑︎
deine blogroll sieht aus als hättest du das plugin bereits installiert. ich glaube seit auguts werden von matthias plugin die icons jetzt lokal ausgeliefert, wenn ich das richtig verstehe: https://github.com/pfefferle/wordpress-blockroll/pull/8

nächstes jahr dauert die republica 20 jahre und findet im dark mode statt.




