alles

Getting LOST (2024) gesehen

doku über lost, leider ein bisschen verloren in der ma­te­ri­al­flut. war trotzdem schön die gesichter (fast) alle nochmal zu sehen. das ende von lost war trotzdem scheisse. 

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27.09.2026

felix schwenzel in notiert

chris­toph hat sein 13 jah­re al­tes ta­ge­buch von ei­nem 22 tage lan­gen USA road­trip in sein blog über­tra­gen. ich habe das sehr ger­ne ge­le­sen und die fo­tos sind gran­di­os.


die bei­fah­re­rin brauch­te heu­te com­fort food, des­halb hab ich heu­te wie­der frit­tiert und kraut­sa­lat ge­macht.

beim mor­gen­spa­zier­gang mein han­dy ver­ges­sen, war trotz­dem gut.

es ist sonn­tag abend und ich bin im ge­gen­teil zu nor­ma­len sonn­tag aben­den ex­trem gut ge­launt. ob­wohl mor­gen mon­tag ist, habe ich noch 6 sonn­ta­ge und ei­nen sams­tag vor mir. ur­laub ist toll.

ich sit­ze hier und den­ke nach was ich heu­te ge­macht habe und mir fällt nichts ein. ok, sen­dung mit der maus ge­guckt, mor­gen­spa­zier­gang, mit­tags­schlaf, in der kü­che das si­li­kon zwi­schen ar­beits­plat­te und ka­cheln er­neu­ert. aber sonst? nix. toll. kann ich auch nix schrei­ben. 


ich bin gros­ser fan staat­li­cher re­gu­lie­rung. die gros­sen kri­sen, die uns ge­gen­über­ste­hen oder auf uns zu­kom­men, lö­sen wir nicht al­lein durch in­di­vi­du­el­le um­stel­lung un­se­rer le­bens­wei­se. es ist lo­bens­wert, das auto ste­hen zu las­sen (am bes­ten gleich beim au­to­händ­ler, vor dem kauf) und das fahr­rad zu be­nut­zen. aber der aus­bau von fahr­rad­we­gen, der um­bau un­se­rer städ­te zu men­schen­freund­li­chen statt au­to­freund­li­chen le­bens­räu­men ist eine po­li­ti­sche und ge­sell­schaft­li­che auf­ga­be. ge­nau wie die um­stel­lung der en­er­gie­ver­sor­gung auf er­neu­er­ba­re en­er­gie­quel­len, um un­se­re ab­hän­gig­keit von fos­si­len en­er­gie­quel­len und schur­ken­staa­ten zu re­du­zie­ren, oder die re­du­zie­rung zum bei­spiel von ver­pa­ckungs­müll. fast 60 jah­re jute statt plas­tik ha­ben den ver­pa­ckungs­müll kaum re­du­ziert, ge­nau­so wie schau­fens­ter­po­li­ti­sche stunts wie der grü­ne punkt oder trittins pfand­ge­döns.

es gibt un­men­gen bren­nen­der fra­gen (im wahrs­ten sinn des wor­tes) und kri­sen, die wir po­li­tisch lö­sen müs­sen. das ist kom­pli­ziert und funk­tio­niert nicht im­mer im ers­ten wurf, aber an­ders als mit staat­li­cher, ge­sell­schaft­li­cher re­gu­lie­rung, also ge­set­zen und re­geln für alle, kom­men wir da nicht wei­ter.

an­de­rer­seits gibt es re­gu­lie­run­gen, die von an­fang an zum schei­tern ver­ur­teilt sind, also nach­ge­wie­se­ner­mas­sen nicht funk­tio­nie­ren. das sind vor al­lem ju­gend­schutz­re­geln und be­täu­bungs­mit­tel­ver­bo­te. al­les, was sol­che re­gu­lie­run­gen be­wir­ken, sind ge­wis­se rei­bungs­ver­lus­te bzw. leich­te schwie­rig­kei­ten bei der be­schaf­fung. wer trin­ken, kif­fen oder rau­chen will, egal wie alt er ist, egal wie le­gal, il­le­gal oder teu­er die be­schaf­fung ist, fin­det wege. auch das so­cial-me­dia-ver­bot in aus­tra­li­en wirkt so gut wie gar nicht:

Die bis­he­ri­gen Da­ten zei­gen, dass das aus­tra­li­sche So­cial-Me­dia-Min­dest­al­ter die Nut­zung durch Un­ter-16-Jäh­ri­ge bis­lang nur be­grenzt re­du­ziert hat und die Al­ters­be­schrän­kun­gen in gro­ßem Um­fang um­gan­gen wer­den.

-- quel­le

na­tür­lich bin ich der mei­nung, dass wir staat­li­che re­gu­lie­rung von so­cial me­dia und tech-platt­for­men brau­chen, aber eben für alle. dark pat­terns, sucht­för­dern­de de­sign­mus­ter oder mo­de­ra­ti­ons­de­fi­zi­te auf öf­fent­lich zu­gäng­li­chen platt­for­men müs­sen ge­nau wie schäd­li­che sub­stan­zen oder ge­sund­heits­ge­fähr­den­de pro­duk­te re­gu­liert oder mit re­gu­la­to­ri­schen mit­teln so ver­teu­ert wer­den, dass sie sich für die be­trei­ber we­ni­ger loh­nen.

aber das mit dem ju­gend­schutz al­lein durch ver­bo­te kön­nen wir uns ab­schmin­ken. oder we­ni­ger po­le­misch for­mu­liert: re­gu­lie­rung soll­te nicht bei den nut­zen­den an­set­zen, son­dern bei den an­ge­bo­ten und an­bie­tern. und die bes­te ju­gend­schutz­grund­la­ge ist im­mer noch, ju­gend­li­che da­bei zu un­ter­stüt­zen, stark, au­to­nom und selbst­stän­dig wer­den zu kön­nen. nicht vor­nehm­lich die ju­gend vor po­ten­zi­el­len ge­fah­ren und ri­si­ken schüt­zen, son­dern ih­nen das rüst­zeug an die hand ge­ben, um mit den ri­si­ken um­zu­ge­hen oder sie zu ver­mei­den.

ich habe gros­ses ver­trau­en in die ju­gend. nicht weil ich zu ei­nem mil­den on­kel ge­wor­den bin, son­dern weil ich selbst mal ju­gend­li­cher war und mich dar­an er­in­ne­re, dass ich mei­nen el­tern dank­bar bin, dass sie mich dum­me feh­ler ha­ben ma­chen las­sen und ich mir selbst aus­su­chen konn­te, wel­che ri­si­ken ich ein­ge­hen woll­te. ich hat­te zum bei­spiel kei­ne zeit, zu der ich am wo­chen­en­de spä­tes­tens zu hau­se sein muss­te, so­lan­ge ich mon­tag­mor­gens in ei­nem ak­zep­ta­blen zu­stand zur schu­le ging.

re­gu­lie­rung, die ver­ant­wor­tung von der ge­sell­schaft auf den ein­zel­nen ver­schiebt und das dann ju­gend­schutz nennt, nervt mich. ge­nau­so wie leu­te, die jun­gen men­schen kein ver­trau­en schen­ken und un­ter dem deck­man­tel des ju­gend­schut­zes ent­sch­ei­dun­gen für sie tref­fen wol­len. leu­te, die ju­gend­li­che für nar­ziss­tisch, fast-food-, ni­ko­tin-, spiel-, por­no-, gad­get-, auf­merk­sam­keits- oder kon­for­mi­täts­süch­tig hal­ten, ha­ben mich schon als ju­gend­li­cher ge­nervt. und sie ner­ven mich im­mer noch. ins­be­son­de­re wenn ich aus­ge­rech­net auf netz­po­li­tik ko­lum­nen wie die­se von ih­nen le­sen muss.

Statt die eigene Per­sön­lich­keit aus­zu­drü­cken, eti­ket­tie­ren Nutzer:innen alles, was sie tun und was sie sind, mit einem der zahllosen Labels, die über ihre Bild­schir­me fliegen. Dabei passen sie sich allzu ge­schmei­dig wö­chent­lich wech­seln­den Trends an. Sie schreiben über sich selbst, ohne etwas über sich aus­zu­sa­gen.

Social-Media-Trends bestimmen, was Menschen über sich selbst sagen, wie sie sich kleiden und welche Musik sie hören, nicht aber das eigene Interesse oder der eigene Geschmack. So ver­schwin­den sie im Gleich­strom der Clean-Girl-Ästhetik oder in Cow­boy­stie­feln und Mi­ni­rö­cken in ir­gend­ei­ner Bar. Chic.

was für ein quatsch. diese kolumne hätte genauso gut vor 20, 30, 40 oder 60 jahren er­schei­nen können. dann hätte man statt von social-media-platt­for­men von mas­sen­me­di­en oder me­di­en­kon­glo­me­ra­ten geredet. oder statt tech-bros hätte man zei­tungs­ba­ro­ne, rechts­kon­ser­va­ti­ve me­di­en­mo­gu­le, medien- oder stu­dio­bos­se gesagt. die „gleich­schal­tung“ von geschmack, trends und moden wäre dann statt von „grossen tech­platt­for­men“ aus zeitungen, zeit­schrif­ten, film und fernsehen „diktiert“ worden. davor waren es weltliche und kir­chen­fürs­ten, die uns in die „kon­for­mi­tät“ drängen wollten.

alles, was carla siepmann hier über trends, mode, kon­for­mi­tät, in­di­vi­dua­li­tät und darüber, wie „die jugend“ damit umgeht, schreibt, wird seit jahr­hun­der­ten genauso über „die jugend“ ge­schrie­ben. in der regel sind das al­ler­dings alte, weisse männer, die der jugend fehlende stärke, schwache per­sön­lich­kei­ten oder einen mangel an autonomie, willen und in­di­vi­dua­li­tät vorwerfen.


nach­trag 28.09.2026:

jan­nis scha­ka­ri­an hält fest, was der psy­cho­lo­ge pe­ter gray über die „Dis­kus­si­on um So­cial Me­dia und mög­li­che Aus­wir­kung auf Teen­ager und Kin­der [die zum Groß­teil durch] den Best­sel­ler „The Anxious Ge­ne­ra­ti­on“ von Jo­na­than Haidt be­stimmt [wur­de]“ zu sa­gen hat.

Pe­ter Gray sagt, dass sich der An­stieg von An­xie­ty und Sui­zid­zah­len eher durch ge­stie­ge­nem schu­li­schen Druck in den USA er­klä­ren lie­ße. Ins­be­son­de­re führt er an, dass seit den 1980er-Jah­ren die Selbst­stän­dig­keit von Kin­dern im­mer wei­ter ein­ge­schränkt wur­de und das feh­len von frei­em, un­struk­tu­rier­tem Spiel de­ren Re­si­li­enz scha­det. Wäh­rend frü­her Kin­der un­be­auf­sich­tigt mit­ein­an­der spiel­ten, ist das heu­te sel­te­ner ge­wor­den. Dar­in sind sich Haidt und Gray so­gar ei­nig.

der ar­ti­kel ist schon neun tage alt, ich hab ihn aber erst jetzt in mei­nem feed­rea­der ge­se­hen. 


Statt die eigene Per­sön­lich­keit aus­zu­drü­cken, eti­ket­tie­ren Nutzer:innen alles, was sie tun und was sie sind, mit einem der zahllosen Labels, die über ihre Bild­schir­me fliegen. Dabei passen sie sich allzu ge­schmei­dig wö­chent­lich wech­seln­den Trends an. Sie schreiben über sich selbst, ohne etwas über sich aus­zu­sa­gen.

Social-Media-Trends bestimmen, was Menschen über sich selbst sagen, wie sie sich kleiden und welche Musik sie hören, nicht aber das eigene Interesse oder der eigene Geschmack. So ver­schwin­den sie im Gleich­strom der Clean-Girl-Ästhetik oder in Cow­boy­stie­feln und Mi­ni­rö­cken in ir­gend­ei­ner Bar. Chic.

was für ein quatsch. diese kolumne hätte genauso gut vor 20, 30, 40 oder 60 jahren er­schei­nen können. dann hätte man statt von social-media-platt­for­men von mas­sen­me­di­en oder me­di­en­kon­glo­me­ra­ten geredet. oder statt tech-bros hätte man zei­tungs­ba­ro­ne, rechts­kon­ser­va­ti­ve me­di­en­mo­gu­le, medien- oder stu­dio­bos­se gesagt. die „gleich­schal­tung“ von geschmack, trends und moden wäre dann statt von „grossen tech­platt­for­men“ aus zeitungen, zeit­schrif­ten, film und fernsehen „diktiert“ worden. davor waren es weltliche und kir­chen­fürs­ten, die uns in die „kon­for­mi­tät“ drängen wollten.

alles, was carla siepmann hier über trends, mode, kon­for­mi­tät, in­di­vi­dua­li­tät und darüber, wie „die jugend“ damit umgeht, schreibt, wird seit jahr­hun­der­ten genauso über „die jugend“ ge­schrie­ben. in der regel sind das al­ler­dings alte, weisse männer, die der jugend fehlende stärke, schwache per­sön­lich­kei­ten oder einen mangel an autonomie, willen und in­di­vi­dua­li­tät vorwerfen.


Star Trek: Strange New Worlds (S04 E10) gesehen

time travel stuff. leider ohne jeden sinn oder con­ti­nui­ty. absurd bis zum abwinken. so logikfern, dass ich beinahe das gefühl hatte eine KI-ge­ne­rier­te folge zu sehen. ich will nicht sagen slop, aber diese folge war schon sehr sloppy und im detail lieblos. 

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buch: „die wahr­schein­li­che wahr­heit“ von mads pan­kow

felix schwenzel in rezensionen

ich habe mir mads pan­kows buch „die wahr­schein­li­che wahr­heit“ auf der ver­lags­sei­te ge­kauft, nach­dem er mich zu sei­ner buch­vor­stel­lung ein­lud, und gleich an­ge­fan­gen dar­in zu le­sen. bis zur buch­vor­stel­lung hat­te ich die hälf­te durch. mir ge­fiel mads pan­kows art zu schrei­ben von der ers­ten sei­te an. er schreibt ver­ständ­lich und nach­voll­zieh­bar und an kei­ner stel­le fühlt man sich über­for­dert oder ir­ri­tiert1. ich habe bei vie­len au­toren das un­gu­te ge­fühl, dass sie kom­ple­xe sach­ver­hal­te ab­sicht­lich kom­pli­ziert auf­schrei­ben und das als di­stink­ti­ons­merk­mal se­hen. viel­leicht weil sie glau­ben, dass sie dann be­son­ders in­tel­li­gent wir­ken. bei mads pan­kow hat­te ich die­ses ge­fühl nicht ein ein­zi­ges mal. es scheint ihm nicht wich­tig zu sein, in­tel­li­gent zu wir­ken, son­dern es scheint ihm wich­tig, ver­ständ­lich zu schrei­ben. dazu kommt eine un­auf­ge­regt­heit und sach­lich­keit, die ich bei den meis­ten tex­ten über künst­li­che in­tel­li­genz in den letz­ten mo­na­ten im­mer wie­der ver­misst habe.

auch wenn der un­ter­ti­tel des buchs

Wie KI un­se­re Wirk­lich­keit, Mo­ral und Ge­sell­schaft neu be­rech­net

lau­tet, ist das buch nicht wirk­lich über künst­li­che in­tel­li­genz. es ist ein buch über re­la­ti­vi­tät, die re­la­ti­vi­tät von wahr­heit — oder die ge­schich­te und zu­kunft der wahr­heit.

ich habe über das the­ma seit jah­ren auch (re­la­tiv) in­ten­siv nach­ge­dacht. 2015 stell­te ich als teil­fa­zit ei­nes re­pu­bli­ca-vor­trags die stei­le the­se auf, dass die wahr­heit im­mer ein kom­pro­miss oder re­la­tiv sei. das ist so zu­sam­men­hangs­los ein sehr miss­ver­ständ­li­cher satz, und auch wenn ich spä­ter prä­zi­sier­te, dass es mir dar­um ging, der so­ge­nann­ten „wahr­heit“ im­mer dif­fe­ren­ziert, skep­tisch und mit de­mut zu be­geg­nen. vor al­lem des­halb, weil die wahr­heit — die welt — un­se­rer wahr­neh­mung nicht voll­um­fäng­lich zu­gäng­lich ist.

ich habe mich ge­freut, bei mads pan­kow ähn­li­che the­sen zu le­sen, die aber um ein viel­fa­ches ele­gan­ter und so­li­der be­grün­det sind als mein rum­ge­eie­re vor 11 jah­ren. hier zum bei­spiel über die „prag­ma­ti­sche wahr­heit“ und eine „alte The­se des Kon­struk­ti­vis­mus“:

Die Welt weiß nichts von un­se­ren Be­schrei­bun­gen und Theo­rien. Sie bleibt letzt­lich un­zu­gäng­lich. Eine letz­te Wahr­heit gibt es nicht, nur bes­se­re und schlech­te­re Mo­del­le. Wahr ist, was funk­tio­niert, Pro­gno­sen er­laubt.

mads pan­kow ord­net die ver­schie­de­nen aus­prä­gun­gen von wahr­heit in die me­di­en­ge­schich­te ein. münd­lich­keit, schrift und buch­druck ha­ben je ei­ge­ne mass­stä­be da­für ge­setzt, was als wahr, be­leg­bar und all­ge­mein­ver­bind­lich gilt. so­zia­le me­di­en und neu­er­dings „pro­ba­bi­lis­ti­sche ma­schi­nen“ (wie mads pan­kow KI oft nennt2), re­la­ti­vie­ren un­se­ren wahr­heits­be­griff noch ein­mal.

EINE KLEI­NE GE­SCHICH­TE DER WAHR­HEIT

Neue Kom­mu­ni­ka­ti­ons­tech­no­lo­gien ver­än­dern die Art und Wei­se, wie wir die Welt be­schrei­ben und ver­ste­hen. Mit der Schrift setz­te sich die li­nea­re Ar­gu­men­ta­ti­on durch und er­for­der­te eine Ord­nung der Wirk­lich­keit in Ka­te­go­rien und Re­geln. Der Buch­druck ver­viel­fäl­tig­te nicht nur Tex­te, son­dern auch Per­spek­ti­ven – und schuf da­mit ei­nen öf­fent­li­chen Dis­kurs, in dem Wahr­hei­ten um Gül­tig­keit kon­kur­rie­ren. Mit den di­gi­ta­len Tech­no­lo­gien ent­ste­hen nun zwei neue Wis­sens­ord­nun­gen: die ge­fühls­be­zo­ge­ne der so­zia­len Me­di­en und die wahr­schein­lich­keits­ba­sier­te der Künst­li­chen In­tel­li­genz.

wie ge­sagt, mads pan­kow lei­tet sei­ne me­di­en­ge­schich­te der wahr­heit gut les­bar und nach­voll­zieh­bar her, und das zu le­sen hat mir gros­ses ver­gnü­gen be­rei­tet. er ver­zich­tet auf jar­gon und nutzt fremd­wor­te nur, wenn es wirk­lich nö­tig ist oder passt. ich lese zu ähn­li­chen the­men auch sehr ger­ne die tex­te von mi­cha­el see­mann (zum bei­spiel die­sen), aber ge­ra­de der kon­trast zu see­manns tex­ten macht deut­lich, wel­che mühe sich pan­kow macht, sein buch auch nicht-in­si­dern zu­gäng­lich zu ma­chen. er setzt nichts vor­aus, man muss kein wis­sen über car­te­sia­nis­mus, an­thro­po­mor­phis­mus oder re­la­tio­na­len ma­te­ria­lis­mus mit­brin­gen, aber man merkt, dass pan­kow das wis­sen mit­bringt. aber statt es dem le­ser ins ge­sicht zu klat­schen, packt er es in die an­mer­kun­gen und läuft die ex­tra mei­le, bleibt im deut­schen, de­fi­niert be­grif­fe, be­vor er sie be­nutzt, deu­tet nicht an, son­dern for­mu­liert aus. aber er ver­ein­facht auch nicht so weit, dass die dif­fe­ren­zie­rung und prä­zi­si­on ver­lo­ren ge­hen. das eine oder an­de­re wis­sen­häpp­chen hat­te ich bei der lek­tü­re schon in­tus und im­mer wenn ich beim le­sen mal kurz dach­te, dass eine er­klä­rung zu kurz griff, dif­fe­ren­zier­te pan­kow ein paar sät­ze spä­ter.

das buch ist ein me­di­en- und ge­sell­schafts­theo­re­ti­scher es­say, der mich the­ma­tisch stark an mei­ne lek­tü­re von vor 40 jah­ren von neil post­mans „wir amü­sie­ren uns zu tode“ er­in­nert. aber ohne den gan­zen pes­si­mis­mus und die tech­no­pho­bie. die wahr­schein­li­che wahr­heit spru­delt im kon­trast nur so vor op­ti­mis­mus und dem glau­ben, dass wir als ge­sell­schaft die her­aus­for­de­run­gen der neu­en me­di­en und pro­ba­bi­lis­ti­schen ma­schi­nen schon meis­tern und die chan­cen er­grei­fen wer­den — ob­wohl „spru­deln­der op­ti­mis­mus“ viel­leicht et­was über­trie­ben ist. im­mer­hin lau­tet das fa­zit des buchs: „Die Me­di­en­ka­ta­stro­phe“. aber wie ein gu­ter op­ti­mist sieht er das glas we­der als halb voll noch als halb leer an, son­dern als glas, das man fül­len kann. die ka­ta­stro­phe sieht er als ge­stalt­bar an, vom kul­tur­pes­si­mis­mus lässt er die fin­ger.

so so­li­de mir sei­ne kul­tur­theo­rie der wahr­heit vor­kam, scheint mir der zwei­te teil des bu­ches auf wei­che­ren, hy­po­the­ti­schen füs­sen zu ste­hen. oder um­ge­kehrt, viel­leicht war ich auch ein­fach vom zwei­ten teil über­for­dert. aber das ist wohl we­ni­ger mads pan­kows schuld, als die kom­ple­xi­tät der her­aus­for­de­run­gen vor die uns die­se neu­en pro­ba­bi­lis­ti­schen sys­te­me stel­len, die uns ge­ra­de von den tech­no­lo­gie-un­ter­neh­men über­ge­stülpt3 wer­den.

die ver­wer­fun­gen der so­zia­len me­di­en, die uns ge­ra­de mal 20 jah­re be­glei­ten, zie­hen ge­ra­de in un­se­re par­la­men­te ein. den um­gang mit die­sen af­fek­ti­ven wahr­hei­ten ha­ben un­se­re ge­sell­schaf­ten noch nicht mal im an­satz ge­meis­tert — und schon dro­hen die wahr­schein­lich­keits­ba­sier­ten me­di­en die ge­sell­schaft­li­che ord­nung noch­mal in ih­ren grund­fes­ten zu er­schüt­tern. mads pan­kow sieht chan­cen in der ka­ta­stro­phe und hält sie für gestal­bar. ich fra­ge mich, ob die ge­stal­tung mehr zeit braucht, als der fort­schritts-takt uns der­zeit lässt und ob wir die­sen takt mit et­was mehr fort­schritt­pes­si­mis­mus und re­gu­lie­rung aus­brem­sen soll­ten.

so oder so brau­chen wir mehr denk­ar­beit zum ge­sell­schaft­li­chen wan­del in den uns der ra­sen­de tech­no­lo­gi­sche fort­schritt so oder so schleu­dert. und im con­stan­tin seibt’schen sin­ne4 lie­fert mads pan­kow auf 284 sei­ten 5 un­men­gen an denk­ar­beit zum wei­ter­den­ken. 

zum wei­ter­le­sen und wei­te­re re­zen­sio­nen::


Mads Pan­kow
Die wahr­schein­li­che Wahr­heit.
Wie KI un­se­re Wirk­lich­keit, Mo­ral und Ge­sell­schaft neu be­rech­net.
Matthes & Seitz Ber­lin, 2026.
e-book 19,99 € · ge­bun­den 25,00 €

ver­lag epub/ge­bun­den | ama­zon | tha­lia

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  1. was mich ein biss­chen ir­ri­tier­te war mads pan­kows nut­zung des ge­ne­ri­schen mas­ku­li­num und fe­mi­ni­num und der klas­si­schen dopp­lung (au­to­rin­nen und au­toren, bür­ger­rin­nen und bür­ger). auch wenn die dopp­lung das häu­figs­te mit­tel ist, pen­delt der text wild zwi­schen dop­pe­lung, mas­ku­li­num und fe­mi­ni­num. ↑︎

  2. auch: pro­ba­bi­lis­ti­sche sys­te­me/mo­del­le/al­go­rith­men ↑︎

  3. sie­he je­re­my keith: „The ma­jo­ri­ty con­sen­sus among­st ac­tu­al re­gu­lar peo­p­le is that this is be­ing forced down our throats and stuf­fed into our eyes and ears.“ ↑︎

  4. con­stan­tin seibt über kom­pri­mier­te zeit: „Das Kon­zept von kom­pri­mier­ter Zeit ist auch das der Grund, war­um Leu­te gern le­sen: Sie ma­chen ein blen­den­des Ge­schäft. In ei­ner Mi­nu­te ha­ben sie eine Stun­de frem­de Denk­ar­beit oder mehr ge­won­nen.“ quel­le: ta­ges­an­zei­ger.ch/dead­line (in 404 ver­siegt) ↑︎

  5. in mei­nem e-book rea­der wa­ren es 936 sei­ten ↑︎