tom cruise, immer ein bisschen zu bemüht wie ein freundlicher, sympathischer mensch zu wirken. freue mich trotzdem auf digger. ansonsten solide sendung, hab nur bei der musik und dem big red chair vorgespult.
ich habe mir mads pankows buch „die wahrscheinliche wahrheit“ auf der verlagsseite gekauft, nachdem er mich zu seiner buchvorstellung einlud, und gleich angefangen darin zu lesen. bis zur buchvorstellung hatte ich die hälfte durch. mir gefiel mads pankows art zu schreiben von der ersten seite an. er schreibt verständlich und nachvollziehbar und an keiner stelle fühlt man sich überfordert oder irritiert1. ich habe bei vielen autoren das ungute gefühl, dass sie komplexe sachverhalte absichtlich kompliziert aufschreiben und das als distinktionsmerkmal sehen. vielleicht weil sie glauben, dass sie dann besonders intelligent wirken. bei mads pankow hatte ich dieses gefühl nicht ein einziges mal. es scheint ihm nicht wichtig zu sein, intelligent zu wirken, sondern es scheint ihm wichtig, verständlich zu schreiben. dazu kommt eine unaufgeregtheit und sachlichkeit, die ich bei den meisten texten über künstliche intelligenz in den letzten monaten immer wieder vermisst habe.
auch wenn der untertitel des buchs
Wie KI unsere Wirklichkeit, Moral und Gesellschaft neu berechnet
lautet, ist das buch nicht wirklich über künstliche intelligenz. es ist ein buch über relativität, die relativität von wahrheit — oder die geschichte und zukunft der wahrheit.
ich habe über das thema seit jahren auch (relativ) intensiv nachgedacht. 2015 stellte ich als teilfazit eines republica-vortrags die steile these auf, dass die wahrheit immer ein kompromiss oder relativ sei. das ist so zusammenhangslos ein sehr missverständlicher satz, und auch wenn ich später präzisierte, dass es mir darum ging, der sogenannten „wahrheit“ immer differenziert, skeptisch und mit demut zu begegnen. vor allem deshalb, weil die wahrheit — die welt — unserer wahrnehmung nicht vollumfänglich zugänglich ist.
ich habe mich gefreut, bei mads pankow ähnliche thesen zu lesen, die aber um ein vielfaches eleganter und solider begründet sind als mein rumgeeiere vor 11 jahren. hier zum beispiel über die „pragmatische wahrheit“ und eine „alte These des Konstruktivismus“:
Die Welt weiß nichts von unseren Beschreibungen und Theorien. Sie bleibt letztlich unzugänglich. Eine letzte Wahrheit gibt es nicht, nur bessere und schlechtere Modelle. Wahr ist, was funktioniert, Prognosen erlaubt.
mads pankow ordnet die verschiedenen ausprägungen von wahrheit in die mediengeschichte ein. mündlichkeit, schrift und buchdruck haben je eigene massstäbe dafür gesetzt, was als wahr, belegbar und allgemeinverbindlich gilt. soziale medien und neuerdings „probabilistische maschinen“ (wie mads pankow KI oft nennt2), relativieren unseren wahrheitsbegriff noch einmal.
EINE KLEINE GESCHICHTE DER WAHRHEIT
Neue Kommunikationstechnologien verändern die Art und Weise, wie wir die Welt beschreiben und verstehen. Mit der Schrift setzte sich die lineare Argumentation durch und erforderte eine Ordnung der Wirklichkeit in Kategorien und Regeln. Der Buchdruck vervielfältigte nicht nur Texte, sondern auch Perspektiven – und schuf damit einen öffentlichen Diskurs, in dem Wahrheiten um Gültigkeit konkurrieren. Mit den digitalen Technologien entstehen nun zwei neue Wissensordnungen: die gefühlsbezogene der sozialen Medien und die wahrscheinlichkeitsbasierte der Künstlichen Intelligenz.
wie gesagt, mads pankow leitet seine mediengeschichte der wahrheit gut lesbar und nachvollziehbar her, und das zu lesen hat mir grosses vergnügen bereitet. er verzichtet auf jargon und nutzt fremdworte nur, wenn es wirklich nötig ist oder passt. ich lese zu ähnlichen themen auch sehr gerne die texte von michael seemann (zum beispiel diesen), aber gerade der kontrast zu seemanns texten macht deutlich, welche mühe sich pankow macht, sein buch auch nicht-insidern zugänglich zu machen. er setzt nichts voraus, man muss kein wissen über cartesianismus, anthropomorphismus oder relationalen materialismus mitbringen, aber man merkt, dass pankow das wissen mitbringt. aber statt es dem leser ins gesicht zu klatschen, packt er es in die anmerkungen und läuft die extra meile, bleibt im deutschen, definiert begriffe, bevor er sie benutzt, deutet nicht an, sondern formuliert aus. aber er vereinfacht auch nicht so weit, dass die differenzierung und präzision verloren gehen. das eine oder andere wissenhäppchen hatte ich bei der lektüre schon intus und immer wenn ich beim lesen mal kurz dachte, dass eine erklärung zu kurz griff, differenzierte pankow ein paar sätze später.
das buch ist ein medien- und gesellschaftstheoretischer essay, der mich thematisch stark an meine lektüre von vor 40 jahren von neil postmans „wir amüsieren uns zu tode“ erinnert. aber ohne den ganzen pessimismus und die technophobie. die wahrscheinliche wahrheit sprudelt im kontrast nur so vor optimismus und dem glauben, dass wir als gesellschaft die herausforderungen der neuen medien und probabilistischen maschinen schon meistern und die chancen ergreifen werden — obwohl „sprudelnder optimismus“ vielleicht etwas übertrieben ist. immerhin lautet das fazit des buchs: „Die Medienkatastrophe“. aber wie ein guter optimist sieht er das glas weder als halb voll noch als halb leer an, sondern als glas, das man füllen kann. die katastrophe sieht er als gestaltbar an, vom kulturpessimismus lässt er die finger.
so solide mir seine kulturtheorie der wahrheit vorkam, scheint mir der zweite teil des buches auf weicheren, hypothetischen füssen zu stehen. oder umgekehrt, vielleicht war ich auch einfach vom zweiten teil überfordert. aber das ist wohl weniger mads pankows schuld, als die komplexität der herausforderungen vor die uns diese neuen probabilistischen systeme stellen, die uns gerade von den technologie-unternehmen übergestülpt3 werden.
die verwerfungen der sozialen medien, die uns gerade mal 20 jahre begleiten, ziehen gerade in unsere parlamente ein. den umgang mit diesen affektiven wahrheiten haben unsere gesellschaften noch nicht mal im ansatz gemeistert — und schon drohen die wahrscheinlichkeitsbasierten medien die gesellschaftliche ordnung nochmal in ihren grundfesten zu erschüttern. mads pankow sieht chancen in der katastrophe und hält sie für gestalbar. ich frage mich, ob die gestaltung mehr zeit braucht, als der fortschritts-takt uns derzeit lässt und ob wir diesen takt mit etwas mehr fortschrittpessimismus und regulierung ausbremsen sollten.
so oder so brauchen wir mehr denkarbeit zum gesellschaftlichen wandel in den uns der rasende technologische fortschritt so oder so schleudert. und im constantin seibt’schen sinne4 liefert mads pankow auf 284 seiten 5 unmengen an denkarbeit zum weiterdenken.
was mich ein bisschen irritierte war mads pankows nutzung des generischen maskulinum und femininum und der klassischen dopplung (autorinnen und autoren, bürgerrinnen und bürger). auch wenn die dopplung das häufigste mittel ist, pendelt der text wild zwischen doppelung, maskulinum und femininum. ↑︎
siehe jeremy keith: „The majority consensus amongst actual regular people is that this is being forced down our throats and stuffed into our eyes and ears.“ ↑︎
constantin seibt über komprimierte zeit: „Das Konzept von komprimierter Zeit ist auch das der Grund, warum Leute gern lesen: Sie machen ein blendendes Geschäft. In einer Minute haben sie eine Stunde fremde Denkarbeit oder mehr gewonnen.“ quelle: tagesanzeiger.ch/deadline (in 404 versiegt) ↑︎
in meinem e-book reader waren es 936 seiten ↑︎
Ob ich dafür ein Plug-in installieren möchte, weiß ich noch nicht.
deine blogroll sieht aus als hättest du das plugin bereits installiert. ich glaube seit auguts werden von matthias plugin die icons jetzt lokal ausgeliefert, wenn ich das richtig verstehe: https://github.com/pfefferle/wordpress-blockroll/pull/8
heute ein bisschen planlos in meiner website rumgeklickt und mich dabei gefragt, was der unterschied zwischen den kategorien „ix über wirres“ und „über wirres“ sein könnte. meine entscheidungen von vor zehn, drei jahren, manchmal auch die von vor zehn oder zwei tagen, sind für mich selbst nicht immer klar nachvollziehbar. die antwort lautet wahrscheinlich, dass ich die kategorie „ix über wirres“ in die andere überführen sollte. jedenfalls bin ich dann wieder auf den elf jahre alten artikel mit dem titel „20 jahre ins internet linken“ gelandet und von dort auf den artikel „Wie ich das Bloggen erfand“ von tim cole. dort beschreibt tim cole, wie er 1995 anfing zu bloggen.
unter dem beitrag stand ein kommentar von benedikt koehler, der damals metaroll.de betrieb und dort unter anderem eine „Geschichte der deutschen Blogoshäre“ als zeitstrahl pflegte. die originaladresse der seite ergibt schon lange 404, die kopie auf archive.org funktioniert wegen javascript-fehlern nicht mehr.
also dachte ich mir: „schade!“ und ob ich das nicht mal schnell rüberkopieren könnte und wieder zum laufen bringen könnte. mit etwas hilfe ging das ganz schnell, auch die alte SIMILE javascript-bibliothek, die den zeitstrahl baut, funktionierte noch:
dann fragte ich mich, ob vielleicht ne modernere bibliothek zur darstellung eines zeitstrahls gibt und die gibts offensichtlich mit vis-timeline:
die bloghistory quelldatei die benedikt koehler damals zusammengetragen hat habe ich unverändert gelassen, ausser dass ich zwei einträge hinzugefügt und einen verschoben habe:
time cole führt die timeline mit dem 4. januar 1995 an
den beginn von wirres.net habe auf den 20. april 2002 verschoben, aber dafür
ix.editthispage.com auf den 1. juli 2000 gehoben (wo vorher, in benedikts version, wirres.net stand)
dann habe ich ein bisschen auf dem zeitstrahl rumgeklickt und war einerseits nicht überrascht, wie viele der blogs verstorben sind und andererseits doch überrascht.
Das Meer ist angefüllt mit Wasser und unten ist’s besonders tief, am Strande dieses Meeres sass er, d.h. er lag, weil er ja schlief.
Und nochmal: Am Meere sass er, d.h. er lag, weil er ja schlief, und in dem Meer war sehr viel Wasser und unten war’s besonders tief.
Da plötzlich teilten sich die Fluten und eine Jungfrau kam herfür, auf einer Flöte tat sie tuten, das war kein schöner Zug von ihr.
Dem Fischer ging das Lied zu Herzen, obwohl sie falsche Töne pfoff --- man sah ihn in das Wasser sterzen, dann ging er unter und ersoff.
ich ab mich dann allerdings gefragt, ob erhardt wirklich „d.h.“ und „---“ verwendet haben könnte und googelte/sterzte dem gedicht nach, bis ich einen (relativ neuen) abdruck in buchform (seite 24) fand. also nochmal neu setzen:
Der Fischer
(Frei nach Johann Sebastian Goethe)
Das Meer ist angefüllt mit Wasser und unten ist’s besonders tief, am Strande dieses Meeres saß er, d. h., er lag, weil er ja schlief. Und nun noch mal: Am Meere saß er, d. h., er lag, weil er ja schlief, und in dem Meer war sehr viel Wasser und unten war’s besonders tief.
Da plötzlich teilten sich die Fluten und eine Jungfrau kam herfür, auf einer Flöte tat sie tuten, das war kein schöner Zug von ihr. Dem Fischer ging das Lied zu Herzen, obwohl sie falsche Töne pfoff – – – man sah ihn in das Wasser sterzen, dann ging er unter und ersoff.
für den morgenspaziergang sind frida und ich heute mit der sbahn nach frohnau gefahren und von dort durch frohnau und den tegeler forst zurück nach tegel gelaufen.
die apple watch hat insgesamt 8,8 km und fast 10.000 schritte aufgezeichnet, nach dem spaziergang hat frida bis 16:30 geschlafen. ich vermute es ist für sie um ein vielfaches anstrengender an der kurzen leine zu gehen als im freilauf zu schnüffeln, zu stöbern und jägerin zu spielen. wenn sie wie heute im wald durchgehend an der kurzen leine ist und sich auf mich konzentrieren muss, dürfte das sehr anstrengend sein. auf der rückfahrt im bus an einem wahlkampfplakat vorbeigekommen das zwar als CDU plakat zu erkennen war, aber sich trotzdem das CDU-logo sparte, bzw. das mit 80% transparenz in der oberen, rechten ecke versteckte.
ich mag alles an dieser serie. das licht, die schäbigen viertel in denen gedreht wird, die erzählstruktur, die figuren. diese sehr gute mittelgute serie hat das zeug zu meiner liebsten mittelguten serie zu werden (oder das zu bleiben).